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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

135. Verhandlungstag, 11.2.1965

 

Vernehmung des Zeugen Oleksa Vintonjak

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

42.

 

Vorsitzender Richter:

Am 20.7.1942.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aus dem Gefängnis Montelupich in Krakau. [...]

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] In Krakau.

Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ich habe nichts dagegen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben nichts dagegen.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Präsident, Sie haben noch nicht belehrt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe beide Zeugen gemeinsam belehrt.

 

Verteidiger Laternser:

So. Dann bitte ich um Entschuldigung. Ich wollte jetzt was Gutes tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, danke schön. Aber es ist bereits geschehen.

Herr Doktor Vintonjak, Sie sagten eben, am 20. Juli 42 sind Sie aus dem Gefängnis in Krakau nach Auschwitz gekommen. Warum sind Sie damals festgenommen worden?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ich wurde verhaftet in Galizien, in der Westukraine, in einem Städtchen [+ namens] Otinia, als Ukrainer, der nach ukrainischer Freiheit, nach einem ukrainischen freien Staat strebte. Und außerdem war ich gegen das nationalsozialistische Regime, weil dieses Regime unmenschlich war.

 

Vorsitzender Richter:

Also wollen wir sagen, aus politischen Gründen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aus politischen Gründen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wurden am 20.7. nach Auschwitz transportiert.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist dieser Transport mit der Eisenbahn erfolgt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mit Lastwagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, mit einem Bus. Das war 24 Häftlinge, alle Ukrainer aus Krakau, aus Montelupich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und außerdem möchte ich sagen, ich war schon fast ein Jahr im Gefängnis in Montelupich. Ich wurde verhaftet am 15. September 1941 in Otinia, dann in Stanislau. Dann wurde ich nach Lemberg gebracht und aus Lemberg nach Krakau, und in Krakau weiter

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

[unverständlich] Ja. Und Sie sind also mit 24 Gefangenen nach Auschwitz gekommen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie dort ausgeladen worden? Vor dem Lager?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Im Lager vor dem Tor.

 

Vorsitzender Richter:

Vor dem Tor, an dem stand »Arbeit macht frei«? Da sind Sie ausgeladen worden?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was ist dann mit Ihnen geschehen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Sie haben uns, alle diese Häftlinge, 24 Männer, in die Effektenkammer geführt. Ich erinnere mich nicht, welcher Block das war, vielleicht 22 oder so. Genau kann ich es nicht sagen. Effektenkammer.

 

Vorsitzender Richter:

Dort sind Sie umgekleidet worden und so weiter.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, umgekleidet worden. Da wurde die Lagerformalität erledigt – umgekleidet, rasiert und gebadet mit kaltem Wasser. Und die Häftlinge waren geschlagen und in der Karteikarte eingetragen.

Und es dauerte ziemlich lang, wir waren schon fertig um sechs Uhr, vor sechs Uhr. Da wurden wir zum Krankenhausrevier geführt. Und dort war so ein Bild. Ich möchte das schon schildern. Das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was war da, ein?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ein Bild möchte ich schildern. Wir sind vor dem Krankenrevier angekommen, und vor dem Keller stand ein großer Rollwagen. Aus dem Keller werfen die Häftlinge Tote, Leichen. Ein Häftling nimmt sie an den Beinen, ein anderer an den Händen. Und so schmeißen [+ sie die Leichen] auf den Rollwagen.

Wissen Sie, das war das erste Mal in meinem Leben. Ich bin katholisch. Wenn ich früher Tote gesehen hatte, da mußte jemand sie segnen, das Kreuz machen.

Und jetzt solche Haufen von Toten. Das waren in einem Rollwagen ungefähr hundert Leute. Das waren sehr große Rollwagen. Und solche Rollwagen haben ungefähr fünf [+ Häftlinge] beladen. Ja, das war ein schöner Empfang.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war der erste Eindruck, den Sie von Auschwitz hatten.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ein schöner Empfang. Und dann wurden wir weiter auf den Block 11 geführt. Und dort, das war schon abends, ungefähr halb sieben, haben wir nichts zum Essen bekommen. Und jeder bekam einen Platz im großen Zimmer.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie kamen nach Block 11. Und wie lang blieben Sie in Block 11?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

In Block 11, haben sie uns gesagt, werden wir ungefähr drei Wochen bleiben, in der Quarantäne. Aber schon am dritten Tag erschienen zum Morgenappell Oberkapo Kral, Kapo Poczulski und noch ein Kapo – ich kann mich nicht an den Namen erinnern.

Und Stubendienst Bolek, der sogenannte Bolek. Die haben ihn alle Bolek gerufen. Ich kenne seinen Namen nicht. Das war ein Student der Universität von Warschau. Er hat alle Ukrainer auf dem Block furchtbar mißhandelt. In der Nacht, auch auf dem Appell. Und der Oberkapo Kral wählte [+ uns für das] Arbeitskommando Neubau [+ aus].

 

Vorsitzender Richter:

Und blieben Sie dann in Block 11, oder wurden Sie woandershin verlegt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war in Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Da blieben Sie?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, wir blieben in Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang blieben Sie darin?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das kann nicht genau sagen. Das war vielleicht eine Woche.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und dann [+ kam ich auf einen] anderen Block.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ein anderer, vielleicht Block 16.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

16 vielleicht. Das war auch eine Baracke, voll von Läusen und so. Das war [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie kamen nun zum Arbeitskommando Neubau.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Neubau, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang haben Sie in diesem Arbeitskommando gearbeitet?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war diese ganze Woche. Nicht die ganze Woche, es war am dritten Tag. Das waren schon noch vier Tage.

Das war Arbeitskommando Neubau, und dann aber Arbeitskommando Babitz, Feldscheune, wir haben gebaut. Arbeitskommando Babitz

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie hieß die Scheune?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Bitte?

 

Richter Hotz:

Feldscheune.

 

Vorsitzender Richter:

Feldscheune?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Feldscheune in Babitz.

 

Vorsitzender Richter:

In Babice, ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war ungefähr fünf Kilometer vom Stammlager Auschwitz entfernt.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie ja immer noch in diesem Kommando.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

In welchem Kommando? Feldscheune?

 

Vorsitzender Richter:

In diesem Kommando Neubau.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, Neubau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang blieben Sie in diesem Kommando?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ungefähr vier Tage.

 

– Schnitt –

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Na, ungefähr vier Tage. Vier, fünf Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und dann in ein anderes Kommando, Feldscheunekommando Babice.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und dann?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und dann das andere Kommando, das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber Sie blieben immer in dem Kommando Neubau?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Neubau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange blieben Sie im Kommando Neubau?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Im Stammlager, sage ich, das waren ungefähr fünf Tage. Und dann im anderen Kommando, dem sogenannten Feldscheunekommando Babice. Das führte schon nicht [+ mehr] der Oberkapo Kral, nur der eine Kapo, Deutscher, Berufsverbrecher, hatte einen grünen Winkel gehabt, und wir haben ihn »Pelikan« genannt. Er hatte eine solche Nase, nicht wahr, [wie ein] Pelikan. So

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da war der Kral nicht mehr dabei?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, nein, Gott sei Dank, er war nicht mehr auf dem Feldscheunekommando Babice.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn ich Sie recht verstanden habe, haben Sie nur etwa vier bis fünf Tage unter Kral gearbeitet?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ja, ja. Im Stammlager, in dem Block 2.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Block 2, wurde der da neu gebaut?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, der wurde gebaut. Das war die Decke, der Block 2, nicht wahr, im ersten Stock.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also in der Zeit etwa Ende Juli. Das kann also gewesen sein vom 21. oder 24. Juli bis Ende Juli.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Bis Ende Juli, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und [+ Sie] kamen dann von Kral weg und kamen, wie gesagt, nach Babice und so weiter.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nach Babice, da war schon der andere Kapo. Das war ein deutscher Berufsverbrecher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aber dort, da war der Mensch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagten Sie vorhin: »Gott sei Dank sind wir da weggekommen.«

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum haben Sie das gesagt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wissen Sie, der Kapo Kral hat uns furchtbar geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat Sie furchtbar geschlagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das waren meistens die Ukrainer. In dem Kommando waren auch Franzosen, [einige] Juden, Polen, aber mißhandelt [wurden] meistens die Ukrainer.

 

Vorsitzender Richter:

Meistens die Ukrainer? Und Sie kamen damals mit diesen 24 Männern aus Krakau, das waren ja alles Ukrainer?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Alles Ukrainer. Alle Ukrainer, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind die auch alle in das Neubaukommando gekommen oder nur ein Teil davon?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nur ein Teil.

 

Vorsitzender Richter:

Nur ein Teil davon.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ein Teil davon.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch ungefähr, wie viele? Nein.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das muß man schätzen. Ungefähr 16, 17 Leute. Und wo die anderen sind, das war das andere Kommando. Zum Beispiel mein Kollege aus dem Gymnasium Passischnach [+ hat] am ersten Tag die Arbeit in der Küche bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, haben Sie bei dieser Gelegenheit auch den Vasyl Bandera kennengelernt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie kam denn der dorthin, oder war er schon da?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Er ist zusammen mit mir nach Auschwitz gekommen mit dem ersten Transport aus Montelupich.

 

Vorsitzender Richter:

Er ist mit Ihnen zusammen am 20. Juli 42 nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Zusammen [unverständlich] gekommen, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und ist auch mit Ihnen zusammen zu dem Kommando Neubau ausgewählt worden?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Zu Neubau ausgewählt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte dieser Vasyl Bandera eine besondere Stellung, will ich mal sagen, in der Ukraine in politischer Beziehung oder sonstiger Beziehung?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ich glaube nicht. Besondere Stellung, das war sein Bruder, Stepan Bandera. Er wurde ermordet hier in München im Jahr 1959. Und es war so ein großer Prozeß in Karlsruhe, vielleicht haben Sie das in der Zeitung gelesen. Das war im Jahr 1961, vielleicht 62.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Staschynskij.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war Stepan Bandera. Aber der Vasyl Bandera hatte nichts zu tun mit der Politik. Nun, ganz verständlich, ganz klar, der war ukrainischer Patriot so wie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie Sie auch.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Intelligente

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun sagen Sie, was ist mit dem Stepan Bandera gewesen? Ist denn der auch nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Der ist nicht nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Er wurde verhaftet in Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

In Sachsenhausen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Manche Leute, welche in Kraków und Berlin gewesen waren, wurden dort verhaftet und in Sachsenhausen eingesperrt. Das war auch ein KZ.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und das waren meistens die Leader der verschiedenen politischen Organisationen. Dort haben viele Franzosen gesessen, berühmte Leute, Engländer, Holländer, Belgier, dann auch Rumänen und so. Und [+ es] waren auch [+ Leute dort] aus der Ukraine. Das waren der Bandera, Stepan Bandera, [unverständlich] und andere.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sagten, der Vasyl Bandera hat mit Politik so gut wie nichts zu tun gehabt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Na ja, das kann man nicht sagen, denn jeder, der Homo politicus ist

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Der Mensch ist ein Homo politicus, nicht wahr, kann man nicht sagen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Schön, also genauso wie Sie.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aber er hat nicht Politik [getrieben]. Entschuldigen Sie. Er hat nicht Politik getrieben, das ist wichtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Schön. Also er hatte keine führende Stellung?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ja, ja. So ist es.

 

Vorsitzender Richter:

So war es. Und der Bandera ist also mit Ihnen zusammen...

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nach Auschwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht nur nach Auschwitz gekommen, sondern auch nachher in das Kommando Neubau gekommen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ja, wir sind schon in Auschwitz [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn da gebaut zunächst?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, das war [+ die] Decke.

 

Vorsitzender Richter:

Was war es?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Die Dachdecke von den...

 

Vorsitzender Richter:

Dächer?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Dachdecke.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Decke.

 

Vorsitzender Richter:

Decken, Decken.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Decken.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Decken. Und zwar die Decken wo?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

In Block 2 im ersten Stock.

 

Vorsitzender Richter:

Im ersten Stock. Ist das damals so gewesen, daß diese Blocks aufgestockt worden sind, das heißt, daß sie also nur einen Stock hatten und daß ein zweiter Stock draufgesetzt worden ist?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, wissen Sie, ein Stock wurde schon gebaut. Das haben andere Häftlinge getan.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und als wir zu dem Kommando gekommen sind, haben wir die Decke gebaut, nur die Decke im 2. Block.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Hatte denn dieser 2. Block bis dahin noch gar keine Decke gehabt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, gar keine Decke.

 

Vorsitzender Richter:

War das ganze Haus neu gebaut worden von Grund auf?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, das ganze Haus. Aber wir haben [+ das] nicht getan. Ich habe schon gesagt, daß wir nur die Decke gebaut haben.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Das haben andere gebaut. Und Sie haben nur die Decke gegossen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nur die Decke.

 

Vorsitzender Richter:

Wurde die mit Zement gegossen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Mit Zement, ja. Das war diese eiserne Rüstung.

 

Vorsitzender Richter:

Eisenträger, ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, und dann mit Zement [ausgegossen].

 

Vorsitzender Richter:

Mit Zement ausgegossen. Und was mußten Sie denn da machen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wir mußten eiserne Schubkarren fahren mit Zement, voll Zement.

 

Vorsitzender Richter:

Also mit Betongemisch?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Mit Beton, ja. Schubkarren fahren mit Beton.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wo nach wo mußten Sie?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Von der Maschine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Mischmaschine, ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, Gemischmaschine. Das war diese Maschine, welche Zement von unten nach oben gezogen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Von unten nach oben. So einfach.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Aufzug?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aufzug, ja. Aber nicht so ein Aufzug wie ein Lift oder so was, so gerollt ist sie. Und der Zement wurde nach oben gezogen, da mußte jeder Häftling eine eiserne Schubkarre hin

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Drunterstellen, ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ständig war es voll, sehr schnell wegnehmen, und dann fuhr der nächste.

 

Vorsitzender Richter:

Weg, ja, der nächste drunter. Und wo haben Sie den Schubkarren dann hingefahren?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie den hingefahren?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nun, weiter, weiter [unverständlich] stehen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja weiter, aber irgendwo muß es doch mal zu Ende gewesen sein.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war auf diesem Eisengerüst, da waren solche schmalen Bretter gelegt. Und [+ auf] diesen Brettern mußte [+ man] mit der eisernen Schubkarre voll Zement fahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war sehr gefährlich. Und [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also meine Frage geht dahin: Mußten Sie etwa den Schubkarren hinauffahren, da wo die Decke gegossen worden ist?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Den Schubkarren? Ja, manche Häftlinge auch, aber das habe ich nicht getan. Ich fuhr mit dem Schubkarren oben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auf ebener Erde?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Auf ebener Erde?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Auf ebener Erde. Aber es waren diese schmalen Bretter gelegt auf diese eiserne Rüstung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

So. Und einmal, aus Erschöpfung, stolperte ich, und mein Schubkarren kippte um, und das fiel auf mich. Oberkapo Kral hat mich furchtbar geschlagen, [+ so] daß mein Rücken voll blauschwarzer Striemen war.

 

Vorsitzender Richter:

Und womit hat er denn geschlagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja am Rücken, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Hat er einen Stock gehabt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, mit einem Stock, mit einem Knüppel, Holzknüppel.

 

Vorsitzender Richter:

Einen Holzknüppel hat er gehabt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, das hat [+ er] gefunden, solche hölzernen Latten, Stöcke, [hat er mich] geschlagen, er und Kapo Poczulski. Und der SS-Mann, das war vielleicht der Kommandoführer oder der Architekt, hat das alles gesehen und ganz verständlich mit...

 

Vorsitzender Richter:

Zugenickt, ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Mit dem Kopf genickt: Ist alles in Ordnung.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War damit einverstanden.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Einverstanden, so. Und [+ sie] haben auch so furchtbar geschlagen den Vasyl Bandera.

 

Vorsitzender Richter:

Den Vasyl Bandera?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. Aber meine Lage, das war eine andere, wissen Sie. Ich war früher nicht so [mißhandelt worden]. Aber Vasyl Bandera war furchtbar mißhandelt worden schon in dem Block 11. Und dann, wenn er zur Arbeit gekommen ist, hatte er überhaupt keine Kraft. Und wenn der Schubkarren mit Beton umkippte, dann haben der Oberkapo Kral und Kapo Poczulski ihn furchtbar geschlagen, daß er viele Wunden im Gesicht, an den Händen, den Beinen [hatte]. Und dann, solch ein Mann, fast schon [bewußtlos]– der Oberkapo Kral packte ihn bei der Hand und schleppte [+ ihn] hinunter in das Parterre. Im Parterre, [+ das] haben mir Mithäftlinge geschildert, erzählt, nicht wahr, warfen der Oberkapo Kral und Kapo Poczulski ihn in ein mit Wasser gefülltes Faß und haben ihn gebadet. Und in diesem Wasser haben die Häftlinge sich die Hände gewaschen von Zement und Kalk. Wie Sie sich vorstellen [+ können], den Mann, zu welchem man sagen kann Ecce Homo, haben sie gebadet in dem Faß. Und das hat der Mann gemacht, der auch Häftling war, welcher im Käfig gesessen hat. Ganz verständlich, ich glaube, das [geschah nicht aus eigenem Willen.] Er hat den Befehl bekommen von der Politischen Abteilung oder von dem Bauführer. Das war der Architekt, so wie ich mich erinnere, war das ein Rottenführer der SS. Und sie haben den Mann in diesem Wasser gebadet, wo er voller Wunden war, Blut speiend, und haben [unverständlich]. Und dann nach einer Weile ist er wieder nach oben gekommen. Aber er hatte schon keine Kraft [+ mehr], um den Schubkarren aufzuheben. Dann schleppte ihn Oberkapo Kral wieder in das Parterre. Und was dann geschah, weiß ich nicht.

Aber am nächsten Tag morgens früh zum Appell erschien [+ er]. Der hatte eine solche Größe wie ich, der Vasyl Bandera. Aber an meiner rechten Seite... Wissen Sie, ein solches Bild [kann man] nicht mal schildern. Wenn jemand nicht im KZ war – das kann man mit Worten nicht sagen, wie der Mann ausschaute. Barfuß, geschwollene Hände, geschwollene Füße, Hände, Blut speiend, Wunden am Kopf, im Gesicht. [+ Er] hat was gesagt: »Retten.« Oder hat dann versteckt zu mir Ukrainisch gesprochen: »Helfen Sie mir.« Und so und so. Und dann kommt der Oberkapo Kral und sagt: »Nun ja, was wirst du tun in dem Kommando?«

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er gesagt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

»Was wirst du tun in dem Kommando? Du hast doch keine Kraft für die Arbeit.«[+ Er] packte ihn bei der Hand und schleppte ihn in das Krankenhausrevier oder in das Krankenhaus.

 

Vorsitzender Richter:

Krankenbau.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Krankenbau. Krankenhaus haben wir gesagt, nicht wahr. Krankenrevier. Und am Abend – wir sind von der Arbeit gekommen – haben wir erfahren, daß der Vasyl Bandera schon tot ist. Ganz verständlich, nicht wahr, im Krankenrevier, da waren solche Umstände, die Ärzte waren meistens, nicht meistens, alle Ärzte waren Polen. Aber es waren alles gute Ärzte, auch Polen. Zum Beispiel ich wurde operiert am Blinddarm, [+ mich hat] operiert ein Arzt [+ namens] Orzeszko, ein Häftling, das war ein Oberst der polnischen Armee. Orzeszko, [unverständlich], Kowalsky – [+ sie] hatten auch ganz gute Ärzte. Aber Gott sei Dank war bei der Operation nicht der SS-Mann, der Arzt, der von der Gestapo der Chef war. Darum habe ich diese Operation überstanden.

Ja, und was noch? Und wir haben noch erfahren von so einer kleinen Degression. Ja, das haben wir erfahren, daß der Bandera nicht mehr lebt. Aber jetzt ist die Frage – na ja, das ist möglich, daß er schon gestorben ist. Aber so schnell sterben die Leute nicht. Weil das, was wir überlebt haben im KZ... Ich persönlich, was habe ich überlebt: Tbc bekommen, Magenkrankheiten, gebrochenes Handgelenk, Brustwirbelsäulenverletzung. Und doch, Gott sei Dank, lebe ich. Ja, und das...

 

Vorsitzender Richter:

Das letzte habe ich nicht verstanden. Sie haben gesagt, Sie hätten die Hände gebrochen und hätten verschiedene Verletzungen mitgemacht.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, erlitten, nicht wahr, aber doch überlebt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber doch?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aber doch lebe ich.

 

Vorsitzender Richter:

Leben Sie, ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Lebe ich. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, es würde mich das mit dem Herrn Bandera noch einmal interessieren.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten zunächst, er war schon im Block 11 mißhandelt worden.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat ihn denn dort mißhandelt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, das war der Stubendienst. Das war der – ich habe schon den Namen [unverständlich] oder Spitzname Bolek. [...] Und dann auch andere, der Blockälteste und der andere Stubendienst.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die haben ihn mißhandelt. Da war ja dieser Oberkapo Kral nicht dabei? Der hat ja wohl nicht mit Ihnen im Block 11 geschlafen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, nein, nein. Der war nicht dabei. Oberkapo Kral hat das getan in dem Arbeitskommando Neubau.

 

Vorsitzender Richter:

Am Arbeitsplatz. Ja, ist klar. Nun hat aber doch der Vasyl Bandera vermutlich ebenfalls im Block 11 mit Ihnen zusammen einen Raum geteilt, oder?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein. Ich war in einem anderen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren in einem anderen Raum. Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Einem anderen Raum. Wissen Sie, das war so, ich habe mich erinnert: Der Vasyl Bandera, der war in dem kleinen Zimmer, kleinen Raum. Und wir waren in einem solchen großen Raum, das waren ungefähr 200, 300 Leute. Wir haben da in zweistöckigen Betten geschlafen – wieviel? Auf einem Stock vier Leute. Auf einem Stock vier Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [...] Also jedenfalls der Bandera war nicht mit Ihnen zusammen in einem Raum.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, nein, nicht zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie konnten deshalb auch nicht feststellen, was in der Nacht vor sich gegangen ist, nachdem er so mißhandelt worden war.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, aber ich konnte feststellen, wie er ausschaute morgens früh bei dem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Am nächsten Morgen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Bei dem Appell stand er bei mir als...

 

Vorsitzender Richter:

Und er hat so was gesagt wie: »Helfen Sie mir« oder so ähnlich, ja?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie bitte: Der Vasyl Bandera hat genau wie Sie eiserne Schubkarren zu fahren gehabt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Betonmischungen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Mit Betonmischungen, vollen Betonmischungen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dazu war er zu schwach?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Zu schwach.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen, wie er da umgekippt ist durch seine

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Ja, habe ich gesehen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie selbst mit eigenen Augen gesehen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben gesehen, wie er dann geschlagen worden ist?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, oben.

 

Vorsitzender Richter:

Oben?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Oben. Aber wir haben unten [auf ihn] gewartet. Das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, nein, nur eins nach dem anderen. Oben, das haben Sie gesehen. Und womit hat da der Oberkapo Kral geschlagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Mit einem Holzknüppel.

 

Vorsitzender Richter:

Mit einem Holzknüppel. Und nachdem er ihn geschlagen hatte, da war doch auch, wenn ich Sie recht verstanden habe, der Poczulski dabei.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Poczulski. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Der war auch dabei?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. Er hat auch geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat auch geschlagen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Er hat geschlagen, ja. Und der Kommandoführer, der SS-Mann [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der hat dabeigestanden und hat nichts gesagt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

[unverständlich] gestanden und hat das alles gesehen, nicht wahr, und...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und dann haben sie ihn runtergeführt ins Parterre.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, er.

 

Vorsitzender Richter:

Er, Oberkapo Kral.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da war er allein, oder war da der Poczulski

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Er war mit Poczulski.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Poczulski dabei. Was sich nun abgespielt hat, haben Sie nicht gesehen, sondern erzählt bekommen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Habe ich nicht gesehen. Erzählt bekommen. Aber nachher, als der Vasyl Bandera nach oben gekommen ist, habe ich ihn gesehen, er war ganz naß.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz naß.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ganz naß war er, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und wissen Sie, [+ er] hatte Angst, hatte so Angst, er ist hin und her gelaufen. Und der Oberkapo und der Kapo Poczulski haben geschimpft: »Ziehen Sie den Schubkarren!« Er wollte den Schubkarren voller Zement aufheben – der Schubkarren [hatte] ungefähr 40 Kilo, das sind 80 Pfund, er war sehr schwer, voller Zement, eine eiserne Schubkarre. [+ Er] konnte es schon nicht aufheben, und der Oberkapo Kral packte ihn eh schon bei der Hand und [+ hat ihn] wieder in das Parterre geschleppt. Und was dann geschehen ist, davon habe ich keine Ahnung, das habe ich nicht gesehen. Nur am nächsten Tag morgens früh habe ihn gesehen an dem 11. Block bei dem Appell an meiner rechten Seite stehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie, abends war doch auch Appell?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War da

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Ich habe ihn nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie ihn nicht gesehen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Beim Abendappell haben Sie ihn nicht gesehen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, da habe [+ ich ihn] nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ist es doch so, es mußte doch beim Abendappell immer die Zahl stimmen. Wir haben zum Beispiel hier gehört, wenn unterwegs Menschen gestorben sind, mußten sie mitgeschleppt werden ins Lager und mußten mit zum Appell gebracht werden, damit die Zahl stimmte.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wenn der Bandera nicht beim Appell dabei war

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Na, das ist möglich, [ich kann es] nicht sagen. Das ist möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn nur nicht gesehen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, [+ ich] habe ihn nicht gesehen, er war vielleicht vor dem Block. Aber ich habe ihn am nächsten Tag gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, erst sind wir am Abend noch.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Am Abend habe ich [+ ihn] nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Abends haben Sie ihn nicht mehr gesehen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ich [kann] nur das sagen, was ich gesehen habe, von Angesicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn auch nicht mehr gesehen, als er das zweite Mal in dem Keller oder in dem Parterrestock gewesen ist?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie ihn auch nicht mehr

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Nein, das zweite Mal hat ihn der Oberkapo Kral in das Parterre geschleppt. Dann habe ich [+ ihn] nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr gesehen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Bis zum nächsten Morgen.

 

Vorsitzender Richter:

Und am nächsten Morgen, da sagten Sie, da war er also blutverschmiert und mit...

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Er war nicht blutverschmiert, das waren Wunden, und die Wunden haben geblutet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wie Sie sich vorstellen [können, hatte er] viele Wunden, am Kopf, im Gesicht, an den Händen, an den Beinen, nicht wahr, geschwollene Beine. Er war barfuß, konnte die Holzschuhe nicht anziehen, weil die Beine geschwollen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Und er konnte sich kaum aufrecht halten?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, er hat gewackelt, aber ich habe ihn so ein bißchen gehalten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und daraufhin hat ihn der Kral in das Krankenrevier gebracht, und Sie haben dann gehört, daß er am selben Tag noch

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Am selben Tag habe [+ ich gehört], daß der Bandera nicht mehr lebt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dabei hatten Sie gehört, wie der Kral gesagt hat: »Du taugst nicht mehr zur Arbeit.«

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

»Komm ins Krankenrevier!«

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, der hat es Polnisch gesagt, das verstehe ich. [+ Er hat] das Polnisch gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er Polnisch gesagt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Polnisch, [unverständlich] Polnisch, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das wollte ich Sie nämlich gerade jetzt fragen. Und das haben Sie aber verstanden.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

»[unverständlich] ty nie nadajesz się do pracy [...] pójdź ze mna nach Krankenhaus.«

 

Vorsitzender Richter:

Diese polnischen Worte haben Sie verstanden?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ich verstehe sehr gut Polnisch.

 

Vorsitzender Richter:

Sie verstehen gut Polnisch.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Besser als Deutsch.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Bandera vermutlich auch?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. Ja, freilich. [+ Er hat] das verstanden. Er hat das polnische Gymnasium [abgeschlossen] und lebte 24 Jahre oder 28 Jahre in Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. [+ Er ist] dort geboren [+ und lebte] bei seiner Familie. Sein Vater war Geistlicher, Priester, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Frage mehr. Bitte sehr.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie noch, welchen Winkel der Oberkapo Kral getragen hat?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, so wie ich mich erinnere, war das der rote Winkel ohne den Buchstaben P. Alle Polen haben den Buchstaben P getragen. Der Buchstabe P bedeutet Polen, dann Franzosen F, Belgien B und so weiter. Und wir Ukrainer – anfangs mußten wir auch P tragen. [unverständlich] aus Polen, nicht wahr, Sie wissen das. Sie müssen wissen, was für Umstände im KZ Auschwitz waren. Da waren ungefähr 20.000 Polen und 4.000 anderer Nationalitäten. Da waren Franzosen, Belgier, Holländer, Griechen, ungefähr

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Ist Kral als Reichsdeutscher geführt worden? Hat er als Reichsdeutscher gegolten?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das kann ich nicht sagen.

 

Richter Perseke:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ich habe nur gesehen, daß er keinen Buchstaben P [+ getragen hat]. Und die Reichsdeutschen haben den roten Winkel getragen, roten Winkel oder grünen Winkel oder schwarzen Winkel, ohne Buchstaben. Und das [erweckt auch die Neugier.] Das kann man schon feststellen, ob er als Reichsdeutscher geführt wurde, also Volksdeutscher, oder als Pole. Ob er tätowiert wurde. Wissen Sie, jeder Häftling von Auschwitz wurde tätowiert. Meine Nummer ist 49.743. Habe ich auf dem Arm. Möchten Sie es sehen?

 

Vorsitzender Richter:

Na, wir wissen es schon. Wir glauben es Ihnen schon.

 

Richter Perseke:

Noch eine andere Frage: Ist noch ein Bruder von dem Bandera in Auschwitz gewesen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Entschuldigung, ich habe nicht verstanden.

 

Richter Perseke:

Ob noch ein Bruder von dem Vasyl Bandera in Auschwitz gewesen ist? [Pause] Kennen Sie einen Doktor [Oleksa] Bandera?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ich kenne ihn aus dem Gefängnis Montelupich in Kraków. Er ist allein nach Auschwitz gekommen ungefähr am 30....

 

Vorsitzender Richter:

Juli.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Juli. Allein. Nicht allein, aber als Ukrainer allein. [Er kam] ganz bestimmt mit einer ganzen Gruppe, Polen. Ja. Wie ist das gekommen? Ich habe ihn nur einmal gesehen im KZ Auschwitz, Vasyl Bandera, und sonst kann ich nichts sagen über den Tod von Oleksa Bandera, seinem Bruder.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie denn, ob er umgekommen ist?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, [selbstverständlich]. Die haben ihn auch umgebracht.

 

Richter Perseke:

Vom Hörensagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Aber wann und [+ unter] welchen Umständen, kann ich nicht sagen.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie, wo [Oleksa] Bandera hergekommen ist?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wohin? Nach Auschwitz?

 

Richter Perseke:

Ja, von wo?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ich habe es schon [vorher] gesagt: aus dem Gefängnis Montelupich in Kraków. Im Gefängnis Montelupich in Kraków habe ich [+ ihn ein] paarmal gesehen schon.

 

Richter Perseke:

Ein Zeuge hat uns nämlich gesagt, er sei aus Rom gebracht worden.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, aus Rom. Nicht wahr, das ist so: Nach Montelupich ist [+ er] aus Rom gekommen. Er war mit einer Italienerin verheiratet. So wie ich wußte, hat [+ er die] italienische Staatsangehörigkeit gehabt. Und [+ er] ist in Rom verhaftet worden und ist nach...

 

Vorsitzender Richter:

Nach Montelupich.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nach Montelupich nach Kraków gebracht worden. Und wir waren zusammen dort, nicht zusammen, in verschiedenen [Zellen]. Da waren kleinere [Zellen], größere [Zellen], weil die [Zellen] da waren in polnischer Zeit für eine Person. Und jetzt mußten wir zu sechs Personen dort sitzen in [einer Zelle]. Das war ein Militärgefängnis, Montelupich in Kraków. Und [es gab große Zellen], dort waren 30 Leute, 35 bis 50 Leute. So war es. Aber Oleksa Bandera kenne ich aus dem Gefängnis Montelupich, Kraków. Dort habe ich ihn kennengelernt. Früher war er mir nicht bekannt. [unverständlich]

 

Richter Perseke:

Ist erledigt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Diesen Vasyl Bandera habe ich auch kennengelernt im Gefängnis in Montelupich.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Herr Zeuge, wie lange waren Sie in Auschwitz?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Am 20.7. bin ich nach Auschwitz gekommen. Und am 15.1.1945 wurde das KZ Auschwitz evakuiert nach Mauthausen. Nach Mauthausen bin ich am 19. oder 20. gekommen.

 

Staatsanwalt Wiese:

Sie haben vorhin berichtet, nach dem Kommando Neubau seien Sie beim Kommando Babice gewesen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Staatsanwalt Wiese:

Auf welchen Arbeitskommandos waren Sie noch?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Oh ja, das waren verschiedene Kommandos. Dann war die Kartoffelschälerei. Dann war [ich in der] kleinen Effektenkammer als Bademeister. Dann war ich als Arbeiter in der SS-Küche gewesen, im Speisesaal. Dann Abladekommando im Hauptbahnhof, Bahnhof. Dann im Kommando Truppenwirtschaftslager. Das war verschieden. [So wie ich mich] erinnere, waren das alle Kommandos in Auschwitz. Verschiedene Kommandos.

 

Staatsanwalt Wiese:

Kennen Sie von diesen Arbeitskommandos die SS-Kommandoführer?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. [Den von der] Effektenkammer, ja, den kenne ich. Das war Grumbig, Scharführer Grumbig. Das war ein Sudetendeutscher, in der Effektenkammer.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke, kennen Sie noch andere?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, dann in der Kartoffelschälerei. Ja, wissen Sie, da waren mehrere Kommandoführer. Aber ich kann mich nicht erinnern.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ist es richtig, daß Sie die ganze Zeit im Stammlager waren?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, Stammlager, da war die Effektenkammer, die Kartoffelschälerei, die SS-Küche. Der Speisesaal, wo ich gearbeitet habe, war außerhalb des Stammlagers. Das Truppenwirtschaftslager, das TWL, das war auch ein Außenlager. Und dann dieses Abladekommando – wir haben Rollwagen geschoben, – das war in einem Außenlager, außerhalb des Stammlagers.

 

Staatsanwalt Wiese:

Aber Sie haben die Zeit immer in Auschwitz gewohnt. Ihr Wohnblock war

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Ja, die ganze Zeit. Zweieinhalb Jahre [+ habe ich] in Auschwitz gewohnt in verschiedenen Blöcken.

 

Staatsanwalt Wiese:

Schön. Kennen Sie Rapportführer des Stammlagers? [...]

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, das waren verschiedene. Das war zum Beispiel Palitzsch. Palitzsch.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja, es hat ja wohl noch mehr gegeben.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Der berühmte, so schreckliche Palitzsch. Das war ein furchtbarer Mensch. So wie...

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Andere?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und ich habe manchmal Boger durch das Lager gehen sehen, Boger aus der Politischen Abteilung. Ich habe Stark gesehen manchmal. Aber wenn die Gestapo gekommen ist, mußte man sich irgendwo [verstecken]. Nicht in den Augen bleiben, irgendwo [in Deckung gehen], nicht in den Augen bleiben, wissen Sie. Wenn zum Beispiel der Boger – so kann ich mich erinnern – durch das Lager gegangen ist, das war so [unverständlich], so tot, wissen Sie, ging er, so puh, puh, so [unverständlich] entlang. Jeder Häftling mußte sehen und gucken, wenn der Halbgott gegangen ist. So mußte man gucken.

 

Staatsanwalt Wiese:

Kennen Sie den Lagerführer Hofmann? [...]

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, den kann ich erinnern [unverständlich] das war [unverständlich]

 

Staatsanwalt Wiese [unterbricht]:

Kennen Sie den Blockführer und späteren Rapportführer Kaduk?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, kann ich nicht erinnern.

 

Staatsanwalt Wiese:

Können Sie sich nicht erinnern, obwohl Sie Bademeister waren in der Effektenkammer?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein.

 

Staatsanwalt Wiese:

Nicht?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke schön. Keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Auf Kaduk können Sie sich nicht erinnern? Auf Kaduk?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Kann ich nicht erinnern. Kann ich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Sind weitere Fragen? Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sagen Sie, Herr Zeuge, wie lange waren Sie in diesen anderen Kommandos jeweils gewesen? In den anderen Arbeitskommandos, die Sie soeben aufgezählt haben?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

In Babice? Babice?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun, also, Herr Rechtsanwalt, er hat gesagt, Ende Juli war dieses Neubaukommando zu Ende. Dann ist er nach Babice gekommen und hat dann von Ende Juli 42 bis zum 19.1.45 diesen anderen Kommandos angehört.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gewiß. Und ich möchte nun wissen, wie lange er jeweils in den einzelnen Kommandos war.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, in den einzelnen Kommandos. Zum Beispiel im Kommando Babice, so wie ich mich erinnere, [kam] ich im September schon in das Kommando Effektenkammer, als Bademeister. Es war so ein kleiner Baderaum. So ungefähr bis zu 30 Leute kamen zum Baden. Es waren höchstens 30 Leute. Wissen Sie, es war ein großer Baderaum in Auschwitz, da konnten 200 Leute baden. Der war im 1. Block.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und dann, wo sind Sie dann hingekommen und wie lange waren Sie dann dort?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wo?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

In den verschiedenen Kommandos, in denen Sie

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Ja, dann in der Effektenkammer, dann in der Kartoffelschälerei, dann

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ja, ja, und wie lange waren Sie in jedem Kommando?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wissen Sie, mein Herr, nach 20 Jahren kann ich mich nicht [mehr] erinnern, wie viele Tage genau ich in einem Kommando war. Das können Sie nicht von mir verlangen. Gott sei Dank kann ich mich erinnern, in welchen Kommandos [+ ich] gewesen war. Aber genau kann ich es nicht sagen. Genau kann ich es nicht sagen. Zweieinhalb Jahre war ich in diesem Kommando, in diesem Kommando, in diesem Kommando. Aber genau wie viele Tage? Es war diese Reihenfolge, ein Kommando nach dem anderen: Neubau, Stammlager, Neubau, Feldscheune, das war Babice. Wissen Sie, daran kann ich mich schon erinnern, ob ich erst in der Kartoffelschälerei oder in der Effektenkammer war. So wie ich glaube, war es zuerst die Kartoffelschälerei. Ja. Dann Effektenkammer, dann, [Pause] einen Moment, dann war das Rollwagenkommando beim Bahnhof, dann SS-Küche als Arbeiter im Speisesaal. Dann war [+ ich im] Truppenwirtschaftslager, dann war die Evakuierung nach Mauthausen. Aber genau sagen, wie viele Tage, wie viele Monate, das kann ich leider nicht. Ich war auch auf dem Krankenrevier, einen Monat nach der Operation, der Blinddarmoperation, das war im Monat – daran kann ich mich schon genau erinnern, das war am 30. Juni 1944. Da war die Invasion in Cherbourg, in

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Herr Zeuge, können Sie mir einen der Kapos nennen von den anderen Arbeitskommandos, in denen Sie gewesen sind? Also zum Beispiel Truppenwirtschaftslager.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond, dieselbe Frage hat schon der Herr Staatsanwalt Wiese gestellt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, kann ich nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nach den Kapos?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Zum Beispiel in der SS-Küche, da war der Kapo August.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich meine, er hätte gefragt nach den Kommandoführern. Das sind also die SS-Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und ich frage ihn jetzt nach den Kapos.

 

Vorsitzender Richter:

Kapos, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und ich hätte gern gewußt, wer war der Kapo im Truppenwirtschaftslager?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Kann ich mich nicht erinnern.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wer war der Kapo bei der Kartoffelschälerei?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war ein Nowakowski. Das war ein Pole. Dann wurde er umgebracht, erschossen oder hingerichtet. Nowakowski, das war ein Major der polnischen Armee. Und in der SS-Küche, da war der Kapo, das haben wir gehört, August. So ein Dicker, nicht wahr, das war auch ein Pole. Dann, in der Effektenkammer, da waren verschiedene Kapos. Am Ende war es Jondro, er war Volksdeutscher. Adamus, der war bei der Abteilung. Dieser kleine Baderaum gehörte zur Effektenkammer – da war der Kapo am Ende ein deutscher älterer Mann, ungefähr 65 Jahre. Der war Oberkapo. Das war Kapo Jondro. Und dann Adamus, nicht wahr, und so.

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Herr Zeuge, Sie waren in diesem Kommando Neubau nur vier bis fünf Tage. Wer hat Ihnen gesagt, daß der

 

– Schnitt –

 

Verteidiger Laternser:

Anregung für ein Tätigwerden des Gerichts oder für die Staatsanwaltschaft

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber Sie müssen

 

– Schnitt –

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, wurden Sie einmal eingeteilt zu einer Hilfsbewachungsmannschaft der SS in Auschwitz?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ich habe die Frage nicht genau verstanden.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wurden Sie einmal von der SS eingeteilt als Ukrainer zu einer Hilfsmannschaft der SS zur Bewachung der anderen Häftlinge?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ob er war?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Das frage ich Sie, ob Sie eingeteilt worden sind zu einer Hilfsbewachungsmannschaft.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wer? Ich?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Sie.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Was für eine Frage. Da war ich als Häftling seit dem Jahr 1941, seit September, bis Ende des Krieges, bis 6. Mai 1945. Und Sie fragen mich, ob ich bei einer Mannschaft der SS war. Das ist vielleicht... Bitte schön, aber tun Sie das nicht, das ist eine Beleidigung.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Verzeihen Sie, Sie dürfen mir hier schon

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Wieso [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Keine Vorschriften machen, was ich Sie zu fragen habe. Also Sie beantworten diese Frage mit nein, wenn ich Sie recht verstehe?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, das ist ganz klar. Wieso stellen Sie mir eine solche Frage?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, dann will ich

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Wissen Sie, eine solche Frage hat mir einmal nach der Entlassung im Jahr 1946 ein Oberst der Wehrmachtsarmee gestellt. »Ja, sagen Sie, Herr Vintonjak, das war so schlimm im KZ. Aber doch leben Sie.« Und wissen Sie, was für eine Antwort er von mir bekommen hat? »Ja, Herr Oberst, sehen Sie, soviel Leute, so viele gute Leute, Väter und so, sind an der Front gefallen. Und Sie, Herr Oberst, leben.« Er machte kehrt um und ist weg. Eine solche Frage – da war ich als Häftling

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, mal ruhig jetzt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Sie können mich fragen, ob ich...

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Entschuldigung, [+ ich bin ein] bißchen aufgeregt, aber da müssen Sie mich verstehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Einen Moment, bitte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, ist Ihnen bekannt, ob in Auschwitz eine Truppe von Bewachern der übrigen Häftlinge aus Ukrainern gebildet wurde?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, das ist mir nicht bekannt, und solche waren nicht im KZ Auschwitz gewesen. Nur einzelne Leute bei der Mannschaft waren Volksdeutsche aus der Bukowina, aus Czernowitz. Manche waren mir bekannt, das waren Denschuk, Sokil. Vielleicht sagt dem Herrn Boger der Name Sokil etwas. Das war ein SS-Mann. Sie sind der Herr – ja, ja. Ist Ihnen bekannt der Name Sokil?

 

Angeklagter Boger:

Nein.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein. Ja, dann, was erzähle ich über den Sokil. Ja, die waren mir bekannt und andere nicht. Das waren diese zwei Namen, die haben auch Ukrainisch gesprochen. [unverständlich] die anderen SS-Leute sollten nicht hören, daß die mit mir Ukrainisch sprechen. Das waren Denschuk und Sokil. Das waren die zwei, das waren SS-Leute aus der Bukowina. Das waren Volksdeutsche. [...] Das waren zwei Namen, Denschuk, wie der Vorname ist, weiß ich nicht, und Sokil, den Vornamen weiß ich auch nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Gut. Also von einer größeren, geschlossenen Truppe ist Ihnen jedenfalls nichts bekannt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, mir ist nichts bekannt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Herr Vorsitzender, wenn Sie erlauben, möchte ich gerne eine Frage an den Angeklagten Broad stellen. Herr Broad, ist Ihnen etwas bekannt von einer größeren Bewachertruppe aus ehemaligen ukrainischen Häftlingen?

 

Angeklagter Broad:

Nein. Von Ukrainern ist mir nichts bekannt. Ich möchte annehmen, daß Sie, Herr Rechtsanwalt, wahrscheinlich das Kommando Zeppelin meinen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nein, wenn ich mich recht erinnere

 

Angeklagter Broad [unterbricht]:

Das waren Kaukasier. Also es waren keine Ukrainer.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wenn ich mich recht erinnere, ist doch in Ihrem Bericht – ich habe ihn leider jetzt nicht

 

Angeklagter Broad [unterbricht]:

Das ist das Kommando Zeppelin, das ich damals

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

In Babice?

 

Angeklagter Broad:

Bitte?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

In Babice?

 

Angeklagter Broad:

Wo die lagen – nein, ich weiß nicht, ob die... Jedenfalls waren das Kaukasier, die auch nicht zum Wachdienst herangezogen wurden. Die hatten eine besondere Ausbildung für andere Einsätze.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Ja, ja, das waren Fallschirmjäger nicht wahr, in den Kaukasus. Ich habe [+ davon] gehört, kann ich zu dem bitte etwas sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie noch?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich hätte noch eine Frage an den Angeklagten Hofmann.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, wir sind doch jetzt bei der Vernehmung.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

In diesem Zusammenhang.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Moment, der Zeuge wollte noch von Zeppelin was erklären, ja?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ich wußte nicht, ob das Zeppelin war. Weil in Babice, wo wir die Feldscheune gebaut haben, da war eine Truppe von Kaukasiern, die haben dort geübt. Ich habe [+ sie] gesehen. Und ich wußte, das waren [keine] Deutschen. Wir hatten keine Möglichkeit zu sprechen, aber die haben so russische Militärlieder gesungen: »Katjuscha « und andere. Die haben gesungen, nicht wahr, diese Kaukasier. Wie wir uns erzählt haben, war das die Vorbereitung für einen Fallschirmjägereinsatz in Kaukasien. Das war in Babice.

 

Vorsitzender Richter:

In Babice.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

In Babice. Das war schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hatten Sie noch eine Frage?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Herr Broad, ich habe den Text jetzt hier nicht zur Hand. Vielleicht könnte uns der Herr Vorsitzende aushelfen. Ich kann Ihnen auch jetzt nicht sofort die Seite sagen, aber ich

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich widerspreche dem. Wir sind doch jetzt bei der Vernehmung dieses Zeugen. Dann mag anschließend die Frage gestellt werden, in anderem Zusammenhang. Wenn der Herr Kollege Raabe diesen Bericht dann bei sich hat, dann kann er daraus fragen, wenn er Fragen zu stellen hat. Jetzt sind wir doch bei der Vernehmung des Zeugen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Also jetzt ist dieser Zeuge da, und ich hatte diesem Zeugen eine Frage gestellt und hatte nun den Versuch gemacht, diesen Zeugen zu widerlegen durch die Aussage des Angeklagten Broad. Und [+ ich] möchte dem Gericht in Erinnerung rufen, daß der Angeklagte Broad in seinem Bericht von zwei Kommandos geschrieben hat. Es ist einmal das Kommando Zeppelin, und zum anderen ist es ein Kommando – und das halte ich jetzt dem Angeklagten vor –, Sie haben geschrieben von einem ukrainischen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Moment, Herr Rechtsanwalt Raabe. Darauf bezieht sich ja gerade der Widerspruch von Herrn Doktor Laternser. Wir sind eben bei der Vernehmung des Zeugen. Und wenn die Vernehmung des Zeugen abgeschlossen ist, dann können wir ja diese Befragung der Angeklagten zu dieser Zeugenaussage noch vornehmen. Aber jetzt im Augenblick wollen wir uns mal beschränken auf die Vernehmung des Zeugen, nicht? Das bitte ich dann zurückzustellen. Herr Rechtsanwalt Ormond, Sie haben an den Zeugen keine Frage mehr?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, dann wollen wir das auch zurückstellen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nur, bevor der Zeuge zu Ende vernommen wird, möchte ich dann diese Frage stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Nur ganz kurz. Herr Zeuge, Sie sagten, daß Kral – also der Oberkapo Kral – Sie geschlagen habe mit einem Holzknüppel. Wie oft hat er Sie geschlagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wie oft?

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das war beim Betonieren.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, wie oft? Wie viele Schläge haben Sie etwa bekommen von ihm?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wissen Sie, mein Rücken war voll von blauschwarzen Striemen. Das hat mir mein Kollege abends gesagt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

»Alex, dein Rücken ist ganz schwarz. Was ist losgewesen?« Und ich habe [es ihm] erzählt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Da können Sie diesen Zeuge vernehmen, [er] lebt irgendwo in den USA.

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Und wie viele Schläge?

 

Verteidiger Laternser:

Ja, gut.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wissen Sie, in solchen Momenten – sind Sie der Herr Rechtsanwalt?

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Herr Rechtsanwalt, wie viele Schläge man bekommen hat, das ist sehr schwer zu sagen.

 

Verteidiger Laternser:

Nun war das also bei einer Gelegenheit, als Sie geschlagen wurden? Hat er Sie bei anderer Gelegenheit auch noch mal geschlagen?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Wissen Sie, das war nur bei der Betonierung.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, nur beim Betonieren. So. Und dann haben Sie

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Im Block 11 hat [+ er] mich nicht geschlagen, weil ich war der kleine Mann, studierte nach dem Ende des Gymnasiums Theologie. [...] Ich interessierte mich nicht für Politik, und die anderen Häftlinge, die waren politisch tätig.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, Herr Zeuge, nun wollen wir doch mal bei den Fragen bleiben. Und dann haben Sie gesehen, wie der Kral den Vasyl Bandera geschlagen hat?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Haben Sie gesehen, daß der Kral auch noch andere Häftlinge geschlagen hat?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ja?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Wen zum Beispiel? Könnten Sie

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Ja, da kann ich was sagen. Der Häftling Bohdan Ribschok hat auch die anderen Polen geschlagen, auch Franzosen, nicht wahr, [unverständlich]

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Der Kral?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Der Kral. Ja, ja, der Kral hat geschlagen.

 

Verteidiger Laternser:

Gut. Darf ich mal folgendes sagen: Der Kral war hier als Zeuge und hat gesagt

 

Zeuge Oleksa Vintonjak [unterbricht]:

Schade, daß er nicht gekommen ist.

 

Verteidiger Laternser:

Augenblick mal. Und er hat dann hier ausgesagt, er habe nie geschlagen. Er sei Pole und Mensch gewesen.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das ist...

 

Verteidiger Laternser:

Was sagen Sie dazu?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das ist Ironie. Wissen Sie, die größten Verbrecher sagen: »Ich bin unschuldig.« Sagen immer: »Ich bin unschuldig.«

 

Verteidiger Laternser:

Also Sie wissen das. Sie täuschen sich nicht: Der Kral hat geschlagen mit einem Knüppel?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja, ja, [selbstverständlich].

 

Verteidiger Laternser:

Keine Fragen mehr.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Das habe ich gesehen. Der hat mich geschlagen. Außerdem habe ich eine Brustwirbelsäulenverletzung. Zum Teil war das dieser dort, das freilich, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Da möchte ich ihm ins Gesicht sagen, weil er nein sagt, daß er lügt.

 

Vorsitzender Richter:

Die übrigen Verteidiger, keine Fragen mehr? Bitte sehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, Sie erwähnten eben den Doktor Riebschok. Den kennen Sie doch?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja. Kenne ich, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wissen Sie zufällig, wo der jetzt in Amerika lebt?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie haben keine Verbindung mit ihm?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, ich stehe nicht mit ihm in Korrespondenz, nein, nein. Ribschok, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Die Adresse können Sie uns auch nicht angeben?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Nein, ich kann [+ Ihnen] nur die Adresse von Vasyl Pasiszniak sagen. Das ist mein [unverständlich], [+ ich bin] in schriftlicher Verbindung mit ihm. Aber er sagt, ja, das hat [+ er] gesehen, den Rücken von Vintonjak. Der war ganz schwarz von Schlägen. Wissen Sie, und sonst...

 

Vorsitzender Richter:

So. Nachdem also die Vernehmung des Zeugen zu Ende ist... Halt, Baretzki wollte noch etwas sagen. Ja?

 

Angeklagter Baretzki:

Ich will noch was sagen zu der Sache beim Zeppelinkommando.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön, ja. [Pause]

 

Angeklagter Baretzki:

Das Kommando Zeppelin, das war eine Kompanie. Die hat ja in Birkenau gelegen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Das Kommando Zeppelin war eine Kompanie, die hat in Birkenau gelegen.

 

Angeklagter Baretzki:

Die hat in Birkenau gelegen, das war eine Russenkompanie. Die hatten eine russische Uniform getragen. Die haben nur Russisch gesprochen. Und das war ungefähr im Herbst 43, da sind die hingekommen. Der Unterführer Lange, der war ihr Kompanieführer. Das war ein deutscher Offizier, Untersturmführer Lange, [+ er war] bei ihnen Offizier. Der war aus der Nähe von Bremen. Das war ein ganz junger Mann. Der war deren Kompaniechef.

Und im Frühjahr 44, eines Tages von Samstag auf Sonntag, ist die ganze Kompanie verschwunden in die Beskiden. Und die Truppe von uns ist nachgegangen und hat sie zum Kampf da gestellt. Und die ganze Kompanie ist ja aufgerieben worden von der Russenkompanie. Und da hat die SS ja, glaube ich, drei oder vier Tote gehabt. Da war noch ein Kradfahrer dabei, der tot war. Die sind dann über Samstag und Sonntag abgehauen. Die haben den Betrieb da gesehen in Birkenau, wie es da aussieht, wie die Leute da umkommen, und da sind sie selber dann abgehauen. Aber die haben Wache gemacht. Zur Häftlingsbegleitung sind sie eingeteilt worden. Aber gemischt mit der anderen SS, nicht allein. Und eines Tages sind sie dann verschwunden. Das war Samstag auf Sonntag. Aber am besten Auskunft geben, kann der Untersturmführer Lange, der war deren Kompaniechef. Der wohnt ja bei Bremen da. Mehr kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Welche Frage war jetzt noch zu stellen? Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Ich will dem Angeklagten Broad nochmals vorhalten, daß er in seinem Bericht von zwei Kommandos geschrieben hat. Einmal von dem Kommando Zeppelin und zum anderen von einem Kommando aus Ukrainern. Und Sie haben dann noch Einzelheiten geschildert, und zwar haben Sie geschrieben, daß dieses Kommando von Ukrainern zum Baden geführt wurde einmal. Irgendwelche SS-Hilfsuniformen hatten die an, die wurden dann zum Baden geführt, und dann dachten sie, sie würden vergast werden. Daraufhin gab es einen Aufstand unter den Ukrainern. Können Sie sich daran erinnern, daß Sie das geschrieben haben?

 

Angeklagter Broad:

Herr Rechtsanwalt, kann sich das nicht um das Kommando Zeppelin handeln? Mir ist jetzt nicht erinnerlich, daß es irgendwie eine ukrainische Einheit war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, also ich habe den Text nicht da. Ich kann es Ihnen also jetzt nicht nachweisen, aber wir werden das weiter klären. Ich werde Sie dann nochmals danach befragen.

 

Angeklagter Broad:

Ich habe es jetzt auch nicht im Kopf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Ormond, Sie hatten noch eine Frage.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, das war die Frage an Hofmann. Ähnlich wie das, was schon Baretzki gesagt hat. Gab es nicht eine Kompanie, die 8. Kompanie des SS-Wachsturmbanns, die wurde Ukrainerkompanie, abgekürzt U-Kompanie genannt?

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Rechtsanwalt, da kann ich keine Auskunft geben. Ich habe mit diesem Wachbataillon überhaupt keine Verbindung gehabt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Na, aber Sie werden doch, wenn Sie Schutzhaftlagerführer waren, wissen, ob eine der acht oder zehn Kompanien, die es insgesamt in Auschwitz gab, eine U-Kompanie, eine Ukrainerkompanie war.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, kann ich nicht sagen. Es waren verschiedene. Es waren Kompanien da, da waren Volksdeutsche untereinander. Aber ob eine Kompanie nur mit Ukrainern war, kann ich nicht sagen. [Mit dem] ganzen Wachbataillon hatte ich keine Verbindung, habe ich mich auch nicht drum gekümmert. Da war ein extra Bataillonschef da, und meine Aufgabe war das nicht als Schutzhaftlagerführer.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke. Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von seiten der Angeklagten ist keine Frage mehr zu stellen und keine Erklärung mehr abzugeben. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Oleksa Vintonjak:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 

 
 
 
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