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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

19. Verhandlungstag, 24.2.1964 und 20. Verhandlungstag, 27.2.1964

 

Vernehmung des Zeugen Otto Wolken

 

Zeuge Otto Wolken:

Appell geläutet, mußte man sich aufstellen. Dann kam der Blockführer, man zählte die Anwesenden. In Zehnerreihen standen wir, Zehnerreihen tief, eine lange Kolonne, Block für Block. Es kam der Blockführer. Der Blockälteste erstattete die Meldung, er zählte ab. Leichen mußten auf den Appellplatz hinausgetragen werden und dazugelegt werden, denn die wurden mitgezählt. Denn in der Leichenkammer waren nur solche Leichen, die bereits abgeschrieben waren.

Das war auch so eine Geschichte. Ungefähr um zehn Uhr vormittags kam zu mir ins Quarantänelager der Leichenschreiber, ein gewisser Neumann, und nahm auf, wie viele Tote ich habe in der Totenkammer. Dann ging er hinauf zur Schreibstube und ließ diese Toten vom Stand absetzen. Leute, die aber in der Zwischenzeit starben, zwischen dem Absetzen vom Stand, waren ja noch im Stand, sie mußten also bei der Zählung beim Block dabeibleiben. Damit die dazugehören, sind sie nachträglich in die Leichenkammer gebracht worden, und dort sind sie dann separiert gelegt worden.

Zu mir ins Quarantänelager kam um circa zwölf Uhr bei Nacht das Leichentransportauto. Es war ein gewöhnlicher, schwerer Lastwagen, der, bevor er zu mir kam, schon im Frauenlager drüben war und in anderen Lagerabschnitten. Die Leichen waren nackt ausgezogen, und das Leichenkommando, das ich hatte, bestand aus vier Mann. Zwei Mann kletterten hinauf auf den Wagen, auf die Leichen, die schon dort lagen. Zwei standen unten, packten die Leichen bei Fuß und Händen und schubsten sie hinauf, und die oberen haben sie dann geschichtet. Und dann bestätigte der SS- Mann die Anzahl der Leichen, die er übernommen hatte, und fuhr damit hinaus in den nächsten Lagerabschnitt. [unverständlich]

Also nach dem Appell, wie gesagt, wurde dann das Nachtmahl ausgegeben. Dieses Nachtmahl bestand aus einem Stück Brot und einer Zulage. Diese Zulage war zweimal in der Woche ein Stück Wurst, zweimal in der Woche ein Stückchen Margarine, zweimal in der Woche ein Löffel Marmelade. Und einmal bekamen wir in der Woche Käse, sogenannten deutschen Bauernhandkäse, Quargel genannt. Mit dieser Menage hatte es auch seine eigene Bewandtnis. Denn waren die Rationen an und für sich schon äußerst karg bemessen, so ging jetzt noch durch Diebstahl – oder wie man es genannt hat, durch »Organisationen«– sehr, sehr viel von der Kost verloren. Vor allem die SS-Wachmannschaften, Blockführer, Rapportführer gingen ins Magazin – der Magazineur war ein Häftling – und holten einfach hinaus so zwei, drei Stangen Wurst, vier Stangen Wurst, zwei, drei, vier Ziegel Margarine. Wiewohl das vom Verpflegungsamt schon zugeschnitten, die Wurst schon vorgeschnitten war, maschinell scheinbar in so Scheiben geschnitten, die nur noch lose, also ganz locker zusammenhingen – das wurde weggetragen. Und wenn dann dieser Magazineur zum Schluß seine Bilanz machte, konnte er nicht die vollen Rationen mehr ausgeben, weil er sie nicht mehr hatte. Und so kam es sehr, sehr oft vor, daß wir nur halbe Portionen [+ bekamen], also auf zwei Mann eine Scheibe Wurst kam, die ohnedies kaum zentimeterdick war, und die ist auf zwei Mann aufgeteilt worden. Eine Scheibe Wurst, mehr war nicht da. Statt einem Eßlöffel Marmelade hat man nur einen Kaffeelöffel voll gekriegt. Manchmal ist das nicht ausgegangen, dann hat man noch ein bissel Tee hineingeschüttet und umgerührt. Ist ja auch geschickter gewesen, daß man im Kaffeelöffel Marmelade ausgeben konnte.

Und dann bei den Quargeln ist es oft so gewesen, daß auf drei Mann ein Quargel kam. Das ist alles durch Diebstähle verlorengegangen. Und dazu möchte ich noch sagen, daß die Bewachungsposten – und das weiß ich aus eigener Erfahrung, weil ich es gesehen habe –, die Bewachungsmannschaften, Blockführer und so weiter haben nicht aus Hunger sich diese Dinge angeeignet, sondern sie sind dann draußen als die guten Onkel erschienen und haben dafür den Schnaps eingetauscht.

Der Blockälteste Oftringer beispielsweise vom Block 8, der hat einfach noch zusätzlich seinen Leuten weggenommen. Das hat er dem Rapportführer Kurpanik gegeben. Und dafür ist der Kurpanik gekommen dann mit einer Flasche Schnaps, und sie haben sich hingesetzt und haben Schnaps getrunken, der Blockälteste mit dem Rapportführer oder auch mit anderen SS-Leuten. Und das hat natürlich dazu beigetragen, daß die Häftlinge – und gerade die Leute im Quarantänelager haben ja entweder nichts oder nur wenig gearbeitet –, und trotzdem zeigt meine Totenstatistik1, daß die Leute rapid an Gewicht verloren haben, daß sie sehr, sehr rasch heruntergekommen sind. Und noch innerhalb der Quarantänezeit hatten wir soundso viele Tote an reiner Auszehrung.

Ursprünglich hatten wir das in unseren Privatstatistiken getrennt und haben gesagt: Na, also das ist eine trockene Auszehrung und eine feuchte Auszehrung, je nachdem, ob sich mächtige Hungerödeme, schwer geschwollene Beine und Hände gebildet haben oder ob die Leichen ganz ausgezehrt waren. Erst nach der Befreiung, als die Russen kamen, hatten sie ein Team von Pathologen mitgebracht oder bestellt; das kam wenige Tage später nach. Es wurden die vorhandenen Leichen – es waren über 500 – im Freien auf Tischen obduziert, und die Ärzte haben einen Obduktionsbefund einer Maschinenschreiberin diktiert.

Es wurde also jede gefundene Leiche unter der Nummer – denn bei den meisten wußte man ja nur mehr noch die Nummer, die Namen waren nicht bekannt –, es wurde also die Nummer der Leiche notiert und der Obduktionsbefund. Und dabei habe auch ich gelernt, daß die sogenannte trockene Auszehrung in jedem Falle eine galoppierende Schwindsucht, eine Tuberkulose, war. Daß also die Zahl der Tuberkulosen im Lager weitaus größer war, als wir gewußt haben. [Pause] Aber das war mit durch diese kolossale Auszehrung bedingt, und die Auszehrung hing natürlich wieder damit zusammen, daß sehr, sehr viel selbst von der kargen Verpflegung, die für die Häftlinge bestimmt war, gestohlen wurde, weggeschleppt wurde und den Häftlingen überhaupt nicht zugute kam.

Anschließend – und hier berichte ich jetzt zum Unterschied aus dem Lager BIId, in dem ich zwei Monate verbrachte, das ist also das Arbeitslager –, [Pause] anschließend also konnte man zur Ambulanz gehen, nachdem man die Kost ausgefaßt hatte. Es stürzte sich also alles hin zur Ambulanz, zur Verbindung von Wunden, um irgendeine Hilfe in der oder jener Sache zu bekommen. Die Ärzte taten ihr Möglichstes, denn es war inzwischen spät geworden, und um acht Uhr war Blocksperre, das heißt um acht Uhr mußte alles am Block sein. Die Ärzte bemühten sich redlich, um fertig zu werden, aber es ging nicht.

Und die achte Stunde rückte näher, man half sich also so, daß man sogenannte Arztvoranmelder machte. Das heißt, man hat den Leuten einen Zettel gegeben, daß sie am nächsten Tag in der Früh in die Ambulanz kommen konnten. [Pause] Es war jedenfalls eine riskante Sache, weil man dann unter Umständen zum Kommando zu spät kam, und für spätere Selektionen konnte sich das schlecht auswirken. [Pause] Und so blieb nichts anderes übrig: Entweder der Kranke verzichtete auf seine Kost, damit er nur rasch in der Ambulanz ist und als erster oder doch noch Aussicht hat dranzukommen. Oder aber er mußte wieder mit seinen Wunden warten bis am nächsten Tag oder am übernächsten Tag, bis er das Glück hat, noch in die Ambulanz hineinzuwitschen.

Die Wunden, die die Leute hatten, stammten größtenteils von Mißhandlungen, Stockschlägen, Schußverletzungen. Auch Arbeitsverletzungen kamen natürlich vor. Und dann, was halt so gräßlich im Lager war: die Furunkulose. Durch diese vollkommen unhygienischen Verhältnisse kam es dazu, daß die Haut infiziert wurde. Durch die Abmagerung war die Widerstandskraft, die Abwehrkraft des Körpers selbst unerhört geschwächt, und es konnten Bakterien in die Haut eindringen und machten Furunkel. Und diese Furunkulose hat sehr, sehr viele Todesopfer gekostet, weil bei jeder Selektion im Lager Furunkulose ein absoluter Grund war, um dafür ins Gas zu gehen. [Pause]

Vielfach kam es auch vor, daß Häftlinge mit Furunkulose noch später gezüchtigt wurden, wobei die Furunkel durch die Stockhiebe gewaltsam aufgequetscht und der Eiter ins Gewebe hineingepreßt wurde. Es kamen fürchterliche Gesäßphlegmonen zustande. Ich habe etliche solcher grauenhafter Fälle gesehen, wo sich das ganze Fleisch vom Gesäß bis auf die Hüftknochen in Eiter auflöste, und die Leute gingen unter den gräßlichsten Qualen zugrunde. Denn das waren unrettbare Fälle, denen konnte nicht die größte medizinische Kunst mehr helfen. Es war nur immer ein Glück, wenn das Herz nicht stark genug war und das hohe Fieber der Sepsis ihnen einen raschen und frühen Tod bereitete.

In diesem Zusammenhang darf auch daran gedacht werden: [Pause] Das Los derer, die auf der Rampe

 

– Schnitt –

 

Staatsanwalt Großmann:

Bitte, Herr Zeuge, bitte ein ganz klein wenig lauter sprechen. In dieser Ecke ist nichts mehr zu hören, Herr Vorsitzender.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja. Ich muß vielleicht näher.

Das Los derer, die auf der Rampe ausgesucht wurden und sofort ins Gas geschickt wurden, es war ein trauriges, es war ein fürchterliches Los. Waren ja oft viele junge Menschen dabei, junge Mütter mit kleinen Kindern. [Pause] Aber sie wußten im Augenblick noch nicht, was ihnen geschah, und als sie es wußten, war es nur noch eine kurze Spanne Zeit, die sie diesen Schrecken mitmachten. [+ Auch für] diejenigen, die scheinbar das gute und das glückliche Los gezogen hatten, ins Lager zur Arbeit aufgenommen zu werden, auch für sie endete es mit dem Tod – aber nach gräßlichen, nach schrecklichen Qualen, Ängsten und Marterungen. [Pause] Es ist schwer zu sagen, wer das bessere Los gezogen hat. Denn selbst die wenigen, die schließlich überlebt haben, auch sie sind für ihr Leben gezeichnet. Sie haben jeder für ihr ganzes restliches Leben noch an dem zu tragen, was sie seelisch und körperlich dort erlitten haben. [Pause]

Die Verpflegung war eben nicht ausreichend und vor allem einmal nicht gedacht für eine lange Lebenszeit, längere Lebenszeit bei der schweren Arbeit, die abverlangt wurde. Trotzdem ist es erstaunlich, wie lang man sich dabei halten konnte. Und wenn ich in der Lage war, noch daran zu denken, mir Notizen zu machen, noch daran zu denken, irgend etwas für spätere Zeiten vorzubereiten: Nun, ich hatte nicht diesen Hunger. Ich hatte den Hunger nicht. Der aber, der Hunger hatte, der konnte sich nur auf das konzentrieren, was ihn noch am Leben erhalten kann. [Pause] Und nur starke Naturen, Naturen, die wußten, was sie wollten, die hielten durch. Es kam oft und oft vor, daß Häftlinge freiwillig an den elektrischen Draht gingen, um der Qual und der Marter ein Ende zu machen, um nicht noch den furchtbaren Tag zu erleben, diese furchtbaren Minuten, wo sie vor dem Lagerarzt standen, bis er ihnen das Zeichen gab, das sie dann vom Leben zum Tode befördern sollte.

Und damit begann ja wieder ein neuer Leidensweg. Denn die Ausgesuchten wurden zuerst ihrer Kleidung beraubt. Man ließ ihnen entweder ein Hemd oder eine Hose oder einen Mantel. Sie wurden in einen Block gesperrt. Dort warteten sie ein, oft zwei Tage, bis man sie abholte. Dann, in später Nachtstunde, kamen die Lastautos angerückt, SS-Mannschaften riegelten den Block ab, es wurde Blocksperre verkündet. Niemand durfte aus dem Block mehr hinaus. Und dann begann die Einwaggonierung der Leute auf die Lastautos. Es war Blocksperre – und Sie werden fragen, wieso ich das so weiß, was sich dort dabei abgespielt hat.

Ja, wir in der Ambulanz, wir waren ja nur wenige, wir hielten fest zusammen. Wir stellten zwei Tische aufeinander und schauten durch die Oberlichter hinaus, was sich draußen abspielt. Wir ließen einen schmalen Spalt der Türe offen und lugten hinaus, um zu sehen, wie das draußen vor sich ging und was sich draußen ereignete. Dann halfen ja auch die Blockältesten dabei mit. Nicht alle, sondern die, die freiwillig die Arbeit der SS unterstützten. Und ich habe in meinen Schriften2 vielfach diese Namen erwähnt: Oftringer, Katarzyński[Pause] und andere. Die wurden ja natürlich auch zu Absperrungsmaßnahmen erwählt, und ich habe mit Oftringer oft und oft gesprochen. Ich habe ihm menschlich zugeredet, und ich hatte sogar einmal Erfolg bei ihm.

Und er war durch einige Zeit ein vernünftiger, besonnener Mensch. Es ging sogar so weit, daß er in seinem Block ein ganzes Cabaret inszenierte. Das heißt, die Häftlinge stellten ein Cabaret-Programm zusammen, und es wurden die SS-Leute eingeladen und dort eine Cabaret-Vorstellung gemacht. Es sind aus einem Transport eine Menge Wiener dabeigewesen, die also so alte Simpl-Traditionen hatten und solche Simpl-Scherze dort aufführten. Na, und dann kamen ja Selektionen, einen Teil der Schauspieler hat man ins Gas geführt. Damit war auch für ihn diese Episode zu Ende, und er verfiel wiederum in sein altes Treiben, gemeinsam mit dem Rapportführer Kurpanik an der Vernichtung der Häftlinge mitzuwirken. [Pause]

Ich möchte erwähnen, daß das, was ich hier erzähle, sich nur auf diese Zeit bezieht, die ich eben in dem Lager war, und das war von Mitte 43 bis zur Befreiung im Jänner 44, und daß sich während dieser Zeit auch immer wieder die Atmosphäre im Lager geändert hat, je nachdem, wer der Blockführer war, wer der Blockälteste war, in welcher Laune

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie sich eben versprochen? Von Mitte 43 bis Ende 44?

 

Zeuge Otto Wolken:

45, bis Jänner 45.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Januar 45. Danke schön.

 

Zeuge Otto Wolken:

Januar 45, bis zur Befreiung. [Pause] Und was an dem einen Tage möglich war, war am nächsten Tage unmöglich. Wie es überhaupt nicht möglich war, wenn man nicht die Generallinie beobachtete, vorauszusagen, was geschehen wird. Es wurden Flecktyphuskranke auf einen separaten Block gebracht, und sie wurden gepflegt. Sie haben den Flecktyphus überstanden, waren in Rekonvaleszenz. Man hat sich also Mühe gegeben, es wurde sogar Diätkost gebracht. Und dann hat man sie ins Gas geschickt. Wozu diese ganze Mühe? Es wurde einer meiner Kollegen vom Lagerarzt geschlagen, weil er eine Krankengeschichte nicht genau geführt hat. Er hat irgend etwas in der Krankengeschichte ausgelassen. Aber der Kranke wurde ins Gas geschickt. Was nützte diese Krankengeschichte? Wie es überhaupt die Methode zu heilen war, die Kranken einfach zu vergasen und zu warten, bis neue Kranke kamen. Nun also, außer dem Typhus, der durch das verseuchte Wasser verursacht wurde, und außer der Furunkulose und außer der Krätze, der Skabies, die im Lager grassiert hat, [Pause] gab es noch den Flecktyphus durch die Läuse. [Pause]

Die Häftlinge mußten verlausen. Ich will Sie nicht zu lange aufhalten mit dem Durchsuchen in meinen Schriften, vielleicht kommen wir im Laufe der Verhandlung darauf: An irgendeiner Stelle habe ich eine Statistik gebracht, aus der Sie ersehen, daß innerhalb eines Jahres viermal die Wäsche gewechselt wurde. [Pause] Wenn nun Leute Tag und Nacht in derselben Wäsche zur Arbeit gehen und schlafen, bei schlechtem Wetter draußen sind, sind sie durchnäßt, [+ die Wäsche] trocknet am eigenen Körper wieder. Wenn sie dicht gedrängt zusammenleben, ist es nicht zu verhindern, daß sie verlausen müssen. Und es nützte nichts, daß überall in den Blocks auf den Querträgern des Daches geschrieben war: »Eine Laus, Dein Tod«.

Wie sollte er die Läuse verhindern? Er konnte sich nicht waschen, er konnte nicht. Ich habe wiederholte Eingaben beim Lagerarzt gemacht, schriftlich. Und eines Tages geschah das große Wunder: Ich bekam eine fahrbare Duschanlage ins Lager geführt, und wir haben begonnen, systematisch die Leute zu baden, also sie zu duschen. Wir haben aber nicht das Heizmaterial für diese Duschanlage gekriegt, und nach wenigen Tagen war die ganze Aktion wieder stillgelegt. Denn was nützt die schönste Duschanlage, wenn ich keine Mittel habe, um das Wasser aufzubereiten. Die Wäsche der Häftlinge, bei Wäschewechsel, wurde in die »Sauna« gebracht, und dort in der »Sauna« wurde sie desinfiziert – gewaschen nicht, dazu war keine Zeit. Das geht übrigens auch aus diesem früher schon verlesenen SS-Bericht über die Bekleidungskammer hervor; das führe ich als Beweisstück.

Es war keine Zeit, die Wäsche zu waschen, sie wurde einfach desinfiziert und dann wieder ausgegeben. Und da waren diese Flecken, wenn irgend jemandem ein Furunkel aufgesprungen ist. So ist halt der dort festgetrocknete Eiter jetzt in der Hitze desinfiziert worden. Der [+ Häftling] hat also das Hemd gekriegt, da waren Blutspuren drauf, da waren Durchschüsse drauf, wenn man die Leichen ausgezogen hat. Und das ist alles wiederum ausgegeben worden an die Häftlinge. Aber auch die Desinfektion war mangelhaft. Und ich habe zu wiederholten Malen den Lagerarzt darauf aufmerksam gemacht, daß die Verlausung im Lager nicht aufzuhalten ist, weil immer wieder neu eingekleidete Transporte verlaust ins Lager kamen.

Der Lagerarzt, das war Doktor Thilo, hat darauf eine Vorstellung beim Leiter der Desinfektion, dem – bitte, ich weiß nicht, welchen Rang er gehabt hat, ich glaube, er war Oberscharführer – Klehr gemacht. Klehr hat es bestritten. Er hat gesagt: »Das ist nicht wahr, die Leute werden unterwegs verlaust.« Nun habe ich den Lagerarzt eingeladen: Bitte schön, den nächsten Transport lasse ich warten, bis der Herr Hauptsturmführer kommt, und ich werde Sie überzeugen, daß die Leute aus der »Sauna«– also frisch eingekleidet – mit Läusen ins Lager kommen. Und der Lagerarzt hat sich persönlich davon überzeugt, daß es so richtig ist, daß es wahr ist. Ich habe die Leute draußen stehenlassen, gegenüber der Küchenbaracke. Dort sind sie gestanden, bis der Lagerarzt gekommen ist. Dann bin ich mit meinen Ärzten hingekommen, die Leute haben die Hemden ausgezogen, wir haben die Hemden umgedreht und untersucht. Denn die Lauskontrolle war eine der wichtigsten Angelegenheiten im Lager, und es mußte im täglichen Bericht an den Lagerarzt angegeben werden, wie viele Verlauste gefunden wurden bei diesen Kontrollen. Und wir haben ihm dann nachgewiesen an diesen Hemden, die frisch aus der »Sauna« kamen, daß in den Falten drin die Läuse sitzen. [Pause]

Aber das war immer so, man hat immer das Gefühl gehabt, man macht hier eine Scheinarbeit. Man bemüht sich hier, die Leute gesund zu erhalten, man bemüht sich, die Läuse auszurotten und alle diese Dinge zu machen. Und dann kommt der Lagerarzt, und es wird Blocksperre verfügt, die Leute müssen nackt antreten. Und jetzt geht er die Reihen durch, und so mit dem Wink des Fingers werden sie herausgeholt und weggeführt, werden nach zwei Tagen wieder vergast, die ganze Arbeit war umsonst. [Pause]

Wir hatten eine Zeitlang, das war aber schon in der letzten Zeit, einen SDG, Sanitätsdienstgrad Flagge. Ich glaube, er stammte aus Köln, wenn ich mich recht erinnere. [Pause] Es war ein sehr weichherziger Mann, und es war mit ihm sehr, sehr gut zu arbeiten. Er war uns behilflich bei der Beschaffung von Medikamenten. Er bemühte sich, uns Medikamente ins Lager zu bringen, er bemühte sich um Verbesserungen. Und er war verliebt in die Kinder im benachbarten Theresienstädter Lager. Das war der Abschnitt b, dort war bis zum Juli 43 das Theresienstädter Familienlager. Und seine Lieblingsbeschäftigung war dort: Dort gab es einen Kindergarten, und in diesem Kindergarten hielt er sich auf und spielte sehr viel mit den Kindern.

Im Juli 443 ereignete sich dort eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes. Man hatte tags zuvor alle Männer aus diesem Lager abgeholt und in irgendein anderes Lager verbracht. Und dann verlangte man von den Müttern, sie sollten sich von ihren Kindern trennen und in ein Arbeitslager gehen. [Pause] Die Mütter weigerten sich. Man versuchte es mit Gewalt. Sie klammerten sich an die Kinder, [Pause] und sie gingen mit ihren Kindern ins Gas. [Pause] Sie entschuldigen. Wie da drüben sich diese Tragödie abgespielt hat, stand Flagge in meinem Lagerabschnitt, hinter meinem Block, und schaute in das Lager hinüber. [Pause] Ich sah ihn dort stehen, und ich ging hin. Und ich sah, daß er Tränen in den Augen hatte. Und es ist mir nichts Gescheiteres eingefallen, als ihn zu fragen: »Was ist denn da drüben los?« Da sagte er mir: »Sehen Sie nicht? Man bringt die Kinder um!« und wandte sich ab und wischte sich die Augen.

Damals erkannte ich, was in diesem Mann steckte. Und nach der nächsten Selektion, als man die Karteikarten der Selektierten zu mir in die Ambulanz brachte, weil der Flagge die Liste zusammenstellen mußte derer, die zu vergasen sind. Die mußte an die Politische Abteilung geschickt werden, und die Politische Abteilung hat dann einzelne Häftlinge wieder herausgenommen. Ich habe erfahren, daß es sich bei diesen Leuten um sogenannte Schutzhäftlinge handelte. Das sind also Häftlinge, die nicht mit irgendeinem wilden Transport gebracht wurden, sondern die mit einem separaten Begleitbrief: »Der Obengenannte gefährdet durch sein Verhalten die Sicherheit von Volk und Staat und ist deshalb«

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

Flagge mit einem Papier und begann, die Nummern der Leute aufzuschreiben, die Liste zu machen. Und ich saß ihm gegenüber und schaute ihm zu und sagte: »Kennst den, den kann man doch nicht... Schauen Sie, das ist doch der, das ist doch ein gesunder Mensch, das kann man doch nicht machen.« Und nehme ihm eine Karte weg, und ich nehme ihm die nächste Karte weg, und ich nehme ihm noch eine Karte weg, und sagt er: »Um Gottes Willen, wenn der Lagerarzt kommt!« Sage ich: »Ich habe draußen einen Posten stehen, der wird aufpassen, der meldet, wenn der Lagerarzt kommt.« Und es war mir so möglich, bei jeder Selektion ihm eine ganze Anzahl von Karten wegzunehmen. Und er hat das ruhig geschehen lassen. [Pause]

Ich will das nur erläutern, um zu zeigen, daß, wenn einer ein bißchen Mensch war und ein bißchen Gefühl hatte, er doch auch vieles beitragen konnte dazu, die – wie ich früher sagte – Mordmaschine irgendwie abzubremsen, ein bisserl zu bremsen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: »Na, was ist das schon, ein Mord ist geschehen, was schreiben denn die Zeitungen so viel drüber.« Ich habe erlebt, wie Tausende, Hunderttausende, Millionen Menschen ermordet werden. Nein, für mich ist ein einzelner Mord genauso erschütternd wie der Mord von Tausenden Menschen. Und wir sollen und wir dürfen nicht das Gefühl dafür verlieren, was ein einziges Menschenschicksal bedeutet. [Pause]

Ich habe früher darüber gesprochen: Auschwitz war nicht eine rein jüdische Angelegenheit, wenn auch in der Regel nur Juden vergast wurden. In der Regel! [Pause] Ich erinnere hier daran, daß am 28.11.43 ein Transport schwerverletzter russischer Kriegsgefangener aus [Viljandi]4 in Estland zu mir ins Quarantänelager gebracht wurde. Wir faßten damals außertourlich noch große Mengen von Kreppbinden aus, damit wir bei den Leuten die Verbände wechseln konnten. Und nach einigen Tagen, bei Nacht, wurden sie wieder abgeholt und ins Gas geschickt. [Pause] Und dasselbe geschah ein andermal mit einem Transport – ich weiß es jetzt in der Eile nicht mehr –, da waren 44 russische schwerverletzte Offiziere. Auch sie wurden vergast. Es wurde auch einmal ein Transport von Franzosen, nichtjüdischen Franzosen, vergast. [Pause]

Ich suche die Franzosen und finde hier zufällig diese Sache mit der Wäsche. [Pause] Und da heißt es, bitte, ich habe das auch in den täglichen Meldungen an den Lagerarzt immer wieder urgiert: »Wir brauchen die Wäsche gewechselt.« Und trotzdem haben die Häftlinge im Jahre 44 am 15. April Wäsche bekommen, am 30. Juni, am 22. August, 20. September und am 21. Oktober. Und es war auch nie vorauszusehen, wann und wie das sein wird. Einmal ist es rascher gegangen, einmal weniger rasch. Aber auch diese Wäsche war eben auch nicht mehr als Wäsche zu bezeichnen. [Pause]

[unverständlich] Die große Plage waren die Läuse, und wenn man sich darum bemüht hat, diese Lausplage einzudämmen, so wegen des Flecktyphus. Und wenn vielleicht die Frage gestellt wird: Aber wozu war es denn notwendig? Wenn die Leute ohnedies an Flecktyphus gestorben sind, war es ja nicht mehr notwendig, daß man sie separat noch vergast. Nein, der Flecktyphus kannte keinen Unterschied zwischen Häftling und SS-Mann, und es sind auch SS-Leute erkrankt. Und deshalb mußte der Flecktyphus bekämpft werden, und deshalb mußte auch die Entlausung durchgeführt werden.

So eine Entlausungsaktion wurde gut vorbereitet. Sie begann am Abend vorher damit, daß die ganze Nacht hindurch die Häftlinge rasiert wurden. Es wurden sämtliche behaarten Körperpartien von Haaren befreit. Das besorgten Leute, die sich als Friseure meldeten. Vielfach waren sie nicht Friseure. Wir hatten ja auch nicht genügend Rasierklingen, und es war so, daß wir so Glasscherben hatten. Und während der eine rasiert wurde, hat man eine Rasierklinge in die Hand gekriegt und hat halt so lang auf dem Glas mit der Klinge hin und her, bis man geglaubt hat, daß sie scharf war, wenn man drangekommen ist. Seife gab es ja nicht. Es ist naß gemacht worden, und es ist heruntergeschert worden, und die Haut ist in Fetzen dabei gegangen, zerschnitten worden. Und das dauerte die ganze Nacht.

In der Früh mußte man dann sich splitternackt ausziehen, und die Kleidung wurde in den unteren Abschnitt des Lagers gebracht, dort wo die Waschbaracken waren. Dort waren riesige Bottiche aufgestellt, die mit irgendeiner Lösung – ich glaube, Blausäurelösung war das oder so etwas – gefüllt waren, und dort wurden die Kleider hineingeworfen. Dort wurden auch die Decken hineingeworfen, alles ist dort hineingeschmissen worden. Und dann ist man nackt wieder zurückgegangen auf den Appellplatz. Zur Erläuterung: »Appellplatz« hieß jeweils der Raum zwischen zwei Baracken; der Längszwischenraum zwischen den zwei Baracken, das war immer der Appellplatz, und zwar war für jede Baracke in der Richtung zum Lagereingang vor der Baracke der Platz, der Appellplatz, für den betreffenden Block.

Mittlerweile wurden von einigen Häftlingen, Stubenältesten, die Blocks abgedichtet – also man hat von den Strohsäcken Holzwolle herausgenommen, man hat auch zum Teil die Decken dazu verwendet –, weil das Dach war ja nicht ganz fix aufgesetzt, das war ja locker, es mußten also alle diese Fugen abgedichtet werden. Und dann, nachdem das geschehen war, kam ein Häftlingskommando, die [+ Häftlinge] waren mit Gasmasken ausgerüstet. Sie brachten auch etwas Holz mit, und es wurde der zentrale Kamin im Block leicht angeheizt, damit er warm ist und damit sich das Gas aus den Körnern besser entwickeln kann. Und die Blocktüren wurden verschlossen, und die Häftlinge blieben aber zwischen diesen beiden Blocks am Appellplatz nackt stehen, bis sie an die Reihe kamen, ins Bad zu gehen.

Die Entlausungsaktionen, die ich mitmachte, das war also die eine im August und eine im November 43 – ich glaube, im August 43 war es. Bitte, auf das Datum möchte ich mich jetzt nicht festlegen, das müßte ich genau in meinen Schriften nachschauen. Wir wurden also dann aus dem Lager hinausgeführt, entlang der Lagerstraße hinaus, und dann durch den Gang zwischen dem Lager c und d hinunter zur Rampe, über die Rampe hinüber ins Frauenlager und in die »Sauna« des Frauenlagers. Splitternackt. Drei, vier Blocks immer gemeinsam. Und dort standen wir, splitternackt, in unserer paradiesischen Nacktheit, und auf der anderen Seite standen die Frauen, und warteten, bis wir gruppenweise in diesen sogenannten Baderaum hineinkonnten. So ein halbkühles Wasser tröpfelte von der Decke hinunter. Man hat versucht, sich so gut es ging halt naß zu machen. Nach ganz kurzer Zeit hieß es schon wieder: »Hinaus! Hinaus! Hinaus!« Also man ist grade nur so durchgegangen. Beim Ausgang standen Häftlinge mit einem Bottich und einem Fetzen. In diesem Bottich war Cuprex, das war so ein Läusevertilgungsmittel, irgend so eine petroleumartige Flüssigkeit. Das war so ein Bayer- Fabrikat, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Von Merck?

 

Zeuge Otto Wolken:

Merck-Fabrikat? Ja, ein Merck-Fabrikat, das Cuprex. Und damit sind wir also an den behaarten Stellen schnell eingeschmiert worden. Es hat fürchterlich gebrannt natürlich auf diesen aufgerissenen und wunden Stellen, und wir hatten ganz entzündete Haut. Wir konnten zwei, drei Tag lang nicht gehen von dieser Entzündung, bis sich das wieder beruhigt hat.

Und dann sind wir wiederum zurückgetrieben worden ins Lager auf unseren Appellplatz hin und sind dort, auf diesem Appellplatz, zwischen den Blocks gestanden und haben bis am späten Abend gewartet. Wir haben dort am Appellplatz dann unser Essen bekommen. Es wurde an diesem Tage ausnahmsweise das Nachtmahl zum Mittag gegeben, und das warme Essen bekamen wir dann erst am Abend, wenn der Block wiederum geöffnet wurde. Und da kamen natürlich aus dem Block – die [+ Blocks] waren ja nicht dicht – diese Giftgasschwaden über uns herein. Und die Häftlinge haben schon heftig gebrochen, manche, die empfindlicher waren, und es sind auch einige Vergiftungen vorgekommen. Na, das hat man gewußt, daß das der Fall sein wird und daß das geschehen wird, denn – gestatten Sie mir, daß ich Ihnen in diesem Zusammenhang den Sonderbefehl Nummer 17 aus dem Jahre 43

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment, Herr Zeuge, ich habe Bedenken, daß Sie das verlesen. Wenn Sie die Urkunde haben und sie dem Gericht geben würden, daß wir sie verlesen könnten, wenn wir darüber Beschluß fassen. Ich habe aber Bedenken, daß Sie es verlesen. Sie können uns nur das sagen, was Sie aus dem Gedächtnis noch wissen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja bitte, das weiß ich schon aus dem Gedächtnis. Ich weiß aber nicht aus meinem Gedächtnis, ich meine, ich weiß aber nicht aus eigener Wahrnehmung, daß der Lagerkommandant genau die Gefährlichkeit gewußt hat, daß er dem SS-Personal, sämtlichem SS-Personal, verboten hat, an diesem Tage das Lager zu betreten, außer den aus der Desinfektion und mit Gasmasken Ausgerüsteten, wegen der Gefahr der Vergiftungen. Da hat man die Häftlinge zwischen den unter Gas gesetzten Blocks ruhig stehenlassen den ganzen Tag. Am Abend wurden dann diese Blocks geöffnet, man hat so durchziehen lassen, und dann durften wir in den Block hinein.

Und später dann wurde uns mitgeteilt, wir könnten uns unsere Kleider holen. Dort unten, am Ende des Lagerterrains, dort bei den Wasch- und Klosettbaracken, dort sind Seile gespannt worden. Und ein Häftlingskommando – welches, weiß ich nicht – hat also die Sachen dort wieder herausgefischt aus dem Bottich und hat sie dort hingehängt, damit die abtrocknen können, abtropfen können. Und wir haben also dort versucht, unsere Kleidung herauszufinden. Die Kleidung war wohl kenntlich, weil jeder hat hier seine Nummer angenäht gehabt. Ja, ein jeder Häftling hat so ein weißes Leinenstreiferl gehabt. Da war also seine Nationalität, seine Kategorie, ob er ein Politischer oder ein Krimineller war und ob er ein Jude war oder kein Jude war, ersichtlich, dann seine Häftlingsnummer, und auch auf der Seite der Hose hatte er so etwas. Danach ist er halt gegangen und hat jetzt gesucht, wo er seine Nummer findet. Es kam natürlich vor, daß Häftlinge, die beschädigte Kleidung hatten, einfach sich irgendein gutes Kleidungsstück dort gesucht haben, haben die Nummer heruntergerissen, haben irgendwo mit einem Tintenblei sich eine Nummer aufgemalt, und Schluß, aus. Und viele sind herumgelaufen und haben ihre Kleidung nicht mehr gefunden. [Pause]

Und es gab großen Skandal und Schreiereien, und jeder war glücklich, wenn er seine nasse Hose und seinen nassen Rock und sein nasses Hemd wiederum gefunden hat. Und so sind wir dann wieder frierend gestanden im Block und wußten uns nicht zu helfen und haben auch die Nacht in den nassen Kleidern wieder zugebracht. Und diese ganze Aktion resümierend muß ich sagen: [Pause] Viele Läuse haben die Entlausungsaktion überlebt, aber nicht alle Häftlinge. Denn wenn wir dann im Laufschritt zurückgetrieben wurden – die SS hat uns auf Fahrrädern begleitet und hat uns mit Kolben- und Stockhieben zum Laufen, Laufschritt angetrieben – wurde, wer nicht mitkonnte, niedergetrampelt, niedergeschlagen. Und auch die Entlausungsaktion endete mit einer Anzahl von Toten. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie jetzt vielleicht, Herr Zeuge, darauf zurückkommen, was Sie uns oder was Sie der Staatsanwaltschaft am 14. November 19605 gesagt haben über die sogenannten Hasenjagden, das Kommando »Mützewerfen« und so weiter, und was Sie dabei erlebt haben? Oder was wollten Sie uns noch sonst mitteilen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, diese »Hasenjagden«, die beziehen sich auf das, was ich Ihnen gesagt habe, daß eben die Atmosphäre im Lager sich immer geändert hat, je nachdem, wer im Lager im Augenblick verantwortlich war. [Pause] Ich wurde als Arzt in das [Pause] Lager BIIa in die Ambulanz gebracht. Dort war damals ein ganz wilder Lagerältester mit Namen Thiem6. Es wurde erzählt, daß er später selbst zur SS aufgenommen wurde. Es kann auch sein, daß er nur zu Dirlewanger gekommen ist. Das weiß ich nicht und bitte, das nicht als eine Zeugenaussage aufzufassen, sondern nur als eine Bemerkung. [Pause]

Und der hat uns natürlich das Leben zur Hölle gemacht. Und der hat im Verein mit Kurpanik und den anderen Blockführern die Häftlinge gequält, das »Sport machen« stand auf der Tagesordnung. »Sport machen«, das hieß: »Hüpfen! Niederlegen! Aufstehen! Hüpfen! Niederlegen! Aufstehen! Wälzen!« Macht nichts, wenn das ganze Lager im Kot geschwommen ist. Wälzen im Dreck, und dann wiederum hüpfen und niederlegen, und dann hineinjagen in den Löschteich – gegenüber dem Lagereingang war so ein Löschteich angelegt –, in den Löschteich hinein und wieder heraus aus dem Löschteich. Dabei hat es für die, die nicht mitkonnten, Fußtritte geregnet und so weiter. Und wenn einer versucht hat davonzulaufen, nicht wahr, wurde ihm nachgeschossen.

Oder sie wurden gegen den elektrisch geladenen Draht, gegen die Postenkette [+ getrieben], die ja hier bei unserem Lager war, dem Quarantänelager, außen das unterste Lager, da sehen Sie ja die Wachtürme eingezeichnet. Und die Posten auf den Wachtürmen hatten natürlich den Auftrag, in dem Augenblick, wenn sich jemand dieser Postenkette näherte, sofort auf ihn zu schießen. Die haben also nur gewartet dort oben auf den Posten, bis einer zu nahe kommt, um ihn dann niederzuknallen. Und dabei hat man natürlich die »Sporttreibenden« immer dorthin getrieben, in die Gegend. Es war ein Spezialvergnügen. [Pause]

Auch bei den Appellen, wenn einer nicht gerade gestanden ist, wenn jemandem das Gesicht eines Häftlings nicht gefallen hat, alles war Ursache, um gequält, geschlagen und getreten zu werden. Und wenn sich noch draußen irgendein politisches Ereignis abgespielt hat – ich erinnere mich zum Beispiel, wie ein Bombenangriff auf die Raffinerie in Trzebinia gemacht wurde und die Raffinerie dort in Flammen aufging; wir sahen den Rauchpilz von unserem Lager aus und wußten also von Ortskundigen: Das ist Trzebinia, was dort brennt, denn diese schwarze Petroleumrauchwolke konnte von nirgends anders herrühren – dann haben wir das im Lager gefühlt. Wenn einer nicht ein allzu trauriges Gesicht gemacht hat, dann hat es geheißen: »Aha, du freust dich natürlich, du Hund, du!« Und das war schon wieder ein Grund, ihn zu schlagen, zu quälen und ihn zu verletzen. [Pause]

Ich habe ja in dieser seinerzeitigen Aussage mich darauf bezogen, daß am 4.10.43 aus einem Transport aus Lemberg7 elf Leute so bei einer »Hasenjagd« erschossen wurden. Nur einer von ihnen, mit einem Brustdurchschuß – das war der Häftling 138.134, Wierzbowski, Tadeusz –, der war klug genug, sich im Graben totzustellen, und in der Früh haben wir ihn dann herausgeholt.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender, ich unterbreche sehr ungern jetzt, aber ich mache das Gericht darauf aufmerksam, daß anscheinend der Herr Zeuge ein Vernehmungsprotokoll verwertet, sonst wäre er eben nicht in der Lage gewesen, zum Beispiel eine Nummer, die er ganz zweifellos abgelesen haben wird, anzugeben. Ich möchte das Gericht nur darauf aufmerksam machen, daß er nicht, der Zeuge, von seinem Vernehmungsprotokoll abzulesen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, ich habe den Zeugen schon einmal

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Er tut es aber, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Zeuge, Sie dürfen nur aus Ihrem Gedächtnis uns was sagen. Was Sie heute nicht mehr im Gedächtnis haben, das können Sie uns eben beim besten Willen nicht mehr sagen. Ich kann Ihnen nachher zur Stützung Ihres Gedächtnisses Vorhalte aus Ihren früheren Vernehmungen machen, und dann können Sie vielleicht sich auf dieses oder jenes noch erinnern, aber Sie dürfen nicht ablesen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, dann bitte ich aber zunächst einmal festzustellen oder klarzustellen, ob der Herr Zeuge ein Vernehmungsprotokoll oder etwas dergleichen vorliegen hat oder seine eigenen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1945.

 

Vorsitzender Richter:

Sind das Ihre eigenen Aufzeichnungen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das sind meine eigenen Aufzeichnungen aus dem Jahre 45.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich glaube das schon.

 

Zeuge Otto Wolken:

Das betitelt sich »Chronik des Quarantänelagers BIIb«8. Es wurde zusammengestellt als Auszug aus den Totenbüchern. Schauen Sie, es ist doch nicht denkbar, man verlangt von mir, Tatsachen zu bringen. Und ich bin in der glücklichen Lage, dem Gericht zur Wahrheitsfindung... Ich beschuldige in diesem Fall niemanden persönlich, sondern ich will Ihnen helfen, die Wahrheit zu finden, die Atmosphäre kennenzulernen. Und ich habe hier in diese Schriften nur das aufgenommen, was ich genau damals, zu diesem Zeitpunkt – und das war im Februar und März 1945 – anhand meiner Bücher, die ich gerettet habe, gefunden habe. Sonst, aus dem Gedächtnis, ja, wo sollte ich mir denn aus dem Gedächtnis die Namen merken? Wo sollte ich mir denn aus dem Gedächtnis alles das merken? Ich möchte überhaupt, um Irrtümern vorzubeugen... Vielleicht wurde heute vormittag etwas, was ich gesagt habe, mißverstanden. Ich bin Arzt

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

rückflutenden Menschen, die zurück in ihre Heimat gingen oder ein anderes Land zur Auswanderung suchten. Ich war Chefarzt des Rothschild-Spitals in Wien, des damals, in dieser Zeit, berüchtigten Durchgangslagers für alle diese KZler. Ich habe in dieser Zeit 170.000 Menschen untersucht. Ich habe in den folgenden Jahren weitere Tausende von Menschen untersucht, mich mit Tausenden Menschenschicksalen befaßt. Und aus diesem Gesichtspunkt heraus, aus dieser ungeheuren Zahl von Menschen und aus meiner Tätigkeit, die mir keine – Gott sei Dank –, keine Minute Zeit ließ, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, aus dieser Tätigkeit heraus habe ich diese Dinge, sogar wichtige Namen, nicht mehr im Gedächtnis gehabt. Ich mußte mir erst wiederum das durchlesen, ich mußte mir das alles wiederum an die Oberfläche meines Gehirnes bringen, um hier bei Ihnen aussagen zu können. Und es wäre mir bei Gott lieber, ich hätte diese Verpflichtung nicht übernommen, denn es erschüttert mich doch zu arg.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist ja ganz klar. Das ist ganz selbstverständlich. Herr Rechtsanwalt Laternser, im übrigen ist nichts dagegen einzuwenden, daß der Zeuge zur Stützung seines Gedächtnisses eigene Notizen und Aufzeichnungen verwertet. Und da er hier eine eigene Aufzeichnung hat, die er ja auch dem Gericht überreicht hat, hat sowohl das Reichsgericht als auch das Bundesgericht keinen Anstand genommen, daß sich der Zeuge darauf stützt.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe auch diese Meinung nicht vertreten. Ich sage nur folgendes: Sie hatten, Herr Vorsitzender, dem Herrn Zeugen gesagt, er möchte jetzt auf die Punkte seiner Vernehmung vom Soundsovielten kommen, Sie nannten das Datum. Und daraufhin sah ich, daß der Zeuge seinen Papieren ein Schriftstück entnommen hat, aus dem er dann, so wie es für mich den Anschein hatte, gelesen und vorgelesen hat

 

Vorsitzender Richter:

Das war aber kein

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich habe darauf nur das Gericht aufmerksam gemacht. Ich glaube, das Gericht sollte doch, wenn ich auf einen möglichen Prozeßverstoß aufmerksam mache, das dann wenigstens entgegennehmen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja, Herr Rechtsanwalt, wir haben

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Denn selbstverständlich darf der Zeuge Notizen benutzen, das ist klar. Er darf nur nicht benutzen – und das hatte so den Anschein, als ob er es benutzte – das Protokoll über seine Vernehmung. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist diese meine Beanstandung selbstverständlich damit erledigt.

 

Vorsitzender Richter:

Also dann, bitte schön.

 

Staatsanwalt Vogel:

Darf ich in dem Zusammenhang schon jetzt, damit in Zukunft derartige Zwischenfälle vermieden werden, darauf hinweisen, daß, wie üblich, auch in diesem Verfahren von der Staatsanwaltschaft nicht Vernehmungsprotokolle an die Zeugen ausgehändigt worden sind. Wenn die Zeugen also aus den Notizen sich etwas zur Stärkung ihres Gedächtnisses ansehen, so sind das ihre eigenen Aufzeichnungen.

 

Vorsitzender Richter:

Na schön.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich möchte nur ergänzen, daß ich kein Protokoll [+ habe]. Ich weiß nicht, was in dem Protokoll, das hier erwähnt wurde, steht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Doktor, das ist mittlerweile jetzt klargestellt, und ich bitte Sie, weiter fortzufahren.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich bitte aber dennoch das Gericht zu bedenken, daß es sich hier um Ereignisse handelt, die nicht vor vierzehn Tagen und nicht vor einem Jahr geschehen sind, sondern die neunzehn Jahre zurückliegen. Und daß man eben solche Ereignisse nicht in der genauen Präzision, wie es ein Gerichtsverfahren vielleicht erfordert, in jedem Falle zur Verfügung hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wollen wir weiter fortfahren, nicht? Sie hatten gerade gesprochen von den Leuten, die da an den Zaun gejagt worden sind und die auf diese Art und Weise schließlich erschossen worden sind.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. [Pause] Ja, das waren diese »Hasenjagden«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Ihnen da besondere Leute noch im Gedächtnis, oder können Sie aufgrund Ihrer Aufzeichnungen uns noch Leute nennen, die sich da insbesondere beteiligt haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Insbesondere beteiligt waren an diesen Dingen wie immer der Rapportführer Kurpanik, dann waren die SS-Leute Dargelis, Weiß und Baretzki. Und zwar bei Baretzki sind mir genau erinnerlich zwei Fälle. [Pause] Das eine ereignete sich am 15. April 44. [Pause] Damals wurden 184 Leute zur Vergasung ausgesucht. [Pause] Als sie abends – und hier kann ich nicht genau sagen, weil das nicht bestimmt war, ob das noch am selben Abend war oder erst am nächsten Abend, oft sind sie sogar erst nach zwei Tagen geholt worden; also hier kann eine Zeitspanne von zwei Tagen sein, das heißt, entweder sind sie noch am selben Abend geholt worden oder am nächsten Abend oder am übernächsten Tag – jedenfalls, als diese Leute

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie viele waren das?

 

Zeuge Otto Wolken:

184, nach meinen Notizen.

 

Vorsitzender Richter:

184. Und darf ich Sie gleich in dem Zusammenhang fragen: Von wem wurden die ausgesucht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war Doktor Thilo.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Thilo. Das war ein Lagerarzt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte der da irgendwelche Gehilfen dabei, die ihm geholfen haben bei diesem Aussuchen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Wenn der Lagerarzt eine Selektion vornahm, dann waren die Blockführer anwesend dabei und der SS-Stab des Lagers wirkte dabei mit. Ausgesucht hat der Lagerarzt allein. Die anderen haben da nur die Ordnung aufrechterhalten, in Empfang genommen die Leute. Ausgesucht hat der Lagerarzt allein.

 

Vorsitzender Richter:

Ausgesucht hat der Lagerarzt allein, ja. Und da waren 184 Menschen ausgesucht? In welchem Block war das?

 

Zeuge Otto Wolken:

Vom ganzen Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sind Sie davon in Kenntnis gesetzt worden? Wieso wissen Sie das, daß das gerade 184 waren und daß die im ganzen Lager ausgesucht worden sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Eine Selektion war kein Geheimnis. Also da hat man genau gewußt, wie viele es waren. Da hat man genau gewußt, daß 184 Leute ausgesucht wurden. Das heißt, daß Leute aus dem ganzen Lager ausgesucht wurden, das war der erste Schritt. Der zweite Schritt war, daß ich bei der täglichen Meldung, [Pause] bei der Standesmeldung, dem Stand, den ich oben von der Schreibstube am nächsten Tag holte, eine Differenz zwischen dem Stand vom Vortag und dem Stand an diesem Tage feststellte. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Obwohl die Leute ja noch gelebt haben.

 

Zeuge Otto Wolken:

Sie waren bereits abgeschrieben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Obwohl sie noch lebten.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Sie wurden abgeschrieben; wiewohl sie noch lebten, wurden sie aus dem Stand genommen, ohne daß irgendein Abgang [+ gemeldet war]. In meinen täglichen Meldungen an den Lagerarzt, da waren die Zugänge, da waren die Abgänge, da waren die Verlegungen in den Krankenbau. Und aus diesen Zugängen und Abgängen und Verlegungen in den Krankenbau ging zwangsläufig der Lagerstand für den nächsten Tag hervor. Und jetzt auf einmal kommt ein Lagerstand, der differiert um 184, und es ist niemand weggegangen und niemand in den Krankenbau verlegt worden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Es fehlen auf einmal 184. Und das sind die, die vergast wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Und die hatte der Doktor Thilo ausgesucht, Sie meinten, etwa am 15. April 1944?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und, wie ging es nun weiter?

 

Zeuge Otto Wolken:

Und die sind dann in einen Block, zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

In einem Block?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die sind dann immer zusammengeklaubt worden und sind schon gemeinsam in einem Block eingesperrt worden. Und die waren jetzt in diesem Block zerniert, und dort waren sie [Pause] versteckt. Das heißt, dort waren sie aufgehoben, [Pause] waren also sozusagen schon abgeschrieben und außer Lagers gebracht. Also im Stand waren sie abgeschrieben; dort [+ im Block] waren sie noch. Und man hat also nur gewartet, daß sie abgeholt werden. [Pause]

Und bei diesem Abgeholtwerden haben sich dann meistens schreckliche Szenen abgespielt. Die Leute sind oft zwei Tage ohne Essen geblieben. Es waren doch meistens – sagen wir, zu einem großen Teil – schon körperschwache Leute. Sie konnten nicht so rasch auf das Lastauto hinauf, wiewohl man manchmal auch solche Holzstiegen gebracht hat, damit sie auf das Auto hinaufklettern können. Also dann hat man ja gewußt, sie gehen zum Gas – und zum Gas zu gehen hat man sich nicht gedrängt. [Pause] Also da sind dann die Blockältesten, die Blockführer hinein in den Block und haben mit Stockschlägen und mit Gewalt die Leute hinausgetrieben auf das Lastauto. Und dabei hat man sich auch allerhand Scherze erlaubt.

Und [Pause] Dargelis und Baretzki waren die, die eben fest nachgeholfen haben bei der Verladung, die sich noch Scherze mit diesen armen Opfern erlaubt haben und dann noch einige »auf der Flucht erschossen« haben. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Doktor, wenn Sie uns das noch mal ein bißchen mehr erläutern und schildern würden. Also Sie haben gesagt, die Leute wurden, die Ausgesuchten, in einem Block eingesperrt. Sie blieben meistens noch ein bis zwei Tage ohne Essen. Dann kamen die Lastwagen, und man hat sie auf diese Wagen verladen, wobei mit Stockschlägen und ähnlichen Dingen die Männer angetrieben wurden. Sie sagen, Baretzki und Dargelis haben dabei hauptsächlich mitgeholfen. Uns würde es nun interessieren, erstens einmal: Wieso wissen Sie das? Haben Sie dieses Aufladen gesehen? Haben Sie dabeigestanden, oder konnten Sie das aus der Nähe beobachten? Und wieso wissen Sie, daß Baretzki und Dargelis dabeiwaren? Und was haben Sie gesehen, was sie mit den Leuten gemacht haben? Also, die Einzelheiten möchten wir in diesem Fall ganz genau wissen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Zunächst einmal, was das Sehen anlangt: Wir haben das Tor des Blockes einen Spalt offen gehabt, und da sind wir gekauert und haben hinausgeschaut. Es war ja Blocksperre, es durfte außer den bevorzugten Blockältesten niemand dabeisein. So haben wir also nur hinausges chaut und haben gesehen, was sich draußen abgespielt hat. Das haben wir gesehen. Und wer das war, das hat mir Oftringer und Katarzyński dann gesagt. Ich konnte sie natürlich nicht erkennen auf die Distanz – wer es war.

 

Vorsitzender Richter:

Oftringer und?

 

Zeuge Otto Wolken:

Und Katarzyński. Es waren zwei Blockälteste, die dabei beschäftigt waren, und sie waren damals zerniert am Oftringer seinem Block, am achten Block. Von dort sind sie geholt worden, glaube ich – oder [+ Block] vier, acht oder vier war es. Die haben das ganz freimütig erzählt, wer das war. Wir haben einfach gefragt: »Wer hat denn da rumgeschossen?«, und da haben sie erzählt, wie es da zugegangen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Sie haben gefragt: »Wer hat da herumgeschossen?« Und da haben die gesagt, das war

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Dargelis und Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Hat der Oftringer und der Katarzyński gesagt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Beide haben das übereinstimmend gesagt. Bitte, ich habe sie nicht gemeinsam gefragt. Ich habe zuerst den einen, dann den anderen gefragt. Die haben nicht einer vom anderen gewußt, daß ich drum gefragt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben die erzählt von dem Herumschießen? Haben sie erzählt, daß sie jemand totgeschossen hätten dabei?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie haben die das Ihnen gesagt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe gefragt: »Na, hat es Tote gegeben?« Hat er gesagt: »Ja.«[Pause]

 

Vorsitzender Richter:

So. Weiter: Sie haben gesagt, die hätten außer dem Schießen noch andere Dinge getrieben. Was

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja, sie haben die Leute niederknien lassen, das hat man gesehen, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das haben wir gesehen. Und bitte, das muß ich jetzt hinzufügen: Ich selber konnte keinen Unterschied erkennen. Aber die Kameraden bei mir, die auch da so durchgeschaut haben, die haben schon an der Gestalt unterschieden: Das ist der Dargelis, und das ist der Baretzki. Sie waren nicht in der Figur vollkommen gleich, die zwei; der Dargelis war um etliches größer. Also die haben die schon auseinandergekannt, wer das ist. Ich selber nicht, denn meine Augen sind nicht gut genug dazu.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben die noch gemacht? Die haben die Leute niederknien lassen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Niederknien lassen. Sie sollen bitten, sie werden sie weglassen et cetera.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann auch mißhandelt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Die Mißhandlungen waren beim Hinauftreiben. Und dann haben sie gesagt: »Also, renn! Geh! Geh! Geh!«. Und der ist davongelaufen und glaubte, er ist frei und [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Also sie haben gesagt: »Geh! Geh! Geh!« Und da sind die davongelaufen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben sie hinterhergeschossen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also das haben Sie selbst nicht gesehen. Sie haben es aber von diesen beiden Leuten, die Sie uns eben genannt

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich habe es selbst gesehen, ich habe nur die Namen erfahren von diesen beiden Leuten.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. [Pause] Ja. Das war also in der Zeit um den 15. oder 17.4.1944 herum. Können Sie sich noch erinnern auch an eine solche »Jagd« am 4. Oktober 1943, wo aus einem Polentransport aus Lemberg9 Leute erschossen worden sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja!

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn das? Wollen Sie uns das mal erzählen?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Man hat diese Leute »Sport« machen lassen. Und dann hat man begonnen, sie mit dem »Sport« gegen den Draht zu jagen. Und dann haben die Posten [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Von oben geschossen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Von oben runtergeschossen. Es war schon nach dem Appell, die hat man noch am Appellplatz stehenlassen. Die anderen waren schon abgetreten, und die hat man noch am Appellplatz stehenlassen. Und es wurde behauptet, weil sie irgendwie renitent waren, hat man das gemacht, oder weil sie nicht ordentlich gestanden sind. Die waren noch gar nicht auf die Blocks eingeteilt, diese Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Also, an diesem Abend war ja keine Blocksperre?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, nein, da war keine Blocksperre.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das dann gesehen von dem Block aus?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja, wir haben das gesehen von unserem Block aus.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihr Block war ja in der Nähe dieser Lagerumzäunung?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es waren alle Blocks in der Nähe der Lagerumzäunung, denn das Quarantänelager war ja nur ein halbes Lager sozusagen. Es war gegen die Postenkette hin offen. Und dadurch war es ja möglich, daß die Posten schießen konnten, weil es ja da offen war, nach der Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren das Leute aus Ihrem Quarantänelager, die da erschossen worden sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

In dem Abschnitt gab es keine anderen als nur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nur Leute.

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war ja in meinem Abschnitt. Der ist ja ringsherum mit elektrisch geladenem Draht umgeben gewesen. Da konnte niemand anderer hinein, ohne daß er die Blockführerstube passiert hat und sich gemeldet hat und daß er zu irgendeinem bestimmten Zweck ins Lager kommt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wie viele Leute damals erschossen worden sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Aus dem Gedächtnisse weiß ich es nicht mehr. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer früheren Vernehmung10 einmal gesagt, elf Leute aus Lemberg.

 

Zeuge Otto Wolken:

Elf Leute, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, wer daran beteiligt war?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das weiß ich nicht. Das habe ich auch nicht, glaube ich, angegeben. Ich habe Namen nur dort genannt, wo ich es hundertprozentig gewußt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Also bei Ihrer Vernehmung haben Sie gesagt: »Die Posten von den Kontrolltürmen schossen dann auf die Häftlinge, die sich dem elektrischen Draht näherten. Von rückwärts schossen die Blockführer. An diesen Aktionen waren beteiligt die SS-Leute – ihre Dienstgrade sind mir nicht mehr erinnerlich – Kurpanik, Dargelis, Baretzki und Weiß. Bei einer dieser ›Hasenjagden‹ wurden am 4.10.43 aus einem Polentransport aus Lemberg elf Leute erschossen.«11

 

Zeuge Otto Wolken:

Einen Augenblick, ich muß das sehen. Ich glaube [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie dürfen da oben sich nicht unterhalten! [Pause] Ja, können Sie das noch feststellen, Herr Doktor?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ich finde es jetzt nicht in meinen Schriften. Ich habe in dieser Schrift, die ich hier habe, bei dieser Sache keine Namen dabei. Es ist möglich, daß das in irgendeinem der anderen Protokolle drinsteht, die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Ihrer Schrift, die Sie ja wohl vorliegen haben, auf Seite 97, da ist etwas davon gesagt. [Pause] Was ist, bitte? Also, es wird mir jetzt wieder mitgeteilt, daß ein Richter nicht in der Lage sei, weiter zu folgen infolge seiner Erkrankung von heute vormittag. Wir müssen dann wieder die Sache vorzeitig beenden. [Pause] Es hat keinen Zweck mit Pause, er kann doch nicht mehr. Geht nicht mehr. [Pause] Bitte? [unverständlich] Herr Staatsanwalt, wir haben auf den nächsten

 

– Schnitt –

 

20. Verhandlungstag, 27.2.1964

 

Fortsetzung der Vernehmung des Zeugen Otto Wolken

 

Zeuge Otto Wolken:

[unverständlich] auf diesem Klosettpapier geschrieben wurden. Es ist aber so, und ich verweise hier auf mein Protokoll vom 24. April 1945 – das ist ein Gerichtsprotokoll, das in Krakau vor Gericht aufgenommen wurde –, und dort heißt es auf Seite 10: »Der Zeuge legt 50 oder 54 Blätter vor, tägliche Berichte an den Lagerarzt.« Das waren die täglichen Berichte. Das ist ein Zettel gewesen, auf dem ich dem Lagerarzt alles aufgeschrieben habe, was ich ihm zuerst vorgetragen habe und ihm dann als Unterlage gegeben habe. Die Monatsberichte und anderen Berichte, die wurden auf ebenfalls weißem Papier geschrieben. Aber das war bedrucktes Papier, das geht auch aus diesem oben zitierten, früher zitierten Protokoll hervor. Das waren Fragebogen für Häftlinge, und auf der Rückseite haben wir halt die Berichte geschrieben, weil wir ja kein eigenes Schreibpapier sonst zur Verfügung hatten. Alle diese Dinge sind im Museum in Auschwitz heute noch vorhanden und jederzeit zu besichtigen. [Pause]

Ich habe davon gesprochen, daß wir die wahren Todesursachen – das heißt dort, wo es sich um Verhungern handelt – nicht eintragen durften in das Todesprotokoll, sondern als Herzschwäche oder sonstwie bezeichnen mußten. Alimentäre Dystrophie, das bedeutet soviel wie verhungert. Das war eben das, was zu schreiben verboten war, und nicht die Diagnose, die geschrieben werden durfte. Das war, glaube ich, auch in irgendeiner Zeitung mißverstanden worden. Und nun noch zum Schluß: Eine Zeitung schrieb, die Furunkulose wurde verursacht durch das Prügeln der Häftlinge. Nein, so war es nicht

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich widerspreche dieser Aussage in diesem Punkt, Herr Vorsitzender. Der Zeuge hat uns das letzte Mal geschildert, was er gesehen, gehört oder gelesen hatte. Jetzt kommt es nicht darauf an, daß er die Presse, die etwas falsch verstanden haben sollte, berichtigt. Das ist nie und nimmer die Aufgabe des Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Rechtsanwalt, er will ja auch nicht die Presse berichtigen, sondern er sagt: Für den Fall, daß diese falsche Auffassung nicht nur bei der Presse, sondern auch bei Gericht entstanden sein sollte, möchte ich das noch einmal klarstellen. Vielleicht habe ich mich nicht ganz verständlich ausgedrückt. So habe ich den Zeugen verstanden. Und warum soll er das nicht tun? Der Zeuge soll vollständig aussagen, alles, was er weiß, und er soll vermeiden, daß seine Aussage mißverständlich ist. Wenn er die Bedenken hat, daß seine Aussage mißverständlich sein konnte, darf ich ihm die Rede insoweit nicht abschneiden.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, wenn etwas mißverständlich ist, dann ist die Gelegenheit gegeben für die Prozeßbeteiligten, Fragen zu stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie das merken

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

Durch die Lebensumstände, durch die mangelnde Hygiene verlor der Körper die Widerstandskraft, und die überall vorhandenen Bakterien, immer auf der Haut, im Staub und Schmutz vorhandenen Bakterien, konnten nun das Übergewicht erlangen und führten zur Furunkulose. Wenn jetzt so ein Furunkulosekranker noch gezüchtigt wurde und ihm dabei mit einem Stock – ob absichtlich oder unabsichtlich, will ich hier nicht behaupten – die Furunkel gewaltsam aufgeschlagen wurden, so wurde der Eiter, der aus Tausenden, Milliarden von Bakterien bestand, in das Gewebe hineingequetscht und so aus dieser Furunkulose dann eine schwere Phlegmone, eine Sepsis erzeugt, die dann meistens zum Tode des Betreffenden geführt hat. Also so ist die Sache. Nicht durch das Prügeln ist die Furunkulose entstanden, sondern durch Zufall

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die bereits vorhandene Furunkulose hat nur dadurch zum Tode geführt.

 

Zeuge Otto Wolken:

Hat nur dadurch zum Tod geführt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Jawohl, so habe ich Sie verstanden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Der von mir erwähnte SS-Mann Flagge war kein Arzt. Er war ein sogenannter SDG, ein Sanitätsdienstgrad, der eben im Rahmen seiner Möglichkeiten geholfen hat, wo es zu helfen ging.

Und ich möchte in diesem Zusammenhang eine kleine Episode erzählen: Es war im März 44, und ich arbeitete gerade an der Abfassung eines längeren Berichtes für den Lagerarzt. An dem Tisch, an dem ich arbeitete, saß an der Kante mit dem Rücken zu mir der SDG-Mann Voigt, ein Berliner mit einem Pferdegebiß, ein Mann, der nie in Erscheinung getreten ist. Er kam, schaute sich in der Ambulanz um, dann legte er sich auf das Bett des Blockältesten. Ich mußte zum Tor einen Posten stellen, daß er ihn warnt, wenn der Lagerarzt kommt, und er hatte weiter nie etwas getan. Er war einer von denen, die grade da waren, ihre Pflicht, ihren Auftrag erfüllten, aber sonst weiters nicht in Erscheinung traten. Und während ich also an diesem Bericht arbeitete, da dürfte mir irgendwie mit diesen Zahlen das nicht gestimmt haben. Es war oft sehr, sehr schwer, den genauen Stand festzuhalten, weil die Leute, die aus dem Lager zu Vergasungen geholt wurden, wurden ja nicht als Abgänge abgeschrieben, sondern da klaffte halt ein Loch, die waren nicht mehr da. Und da hat mir halt irgendwas nicht gestimmt. Und ich weiß nicht, habe ich wirklich einen Seufzer gemacht, und da dreht sich der Voigt um zu mir und sagt: »Was hast du zu seufzen?« Und ich sage: »Na, wie lange werde ich da noch sitzen und Ziffern malen für den Lagerarzt? Dann wird er mir mit dem Finger deuten, und ich werde auch durch den Kamin gehen.« Und da sagt mir Voigt: »Du? Nein, du nicht, du wirst überleben. Aber wir. Unsere Namen kennt man in London. Wir werden zahlen dafür, daß wir bei der Schweinerei mitgewirkt haben.« Im März 44, ein SDG-Mann, von dem ich nie sah, daß er einen Häftling gequält hätte oder geschlagen hätte, der hatte das Schuldbewußtsein, wiewohl er nur ein Sanitätsdienstgrad war.

Ich möchte nun auch hier über Doktor Helmersen eine Episode berichten. [...] Doktor Helmersen war Lagerarzt und einer derjenigen also, die bei uns im Lager die Selektionen vornahmen. Eines Tages, er hatte keine Zeit, er kam auf einen Sprung in die Ambulanz, fragte er: »Was gibt es Neues?« Und er gibt mir dann den Auftrag: »Also, Sie machen mir bis morgen eine Liste der Arbeitsunfähigen.« [Pause] Ich war über den Auftrag sehr erschüttert, denn eine Liste der Arbeitsunfähigen machen, das hieß, ich sollte eine Selektion machen. Ich war nicht bereit dazu. Und ich suchte nach einem Weg, wie ich diesen Auftrag irgendwie abbiegen könnte. Nun, in jeder Baracke gab es ganz am äußersten Ende der Baracke eine Buchse. Dort lagen die Häftlinge, deren Auszehrung schon so hochgradig war, daß sie nicht mehr aus eigenen Kräften zur Latrine gehen konnten. Die lagen dort, ließen alles unter sich. Das waren Leute, die noch ein, zwei, vielleicht drei Tage zu leben hätten. Ein Zustand, der irreparabel, irreversibel war. Trotz aller Bemühungen mit den modernsten Mitteln wäre es nicht mehr möglich gewesen, diese Leute am Leben zu erhalten. Ich ging also von Block zu Block und schrieb da in diesen Buchsen die, die dort herumlagen, auf – ich weiß nicht, waren es 26, waren es 28, ich weiß es nicht mehr.

Am nächsten Tag kam Helmersen und verlangte von mir die Liste. Ich zückte ein Papier und gab ihm die Liste. Er sah sich es an. »Das ist alles? Mehr hast Du nicht gefunden?« Ich bekam zwei Faustschläge ins Gesicht. Er ließ Blocksperre machen und führte selber eine Selektion durch. [Pause] Ich kann heute aus der Erinnerung nicht mehr sagen, waren es 200, waren es 300, die er herausholte. Nachher kam er wieder zurück in die Ambulanz. Ich bekam noch einmal zwei Ohrfeigen. »Ich werde Dir helfen, Sabotage treiben. Du gehst ins SK, ins Strafkommando, dafür werde ich sorgen.« Und er ging. Voller Angst wartete ich zwei Tage – nicht nur in Angst, sondern ich hatte mir bitterste Vorwürfe meiner Kameraden anzuhören: »Da hast du es, hättest du ihm wenigstens eine Liste von 50 gegeben. Jetzt sind 300 gegangen, das ist deine Schuld, daß so viel gegangen sind!« Ja, ich habe gesagt: »Ich kann nicht anders. Ich werde nie jemanden zum Tode befördern, ich kann es nicht.«

Doktor Helmersen kam nicht. Und am dritten Tage fragte ich den Leichenschreiber, der immer kam, die Leichen notieren: »Was ist mit Helmersen?« Sagt er: »Weißt du nicht? Abkommandiert zu den Fallschirmjägern.«

Ich blieb im Lager. An seine Stelle sollte dann ein neuer SS-Arzt kommen, und der erschien auch und ließ sich von mir im Lager herumführen. Ich zeigte ihm, wie die Leute wohnen, ich zeigte ihm die Waschräume, ich zeigte ihm die Latrinen. Und aus seinen Bemerkungen konnte ich entnehmen, daß er mit dieser Sache, mit diesen Zuständen nicht einverstanden war. Von mir aus ging er dann in andere Lagerabschnitte. Die Fortsetzung hierzu erzählte mir Professor Epstein, der berühmte Prager Kinder-Epstein, der Häftlingsarzt im Zigeunerlager war. Auch zu ihm kam dieser SS-Arzt, ließ sich das alles zeigen und blieb plötzlich stehen und sagte: »Mensch, Sie muß ich ja kennen! Wie ist doch Ihr Name?« Epstein nannte seinen Namen. Sagt er: »Sie sind der Kinder-Epstein von Prag? Bei Ihnen habe ich ja Kinderheilkunde gemacht. Na ja, das ist kein Geschäft für meiner Mutter Kind«, und ging. Es war Herr Doktor Bartzelt, SS-Hauptsturmführer. Er ging, er kam nie wieder ins Lager. Er hat den Posten nicht angetreten. Und es ist uns nicht bekanntgeworden, daß er dafür bestraft worden wäre.

Nach ihm kam Doktor Thilo. Und nach Doktor Thilo, und das war allerdings schon im Dezember 44, Doktor Horstmann. Ich war damals nicht mehr im Quarantänelager. Das Quarantänelager war bereits aufgelöst, und ich war im Krankenbau beschäftigt, in BIIf. Und Doktor Horstmann kam jeden Tag in den Block, ließ sich zeigen, was so an besonderen Kranken war und gab dann den Auftrag, bitte den Mann für Dienstag bereitzustellen. Und jede Woche Dienstag wurde im Waschhaus ein [Pause] – möchte ich sagen – ärztliches Kolloquium abgehalten. Sämtliche Ärzte des Lagers waren dort anwesend. Es kamen auch die Ärztinnen vom benachbarten Frauenkrankenbau, die wurden ebenfalls gebracht. Es wurden die kranken Häftlinge vorgestellt, also die speziellen Fälle vorgestellt. Der betreffende Arzt mußte ein Referat über die Krankheit halten, es schloß sich daran eine Diskussion. Er titulierte uns per »Herr Kollege«, und es waren sehr, sehr interessante Vorlesungen, die da gehalten wurden, denn es waren keine unbekannten Größen, die da zu Wort kamen. Außer dem schon erwähnten Professor Epstein aus Prag, der damals der lagerälteste Arzt war, war hier noch der berühmte Vitamin-Mansfeld, Professor Mansfeld aus Budapest, Professor Limousin aus Marseille, Professor Grossmann aus Zagreb, Professor Fischer aus Prag, eine Anzahl von Dozenten. Man konnte schon dabei irgend etwas lernen, und Horstmann hat diese Gelegenheit benützt. Er hat uns menschlich behandelt. Es war auch möglich – es war wohl sehr, sehr spät, es war schon am Schluß –, aber es war möglich, menschliche Verhältnisse zu schaffen. Und wir bekamen Medikamente. Und ich weiß, in einem Fall wurde ein ausgefallenes Medikament gebraucht, das Prostigmin. Und er hat es gebracht, damit der Vortrag beendet werden konnte, damit man zeigen konnte, wie eine Krankheit, die mißverstanden wurde, durch dieses Prostigmin sofort geheilt werden kann – das heißt, nicht geheilt, für eine längere Zeit eine Heilung erzielt werden kann. Es handelte sich um eine Muskeldystrophie, eine Erkrankung, bei der plötzlich alle Muskeln erschlaffen. Der Mensch stürzt zusammen und ist bewegungsunfähig.

Es war ein Dachdecker, und er war in diesem Zustand von einem Dach heruntergefallen. Und man hatte ursprünglich angenommen, er hätte eine Lähmung, weil er vom Dach gefallen war. Und Professor Grossmann klärte den Fall auf und sagte: »Nein, der hat keine Lähmung, der hat gar nix. Das ist die Muskeldystrophie, und mit Prostigmin kann man den Mann auf die Füße stellen.« Das Medikament wurde gebracht, und vor allen Ärzten und dem Lagerarzt wurde gezeigt, wie der, zwei Minuten, nachdem er die Injektion bekam, plötzlich von der Tragbahre aufstand und sich wie ein normaler Mensch bewegte. Also es konnte sehr viel auf diesem Gebiete gemacht werden. [Pause]

Ich möchte nun auch noch schildern meine eigene Ankunft in Auschwitz: Ich wurde ja nicht auf der Rampe verladen. Ich kam mit einem anderen Transport, mit einem Sammeltransport, und ich kam nach Auschwitz I.

 

Vorsitzender Richter:

Das war Mitte 43?

 

Zeuge Otto Wolken:

Mitte 43.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Und ich kam nach Auschwitz I, also ins Stammlager Auschwitz. Der Weg vom Bahnhof bis ins Lager war ziemlich weit, und wir wurden von SS-Leuten begleitet, die sich unterwegs an uns heranmachten und fragten: »Hast du Geld? Hast du eine Uhr? Gib es her, du kriegst es sowieso nicht mehr zurück, das nimmt man dir doch eh alles weg. Gib es mir, ich werde dir dann im Lager helfen!« Und die also schon unterwegs begannen, uns Häftlingen abzuluchsen, was noch bei uns zu erben war. Und es waren Leute darunter, die schleppten sich mit schweren Koffern. [Pause]

Und dann kamen wir zum Lager. Na ja, es war wohl elektrisch geladener Draht, das erkannten wir an den Isolatoren, die dort waren. Aber drüber stand schwungvoll »Arbeit macht frei«. Wir marschierten durch dieses Tor hinein. Links aus einem Block klang Walzermusik, die Musikkapelle übte. Ja, wir hatten gar nicht den Eindruck, daß wir hier in eine Hölle kamen, es sah alles so friedlich, so ruhig aus. Und dann wurden wir also zu einem Block gebracht, und da hieß es zunächst: »Alles ausziehen!« Jeder bekam einen Sack. »Bitte die Effekten in diesen Sack hineinzuwerfen.« Mit diesem Sack gingen wir dann zur sogenannten Politischen Abteilung. Und da gaben wir den Sack ab und bekamen dafür ein kleines Zettelchen, da war eine Nummer draufgeschrieben. Es wurde uns bedeutet, wir sollten das ja gut aufheben. Das ist wichtig für uns, denn sonst kriegen wir unsere Sachen nicht wieder zurück, wenn wir die Nummer verlieren. Und dann wurden wir in einen Waschraum gebracht. War ein großer Raum, Betonboden, Wasserlachen auf dem Fußboden, von Duschen tropfte Wasser herunter. Und dort kamen wir hinein. Wir waren ursprünglich 80 oder 90, dann kamen weitere und weitere.

Es war ungefähr mittags, als wir dort hineinkamen, und es verging Stunde um Stunde, und es kamen immer wieder neue nackte Gestalten hinein. Wir waren müde, wir konnten uns nicht mehr auf den Füßen halten, denn wir waren ja schon anderthalb Tage unterwegs ohne Verpflegung. Und so setzte sich eben jeder nieder auf den Betonboden in die Lache hinein, es war ganz egal, und wir warteten und warteten. Und wir warteten, daß man uns einmal irgendeinen Bissen zu essen geben wird. Das einzige, was wir tun konnten, war, das tropfende Wasser auffangen und von der Hand ablecken. Und dann wurde es Nacht. Wir wurden bei Nacht aus dem Block herausgetrieben und neben dem Block auf den Appellplatz gestellt. Und dort mußten wir die ganze Nacht stehen. Es war eine sehr kühle Mainacht. Wind ging, kalter Regen rieselte hernieder auf uns. Wir standen und standen und standen, bis am Morgen.

Am Morgen begann dann die Prozedur des Rasierens. Es wurden uns an allen behaarten Körperstellen die Haare heruntergerissen mehr als rasiert, Seife gab es ja keine. Wir wurden geschunden und nicht rasiert, dann mit dem berühmten Cuprex eingeschmiert. Und da lernten wir erstmals kennen, was Lager bedeutet. Denn wenn wir also aus diesem Rasierzimmer herauskamen, mußten wir auf ein Podest steigen. Davor stand ein SS-Mann und begutachtete uns, ob wir gut rasiert waren. Und wenn wir nicht gut rasiert waren, dann bekamen wir Prügel und wurden zurückgejagt, wiewohl wir ja gar nicht die Raseure waren, sondern nur die Rasierten. Also wenn wir dann Gnade gefunden hatten, dann durften wir unter die Dusche gehen und auf der anderen Seite wieder hinaus auf einen freien Platz. Und dort standen wir, bis alles komplett war.

Dann gingen wir hinein in einen Block. Dort standen Häftlinge, die hatten jeder vor sich einen Haufen Kleider und warfen jedem ein Stück zu. »Da hast du alles nach Maß!« Und man bekam ein Hemd. Ich bekam ein Kinderhemd, die Ärmel bis zum Ellbogen, vorne konnte ich es nicht zumachen, weil es zu klein war. Dafür bekam ich aber eine Hose, die für irgendeinen Riesen gepaßt hätte. Ich mußte sie viermal einwickeln, damit ich gehen konnte und nicht drüber stolperte. Von dort mußten wir wieder zur Politischen Abteilung zurück.

Und jetzt erst erfuhren wir, was diese kleinen Zettel, unsere Garderobezettel, für die wir sie hielten, eigentlich bedeuteten: Wir mußten den Zettel zeigen, den linken Arm freimachen und bekamen unsere Nummern eintätowiert. Die Garderobezettel – das war unsere künftige Nummer! Es wurde uns klargemacht, daß wir in Hinkunft nur mehr noch Nummern wären, keine Menschen mehr. [Pause]

Über die Zeit der Quarantäne ist nicht viel zu sagen. Wir mußten den ganzen Tag zwischen zwei Blocks auf einem Platz bleiben. Dort auf dem Boden wurden zwei Betondeckel herausgenommen, um die ein Holzgestell gestellt war. Und das war also die Latrine für diese ganze Gruppe von 800 Leuten, die wir inzwischen waren. Alles hat sich auf diesem Platz abgespielt. In der Mitte war dieses Gestell, und wenn einer halt seine Notdurft zu verrichten hatte, dann mußte er sich auf dieses Gestell setzen oder zu diesem Gestell hinstellen, je nachdem. Und es kam eben dabei vor, daß der, der auf der einen Seite saß, von einem auf der anderen Seite gleichzeitig rückwärts schon gewaschen wurde. [Pause]

Nach der Quarantänezeit war ich einige Tage in einem Baukommando. Mein Arbeitskommando rückte eines Tages nicht aus, wir blieben am Block. Gegen Mittag kamen SS-Leute, kontrollierten die Leute am Block, jagten sie hinunter vor den Block. Dort wurde ein Zug formiert mit all denen, die krank waren. Also ursprünglich wurden nur die Kranken geholt, die Krankenscheine hatten, daß sie im Block bleiben durften. Mein Kommando war nicht ausgerückt, also durfte ich ursprünglich auf dem Block bleiben. Aber dann kam der Blockschreiber, der hat sich einen Freund, der hinuntergeschickt wurde, heraufgeholt und hat gesagt: »Geh du hinunter!« Und ich mußte dort hinuntergehen und sah mich auf einmal in der Gesellschaft dieser Kranken. Ich protestierte, bekam nur Prügel und wurde dann weggeführt mit den Hundekommandos nach Birkenau zum Vergasen. Wir kamen bis vor das Krematorium oder bis in die Nähe des Krematoriums, und zwar war es zwischen Krematorium IV und V. Hier rechts oben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rechts von »Kanada«?

 

Zeuge Otto Wolken:

Wie?

 

Vorsitzender Richter:

Rechts von

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Rechts von »Kanada«. Dort kam ein SS-Mann entgegen, der winkte ab, verhandelte mit unserer Begleitmannschaft. Wir wurden also zurückgeführt und kamen in das Lager d, ganz unten am Ende des Lagers in einen leeren Block. Später erfuhr ich, daß von großen Franzosentransporten, die während der Nacht gekommen waren, die Gaskammern noch nicht leer waren und daher wir dort noch nicht eingelassen werden konnten. Während wir also dort in diesem Block darauf warteten, abgeholt zu werden, kamen [Pause] die Hyänen des Schlachtfeldes, die Blockältesten, die Kapos herein, um zu schauen, was man bei den Leuten, die da kommen, erben kann.

Denn im Lager war alles ein Wertgegenstand, auch ein Löffel, auch ein aus Holz geschnitzter Löffel, denn Löffel waren auch ein Mangelartikel. Ich hatte mir immer ein Stückchen Brot in Reserve gehalten, und es kam einer auf mich zu, der einen österreichischen Dialekt sprach: »Was hast' denn da?« »Nu«, sage ich ihm, »nichts, ein Stückel Brot.« Er hört also meinen österreichischen Dialekt, und wir waren nicht viel Österreicher in Auschwitz. Fragt er: »Von wo bist denn du?« Sage ich: »Na, von Wien bin ich.« »Na, ich bin von Linz.« Und es gibt ein Wort das andere. Ich sage ihm: »Ich bin Arzt.« Sagt er: »Du, warte, ich habe da jemanden, ich laß dich rausholen. Es ist doch eine Schweinerei, gell?« Ich habe ihm erzählt, wie mich dieser Blockschreiber da hineingedreht hat in diese Gesellschaft. Und de facto, einige Zeit später kommt ein SS-Mann, fragt mich: »Bist du Arzt?« »Ja, aus Wien.« »So. Bist du ein guter Arzt?« Sage ich: »Ich weiß es nicht.« Sagt er: »Na, komm mit.« Und er holt mich von dort heraus und gibt mich in einen Block hinein, und ich war gerettet. Am Abend gingen die anderen ins Gas, ich blieb zurück. Das war im Lager BIId, und ich kam auf den Block 18.

Auf Block 18 war ich dann als [Pause] Nachtwache tätig. Und eines Tages in der Früh beim Appell wurde verlautbart, Ärzte aus den Reihen der Häftlinge sollen sich in der Ambulanz melden. Ich gehe also hinüber in die Ambulanz. Dort war ein Häftlingsarzt, ein Pole, Doktor Zenkteller. Er war der Vertrauensmann des Lagerarztes Doktor Helmersen, der im Beisein Doktor Helmersens die Häftlinge prüfte. Ich hatte also Gnade gefunden mit meinen Kenntnissen und wurde in das Quarantänelager zur Ambulanz versetzt. Und von da begann meine Tätigkeit in der Ambulanz im Quarantänelager. [Pause] Und da erst eigentlich lernte ich den Zweck des Ganzen kennen. Jetzt erst sah ich klar, wie die Dinge laufen. Die Arbeitsfähigen aus den Transporten wurden herausgesucht und ihre Arbeitskraft, solang es ging, ausgenützt. Und wenn sie nicht mehr arbeitsfähig waren, dann mußten sie irgendwie verschwinden. Nun, der Tod kam ohnedies rasch genug. Und wenn ich hier meine Statistiken, die ich anhand der geretteten Totenbücher verfaßt habe, nachschaue und sehe, welche ungeheure Anzahl von Menschen nicht einmal die drei Wochen Quarantänezeit, die sie bei uns im Lager verbrachten, manchmal nur vier Wochen überlebten, sondern schon zugrunde gingen, schon zu »Muselmännern« wurden, wie man es sagte! [Pause] Ja, und so wurden natürlich auch die Blockältesten durch die Verhältnisse aufgemuntert. Das waren ja doch alles nur Tote auf Urlaub. Also, sie wurden totgeprügelt, krumm geschlagen, und wenn sie schon müde waren – und doch, der Sterbensprozeß ging zu langsam. Nun, jetzt erst, wenn durch die Brutalitäten und durch die sonstigen Fleißaufgaben noch immer zu viele Häftlinge geblieben sind, nun, jetzt trat der Lagerarzt in Erscheinung. Der macht das auf elegante Art. Er kommt, es heißt, ob Winter oder Sommer: »Splitternackt ausziehen! Am Appellplatz antreten!« Er geht durch die Reihen, und mit einem Wink des Fingers sucht er heraus, wer vom Leben zum Tod zu befördern ist. Na, sehr gewissenhaft und genau wurde dabei nicht kontrolliert, in fünf Minuten war man mit 500 Menschen fertig. Einfach wer nicht zu Gesicht stand – irgendeine Wunde, eine entstellende Narbe, Skabies, ein Furunkel, alles genügte, um ins Gas geschickt zu werden. Wir taten ja unser Bestes, wir schminkten die Leute, und alles mögliche machten wir, damit sie vor Selektionen gut ausschauten, soweit wir es konnten. [Pause]

In dem erwähnten Protokoll vom 24. März 45 habe ich unter dem Titel »Lagerbilder« genau den Vorgang bei den Selektionen geschildert, wie es da vor sich ging und was die Leute dabei mitmachten. Es ist vielleicht in dem Zusammenhang von Interesse zu wissen: Wie reagierten verschiedene Menschen auf dieses Unheil, das da über sie hereinbrach? [Pause] Ja. Ich habe nun in meinen täglichen Berichten an den Lagerarzt immer wieder den Stand anzugeben gehabt. Und es war mir daher leicht, nach der Befreiung einfach aus dem Vergleich des Standes, des jeweiligen, die einzelnen Selektionen, die bei uns im Lager durchgeführt wurden, festzuhalten und die Zahl derer, die bei diesen Selektionen ins Gas geschickt wurden, Häftlinge aus dem Lager: am 29. August 43 462, am 3. Oktober 139, am 10. Oktober 327, am 21. Oktober 219, am 14. November 167, am 15. Dezember 338, am 2. Jänner – das ist 44er Jahr – 144, am 15. Jänner 363, am 22. Jänner 542, am 15. April 184, am 18. April 361. [Pause]

Dann kam eine große Pause. Man war mit den Ungarntransporten zu sehr beschäftigt und hatte nicht genügend Zeit, sich um das Lager zu kümmern. Und am 19. September kamen wieder 330 Opfer dran, das war zur Feier des jüdischen Neujahrsfestes. Am 2. Oktober 101 Opfer, am 7. Oktober 20 – da hatten bereits die Evakuierungstransporte begonnen, es wurden immer weniger – und am 29. Oktober 64. Dazu kommen noch am 9. März 3.792 Männer, Frauen und Kinder aus dem Theresienstädter Lager, die ebenfalls durch unser Lager vorübergehend gingen und dann ins Gas kamen. [Pause]

Ich habe hier noch festgehalten drei Erinnerungen, die mir unvergeßlich blieben, weil es Kinder betrifft. Es war nach der großen Selektion am 21. Jänner, und ein Mann von den zu Vergasenden verlor die Nerven, tobte und brüllte. Und ich wurde also von der Ambulanz in den Block geschickt, um nachzuschauen, was ich mit dem Mann machen kann. Und dort war auch ein kleiner Junge, der bei uns im Lager war, aus dem Städtchen Będzin. Und ich fragte ihn: »Nun, Jurek, wie geht es dir?« Und er sagt: »Ich habe keine Angst. Es ist ja alles so schrecklich, dort oben kann es nur noch besser sein.« [Pause]

Es kamen zwei Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz in Abständen von drei Monaten. Sie waren, wie ich erst später erfuhr, genau für sechs Monate Lagerzeit bestimmt. Also nach genau sechs Monaten wurde der erste Transport komplett ins Gas geschickt. Der zweite Transport, der drei Monate später ankam als der erste, war noch im Lager.12 Und ich war Zeuge, wie ein Blockältester mit einem neunjährigen Jungen aus dem Tschechenlager, aus diesem Theresienstädter Lager, so über den Draht sprach. Und er sagte zu dem Buben: »Na, aber Karli, du weißt sehr viel!« Und da sagt der Kleine: »Ich weiß, daß ich viel weiß. Und ich weiß auch, daß ich nichts mehr dazulernen werde, und das ist das Traurige.« [Pause]

Es war schon in den Sommertagen, da kam eines Tages zu uns ins Lager – und wir hatten ja selten Kinder, das war immer nur irgendein Zufall –, da kam auf einmal eine Gruppe von 90 Kindern. [Pause] Das Ghetto in Kowno wurde liquidiert, die Frauen kamen nach Stutthof, und die männlichen Kinder mit den Eltern, mit den Vätern kamen nach Dachau. Von Dachau wurden die Kinder nach Auschwitz13 geschickt, und sie kamen zu mir ins Quarantänelager. Da blieben sie einige Zeit, und dann wurden sie verladen und vergast. Der Führer dieser Kindergruppe war ein 14jähriger Junge, und er redete ihnen gut zu und sagte: »Steigt nur hinauf aufs Auto, steigt nur hinauf aufs Auto!« Und wie er dann selber oben war und die Kinder zu schreien begannen, sagte er: »Schreit doch nicht. Ihr habt gesehen, wie man eure Eltern, Großeltern umgebracht hat, na ja, jetzt sind wir an der Reihe. Dort oben sehen wir uns wieder mit ihnen.« Und dann zu den SS-Leuten: »Aber glaubt nicht, daß es euch geschenkt bleibt! Ihr werdet genauso krepieren, wie ihr uns jetzt krepieren laßt!« Er wurde geschlagen, [Pause] aber er hatte das gesagt, was er in dieser Minute zu sagen als seine Pflicht fühlte. Ein mutiger Junge!

Ich habe hier früher schon erwähnt – anläßlich der Selektionen –, daß die Ungarntransporte plötzlich eine Umwälzung im ganzen Betrieb mit sich brachten. Denn plötzlich funktionierte das Reisebüro Eichmann wieder, und es kamen Tag für Tag vier, fünf, sechs, manchen Tags sogar zehn Züge nach Auschwitz. Auf der Rampe war großer Betrieb. Es wurden Tausende und Abertausende Menschen täglich vergast. Die Krematorien reichten nicht mehr aus, das anfallende Leichenmaterial aufzuarbeiten. Es wurden riesige Gräben gegraben, und zusätzlich zu der Arbeit im Krematorium wurden noch Tausende Leichen in offener Grube verbrannt. Tag und Nacht loderte das Feuer, nachts war der Himmel weithin blutrot gefärbt. Und wenn der Wind schlecht stand, hatten wir im Lager den Gestank des verbrannten Fleisches. [Pause]

Das »Sonderkommando«, dieses Kommando aus Häftlingen, das dazu bestellt war, die anfallenden Leichen zu verarbeiten, war zu schwach, es mußte verstärkt werden. Es wurden daher vom Lagerarzt Doktor Thilo aus dem Transport Korfu-Athen14 400 griechische Juden zur Verstärkung des »Sonderkommandos« eingeteilt. Sie weigerten sich, als sie an Ort und Stelle kamen, die Arbeit zu verrichten, und gingen als erste ins Gas. Und es wurden andere an ihre Stelle gesetzt.

Was war denn nun die Arbeit dieser Leute? Die Verwertung der Vergasten geschah so: Den Frauen wurden die Haare abgeschnitten, die wurden gesammelt für irgendwelche industriellen Zwecke. [Pause] Den Leichen wurde durch ein Team von sogenannten Zahnärzten der Goldzahnersatz aus dem Mund geholt und gesammelt – und das wurde sehr genau gemacht. Es gab eigene Formulare, da hieß es: »Aus der Leiche Nummer soundso.« Also wenn es sich um einen aus dem Lagerstand handelt, der schon eine Nummer hatte, da wurde ein genaues Protokoll abgefaßt, welcher Goldzahnersatz entfernt wurde. Dort im Krematorium – von den anfallenden Transporten, die keine Nummern hatten –, da ging das einfach so: Herausgerissen und in eine Kiste mit einem Schlitz hineingeworfen.

Sie werden fragen, woher ich das so genau weiß. Ein Häftling aus dem »Sonderkommando«, mit dem ich sehr häufig zusammentraf – sein Name ist mir im Augenblick nicht erinnerlich, ich habe ihn hier in den Schriften genannt –, der hat mir über jedes einzelne Detail berichtet. Und dann war noch ein Team von Gynäkologen. Die hatten die Aufgabe, in den weiblichen Leichen nachzuschauen, ob sie nicht in den Geschlechtsorganen irgendwelche Wertgegenstände, Geld oder sonst etwas versteckt haben. Ja, die Häftlinge, die ins Lager eingeliefert wurden, hatten ja das Bestreben, irgendwie etwas sich da mitzunehmen, durchzuschmuggeln, um sich das Leben zu verbessern. Und da wurden eben die Leichen untersucht, um auch auf diesen Plätzen etwas zu finden.

Die ungarischen Juden, die zur Arbeit ausgewählt wurden, kamen dann ins Zigeunerlager, das in der Zwischenzeit liquidiert wurde. Sie waren dort, wie ich bereits erzählt habe, zu 1.000 und 1.200 auf einem Block. Ungarische Frauen kamen in das Lager c, BIIc. Und dort waren bis zu 2.000 in einem Block, so daß sie in zwei Schichten schlafen mußten – eine Schicht bei Tag und eine Schicht bei Nacht. In aller Eile wurden einige Blocks im Abschnitt BIII, also in dem Lager rechts vom Mittellager, fertiggestellt, und dann wurden die Frauen dorthin verlegt. Dieser Teil hieß im Häftlingsmund »Mexiko«. Der Name rührte daher, daß diese Frauen dort teils splitternackt, teils nur mit Hemden bekleidet waren. Man führte sie oft in die »Sauna« zum Baden, und da hatten sie aus den Transporten anfallende Steppdecken umgehängt. Und Sie wissen ja, diese Steppdecken sind meist in grellen Farben gehalten, gelbe, violette, rote, grüne. Und die [+ Frauen] wanderten nun an der Lagerstraße vorbei, die Decken über dem Kopf und in sie eingehüllt. Dieses bunte, farbige Bild – man hat trotzdem auch immer wieder etwas Humor aufgebracht, und da hat man das [+ Lager] »Mexiko« genannt aus irgendeiner Vorstellung heraus.

Und die [+ Frauen] wanderten da an unserem Lager vorbei. Und diese Lagerstraße, die da an unserem Lager vorbeiführte – und wir hatten freien Ausblick hinaus –, die war immerhin für uns so wichtig, weil wir verschiedene Vorgänge draußen beobachten konnten. So konnten wir auch beobachten, wenn im Frauenlager, in BI, Selektion war. Und wenn diese Frauen auf die Lastautos verladen waren und zum Krematorium gebracht wurden – meistens zum Krematorium IV oder V –, dann gingen diese Transporte entlang unserem Lager und dann am oberen Ende des Lagers um die Ecke die Straße zum Krematorium hin. [Pause] Wir standen Appell. Und draußen fuhren die Lastautos mit den nackten, schreienden Frauen. [Pause] Entschuldigung. [Pause] Sie schrien zu uns Männern herüber, sie erhofften von uns Männern, von den natürlichen Beschützern, eine Hilfe. Sie schrien! Und wir standen wie gelähmt und zitternd und sahen nur hinüber. Voran, an der Spitze, ein Motorradfahrer, dann ein Lastauto, dahinter wieder ein SS-Mann auf einem Motorrad und wieder ein Lastauto, und so ging, kam diese Kolonne.

Eines Tages waren wir Zeugen, wie eine dieser Frauen vom Lastauto heruntersprang, von dem fahrenden Auto. Der SS-Mann, der hinten mit dem Motorrad nachfuhr, schoß sie nieder, das nächste Lastauto wurde angehalten, der Leichnam hinaufgeworfen, und weiter ging die Fahrt. Und am Ende dieser Kolonne fuhr der Wagen vom Roten Kreuz. Aber er hatte keine Kranken, er führte das Giftgas. Es war das, ich möchte sagen, der schändlichste Mißbrauch dieses internationalen Zeichens der Menschlichkeit. [Pause]

Zum Giftgas möchte ich noch erwähnen: Es war das Zyklon B, Blausäure. Und das Gas, das zur Vergasung der Menschen verwendet wurde, war ein anderes als das normalerweise verwendete. Ich hatte nach der Befreiung als Mitglied der polnischen Untersuchungskommission Gelegenheit, dieses Giftgaslager zu entdecken. Und da fanden wir zweierlei Dosen: die Dosen, die zur Wäschedesinfektion verwendet waren, die den gesetzlichen Vorschriften entsprachen. Denn die gesetzliche Vorschrift lautet, daß jedes Giftgas mit einem Warnstoff versehen werden muß, damit jeder Mensch, der in die Nähe kommt, gewarnt wird davor: Hier ist irgendeine verunreinigte, eine giftige Luft. Die Dosen, die zur Vergasung der Menschen verwendet wurden, hatten mit Stampiglie einen Aufdruck: »Vorsicht! Ohne Warnstoff!« Diejenigen, die es geliefert hatten, und diejenigen, die es verwendeten, wußten, warum man hier verheimlichen wollte, daß Giftgas verwendet wurde. [Pause]

Von den ungarischen Judentransporten fielen auch eine Anzahl Jugendlicher an, die aus irgendwelchen Gründen, weil sie über ihr Alter kräftig waren oder sonstwie, doch behalten wurden. Ich glaube auch, daß angesichts der Schwierigkeiten in der Beseitigung der Leichen auch bei den Selektionen auf der Rampe nicht mehr so rigoros vorgegangen wurde. Und so kam auch ein Kommando von circa 500 Jugendlichen, ungarischen Buben, zustande. Unter den Kindern brach Scharlach aus, und sie wurden zu mir ins Quarantänelager gebracht. [Pause] Ich hatte die Aufgabe, täglich die Kinder durchzusuchen und die Scharlachkranken auszusondern und dem Lagerarzt zu melden. Meine erste Meldung erstattete ich in der Meinung, daß ich die Möglichkeit haben werde, die kranken Kinder in einem separaten Block [Pause] aufzubewahren und dort zu pflegen und sie nur zu isolieren hätte von den Gesunden. Die Meldung an den Lagerarzt Doktor Thilo hatte aber den Erfolg, daß ein Lastauto geschickt wurde, die Kinder wurden verladen und vergast. [Pause] Ich hütete mich daher in den folgenden Tagen, scharlachkranke Kinder zu melden, sondern ich schaffte eine Art Isolierstelle innerhalb des Blocks. Und wenn der Lagerarzt kam, sagte ich ihm: »Nein, ich habe keine neuen Scharlachfälle.« Und einmal entdeckte er so etwas. Sage ich: »Nein, das sind Röteln, das ist von der Nervosität.« Der Lagerarzt durchschaute das und ließ einen Arzt aus dem Häftlingskrankenbau, zu dem er Vertrauen hatte, kommen, damit er in Hinkunft die Überwachung der Kinder übernahm. [Pause]

Dann kamen diese Kinder wiederum weg von uns. Ich sah sie einige Monate nicht. Viele fielen Selektionen zum Opfer. Und erst Ende September kam der schäbige Rest wiederum zu mir ins Quarantänelager, als sogenanntes Kartoffeleinmietekommando. Diese Kinder mußten um sechs Uhr früh hinaus auf die Rampe, mußten Kartoffeln entladen, in die Bunker tragen und waren bei jeder Witterung bis sechs Uhr abends draußen. Um sechs Uhr abends kamen sie so todmüde und so erschöpft zurück, daß sie nicht einmal mehr ihr Essen sehen wollten, auf die Pritschen hinfielen und schliefen. Die Krankheitsanfälligkeit dieser Kinder war eine ungeheure. Und ich habe vereinzelte, die noch bis zum Schluß durchhielten und die die Befreiung erlebten, noch im Krankenbau, also in dem Krankenbau, der errichtet wurde zur Pflege der überlebenden Häftlinge, vorgefunden. Und sie starben trotz aller unserer Bemühungen – meistens Tuberkulose als Ursache. [Pause]

Ich möchte jetzt als Abschluß nur noch zu einer eingangs erwähnten Sache Stellung nehmen, und zwar: Ich hatte anfänglich gesagt, das Vergastwerden war nicht nur ein Privileg der Juden. Und ich habe aus [+ meiner] kleinen Perspektive [+ gesprochen] – und wenn Sie den ganzen Lagerkomplex betrachten, werden Sie sehen, daß ich wirklich nur dort meine kleine Perspektive hatte. Ich hatte wohl Einblick auf die Rampe nach hinten, ich hatte Einblick auf die Straße, und ich war auch dienstlich oft verpflichtet, in ein Nebenlager zu gehen, um ein Medikament auszutauschen oder um Kranke in den Krankenbau zu überstellen. [Pause] Und wenn Sie – ich glaube, sie sind irgendwo auch hier in Ihren Akten – die Quarantänelisten15 durchschauen, also die Transporte, die durch mein Quarantänelager kamen, dann werden Sie an den Lücken in den Nummern sehen, daß viele, viele Transporte nicht zu mir, sondern in irgendeines der 20 Nebenlager, die alle ihre Quarantänestationen hatten, gingen, so daß also nur ein verhältnismäßig kleiner Teil durch mein Lager ging. Und trotzdem kann ich aus dieser Zeit berichten von Transporten, nichtjüdischen Transporten, die ins Gas gegangen sind. [Pause]

 

Zeuge Otto Wolken:

Im Mai 44 kam ein Transport von 2.000 Franzosen.16 Sie wurden mit Nummern der Serie 185.000 und 186.000 tätowiert. Sie kamen [Pause] in das benachbarte Lager b. Die Kranken kamen zu uns ins Lager. Nach einigen Tagen wurden die Franzosen sowohl aus unserem Lager wie auch aus BIIb abgeführt und kamen ins Gas. [Pause]

Aus diesem Transport ist mir besonders noch eine Szene in Erinnerung: Unter den Kranken, die kamen, befand sich auch ein Geistlicher. Und als sie in unser Lager kamen, kam der Rapportführer Kurpanik sich die Zugänge betrachten und entdeckte bei dem Geistlichen das Kreuz an der Brust. Er riß ihm das Kreuz herunter, zertrampelte es am Boden und schlug den Mann, bis er blutig liegenblieb. Noch von einem zweiten Transport, und zwar von schwerverletzten russischen Kriegsgefangenen aus dem Lager [Viljandi] in Estland kann ich berichten. [Pause] Dieser Transport kam am 28. Jänner 43 in der Stärke von 334 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das bitte, Herr Doktor?

 

Zeuge Otto Wolken:

28. November 43.17

 

Vorsitzender Richter:

November.

 

Zeuge Otto Wolken:

November. Ja, ich habe Februar gesagt, weil ich einen Elfer für einen Zweier angeschaut habe. 334 Mann. Es waren durchwegs schwer Kriegsinvalide. Am 10. Dezember, spätabends, kamen Lastautos18 angefahren und nahmen diese ganze Gruppe, alle 334, angeblich, wie es hieß, zum Abtransport nach Lublin mit. Wir sahen weder einen Zug abfahren, denn wir paßten ja auf auf diese Dinge. Und als im April 44 das Lager Lublin liquidiert wurde und die Häftlinge zu uns kamen, erkundigten wir uns natürlich nach diesen russischen Kriegsgefangenen. Ich habe ja eingangs erwähnt, daß in meiner Ambulanz zwei russische Ärzte waren, Militärärzte, die hier in meiner Ambulanz arbeiteten, also denen das Schicksal dieser ja besonders am Herzen lag. Sie sind nie in Lublin angekommen. Aber die ganzen Umstände, das Abholen in später Nacht, mit Lastautos wegführen [Pause] war nur üblich, wenn irgend etwas Böses mit den Leuten im Schilde geführt wurde.

Denn normalerweise wurden Verlegungen in ein anderes Lager – und es wurden oft und oft aus unserem Lager Leute geholt, einmal Uhrmacher, einmal Feinmechaniker, um für irgendwelche Stellen in Deutschland zu arbeiten –, das wurde alles bei Tag gemacht. Wenn der Lagerarzt Arbeitskräfte für ein Arbeitslager im Reich suchte, dann kam er, die Leute wurden ausgesucht. Am nächsten Tag in der Früh mußte ich mit diesen Leuten in die »Sauna« gehen. Nachdem sie dort gebadet waren und neue Kleidung erhalten hatten, mußte ich mit meinen Ärzten Fieber messen, und nur, wenn sie fieberfrei waren, durften sie wegfahren. Also wenn man so einen Transport genommen hat, auf Lastautos verladen hat, so war das natürlich keine Überstellung in ein anderes Lager. [Pause]

Wie es de facto um die Sterblichkeit im Lager aussah, das habe ich dann... [Pause] Ich habe bereits erwähnt, ich habe mein Material gerettet. Und ich habe kein gerichtliches Interesse an diesem Material gehabt, sondern ursprünglich nur statistisches Forschungsinteresse. Und ich habe daher also alles das, was ich an Materialien hatte, versucht, in irgendwelche wissenschaftliche Ordnung zu bringen. Als Mitglied der Untersuchungskommission in Krakau19 hatte ich die Chance, ein Faszikel zu finden in einer halbabgebrannten Baracke, das den Titel hatte »Judentransporte, nicht fotografiert«. Und dieses Faszikel umfaßte die komplette Transportliste von 15 Transporten von Juden aus verschiedenen Gegenden. Die Liste beinhaltete: das Datum des Transportes, den Namen des Häftlings, seine Häftlingsnummer, die er bekam, sein Geburtsdatum und seinen Geburtsort. Und daneben war bei den meisten dieser Leute mit Bleistift eine Zahl eingetragen, ein Datum eingetragen. Anhand von vielen Kameraden – noch aus dieser Zeit überlebten viele, also für meinen Begriff waren es viele, ich kannte halt einige, die diese Nummern hatten – konnte ich also feststellen, daß alle, oder zumindestens alle die, die ich kannte, keine Ziffer dort stehen hatten. Und es stellte sich bei der Untersuchung heraus, daß dort ein fleißiger Schreiber war in dieser Fotografenkanzlei, der die täglichen Todesmeldungen aus der Liste eintrug. Und wenn dann Meldung kommt: »Na, den brauchen wir nicht mehr fotografieren, der lebt nicht mehr«, dann hat er das Todesdatum hineingeschrieben. Und an Hand dieser Listen konnte ich dann eine Berechnung anstellen: Wie schaute es überhaupt mit diesen Transporten aus? Der erste dieser Transporte kam am 21. April 42, der letzte [Pause] dieser Transporte am 17. Juli.

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Jahres?

 

Zeuge Otto Wolken:

42. Alle diese 15 Transporte stammen aus dem Jahre 42. Leider wurde scheinbar dieser Häftling im August abgelöst, denn mit dem 15. August hören diese Eintragungen auf. Ab 15. August ist keine Eintragung. Und es ist interessant festzustellen, daß von den einzelnen Transporten – Transport Nummer eins: [Pause] 973 eingetroffen, von ihnen nur mehr 88 am 15. August am Leben. Transport Nummer zwei: 464, [Pause] zum Zeitpunkt 15. August leben zehn. Transport Nummer drei: 543, es leben noch 41. Transport Nummer vier: 442, es leben 23. Ich meine, immer zum 15. August. Transport sechs: 1.000, 53 leben. Transport sieben: auch 1.000, 217 leben.20 Der Transport kam relativ spät an, der Siebener-Transport. Und das ist vielleicht für hier nicht so interessant, aber es zeigt sich auch hinsichtlich der Nationalität, von wo die Leute kamen, eine gewisse größere oder stärkere Widerstandskraft unter den Häftlingen, was in Parenthese, sehr interessant war festzustellen. Und so geht es weiter. Der Großteil dieser Leute ist in verhältnismäßig kurzer Zeit zugrunde gegangen. Aber wenn man diese Liste durchsieht, ist noch etwas interessant und auffällig – ich gebe Ihnen hier kurz Zahlen: Das sind am 12. April

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment mal, Herr Doktor. Waren das nicht die Leute, die vergast worden sind? Also wenn Sie die Zahlen eben vorgelesen haben, da ergibt sich doch, daß so ungefähr zwischen fünf und zehn Prozent am Leben blieben und der Rest nicht mehr lebte.

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Waren das nicht die Leute, die als arbeitsfähig selektiert wurden, die dann am Leben blieben, und die anderen, die nicht als arbeitsfähig bezeichnet wurden, eben vergast wurden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ich habe, entschuldigen Sie, mich etwas ungenau ausgedrückt. Das waren Leute, die bereits nach der Selektion ins Lager kamen.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Zeuge Otto Wolken:

Sie hatten eine Nummer und waren in Arbeitskommandos eingeteilt. Und ich habe hier eine zweite Statistik, aus der ersichtlich ist die Anzahl der Toten an jedem einzelnen Tag aus den einzelnen Transporten.

 

Vorsitzender Richter:

Aus dem Lager.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, nur von diesen fünfzehn Transporten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber das waren Leute, die bereits als arbeitsfähig aus den Transporten

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Im Lager waren und auf Kommandos eingeteilt waren. Bitte, es kann sein, daß zum Beispiel dieser eine Transport, der eine verhältnismäßig niedrige Sterblichkeitsziffer hat, irgendein besonders gutes Kommando gehabt hat. Nun, interessant ist nur eines: daß an einem Tag bei diesen Transporten keine Toten waren. Es war dies der 17. Juni 42, der Tag, an dem Himmler21 das Lager kontrollierte.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. [Pause]

 

Zeuge Otto Wolken:

Und nun komme ich zu den Ereignissen im Quarantänelager selbst. Ich möchte vorausschicken, ich habe diese »Chronik des Lagers« 22, die auch in der Akte vorliegt, unmittelbar nach der Befreiung gemacht. Ich habe da jene Dinge niedergeschrieben, die mir frisch in Erinnerung waren, an die ich mich genau erinnern konnte. Und ich habe es nicht niedergeschrieben, um irgend jemanden zu belasten oder um irgend jemandem weh zu tun, sondern als eine rein historische Tatsache. Ich hatte zu dieser Zeit keinen Gedanken daran, daß jemals ein Auschwitz-Prozeß stattfinden wird oder etwas Ähnliches. Und ich habe das niedergeschrieben, an was ich mich erinnern konnte, und die Stütze meiner Erinnerung waren die Totenbücher, die ich vor mir liegen hatte, und die Überstellungen in den Krankenbau. Und wenn ich jetzt aus dieser »Chronik« verschiedenes bekanntgeben werde, so ist das beileibe nicht vollständig, denn ich habe hier wirklich nur das geschrieben, an was ich mich erinnern konnte, genau erinnern konnte.

Viele Vorfälle, die ebenfalls mit Tötungen und die ebenfalls mit schweren Verletzungen, die auch dann letzten Endes zum Tode führten, zu tun hatten, die weniger eindrucksvoll waren, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte, die habe ich da nicht hineingeschrieben. Denn wenn Sie die Zahl der hier in dieser Schrift genannten Todesopfer, Todesfälle vergleichen mit denen in der Statistik, die ja auch irgendwo bei Ihnen aufliegt, die Statistik der Toten, und zwar der gewaltsam Getöteten, vergleichen, dann werden Sie sehen, daß hier ein Plus zugunsten der Anonymität besteht. Das heißt, ich weiß nicht mehr, wieso der damals umgekommen ist und was das war. Ich erinnerte mich nicht mehr und konnte darüber nicht schreiben. Und nun, ich habe also alle diese Daten dann chronologisch zusammengestellt, so, wie sich die Dinge ereignet hatten. Nach einer Präambel, die so ungefähr die Atmosphäre, die da geherrscht hat, geschildert hat, habe ich also dann über die einzelnen Vorfälle hier geschrieben.

Und da ist der erste Vorfall, den ich registriert habe. Das war für mich besonders eindrucksvoll. Wir standen damals Appell und sahen zu, wie dieser Lemberger Polentransport23 traktiert wurde. Wir standen Appell, und ich erwähnte bereits, daß das Appellstehen sich abspielte immer zwischen zwei Blocks: Der Platz zwischen zwei Blocks war gleichzeitig für den betreffenden Block der Appellplatz. Die Polensache spielte sich uns gegenüber ab, auf der anderen Seite der Straße, also auf der freien Fläche zwischen dem elektrischen Draht und der Lagerstraße. Dort, wo in den anderen Lagern eine zweite Reihe von Baracken stand, war bei uns ein freies Feld, und dort stand dieser Polentransport, und dort spielte sich das ab. Und wir konnten alle, die wir dort im Lager waren, hinsehen und zuschauen und als Statisten stumm stehen. Denn niemand konnte ja helfen, und ein Aufruhr oder so etwas wäre ja hellster Wahnsinn gewesen. Und wir konnten also beobachten, wie aus diesem Transport die Leute gejagt wurden, »Sport« gemacht, geschlagen – zunächst einmal wurde nur geschlagen. Durch dieses Schlagen sind sie auseinandergestoben, jeder wollte den Prügeln ausweichen, und sie haben zu laufen begonnen. Und dann trat das Schießen in Aktion. Und an dieser Schießerei, da beteiligten sich der Rapportführer persönlich und seine Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch die Namen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Kurpanik, Dargelis, Weiß, Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das selbst gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Und ich betone noch einmal: Das sind frische Erinnerungen, die ich bereit bin, vor jedem Forum zu beschwören. Ich habe das auch zu einer Zeit geschrieben, wo ich keine Ahnung hatte, daß es je eine Gerichtsverhandlung geben würde, [Pause] aus der Erinnerung, so wie es sich ereignet hat. [Pause] Und Sie sehen ja, es sind oft große Pausen, bis ich das nächste Ereignis notiere.

Am 19. Oktober 43, abends, versagte im Lager plötzlich das Licht. Es war irgendein Kurzschluß. Die Posten auf den Wachtürmen wurden nervös, sie hatten ja ein Lager mit Zehntausenden Menschen zu bewachen und waren einsam und allein auf ihren Wachtürmen und begannen, wild in das Lager hineinzuschießen. An diesem Tage kann ich von einer wunderbaren Rettung meiner Person berichten.

Ich war gerade unterwegs von der Schreibstube, wo ich mir den Stand geholt habe für den Bericht an den Lagerarzt. Und als diese Schießerei begann und da hier die Feuerstrahlen ins Lager hineingingen – ich befand mich auf der Lagerstraße –, da lief ich zum nächsten Block hin, um mich im Block in Sicherheit zu bringen. Ich riß dort das Tor auf. Und wie ich dieses schwere – das waren riesige Holztore –, wie ich dieses Tor aufreiße, kommt ein Häftling gelaufen, der scheinbar in der Küche ausgeholfen hatte und dafür eine Schüssel Suppe bekam, stieß mich an die Seite und huschte vor mir hinein. Ich nach ihm, und ich zog die Türe zu, und da standen wir in der Finsternis. Irgend jemand begann zu schreien, und dann wurde es plötzlich Licht. Der arme Teufel mit der Suppe lag tot am Boden. Eine Kugel, die durch das Tor knapp neben meinem Kopf durchgegangen war und durch irgendeinen Eisenbolzen, den sie gestreift hatte, scheinbar deformiert worden war, hat ihm das Schädeldach aufgerissen. Und gegenüber stand einer, der noch immer schrie. Und jetzt wußten wir, warum er schrie: Ob es dasselbe Projektil oder irgendein anderes war, es hat ihm ein Auge aus dem Kopf gerissen. [Pause] Es war dies der Häftling Einhorn, Josef. Nummer 135.415. [Pause]

Am 25. Oktober 43 wurde aus Rache für den tags zuvor getöteten Lagerführer Schillinger mit Maschinengewehren in unser Lager hineingeschossen. Wir waren ja draußen, gegenüber der Straße. [Pause]

Ich weiß nicht, ob die Geschichte bekannt ist. Es kam ein Transport angeblicher amerikanischer Juden. Das waren also solche Leute, die sich irgendwie amerikanische Visa beschafft haben und daher als Amerikaner galten, und dieser Transport hätte in die Schweiz geführt werden sollen. Statt in der Schweiz landeten sie in Auschwitz. Unter den Leuten befand sich eine Frau, die entweder aus der Umgebung von Auschwitz stammte und daher wußte, was hier vorging. Oder nach einer anderen Version soll sie selbst im Lager gewesen sein und geflüchtet, das weiß man nicht. Und diese Frau warnte die Leute: »Paßt auf, wir sind in Auschwitz. Man bringt uns um.« Und als man sie da hinuntertrieb in den Bunker, da weigerten sie sich, sich auszuziehen. Es kam der Lagerführer Schillinger, um ihnen gut zuzureden, und diese Frau entriß ihm die Pistole und knallte ihn nieder und verletzte noch andere. Ich war nicht dabei, wir wissen das nur aus den Erzählungen. Die Tatsache stimmt, das werden die Herren von der SS hier bezeugen, daß es sich ereignet hat. Die genauen Umstände, so ging die Erzählung24 im Lager, daß sich das so ereignet hat: Die wurden dann nackt zusammengeschossen und gingen dann ins Gas. Also aus Rache für diese Tat wurde dann ein Feuerüberfall auf unser Lager25 gemacht, und es gab damals 13 Tote und vier Schwerverletzte. Die Schwerverletzten habe ich hier namentlich angeführt sowie eine Anzahl Leichtverletzte.26

Nach dem Tode Schillingers wurde die Atmosphäre plötzlich im Lager eine bessere. Der wilde Tinn, der Lagerälteste, der also vielleicht sogar der Spiritus rector oder zumindestens ein eifriger Mittuer bei diesen »Hasenjagden« und dem »Sportmachen« und den Quälereien war, der kam weg. Und es kam ein Lagerältester, der ein ruhigerer und besonnenerer Mann war, und es trat mehr Ruhe im Lager ein, wenn auch Übergriffe von seiten des Bewachungspersonals nach wie vor vorkamen.

Vor allem einmal blieb uns Kurpanik erhalten, der Rapportführer, der immer und immer wieder Grausamkeiten verübte. Und welche Formen das annahm, ist unvorstellbar. Ein Blockältester – ich habe ihn bereits erwähnt, Oftringer hieß er, ein Reichsdeutscher –, der wettete mit Kurpanik um eine Flasche Schnaps, daß der Kurpanik nicht imstande ist, auf 50 Schritte einen Genickschuß anzubringen. Die Wette wird abgeschlossen, es wird eine Schüssel 50 Schritte vom Block weggestellt, und dann wird ein Häftling herausgerufen: »Geh, hol die Schüssel!« Na, der läuft hin, um die Schüssel zu holen, ein Knall, er liegt tot am Boden, die Wette ist gewonnen. Das hat sich ereignet. Und das habe ich selbst gesehen, daß es sich ereignet hat. [Pause] Kurpanik hat ja seine Übeltaten bereits gebüßt.27 [Pause]

Am 29.8.43 war eine Selektion, 462, das habe ich schon alles erzählt, das kommt nur hier wieder vor. Am 5.12., am 5. Dezember 43 kommt ein Transport aus Flossenbürg28 oder Flossenburg in Bayern. [Pause] Ursprünglich hätten die vergast werden sollen, aber inzwischen hat man von der Vergasung von Ariern im allgemeinen Abstand genommen, und so kamen sie zu uns ins Lager. In [Flossenbürg] wurden 1.200 Mann verladen. Von ihnen kamen nur 948 lebend im Lager an. Circa 80 der Allerschwächsten wurden auf Anordnung der SS – ich schrieb hier »des Lagerführers«, aber wenn ich hier vor Gericht aussagen muß, muß ich sagen: Ja, bitte schön, ich habe den Befehl nicht gesehen –, es wurden diese 80 auf den sogenannten Holzhof gelegt. [Pause] Das ist dieser Platz zwischen den

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dem Waschhaus und den übrigen Baracken.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja. Zwischen den letzten zwei Baracken und den übrigen Baracken geht so ein Streifen durch, ein freier Platz. Dorthin wurden die gelegt, und es wurde Auftrag gegeben noch, und es kamen auch Blockälteste, sie mit Wasser zu übergießen, damit der Erfrierungstod rascher bei ihnen eintritt. In der Nacht holten wir – wir von der Ambulanz, denn das war ja neben uns, und wir hörten das Stöhnen, und wir waren in der Nähe. Und als es still war im Lager, na, da haben wir uns hinausgeschlichen und haben halt jetzt unter denen herumgeklaubt und haben geschaut, na, wen wird man von denen noch irgendwie retten können? Bei wem hat es einen Sinn, daß wir ihn herausschleppen noch? Also, wir haben eine ganze Anzahl von ihnen geholt und haben sie auf den Block geschleppt, auf dem ihre anderen Kameraden untergebracht waren. [Pause] Diese [Pause] 33 blieben liegen, die mußten wir liegenlassen. Es war da aussichtslos, irgend etwas zu machen. Aber noch am nächsten Tag in der Früh fanden wir einen, der sich unter drei Leichen vergraben hatte, der versucht hat, sich mit den Leibern der anderen Toten zu wärmen. Er lebte wohl noch, aber als wir ihn auf den Block schleppten, starb er uns in den Händen.

Diese Leute, die aus Flossenbürg kamen, die sahen so grauenerregend aus, daß selbst der Lagerarzt Doktor Thilo, der ja sehr fleißig bei uns Selektionen durchführte, erschüttert war. Und er gab den Auftrag, man soll sich um diese Leute besonders kümmern. Und ich speziell bekam den Auftrag, ihm täglich einen Spezialbericht zu erstatten über diese Leute. Nun, aus diesen Transporten, aus diesem Transport kann ich aufgrund dieser Berichte, die ich abfaßte, die im Museum in Auschwitz noch im Original liegen, die Kopien davon... Der Auftrag vom Lagerarzt kam am 18.; am 5. kamen sie an, am 18. gab der Lagerarzt den Auftrag, die ganz besonders zu behandeln. [Pause] Und damals, an diesem Tag, waren von dem Transport nur mehr noch 799 [+ am Leben]. Am 18. Jänner lebten nur mehr 571, am 18. Februar 393.29 Wie diese Menschen ausgesehen haben, ich habe hier einige herausgegriffen: [Pause] Der Häftling 87.078, 180 Zentimeter groß, 43 Kilo schwer; 95.433, 175 Zentimeter groß, 39 fünf Zehntel Kilo; 17.132, 1,80, 36,5 Kilo; 16.6400, 1,73, 39 Kilo; 16.600030

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun ja, wir wollen sie nicht alle durchgehen. Also Sie sagen, in der größten Zahl waren die Leute völlig unterernährt, und zwar

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Völlig unterernährt. Bitte, da habe ich noch einen drunter mit 28 Kilo.

 

Vorsitzender Richter:

Mit 28 Kilo. [Pause]

 

Zeuge Otto Wolken:

Am 15.12. war wieder eine Selektion im Lager. Am 20.12. ein kalter Wind, Schneesturm, der machte das Appellstehen fast unerträglich, namentlich in der mangelhaften Kleidung und in den schlechten Schuhen, ohne Strümpfe. Der Rapportführer, der zitierte Kurpanik, war über das schlechte Appellstehen ungehalten, ließ eine Reihe von Häftlingen, die nicht stramm genug standen, züchtigen. Einer versuchte zu fliehen, man schoß ihm nach. Eine Schußwunde am Arm führte nach drei Tagen zu einer mächtigen Schwellung und Entzündung des Armes, daß er ins Spital überwiesen werden mußte. Vier der Gezüchtigten mußten mit Phlegmonen am Gesäß dem Krankenbau überstellt werden, und zwar in den folgenden Tagen: am 23.12. und am [Pause] 2. Jänner. Am selbigen 2. Jänner gab es auch wieder eine Selektion, mit 144 Opfern, am 15. Jänner mit 363 Opfern31

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Doktor Wolken, also diese massenweisen Selektionen, die sind uns ja bekannt, Sie haben uns ja vorhin auch schon erzählt, wann sie gewesen sind. Wir können sie doch nicht im einzelnen hier aufnehmen, nicht. Wenn Sie jetzt zum Ende kommen wollten oder beziehungsweise sich zu den speziellen Beobachtungen wenden würden, die Sie gemacht haben.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ich habe das eben in diesem Dings drin, in dieser »Chronik«, da kommt es eben nach Tagen. Dann kam am 22. Jänner wieder diese Vergasungsaktion [Pause] Ja, da gab es wieder eine Schießerei, ein paar Tage vorher. Und wir hatten auf Block 14 einen sehr netten Blockältesten, einen französischen Juden, der den ominösen Namen Unglik, Szaja, trug. Der bestach den SS-Lenker eines Lastautos, er soll ihn in seinem Holzkasten mit hinausnehmen aus dem Lager und ihm zur Flucht verhelfen. Der Mann ging also auf diese Sache ein, der SS-Mann, und Szaja verschwand in seinem Auto. [Pause] Am Abend wurde er als Leichnam zu uns zurückgebracht. Wir erfuhren, daß er bis in die Autogarage gekommen war. Dort hat ihn der SS- Mann niedergeschossen und hat eine Meldung erstattet, daß er sich ohne sein Wissen in dem Lastauto versteckt hat und ihn dann attackiert hätte, und er hätte ihn da erschossen. Sein Leichnam wurde zu uns ins Lager gebracht. Wir mußten damals sehr, sehr lange Appell stehen. Dann wurde er auf der Lagerstraße auf einen Sessel festgebunden, so daß wir ihn immer vor Augen hatten. Am nächsten Tag in der Früh wurde der Sessel mit dem Leichnam hinübergebracht ins Arbeitslager BIId, wo er gegenüber der spielenden Musikkapelle – bitte, beim Ausmarsch der Arbeitskommandos spielte eine Musikkapelle, und wenn sie zurückkamen, spielte die Kapelle wieder –, und gegenüber der Kapelle, auf der anderen Seite der Lagerstraße, hat man also den Unglik auf seinem Sessel hingesetzt. Und so wurde den ausrückenden Kommandos klargemacht, was geschieht, wenn man einen Fluchtversuch macht. Die Musik spielte dazu. [Pause]

Am 17. Februar wurde der Häftling Klismann von dem SS-Mann Weiß derart auf den Kopf geschlagen, daß er eine Infraktion des Schädeldaches erlitt. Dann haben sich wiederum die Blockältesten Katarzyński und Karasiewicz mit den [Flossenbürgern], von denen ich früher berichtet hatte, von diesen armen ausgezehrten, ausgehungerten Teufeln; die hatten eine Beschwerde gemacht, daß ihnen die Rationen gestohlen werden. [Pause] Und das war auch ein Kapitel, das ich Ihnen noch nicht erzählt habe. Also abgesehen davon, daß schon im Magazin und überall gestohlen wurde – jetzt kam endlich das Essen auf den Block, und jetzt erst begannen die Blockältesten, die kein Gewissen hatten, auch noch diesen Rest, der da kam, zu beschneiden. Und zwar wurde das so gemacht: Das waren so viereckige Brotziegel, ein Viertel pro Kopf, und nun suchte man das kleinste Brot heraus, und nach diesem Maß schnitt man von jedem Brot in der Mitte eine Scheibe hinaus. Und die beiden links und rechts verbleibenden Reste, die wurden halbiert, und das wurde als Brotportion ausgegeben. Die Stubendienste und gewisse Kapos und Vorzugshäftlinge, die bekamen anstelle dieses Viertelbrotes so drei, vier solche dicken Scheiben, die man da herausgeschnitten hat. Und für den Blockältesten blieben ganze Brotziegel, die er brauchte, um damit Geschäfte zu machen. Denn da konnte man nicht mit Brotscheiben, sondern nur mit ganzen Ziegeln Geschäfte machen. Wenn die Margarine kam, – die kam schon in Ziegeln vorgeschnitten von der Verwaltung –, da wurden ebenfalls von allen vier Seiten die Ziegel beschnitten, und anstatt dann so eines langen Stückes wurde halt nur ein kleineres, kleines Stück ausgegeben, also das war dann noch das letzte Ende. Und diese Leute haben sich darüber beklagt, daß man ihnen das Essen stiehlt und daß sie deshalb zugrunde gehen müssen. Und da hat sich also nun der Blockälteste, in dessen Block sie lagen – das war der Karasiewicz, das war der Block 15, und sein guter Fre und, der Katarzyński, der in Polen zu lebenslangem Kerker verurteilt wurde, weil er sich so anständig benommen hat im Lager –, die sind nun dorthin gestürzt. Und im Beisein des Rapportführers Kurpanik wurden die armen Teufel für ihre Revolte, für ihre Beschwerde gezüchtigt, und es gab eine ganze Reihe von mehr oder minder Verletzten, Gesäßphlegmonen und so weiter.

Am 9.3., das war also dann die Geschichte mit den 3.752 aus dem Theresienstädter Lager, die da nur bei uns auf kurze Zeit abgestellt waren und dann ins Gas gebracht wurden. Mitte März kamen 184 holländische Juden, Frauen mit Kindern, die aus irgendwelchen Klöstern oder wo zusammengeklaubt wurden – das waren schon die Reste der holländischen Juden –, in unser Lager.32 Sie wurden nicht in den Stand aufgenommen. Sie blieben einige Tage. Und das ist auch so was Merkwürdiges: Die kommen da an, es sind Kinder drunter, der Lagerarzt ordnet an, bitte, Milch für die Kinder muß kommen. Die Kinder kriegen Milch, und nach zwei Tagen wird das Ganze zusammengepackt und ins Gas geschickt. So auch in diesem Fall geschehen.

Am 9. April 44 kam der erste Transport aus Lublin. Also die Front rückt näher, vom Osten her, und es werden jetzt die am weitesten im Osten gelegenen Lager liquidiert. 1.725 Häftlinge. Sie waren acht Tage ohne Wasser unterwegs. Wie viele Tote es auf dem Transport gab, weiß ich nicht. Während des Verladens in die Lastautos zum Transport ins Lager sind 99 gestorben.33 Wir hatten also 99 Leichen schon in den Lastautos, wie die Häftlinge kamen. Und in der ersten Nacht starben weitere 86. Ich hatte nur eine ganz kleine Totenkammer, für diese Leute war kein Platz. Und so wurden sie vorne, beim Block 2, auf der Wand aufgeschichtet, ein riesiger Berg von Leichen, [Pause] bis sie dann abgeholt wurden und den üblichen Gang der Toten gingen. Die Kleider dieser Leute wimmelten von Läusen, und es gab sehr viele Fleckfieberkranke unter ihnen. Und das war die einzige Zeit, wo bei uns im Lager auch eine Art Krankenhausbetrieb, Krankenbaubetrieb geherrscht hat. Diese Blocks wurden auf einmal so zu Krankenblocks avanciert, damit ja nicht diese Flecktyphusepidemie von hier ausbricht und damit die Verlausung vom übrigen Lager ferngehalten wird. Und wie ich schon am Montag erzählt habe: Dieser Transport war die Ursache, daß es mir endlich glückte, beim Lagerarzt durchzusetzen, eine fahrbare Desinfektionsstation mit Dusche und so weiter ins Lager zu bekommen, die ja auch durch einige Zeit funktioniert hatte.

Am 15.4. ereignete sich dann diese Geschichte mit dem Vergasungstransport, bei der sich Dargelis und Baretzki ausgezeichnet hatten im Quälen der Leute. Das war die Sache, die ich erzählt habe, die wir durch den Spalt der Türe hinaus beobachten konnten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wann war das?

 

Zeuge Otto Wolken:

15. April 44.34 [Pause] Am 18.4.44 wieder eine Tragödie im Lager. Aus dem Lubliner Lager kommen 299 Mädchen und zwei Säuglinge zu uns ins Lager. Wir, die Ambulanz, wurde beauftragt, sie auf ihren Gesundheitszustand zu untersuchen. Sie waren alle kerngesunde junge Menschen. [Pause] Es hieß, sie bleiben nur vorübergehend bei uns, und sie gehen dann ins Frauenlager. Spät am Abend wurden sie vom Hundekommando abgeholt. Wenn das Hundekommando bei solchen Aktionen, wo Häftlinge zu Fuß weggeführt wurden, in Erscheinung trat, bei Nacht, dann wußten wir, daß das keine Verlegung ins Lager war. Und wir hörten stundenlang vom Krematorium her das verzweifelte Schreien dieser Mädchen, die um ihr Schicksal wußten. Wir hörten auch die Rufe und das Schießen der Begleitmannschaft.35 [Pause] Sehen konnten wir nichts, wir konnten nur ahnen, welche Tragödie sich dort abspielte. Daß sie ins Gas gingen, wußten wir, als wir das Hundekommando sahen. Am 12. April wurde der Häftling Hromojew, der seinen Bruder vor den Mißhandlungen eines SS-Manns schützen wollte, von diesem niedergestochen. Ich kann nicht sagen, wer der SS-Mann war, ich weiß es nicht. Es ist nur eine Registrierung einer Tatsache.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender, Herr Vorsitzender, ich bitte um Entschuldigung. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß ich jetzt aus einem Buch, »Auschwitz. Zeugnisse und Berichte«, seit einiger Zeit die Aussage dieses Zeugen verfolge. Sie ist zum größten Teil wörtlich. [Pause] Wörtlich!36

 

Vorsitzender Richter:

Ja und?

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ein Zeuge muß aus der Erinnerung aussagen und kann nicht verlesen. Ich erkläre, daß das dann keine Zeugenaussage ist. Ich bin bereit, es dem Gericht sofort zu zeigen, welche der Aussagen in den letzten zehn Minuten wörtlich vorgelesen worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Ich mache nur darauf aufmerksam, daß es keine Zeugenaussage ist.

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge benutzt zu seiner Zeugenaussage von ihm hergestellte Manuskripte. Das haben wir bereits in der letzten Sitzung festgestellt. Wir haben weiterhin festgestellt, daß nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs und des Reichsgerichts die Benutzung eigener Aufzeichnungen für einen Zeugen gestattet ist. Wenn der Zeuge diese Aufzeichnungen, die er gemacht hat, irgendwie veröffentlicht hat und diese Aufzeichnungen gedruckt worden sind, dann mögen sich schon Übereinstimmungen auch im Wortlaut ergeben. Ich sehe darin einen Mißbrauch seines Aussagerechts nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, und ich rüge das und bitte, meine Rüge ins Protokoll aufzunehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr: Rechtsanwalt Doktor Laternser rügt, daß die Aussagen des Zeugen Doktor Wolken zum Teil wörtlich übereinstimmten mit einem in seinem Besitz befindlichen Buch mit dem Titel »Zeugen von Auschwitz«.37

 

Verteidiger Laternser:

Nein, »Zeugnisse und Berichte«.

 

Vorsitzender Richter:

»Zeugnisse und Berichte«. Bitte schön, fahren Sie fort. [Pause] Also, um das noch klarzustellen, Sie beziehen sich hier – wie Sie uns das letzte Mal schon gesagt haben – auf Ihre eigenen, von Ihnen verfaßten... Nein, Sie brauchen mir es nicht mehr

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Bitte, Herr Vorsitzender

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben es uns ja das letzte Mal schon gezeigt.

 

Zeuge Otto Wolken:

[unverständlich] im Jahre 45 geschrieben worden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Sie haben es uns schon mal vorgelegt, ja, ja, und entspricht Ihren eigenen handschriftlichen Aufzeichnungen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Direktor, ich bitte das Protokoll zu ergänzen, daß dieses Buch, das Laternser hier eben erwähnt hat, von dem Herrn Zeugen stammt.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das richtig, Herr Doktor Wolken, haben Sie dieses Buch verfaßt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe in diesem Buch – ich besitze es auch – einen Beitrag veröffentlicht, der unter meinem Namen erschienen ist. Wir haben auch

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich] korrekt [unverständlich] Zeugenaussagen [unverständlich] wie noch so einiges, was Laternser hier von sich gibt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ich bitte, dafür zu sorgen, daß wenigstens, wenn Herr Kaul von mir spricht, er die Anrede »Herr« gebraucht und nicht nur von »Laternser« spricht. [Gelächter im Saal]

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte unbedingt um Ruhe! [...] Ich möchte unter gar keinen Umständen hier Beifalls- oder Mißfallenskundgebungen hören. Der Rechtsanwalt Doktor Laternser hat den Anspruch, daß er mit »Herr« angeredet wird. Das ist klar. Nehmen Sie ins Protokoll auf: Der Zeuge Doktor Wolken erklärt auf diese Rüge, daß er nur vorlese oder sich zur Stützung seines Gedächtnisses beziehe auf ein Manuskript, das er selbst im Jahre 1945 verfaßt und später als Beitrag zur Herstellung eines Buches geliefert habe.38 So, damit ist dieser Fall erledigt, und Sie können nun fortfahren.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Am 19. April 44 wurde der Häftling Liczka, Mihail, wegen schlechten Grüßens vom SS-Mann Baretzki mit einem Stock derart bearbeitet, daß er an Nierenentzündung mit schwerer Hämaturie starb.39 [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Hämaturie, das wird wohl eine Blutung des Harns

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Nierenblutung

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nierenblutung sein, ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Blutharnen eigentlich, auf Deutsch übersetzt, Blutharnen.

 

Vorsitzender Richter:

Blutharnen, ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Am 26. April wurde ein anderer Häftling, als er am Wassergraben Löwenzahnblätter pflücken wollte, vom Posten durch drei Schüsse niedergestreckt.40

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Doktor Wolken, diese Einzelfälle interessieren uns hauptsächlich in diesem Prozeß dann, wenn es sich um Personen handelt, die hier unter Anklage stehen. Und deshalb möchte ich Sie zunächst einmal fragen: Kennen Sie von den hier Angeklagten überhaupt irgendwelche persönlich?

 

Zeuge Otto Wolken:

Persönlich kenne ich – sollte, so muß ich eigentlich sagen –, sollte ich nur den Baretzki kennen. Ich habe ihn seit damals nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben ihn damals gekannt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Damals habe ich ihn persönlich gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er damals für eine Stellung eingenommen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Er war Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar von welchem Block?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, bitte, Blockführer, die waren jeweils eingeteilt. Bei uns im Lager wurde als Blockführer einer bezeichnet, der den Rapport abnahm bei einer Anzahl von Blocks, und die haben gewechselt. Einmal ist der gekommen, einmal ist ein anderer gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte denn nicht jeder Blockführer einen Block, für den er verantwortlich war?

 

Zeuge Otto Wolken:

Na, ich glaube, im ganzen Lager, in ganz Birkenau, also in BIIa, gab es ja nur drei Blockführer oder vier. Ich weiß es nicht, nun, und das sind acht Blocks

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, in ganz Birkenau.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in Ihrem Quarantänelager, wie viele Blockführer gab es da?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich meine, bei uns im Quarantänelager gab es ja nur drei oder vier.

 

Vorsitzender Richter:

Und war der Angeklagte Baretzki in Ihrem Quarantänelager Blockführer?

 

Zeuge Otto Wolken:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrem Quarantänelager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ihn kannte ich schon, weil er früher auch im d-Lager Blockführer war.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Lager?

 

Zeuge Otto Wolken:

In d, David.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

D, Dora. Ah, das war damals, wie Sie vorübergehend da untergebracht waren und nachher herausgelöst worden sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie kannten ihn persönlich und auch dem Namen nach, so daß eine Verwechslung gar nicht möglich ist. Nun weiter: Während der Zeit, wo Sie dort waren, das heißt also von Mitte 43 ab, da war zunächst dort der Angeklagte Boger in der Politischen Abteilung. Haben Sie von diesem Angeklagten etwas gehört oder gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, ich war ja ein kleiner Häftling, ich war ja nur ein Arzt dort

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

[unverständlich] wäre möglich gewesen

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich habe mit der Aristokratie des Lagers nichts zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ebenso befand sich dort der Angeklagte Dylewski. Der ist Ihnen auch kein Begriff?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ebenso befand sich dort der Angeklagte Broad.

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auch kein Begriff. Der Angeklagte Schoberth?

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. Dann war nun dort auch der Schutzhaftlagerführer Hofmann. Ist Ihnen das auch kein Begriff gewesen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Bitte, die Namen – wäre der Schillinger nicht erschossen worden, so hätte ich nicht einmal seinen Namen erfahren. Erst durch das Ereignis haben wir gewußt, es gibt einen Schillinger. Nach ihm kam ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja, das mag sein, und das glaube ich Ihnen auch, denn die Leute sind Ihnen ja nicht vorgestellt worden, das kann ich mir vorstellen. Nun

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Schwarzhuber, nach Schillinger kam Schwarzhuber.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann war dieser [...] Rapportführer Kaduk.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, den kannte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie nicht.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich muß mich jetzt allerdings ergänzen, ich glaube, unter den Angeklagten befindet sich auch Klehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, den kannte ich von der »Sauna« her.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wir werden gleich darauf zu sprechen kommen. Dann kommt Bischoff. Kannten Sie auch nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Dann Doktor Lucas?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Der war auch zu dieser Zeit nicht da, der kam erst 44 hin. Den Zahnarzt Doktor Frank?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dann Klehr. Da sagten Sie eben schon, was wissen Sie von Klehr?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, er war in der »Sauna«, also in der Desinfektion tätig. Und mit ihm gab es den Konflikt damals, weil ich behauptet habe dem Lagerarzt gegenüber, die Leute kommen verlaust an. Er hat das bestritten. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Wie gesagt, aus eigener Wahrnehmung – bitte, er war, sagen wir, berüchtigt im Lager als gefährlicher Bursche sozusagen –, aber aus eigener Wahrnehmung kann ich nichts aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Auch von Hörensagen nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Spezielle Sachen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ohne diese Bemerkung, daß er also gewissermaßen berüchtigt gewesen sei, können Sie uns da nichts

 

Zeuge Otto Wolken:

Kann ich nichts

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im einzelnen sagen. [...]

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

am nächsten Tag gesagt haben, daß auch der Angeklagte Baretzki sich dabei beteiligt habe und die Leute geschlagen habe und auch geschossen habe und daß durch dieses Schießen in dieser Nacht eine Anzahl von Leuten zu Tode gekommen sei. Eine genaue Zahl können Sie uns nicht nennen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber es war mehr als einer?

 

Zeuge Otto Wolken:

Mehr als einer. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns die Namen dieser SS-Leute nochmals nennen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es war der Kurpanik, es war der Baretzki, es war der Weiß und der Dargelis.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben Sie mit eigenen Augen gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun sagten Sie uns vorhin: Die ganze Sache spielte sich wohl ab am 4. Oktober 1943.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie haben dann gesehen, wie diese SS- Leute erstens auf diese Häftlinge mit Knüppeln einschlugen, daß dann jeder Häftling versuchte, diesen Schlägen zu entgehen, und daß daraufhin geschossen wurde.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, die versuchten, den Schlägen zu entgehen, und sind auseinandergestoben, und einzelne haben zu laufen begonnen.

 

Vorsitzender Richter:

Auseinandergestoben, ja, einzelne haben zu laufen begonnen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Begonnen, nicht wahr, da wurde also dann geschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen, daß der Angeklagte Baretzki bei dieser Gelegenheit auch geschossen hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Alle haben geschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen, daß auch der Angeklagte Baretzki geschossen hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Ja, es liegen 20 Jahre dazwischen. Und Sie fragen mich so dezidiert

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie müssen verstehen, Herr Doktor [...] Und eine Frage, die Sie vielleicht nicht sogleich verstehen können – ich weiß auch nicht, ob es eigentlich eine Zeugenfrage ist –, aber immerhin, ich möchte sie doch gestellt haben: Was war denn eigentlich der Sinn der Krankenbaracken – oder wie nannte man sie?

 

Zeuge Otto Wolken:

Krankenbaus.

 

Vorsitzender Richter:

Krankenbauten, ja. Was war denn der Sinn dieser Bauten? Ich habe jetzt so viel Widerspruchsvolles gehört, daß ich mir keinen rechten Sinn vorstellen kann. Die Leute meldeten sich krank, sie wurden in den Krankenbau eingewiesen. Sie wurden dort, wie Sie uns erzählt haben, nach Möglichkeit gepflegt, auch mit Medikamenten, soweit es möglich war, versorgt. Einige bekamen sogar Diätkost, denn wir haben von einem der Angeklagten gehört, daß eine Diätküche da war.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann wurden sie selektiert

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Und vergast.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was kann denn nun dann ein Krankenbau für einen Sinn gehabt haben? War es vielleicht der Sinn, nach außen hin oder bei Besichtigungen oder bei sonstigen Gelegenheiten

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

Ihre Zeit schon im Lager waren, die haben gewußt: In den Krankenbau hinübergehen, das bedeutet beschleunigter Tod, lieber dableiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Und dadurch hatten wir natürlich auch im Quarantänelager eine Anzahl von Kranken, weil wir auch stabiles Personal hatten, und die wollten nicht in den Krankenbau gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Doktor, ist noch folgendes zu sagen: Sie haben bei Ihrer Vernehmung dann weiterhin davon gesprochen, daß diese sogenannten »Hasenjagden« laufend aufgeführt wurden, und Sie haben einmal bei Ihrer Vernehmung geschätzt, daß circa 30 Häftlinge durch diese Dinge unmittelbar getötet wurden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sagten, ein großer Teil dieser Häftlinge sind nicht getötet, sondern weniger oder mehr schwer verletzt worden. Und Sie schätzen, daß auch von diesen Schwerverletzten etwa 90 Prozent noch gestorben seien.

 

Zeuge Otto Wolken:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dieser Gelegenheit haben Sie folgende Aussage gemacht, und zwar – schreiben Sie ins Protokoll: Vorhalt an den Zeugen aus seiner Vernehmung vom 14. November 1960, Blatt 6.94941 – da haben Sie folgendes gesagt: »Diese Feststellung ist von Bedeutung, da ich in der Folge Baretzki, Weiß, Dargelis und Kurpanik auch der schweren Körperverletzung mit Todesfolge beschuldigen muß. Ich bin dabei auch in der Lage, Namen und Häftlingsnummer der Betreffenden anzugeben.« 42 Bezieht sich diese Aussage auf das, was Sie uns geschildert haben a) bezüglich dieser elf Häftlinge und b) bezüglich dieser 184 Häftlinge, die damals verladen worden sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das bezieht sich auf den gesamten Komplex, der in dieser »Chronik des Lagers Auschwitz«

 

– Schnitt –

 

Verteidiger Gerhardt:

die Möglichkeit offen, daß auch andere Taten möglicherweise hier ihm vorgeworfen werden sollen. Eröffnet ist aber lediglich wegen diesem einen Vorgang. Ich wollte nur rein vorsorglich mal darauf hingewiesen haben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Rechtsanwalt

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Das war eigentlich das, was Sie hier zu sagen gewußt haben. Den Angeklagten Doktor Capesius, den haben Sie nicht gekannt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal in Wien mit einem Doktor Josef Mandel gesprochen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und?

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Doktor Josef Mandel ist heute Assistent am jüdischen Spital in Wien. Er ist Herzspezialist und stammt aus der Slowakei. Und er erzählte mir einmal so im Gespräch: »Weißt du, am meisten war ich erstaunt: Ich komme da in Auschwitz an, und auf der Rampe werden wir auswaggoniert, und auf einmal begrüßt mich jemand: ›Oh, Herr Doktor, Sie sind auch da?‹ War es der Capesius. Der war Vertreter der IG Farben in der Tschechoslowakei, also er kannte mich von daher.« Bitte, das ist die Erzählung. [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

[unverständlich] richtig. Nun, Herr Doktor Wolken, Sie selbst haben uns ja gesagt, daß Sie den Herrn Doktor Capesius nicht gekannt haben.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und daß Sie auch mit der Apotheke nichts zu tun gehabt haben direkt.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Wir haben unsere Medikamente im Krankenbau abgeholt. Das war ein Häftling, der sie ausgeteilt hat, und woher der sie hatte, über welche Wege, das wußte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also von ihm direkt wissen Sie nichts. Nun [Pause] hätte ich vielleicht noch eine Frage zu stellen. Aber ich glaube, die kann ich zunächst einmal zurückstellen, bis die übrigen Fragen gestellt sind. [Pause] Ja, doch noch eine Frage: Sie haben uns neulich einmal erzählt, Sie hätten zwar auch nach der Rampe ab und zu geschaut, aber zwischen Ihrem Standort und den Vorgängen auf der Rampe hätte praktisch der Zug gestanden, und Sie hätten sich darauf beschränken müssen, durch Lücken des Zuges oder unter dem Zug her sich einmal darüber zu vergewissern, was da passiert sei.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. [...] Bitte, ich möchte hier noch ergänzend sagen: Wir bekamen ja jeden Tag Leute ins Lager von der Rampe, und alle haben dasselbe erzählt. Also wir waren sozusagen durch die übereinstimmende Aussage aller Häftlinge, die zu uns ins Lager kamen, genau informiert über das, was dort draußen geschieht. Auch wenn wir es selber nicht gesehen haben, wir haben wohl viel gehört, sagen wir, Akustisches gewußt. Die Leute sind gekommen und haben erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wissen Sie auch etwas darüber, wer die sogenannten Selektionen an der Rampe gemacht hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das waren SS-Ärzte.

 

Vorsitzender Richter:

Woher wissen Sie das?

 

Zeuge Otto Wolken:

Na, die Leute haben es erzählt, da kommt ein Doktor

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Leute haben es erzählt. Wissen Sie, ob außer diesen SS-Ärzten auch noch andere Leute Selektionen durchgeführt haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht, gut. Dann will ich zunächst einmal die Fragen abbrechen und bitte den Herrn Staatsanwalt, seinerseits die Fragen an den Zeugen zu richten.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Doktor Wolken, würden Sie zunächst noch mal erklären, weshalb Sie überhaupt nach Auschwitz eingewiesen worden sind? Was war der Grund für Ihre Einlieferung in das Konzentrationslager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ich war ein Mitglied einer Gruppe von Sozialisten. Wir haben jetzt den 30. Jahrestag dieser Faschisierung Österreichs gehabt. Also wurde in Österreich, ein faschistischer Staat, die sozialdemokratische Partei, der ich angehört hatte, verboten, und die Arbeiterorganisationen wurden aufgelöst. Ich war der Gründer der österreichischen Arbeitersamariterbewegung. Ich habe überall Samaritergruppen gegründet, Vorträge gehalten und habe auch für den Republikanischen Schutzbund

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

ein illegaler Sozialist geworden. Ich war der Leiter einer solchen Gruppe von Illegalen. Und einige, oder ein, zwei von meinen Leuten, die haben halt nicht die Geduld aufbringen können zu warten, bis eine andere Zeit kommt. Sie haben sich den Nationalsozialisten zugewandt, nicht etwa aus ideologischen Gründen, sondern sie waren böse auf die faschistische Regierung in Österreich und haben geglaubt – und sie haben es mit Recht geglaubt, wie die Geschichte gelehrt hat –, man kann dann mit Hilfe der Nationalsozialisten in Deutschland denen heimzahlen, den Schwarzen, was sie uns getan haben. Und sie sind eben Nazi geworden. Und einer dieser Leute hat dann, wie die Nazis gekommen sind, verraten, daß ich eine Gruppe solcher Leute leite. Es war natürlich eine illegale Gruppe, einer hat den anderen nicht gekannt, nur ich hatte alle gekannt. Und man wollte halt von mir wissen, wer diese Leute sind. Man hat mich furchtbar gemartert und geplagt auf der Gestapo, bis mir dann jemand einmal einen Rat gegeben hat: »Geh, ich bitte dich, sag, du hast irgendwas angestellt. Sag, du hast gestohlen, sag irgendwas, damit Du wegkommst, damit Du zu einem Gericht kommst, denn dort geht es noch ordentlich zu bei einem Gericht, aber da auf der Gestapo bist du erledigt.« Da habe ich gesagt: »Nun gut, also ich habe die Krankenkasse betrogen.« Und daraufhin wurde ich ans ordentliche Gericht überstellt, die Sache wurde untersucht. Bei dieser Untersuchung meiner Krankenkassenverrechnung kamen auch einige Fruchtabtreibungen zutage, die ich mit der Krankenkasse ordnungsgemäß verrechnet habe aufgrund von Unterlagen, die da waren, und aufgrund von ärztlichen Zeugnissen. Trotzdem hat man mir dann den Prozeß gemacht und hat mich verurteilt. Die Kollegen, die die Atteste geschrieben haben, waren durchwegs arische Kollegen, die hat man nicht zur Verantwortung gezogen, sondern man hat einfach gesagt, das ist auf Gefälligkeitsgutachten gemacht worden. Und mein Einspruch gegen das Urteil wurde als offensichtlich mutwillig eingebracht abgelehnt. Und dazu kam dann noch – also nicht nur, daß ich politisch war –, ich war auch ein Jude. Und jetzt hat man mir was Kriminelles auch noch angehängt, und so kam ich eben...

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sind also als Schutzhafthäftling, also mit Schutzhaftbefehl ins Lager gekommen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja. »Der Obengenannte gefährdet durch sein Verhalten die Sicherheit von Volk und Staat und ist deshalb in Schutzhaft zu nehmen. Gezeichnet: Kaltenbrunner.«

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie bei Ihrer Einlieferung in Auschwitz nicht einer Selektion unterworfen worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

War ein kleinerer Transport wohl?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, nein. Es war so ein Sammeltransport.

 

Staatsanwalt Vogel:

Dann sind Sie zunächst in das Stammlager in Auschwitz in Quarantäne gekommen und dann sofort in das Quarantänelager

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Nein, dazwischen war ich in d.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, also zunächst in d. Wie lange etwa, wissen Sie das noch?

 

Zeuge Otto Wolken:

In d war ich circa fünf Wochen.

 

Staatsanwalt Vogel:

So daß Sie dann im Sommer 43 in das Quarantänelager kamen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist das richtig, ja? Sommer 43?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ende Sommer.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Und wie lange sind Sie dann dort geblieben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bis nach der Befreiung. Also es war so: Am 18. Jänner nachts, plötzlich um Mitternacht – wir hatten eine Nachtwache dort im Lager, der ist immer herumgegangen und hat von der Blockführerstube die Zeitung gebracht, wir waren abonniert auf diese Zeitung. Ich war immer um ein Uhr nachts dran, da habe ich die Zeitung bekommen und habe daraus die neuesten Nachrichten, soweit sie aus den deutschen Zeitungen zu erreichen waren, bekommen. Nun, kaum war er weg – nach einer halben Stunde holt er sich die Zeitung –, kaum war er weg, auf einmal ist um Mitternacht Gong. »Alles, alles aufstehen! Alle Pfleger und Ärzte sofort antreten!« Nun, ich bin auch aufgestanden und habe mich angezogen und dachte: Ja, was ist da los? [Pause]

Sind angetreten schon, Pfleger und Ärzte, und ich wollte mich zunächst einmal vergewissern, was los ist. Es war Fliegeralarm, das Lager war total dunkel, finster. Ich habe mich also da vorgeschlichen, dorthin, wo ich die Stimmen gehört habe, und habe dort im Licht von Taschenlampen SS-Leute gesehen, habe gesehen, wie sich dort Pfleger anstellen und Ärzte anstellen, wie sie gezählt werden. Und einer der SS-Leute hat geschrien: »Schnell, schnell, schnell! Soll ich euch Beine machen! Glaubt ihr, wir werden warten, bis die Russen da sind?« Da dachte ich: Aha, wenn es soweit ist, na, jetzt habe ich Zeit. Und habe mich also wiederum zurückbegeben in meine Unterkunft. Aber schon unterwegs, ich habe mich noch dort hinten aufgehalten, habe ich gehört, wie sie gezählt hatten bis 100: »Rechts um! Marsch!« und sind abmarschiert. Gut, um den Rest hat man sich nicht mehr gekümmert, die sind zurückgeblieben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber Sie erwähnten doch, daß Sie zwischenzeitlich auch in BIIf waren, oder hatte ich Sie da falsch verstanden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ach so, ja. Das Quarantänelager BIIa wurde am 3. November 44 aufgelöst – das heißt, aufgelöst am 1. November 43, und ich wurde nach f überstellt am 3. November 44 –, am 4 November 44, bitte entschuldigen Sie den Irrtum. Am 4. November 44 kam plötzlich noch einmal ein Transport von 990 Juden aus dem Lager Sered.43 Der hätte woanders hingehen sollen und ist irrtümlich nach Auschwitz gekommen. Jetzt wurden die wieder in das Quarantänelager gelegt. Und der Lagerarzt hat mich beauftragt, mit einigen Pflegern noch einmal hinüberzugehen und drüben zu bleiben, bis diese Leute wegkommen. Und da bin ich also noch bei denen drüben geblieben drei Tage und bin dann wieder zurück und war dann im Krankenbau BIIf, Block 12.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. War dieser Teilabschnitt BIIf als Häftlingskrankenbau zuständig nur für Birkenau, oder wurden dorthin auch Häftlinge aus anderen Nebenlagern eingewiesen? [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Es wurden von Monowitz Leute gebracht. Ob das die Regel war, weiß ich nicht. Aber wir hatten Leute aus Monowitz dort, und auch aus anderen Nebenlagern.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und kamen die dorthin, um gesundgepflegt zu werden, oder was war der Zweck ihrer Einlieferung?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, da muß ich dazu folgendes sagen: 1. November 1944 – vorangegangen ist der Aufstand im Oktober 44 im Krematorium III,44 und man hat begonnen, die Krematorien abzubauen. Man hat die Vergasungen eingestellt, man hat keine Selektionen mehr gemacht, alles war schon auf Abbruch vorbereitet. Zu der Zeit also kamen sie nur, um gepflegt zu werden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben BIIf erst kennengelernt nach dem 1. November 44, also zu einem Zeitpunkt, als die Vergasungsaktionen eingestellt waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Eingestellt wurden, ja. Ich war vorher auch öfters dort, weil ich ja meine Kranken hinüberführen mußte. Und wenn ich manchmal einen Spaziergang habe machen wollen, dann habe ich sie halt persönlich begleitet und habe nicht einen anderen geschickt. Und zu der Zeit, nicht, da war es ja bekannt, daß im Krankenbau fast alle 14 Tage die jüdischen Blocks ausgeräumt wurden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie erlebt, daß Häftlinge, die Sie beispielsweise dort eingeliefert hatten, nach ihrer Genesung auch wieder zu Ihnen zurückgekommen sind? Oder haben Sie von allen Häftlingen, die Sie nach BIIf begleitet haben, später nichts mehr gehört?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe von all diesen Leuten später nichts mehr gehört. Denn wenn jemand von diesen Leuten gesund wurde, seine Quarantänezeit um war, dann ist er ins Männerlager gebracht worden, falls er die Behandlung überlebt hat.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und woher wissen Sie, daß auch vor dem 1. November 44, als Sie noch nicht selbst dort waren, daß in dieser Zeit etwa alle 14 Tage eine Selektion im Häftlingskrankenbau durchgeführt wurde?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich bin ja sehr oft hinübergekommen und...

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie das selbst miterlebt?

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja, und da haben die Leute erzählt. Die Situation war ja so, daß sich die Leute gefürchtet haben, in die Ambulanz zu kommen zu uns. Also die, die schon länger da waren und die gewußt haben, was vorgeht, die haben sich nicht krank gemeldet, weil sie Angst gehabt haben, sie werden in den Krankenbau gestellt, und dort ist der Weg ins Gas. Dabei sind sie lieber im Lager geblieben unter der Masse. Bei so einer Selektion, die eine Minute dauert, wenn man sich ein bissel zusammenreißt und strammsteht, sieht man nicht, daß er Fieber hat, sieht man nicht, daß er krank ist, wenn er keine äußeren Zeichen hat, und er kann durchkommen. Wenn er aber dort liegt mit der Krankengeschichte Flecktyphus, dann war es aus. Also, die Leute haben sich versteckt, viele haben ihre Krankheiten verheimlicht, damit man sie ja nicht in den Krankenbau schickt. Und wir selber haben uns ja bemüht, soundso viele Leute – wenn nur eine Aussicht bestanden hat, sie im Lager zu behalten und ambulatorisch zu behandeln – gar nicht hinzuschicken, weil wir ihr Schicksal gekannt haben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gab es im Lager Birkenau befestigte Straßen, oder waren die auch nur festgetretener Lehm?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war festgetretener Lehm. Und wenn es geregnet hat, dann ist man in diesem Dreck mit den Füßen steckengeblieben, wenn man nicht wie ich öfters in die »Sauna« hinübergekommen ist, also dort, wo die Kleidungsstücke ausgegeben wurden: Dort war ein Wiener, ein gewisser Glaser, der Kapo, und zu dem habe ich gesagt: »Geh, ich bitte dich, schau, in was für Schuhwerk ich renn'!« Und der hat mir so ein Paar Kanadierstiefel gegeben, also mit denen habe ich schon treten können. Aber die, die in diesen holländischen Holzschlapfen nur – und das war ja die Lagerbekleidung – gegangen sind, wenn so ein Regenwetter war, die haben dauernd die Schuhe verloren. Die sind steckengeblieben im Dreck und wieder barfuß weitergegangen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Woraus bestand denn überhaupt die Bekleidung der Häftlinge?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die Bekleidung der Häftlinge bestand aus einem Hemd, einer Hose und einem Rock und einem Paar Holzschuhe.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das war alles?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Manche Transporte hatten Glück. Es waren die Holzschuhe ausgegangen, und da hat man ihnen ihre eigenen Schuhe gelassen. Bei mir in der Ambulanz war ein Arzt tätig, ein gewisser Doktor Mostowoy aus Brüssel. Und der hat das Glück gehabt, daß keine Schuhe da waren. Man hat ihm seine Schuhe gelassen, und er hat 200 Dollar in den Absätzen dringehabt. Und die hat er mitgebracht ins Lager und hat sich damit über Wasser gehalten.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es gab also keine Mäntel?

 

Zeuge Otto Wolken:

Mäntel? Nein. Wir hatten keine Mäntel.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie muß man sich also beispielsweise die Zustände vorstellen an einem regnerischen, kalten Novembertag? Die Häftlinge sind morgens zur Arbeit marschiert, nüchtern, haben tagsüber im Regen gearbeitet

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Bitte, ich weiß es nicht. Bei den Frauen erinnere ich mich, daß sie Mäntel, irgendwelche Mäntel gehabt haben, wenn sie da bei uns vorbeigezogen sind – wir haben sie ja gehen sehen. Ob das ihre Kleider waren oder ob das Mäntel waren, kann ich eigentlich heute nicht sagen. Ob die Arbeitskommandos, die draußen waren, [+ Mäntel hatten, kann ich nicht sagen,] denn vom Quarantänelager sind keine Arbeitskommandos hinausgegangen. Aber ich glaube, es existierten Mäntel. Aber ob sie alle Kommandos gekriegt haben, das kann ich heute mit Sicherheit nicht sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Dann kamen sie vom Arbeitskommando zurück. Gab es dann überhaupt irgendeine Möglichkeit, ihre Kleidungsstücke zu trocknen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. [...]

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich muß ja schließlich und endlich einmal die Pinzetten auch auskochen können und die Scheren auskochen können, und da brauche ich ein bissel Holz, damit ich...

 

Staatsanwalt Vogel:

Es ist jedenfalls so: Die Häftlinge kamen, wenn es geregnet hatte, naßgeregnet in die Baracken, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu trocknen oder aufzuwärmen, und schliefen dann in den Baracken, die, wenn es durchregnete, genauso morastig waren wie draußen die Straße selbst.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja, es gab ja kein Taschentuch, es gab kein Handtuch...

 

Staatsanwalt Vogel:

Das muß doch – konnten Sie als Arzt in dieser Richtung etwas feststellen –, das muß doch fast zwangsläufig zu Lungenentzündungen geführt haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ich habe mich ja hauptsächlich nach der Befreiung mit den medizinischen Aspekten dieses Lagerlebens befaßt. Und ich habe, nachdem es mir geglückt war, meine Totenbücher und meine Ambulanzbücher zu retten, aus diesen Büchern einmal einen Auszug gemacht und versucht, das zu kategorisieren und zu klassifizieren, um einmal zu sehen, wohin wir da kommen. Und da sind die Lungenentzündungen als eine sehr, sehr große Anzahl bei den Kranken [+ vorgekommen]. [Pause]

 

Staatsanwalt Vogel:

Welche Möglichkeiten hatten Sie als Arzt, die Lungenentzündungen zu behandeln?

 

Zeuge Otto Wolken:

Praktisch keine.

 

Staatsanwalt Vogel:

Keine.

 

Zeuge Otto Wolken:

Praktisch keine. Und wir mußten das in den Krankenbau überstellen. Penicillin hatten wir nicht, und Sulfonamide hatten wir nur zu wenig. Und im Krankenbau hat es auch nicht genug gegeben. Es war mehr der Körperkraft des einzelnen überlassen, ob er es überlebt oder ob er es nicht überlebt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie uns auch etwas sagen aus Ihrer damaligen ärztlichen Erfahrung heraus über Psychosen innerhalb des Lagers?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Psychotisch Kranke hatten wir eine ganze Menge. [Pause] Ich habe hier sogar einen Kommentar zu den Kranken, und ich weiß, Sie beziehen sich auf diese Arbeit, die ich darüber geschrieben habe.45 Ich habe es nicht mehr ganz in Erinnerung, denn ich habe mich leider – oder sagen wir, Gott sei Dank – seither nicht mehr befassen müssen mit diesen Dingen. [Pause] Es kam immer wieder vor, daß Leute Tobsuchtsanfälle bekamen, Schreianfälle. Es kamen auch oft Geisteskranke direkt hinein ins Lager, namentlich von den polnischen Transporten, die ja nicht selektiert wurden, oder von den russischen Transporten, die nicht selektiert wurden. Da kamen diese ins Lager, und die sind aber meistens erschlagen worden nach nicht allzu langer Zeit. Denn er hat ja keine Tafel gehabt: »Ich bin geistesgestört«. Er hat halt immer wieder die Ordnung gestört und ist halt so lange geprügelt worden [Pause] bis er kaputt war.

 

Staatsanwalt Vogel:

Zu der Frage des Gesundheitszustands der Häftlinge erwähnten Sie – ich hatte das wörtlich mitgeschrieben: »Die Ärzte bemühten sich redlich, den Häftlingen zu helfen.« Ich verstehe Sie doch wohl richtig, daß es sich hierbei nur um Häftlingsärzte gehandelt hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, die Häftlingsärzte, wir. Ich bin mit meinen Leuten, mit meinen Ärzten in der Ambulanz sehr, sehr streng gewesen. Und meine Ärzte bei mir in der Ambulanz haben von sieben Uhr früh bis zehn Uhr bei Nacht gearbeitet, um ja nur zu retten, was zu retten geht, um möglichst intensiv vorzubeugen, vorzubauen. Es war wohl die Läusekontrolle zweimal wöchentlich verlangt. Wir haben jeden zweiten Tag Lauskontrolle gemacht. Wir haben die Blöcke in zwei Gruppen eingeteilt, und es wurde Mann für Mann durchuntersucht, um jede Laus zu finden, derer wir habhaft werden konnten. Die Leute, die verlaust waren, wurden sofort in die »Sauna« geführt, sofort zur Desinfektion gebracht und wieder dann zurückgebracht ins Lager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wenn das ausschließlich Aufgaben der Häftlingsärzte waren, was hatte denn der SS-Lagerarzt eigentlich zu tun?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nun ja, der SS-Lagerarzt ist auf einen Sprung reingekommen, hat sich Bericht erstatten lassen. Ansonsten hat er sich hauptsächlich nur für die Selektionen [+ interessiert], da hat er sich länger im Lager aufgehalten, wenn eine Selektion war. Aber sonst war er nur sprungweise da, und er hat die Meldungen entgegengenommen. Bitte, er hat schon mal, wie ich ihn darauf hingewiesen habe damals bei den Lublinern – ich weiß nicht, wieviel Arbeit damit verbunden war – die fahrbare Desinfektionsanlage besorgt, daß die bei uns im Lager war. Aber sonst konnte ich über die Funktion des SS-Arztes eigentlich wenig sagen. Die Arbeit haben wir gemacht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Jedenfalls keine medizinisch-ärztliche Tätigkeit?

 

Zeuge Otto Wolken:

Keine medizinisch-ärztliche.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sind die Selektionen im Häftlingskrankenbau nach bestimmten Gesichtspunkten durchgeführt worden, das heißt, wurden sie in festen Zeitabständen abgewickelt oder dann, wenn der Häftlingskrankenbau als überfüllt angesehen wurde? Gab es bestimmte Krankheiten, die automatisch gewissermaßen die Vergasung zur Folge hatten, oder können Sie irgend etwas dazu noch sagen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte, darüber kann ich nichts sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie nichts sagen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Bevor ich in den Krankenbau kam, da habe ich mich ehrlich gesagt für die Rhythmik nicht interessiert. Ich habe gewußt, dort sind sie viel, viel häufiger wie bei uns, und wahrscheinlich war es immer dann, wenn der Stand zu groß war. Das ist aber wohl eine Annahme, die ich durch nichts belegen kann.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nicht aus eigener Wahrnehmung?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es ist die Wahrscheinlichkeit. Also aus eigener Wahrnehmung kann ich es nicht sagen. Bei uns sind die Selektionen unangesagt gewesen. Zu bestimmten Zeiten ist eine Selektion gemacht worden, aber das war meistens bei uns überraschend. Das war nie vorher angekündigt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das war im Quarantänelager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, im Quarantänelager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gab es überraschende Selektionen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, aber dort nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie erwähnten die Vergasung der Familienlager, der Theresienstädter Lager. Da habe ich Sie doch richtig verstanden, da wurde das Lager insgesamt ermordet. Oder wurde da auch eine Selektion vorher noch durchgeführt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Es sind zwei Transporte gekommen, in Abständen von drei Monaten. Und nach sechs Monaten, und genau auf den Tag sechs Monate, ist der gesamte erste Transport ins Gas gegangen. Ohne Selektion, ohne irgend etwas. Es waren prachtvolle Menschen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und Sie haben von diesem Vorgang dadurch erfahren, daß die Häftlinge aus dem Theresienstädter Lager zunächst für einige Stunden gewissermaßen zu Ihnen ins Quarantänelager und von dort aus zu den [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Für einen ganzen Tag sind sie zu mir gekommen. Sie sind vom Theresienstädter Lager herausgebracht worden und sind zu mir gekommen. Bei mir wurden sie erst aufgeteilt: die Kinder auf bestimmte Blocks, die Frauen auf bestimmte Blocks, und die Männer auf bestimmte Blocks. Denn dort haben sie ja durcheinander gelebt, und da sind sie also jetzt einmal aufgeteilt worden. Und dann am nächsten Tag bei Nacht sind die Lastautos gekommen.46

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie noch eine ungefähre Vorstellung, wie viele Lkws an dieser Aktion beteiligt waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die sind hin- und hergefahren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das war ein ständiges Kommen und Gehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Aber da waren immer fünf, sechs dabei, der Weg ist ja nicht so weit, die sind hin- und hergekommen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und können Sie irgendwelche Namen noch nennen von SS-Angehörigen, die bei der Liquidierung dieses Lagerabschnitts beteiligt waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie keine Namen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß damals, wie dieses Theresienstädter Lager liquidiert worden ist, sehr viel SS ins Lager gekommen ist. Ich glaube, da haben sie die ganzen Blockführer, die verfügbaren Blockführer aus allen Lagerabschnitten [+ herangezogen]. Das war ja schon nach dem Appell, bei Nacht, also die Tore waren geschlossen, die Wachtürme waren besetzt. Und es sind damals meines Wissens nach nicht nur die gesamten in Birkenau verfügbaren Rapportführer und Blockführer beteiligt gewesen, sondern man hat auch aus dem d-Lager und auch aus unserem Lager willfährige Blockälteste – es hat ja eine Reihe solcher gegeben, die hauptsächlich mit der SS zusammenarbeiteten und gegen die Häftlinge –, die hat man alle herangezogen für Absperrungsdienste und Sicherungsmaßnahmen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie erwähnten bei Ihrer Vernehmung am Montag, daß bei der Essensausgabe immer viel zu wenig Eßnäpfe und Eßlöffel für die Häftlinge da waren, so daß schon aus diesem Grund ein großes Gedränge unter den Häftlingen entstand und nicht alle gleichzeitig ihr Essen erhalten konnten.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist es richtig, daß bei der Befreiung des Lagers im Magazin große Mengen von Eßnäpfen und Eßlöffeln vorgefunden wurden, die aber nicht an die Häftlinge ausgegeben worden waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ich war erstaunt: Einige Tage nach der Befreiung wurde das gesamte Birkenauer Krankenrevier nach Auschwitz I verlegt. Und ich wurde beauftragt – dort war ein großes Gebäude – in diesem Gebäude Nachschau zu halten für Desinfektionsmittel und Entlausungsmittel. Das war ein riesiges Magazin. Da gab es diese Trägerbaumspritzen, die auch für Desinfektionszwecke zu verwenden waren, diese tragbaren Kübelspritzen, zu Dutzenden, schön aufgestapelt, Eßgeschirr, Eßlöffel. Wie die Russen da waren, haben wir überhaupt keinen Mangel an Eßgeschirr gehabt, die haben lauter neues Geschirr gehabt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hatten Sie nach Ihrer eigenen Anschauung nach der Befreiung des Lagers den Eindruck, daß es der Lagerverwaltung möglich gewesen wäre, aus diesen Magazinbeständen jedem Häftling sein eigenes Eßgeschirr zukommen zu lassen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber das war nicht der Fall?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es war genügend vorhanden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber die SS hat das nicht gemacht.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Da hat sich niemand drum gekümmert.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Ich habe hier zwei Fotografien47. Sehen Sie sich die bitte mal an und sagen Sie dem Gericht, ob es sich hier um die Waschbaracke oder um eine Waschbaracke und eine Latrine in Birkenau gehandelt hat.

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Das ist eine Latrine. Und das da, hier, das dürfte die Waschbaracke im f-Lager gewesen sein, denn die hat einen Steintrog gehabt und einen [unverständlich]. Das dürfte aus dem f-Lager die Waschbaracke gewesen sein. Aber unsere Waschbaracken haben anders ausgeschaut, denn da waren drei Holztröge, genau in derselben Adjustierung. Und genau so war es auch bei den Klosetts.

 

Staatsanwalt Vogel:

Geben Sie es bitte dem Gericht. [Pause] Sie hatten zu Beginn oder im Anfang Ihrer Vernehmung den »Sport« im Lager erwähnt. Nach der Darstellung einiger Angeklagter hier hätte der Eindruck entstehen können, daß es sich bei diesem »Sport«, bei diesem sogenannten Sport, um eine mehr oder weniger freiwillige Freizeitgestaltung der Häftlinge gehandelt hat, mit dem Ziel, durch, wie einer formuliert hat, rhythmische Bewegung den Körperkreislauf ein bißchen anzuregen. Ist das richtig?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das stimmt nicht. Der »Sport« war eine Strafmaßnahme.

 

Staatsanwalt Vogel:

War Strafmaßnahme.

 

Zeuge Otto Wolken:

War eine Strafmaßnahme. Und bei dem »Sport« sind die Leute über das Umfallen hinaus gequält worden. Über das Umfallen hinaus. Sie mußten hüpfen, sie mußten sich hinwerfen, sie mußten wieder aufstehen, sie mußten laufen, sie mußten springen, sie mußten wieder hüpfen in der Kniebeuge, und wer nicht mitkonnte, der wurde mit den Stiefeln getreten: »Vorwärts!« Jeder bemühte sich, der erste zu sein, nur, damit er nicht von hinten hineingetreten wird.

Gegenüber der Küchenbaracke war ein Löschteich. Der war angelegt worden, damit man Löschwasser zur Verfügung hat. Und nachdem Auschwitz eine Malaria-Gegend war, so wurde der mit Schweinfurter Grün bestäubt, damit die Malaria, die Anopheles, sich dort nicht einnisten kann. Und es war meistens so, daß die Häftlinge vom »Sport« dann hineingetrieben wurden in diesen Löschteich, aus dem Löschteich wieder hinaus, sich wälzen mußten auf der Straße und wieder springen mußten. Und so ein »Sport« dauerte sehr, sehr lange, und die Leute waren fertig. Ich erinnere mich beispielsweise, daß der Hellwink, der war Schreiber in der Schreibstube, bei so einem »Sport«, der von Weiß angeordnet wurde, den Tod fand. Da hat der sich alle Schreiber ausgesucht, inklusive dem Schreiber der Ambulanz, das war ich, und wir mußten da diesen »Sport« machen. Und wir hatten einige Nichtschwimmer unter uns. Und dieser Löschwasserteich war doch tiefer, ich glaube, etwas über zwei Meter, und die konnten nicht schwimmen. Und wir mußten uns also bemühen, trotzdem wir selbst entkräftet waren und uns kaum halten konnten, die auch noch mitzuschleppen und in der Luft zu halten, daß sie uns nicht ersaufen, nicht wahr.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das war also der »Sport« in Birkenau, ja?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war der »Sport«.

 

Vorsitzender Richter:

Darf ich da gerade mal eine Zwischenfrage stellen? Glauben Sie, daß es überhaupt einen einzigen Häftling gegeben haben kann bei der dortigen Ernährung und dem Gesundheitszustand im allgemeinen, der den Wunsch gehabt hätte, Sport zu treiben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, es gab Häftlinge, und zwar die Blockältesten, die Kapos, die waren gut genährt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, die meine ich jetzt nicht.

 

Zeuge Otto Wolken:

Wir haben sogar einen Fußballplatz gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also die meine ich jetzt nicht.

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja, die Häftlinge nicht. Nein, die waren froh, wenn sie sich auf den Beinen halten konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Das meine ich doch. Denn uns hat ein Angeklagter hier gesagt, die Häftlinge hätten den »Sport« aus eigenen Stücken und aus freiem Willen zu ihrer körperlichen Ertüchtigung betrieben. Ich meine, von einer solchen Aussage kann man meines Erachtens nicht allzu viel halten.

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Das kann nur ein Witz sein.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Zu den Vergasungen haben Sie erwähnt, daß zumindest zeitweise nicht nur jüdische Häftlinge vergast wurden, sondern auch arische Häftlinge.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie noch in etwa eine Zeitangabe machen, wann sich das geändert hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Ja

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Oder wollen wir so sagen: Sind zunächst durchweg jüdische und sogenannte arische Häftlinge, die dann sowohl Polen als auch deutsche Häftlinge umfaßten oder französische, holländische, sind alle diese Häftlinge vergast worden? Und hat sich das später geändert, oder wie hat sich das verhalten?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte, ich kann das jetzt natürlich nur von meiner Tätigkeit bei der polnischen Untersuchungskommission her sagen. Zu der Zeit, als ich nach Auschwitz kam, wurden, sagen wir mal

 

– Schnitt –

 

Zeuge Otto Wolken:

Vor allem einmal zu Beginn der Vergasungen, die Probevergasungen, da wurden arische Häftlinge

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Darf ich noch eine Zusatzfrage [+ stellen]: Bei den Selektionen im Häftlingskrankenbau oder bei Ihnen im Quarantänelager wurden Häftlinge zur Vergasung ausgesucht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wurde bei dieser Gelegenheit ein Unterschied gemacht, ob es sich um einen jüdischen oder um einen sonstigen Häftling handelt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Wie hat sich das ausgewirkt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Im Krankenbau waren die Häftlinge auf jüdische und nichtjüdische Blocks verteilt, in der Quarantäne bei uns nicht, da war es gemischt. Aber im Krankenbau, da gab es nur jüdische und nichtjüdische Blocks. Und die Häftlinge in den nichtjüdischen Blocks, die sind nicht zur Selektion gegangen, und die in den jüdischen Blocks, die sind zur Selektion gegangen. Und es hat Leute gegeben, denen es geglückt ist, sich als Arier zu tarnen. Und die sind in so einen nichtjüdischen Block hineingekommen und haben dort überlebt. Als Arier.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und was geschah denn mit den schwerkranken nichtjüdischen Häftlingen, beispielsweise mit Typhuskranken?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, aus den Erzählungen meiner Kameraden weiß ich, daß solche Leute »gespritzt« wurden, wie man es genannt hat. Die bekamen Phenolinjektionen ins Herz und Benzininjektionen, Petroleuminjektionen. So hat man die beiseite geschafft, früher. Und später hat man halt gewartet, daß sie sterben oder nicht sterben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber das beruht, was Sie eben gesagt haben, in erster Linie auf Erzählungen Ihrer Mithäftlinge?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, so wie ich es eingangs erwähnt habe.

 

Staatsanwalt Vogel:

War die Rampe im Lager Birkenau bereits fertiggestellt, als Sie in das Lager Birkenau kamen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, da war die Rampe schon fertig.

 

Staatsanwalt Vogel:

Da war sie schon in Betrieb.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, die war schon in Betrieb.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie – das ist eine Frage, die natürlich sehr schwer zu beantworten wäre, selbst wenn Sie noch eine sehr frische Erinnerung hätten –, aber können Sie irgendwelche Zahlenangaben machen, wie oft etwa Transporte dort ankamen, wie stark diese Transporte im Durchschnitt waren und welcher Prozentsatz dieser Transporthäftlinge in das Lager aufgenommen und wieviel dann vergast wurden? Oder können Sie das aus der damaligen Erinnerung heraus nicht sagen?

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Aus der damaligen Erinnerung heraus kann ich es nicht sagen. Aber ich habe vor mir die von mir selbst gemachte Quarantäneliste.48 Ich habe ja erwähnt, ich mußte für den Lagerarzt eine Evidenz halten, welche Transporte quarantänefrei sind, welche nicht. Ich mußte die Transporte impfen gegen Typhus, also die drei Typhusimpfungen vornehmen, und habe daher eine Liste führen müssen, damit ich weiß, der Transport ist an dem Tag gekommen, an dem hat er die erste Typhusimpfung, an dem die zweite, die dritte. Ich mußte wissen, wie viele Leute es waren, weil ich es dem Lagerarzt melden mußte. Und ich habe mich natürlich bei all diesen Leuten immer erkundigt: »Na, wie viele wart ihr denn auf dem Transport?« und so weiter. Und daraus ergibt sich eine Durchschnittszahl von 22 Prozent, die ins Lager kamen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Diese Zahl haben Sie errechnet aufgrund Ihrer damals geführten Aufzeichnungen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, das bezieht sich auf die Männer des Transports.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nur auf die Männer

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Bei den Frauen, glaube ich, ist der Prozentsatz viel, viel schlechter, zahlenmäßig, weil vor allem einmal die Kinder prinzipiell ins Gas gingen. Also da sind die Frauen mit all den Kindern mitbelastet. Dort wird der Prozentsatz derer, die ins Lager kommen, vielleicht sogar auf zehn absinken.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sind eigentlich alle Häftlinge tätowiert worden, die nach Auschwitz kamen? Oder wurde da auch ein Unterschied gemacht zwischen jüdischen und...

 

Zeuge Otto Wolken:

Ursprünglich wurden alle Häftlinge tätowiert. Später hat man reichsdeutsche Häftlinge nicht tätowiert, aber nur reichsdeutsche Häftlinge; alle anderen, Polen, Franzosen, Belgier, Spanier, Rumänen, Russen, alle sind tätowiert worden. Die russischen Kriegsgefangenen wurden auf der Brust tätowiert, die anderen wurden am Unterarm tätowiert. Erst dann, wie die großen Ungarn-Transporte kamen, das war im Sommer 44 – die Ungarn-Transporte begannen im Mai 44, da begann diese »Aktion«, und im Sommer 44 war der Höhepunkt –, da kam die Politische Abteilung nicht mehr nach, und man wußte nicht, wo die Leute hin abgestellt werden, die Arbeitsfähigen. Es fehlten ja auch in Deutschland damals schon Arbeitskräfte. Man hat also geschaut, daß man auch Deutschland mit Arbeitskräften versorgt, und es gingen Transporte ungarischer Juden hinaus ins Reich. Und nachdem man vielfach nicht gewußt hat, wo die jetzt hinkommen werden – Sachsenhausen hat seine eigene Numerierung beispielsweise gehabt –, so hat man die nicht numeriert, sondern die hat man unnumeriert weitergeschickt. Und die scheinen auch nicht in Nummern und so weiter auf. Diese Unnumerierten, die waren in dem vormaligen – damals existierte es ja nicht mehr –, vormaligen Zigeunerlager untergebracht. Die waren nicht numeriert. Im Dezember 44 wurde dann der gesamte Rest der noch im Lager befindlichen noch nicht Tätowierten nachtätowiert mit den Nummern der Serie B-20.000 und weiter.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie noch, wann die Wachtürme besetzt waren oder besetzt wurden? Das heißt, standen die Posten Tag und Nacht auf den Türmen, oder wurde tagsüber die Wache eingezogen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Tagsüber wurde die Wache eingezogen, die sind erst immer wieder gegen Abend gekommen zum Appell. Wenn der Appell war, sind die gekommen und haben die Wachtürme besetzt, denn nach dem Appell ist das Lager abgesperrt worden. Die für das Lager zuständigen Blockführer, Rapportführer sind weggegangen. Es blieben nur vorne in der Blockführerstube ein Nachtdienst und die Posten auf den Türmen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und war der Stacheldrahtzaun auch Tag und Nacht unter Strom gestanden oder auch

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Der war Tag und Nacht unter Strom.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und zwar der Stacheldrahtzaun um das Gesamtlager? Oder auch die Drahtzäune zwischen den einzelnen Teillagern?

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch die Drahtzäune zwischen den einzelnen Teillagern. Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das wissen Sie noch sicher?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das weiß ich sicher, denn es sind ja oft Häftlinge freiwillig an den Draht gegangen und haben ihrem Leben ein Ende gemacht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Auch tagsüber?

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch tagsüber. Die sind hingegangen. Und einmal ist ein Unglücksfall passiert. Ich hatte einen sehr netten jungen Mann, einen Pfleger, bei mir in der Ambulanz, und sein Bruder war in der Küche tätig. Und der hat ein Mädel drüben gehabt im b-Lager und wollte dem Mädel unter dem Draht etwas durchschieben zum Essen. Und es war kotig, und er ist ausgerutscht und fiel an den Draht. Und er war tot. Das war bei Tag.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, diese Tatsache spielt in anderem Zusammenhang eine Rolle. Und einer der Angeklagten hat zum mindesten früher mal behauptet, tagsüber hätte der Draht nicht unter Strom gestanden. [Pause] Können Sie uns etwas sagen, wie die Totenbücher geführt wurden? Es gab in Auschwitz zunächst mal ein eigenes Standesamt. Ich möchte nur von Ihnen wissen, was Sie aus eigener Wahrnehmung darüber sagen können. War das auch zuständig für Birkenau oder nur für das Stammlager? Oder können Sie darüber nichts sagen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, das gehört schon in die Administration hinein. Und mit der Administration habe ich nichts [...] zu tun gehabt. Bei mir war es nur so: Ich habe ein Totenbuch geführt, ich persönlich, für mein Lager. Dort ist jede Leiche, die angefallen ist, eingetragen worden: Häftling Nummer soundso viel, Name soundso, gestorben, und die Todesursache, wenn ich sie niederschreiben durfte. Die Todesursache, Schluß. Und dann kam der Leichenschreiber, dieser Neumann, den ich schon einmal erwähnt habe. Der graste alle Lager ab. Der übernahm bei mir am Vormittag, ließ sich das Totenbuch vorlegen, schrieb die Namen hinaus, die er gebraucht hat, also das heißt die Namen, die in Frage kamen, gab mir das Buch zurück, ging dann hinauf auf die Schreibstube und ließ auf der Schreibstube – also auf der Lagerschreibstube, also jedes Lager war ein eigener Verwaltungskomplex –, ging hinauf in die Schreibstube meines Lagers und hat gesagt: »So, bitte schön, die sind aus dem Stand zu nehmen.« Die sind vom Stand abgeschrieben worden. Und diese Leute, die er abgezeichnet hat, die aus dem Stand genommen wurden, die wurden dann um zwölf Uhr nachts vom Leichenauto geholt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und jedes Teillager hat seine eigene Lagerstärke geführt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Können Sie sich erinnern, ob bei d er Befreiung des Lagers von den Russen ein Film gedreht worden ist?49

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie diesen Film selbst mal gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Den Film selbst habe ich nicht gesehen. Ich habe einmal ein Bild bekommen aus diesem Film, wo ich drauf bin.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie selbst drauf?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das eine russische Propagandakompanie, oder wie ist das damals gelaufen? Oder wissen Sie das nicht so genau?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das war so: Die Russen sind gekommen, haben sich das Ganze angeschaut, und dann haben sie die ganzen Häftlinge, die sie dort vorgefunden haben – die sind alle beieinander gestanden –, und da haben sie eine Kamera aufgestellt und gesagt: »So, und jetzt kommt einmal da her, damit wir euch der Reihe nach haben. Weil wir wollen, daß eure Angehörigen irgendwas von euch erfahren, daß Ihr noch am Leben seid.« Und wir sind nicht reihenweise, [+ sondern] in einer ziemlichen Unordnung an der Kamera vorbeimarschiert, und die haben das gekurbelt. Aber mehr ist nicht gemacht worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sind jüdische und andere Häftlinge in Auschwitz im wesentlichen gleich behandelt worden, oder gab es da grundsätzliche Unterschiede in der Behandlung dieser Häftlingskategorien?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nun ja, Unterschiede gab es schon. Zunächst einmal: Polnische Häftlinge, französische Häftlinge, die durften von zu Hause Lebensmittelpakete bekommen von Zeit zu Zeit und konnten sich also etwas zubessern.

 

Staatsanwalt Vogel:

Jüdische Häftlinge durften keine Pakete empfangen.

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Für die jüdischen Häftlinge gab es so etwas nicht. Die konnten dies nicht bekommen, auch die russischen Häftlinge nicht. Die Russen und die Juden waren in der Beziehung gleichgestellt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie erwähnten heute vormittag, daß Sie einmal kurz davor standen, in die Strafkompanie eingewiesen zu werden. Sie waren aber nicht selbst in der SK drin und können auch über die Zustände in der Strafkompanie aus eigener Wahrnehmung wohl keine Angaben machen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, aus eigener Wahrnehmung kann ich nichts machen. Aber ich kann dem Gericht namhaft machen einen Pfleger, der bei mir in der Ambulanz Dienst hatte, Franz Piechowiak. Ich glaube, er wohnt jetzt in Gleiwitz. Er machte gemeinsam mit einem Arzt meiner Ambulanz, Doktor Wagschal, und einem dritten Häftling einen Ausbruchsversuch. Das heißt, es gelang ihnen, aus dem Lager herauszukommen. Und zwei Tage später, sie waren schon weit weg von Auschwitz, da haben sie geglaubt, sich bei Nacht sicher fühlen [+ zu können]. Es war gerade Fliegeralarm, und da sind sie also ruhig auf der Straße gegangen – jetzt wird ja niemand auf der Straße sein – und da sind sie einer SS-Streife in die Hand gefallen, sind nach Auschwitz zurückgebracht worden. Wagschal und Kenner, die Juden waren, wurden nach furchtbaren Martereien aufgehängt. Piechowiak kam in das »Sonderkommando«, und ich habe ihn vor drei Jahren, 61, in Warschau bei einer Zusammenkunft getroffen und mich gefreut, daß er das doch überlebt hat. Der kann genau sagen, wie es dort zugegangen ist.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie sind denn die Häftlinge im allgemeinen durch SS-Leute angeredet worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

»Du.«

 

Staatsanwalt Vogel:

Mit »du«. Mit dem Namen, mit dem Vornamen oder mit der Nummer?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, wenn er von ihm den Namen gewußt hat, der SS-Mann, dann hat er ihm den Namen gesagt. Ebenso wie der Durchschnittshäftling den Namen des SS-Mannes nicht gewußt hat, so hat der SS-Mann den Namen des Durchschnittshäftlings auch nicht gewußt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie mußten Sie sich denn melden, wenn Sie zu einem SS-Mann in irgendeinen dienstlichen Zusammenhang gekommen sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

»Häftling Nummer soundsoviel meldet.«

 

Staatsanwalt Vogel:

Eben. Sie mußten sich mit Ihrer Nummer melden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Wenn ich zum Beispiel hinausgegangen bin mit Kranken hinüber in den Krankenbau, so mußte ich nach vorn gehen. Also da war dann das Gittertor. Bei dem Gittertor stand ein SS-Posten, da bin ich durchgegangen, und dort war außerhalb eine Baracke, die hieß die Blockführerstube. Dort mußte ich strammstehen und melden: »Häftling 128.828 mit sechs Mann nach BIIf.« Das ist dann dort eingetragen worden, und ich bin dann weitergewandert, und

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Gut, das genügt, Herr Doktor Wolken. [...] Sie erwähnten bei Ihrer Vernehmung einmal, daß Sie nach der Befreiung des Lagers Büchsen mit Zyklon B entdeckt haben, und zwar mit Warnstoff und ohne Warnstoff.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie noch, wo die Büchsen gelagert waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, die waren in einem Magazin in Auschwitz I.

 

Staatsanwalt Vogel:

Beim Stammlager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Beim Stammlager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie noch, wo dort?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die Stellen sind fotografiert worden, und im Auschwitz-Museum

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja, sicher, aber wir wollen ja heute von Ihnen

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Oder beim polnischen Gerichtsakt muß sich das finden. Und ich selber habe keine Notiz darüber gemacht.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Gut. Also Sie wissen heute nicht

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Und ich kann mich heute nicht mehr erinnern, wie diese Stelle geheißen hat, wo wir das gefunden haben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Wo haben Sie erstmals den Baretzki kennengelernt? Als Blockführer im Quarantänelager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Im d-Lager, im Arbeitslager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie waren im Arbeitslager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und später [+ haben Sie ihn]dann wieder im Quarantänelager getroffen, so daß Sie ihn an sich relativ gut gekannt haben. [...]

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Denn das erstreckt sich ja dann wohl über längere Zeit.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja. [Pause]

 

Staatsanwalt Vogel:

Wegen des Vorfalls am 4. Oktober 1943, die sogenannte Hasenjagd auf Häftlinge des Lemberger Transports, wurden Sie vom Herrn Vorsitzenden gefragt, ob Sie gesehen haben, daß Baretzki selbst geschossen hat. Sie haben dann gesagt: »Ich habe keinen SS-Mann gesehen, der nicht geschossen hat.«

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wollen wir also noch mal zurückgehen. Haben Sie gesehen, daß der Baretzki dabeistand?

 

Zeuge Otto Wolken:

Der Baretzki war dabei. Und sie haben alle geschossen. Aber in so einem Wirbel... Wenn man mich jetzt dezidiert fragt: »Haben Sie gesehen, ob er gezielt hat? Haben Sie gesehen, wie er das gemacht hat?«, muß ich sagen: »Nein«. Denn in so einem Wirbel – alle haben sie geschossen. Es war ein Schießen, man war selber aufgeregt, dem allem zuzuschauen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es war ja keine unübersehbar große Zahl von SS-Leuten. Wissen Sie noch, wie viele ungefähr?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es waren viere, glaube ich, dort. Vier.

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

[unverständlich] gegen die Art der Befragung einwenden. Die Frage kommt ja so, daß der Zeuge nur noch »Ja« zu sagen braucht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das kürzt das Verfahren ab.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja – nein. Sie können dem Zeugen die Antwort nicht in den Mund legen. Sie können ja nicht sagen: Es war doch so, es war doch übersichtlich. Sie müßten doch allenfalls sagen: War es übersichtlich? Gut, das ist meine Auffassung.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Das hatte er ja schon gesagt. Es ging nur um die eine Frage. Also bitte: Haben Sie gesehen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Diese Frage ist im übrigen schon von dem Zeugen vorhin beantwortet worden. Er hat uns nämlich gesagt: »Der Kurpanik, Dargelis, der Weiß und der Baretzki waren die viere, die damals geschossen haben, und ich habe keinen gesehen, der nicht geschossen hat.« Das war die Aussage des Zeugen.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Eben. Das wollte ich nur noch einmal klarstellen. Danke. [Pause] Und wegen des Falles Mihail Liczka: Habe ich Sie da richtig verstanden, daß Sie selbst Augenzeuge waren, wie der Baretzki den geschlagen hat, und daß Sie auch selbst bei Liczka diese Verwundung dann behandelt haben?

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Festgestellt habe, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

So daß Sie vom Schlag bis zum Tode des Häftlings Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja, ja, ja, das hat sich ja wenige Schritte von meiner Ambulanz abgespielt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, danke. Ich habe sonst keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Herr Landgerichtsrat, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Doktor Wolken, ich wollte gerade mit dem letzten anfangen, Liczka. Liczka war doch »Muselmann«?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ihnen war das natürlich geläufig. Die Frage ist: War das im Lager allgemein bekannt, auch bei den SS-Mannschaften, daß man einen »Muselmann« ja sozusagen umblasen konnte.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, natürlich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und war es geläufig, daß, selbst wenn man nur mit der Faust fest an ihn ging, die Leute dann zusammenbrachen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Brachen die manchmal auch so von alleine zusammen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Wenn man diese »Muselmänner« gesehen hat, das waren ja schwankende Gestalten. Das war ein Skelett, mit Haut überzogen. Die sind so hin- und hergewackelt, sie waren langsam, wie ich schon erzählt habe, langsam in ihren Bewegungen. Das hat man auf Kilometer gesehen. Aber gerade die haben ja am meisten gereizt, denn

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Bedeutete sozusagen ein Schlag mit dem Stock fast ebenso sicher den Tod wie eine Kugel?

 

Zeuge Otto Wolken:

Beinah.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Beinah. Ja, das war das eine, dann das weitere: Sie haben gesagt, der eine Hauptsturmführer, der Arzt, der den, der zu den Fallschirmjägern kam, abgelöst hat, der wäre nicht allzu lange geblieben, der habe sich weggemeldet, der habe sich geweigert.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und haben Sie sich da mal erkundigt danach, oder woher wissen Sie, daß dem nichts passiert ist?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Das weiß ich eigentlich nicht. [...] Wir haben nie etwas erfahren, daß ihm was passiert wäre dafür.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die umgekehrte Frage: Tat es Ihnen leid, daß dieser offenbar Ihnen wohl gesonnene Arzt plötzlich aus Auschwitz wegging?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Es war Ihnen leid?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn er Ihnen geholfen hätte zu bremsen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Na sicher.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, was würden Sie dann sagen, wenn er dann heute hier mit auf der Anklagebank säße?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich glaube, er würde nicht sitzen, denn es sind ja andere auch, sagen wir, die man verdächtigt hat, die wohl einen Prozeß über sich ergehen lassen mußten, sind aber dann freigesprochen worden und sogar mit Glanz freigesprochen worden. [...] Ich würde – genauso, wie ich für Flagge ausgesagt habe und wie ich für Voigt ausgesagt habe und wie ich für Horstmann ausgesagt habe, hätte ich schon im Vorverfahren gesagt: Was wollt Ihr von dem Mann? Der war doch Gold wert für uns.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also ganz, allem hätte er sich entziehen können?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Was heißt »alles«? Er

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das ist eigentlich eine Sachverständigen-, keine Zeugenfrage.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, Herr Vorsitzender, ein wenig ist ja wohl der Herr Doktor Wolken auch Sachverständiger. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber nur als Mediziner. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] diese Frage nur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich möchte dazu sagen, er hätte beispielsweise bei einer Selektion nur effektiv Arbeitsunfähige, Verkrüppelte, Kranke, denen nicht mehr zu helfen ist, ausgewählt. Er hätte nicht gesunde Leute

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

[unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

Wie? Denen ich auch nicht hätte helfen können.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch nicht mehr hätte helfen können. Das war ja die Tätigkeit des Arztes. Und das wäre ja die Tätigkeit gewesen. Ich verstehe schon, es war eine Notzeit, man wollte nicht unnütze Fresser haben und so weiter. Schön. Man kann

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ich wollte noch eine andere Frage [+ stellen]. Ich weiß nicht, ob der Staatsanwaltschaft die Adresse von Doktor Mandel bekannt ist. [unverständlich]

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Bekannt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Bekannt?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Jawohl, bekannt [unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel:

Der Mandel ist auch in der Anklage als Zeuge aufgelistet. 50

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] Der Angeklagte Baretzki hat hier in diesem Saal mal gesagt, im Lagerteil a sei er nie gewesen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Aber die SS-Leute haben doch dauernd gewechselt. Die sind da mal und da gewesen, einmal haben sie da Dienst gemacht, wo sie gerade eingeteilt worden sind.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich weiß genau, daß er in a war. Er hat ja auch einmal gesagt, er hat das Kommando nur an die Rampe geführt und ist dann wieder weggegangen. Und ich kann ihm an der Hand eines SS-Befehls, den ich hier habe, nachweisen, daß es verboten war, das Kommando zu verlassen. Er war verpflichtet, das Kommando, das er hinführt, erst dann wieder zu verlassen, wenn er es im Lager zurückgegeben hat. Das ist ein Standortbefehl, den ich hier habe.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, dann weiter. [unverständlich] dem Herrn Flagge – das war doch der, der den Kindergarten eingerichtet hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Er hat ihn nicht eingerichtet, der Kindergarten war dort. Er ist halt immer hingegangen, [...] hat nach dem Rechten geschaut und hat sich um die Kinder gekümmert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] ob im Zigeunerlager auch ein Kindergarten war [unverständlich] einer der Angeklagten hier behauptet.

 

Zeuge Otto Wolken:

Das weiß ich nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön. Dann zur weiteren Frage. Die Frage soll Ihnen nicht unangenehm sein. Sie haben so unter der Hand gesagt: »Und mit dem Brot für unsere ganz schwer Kranken, die nichts zu essen hatten, da habe ich halt ein bißchen erpreßt.« Ich will jetzt nicht wissen wegen des Erpressens, das war Ihr gutes Recht. [unverständlich] Ich will wissen, was waren das für Dinge, die sich da abgespielt haben, mit denen Druck ausgeübt wurde? Das heißt [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja. Na gut – bitte entschuldigen Sie, ich bin gewohnt, es so zu sagen, wie es war, und ich will auch nichts beschönigen. Ich habe schon früher erwähnt, ich hatte meine Ärzte von sechs Uhr früh bis zehn Uhr bei Nacht gehetzt zur Arbeit. Und wir hatten nicht nur eine verantwortungsvolle Arbeit, sondern eine gefährliche Arbeit. Wir hatten mit den Läusen zu tun, wir hatten mit dem Flecktyphus, wir hatten mit dem Bauchtyphus, wir hatten mit der Tuberkulose, mit allem zu tun. Und zum Unterschied von allen anderen waren wir Ärzte eigentlich am schlechtesten gestellt. Im Block gab es soundso viele Halbtote, die nichts mehr gefressen haben. Deren Portionen sind übriggeblieben – und es waren ja eine Menge Leute im Block, 600, da bleibt ein bissel was übrig. Da konnte sich also einer, der Arbeit geleistet hat, etwas zubessern. Im Krankenbau waren so viele Kranke, davon hat die Hälfte nicht mehr gefressen. Die im Krankenbau haben zu essen genug gehabt. Aber wir in der Ambulanz, wir haben nur gearbeitet, haben nichts zu essen gehabt, zu wenig. Und ich bin zur Küche gegangen und habe dem Küchenkapo, einem Häftling, gesagt: »Du, paß auf, schau, Du mußt dazu schauen, wir haben so viel Arbeit, schick mir für die Ambulanz das doppelte Quantum Suppe.« Wir waren 16 Mann. »Schick mir dreißig Liter Suppe!« Ergänzungsrichter Hummerich:

Das war alles?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das habe ich von ihm verlangt. Und dazu hat er gesagt: »Nein.« Sage ich: »Du, schau, wir brauchen es doch. Warum bist Du so ein schlechter Kerl?« Sagt er: »Hau ab, ich mach eine Meldung!« Und daraufhin habe ich ihm gesagt: »Du wirst mich bitten, die Suppe noch zu nehmen. Und jetzt werde ich bestimmen, was ich bekomme.« Und ich bin weggegangen und habe am nächsten Tag dem Lagerarzt gesagt – wir hatten wieder ein paar Bauchtyphus-Fälle im Lager: »Schauen Sie, Herr Hauptsturmführer, es ist notwendig, daß wir einmal das gesamte Küchenpersonal auf Typhus untersuchen. Es ist draußen üblich, bei jeder Küche, bei jeder größeren Küchengesellschaft, daß das Personal, bevor es zur Arbeit zugelassen wird, auf Typhus untersucht wird. Wir müssen doch auch einmal bei uns die Ordnung schaffen, einmal in der Küche schauen, vielleicht haben wir dort einen Bazillenträger.« Und der hat dann angeordnet, daß von Rajsko diese Röhrchen und das alles gebracht werden, und am nächsten Tag um zwei Uhr ist die Küche bei uns bestellt gewesen. Und da habe ich dem Kapo gesagt: »Siehst du, ein Kreuzl brauche ich bei dir machen, und du kommst weg von der Küche, und du überlebst das Lager genauso wenig wie die anderen, denn du hast bis zum heutigen Tag zu gut gelebt.« Also er hat mich himmelhoch gebeten, und ich habe dann jeden Tag dreißig Liter Suppe und zweimal in der Woche einen Eimer Kartoffeln gekriegt für die Ambulanz, für unsere Ärzte. Das war die Erpressung. Aber es war eine Erpressung.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Doktor Wolken, Sie kamen doch immer mal runter in den Krankenbau.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ist Ihnen irgendwie erinnerlich, daß im Krankenbau 1943 mal Kinder untergebracht waren, und zwar nicht Einzelkinder, sondern eine geschlossene Gruppe Kinder?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, die Zwillinge, dort waren ja die Zwillinge.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ah, da waren Zwillinge.

 

Zeuge Otto Wolken:

Die Zwillinge von Doktor Mengele.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, das meine ich nicht. Es wurde hier gesagt, daß man einen Kindertransport, von dem man unter Umständen annehmen konnte, daß er von Auschwitz I nur nach Birkenau kam, um vergast zu werden, da wurde von einem Angeklagten gesagt: »Ja, die sind nur rübergekommen, um im Krankenbau untergebracht zu werden.«

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, niemals im Krankenbau gewesen. Außer den Zwillingen von Mengele waren keine Kinder dort.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Niemals Kinder [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

Niemals. Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie waren ja öfters in dem Krankenbau?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich war sehr oft dort. Ich war zweimal in der Woche dort. [...] Und dann 43. 43 gab es überhaupt keine Kinder. Erst im Jahr 44 sind die ersten Kinder bei uns aufgetaucht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Diese Frage noch zu Ihrer Aussage: Sie sagten doch, daß die Entlausung von dem Klehr nichts taugte.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

[unverständlich] Er hat uns nämlich gesagt, er hätte so eine schöne Entlausungsbrause gebaut, und da hätte der Lagerarzt ihn nachher noch zusammengestaucht, weil die nichts wert wäre. Und er hätte sie wieder abreißen müssen. [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja. Ich glaube – bitte schön, ich weiß nicht, vielleicht erinnert sich der Herr Klehr noch daran –, daß er einmal selbst vom Lagerarzt geholt wurde und sich überzeugt hat, wie ich eine Lauskontrolle gemacht habe und die Läuse gefunden habe. Das ist ja in seinem Beisein geschehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Darf ich noch eine Frage stellen zu dem Baretzki? Da haben Sie uns am Montag gesagt, in einem Fall hätten Sie ihn nicht richtig erkennen können, sondern nur die Gestalten. Und unabhängig voneinander hätten zwei von Ihren Kollegen oder von [unverständlich] gesagt: »Ja, das waren der Baretzki und [unverständlich].« Welcher Fall war das? War das der Lemberg-Fall, oder war das...

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das war der Fall, wo sie diese zur Vergasung transportiert

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ach, das war [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja. [...] Verzeihen Sie, ich möchte mich nur verwahren: Die zwei waren nicht meine Kollegen, das waren Helfer der SS. Der Oftringer und der Katarzyński.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und die haben Ihnen aber ganz [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Na, die sind daneben gestanden. Die waren doch überall, bei jeder SS-Aktion dabei.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wenn wir gerade bei den 184 sind, da sagten Sie, da hat es bestimmt Tote gegeben. Wissen Sie das genau? Waren da welche liegengeblieben, oder woraus konnten Sie das entnehmen, daß es da bestimmt Tote gegeben hat bei dem Verladen von den 184?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es hat Tote gegeben. Die hat man ja hinaufgeschmissen dann aufs Auto. Nun, liegengeblieben sind die nicht, die hat man wieder aufs Auto hinaufgeschmissen

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

[unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Die hat man geholt und hinaufgeschmissen. Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

Na, das haben wir schon gesehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das haben Sie gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann hätte ich keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wie ist es mit einer Pause? Wird eine Pause gewünscht? Ja? Wollen wir fünf Minuten Pause machen, ja?

 

– Schnitt –

 

Verteidiger Aschenauer:

auch eine illegale Medikamentenzuführung in Auschwitz?

 

Zeuge Otto Wolken:

Jawohl.

 

Verteidiger Aschenauer:

Wie ging das vonstatten?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es kamen ins Lager verschiedene Kommandos, und die brachten Medikamente mit in die Ambulanz, damit man dem einen oder anderen helfen kann. Dann: Blockälteste organisierten sich. Dann: Unter den Gepäckstücken auf der Rampe fielen immer Medikamente an, und diese Medikamente wurden doch von den Häftlingskommandos ausgesondert. Und so wie halt alle gestohlen haben, haben auch die Häftlinge gestohlen, haben in die Taschen hineingesteckt, und so ist über »Kanada« und das d-Lager auch zu uns etwas abgeflossen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Welche Nationalität unter den Häftlingen hatten, ich spreche mal so vorsichtig, in der sogenannten Häftlingsverwaltung die höheren Posten?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die höchsten Posten, das waren die Reichsdeutschen und dann die Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage?

 

Verteidiger Aschenauer:

Was hatte das für eine Folge, daß eher Polen Posten innehatten hinsichtlich der Unterbringung von Landsleuten?

 

Zeuge Otto Wolken:

Na gut, sie haben für ihre Landsleute gesorgt. Und die Polen hatten deshalb die hohen Posten, denn sie waren ja die ersten Häftlinge dort und die ältesten. Außer den deutschen Stammverbrechern, die als erste Gruppe nach Auschwitz geschickt wurden, kamen dann die Polen. Die kannten schon den Lagerbetrieb, und die SS hat sich ja die Arbeit sehr, sehr erleichtert, indem sie einfach die Leute, die den Betrieb schon kennen, an verschiedene Posten gesetzt haben: »Du machst das, du machst das, und du machst das!« Und die Nachkommenden, nicht wahr, die haben das schon vorgefunden. Natürlich haben die Polen für ihre Leute gesorgt. Die Polen sind ja als Patrioten ins Konzentrationslager gekommen und nicht, weil sie Verbrechen begangen haben. Und sie haben natürlich für ihre, sagen wir, nationalen Belange Sorge getragen und haben ihre Kameraden nach Tunlichkeit bevorzugt. Und das hat eben auch dazu geführt, daß ein Pole seinen Freund, der zur Verschickung ins d-Lager bereitstand, heraufgeholt hat und mich hinuntergeschickt hat dafür.

 

Verteidiger Aschenauer:

Gab es im Raum der KZ-Verwaltung Auschwitz ein Hygiene-Institut, und bekämpfte dieses Institut die Seuchengefahr?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es gab ein Hygiene-Institut, und zwar war das in Rajsko, das Hygiene-Institut in Rajsko. Ich weiß davon, daß es existierte, weil [+ ich] – wie ich früher erwähnt habe – die Typhusuntersuchung des Küchenpersonals verlangt hatte, und so sind vom Hygiene-Institut in Rajsko die entsprechenden Gefäße gekommen, und wir haben die Befunde dort auch wieder hingeschickt. Eines Tages wurde eine groß angelegte Flecktyphus-Forschung von Rajsko betrieben. Ich bekam den Auftrag, eine ganze Kiste voll Röhrchen, und wir mußten einem Transport von Russen bei jedem einzelnen Blut abnehmen und dann dazu eine Legende schreiben, ob er Flecktyphus durchgemacht hat oder nicht Flecktyphus durchgemacht hat, weil es sich darum gehandelt hat, irgendeine Blutreaktion festzustellen. Das hat Rajsko gemacht. Und einmal bekamen wir auch von Rajsko ein neues Medikament von Bayer geschickt, irgendwas, ich habe die Nummer des Medikamentes nicht mehr in Erinnerung. Ich weiß nur, daß die Häftlinge, die wir mit diesem Medikament – das hätte, glaube ich, auch gegen Flecktyphus sein sollen, wenn ich mich recht erinnere – [+ behandelt haben], daß die alle ganz rosa geworden sind, die ganze Haut. So wie junge Schweinderln haben sie alle ausgeschaut, ganz rosa von dieser Injektion. Und das ist dann wieder abgeblasen worden, und wir haben die Reste wieder zurückgeschickt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine weitere Frage: Es ist hier der Name Flagge gefallen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Aschenauer:

Und ich glaube, Sie nicht mißverstanden zu haben, daß Sie sagten, Sie haben für ihn ausgesagt. War Flagge in ein Verfahren nach 1945 verwickelt, und was passierte ihm?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich weiß nicht, ich habe nicht für ihn ausgesagt. Ich habe lediglich hier in der Voruntersuchung ihn lobend erwähnt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke, genügt mir. Eine weitere Frage. Es ist der Name Katarzyński gefallen. War das ein polnischer Berufsverbrecher?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja. Ob er ein Berufsverbrecher vorher war, weiß ich nicht. Im Lager war er ein Verbrecher.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine weitere Frage: Sie sprachen davon, daß Transporte von Juden in das Reich gegangen sind, in andere Lager. War das eine beträchtliche Anzahl, oder irre ich mich? Gingen Transporte in das Reich?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Aschenauer:

Auch jüdische Transporte?

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch.

 

Verteidiger Aschenauer:

War das eine beträchtliche Anzahl von Transporten?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja, das waren diese ungarischen Juden, das war schon im Spätsommer 44. Und zwar Spezialisten, lauter Spezialisten sind gesucht worden. Uhrmacher, Feinmechaniker

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Für welchen Zweck wissen Sie natürlich nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Na natürlich, für die Zünderfabrikation. Für kriegswirtschaftliche Zwecke.

 

Verteidiger Aschenauer:

Dann eine weitere Frage. Sie haben die Zahl vorhin genannt auf die Frage des Herrn Rechtsanwalts Ormond, daß drei Millionen in Auschwitz umgekommen sind. Sind das Juden oder Nichtjuden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Da ist alles inbegriffen. Bitte, ich habe eingangs meiner Vernehmung gesagt: Auschwitz war keine rein jüdische Angelegenheit. Es sind dort Angehörige aller Nationen Europas und aller Konfessionen vernichtet worden. Es haben nur die Juden zahlenmäßig und prozentuell

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das größte Kontingent.

 

Zeuge Otto Wolken:

Das größte Kontingent gestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Außerdem hat der Zeuge gesagt: »Die Zahl haben wir geschätzt, indem wir nämlich das Fassungsvermögen der Krematorien berücksichtigt haben und die Statistiken, die uns vorlagen, und haben daraus eine Zahl geschätzt, die wir zwischen 2.900.000 und 3.000.000 festgestellt haben. Also alle, die dort überhaupt umgekommen sind.«

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ja, schön. Und wie hoch dürfte nach Ihrer Ansicht die Zahl der Juden sein?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Mindestens 2.500.000.

 

Verteidiger Aschenauer:

Wenn Sie von der Schätzung sprechen, ist das die Schätzung, die die Russen gemacht haben? Denn wenn ich mich nicht irre, schätzen die Russen – entschuldigen Sie das häßliche Wort – nach der Kapazität der Krematorien.51 Oder ist es eine Schätzung bei Ihrer Tätigkeit bei der polnischen Untersuchungskommission?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das beruht auf der Tätigkeit bei der polnischen Untersuchungskommission, auf Grund der vorgefundenen Reichsbahntransportlisten und entsprechender Unterlagen. Aber bitte, ich habe seit dem Jahre 45 mich nicht mehr mit diesen Angelegenheiten befaßt und bin ganz in meinem Beruf aufgegangen, Gott sei Dank, und habe die Dinge zum größten Teil vergessen. Wenn auch meine Frau behauptet, daß man bei Nacht nicht neben mir schlafen kann, weil ich so schreie im Schlaf und herumstampfe, bei Tag halte ich mich im Zaum.

Ich habe mich seither mit diesen Dingen nicht mehr beschäftigt, und ich kann daher jetzt aus dem Stegreif zu diesen Ziffern – wie wir damals zu diesen Ziffern gekommen sind – keine Stellung nehmen. Ich möchte nur eines sagen: Wir haben uns sehr ernst mit den Dingen befaßt. Und wenn der Herr Rechtsanwalt das Protokoll durchliest, das in Krakau angefertigt wurde, mit welcher Genauigkeit jedes einzelne Teil, jeder einzelne Zettel, den ich vorgelegt habe, beschrieben wurde, auch hinsichtlich seiner äußeren Form, wie jede einzelne Selektionsberechnung nachgerechnet wurde, dann sehen Sie, daß es sehr exakt und korrekt gegangen ist. Der damalige Untersuchungsrichter, Professor Sehn, ist heute Professor an der Universität in Krakau und der Direktor des Büros für gerichtliche Gutachten, also ein sehr ernster und gewissenhafter Mann. Und wenn er hier vielleicht erscheinen wird im Laufe des Prozesses, wird er Ihnen besser und authentischer Auskunft geben können als ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ist die Frage beantwortet?

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke, ist beantwortet. Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang: Ist Ihnen nicht die Zahl bekannt hinsichtlich Auschwitz, Umkommen von Juden, die das Institute of Jewish Affaires of the World Jewish Congress im Jahre 1961 gegeben und errechnet hat, die 900.000 beträgt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Ich habe nie etwas davon gehört.

 

Verteidiger Aschenauer:

Nun, die Schätzung von Professor Raul Hilberg52 von Vermont in USA, Universität, der nahezu an eine Million kommt, kennen Sie auch nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine Schlußfrage: Ist Ihnen bekannt, daß im September 1944 das Internationale Rote Kreuz53 eine Kommission nach Auschwitz sandte?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe davon gehört, ich selbst habe die Kommission nicht gesehen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen wir zunächst mal den Herrn Rechtsanwalt Gerhardt vielleicht hören, weil er den Angeklagten Baretzki vertritt, der ja hier genannt worden ist.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Doktor Wolken, haben Sie sich schon mal hier im Saal umgeschaut und den Angeklagten Baretzki wiedererkannt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Darf ich Sie vielleicht bitten, sich mal im Saal umzuschauen, ob Sie ihn erkennen? [Pause] Ja, Sie können ruhig mal... [Pause] Ja, ja. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Nehmen Sie bitte ins Protokoll auf: Auf Antrag des Rechtsanwalts Gerhardt hat der Zeuge aus der Zahl der in dem Sitzungssaal anwesenden Personen den Angeklagten Baretzki wiedererkannt.54 Bitte schön.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Doktor Wolken, Sie sagten auf die Frage des Herrn Staatsanwaltes, daß Sie keiner Selektion unterworfen worden wären. Ich habe aus Ihrem Bericht entnommen, daß Sie an und für sich einer Selektion unterworfen waren, Sie waren auch ausgewählt, nur aufgrund von Beziehungen sind Sie dann nicht zur Vergasung gekommen. Stimmt das?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Das ist ein Mißverständnis.

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge hat das anders geschildert. Der Zeuge hat geschildert, er sei heruntergeholt worden zu den nach dem Lager Birkenau abzutransportierenden und zur Vergasung kommenden Selektierten, nachdem ein Schreiber einen an sich Selektierten zurückgerufen hätte und für diesen, anstelle dieses Mannes, ihn gewählt hätte. So war es, nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut. Dann hätte ich mal eine Frage: Wissen Sie noch den Monat, wann Sie nach Auschwitz gekommen sind im Jahr 1943?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich war 23 Tage auf Transport, ich kann es nicht genau sagen. Es war, glaube ich, Ende Mai, Anfang Juni, ich kann es nicht sagen. Wir lebten zeitlos. Ich war zu der Zeit schon fünf Jahre in Haft.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und wissen Sie dann, wann Sie nach Birkenau in das sogenannte d-Lager kamen? Und wie lange Sie dort verblieben sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war Ende Juli 43.

 

Verteidiger Gerhardt:

43. Und wie lange sind Sie dort verblieben, bis Sie zum a-Lager kamen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ende Juli, den ganzen August, und ich glaube, die erste Septemberwoche.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wenn ich Ihnen nun vorhalte aus Ihren Berichten über die durchgeführten Selektionen, dann glaube ich festgestellt zu haben, daß Sie, ich glaube am 18. August, erstmalig von einer Selektion im a- Lager berichtet haben. Ist es dann möglich, daß Sie bereits schon im August im a-Lager waren? Sie haben das selbst heute morgen vorgetragen, Herr Doktor Wolken.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ich glaube – hinsichtlich dieser Zahl von dieser allerersten Selektion – das steht in dem Protokoll in Krakau, woher ich diese Zahl habe.

 

Vorsitzender Richter:

Na, also jetzt werden Sie gefragt: Ende Juli nach dem Lager d und vom Lager d nach dem Lager a?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ende August, Anfang September. Ungefähr um diese Zeit.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ende August, meinen Sie etwa. Ja. Bitte schön, weiter.

 

Verteidiger Gerhardt:

Dann waren es also nur einige wenige Wochen, die Sie dort verbracht haben im

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

In welchem Abschnitt war denn der Baretzki, den Sie ja hier erkannt haben, Blockführer? [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Wie lautet die Frage? Das habe ich jetzt nicht

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

In welchem Abschnitt, in welcher Baracke der Angeklagte Baretzki Blockführer zu der Zeit war, als der Zeuge im d-Lager war.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe ihn im Lager gesehen. In meinem Block war er nicht Blockführer.

 

Verteidiger Gerhardt:

War es so, daß er einen bestimmten Block hatte? Wissen Sie das zu sagen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, die hatten nie bestimmte Blöcke. Die hatten immer mehrere Blöcke zusammen gehabt, und das hat auch gewechselt.

 

Verteidiger Gerhardt:

[Pause] Ist es also richtig, wie Sie am Montag bei Beginn Ihrer Verhandlung sagten, daß all das, was Sie uns wiedergegeben haben, ausschließlich auf dem basiert, was Sie damals, nach 1945, niedergelegt haben, und das

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Jawohl.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, danke. Wie haben Sie sich selbst nach 1945 gesundheitlich gefühlt? Wir haben zwar jetzt hier gehört den Umfang Ihrer Krankheiten, die einzelnen Symptome. Ich möchte gern mal wissen, wie – allgemein – Ihr Zustand war.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe bereits erwähnt, daß ich bei der Befreiung nur 38 Kilogramm wog. Ich hatte dann einen sehr, sehr schweren Hungertyphus – das heißt, Hungertyphus kann man es nicht nennen: Wir bekamen das erste feste Essen, und der Magen hat das einfach nicht halten können, und ich habe eine schwere Durchfallerkrankung gehabt. Und die [Pause] Kameraden, namentlich Professor Epstein und Professor Grossmann, haben sich sehr um mich bemüht, und

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Danke, das reicht mir. Ist es Ihnen nicht unter diesen Umständen irgendwie schwer gefallen, diesen doch sehr umfangreichen Bericht zu erstellen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Diese Krankheit hat 14 Tage gedauert. Ich habe mich dann ziemlich rasch erholt, und ich war dann – das ist so eine russische Spezialität – der leitende therapeutische Berater des gesamten Spitals, das dort errichtet wurde. Und ich hatte da nicht allzu viel zu tun und hatte ein sehr schönes Zimmer und bin den ganzen Tag gesessen und habe also über meinen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, Sie haben es jedenfalls fertiggebracht, und der Bericht ist geschrieben worden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Können Sie mir im einzelnen die Blockführer namentlich nennen, die im a-Lager, also im Quarantänelager, waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Weiß, Dargelis, Baretzki. Dann, glaube ich, ein Wolf. Mehr weiß ich nicht.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut. Wie lange, schätzen Sie, daß Baretzki Blockführer im Quarantänelager war, nach Ihrer Auffassung? Sie wissen ja, daß Baretzki behauptet, niemals. Niemals.

 

Vorsitzender Richter:

Wie kann das der Zeuge wissen. Der war ja nicht in der Verhandlung dabei. Er müßte es höchstens in der Zeitung gelesen haben.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe nichts gelesen vorher.

 

Verteidiger Gerhardt:

Nein, Moment. Ich meine, ich habe doch den Zeugen gefragt, ob er weiß, wie lange Baretzki Blockführer im Quarantänelager war.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, ich habe meine Arbeit gehabt, und ich habe mich... Die haben ja gewechselt. Einmal ist der gekommen zum Rapport, zum Appellzählen, einmal ist der andere gekommen, nicht wahr. Über die Diensteinteilung der SS-Leute war ich nicht informiert. Ich habe immer nur die gesehen, die gekommen sind.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, der Herr Rechtsanwalt will was anderes wissen. Er will wissen, wann der Angeklagte Baretzki wieder weggekommen ist aus dem a-Lager. Oder war er bis zum Schluß dort?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das weiß ich nicht. Das kann ich, glaube ich, nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So genau wissen Sie es nicht.

 

Zeuge Otto Wolken:

Sie haben ja sehr oft gewechselt, oft sind sie nur vertretungsweise gekommen ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben uns doch erzählt, daß Sie ihn sogar noch gesehen hätten, nachdem die SS bereits abgerückt war.

 

Zeuge Otto Wolken:

Aber nicht im Quarantänelager.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht im Quarantänelager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nicht, nein. Nein, nein. Da war kein Quarantänelager mehr. Das war auf dem Territorium. Und zwar wir haben die Drähte durchgeschnitten gehabt von f nach e und von e nach d. Und da sind wir hin- und hergelaufen und haben Lebensmittel geschleppt.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Sie wissen nicht, ob er bis zum Schluß dort war?

 

Zeuge Otto Wolken:

Damals habe ich ihn dort noch gesehen, mit einer SS-Gruppe unter Führung des Poloczek gesehen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Auf Seite 5.65355 ist einmal von einem Barecki die Rede. Bezieht sich das auch auf Baretzki, oder ist das jemand anderer möglicherweise?

 

Vorsitzender Richter:

Könnte das vielleicht die polnische Schreibweise für Baretzki sein?

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja, ich fürchte, daß mal vielleicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Darf ich noch mal um die Nummer bitten? Fünftausend-?

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sprachen von C-K, Barecki geschrieben, wird Baretzki ausgesprochen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Nun lassen wir doch den Zeugen mal sprechen. Und außerdem war ja der Angeklagte Baretzki kein Pole.

 

Vorsitzender Richter:

Na also. Herr Rechtsanwalt Gerhardt weist Sie darauf hin, daß hier bei Ihrer Vernehmung... Oder Moment. Vier, drei, zwei, eins, ja, das ist hier in unseren Akten drin. Allerdings fehlt da das Blatt 1. Das scheint eine Darstellung von Ihnen zu sein: »Nach Originaldokumenten von Doktor Wolken.« [Pause] Das ist das da, ja? Und da steht hier auf Seite 6: »Am 15.4. erschien plötzlich der Lagerarzt, ließ alle dort befindlichen Juden antreten«, 184 nämlich, »und bestimmte sie zur Vergasung. Als sie abends nur mit Unterhosen bekleidet aus dem Block geholt wurden, vergnügten sich Rapportführer Kurpanik und die beiden SS-Männer Dargelis und Baretzki« – » Barecki « steht hier – »damit, die Armen zu schlagen, mit Fußtritten zu traktieren« 56 und so weiter.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, das ist der Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist Baretzki?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ich hätte jetzt noch einige Fragen zu dem Fall 6 des Eröffnungsbeschlusses, Herr Zeuge. Das ist der Fall mit dem Mihail Liczka.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wie lange haben Sie den Getöteten vor diesem Vorfall gekannt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Da soll ich mich jetzt nach 20 Jahren erinnern? Ich kann nur nachschauen. Er gehörte zu den Flossenbürgern, also zu denen, die im Dezember, am 5. Dezember 43, ins Lager gekommen sind. Der Vorfall ereignete sich – wenn Sie mir helfen wollen – ich glaube im

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja, das war also 44, ich glaube, im März

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

April.

 

Verteidiger Gerhardt:

Oder April.

 

Zeuge Otto Wolken:

März oder April. Also dann kannte ich den schon fast fünf Monate.

 

Verteidiger Gerhardt:

Haben Sie ihn da öfters gesehen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Na sicher. Ich habe doch die Leute jede Woche untersucht und jede Woche gewogen und das eingetragen in die Listen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Haben Sie ihn also auch untersucht auf seinen Gesundheitszustand, wenn ich so richtig verstehe?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, so gut es ging, so gut es mit unseren Mitteln ging. Röntgen haben wir nicht gehabt.

 

Verteidiger Gerhardt:

In welcher Zeit nach dem 19.4. – ich habe es jetzt festgestellt, am 19.4.44 war der Vorgang –, wie viele Tage danach ist der Herr Liczka damals verstorben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich glaube, am zweiten Tag oder am dritten Tag. Ich weiß es nicht

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Am zweiten Tag danach. Sind Sie der Meinung, daß – das ist an sich eine Frage, die an einen Sachverständigen gestellt werden müßte, aber ich richte sie mal an Sie –, sind Sie der Meinung – es handelte sich ja um einen sogenannten Muselmann, entschuldigen Sie, daß ich diesen Ausdruck in diesem Zusammenhange verwende –, sind Sie der Meinung, daß ausschließlich dieser Stockschlag ursächlich für den Eintritt des Todes war?

 

Zeuge Otto Wolken:

Zu diesem Zeitpunkt sicherlich.

 

Verteidiger Gerhardt:

Hat der Angeklagte mehrmals

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment, Herr Rechtsanwalt. Ich möchte das ins Protokoll nehmen: Auf die Frage des Rechtsanwalts Doktor Gerhardt

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ohne Doktor.

 

Vorsitzender Richter:

Rechtsanwalts Gerhardt, ob der Zeuge der Auffassung sei, daß die dem Mihail Liczka von dem Angeklagten Baretzki zugefügten Schläge die einzige Ursache für seinen schnellen Tod gewesen seien, erklärte der Zeuge: Nach meiner Ansicht ja57

 

Zeuge Otto Wolken:

Zu diesem Zeitpunkt ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zu diesem Zeitpunkt ja. Bitte schön.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wie sah der Stock aus, mit dem der Angeklagte geschlagen hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Na, wie soll ich Ihnen einen Stock beschreiben? Daneben gestanden bin ich nicht. Ich habe auch nicht gesehen, ob der Stock ziseliert war oder etwas. Gewöhnlich hat man mit einem Schaufelstiel, nicht wahr, was sie halt gehabt haben... Die sind meistens mit Stöcken bewaffnet im Lager gegangen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Na ja, ich muß Sie das fragen: Es kann ein Knüppel gewesen sein, es kann ein einfacher Stock gewesen sein. Es kann eine Rute gewesen sein. Es gibt ja doch offensichtlich mehrere Unterschiede, Differenzierungen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Es waren ganz handfeste Knüppel, mit denen geschlagen wurde. Mit [unverständlich]

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Gut. Ich habe nicht mehr richtig in Erinnerung: Ist mehrmals geschlagen worden oder einmal? Und wie weit waren Sie dabei entfernt?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Sechs bis acht Meter, glaube ich zu schätzen. Ich weiß nicht, wie breit der Appellplatz ist. Es schaut das alles aus, sagen wir mal, durchschnittlich zehn Meter, ungefähr so etwas. Mein Gott, nach 20

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Danke, es reicht. Sie sagten heute morgen, daß also der Tod durch eine Nierenblutung eingetreten sei. Haben Sie alleine diese Todesursache festgestellt, oder waren da noch andere Häftlings- oder sonstige Ärzte anwesend?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es waren andere Häftlingsärzte auch in der Ambulanz dort.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ich meine bei der Todesfeststellung?

 

Zeuge Otto Wolken:

Vor allem bei der Krankheitsfeststellung, nicht, weil er einen blutigen Urin gehabt hat.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sind denn bei Ihnen auf der Ambulanz auch Häftlinge gestorben, ohne daß vorher Schläge oder sonstige Auseinandersetzungen vorangegangen sind?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Diese Frage habe ich nicht recht mitbekommen. Sind auch andere Häftlinge gestorben, ohne daß vorher was vorangegangen ist?

 

Verteidiger Gerhardt:

Daß man vorher den Häftling mit irgendwelchen Schlägen traktiert hat oder sonstige

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber Herr Rechtsanwalt, der Zeuge hat uns doch tagelang jetzt geschildert, wie viele Hunderte und Tausende Menschen da dauernd gestorben sind an Entkräftung, an Typhus, an allen möglichen Krankheiten. Natürlich sind auch Leute gestorben, ohne daß sie totgeprügelt worden sind. Ich glaube, das hat uns der Zeuge doch mit einer ganz einwandfreien Eindeutigkeit hier geschildert. Diese Frage brauchen wir wirklich nicht mehr zu stellen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, ja, ja. Ich komme jetzt mal zu dem zweiten Vorgang, der hier dem Angeklagten Baretzki vorgeworfen wird: Wer hat Ihnen die elf Toten gemeldet?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die elf Toten sind doch zu mir in die Totenkammer gebracht worden. Ich mußte Sie doch ins Totenbuch eintragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt, der Häftling bekam überhaupt nichts gemeldet. Wenn jemand was gemeldet bekam, dann bekam es der Aufseher, der Blockführer oder wer da sonst war, gemeldet. Er hat lediglich in sein Totenbuch die Eintragungen gemacht, nachdem er die Totenschau vermutlich vorgenommen hat.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und wann, wie viele Tage danach oder am gleichen Tage, haben Sie die Eintragung vorgenommen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Am selben Tag. Das ist sofort vorgenommen worden.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sind an diesem Tage noch andere Tötungen vorgekommen außer dem hier anstehenden und heute besprochenen Vorgang?

 

Zeuge Otto Wolken:

Meines Wissens nach nicht.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ihres Wissens nach nicht. Waren denn außer diesen elf Toten auch noch andere Personen, Häftlinge verletzt worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, geschlagen, durch Schläge, durch Stockhiebe, nicht wahr.

 

Verteidiger Gerhardt:

Auch angeschossen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Und ich glaube, einer war angeschossen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Haben Sie denn gesehen, mit welchem Gewehr der Angeklagte Baretzki geschossen haben soll?

 

Zeuge Otto Wolken:

Es ist nicht mit Gewehr, es ist mit Revolvern geschossen worden.

 

Verteidiger Gerhardt:

Mit Revolvern. Ich möchte vielleicht in diesem Zusammenhang doch noch mal die Frage stellen, die hier die Staatsanwaltschaft gestellt hat. Heute morgen – ich muß das vorausschicken – auf die Frage des Gerichts, ob Sie gesehen hätten, ob der Baretzki geschossen hat, da haben Sie erst mal nichts gesagt, und dann sagten Sie: »Ich habe keinen gesehen, der nicht geschossen hat.« Auf die erneute Frage der Staatsanwaltschaft vorhin sagten Sie: »Es war ein solches Durcheinander, ein solcher Wirbel«, das war Ihr Wort, wie Sie es wirklich gegeben haben, »daß ich beim besten Willen nicht sagen kann, wenn ich detailliert, spezifiziert gefragt werde, ob der Baretzki geschossen hat«, daß Sie das nicht wüßten, das haben Sie heute mittag erklärt. Daraufhin hat der Herr Vorsitzende gesagt: »Die Frage ist an und für sich ja schon beantwortet. Der Zeuge hat heute morgen erklärt, er hätte keinen gesehen, der nicht geschossen hat.« Ich möchte jetzt wissen, was nun von diesen beiden, für meine Ansicht verschiedenen Versionen richtig ist.

 

Zeuge Otto Wolken:

Schauen Sie, diese Ereignisse liegen zwanzig Jahre zurück. Damals habe ich sie frisch aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Und wenn ich heute hier gefragt werde – und ich fühle Gewissen genug, nicht jemanden unnütz oder gar wider besseres Wissen zu belasten –, so denke ich zunächst angestrengt nach und versuche, mir das damalige Bild zurückzurufen, um ja eine klare Antwort geben zu können. Ich will niemandem weh tun. Ich will niemanden ungerechtfertigt beschuldigen, und deshalb denke ich nach. Es war ein Wirbel. Und geschossen haben alle, auch der Baretzki, wenn ich auch mit aller Gewalt mir momentan nicht sein Bild mit dem Revolver sozusagen ins Gedächtnis zurückrufen kann. Aber ich weiß, es waren alle beteiligt. Und es ist bei all diesen Dingen nie vorgekommen, daß zwei SS-Leute geschossen haben und die anderen sind mit den Händen in den Hosentaschen gestanden und haben zugeschaut. Ein jeder hat einen Revolver in der Hand gehabt und hat mit losgedrückt. Denn es war ja in dem Augenblick schon eine kleine Revolte, nicht wahr. Die Leute sind ja davongelaufen, sie sind auseinandergestoben. Und da hat sich jeder verpflichtet gefühlt, die Ordnung zu halten.

 

Verteidiger Gerhardt:

Darf ich Sie vielleicht noch fragen, wie weit Sie in etwa die Entfernung schätzen, die zwischen Ihnen und dem Baretzki und den übrigen von Ihnen genannten Schützen bestand?

 

Zeuge Otto Wolken:

40 Meter circa. 40, 50 Meter.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist es denkbar, daß von diesen von Ihnen genannten Personen nicht alle zusammenstanden, daß sie irgendwie zerstreut standen und daß vielleicht auch irgendeiner in eine Baracke sich gestellt hat zum Schießen?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Denkbar ist es schon, aber ich habe nichts davon bemerkt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Danke, keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

[Pause] Herr Zeuge, haben Sie außer dem Beitrag zu dem Buch »Zeugnisse und Berichte. Chronik des Quarantänelagers Birkenau« noch andere Schriften über Ihren Aufenthalt in Auschwitz verfaßt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, eine ganze Reihe, und die liegen alle beim Gericht.

 

Verteidiger Laternser:

Würden Sie mir mal sagen, ob diese Schriften veröffentlicht worden sind? Sind Sie gedruckt worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, es ist nur dieses gedruckt worden, nur diese Chronik des Lagers als ein literarischer Beitrag. Das andere ist uninteressant, das sind Statistiken, das sind mehr wissenschaftliche

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte, einige Sachen sind jetzt in Krakau erschienen in einer Ärztezeitung58, die sich eben mit den Krankheitsproblemen der KZs befaßt. Da ist jetzt eine Zeitung, und – entschuldigen Sie, das fällt mir gerade ein – jetzt im Jänner-Heft sind zwei Artikel von mir über KZ-Krankheiten und über diese Krankenstatistik erschienen.

 

Verteidiger Laternser:

Aber jedenfalls diesen Beitrag, der in diesem Werk mit veröffentlicht worden ist, den haben Sie bereits 1945 geschrieben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bereits 1945; und Sie müßten ihn eigentlich schon von dem Nürnberger Prozeß her kennen, denn dort war er schon.

 

Verteidiger Laternser:

So. Herr Doktor Wolken, dieses Werk ist veröffentlicht worden, wie ich aus dem Impressum gesehen habe, im Jahre 1962.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Haben Sie von der Originalfassung 1945 und bei dem veröffentlichten Beitrag irgendwelche wesentlichen Änderungen vorgenommen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich überhaupt nicht. Ich habe das heute bereits betont: Ich bin Arzt. Ich arbeite von zeitig morgens bis spät in die Nacht, und ich bin glücklich, daß ich da von diesen Dingen nichts mehr weiß. Und als man an mich herantritt, ich soll einen Beitrag geben, da habe ich gesagt: »Da habt ihr die Chronik, macht damit!« Und das hat irgendein Redaktionskollegium bearbeitet, ich nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, das genügt mir. Nun, Herr Doktor Wolken, Sie sagten, Sie seien Mitglied der Untersuchungskommission in Krakau gewesen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Gewesen, ja.

 

Verteidiger Laternser:

Von wann bis wann waren Sie das?

 

Zeuge Otto Wolken:

Diesen Zeitpunkt kann ich Ihnen nicht genau sagen. Aus zweierlei Gründen: Ich war ursprünglich nur der Zeuge. Ursprünglich! Und dann wurde ich von der Kommission adoptiert. Zu welchem Zeitpunkt genau das geschah, weiß ich nicht mehr. Aber es dauerte nicht länger als bis zum 15. Juli. Um den 15. Juli habe ich Krakau verlassen. Da habe ich meine Arbeiten abgeschlossen und bin nach Österreich zurückgekehrt. Es fällt mir aber gerade ein: Hier in dieser einen Schlußschrift, glaube ich, ist sogar das genaue Datum drin.

 

Verteidiger Laternser:

Das genaue Datum ist nicht so wichtig. Ich wollte nur wissen, wie lange Sie etwa da tätig gewesen sind. Also Sie sagten – aber ich möchte Sie jetzt nicht beim Nachsehen stören.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Sie sagten, Sie seien zunächst vor dieser Kommission als Zeuge vernommen worden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Es ist eine schriftliche Vernehmung gemacht worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Eine schriftliche Vernehmung.

 

Verteidiger Laternser:

Sind Sie damals vereidigt worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Haben Sie eine Abschrift dieser Vernehmung?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Ich habe zwei solcher Abschriften da, es waren zwei Vernehmungen: das eine Protokoll, das ich bereits zitiert habe, vom 24. April 45, und dann ist noch ein zweites Protokoll, das ist [Pause] [...]

 

– Schnitt –

 

Verteidiger Laternser:

jetzt im Augenblick an, Herr Doktor Wolken.

 

Zeuge Otto Wolken:

Gut. Wie Sie glauben.

 

Verteidiger Laternser:

Würden Sie bereit sein, für den Fall, daß dieses Protokoll durch das Gericht eingesehen werden wollte, Abschriften dieser Protokolle zur Verfügung zu stellen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Sie sind beim Akt, komplett.59

 

Verteidiger Laternser:

Die sind beim Akt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Komplett. Beide Protokolle und sämtliche Zusätze, alles liegt hier beim Gericht in einem Akt. Ich besitze es nicht, ich habe nur so Bruchstücke. Aber das Gericht hat die vollständige

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ja, gut. Ja. Ja. Wir können dann

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Das zweite Protokoll stammt vom 22. Juni 45.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Herr Doktor Wolken, haben Sie dann auch noch anderen Kommissionen angehört, die die Vorgänge von Auschwitz untersucht haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Keiner. Haben Sie dem Auschwitz-Komitee in Wien nicht angehört?

 

Zeuge Otto Wolken:

Dem Internationalen Auschwitz-Komitee gehöre ich an. Das ist aber eine Kameradschaftsgruppe der Auschwitzer zur gegenseitigen Hilfeleistung.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ja. Das Komitee hat seinen Sitz in Wien?

 

Zeuge Otto Wolken:

In Wien, ja. [Pause] Das österreichische Komitee.

 

Verteidiger Laternser:

Und wer ist der Leiter dieses Komitees in Österreich?

 

Zeuge Otto Wolken:

Frau Doktor Ella Lingens.

 

Verteidiger Laternser:

Welches ist die Tätigkeit dieses Komitees?

 

Zeuge Otto Wolken:

Wir bemühen

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Herr Vorsitzender [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, ich gebe gerne darüber Auskunft. Wir haben Gelder gesammelt und haben 30 polnische Kameraden in österreichische Lungenheilstätten zur Kur gebracht. Das war unsere Tätigkeit. Wir sammeln Geld, um ein Denkmal für die Opfer zu machen

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Sie werden ja gar nicht darüber gefragt [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Na, warum soll er es nicht beantworten? Warum soll er es nicht

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich] ja fragen würde, was für karitative Ziele [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Er hat es aber doch gesagt. Warum haben Sie Bedenken, Herr Rechtsanwalt?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe Bedenken, weil das mit den Aussagen des Zeugen nicht das geringste zu tun hat, weil das überhaupt mit der gesamten Beweisführung, zu der der Zeuge hier gehört wird, nicht das geringste zu tun hat und weil offenbar die Frage des Herrn Laternser darauf abzielt, aus der Zugehörigkeit zu einem rein karitativen Organ irgendwelche Diskriminierungen zu folgern.

 

Verteidiger Laternser:

Ich verbitte mir solche Schlüsse des Herrn Kaul.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So, Moment, Herr Rechtsanwalt Kaul, nicht!

 

Nebenklagevertreter Kaul:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser, Sie haben gehört, daß der Gegenstand dieses Unternehmens in erster Linie ein karitativer Zweck ist.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Das will ich ja mit der Befragung feststellen.

 

Vorsitzender Richter:

Eben. Damit ist es erledigt.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich bitte, mich weiter befragen zu lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Doktor Wolken, sind durch dieses Komitee auch Vernehmungen durchgeführt worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, durch das Komitee nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Durch Mitglieder dieses Komitees?

 

Zeuge Otto Wolken:

Auch nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Wissen Sie das sicher? Wissen Sie das sicher, daß von Ihnen

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich weiß, Sie denken an den Herrn Langbein.

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Herr Langbein ist nur ein gewöhnliches Mitglied unseres Komitees, so wie einer irgendein Mitglied irgendeiner Partei ist. Was er privat tut, das geht unser Komitee nichts an. Er hat keine Funktion in unserem Komitee.

 

Verteidiger Laternser:

Wissen Sie, daß er

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das möchte ich gerade mal festgestellt wissen. Also der Herr Doktor Langbein war doch früher einmal Sekretär

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Er war Sekretär und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Generalsekretär

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Er war Generalsekretär, und er hat sich sehr verdient gemacht um die Ausforschung von Kriegsverbrechern. Also bitte, es gibt solche Leute, die das machen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment, und dann ist das Komitee, glaube ich, in seinem Hauptsitz nach Warschau verlegt worden. Und dann war er kein Generalsekretär mehr?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, weil ein Generalsekretär in Wien für den Sitz eines Komitees in Warschau kein Interesse hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie brauchen mir das ja gar nicht zu begründen. Ich frage nur, ob es so war.

 

Zeuge Otto Wolken:

So war es.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, nunmehr ist der Herr Langbein lediglich ein ganz normales Mitglied dieses Auschwitz-Komitees in Wien?

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Unseres Auschwitz-Komitees in Wien, ja.

 

Verteidiger Laternser:

Nun, in seiner Tätigkeit als Sekretär hat er sich nicht um das Ausfindigmachen von Zeugen bemüht? Das ist durchaus etwas, was

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja natürlich hat er sich bemüht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich möchte gerne wissen, was diese Frage mit dem Beweisthema und mit der Beweisaufnahme und mit der Vernehmung des Herrn Doktor Wolken zu tun hat

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Die Überlebenden

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich] als Zeuge, wir werden Herrn Langbein hören. Wenn der Herr Laternser

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

[unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Na, selbstverständlich, dann müssen Sie [unverständlich] Nach Paragraph 242 der Strafprozeßordnung60 beanstande ich die Frage und begründe diese Beanstandung, genauso wie das seinerzeit von der Verteidigung geschehen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja also, Herr Rechtsanwalt

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich bitte, diese Frage nicht zuzulassen, da Herr Langbein hier [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Doktor Kaul, wir können nicht beide zusammen und gleichzeitig sprechen, nicht? Sie sprechen dann, genau wie die anderen Herren, wenn Sie das Wort erteilt bekommen. Sie wollen hier das Wort erteilt bekommen, um eine Frage zu beanstanden. Sie haben diese Frage beanstandet und haben zur Begründung dieser Beanstandung vorgetragen, daß sie nicht zum Gegenstand der Beweisaufnahme gehöre. Ja?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Und ich möchte dann dazu eine Erklärung abgeben. Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dazu können Sie eine Erklärung abgeben, jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich möchte das aber noch näher begründen.

 

Vorsitzender Richter:

Noch näher begründen. Dann begründen Sie das bitte erst näher.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Es geht also hier um eine Person, einen hier uns völlig Unbekannten, der aber seinerseits von der Staatsanwaltschaft bereits als Zeuge geladen ist und über dessen Glaubwürdigkeit – ganz offenbar sollen doch die Fragen darauf abzielen – man sich dann schlüssig überhaupt erst wird

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Frage

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich werde jetzt begründen, weshalb ich die Frage stellen muß. Wir haben den Zeugen jetzt bereits zwei Tage gehört, und wie wir aus seinen Bekundungen entnommen haben, hat er ein umfangreiches Wissen. Er hat seinen Sitz in Wien. Wir werden sehr viele Zeugen noch vernehmen, die in irgendwelcher Verbindung mit Kommissionen gestanden haben. Es ist wichtig, festzustellen, welche Tätigkeit diese Kommissionen ausgeübt haben, um festzustellen, ob nicht durch Bekanntgabe von Angaben des Zeugen X an den Zeugen Y damit – wenn auch nicht bewußt, aber unbewußt – eine Beeinflussung von Zeugenaussagen vorgenommen worden ist. Es ist nach meiner Meinung außerordentlich wichtig, dem nachzugehen. Und man hat die Tätigkeiten dieser Kommissionen gerade mit Rücksicht auf die Beurteilung der Zeugenaussagen, die demnächst kommen werden, aufs genaueste zu erforschen, um festzustellen, ob wir unbeeinflußt sind – ich sage nichts von bewußt oder unbewußt –, ob wir es mit unbeeinflußten oder mit klaren, unabhängigen Zeugenaussagen zu tun haben. Auf das, was Herr Kaul im übrigen gesagt hat, ist von mir aus kein Wort der Erwiderung notwendig. Ich bitte, die Frage zuzulassen.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Frage lautet nunmehr wie?

 

Verteidiger Laternser:

Die Frage lautet, ob sich Herr Langbein während seiner Tätigkeit als Sekretär des Auschwitz-Komitees in Wien um die Ausfindigmachung von Zeugen bemüht hat.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, selbstverständlich, das gehört ja zu seinen Pflichten.

 

Verteidiger Laternser:

Gut. Die Frage ist also jetzt schon beantwortet

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment. Es ist hier widersprochen worden, deshalb kann ich sie nur aufnehmen, wenn wir darüber entschieden haben werden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Das ist genau so, wie wenn nach einem Verkehrsunfall die Zeitung aufruft, es werden Zeugen gesucht. Genau so hat Langbein die Zeugen gesucht.

 

Vorsitzender Richter:

[unverständlich] Also das ist die erste Frage. Weiter [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich halte die Beanstandung aufrecht [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, natürlich, es wird darüber entschieden, Sie können sich beruhigen. Ja, bitte schön, haben Sie noch eine Frage? Die Frage wird zurückgestellt, weil es [unverständlich]

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Ich habe noch mehrere Fragen, Herr Vorsitzender, und ich bitte Sie sehr, mich nicht bei jeder Frage dann zu fragen, ob ich noch eine Frage habe, nicht. Ich möchte sie gerne im Zusammenhang stellen. [Unruhe im Gerichtssaal]

 

Vorsitzender Richter:

Ich verstehe Sie nicht, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Laternser:

Ah doch, ich glaube, das war schon zu verstehen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

[unverständlich] Sie alleine, Herr Rechtsanwalt [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment. Moment, Moment, Herr Rechtsanwalt Kaul, wir haben hier kein Zwiegespräch. Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser, Sie hatten eine Frage gestellt. Die Frage ist beanstandet worden. Sie wissen genau, daß über diese Beanstandung entschieden werden muß, und zwar durch das Gericht. Da ich nun nicht bei jeder einzelnen Frage, die beanstandet werden wird, mit dem Gericht hinausgehen will zur Beratung, habe ich Sie gefragt, ob Sie noch weitere Fragen hätten oder eine weitere Frage hätten. Das ist doch ein ganz klares Prozedere. Was Sie daran zu beanstanden haben, ist nach meinem Dafürhalten nicht verständlich.

 

Verteidiger Laternser:

Gut, dann bitte ich, das als ein Mißverständnis zu sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Zeuge, wissen Sie, ob Herr Langbein Zeugen vernommen hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Sie wissen es nicht, oder hat er vernommen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte? Ich weiß es nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Sie wissen es nicht. Hat Herr Langbein in seiner Eigenschaft als Sekretär des Auschwitz-Komitees Korrespondenz mit den Zeugen unterhalten?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich glaube schon. Wenn er hinausschreibt und Zeugen sucht und sich ein Zeuge meldet, muß er ihm doch schreiben: Worüber kannst Du aussagen?

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Wissen Sie, ob er gemachte Aussagen anderen Zeugen zugeleitet hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Das wissen Sie nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht, oder sollte das heißen, daß [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Das weiß ich nicht. Ich weiß es nicht. Wien ist eine große Stadt, und der Herr Langbein wohnt sehr weit von mir.

 

Verteidiger Laternser:

Haben mal Zusammenkünfte von Zeugen stattgefunden, an denen auch Sie teilgenommen haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Na, Moment, sind Sie vorsichtig in der Beantwortung dieser Frage. Sie waren Mitglied des Auschwitz-Komitees. Ich nehme an, daß Sie da auch einmal zusammengekommen sind und daß da mehrere Leute drin waren, die auch in Auschwitz waren, und daß Sie sich da auch getroffen haben dabei, nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, aber wir haben nicht über den Prozeß gesprochen, das ist ja das Wesentliche. Wir waren nicht als Zeugen beisammen, sondern wir waren als Auschwitzer Kameraden beisammen. Wir haben über Probleme des Auschwitz-Komitees gesprochen. Als Zeugen waren wir nie beisammen.

 

Vorsitzender Richter:

So sollte das verstanden sein.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, so war auch meine Frage natürlich nur gemeint. Herr Doktor Wolken, ist Ihnen die Anklageschrift bekannt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nicht. [Pause] Und sind Sie schon mal in anderen Verfahren als Zeuge vernommen worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, in der Angelegenheit gegen Doktor Peters von der DEGESCH.61

 

Verteidiger Laternser:

Wann war das?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war vor zwei oder drei Jahren.

 

Vorsitzender Richter:

Hier in Frankfurt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, hier in Frankfurt. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Herr Doktor Wolken, Sie haben dann geschildert, was Sie von den Vorgängen an der Rampe wissen. Sie sagten, Sie hätten durch Rufen gehört, daß man zuerst befohlen habe, daß Kranke, Alte und nicht Arbeitsfähige und Frauen und Kinder links raustreten sollten. Und daß dann der Rest von den Lagerärzten besorgt worden sei, die sich

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Diesen Rest habe ich nicht gehört.

 

Verteidiger Laternser:

Nein, ach so. Das haben Sie dazu gesagt, das ist Ihre Aussage. Und Sie sagten, daß diese Lagerärzte sich freiwillig für diese Selektionen gemeldet hätten. Woher wissen Sie das?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, nein. Ich habe gesagt, diese Lagerärzte haben diese Tätigkeit getan, manche sogar freiwillig, nicht wahr. Mengele hat sich oftmals außertourlich freiwillig gemeldet, weil er dort seine Zwillinge ausgesucht hat und so weiter.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe Ihre Aussage anders in Erinnerung, daß Sie sagten, daß die Lagerärzte sich dazu freiwillig gemeldet hätten. Also so haben Sie dann Ihre Aussage

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So hat er es gesagt, wie er gerade eben sagte. Mit denselben Worten sogar.

 

Verteidiger Laternser:

So, ja. [Pause] Nun noch folgendes, Herr Doktor Wolken: Sind Sie jetzt in der letzten Zeit, bevor Sie hier als Zeuge erschienen sind, über den Gang dieser Verhandlungen von irgendeiner Seite informiert worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Vorsitzender, ich darf vielleicht mal eine Frage stellen, die allgemein von Interesse ist. Herr Kollege, es ist Ihre Frage. Haben Sie nicht vorhin gesagt, Herr Zeuge, daß der Angeklagte Baretzki auch hier erklärt hätte, er sei ja auch nur an die Rampe gekommen mit seinem Kommando und sei dann weggegangen? Und Sie hätten aber Dokumente in der Hand, das wäre nicht wahr.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe durch reinen Zufall, und es war das ein reiner Zufall, daß ich in meinem Hotelzimmer ein Blatt Zeitungspapier finde mit der Aussage vom Baretzki. Das war eine alte Zeitung, die da gelegen ist, die ich durchblättere, und da finde ich das vom Baretzki. Das war ein reiner Zufall, daß ich das gefunden habe.

 

Verteidiger Gerhardt:

Können Sie mir vielleicht sagen, welche Zeitung das war und ob da ein Bild in der Zeitung war?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das war ein Zeitungsblatt.

 

Verteidiger Gerhardt:

War es eine Frankfurter Zeitung?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja, war

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Gut, danke, werde ich feststellen. Wissen Sie, Herr Doktor Wolken, daß hier oder ob hier von irgendeiner nichtamtlichen Stelle mitgeschrieben wird das, was sich hier in der Verhandlung ereignet?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Sie sind also auch nicht vom Auschwitz-Komitee in Wien über den Gang der Verhandlung informiert worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. [Pause] Bitte, das Auschwitz-Komitee in Wien, das ist ja nur eine lockere Zusammenfassung für Kameraden. Wir kommen alle zwei, drei Monate einmal in einem kleinen Restaurant zusammen, nicht. Und da wird irgendein Bericht gehalten über Wiedergutmachungsangelegenheiten oder den Stand der Denkmalaktion oder irgendeine gemeinsame Fahrt, die wir machen, aber

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Sind Sie nun, als Sie nach Frankfurt gekommen sind, hier von irgendeiner Seite auf irgendeinen wichtigen Punkt Ihrer künftigen Aussage aufmerksam gemacht worden?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nicht. Nun habe ich nur noch eine Frage, bei der ich Sie darauf hinweisen möchte

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Bitte, Herr Doktor, ich möchte Sie auf eines aufmerksam machen: Das, wozu ich heute hier ausgesagt habe, das habe ich vor 19 Jahren niedergeschrieben. Ich habe zu dem heute kein Wort dazugegeben und kein Wort weggenommen. Und ich habe das zu einer Zeit geschrieben, da habe ich von der Existenz eines Hermann Langbein, von der Existenz eines Auschwitz-Komitees und all den Dingen nichts gewußt.

Ich habe nichts an diesen Dingen geändert, und ich stehe zu diesen Dingen, so wie ich sie vor 19 Jahren geschrieben habe. Ich habe nichts dazugegeben, ich habe nichts weggenommen davon. So waren die Dinge. So habe ich sie hier berichtet. So bin ich gerne bereit, sie zu beeiden. Was das mit Langbein, was das mit dem Auschwitz-Komitee und anderen Dingen zu tun hat, verstehe ich nicht. Ich habe nichts daran geändert.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten noch eine letzte Frage?

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ich habe noch eine letzte Frage, Herr Doktor Wolken, die Sie aber nicht zu beantworten brauchen. Sie haben auf die Frage des amtierenden Staatsanwalts vorhin gesagt, daß ein Verfahren gegen Sie mal im Gange gewesen sei. Und darf ich fragen, um wie viele Fälle es sich damals gehandelt hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Drei.

 

Verteidiger Laternser:

Drei Fälle, ja. Und die Strafe – Sie brauchen es nicht zu beantworten –, die Höhe der Strafe, die damals gegen Sie erkannt worden ist?

 

Zeuge Otto Wolken:

Sechs Jahre, denn ich war ja Jude.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Nehmen Sie bitte Platz. Welche von den Herren Verteidigern haben noch Fragen zu stellen? Der Herr Rechtsanwalt Steinacker. Um wie viele Fragen wird es sich ungefähr handeln?

 

Verteidiger Steinacker:

Zwei oder drei.

 

Vorsitzender Richter:

Zwei oder drei. Könnten wir sie noch heute abend erledigen? Dann könnten wir unter Umständen den Zeugen noch entlassen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich glaube, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Doktor Wolken, als Sie im Juli 1943 ausgesucht wurden für eine Selektion beziehungsweise zur Gaskammer mit anderen 80 Mithäftlingen, in welchem gesundheitlichen Zustand befanden Sie sich da?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich war noch gut beisammen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist es nicht so, daß Sie zu diesem Zeitpunkt bereits, um den Ausdruck zu gebrauchen, »Muselmann« waren?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, und ich werde Ihnen auch erklären, warum es so ist. Schauen Sie, wie ich nach Auschwitz gekommen bin, da war ich schon fünf Jahre in verschiedenen anderen Lagern. Ich hatte sozusagen schon ein zweites Doktorat mir erworben, und zwar in den Wissenschaften, wie man sich da durchschwindelt. Und wie ich in der Quarantäne in Auschwitz I war und gesehen habe, daß das unter Umständen mein Ende sein könnte, da habe ich die schmutzigen Fensterscheiben am Block bemerkt und habe dem Blockältesten gesagt: »Sie, schauen Sie, wie dreckig die Fensterscheiben sind. Habt ihr nicht einen Fetzen, ich putz euch die Fenster. Einmal kann ein SS-Mann schlecht gelaunt sein, und dann gibt es einen Wirbel.« Und der war damit einverstanden. Und während die anderen draußen gesessen sind, bin ich den ganzen Tag gesessen und habe also im ersten Stockwerk und im Parterre die Fenster gestreichelt, schön geputzt, daß sie glitzern und glänzen. Das ist dem SS-Mann aufgefallen, dem Rapportführer. Er hat in den anderen Blocks dann einen Wirbel gemacht, und ich habe immer einen Zusatz bekommen. Und ich habe Ihnen ja auch erzählt, daß ich sogar ein Brot in Reserve gehabt habe. So ein Held war ich zu der Zeit [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also, er war in einer guten Verfassung.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, Sie waren in einer guten Verfassung. Habe ich zur Kenntnis genommen. Herr Doktor Wolken, in dem bereits angeführten Buch »Auschwitz. Zeugnisse und Berichte« beginnt Ihr Bericht »Chronik des Quarantänelagers Birkenau« mit folgendem Satz, den ich mal vorhalten möchte. Ich bitte, mir dann zu bestätigen, ob der Satz in dieser Form richtig ist, weil ich im Anschluß daran eine weitere Frage habe. »Im Juli 1943 wurde ich mit ungefähr 80 Mithäftlingen aus dem Stammlager Auschwitz zur Vergasung nach Birkenau überstellt«, was Sie heute morgen und im Laufe des Tages geschildert haben. »Durch einen Freund, der eine Verbindung zu Häftlingen hatte, die in der Politischen Abteilung arbeiteten, und dank meines Berufes – ich bin Arzt – wurde ich in letzter Minute aus dieser Gruppe herausgerufen und so vorm Tod gerettet.« 62. Bis hierhin das Zitat. In dem Satz ist also die Formulierung: »durch einen Freund.« Erinnern Sie, wer der Freund war?

 

Zeuge Otto Wolken:

[Pause] Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Erinnern Sie an einen Doktor Samuel aus Frankfurt?

 

Vorsitzender Richter:

Soll er sich daran erinnern, oder?

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, wer der Freund war.

 

Vorsitzender Richter:

Dann dürfte doch die Frage wohl lauten: Erinnern Sie sich? Das ist doch intransitiv, nicht?

 

Verteidiger Steinacker:

Ja. Erinnern Sie sich, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte schön, bitte schön.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie erinnern sich nicht an Herrn Doktor Samuel?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist Ihnen der Freund bekannt, der die Verbindung zur Politischen Abteilung gehabt hat?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, das war ein Linzer, der war aus Linz. Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen, nicht wahr. Und der hat gesagt, er hat jemanden, der wird das erledigen. Also durch welche Hände das gegangen ist... Ich habe auch den Betreffenden später nie mehr gesehen.

 

Verteidiger Steinacker:

Wissen Sie, ich stoße mich nur an der Formulierung »durch einen Freund«. Ein Mithäftling ist ja nun noch nicht unbedingt gleich einem Freund zu setzen. Oder ist die Formulierung, wenn Sie sie damals geschrieben haben, »ein Freund«, ist das Ihre Darstellung, oder hat das vielleicht der Verfasser des Berichts, dem Sie Ihren Bericht übergeben haben, so formuliert? Oder ist die nur in Ihrem ursprünglichen Protokoll [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Bitte, das ist eine Stilisierung, die nicht von mir stammt

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Nicht von Ihnen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bei mir heißt es hier: »Im Juli 43 wurde ich« ... Warten Sie mal.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist das das Original?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das hier ist das Original. [Pause] »Durch einen Bekannten«, heißt es hier, »der Verbindungen hatte zur Politischen Abteilung, und dank meines Berufes« 63, so heißt es im Original. Es wurde aus dem »Bekannten« ein »Freund« gemacht. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

Sie wissen deshalb auch nicht, wem Sie aus der Politischen Abteilung Ihre Zurückstellung zu verdanken haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein. Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, dann habe ich keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr.

 

Verteidiger Steinacker:

Doch, noch eine, Verzeihung. Entschuldigung. Ich muß noch mal zurückkommen auf die Frage: Große Postenkette, Kleine Postenkette, elektrischer Zaun. Sie hatten auf die Frage des Herrn Staatsanwaltes, wenn ich recht erinnere, gesagt, daß der Zaun auch am Tag geladen gewesen sei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist Ihnen in Erinnerung, wann die Große Postenkette stand oder gestellt wurde?

 

Zeuge Otto Wolken:

Die Große Postenkette wurde dann gestellt, wenn die Arbeitskommandos draußen waren. Dann ist die Große Postenkette gestanden. Die Kleine Postenkette ist gestellt worden, wenn alle im Lager waren. Also das war nach dem Appell, da ist die Kleine Postenkette gekommen. Bitte, über diese – ich habe es schon heute erwähnt – technischen, administrativen Dinge, die das Außenleben im Lager betrafen, habe ich mir nie groß den Kopf zerbrochen. Also ich kann daher vielleicht manchmal nur Vermutungen sagen.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, das glaube ich Ihnen. Deshalb die Zusatzfrage: Nach der Darstellung verschiedener Angeklagter soll, wenn die Große Postenkette gestanden hat oder gestellt wurde, der Zaun nicht geladen gewesen sein. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Im Inneren des Lagers?

 

Verteidiger Steinacker:

Natürlich, natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Verteidiger Steinacker:

Wissen Sie das? Können Sie dazu etwas sagen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich kann das weder verneinen, noch kann ich ja dazu sagen. Ich weiß, daß zu verschiedenen Zeiten bei Tag, also wo niemand auf den Wachtürmen war, der elektrische Draht geladen war. Denn wir hatten ja die Unfälle, und wir hatten ja die, die zum Draht gegangen sind. Nach welchen Gesichtspunkten er einmal geladen war, einmal nicht geladen war, das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, dann habe ich keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Die Angeklagten haben sämtlich das Recht, nach der Vernehmung dieses Zeugen Fragen zu stellen und Erklärungen abzugeben. Bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, ich hätte eine Frage an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Der Zeuge sagte, ich wäre Leiter des Desinfektionskommandos gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Dann muß ich den Herrn Zeugen mal fragen, wie lange ich Leiter des Desinfektionskommandos gewesen bin.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, Herr Zeuge, Sie haben gesagt, das wäre 43 [unverständlich]

 

Zeuge Otto Wolken:

43, nein. Ich habe mit Ihnen zu tun gehabt 44. Und das war, wie der Doktor Thilo zu Ihnen gekommen ist und gesagt hat: »Das funktioniert nicht. Ich behaupte, die Leute kommen verlaust aus der ›Sauna‹ «. Und Sie haben sich da sehr abfällig [geäußert]. Sie haben sogar gesagt, Sie werden das [unverständlich] haben. Und dann habe ich dem Thilo gesagt: »Na, bitte schön, überzeugen Sie sich selber einmal.« Und da hat er Sie einmal gebracht. Draußen, da vorne, gegenüber der Küchenbaracke waren die Leute, der neue Zugang, aufgestellt. Ich bin mit meinen Häftlingsärzten gekommen, und wir haben die Leute untersucht. Und wir haben Ihnen persönlich vorgeführt die frischen Läuse auf der Wäsche. Also so hat sich das ereignet. Zu dem Zeitpunkt also waren Sie der Verantwortliche dafür.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie uns aber alles schon ausgesagt, das ist nichts neues mehr. Herr Klehr, Sie wollten ja doch wissen, ob der Zeuge weiß, von wann bis wann Sie Leiter des Desinfektionskommandos gewesen sind?

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl.

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, das weiß ich nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Zeuge sagt dazu: »Das weiß ich nicht, das kann ich auch nicht wissen. Ich kann mich nur an diese eine Begebenheit erinnern.«

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich wollte den Zeugen mal aufmerksam machen: Der Herr Zeuge sagt, wo der nach dem Lager Birkenau kam, da befand sich schon die Rampe von Birkenau zwischen dem Frauenlager und dem Männerlager. Diese Rampe von Birkenau habe ich niemals kennengelernt, solange wie ich in Auschwitz war. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da muß ich zunächst mal feststellen, wie sich das überschneidet. [Pause]

 

Angeklagter Klehr:

Wo ich in Auschwitz war, befand sich die Rampe zwischen dem Stammlager und dem Lager Birkenau. Die neue Rampe zwischen dem Frauenlager und dem Männerlager habe ich niemals zu Gesicht bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind hingekommen im Juli etwa, 1943, oder im August, nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. 43 bis zum Ende.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in dieser Zeit haben Sie die Rampe dort erlebt, nicht?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie, Klehr, Sie sind ja doch, wie Sie uns gesagt haben, gewesen bis August 43 in Auschwitz, ja?

 

Angeklagter Klehr:

Bis August 43 in Auschwitz. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Also ist es doch sehr gut möglich, daß Sie im August 43 die Rampe noch nicht gesehen haben und er, der im August nachher dahin gekommen ist, sie dann später gesehen hat.

 

Angeklagter Klehr:

Ja. Natürlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das überschneidet sich doch gar nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, der Zeuge sagt doch, ich wäre Leiter des Desinfektionskommandos gewesen, und der Zeuge sagt, die Rampe wäre schon dagewesen am Lager zwischen Frauenlager und Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Also folgende Frage, Herr Doktor Wolken. Wollen Sie bestimmt sagen: »Als ich in das Lager Birkenau kam«, das war wohl im Juni, sagten Sie, oder im Juli, Ende Juli, Anfang August, »da stand in diesem Augenblick schon die Rampe«? Oder wollen Sie sagen: »Sie ist errichtet worden während meines Aufenthaltes im Lager Birkenau«?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich weiß weder etwas über den Bau dieser Rampe, noch genau, exakt, wann sie gemacht worden ist. Ich möchte vielleicht hier erklären: Bis, sagen wir, drei Wochen nach meiner Ankunft im Quarantänelager, also wo ich dann als Arzt in der Ambulanz tätig war, war ich ja ein untergeordneter kleiner Häftling, so wie die anderen. Ich habe also nichts gewußt, was sich außerhalb des Lagers abspielt. Ich habe nicht gewußt, wer die einzelnen Leute sind, wenn man nicht den einen oder anderen Namen zufällig gehört hat. Und ich hatte vor allem einmal keine Gelegenheit, außerhalb des Lager zu sehen, was dort los ist, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Im Anfang?

 

Zeuge Otto Wolken:

Im Anfang. Deshalb kann ich nichts sagen. Aber von dem Moment an, wo ich sozusagen ein bewußter Häftling war – wo ich also schon, sagen wir, ein bissel hinaufgeklettert bin, daß ich mich um verschiedene Dinge kümmern konnte und schauen konnte –, da hat die Rampe64 schon existiert, da wurden die Züge schon eingeschoben. Also und das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das war in der Zeit, wo Sie mittlerweile

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Also ob das schon im August war oder erst im September... Aber ungefähr um diese Zeit war es.

 

Vorsitzender Richter:

War die Rampe schon da

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich war nicht beim Bau dabei. Das werden vielleicht andere Zeugen besser wissen, vor allem einmal die, die im Frauenlager [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Noch eine Frage? Bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, dann wollte ich noch mal fragen, Herrn Landgerichtsrat. Er hatte vorhin den Zeugen gefragt, ich hätte eine Desinfektionsanlage aufgebaut, und nachher mußte ich sie wieder abreißen. Diese Aussage wurde ja von Neubert gemacht, die wurde ja von mir nicht gemacht. Ich habe ja niemals ausgesagt, daß ich eine Desinfektionsanlage aufgebaut habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist richtig. Ja, das ist ein Irrtum gewesen. Also Neubert hat diese Aussage gemacht. Noch eine Frage?

 

Angeklagter Klehr:

Nein, ich wollte nur noch sagen, daß ich ab August nicht mehr in Auschwitz dienstlich tätig war, sondern in den Nebenlagern. Kurz vorher

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Moment, Herr Klehr, das ist aber jetzt doch sehr wichtig. Herr Doktor Wolken, Sie haben doch damals diese Zusammenkunft mit dem Angeklagten Klehr unter Beisein des Lagerarztes

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Thilo

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Doch gehabt zu einer Zeit, wo Sie bereits im Quarantänelager tätig waren, nicht. Im Quarantänelager, also im Lager a.

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ja, in Birkenau, im Quarantänelager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da Sie uns gesagt haben, daß Sie in das a- Lager gekommen seien, ich glaube, im September oder Oktober, müßte der Angeklagte Klehr doch auch

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Diese Sache hat sich abgespielt schon gegen Ende, schon bald vor der Auflösung des Lagers, also im Jahre 44.

 

Vorsitzender Richter:

Im Jahr 44?

 

Zeuge Otto Wolken:

Schon im Jahr 44. Also, wer war da statt Ihrer in der Desinfektion? [...]

 

Angeklagter Klehr:

Nach meiner Ablösung war der Unterscharführer Koch, der hat die Desinfektion weitergeführt. Ich bin von dem Moment, wo die Außenlager aufgestellt worden sind, bin ich in die Nebenlager versetzt worden. Und in den Nebenlagern wurden dann Fleckfieber-Fälle gemeldet. Und davon wurde ich nach den Außenlagern versetzt und mußte in den Außenlagern die Desinfektion durchführen. Und mein Nachfolger war der Unterscharführer Koch. Und dieser Abschnitt, wie es dort gezeichnet ist, das Quarantänelager, das bestand bei mir gar noch nicht. Wo ich in Auschwitz war, da war hier Frauenlager, anschließend Burschenlager, Männerlager, und anschließend war das Zigeunerlager. Der hintere Abschnitt war überhaupt noch nicht gebaut bei meiner Zeit.

 

Zeuge Otto Wolken:

Na gut, aber schauen Sie, der ist doch schon im August gestanden fix und fertig.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Doktor Wolken, uns ist wichtig, ob Sie mit Bestimmtheit sagen können, diese Zusammenkunft, Lagerarzt, Klehr und Sie

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Bitte, vielleicht war es der Koch. Bitte, vielleicht war es mit Koch. Das war so eine nebensächliche Sache, vielleicht war das der Koch.

 

Vorsitzender Richter:

Also das können Sie mit Sicherheit nicht mehr sagen?

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich habe den Klehr früher nie gesehen gehabt, nicht wahr. Es war mir nur ein Name, den ich gehört habe. Und es kann eben sein, daß es sein Nachfolger, der Koch, war.

 

Vorsitzender Richter:

Damit ist die Frage doch beantwortet.

 

Zeuge Otto Wolken:

Also, wie gesagt, das war keine weltbewegende Geschichte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Welcher Angeklagte? Baretzki? [...]

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Doktor Wolken.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Wenn Sie ein Arzt waren im a-Lager, also Sie wissen, da ist ein Schreiber doch im Lager, der Hauptmann. Was ist das für ein Schreiber?

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt, was

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Der über alles Bescheid weiß im Lager, wie wird der näher bezeichnet, der Schreiber?

 

Vorsitzender Richter:

Ich verstehe nicht, was

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ein Rapportschreiber. [...]

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, ganz richtig, der Rapportschreiber. Wissen Sie, wer der Rapportschreiber war? Wie der heißt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, an den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Angeklagter Baretzki:

Was war das, ein Jude, ein Pole?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ein Pole.

 

Angeklagter Baretzki:

Soll ich Ihnen den Namen sagen von dem Rapportschreiber?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Können Sie sich erinnern an Herrn Maximilian [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Na, er fällt Ihnen, scheint es

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Maximilian Sternol. [...]

 

Zeuge Otto Wolken:

Sternol? Nein.

 

Angeklagter Baretzki:

Nein? Kennen Sie nicht? Der war Rapportschreiber im a-Lager. Den müssen Sie doch kennen, wenn Sie der Arzt waren, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie denn das, Herr Baretzki, wo Sie nie in dem a-Lager gewesen sind?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, ich will jetzt sagen, wie ich das weiß. Der Herr Maximilian Sternol ist mir ja gegenübergestellt worden bei einem Untersuchungsrichter und hat zu mir gesagt, er wäre Rapportschreiber im a-Lager, ja. Und habe ich zu ihm gesagt: »Ich kenne keinen Rapportschreiber vom a-Lager«, nicht. Na, er sagt zu mir, er war Rapportschreiber gewesen. Sage ich ihm: »So, wenn Sie Rapportschreiber waren, dann müßte ich Sie doch kennen.« »Ja«, sagt er, »ich war nicht im d-Lager Rapportschreiber, wo Sie waren, ich war im a-Lager Rapportschreiber.« Sage ich: »Dann kennen Sie mich da vom a-Lager oder vom d-Lager?« »Nein, ich kenne Sie vom a-Lager nicht aus. Vor meiner Rapportschreiberzeit im a- Lager war ich Blockältester, von da kenne ich Sie«, sagt er, »aber als Rapportschreiber vom a-Lager kenne ich Sie nicht.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das mag ja sein. Jedenfalls dieser [...] Zeuge sagt, er hätte Sie kennengelernt im d-Lager.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, und später wieder im a-Lager getroffen.

 

Vorsitzender Richter:

Und später, als er im a-Lager gewesen sei, wären Sie dort Blockältester gewesen.

 

Angeklagter Baretzki:

Nein, Blockführer meinen Sie.

 

Vorsitzender Richter:

Blockführer gewesen. Und als Blockführer hat er Sie dann beobachtet bei diesen Fällen, die er uns heute vorgetragen hat. Und nun frage ich Sie, wie bringen Sie denn das zusammen mit Ihrer Aussage, daß Sie nie im a-Lager gewesen seien?

 

Angeklagter Baretzki:

War ich auch nicht. Also wenn ich im a-Lager gewesen wäre, ja, dann hätte mich bestimmt der Rapportschreiber gekannt. Denn der Rapportschreiber arbeitet ja zusammen mit dem Blockführer, Hand in Hand, die müssen sich ja kennen, wobei der Arzt und der Blockführer, die kommen schon seltener zusammen. Aber ein Rapportschreiber, und ein Blockführer, die arbeiten nun jeden Tag zusammen, die stellen doch die Stärke zusammen vom Lager. Also, die müssen sich doch kennen. Und der Mann hat mich nicht gekannt als Rapportschreiber vom a-Lager, und der Herr Doktor Wolken will mich kennen. Aber darf ich Ihnen noch was sagen, Herr Wolken?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte.

 

Angeklagter Baretzki:

Sie haben genannt den Herrn Kurpanik, das war Unterscharführer Kurpanik. Der war da Rapportführer, stimmt. Der Dargelis war der Blockführer, der Weiß war der Blockführer, und als vierten Blockführer – da waren doch vier Blockführer bloß gewesen im a-Lager, ja – haben Sie vielleicht gekannt einen Blockführer Meier? Tun Sie mich nicht vertauschen mit Blockführer Meier, gucken Sie mich gut an. Gucken Sie mich gut an. Tun Sie mich nicht vertauschen mit Blockführer Meier. Der Blockführer Meier und Dargelis, das waren zwei Landsleute, die waren aus Ostpreußen. Gucken Sie mich gut an. Denn es werden andere Leute kommen, die werden sagen, daß ich nicht im a-Lager Dienst gemacht habe. Ich habe auch wirklich niemals im a-Lager Dienst gemacht. Ich wäre auch nicht zu feig zu sagen: »Ich war im a-Lager.« Ich war aber wirklich nicht im a-Lager, niemals habe [+ ich] Dienst gemacht im a-Lager.

 

Zeuge Otto Wolken:

Sie sehen, ich habe Sie erkannt, wiewohl ich Sie jetzt zwanzig Jahre nicht gesehen habe, und es tut mir leid um Ihr persönliches Schicksal. Aber

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Herr Wolken, aber beantworten Sie mir die Frage hier

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, bitte schön, reden Sie weiter. Bleiben Sie dabei

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich bleibe dabei, ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Daß das der Angeklagte Baretzki ist, von dem Sie uns das erzählt haben, was Sie erzählt haben?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage?

 

Angeklagter Baretzki:

Kennen Sie noch die anderen Blockführer, die da Dienst gemacht haben, im a-Lager?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe ja genannt: den Dargelis

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Er hat sie jetzt schon dreimal genannt, Herr

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Ja, aber nur immer dieselben vier!

 

Vorsitzender Richter:

Immer dieselben vier.

 

Angeklagter Baretzki:

Der hat aber hier vorher gesagt, die sind ja immer gewechselt worden.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, gut, das

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Und der gibt immer nur dieselben vier an, der Herr Zeuge.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja, ja, es gab Blockführer, die ganz unscheinbar waren, die nie in Erscheinung getreten sind. Da hat man sich um den Namen nicht gekümmert und die auch dem Namen nach gar nicht gekannt.

 

Angeklagter Baretzki:

Sie sind doch mal am Blockführer vorbeigegangen, Sie mußten doch heraus aus dem Lager, Sie mußten wissen, wer der... Was hatte ich für einen Dienstgrad gehabt?

 

Zeuge Otto Wolken:

Bitte?

 

Angeklagter Baretzki:

Was hatte ich für einen Dienstgrad?

 

Zeuge Otto Wolken:

Unterscharführer, glaube ich. Aber, bitte schön, schwören kann ich es auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ist es möglich, Herr Doktor Wolken, daß noch andere Blockführer in dem Lager waren, deren Namen Sie bloß nicht mehr kennen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist möglich, ja. Bitte schön. Haben Sie sonst noch eine Frage an den Zeugen?

 

Angeklagter Baretzki:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr an den Zeugen?

 

Verteidiger Joschko:

Herr Direktor, der Zeuge Doktor Wolken hat die Frage noch nicht richtig beantwortet, ob er einen Blockführer Meier kannte oder ob es im a-Lager einen Blockführer Meier gab.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, wissen Sie

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Heute erinnere ich mich nicht mehr an den Blockführer Meier. Schauen Sie, ich habe mich auch schwer erinnert an den Weiß, wiewohl er mir persönlich sehr Schlechtes getan hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also an einen Blockführer Meier können Sie sich heute nicht mehr erinnern.

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Heute nicht mehr erinnern.

 

Verteidiger Joschko:

Ich hätte noch eine Frage: Herr Doktor Wolken, woher kennen Sie den Namen Baretzki?

 

Zeuge Otto Wolken:

Den Namen Baretzki? Na, er ist sehr gut in Erscheinung getreten, auch im d-Lager. Er war nicht das Lamm, als das er sich heute hierher stellt. Ich sehe ihn noch heut, wie er mit dem Fahrrad durchgefahren ist durchs Lager, und mit der Lenkstange sind links und rechts die Leute weggeflogen. Man hat ziemliche Angst vor ihm gehabt.

 

Angeklagter Baretzki:

[Pause] Herr Doktor Wolken, Sie sagten ja dann mit dem Lagerführer Schillinger, ja?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

In welchem Jahr soll das gewesen sein mit dem Herrn Lagerführer Schillinger?

 

Zeuge Otto Wolken:

Das war im Jahre 43, im Oktober oder November.

 

Angeklagter Baretzki:

Der war vorher ein Lagerführer, ja? Wo war denn der Lagerführer gewesen? Sie sagten doch: »Anschließend kam der Schwarzhuber als Lagerführer.« Wo war der Schillinger da vorher Lagerführer?

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich habe schon heute zu wiederholten Malen erklärt, daß ich mir über die Lageraristokratie, also über die hohen Offiziere, die irgendwo in irgendeinem Büro saßen, daß ich von denen nichts weiß, weil ich sie auch nie zu Gesicht bekommen habe. Oder wenn ich sie zu Gesicht bekommen habe, habe ich nie gewußt, wer es ist.

 

Angeklagter Baretzki:

Wenn ich Ihnen

 

Zeuge Otto Wolken [unterbricht]:

Ich hatte nur mit denen zu tun, die in unserem Lager Dienst machten.

 

Angeklagter Baretzki:

Darf ich Ihnen mal sagen, wer der Schillinger war? Aus den Akten kenne ich den Namen Schillinger. Das war doch ein Unterscharführer von dem »Sonderkommando«, aber kein Lagerführer; ein Lagerführer muß ja wenigstens Offizier gewesen sein. Das war ein Unterführer vom »Sonderkommando«, das habe ich aus den Akten. Und Sie kommen und sagen, der war Lagerführer. Da muß ein Irrtum vorliegen. Da haben Sie jemand anderen gemeint.

 

Zeuge Otto Wolken:

Da habe ich ihn halt taxfrei promoviert, das kommt vor.

 

Vorsitzender Richter:

Also, der Zeuge sagt: »Ich kann als Häftling damals nicht beurteilen, wer welche Stellung innegehabt hat.« So. Haben sonst Angeklagte noch Fragen an den Zeugen? Keine Fragen mehr zu stellen? Herr Doktor Kaul, wollen Sie auf Ihren Widerspruch noch entschieden haben?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul zieht seinen Widerspruch gegen die Frage des Rechtsanwalts Doktor Laternser zurück. Dann, Herr Doktor Wolken, müßten wir Sie beeidigen.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie noch irgend etwas? Bitte?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Die Frage ist beantwortet, und ich habe nur vorhin die Entgegennahme dieser Antwort zurückgestellt. Ja, jetzt nehmen wir sie entgegen, ja. Herr Doktor Wolken, bevor wir Sie vereidigen, gebe ich Ihnen Gelegenheit, noch einmal zu überdenken, ob Sie uns noch etwas sagen wollen, ob Sie noch etwas richtigstellen wollen, ob Sie irgendwelche Zusätze noch machen wollen oder ob Sie irgendwas haben, was Sie uns noch sagen müssen?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nein, ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nichts mehr?

 

Zeuge Otto Wolken:

Nichts mehr.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Bitte? Wegen der Beeidigung werden wohl von seiten der Prozeßbeteiligten keine Anträge gestellt, oder doch? Keine Anträge? Keine Anträge gestellt. Dann müssen Sie den Eid leisten.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Bitte? [Unruhe im Saal] Was ist denn?

 

Verteidiger Gerhardt:

Ich beantrage, den Zeugen [unverständlich] unvereidigt zu lassen, daß er [unverständlich] 65

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Rechtsanwalt, das hätten Sie uns doch sagen können, bevor wir aufgestanden sind, nicht.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Dann muß das Gericht darüber beraten. Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul, wegen des von Ihnen angekündigten präsenten Beweismittels mache ich Sie heute schon darauf aufmerksam: Ob wir da morgen dazu kommen werden, ist eine große Frage.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Er befindet sich schon in Frankfurt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, dann können Sie es ja probieren. Sie widersprechen der Beeidigung?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Sie auch?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Herr Rechtsanwalt Gerhardt. Es wird ja nicht behauptet, daß der Angeklagte Baretzki diesen Zeugen verletzt habe, sondern ganz andere Leute.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist gut, ich nehme meinen Einspruch zurück.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender – ach so, Sie wollen jetzt vereidigen.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Kann ich danach noch etwas fragen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr. Wen? Den Zeugen?

 

Verteidiger Laternser:

Nein, den [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

So. Ich spreche Ihnen den Eid vor: Sie schwören bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben. Heben Sie bitte die rechte Hand, und sprechen Sie mir nach: Ich schwöre es.

 

Zeuge Otto Wolken:

Ich schwöre es.

 

Vorsitzender Richter:

So wahr mir Gott helfe.

 

Zeuge Otto Wolken:

So wahr mir Gott helfe.

 

Vorsitzender Richter:

Ich danke schön.

 

-Schnitt-

 

 

 

1. Vgl. »Statistik der Toten« und »Kommentar zu den Kranken- und Totenstatistiken« von Otto Wolken, erstellt im Rahmen des Verfahrens gegen den Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß (1945), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 6.956-6.967.

2. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), Hauptakten, 4 Ks 2/63, Bd. 33, Bl. 5.649a-5.659.

3. Am 10. und 11. Juli 1944 fand die sogenannte 2. Liquidation des Theresienstädter Familienlagers (BIIb) statt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 820.

4. Vgl. Czech, S. 665 und Strzelecka, Quarantänelager, Hefte von Auschwitz 20, 1997, S. 74.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 14./15.11.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 6.948-6.955.

6. Bei Strzelecka, Quarantänelager, Hefte von Auschwitz 20, 1997, S. 88, wird der Funktionshäftling Thiem genannt.

7. Laut Czech, Kalendarium, S. 619, traf am 03.10.1943 ein Transport aus Lemberg ein.

8. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.649a- 5.659.

9. Laut Czech kamen am 03.10.1943 730 Männer und 239 Frauen aus Lemberg in Auschwitz an. Am folgenden Tag wurden zehn Häftlinge von SS-Wachposten erschossen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 619 f.

10. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 14./15.11.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 6.948.

11. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 14./15.11.1960 in Frankfurt am Main, Hauptakten, 4 Ks 2/63, Bd. 40, Bl. 6.948.

12. Im September und Dezember 1943 kamen je zwei Transporte mit jeweils etwa 5000 Deportierten aus Theresienstadt nach Auschwitz. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 600, 680, 684.

13. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 836.

14. Am 30.06.1944 kam ein RSHA-Transport mit griechischen Juden aus Athen und von der Insel Korfu in Auschwitz an. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 809.

15. Vgl. die in Faksimile abgedruckten Quarantänelisten bei Strzelecka, Quarantänelager, Hefte von Auschwitz 20, 1997, S. 74-79.

16. Am 01.05.1944 traf der 72. RSHA-Transport aus Frankreich mit 1004 Deportierten in Auschwitz ein. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 763.

17. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 665.

18. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 675.

19. Neben der sowjetischen gab es auch eine polnische Untersuchungskommission, die die in Auschwitz begangenen Verbrechen untersuchte.

20. Die Transporte kamen aus der Slowakei. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 199 ff.

21. Reichsführer SS Heinrich Himmler führte am 17. u. 18.07.1942 in Auschwitz eine Inspektion durch. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 250 f. und Dienstkalender Heinrich Himmlers, S. 491 f.

22. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.649a- 5.659

23. Laut Czech kamen am 03.10.1943 730 Männer und 239 Frauen aus Lemberg in Auschwitz an. Am folgenden Tag wurden zehn Häftlinge von SS-Wachposten erschossen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 619 f.

24. Laut Czech, Kalendarium, S. 637 f. wurden bei dem Vorfall am 23.10.1943 SS-Oberscharführer Josef Schillinger tödlich und SS-Unterscharführer Wilhelm Emmerich am Bein verletzt.

25. Czech, Kalendarium, S. 638.

26. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.649.

27. Kurpanik wurde von einem polnischen Gericht in Katowice am 22.06.1946 zum Tode verurteilt. Vgl. Strzelecka, Quarantänelager, Hefte von Auschwitz 20, 1997, S. 87, Anm. 17.

28. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 669 f.

29. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.650 f.

30. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.650 f.

31. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.651.

32. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 744.

33. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 752.

34. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 756.

35. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 758.

36. Siehe Wolken, Chronik des Quarantänelagers Birkenau, in: Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, S. 139-150.

37. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 163.

38. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 163.

39. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.654.

40. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.654.

41. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 164.

42. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 14./15.11.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 6.949.

43. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 922.

44. Der Aufstand des »Sonderkommandos« am 07.10.1944 ereignete sich in den Krematorien II und IV.

45. Vgl. »Kommentar zu den Kranken- und Totenstatistiken« von Otto Wolken, erstellt in Rahmen des Verfahrens gegen Rudolf Höß (1945), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 6.959-6.967.

46. Vgl. zur Geschichte des Theresienstädter Familienlagers die Studie von Miroslav Kárný, Theresienstädter Familienlager, Hefte von Auschwitz 20, 1997, S. 133-237.

47. Vgl. Anlage 2 und 3 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96.

48. Vgl. die in Faksimile abgedruckten Quarantänelisten bei Strzelecka, Quarantänelager, Hefte von Auschwitz 20, 1997, S. 74-79.

49. Auschwitz/Oświęcim, 1945 UdSSR, zwischen Feb. und Mai 1945 gedreht. Soviet Army Film Unit, Zentralstudio für Dokumentarfilm.

50. In der Anklageschrift ist der Zeuge Josef Mandel als Beweismittel nicht genannt.

51. Vgl. den »Bericht der sowjetischen Kriegsverbrechen-Kommission vom 6. Mai 1945«, Dokument 008-USSR, in: IMT, Bd. 39, S. 241-261.

52. Vgl. Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, Chicago 1961, S. 572.

53. Laut Czech führte am 29.09.1944 ein Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes ein Gespräch mit dem Kommandanten von Auschwitz. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 890.

54. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 165.

55. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.649a- 5.659.

56. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.653.

57. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 165.

58. Zeitschrift » Przegląd Lekarski«.

59. Vgl. Protokoll vom 22.06.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 48, Bl. 8.556-8.568.

60. StPO § 242: »Zweifel über die Zulässigkeit einer Frage entscheidet in allen Fällen das Gericht.«.

61. Vgl. das Verfahren gegen Gerhard Peters, Geschäftsführer der »Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung« (DEGESCH) beim Landgericht Frankfurt am Main vom 02.05.1955 bis 27.05.1955 und der Abdruck der Urteile der Verfahren gegen Peters in: Justiz und NS-Verbrechen, Bd. XIII, S. 100-225.

62. Auschwitz. Zeugnisse und Berichte. Hrsg. von H. G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 1962, S. 139.

63. Vgl. Wolken, Chronik des Lagers Auschwitz II (BIIa), 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.649a.

64. Die Rampe in Birkenau wurde im Mai 1944 in Betrieb genommen. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. I, S. 98.

65. »RA Gerhardt widersprach einer Beeidigung des Zeugen Dr. Wolken und beantragte, diesen als Verletzten unbeeidigt zu lassen. RA Joschko schloß sich diesem Antrag an.« Protokoll der Hauptverhandlung vom 27.02.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 166.

 

 
 
 
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