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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

118. Verhandlungstag, 3.12.1964

 

Vernehmung der Zeugin Lili Zelmanovic

 

Vorsitzender Richter:

Dann mache ich die Zeugin auf die Bedeutung und die Wichtigkeit des Eides aufmerksam und verwarne sie vor den Strafen des Meineids.

 

Dolmetscher Schuh:

Then I advise the witness as to the significance of the oath, and warn her as to the penalties for perjury.

 

Vorsitzender Richter:

Der Eid bezieht sich auch auf die Angaben über die Person, also auf die Personalien.

 

Dolmetscher Schuh:

The oath also refers to your personal data, that is, your statements as to your person.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie heißen mit Vornamen?

 

Dolmetscher Schuh:

Mrs. Witness, your first name is?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Lili.

 

Dolmetscher Schuh:

Lili.

 

Vorsitzender Richter:

Lili Zelmanovic. Wie alt sind Sie?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

38.

 

Dolmetscher Schuh:

38.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einen Beruf?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was für einen Beruf?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I'm a waitress.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich bin Kellnerin.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wohnen Sie?

 

Dolmetscher Schuh:

And where do you live?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Miami, Florida.

 

Dolmetscher Schuh:

In Miami, in Florida.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

United States.

 

Dolmetscher Schuh:

Vereinigte Staaten.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihr Mädchenname?

Sie sind eine geborene?

 

Dolmetscher Schuh:

And your

 

Zeugin Lili Zelmanovic [unterbricht]:

Jacob.

 

Dolmetscher Schuh:

Jacob.

 

Vorsitzender Richter:

Jacob.

 

Vorsitzender Richter:

Und mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Dolmetscher Schuh:

You're not related or an inlaw to the accused?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

No.

 

Dolmetscher Schuh:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zelmanovic, Sie sind hier benannt worden in erster Linie zum Beweise dafür, daß sich in Ihrem Besitz eine Anzahl von Originalfotografien von der Rampe in Auschwitz Birkenau befindet und daß diese Fotografien in einem Fotoalbum gesammelt sind und eingeklebt sind. Und Sie sollen bereit sein, uns diese Fotografien vorzulegen.

 

Dolmetscher Schuh:

Mrs. Witness, you have been named here as proof that you are in possession of a number of photographs showing the ramp of Auschwitz and Birkenau which are collected in an album and which are to be submitted to the court.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das richtig?

 

Dolmetscher Schuh:

Is that correct?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wären Sie so liebenswürdig, uns die Fotografien einmal zu überreichen?

 

Dolmetscher Schuh:

Would you be kind enough to hand us those photographs?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I will hand them, but only while I'm here. I mean I will not leave them.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich werde sie Ihnen übergeben, jedoch nur, während ich hier bin. Ich möchte sie nicht zurücklassen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Because that's the only possession that I have.

 

Dolmetscher Schuh:

Sie sind der einzige Besitz, den ich habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann bitte, wollen Sie sie uns einmal vorlegen.

 

Dolmetscher Schuh:

Then would you please present them to us.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Just a moment, please.

 

Dolmetscher Schuh:

Einen Augenblick, bitte. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und sagen Sie uns dann gleichfalls bitte, wie Sie in den Besitz dieser Fotografien gekommen sind.

 

Dolmetscher Schuh:

And please tell us then how you gained possession of those photographs.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

When I was liberated, I was at a hospital in Nordhausen-Dora1.

 

Dolmetscher Schuh:

Als ich befreit wurde, war ich in einem Krankenhaus in.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Nordhausen-Dora.

 

Dolmetscher Schuh:

Nordhausen-Dora.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And as I – everybody heard screaming and yelling. Everybody ran out from the hospital down the hill.

 

Dolmetscher Schuh:

Als man Schreien hörte, lief alles hinaus aus dem Krankenhaus und den Hügel hinab.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

As I reached the street down [+ there]

 

Dolmetscher Schuh:

Als ich die Straße erreichte

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

The Americans came in [+ and] liberated us.

 

Dolmetscher Schuh:

Kamen die Amerikaner und befreiten uns.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I was very weak and undernourished and I collapsed.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich war sehr schwach und unterernährt und brach zusammen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

My fellow prisoners took me into a barrack which was formerly occupied by the Nazis

 

Dolmetscher Schuh:

Meine Mitgefangenen brachten mich in eine Kaserne, die vordem von den Nazis besetzt war

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And they laid me on a bed.

 

Dolmetscher Schuh:

Und sie legten mich auf ein Bett.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And I lay there for a while.

 

Dolmetscher Schuh:

Und ich lag dort eine Weile.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

After a while I felt very chilly and cold

 

Dolmetscher Schuh:

Nach einer Weile fühlte ich mich sehr kalt, frösteln

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And I tried to find something to cover myself.

 

Dolmetscher Schuh:

Und ich versuchte, etwas zu finden, um mich zu bedecken.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I opened up a nightstand-door.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich öffnete die Tür eines Nachtkästchens.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

There I found a pyjama jacket

 

Dolmetscher Schuh:

Dort fand ich eine Pyjamajacke

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Which I also still possess.

 

Dolmetscher Schuh:

Welche ich auch noch besitze.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And underneath was this album.

 

Dolmetscher Schuh:

Und darunter war dieses Album.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

As I opened up this album

 

Dolmetscher Schuh:

Als ich dieses Album öffnete

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I recognized a rabbi from my home town. I recognized the picture of the rabbi

 

Dolmetscher Schuh:

Erkannte ich das Bild des Rabbiners aus meiner Heimatstadt

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Who married my parents.

 

Dolmetscher Schuh:

Der meine Eltern verehelichte.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das das erste Bild auf der ersten Seite?

 

Dolmetscher Schuh:

Is that the first picture on the first page?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes.

 

Dolmetscher Schuh:

Jawohl.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And as I was leafing through, I recognized my grandparents, my cousin, even myself. 2

 

Dolmetscher Schuh:

Und wie ich durchgeblättert habe, habe ich meine Großeltern, meine Eltern und sogar mich selbst erkannt.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And since then I feel that was the only possession left to me.

 

Dolmetscher Schuh:

Und seitdem fühlte ich, daß das der einzige Besitz war, der mir übriggeblieben war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscher Schuh:

Yes.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Frau Zeugin, diese Bilder wären zweifellos für uns auch insoweit interessant, als wir unter Umständen den einen oder den anderen der dort abgebildeten SS-Leute wiedererkennen könnten.

 

Dolmetscher Schuh:

Now, Mrs. Witness, those pictures would undoubtedly be interesting to us insofar as we might be able to recognize one or the other of the SS-people depicted there.

 

Vorsitzender Richter:

Es wäre Ihnen nicht möglich, uns die Bilder einmal zu überlassen, daß wir sie einmal kopieren könnten?

 

Dolmetscher Schuh:

Would it not be possible for you to leave those pictures to us

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

No.

 

Dolmetscher Schuh:

For a while, so that we could copy them?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

No.

 

Dolmetscher Schuh:

Nein. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Das wollen Sie nicht tun.

 

Dolmetscher Schuh:

No. This you don't want to do.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

No.

 

Dolmetscher Schuh:

Nein.

 

Richter Perseke:

Wenn sie dabei ist?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Richter Perseke:

Wenn sie dabeibleibt?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie könnten ruhig dabeibleiben. Also, Sie brauchen das deshalb nicht aus der Hand zu geben, sondern.

 

Dolmetscher Schuh:

You could stay along, you don't have to relinquish possession of the pictures. You could be there.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Let me think about it.

 

Dolmetscher Schuh:

Lassen Sie es mich überlegen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja bitte.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Because I know how important it is, not only to me but to the whole world.

 

Dolmetscher Schuh:

Weil ich weiß, wie wichtig es ist. Nicht nur für mich, sondern auch für die ganze Welt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscher Schuh:

Yes.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Also es ist nur für einen Teil der Bilder für uns wichtig, sie fotokopieren zu lassen.

 

Dolmetscher Schuh:

Well, it is only important for a part of the pictures for us to have them photostated.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar für die Bilder, die entweder Personen der Bewachungsmannschaften enthalten oder die uns über die Örtlichkeiten einen gewissen Aufschluß geben können.

 

Dolmetscher Schuh:

And that is only those pictures that show either guard personnel, which can show us hints as to the locality.

 

Vorsitzender Richter:

Auf der Rückseite dieses Albums befindet sich eine Eintragung in polnischer Sprache.

Stammt die von Ihnen?

 

Dolmetscher Schuh:

On the reverse of this album appears an entry in Polish language.

Was this made by you?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

That's Czechoslovakian. I wrote it down when I found it.

 

Dolmetscher Schuh:

Es ist tschechisch, und ich habe es hingeschrieben, als ich es fand.

 

Vorsitzender Richter:

Also das stammt von Ihrer Hand?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

On the back.

 

Vorsitzender Richter:

Auf der Rückseite, ja.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Only on the back.

 

Dolmetscher Schuh:

Nur auf der Rückseite.

 

Vorsitzender Richter:

Und auf der Vorderseite befindet sich eine Eintragung: »Andenken von Deinen Lieben und Unvergeßlicher, und Treubleibender Heinz«. 3

 

Dolmetscher Schuh:

And on the front there is an entry which says: »In memory of your dear and true friend Heinz«.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

That was there when I found it.

 

Dolmetscher Schuh:

Das war dort, als ich es gefunden habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Können Sie uns das Bild zeigen, auf dem Ihre Ankunft festgehalten ist?

 

Dolmetscher Schuh:

Can you show us the picture where your arrival is shown?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie das bitte einmal tun?

 

Dolmetscher Schuh:

Would you please do this?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I have a big copy.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich habe eine große Kopie.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

Bitte schön.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

One moment, please.

 

Dolmetscher Schuh:

Einen Augenblick, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

Das Bild haben wir schon gehabt.

Das ist uns bekannt.

 

Dolmetscher Schuh:

We have already had this picture.

This is known to us.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben wir dabei, nicht?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Thank you.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns einige von diesen Leuten mit Namen nennen, die auf diesem Bild zu erkennen sind? Ich meine jetzt von seiten der SS.

 

Dolmetscher Schuh:

Can you name some of those people appearing on these pictures? I mean from [unverständlich]

 

Zeugin Lili Zelmanovic [unterbricht]:

Yes. Doctor Josef Mengele.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja. Doktor Josef Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das der Große mit der Schildmütze?

 

Dolmetscher Schuh:

Is that the tall one with the peaked cap?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes. There is one facing the front and one facing the back.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja, es ist der, der nach vorne schaut. Und dann ist da noch einer, der nach hinten schaut.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ganz recht. Einmal schaut er nach vorn, einmal nach hinten. Ja, das ist offensichtlich der.

 

Dolmetscher Schuh:

Once he's looking to the front and once he's facing back.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und die anderen, die Unterführer, die dabei sind?

 

Dolmetscher Schuh:

And the others, the.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

No.

 

Dolmetscher Schuh:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Die können Sie nicht erkennen?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

No.

 

Dolmetscher Schuh:

You can't recognize them?

 

Vorsitzender Richter:

Also außer dem Doktor Mengele können Sie keinen der dort abgebildeten SS-Leute erkennen?

 

Dolmetscher Schuh:

Well, except for doctor Mengele you cannot recognize any of the SS people depicted there?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Not on that particular picture. But I have another picture in my memory which I remember very clearly.

 

Dolmetscher Schuh:

Nein, nicht auf diesem besonderen Bild. Jedoch habe ich ein anderes Bild aus Miami, worauf ich mich sehr gut an sie erinnern kann.

 

Vorsitzender Richter:

An wen?

 

Dolmetscher Schuh:

Remember who?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Doctor Lucas.

 

Dolmetscher Schuh:

Doktor Lucas.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Doctor Franz Lucas.

 

Dolmetscher Schuh:

Doktor Franz Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns dieses Bild einmal zeigen?

 

Dolmetscher Schuh:

Would you please show us this picture?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I do not have that picture. I have that picture in my mind. I'll never forget that face.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich habe dieses Bild nicht. Jedoch habe ich das Bild in meinem Gedächtnis. Ich werde dieses Gesicht nie vergessen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich habe Sie eben gefragt, ob Sie Bilder hätten. Bitte schön.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, ich glaube, da war ein kleiner Übersetzungsfehler. Die Zeugin hat gesagt

 

Dolmetscher Schuh [unterbricht]:

In meinem Gedächtnis

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Vorhin auch schon: »Ich habe ein Bild in meinem Gedächtnis« und nicht: »ein Bild in Miami«.

 

Dolmetscher Schuh:

Gedächtnis.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also Sie sind jedenfalls nicht im Besitze eines Bildes, auf dem wir irgendwelche Ihnen bekannte SS-Leute finden?

 

Dolmetscher Schuh:

By all means you are not in possession of a picture on which we may find any SS-people known by you?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

There is one.

 

Dolmetscher Schuh:

Es gibt eines.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo ist das, bitte?

 

Dolmetscher Schuh:

And where is it, please?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

[Pause] This is it. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und auf welchem Bild wollen Sie da Doktor Lucas erkannt haben?

 

Dolmetscher Schuh:

And on which picture do you want to have recognized doctor Lucas?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

On them.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Verteidiger Steinacker:

Das hat sie nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja was? Auf wen wollen Sie denn

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Sie hat nur auf Ihre Frage, Herr Vorsitzender, gesagt, ob sie ein Bild von Angeklagten habe, ja, sie habe eines. Aber sie hat nicht gesagt, daß

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das ist richtig. Ich hatte das auf Doktor Lucas bezogen, weil sie vorher von ihm sprach. Wen erkennen Sie auf diesem Bild?

 

Dolmetscher Schuh:

Who do you recognize on this picture?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Doctor Lucas.

 

Dolmetscher Schuh:

Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Und auf welchem dieser Bilder?

 

Dolmetscher Schuh:

And on which one of those pictures?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

On one of them.

 

Dolmetscher Schuh:

Auf einem von diesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und auf welchem? Das soll sie uns doch mal zeigen.

 

Dolmetscher Schuh:

On which one? Please show it.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I think that's it. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Dieser, wo meine Hand drauf ist. [Pause] […] Na, das ist er auch nicht.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I think that's him over there. Behind that [unverständlich].

 

Vorsitzender Richter:

Ja, genau. Also dieser Führer da.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Behind him.

 

Dolmetscher Schuh:

Behind the first.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Who is he?

Isn't that him?

 

Dolmetscher Schuh:

I don't know.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I think that's him.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, das Gericht glaubt, daß Sie da einem Irrtum zum Opfer gefallen sind, denn die dort abgebildete Person wird vermutlich nicht Doktor Lucas sein.

 

Dolmetscher Schuh:

Well, Mrs.

Witness, the court believes that you have become the victim of an error, because the person depicted there might not be doctor Lucas.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

That's possible, because I recognize his face now.

 

Dolmetscher Schuh:

Das ist möglich, weil ich jetzt sein Gesicht erkenne.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Doktor Lucas dürfte weder in diesen Abzeichen für sogenannte alte Kämpfer noch in dem Rang demjenigen entsprechen, der hier abgebildet ist.

 

Dolmetscher Schuh:

Well, Mister Lucas did not have the emblem for the old veteran and might not conform to the person depicted here. […]

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gesagt, Sie haben eben den Doktor Lucas wiedererkannt. Wollen Sie uns bitte einmal den Angeklagten zeigen, den Sie eben erkannt haben?

 

Dolmetscher Schuh:

You have just told us that you have recognized Doctor Lucas. Would you please point out the accused whom you are describing as doctor Lucas?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I think the gentleman over there in the back.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscher Schuh:

Also es ist dieser Herr da in der hinteren Reihe.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist Doktor Lucas?

 

Dolmetscher Schuh:

That is Doctor Lucas?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

That's right.

 

Dolmetscher Schuh:

Das ist richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

Also insofern irren Sie sich, Frau Zeugin.

Das ist nicht Doktor Lucas. 4

 

Dolmetscher Schuh:

In so far you are mistaken, Mrs. Witness. This is not Doctor Lucas.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

He looks just like him.

 

Dolmetscher Schuh:

Aber er ist gerade so wie er.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Herr Staatsanwalt, Sie hatten auf die Vernehmung der Zeugin im übrigen verzichtet. Die Verteidigung auch.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, ich möchte nur noch die Zeugin fragen: Sie sagt, sie hat auf einem Bild sich selbst erkannt und weiß, woher die Transporte gekommen sind. Wann sind Sie selbst nach Auschwitz gekommen? Das heißt, wann sind also demnach diese Aufnahmen entstanden?

 

Dolmetscher Schuh:

When did you yourself come to Auschwitz? When, accordingly, where those pictures made?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

In the second week of May 1944.

 

Dolmetscher Schuh:

Es war in der zweiten Maiwoche 1944.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und woher waren diese Transporte damals gekommen, aus welchem Land?

 

Dolmetscher Schuh:

And where did those transports come from at that time? From what country?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Occupied Hungary, Czechoslovakia, from Beregszász.

 

Dolmetscher Schuh:

Vom besetzten Ungarn, Tschechoslowakei.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Beregszász.

 

Dolmetscher Schuh:

Beregszász.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun bitte ich die Angeklagten, alle noch mal vorzutreten, damit die Zeugin sich genau versichert.

 

Dolmetscher Schuh:

Now I ask all the accused to stand up so that

 

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Wert legen Sie auf die Bilder?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich beantrage zunächst, die in diesem Album enthaltenen Unterschriften zu verlesen. Und in diesem Zusammenhang insbesondere festzustellen, daß eine Anzahl von Bildern, die Frauen und Kinder zeigen, in diesem Album unter der Unterschrift aufgeführt ist: »Nicht mehr einsatzfähige Frauen und Kinder«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wenn Sie wollen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im übrigen ergibt sich aus den Überschriften, die in diesem Album sind, daß es sich um die Judentransporte aus Ungarn gehandelt hat bei diesen Bildern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Staatsanwalt, erstens: Ich kann aus dem Buch verlesen diese Niederschrift auf dem Einband, auf der Einbanddecke.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich kann nicht verlesen die Niederschrift auf dem Schlußblatt, weil das in slowakischer Sprache.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, das beantrage ich auch nicht, sondern lediglich das, was sich in deutscher Sprache dort befindet. Und zwar lege ich nicht einmal Wert auf das, was sich auf der Einbanddecke befindet, sondern auf das, was den einzelnen Bildern als Überschrift vorangesetzt ist.

 

Vorsitzender Richter:

Im ganzen Album?

 

Staatsanwalt Kügler:

Im ganzen Album. Das sind vier oder fünf Überschriften.

 

Vorsitzender Richter:

Vier oder fünf Überschriften. Nun, das können wir verlesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und in diesem Zusammenhang bitte ich festzustellen, welche der dem Gericht vorliegenden Bilder zu welchen Überschriften gehören.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich halte das für wichtig in diesem Zusammenhang.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt, das können wir aber nicht jetzt im Augenblick tun, nicht.

Denn wir haben ja hier einen ganzen Stapel von Bildern, und wir müßten ja dann das erst einmal durchsehen. […]

 

Staatsanwalt Kügler:

Die Staatsanwaltschaft ist bereit, diese Bilder entsprechend zu sortieren, die dem Gericht vorliegen, und auf der Rückseite so zu beschriften, wie die entsprechende Überschrift auf dem Buch lautet. So daß dann das Gericht prüfen kann, ob das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bitte sehr. Wenn Sie das tun wollen, sind wir gern dazu [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler:

Zunächst würde ich jedoch darum bitten, das zu verlesen, die Überschriften.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. – Also der Herr Berichterstatter meint, eine Verlesung der [Überschrift] hätte nur dann Sinn, wenn man gleichzeitig das Bild in Augenschein nehmen könnte, und zwar nicht nur das Gericht, sondern sämtliche Prozeßbeteiligten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Eben. Und deshalb würde ich folgendes zur Vereinfachung der Prozedur vorschlagen: Die Bilder, die im Besitz des Gerichts sind, sollten auf der Rückseite die jeweils in dem Album befindliche Überschrift erhalten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann kann man das verlesen und weiß, in welchem Zusammenhang die Bilder in dem Album sind. Das ist nämlich ein bestimmter Zusammenhang. Sie zeigen die Ankunft, die Selektion, die Einsatzfähigen, also die fürs Lager Selektierten, und die Nichteinsatzfähigen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Staatsanwalt, und wann soll das geschehen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich meine, die Verlesung der Überschriften, da bin ich der Auffassung, daß das gleich geschehen könnte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann ja nur

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ich selbst bin bereit, die Bilder entsprechend jetzt so zu beschriften.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wenn Sie das tun wollen, wollen wir Sie Ihnen gern zur Verfügung stellen.

Wollen Sie dem Herrn Staatsanwalt die Bilder zur Verfügung stellen und diese Bilder, damit kein Irrtum entsteht, der Zeugin wieder zurückgeben. Herr Rechtsanwalt Raabe, Sie

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, dürfte ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das geben Sie erst mal der Zeugin zurück.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dürfte ich nur vorschlagen, daß Sie zunächst die Zeugin fragen, ob denn diese Überschriften, die jetzt verlesen werden sollen, sich schon unter diesen Bildern beziehungsweise über diesen Bildern befanden, als die Zeugin dieses Album gefunden hat? Das kann ja auch sein, daß das später.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wollen Sie die Frage bitte einmal stellen?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, in Ihrem Album sind, wie der Herr Staatsanwalt eben sagte, unter den Bildern gewisse Texte angebracht, unter einzelnen Bildern. Befanden sich diese Texte schon unter den Bildern, als Sie dieses Album gefunden haben?

 

Dolmetscher Schuh:

Mrs. Witness, below the pictures in the album there are various texts fixed under individual pictures. Were those texts already there when you found the album?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes, they were.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja, das waren sie.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscher Schuh:

Thank you.

 

Vorsitzender Richter:

Das Gericht wird jetzt zunächst beraten über die Verzichtserklärung des Herrn Staatsanwalts und der Verteidigung, die 5

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Welche Häftlingsnummer hatten Sie, Frau Zeugin?

 

Dolmetscher Schuh:

What inmate number did you have, Mrs. Witness?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

A-10.862.

 

Dolmetscher Schuh:

A-10.862.

 

Vorsitzender Richter:

A-10.862.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Right.

 

Dolmetscher Schuh:

Ja, richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wann haben Sie diese Häftlingsnummer bekommen? Gleich als Sie ins Lager kamen oder erst später?

 

Dolmetscher Schuh:

When did you receive that number? Immediately when you got to the camp or later on?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

A few weeks later.

 

Dolmetscher Schuh:

Four weeks?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

A few weeks later.

 

Dolmetscher Schuh:

Einige Wochen später.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich wollte nur sagen, daß ich mich für die Nebenklage dem Antrag auf Verzicht anschließe.

 

Vorsitzender Richter:

Anschließe. Nehmen Sie das bitte ins Protokoll auf. Das Gericht wird darüber beraten.

 

– Schnitt –

 

Dolmetscher Schuh:

I would like to ask you the following.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben uns vorhin den Namen Doktor Lucas genannt.

 

Dolmetscher Schuh:

You have named Doctor Lucas to us

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben zwar den Angeklagten nicht erkannt.

 

Dolmetscher Schuh:

Even though you did not recognize the accused.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von Ihm?

 

Dolmetscher Schuh:

What do you know about him?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Well, when I arrived in Auschwitz

 

Dolmetscher Schuh:

Also als ich in Auschwitz ankam

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I came together with my family.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich kam dorthin mit meiner Familie.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And he noticed me as capable of going to the labour camp.

 

Dolmetscher Schuh:

Und er begutachtete mich als fähig, ins Arbeitslager zu gehen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And he separated me from my mother and the rest of them.

 

Dolmetscher Schuh:

Und er trennte mich von meiner Mutter und von den übrigen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

While he was gone in the back I managed to get back to my mother.

 

Dolmetscher Schuh:

Während er nach hinten gegangen ist, gelang es mir, zu meiner Mutter zurückzukommen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

But unfortunately he recognized my face.

 

Dolmetscher Schuh:

Aber unglücklicherweise erkannte er mein Gesicht.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

He came over to me, he pulled me and he took out his dagger and he stuck it in my arm.

 

Dolmetscher Schuh:

Da kam er zu mir herüber und hat mich weggezogen und hat seinen Dolch herausgezogen und mir ihn in den Arm gestochen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I did go into the labour camp.

 

Dolmetscher Schuh:

Ich ging ins Arbeitslager.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

My arm was very infected.

 

Dolmetscher Schuh:

Mein Arm war sehr infiziert.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And a few weeks later he came into the camp to make a selection.

 

Dolmetscher Schuh:

Und einige Wochen später kam er ins Lager, um eine Selektion durchzuführen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

He saw the big infection on my arm

 

Dolmetscher Schuh:

Und er sah die große Infektion auf meinem Arm

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And he pulled me out to go probably into the gas chambers.

 

Dolmetscher Schuh:

Und er hat mich herausgezogen, damit ich wahrscheinlich in die Gaskammer ginge.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

I managed to run into the barrack.

 

Dolmetscher Schuh:

Es gelang mir, in die Baracke zu laufen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And I was hiding there for two days under the bed.

 

Dolmetscher Schuh:

Und ich habe mich zwei Tage dort unter dem Bett verborgen.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And the Blockälteste told me it was Doctor Lucas. How lucky I am that I remained alive.

 

Dolmetscher Schuh:

Und der Blockälteste sagte mir, daß dies Doktor Lucas gewesen wäre und wie glücklich ich zu schätzen wäre, daß ich noch am Leben wäre.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

And from then on I was clinging to life and hoped that I'd see one of my family again.

 

Dolmetscher Schuh:

Und ich habe mich an das Leben und an die Hoffnung geklammert, daß ich noch einen meiner Familie wiedersehen würde.

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

But unfortunately I wasn't lucky. I lost everybody.

 

Dolmetscher Schuh:

Aber unglücklicherweise hatte ich kein Glück. Ich habe alle verloren. […]

 

Vorsitzender Richter:

Das hatten wir vorhin schon gefragt. Wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Dolmetscher Schuh:

When did you come to Auschwitz?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

The second week of May 1944.

 

Dolmetscher Schuh:

In der zweiten Maiwoche 1944.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen an die Zeugin zu stellen? Keine Fragen mehr? Nehmen Sie bitte ins Protokoll auf: Die Zeugin machte ihre Aussage und legte ein Fotoalbum mit Bildern vor sowie eine Anzahl von Fotografien und erklärte, daß Sie auf einem dieser Bilder Doktor Lucas wiedererkenne. Der Zeugin wurden daraufhin sämtliche Angeklagten gegenübergestellt, wobei Sie den Angeklagten Dylewski, den Angeklagten Kaduk und den Angeklagten Scherpe nacheinander als denjenigen bezeichnete, den Sie als Doktor Lucas erkennen zu können glaubte. 6

 

Verteidiger Aschenauer:

Könnte man nicht ergänzen den ersten Teil, daß Sie anscheinend einen SS-Standartenführer oder alten Kämpfer identifiziert hat auf dem Bild als Doktor Lucas?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön: Legte eine Mappe mit Bildern vor und eine Anzahl weiterer Bilder und?

 

Protokollführer Hüllen:

Und erklärte, daß Sie auf einem dieser Bilder den Doktor Lucas wiedererkennen könne.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da machen Sie ein Auslassungszeichen und schreiben hin: Bei dieser Person handelte es sich offensichtlich um einen Standartenführer, der an dem Oberarm einen Winkel trug. 7

So, das übrige können wir ja dann raus.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich möchte eine Erklärung abgeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte.

 

Verteidiger Aschenauer:

Bei dem Mann, der hier als alter Kämpfer und Standartenführer als Doktor Lucas identifiziert worden ist, handelt es sich anscheinend um den SS-Standartenführer Franz Xaver Kraus 8, der in Polen zum Tode verurteilt worden ist. Weiterhin möchte ich das Gericht darauf hinweisen, daß dieser sogenannte Dolch, der SS-Dolch, der herausgezogen worden ist, zur schwarzen Uniform getragen wurde bis Kriegsbeginn. Die feldgraue Uniform bedingte die Pistole. Weiterhin möchte ich auf eine Zeugenaussage aufmerksam machen, die am vorigen Montag gemacht wurde. Hier wurde gesprochen, daß bei der Trennung der einzelnen Personen, die an der Rampe angekommen sind, Unterführer mit Spazierstöcken tätig gewesen sind, die dann trennten zwischen Männern, Frauen und Kindern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Rechtsanwalt Doktor Aschenauer gab daraufhin eine Erklärung ab. So. Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind; Frau Zeugin, wollen Sie das, was Sie gesagt haben – bitte schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, wollen Sie noch beschließen über die Verlesung der Überschriften, oder wollen Sie das erst nach dem Beschluß über die Vereidigung?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Staatsanwalt, haben Sie die Bilder bereits rausgesucht?

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein, so schnell ging es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ging es so schnell nicht?

Ja, wann wollen wir das denn machen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ich glaube, wir können die Überschriften ja jetzt verlesen, um festzustellen, daß diese Überschriften in dem Buch drin sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ich halte es zwar nicht gerade für zweckmäßig, denn eine Überschrift hat ja nur Sinn, wenn auch gleichzeitig das Bild feststeht, über dem Sie steht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Dann würde das aber voraussetzen, wenn der nächste Zeuge jetzt vernommen wird, daß das in der Zwischenzeit gemacht wird. Ich kann aber nicht dafür garantieren, daß wir also schon fertig sind, wenn der Zeuge fertig ist.

 

Vorsitzender Richter:

Na, dann wollen wir es geschwind verlesen, es kommt ja nicht so genau darauf an.

Würden Sie uns bitte das Album noch mal vorlegen?

 

Dolmetscher Schuh:

Would you please hand us the album once again? [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ist das Ihnen, Herr Rechtsanwalt Aschenauer? Ich danke Ihnen schön. [Pause] Also, Herr Staatsanwalt, an diesem inhaltsreichen Dokument haben Sie ja kein Interesse.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Von dem »lieben und unvergeßlichen Heinz«, der da diese merkwürdige Geschenkgabe gegeben hat. Also es werden folgende Überschriften aus dem von der Zeugin vorgelegten Bilderband verlesen: Auf Blatt 1: »Umsiedlung der Juden aus Ungarn«, Blatt 2: »Ankunft eines Transportes«, 4, Rückseite: »Aussortierung«, 7: »Männer bei der Ankunft«, 9, Rückseite: »Frauen bei der Ankunft«, 10, Rückseite: »Nach der Aussortierung. Noch einsatzfähige Männer«, 12, Rückseite: »Noch einsatzfähige Frauen«, 14: »Nicht mehr einsatzfähige Männer«, 18: »Nicht mehr einsatzfähige Frauen und Kinder«, 22: »Nach der Entlausung«, 24: »Einweisung ins Arbeitslager«, 25, Rückseite: »Effekten«. Schluß. 9 Herr Staatsanwalt, wegen der übrigen Behandlung der Bilder würden Sie sich am besten mit der Zeugin unmittelbar in Verbindung setzen. Frau Zeugin, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Dolmetscher Schuh:

Mrs. Witness, can you take an oath with good conscience on what you have testified to?

 

Zeugin Lili Zelmanovic:

Yes.

 

– Schnitt –

 

 

1. Bei Nordhausen im Harz wurden seit August 1943 KZ-Häftlinge von der Firma Mittelwerk GmbH beim Raketenbau eingesetzt. Das Buchenwalder Außenlager Dora wurde im Oktober 1944 zum selbständigen Konzentrationslager Mittelbau. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 432 f.

2. Vgl. The Auschwitz Album. The Story of a Transport. Ed. by Israel Gutman and Bella Gutterman. Jerusalem: Yad Vashem, Auschwitz-Birkenau State Museum, 2002, S. 136, 140, 182, 183, 193, 208.

3. Wortlaut so im Original. Vgl. The Auschwitz Album. Lili Jacob's Album.

Edited by Serge Klarsfeld. New York: The Beate Klarsfeld Foundation, 1980.

4. Der Zeugin Zelmanovic wurden »alle Angeklagten gegenübergestellt, wobei sie Dylewski, Kaduk und Scherpe nacheinander als denjenigen bezeichnete, in dem sie Dr. Lucas zu erkennen glaubte«. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Bl. 975.

5. Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklagevertreter Ormond erklärten, auf die Vernehmung der Zeugin zu verzichten. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Bl. 975.

6. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Bl. 975.

7. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Bl. 975.

8. Kraus war sogenannter Informationsoffizier im KL Auschwitz und SS-Sturmbannführer. Vgl.

Auschwitz 1940-1945, Bd. V, S. 52 sowie Übersetzung des Urteils vom 22.12.1947 des Obersten Polnischen Nationalgerichtshofs, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 47, Bl. 8.313 u. Bl. 8.335.

9. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Bl. 976.

 

 
 
 
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