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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

90. Verhandlungstag, 17.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Martin Wilks

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage] auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich bin einverstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Wilks, Sie sind zunächst im litauischen Heer eingezogen gewesen und haben dort bis zu Ihrer Umsiedlung im Februar 41 Dienst gemacht.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren dann in einem Umsiedlerlager, in Schneidemühl.

 

Zeuge Martin Wilks:

Zuerst in Zdunska Wola.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Zuerst Zdunska Wola, dann Deutsch-Krone. Und dann Schneidemühl.

 

Vorsitzender Richter:

Und in Schneidemühl wurden Sie gemustert, auf Wehrtauglichkeit untersucht und sind dann zur Waffen-SS eingezogen worden. Hatten Sie sich freiwillig gemeldet?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo kamen Sie hin?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich kam nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war also wann?

 

Zeuge Martin Wilks:

Oktober 1941.

 

Vorsitzender Richter:

Im Oktober 1941. Sie haben mal gesagt, am 23. Oktober, aber so auf den Tag kommt es nicht an.1

 

Zeuge Martin Wilks:

Genau weiß ich es nicht mehr, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Im Oktober 41. Bis wann sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Bis zur Auflösung des Lagers in Auschwitz. Das war Anfang

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Januar 45.

 

Zeuge Martin Wilks:

45, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie nach Nordhausen-Oranienburg gekommen und kamen im Mai 45 in amerikanische Gefangenschaft und kamen schließlich in ein Internierungslager nach Schleswig-Holstein.

 

Zeuge Martin Wilks:

Zuerst Hamburg-Neuengamme und dann nach Schleswig-Holstein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dort änderten Sie Ihren Namen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja. Im Dezember 1945.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben diesen Namen geführt, bis Sie sich selbst bei der Staatsanwaltschaft in Celle angezeigt haben.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind da auch wegen falscher Namensführung mit 100 Mark Geldstrafe bestraft worden.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, nach Ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft waren Sie in verschiedenen Arbeiten tätig und sind schließlich bei der Gemeindeverwaltung in Unterlüß als Verwaltungsangestellter geblieben.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ein Jahr lang.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Jahr lang. Nun zur Sache, Herr Zeuge. Sie sind, wie Sie uns sagten, im Oktober 41 nach Auschwitz gekommen und kamen dort zu welcher Kompanie?

 

Zeuge Martin Wilks:

Zur 6. Kompanie zur Ausbildung.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie dabei ungefähr?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das war kurze Zeit. Ich kann es nicht genau sagen. Ich denke, es war bis Anfang Januar. Dann bin ich zum SS-Revier gekommen. Also es war kurz, ich habe die Ausbildung dort mitgemacht, bin während

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Etwa drei Monate, meinten Sie.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ungefähr. Bin während der Ausbildungszeit schon bei der 6. Kompanie in die Schreibstube gekommen als Rechnungsführer. Dort habe ich die erste Ausbildung als Rechnungsführer bekommen und bin von dort aus ins SS-Revier, Dienststelle SS-Standortarzt, versetzt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das war ungefähr Januar, konnte Januar 1946...

 

Vorsitzender Richter:

Nein, es

 

Zeuge Martin Wilks [unterbricht]:

1942 sein, entschuldigen Sie.

 

Vorsitzender Richter:

März oder April kann es auch gewesen sein.

 

Zeuge Martin Wilks:

Also ich kann es nicht genau sagen, ich...

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Jedenfalls Anfang 1942.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Sie die Grundausbildung gemacht haben, hatten Sie da irgendwelche Aufgaben zur Bewachung mit zu übernehmen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, wir hatten noch keine. Ich habe keine gehabt. In meiner Ausbildungszeit bin ich sogar als Rechnungsführer schon eingesetzt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Wer ist das neben dem Herrn Rechtsanwalt Doktor Eggert?

 

Verteidiger Eggert:

Der Gerichtsreferendar von Uckro, der amtlich bestellte Vertreter des Rechtsanwalts und Notars Doktor Stolting II.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Referendar, es ist im allgemeinen üblich, daß ein Verteidiger, der hier auftritt, sich zunächst dem Gericht vorstellt. Denn wir können ja nicht wissen, wer Sie sind. Ja?

 

Verteidiger von Uckro:

Ich bitte um Entschuldigung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Darf ich den Kollegen entschuldigen, ich hatte vor, es in der Mittagspause zu machen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie es aufgenommen ins Protokoll? Danke schön. Nun, Sie sagten, Sie sind im April

[

Zeuge Martin Wilks:

Es ist früher gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 1942 zum Standortarzt gekommen, und zwar als was?

 

Zeuge Martin Wilks:

Als Rechnungsführer.

 

Vorsitzender Richter:

Als Rechnungsführer. Was hatten Sie dort zu tun?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe die Auszahlung des Wehrsoldes gehabt, die Berechnung der Reisekosten, die Verpflegung für die SS Staffel, so nannte die sich damals, und auch für die Kranken, die im SS Revier lagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wer war denn damals Standortarzt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der erste Standortarzt vor Herrn Doktor Wirths? Das kann ich jetzt momentan nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Popiersch.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, Doktor Popiersch.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie auch den Doktor Uhlenbroock?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der Name ist mir bekannt. Ich weiß momentan nicht, wo ich;

 

Vorsitzender Richter:

War der auch Standortarzt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Uhlenbroock? -- Der Name ist mir bekannt. Ich kann es nicht mehr sagen. Ich möchte hier nichts Falsches aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war dann Standortarzt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Doktor Wirths. Doktor Wirths ist bis zum Schluß dagewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum Schluß.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und kannten Sie den Doktor Wirths näher?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ich kannte ihn. Er war mein Chef, mein Vorgesetzter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie auch, was der Doktor Wirths für Anordnungen gegeben hat bezüglich der Tötung von Häftlingen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Wie weit die Anordnungen von Doktor Wirths gegangen sind, kann ich nicht sagen. Jedenfalls war er der Standortarzt, war der Vorgesetzte der Ärzte, war verantwortlich für den Einsatz der Ärzte und der Desinfektoren und des üblichen Sanitätspersonals. Er hatte also somit als Dienstherr Aufgabenbefugnisse und konnte jede Arbeit zuteilen.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie den Apotheker Doktor Capesius?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von ihm?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich weiß von ihm, daß er der Leiter der Apotheke war, und habe mit Doktor Capesius direkt nichts zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob in der Apotheke auch Giftgas aufbewahrt wurde?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Ja. Dann kennen Sie auch den Sanitätsdienstgrad Klehr?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob Klehr sich an Tötungen von Häftlingen beteiligt hat?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich kann jetzt nicht sagen, ob der Angeklagte Klehr Desinfektor oder Sanitäter war. Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal erlebt, wie Leute in dem Kleinen Krematorium vergast worden sind?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ich habe das gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie hat sich das abgespielt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich nehme an, das war das Jahr 1942. Ich glaube, es war das Jahr 1942. Dann kam der Befehl hier in unsere Schreibstube. Ich hatte eine Stube für mich. Es kam der Befehl durch: »Gardinen zuziehen, alles vom Fenster weg!« Und ich habe die Gardinen zugezogen und bin vom Fenster weggegangen, war aber trotzdem neugierig, weshalb der Befehl. Das war das erste Mal, daß so was durchkam. Und da bin ich ans Fenster wieder rangegangen, als ich merkte, daß die Luft rein war, und habe die Gardinen etwas zurückgezogen und konnte sehen, daß auf dem Bunker einige Leute eilends etwas aus der Büchse leerten.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt auf dem Bunker? Auf welchem Bunker?

 

Zeuge Martin Wilks:

Auf dem Bunker gegenüber unserer Dienststelle.

 

Vorsitzender Richter:

War das das Alte Krematorium?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das Alte Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Etwas aus der Büchse leerten.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, und da reinschütteten. Die Leute, die oben waren, es waren zwei, vielleicht drei, ich kann es heute nicht mehr sagen, hatten Gasmasken auf und waren sehr eilends. Ich habe nur ganz kurz geschaut, dann habe ich mir ein Bild machen können, was das eventuell bedeuten könnte.

 

Vorsitzender Richter:

Na, und was bedeutete

[

Zeuge Martin Wilks:

Ich bin dann zurückgegangen. Das bedeutete, daß hier Menschen getötet worden sind. Es wurde nach dem gesagt, es sollen angeblich russische Soldaten oder, besser gesagt, Kommissare gewesen sein. So wurde das gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Wurde es erzählt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Wurde erzählt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie die Männer gekannt, die da auf dem Bunker

[

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe sie nicht erkennen können, die hatten Gasmasken auf. Waren aber in Uniform.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sie haben sie doch nicht immer aufgehabt, die Gasmasken.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe nur einmal hingeschaut, weil der Befehl kam, man sollte nicht ans Fenster ran. Als ich dann die Schwere des Verbrechens sah, bin ich nicht mehr ans Fenster gegangen. Ich habe mir gleich denken können, was da los ist.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie einmal auf der Rampe, wenn Transporte ankamen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, bin ich nicht gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob SS Angehörige Sonderzuteilungen bekamen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wann bekamen sie die?

 

Zeuge Martin Wilks:

Die bekamen sie immer, wenn sie Dienst an der Rampe oder bei den Tötungen getan haben. Dann haben sie eine sogenannte Sonderzuteilung bekommen. Das ist bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie diese Sonderzuteilungen als Rechnungsführer verrechnet?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein. Die unterlagen nicht dem Rechnungsführer. Soweit ich weiß, bekamen diese Leute solche Zettel = ich habe sie mal gesehen =, sogar die Ärzte. Ich bin sogar von Herrn Doktor Wirths einmal beauftragt worden. Ich habe so mehrere Zettel bekommen, aus der Küche war das, Zuteilung zu holen. Da gab es dann Wurst oder Butter und Alkohol.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, welche Ärzte den Dienst an der Rampe versehen haben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich möchte sagen, daß alle Ärzte für die Rampe eingeteilt waren.

 

Vorsitzender Richter:

Eingeteilt waren.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und inwieweit sie auch hingegangen sind, das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich möchte sagen, daß sie alle ihren Dienst, wie sie eingeteilt waren, versehen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie auch den Doktor Lucas?

 

Zeuge Martin Wilks:

Doktor Lucas ist mir namentlich bekannt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Namentlich bekannt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja. Ich kann momentan nicht mehr sagen, wo er eingesetzt war, in welchem Lager. Ist aber bei uns als Arzt gewesen, bei der Dienststelle Standortarzt als Arzt gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch gesehen, daß in dem Lager irgendwelche Leute erschlagen worden sind?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, erschlagen worden, das habe ich nicht gesehen. Ich habe einmal gesehen am SS Revier = unser SS Revier war direkt am Lager, am Lagerzaun =, da habe ich einmal gesehen, daß ein Häftling am Draht erschossen wurde. Ob der einen Fluchtversuch gemacht hat, das weiß ich nicht, jedenfalls am Zaun lag er.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das haben Sie gesehen, daß sie bei Fluchtversuchen erschossen worden sind?

 

Zeuge Martin Wilks:

Daß er da lag. Ob er einen Fluchtversuch gemacht hat oder dahin geschickt worden ist, das weiß ich

[

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht täglich Häftlinge gesehen, die totgeschlagen waren?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ich habe es gesehen. Ich habe sehr viele Tote gesehen. Zuerst sind wir untergebracht worden in einem = das war ein Lager gewesen, ein polnisches, möchte ich sagen. Ein Lager. Und da mußten wir, wenn wir zur Küche gingen, vorbei an einer Kiesgrube. Und da hat dieses Strafkommando gearbeitet. Und da sahen wir tagtäglich, wie die Leute vom Strafkommando da erschlagen herumlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wer das gemacht hat?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das direkt habe ich nicht gesehen. Die Leute, die SS Leute, die beim Strafkommando tätig waren, die kannte ich ja nicht. Unter anderem konnten wir von unserem Bau sehen, daß sich an dieser Tötung sogar auch Häftlinge, die in ihrer gestreiften Uniform waren, beteiligt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Also diese Kapos?

 

Zeuge Martin Wilks:

Sogenannte Kapos.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. -- Ist Ihnen der Adjutant Mulka bekannt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, vom Hörensagen.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Hörensagen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Adjutant

[

Zeuge Martin Wilks:

Er war damals unser Adjutant, das ist auch an dem;

 

Vorsitzender Richter:

Und der Adjutant Höcker?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen auch bekannt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ist bekannt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie auch etwas über ihre Tätigkeit?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, ich kann nicht direkt sagen, welche besonderen Aufgaben die Adjutanten dort hatten. Das kann ich nicht sagen. Sie waren Stellvertreter des Kommandanten.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas, ob Ihre Dienststelle benachrichtigt worden ist, wenn Häftlingstransporte ankamen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Unsere Dienststelle ist benachrichtigt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem?

 

Zeuge Martin Wilks:

Also das kann ich nicht genau sagen, ob von der Politischen Abteilung oder Kommandantur, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also bei Ihrer Vernehmung am 21. August 62, da haben Sie gesagt: »Ich habe beobachtet, daß die Ärzte mit den Sankas bei Ankunft von Häftlingstransporten auf die Rampe gefahren sind. Von der Kommandantur erfolgte telefonisch die Benachrichtigung bei Transportankünften an unsere Dienststelle.«2

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich nehme das an. Ich kann bei diesem Wort nicht bleiben. Es kann auch von der Politischen Abteilung, aber es wird eher von der Kommandantur gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht selbst solche Anrufe entgegengenommen?

 

Zeuge Martin Wilks:

In meinem Schreibzimmer war kein Telefon.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun kamen die Transporte ja auch zum Teil am Tag an.

 

Zeuge Martin Wilks:

Die kamen am Tag, die kamen auch nachts.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kamen auch nachts.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ich frage Sie, ob Sie vielleicht am Tag nicht

[

?:

(...)

 

Vorsitzender Richter:

Ach, im Schreibzimmer war kein Telefon.

 

Zeuge Martin Wilks:

Bei mir war im Schreibzimmer kein Telefon.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist möglich. Ich habe Sie aber gefragt, ob Sie eine telefonische Ankündigung entgegengenommen hätten.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe unter anderem Bereitschaftsdienst gehabt. Wenn ich Bereitschaftsdienst hatte, dann habe ich es entgegengenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie entgegengenommen. Und wissen Sie nicht mehr, von wem die kamen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, das kann ich im Moment nicht sagen. Ich möchte keine falsche Aussage machen. Es wird eher von der Kommandantur [gewesen] sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem bei der Kommandantur?

 

Zeuge Martin Wilks:

Vielleicht sogar von der Vermittlung. Also ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie dann zu tun, wenn Sie zum Beispiel Bereitschaftsdienst hatten?

[

Zeuge Martin Wilks:

Dann war unsere Aufgabe, den diensthabenden Arzt und den Desinfektor zu benachrichtigen. Das war unsere Aufgabe.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war damals Desinfektor?

 

Zeuge Martin Wilks:

Wir hatten mehrere Desinfektoren gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Beispiel? Wen haben Sie da benachrichtigt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht mehr sagen. Also Desinfektoren hatten wir mehrere. Ich weiß zum Beispiel, der Koch war Desinfektor. Das weiß ich genau, weil der Koch damals auf unserer Stube geschlafen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch Klehr benachrichtigt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich kann es direkt nicht sagen. Jetzt kann ich es nicht sagen. Wenn der Klehr Desinfektor war, dann wird es auch an dem gelegen haben.

 

Vorsitzender Richter:

-- Herr Zeuge, Sie sollten das nicht mehr wissen heute?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein. Ich wiederhole noch mal, wenn Herr Klehr Desinfektor war, wenn er die Ausbildung, den Giftschein hatte, dann ist Herr Klehr auch benachrichtigt worden. Wenn er gerade Dienst hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum sind die Leute benachrichtigt worden, die Desinfektoren?

 

Zeuge Martin Wilks:

Die sind benachrichtigt worden, um als Desinfektor ihren Dienst zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und worin bestand der Dienst? Zu desinfizieren?

[

Zeuge Martin Wilks:

Der Dienst bestand darin, daß Menschen vergast wurden. -- Unter anderem, nicht. Sie hatten auch Entlausungen der Unterkünfte der Häftlinge und auch der Truppe vorzunehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und deshalb frage ich Sie ja, ob sie gerufen wurden, um Entlausungen vorzunehmen oder um Menschen zu vergasen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, bei Transporten nicht Entlausungen, sondern Vergasungen.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern Vergasungen. Sie hatten dann noch den Arzt zu benachrichtigen. Wie machten Sie das?

[

Zeuge Martin Wilks:

Der Arzt wurde auch benachrichtigt. Der Arzt wurde telefonisch benachrichtigt. Die Ärzte haben sich entweder in ihrem Lager, in dem sie tätig waren, aufgehalten oder waren im Offizierskasino.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie kamen die dann auf die Rampe?

 

Zeuge Martin Wilks:

Die kamen mit dem Sanitätswagen auf die Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sanitätsdienstwagen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer benachrichtigte den Sanitätsdienstwagen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der Sanitätsdienstwagen wurde auch von uns benachrichtigt, und zwar an die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Und an wen haben Sie sich da gewandt, an der

[

Zeuge Martin Wilks:

An die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist ein Begriff. Und welche Person können Sie

[

Zeuge Martin Wilks:

Die Namen kann ich jetzt nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Namen wissen Sie nicht.

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie kam nun das Giftgas an die Stelle der Vergasung?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht sagen. Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wurde das mitgenommen in dem Sanka?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich nicht, ich bin nicht mitgefahren. Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nicht, ob sie im Sanka oder mit anderen Wagen gefahren sind. Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

--- Ich habe keine Frage mehr an den Zeugen. Von seiten des Gerichts noch Fragen? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Kannten Sie den Zahnarzt Doktor Frank?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der Zahnarzt Doktor Frank ist bekannt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kannten Sie den Zahnarzt Doktor Schatz?

 

Zeuge Martin Wilks:

-- Ja, der Name ist mir bekannt. Ich glaube, er war auch bei uns, gehörte auch zum SS Revier.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Sie sprachen davon, daß die Ärzte zum sogenannten Rampendienst eingeteilt waren. Ist Ihnen etwas darüber bekannt, ob die Apotheker und die Zahnärzte von einem gewissen Zeitpunkt ab auch zum Rampendienst eingeteilt waren?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich weiß das nicht genau. Ich möchte das aber verneinen. Ich glaube nicht, daß die Apotheker und die Zahnärzte an Selektionen = zum Rampendienst für die Selektionen eingeteilt waren.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun, ich glaube sagen zu können, daß die Beweisaufnahme bis jetzt ergeben hat, daß Doktor Wirths im Jahre 1944, als die Ungarn-Transporte kamen, einen solchen Befehl gegeben hat. Aber wie dem auch sei, Sie können sich nicht daran erinnern?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, ich kann mich nicht entsinnen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Können Sie sich daran erinnern, ob in Ihrer Schreibstube oder in einer angrenzenden Stube ein Dienstplan lag oder aufgehängt war, der sich speziell auf den Rampendienst bezog?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ein Dienstplan lag beim Standortarzt Doktor Wirths auf dem Tisch. Ein Dienstplan lag beim Spieß.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ein Dienstplan bei Doktor Wirths und ein Dienstplan beim Spieß. War der Spieß eine Zeitlang der Herr Wilhelmy?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, zuerst, die erste Zeit.

 

Staatsanwalt Kügler:

Würden Sie von der Kenntnis, die Sie über den Dienstbetrieb dort erhalten haben, sagen, daß dieser Dienstplan auch bei Wilhelmy gelegen haben muß?

 

Zeuge Martin Wilks:

Unser Spieß Wilhelmy war von Anfang an im SS Revier, ist dann weggekommen. Und ich möchte sagen, in dieser Zeit; Ich weiß nicht mehr genau, wann Wilhelmy von uns zur Landwirtschaft rüberwechselte, ob damals schon Transporte kamen, also Transporte in diesen Massen für die Vernichtung

[

Staatsanwalt Kügler:

Und wenn ich Ihnen sage, daß der Herr Wilhelmy etwa im Oktober = ich möchte sagen, frühestens im Oktober 1942 = von der Dienststelle des Standortarztes weggekommen ist, was würden Sie dann sagen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Oktober 42.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der Herr Doktor Wirths ist etwa im September gekommen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, und unser zweiter Spieß, Herr Ontl, ist mit Doktor Wirths mitgekommen. Also das kann ich nicht genau sagen, ob damals schon, vor Doktor Wirths, eine Aufteilung, die Sie meinen, für den Rampendienst, ob die schon bestanden hat. Das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber 1944. Würden Sie sagen, daß der Plan 1944 vorlag?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der lag vor.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der lag vor. Und nun würde mich interessieren, was Ihr Erinnerungsbild an diesen Plan ist. Was stand denn da drauf?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der Plan war, soweit ich mich erinnern kann, für eine Woche aufgestellt. Es war ein Wochenplan.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie sah der denn aus? Was stand da drauf? Wie war das geschrieben?

[

Zeuge Martin Wilks:

Ja, da waren nun die Tage drauf und die Ärzte aufgeführt, die Desinfektoren aufgeführt, also der Tag, Ärzte, Desinfektoren.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also wollen wir sagen, links stand der Tag, also wollen wir sagen, der 1.1.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und unter dem 1.1. der 1.2.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ganz richtig.

 

Staatsanwalt Kügler:

Oder daneben.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ganz richtig. Unterm (...) ja, so

[

Staatsanwalt Kügler:

Unterm. Und dann der Arzt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Dann der Arzt und dann der Desinfektor, der diensthabende.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der Desinfektor.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Stand da der Name eines Arztes für einen Tag, oder standen da die Namen von mehreren Ärzten?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, für einen Tag, würde ich sagen, stand ein Arzt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Stand für einen Tag ein Arzt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, soweit ich mich entsinnen kann. Sind 20 Jahre her. Es ist schwer. Aber ich möchte sagen, es stand für einen Tag immer ein Arzt da.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ein Arzt. Und wie lange dauerte dessen Dienst? 24 Stunden?

 

Zeuge Martin Wilks:

24 Stunden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wann begannen diese 24 Stunden? Um Mitternacht oder wann?

 

Zeuge Martin Wilks:

Tja, genau weiß ich es nicht. Ob sie morgens ab Dienstbeginn? Also bei uns war es, glaube ich, um acht Uhr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von acht Uhr bis acht Uhr?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich glaube, von acht Uhr bis acht Uhr. Also ich kann es nicht genau sagen, ob von null Uhr bis null Uhr oder von acht bis acht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie können es nicht genau sagen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber so, wie Sie es noch in Erinnerung haben, wohin würden Sie denn tendieren? Von acht bis acht oder von zwölf bis zwölf?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich würde von zwölf bis zwölf sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also Mitternacht?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von 24 Uhr

[

Zeuge Martin Wilks:

Von null Uhr bis 24 Uhr, würde ich sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gut, Sie sagten, daß ein Arzt dort auf dieser Liste war. Und wie viele Desinfektoren denn? Auch nur einer oder mehrere?

 

Zeuge Martin Wilks:

Mehrere.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie noch die Zahl angeben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, kann ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sagten ja, daß Sie selbst mal diese Benachrichtigungen, wenn Sie Bereitschaftsdienst hatten, weitergegeben haben.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Da haben Sie also versucht, wenn ich das so sagen darf, den Arzt zu erreichen, entweder im Lager oder im Kasino oder wo er war. Wo haben Sie denn versucht, die Desinfektoren zu erreichen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der Desinfektor hatte dann auch in diesem Fall Bereitschaftsdienst, entweder im Lager, oder er war in seiner Unterkunft. Und da wurde die Unterkunft irgendwie telefonisch; Es gab dann immer irgendwelche Verbindungen zur Unterkunft auch.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das dann immer ein bestimmter Desinfektor, der die Nachricht entgegennahm?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sondern je nachdem, wer eingeteilt war? Das war eine Gruppe von etwa vier, fünf, sechs Leuten, nicht?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das kann sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Es waren mehrere.

 

Staatsanwalt Kügler:

Es waren mehrere.

 

Zeuge Martin Wilks:

Mehrere, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und Ihrer Erinnerung nach war es nicht ein bestimmter, der

[

Zeuge Martin Wilks:

Nein, es war nicht ein bestimmter.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sondern immer jeweils der;

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, die waren eingeteilt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Wir haben also den Tag, den Namen des Arztes, den Desinfektor. War noch etwas auf dieser Liste?

 

Zeuge Martin Wilks:

-- Ob es auf dieser Liste war, weiß ich nicht. Mit dem Sanitätswagen ist noch ein Sanitäter mitgefahren, außer dem Desinfektor, mit einem Sauerstoffgerät. Der hatte die Aufgabe gehabt, wenn SS Angehörige, die dabei Dienst hatten, zu Schaden kamen oder sich vergifteten

[

Staatsanwalt Kügler:

Bei der Vergasung?

 

Zeuge Martin Wilks:

Bei der Vergasung, dann bekamen sie ein Sauerstoffgerät.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Kann ich daraus den Schluß ziehen, daß Ihrer Meinung nach dieser Sanitätskraftwagen, dieser Sanka, nicht nur auf die Rampe, sondern von der Rampe dann nach der Ausmusterung auch zur Gaskammer gefahren ist?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, so müßte das sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

So müßte das Ihrer Erinnerung nach gewesen sein?

[

Zeuge Martin Wilks:

Ja, so müßte das sein. Ich wüßte nicht, daß die mit einem zweiten Wagen irgendwie gefahren sind. Das glaube ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun haben wir uns bisher darüber unterhalten, daß es die Aufgabe der Ärzte war, Rampendienst zu machen. Nun würde mich interessieren, was Ihrer Erinnerung nach dieser Rampendienst beinhaltete. Also wie das Wort schon sagt, Dienst auf der Rampe. Wir wissen, daß da die Ausmusterung vorgenommen wurde. Bedeutete das aber nicht noch etwas mehr? Können Sie sich da an etwas erinnern? Sie sagten eben, daß da also zum Beispiel ein Sauerstoffgerät mit dabei war und der Sanitätsdienstgrad mit dem Sauerstoffgerät doch offenbar bis zur Gaskammer gegangen ist.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das mußte er ja. Das mußte er ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was war denn nun mit den Ärzten Ihrer Erinnerung nach?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich bin nicht dabeigewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sicher, das weiß ich, ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich bin nicht dabeigewesen. Ich kann nur vom Hörensagen hier was erzählen.

[

Staatsanwalt Kügler:

Ja, was haben Sie da vom Hören und Sagen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich möchte vorwegnehmen, daß es heute schwer ist, auseinanderzuhalten, was ich damals gehört habe und was ich nach 45 gelesen und auch gehört habe. Ich habe manchmal die Befürchtung, man kann ungewollt diese beiden Sachen vermengen. Diese Gefahr ist sehr groß. Ich habe damals gehört, und das war jedem Angehörigen, der in Auschwitz eingesetzt war, bekannt, daß an der Rampe große Transporte ankamen, die dort ausgesucht wurden nach Arbeitsfähigen und Nichtarbeitsfähigen. Die Arbeitsfähigen, die kamen in besondere Lager

[

Staatsanwalt Kügler:

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Ist Ihnen auch bekanntgeworden damals, wer dieses Aussuchen vorgenommen hat?

 

Zeuge Martin Wilks:

Es war bekannt, daß das Aussuchen nur Ärzte vorgenommen haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, gut.

 

Zeuge Martin Wilks:

Damals war bekannt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Jawohl. Sie sagten nun, was mit den Arbeitsfähigen geschah.

 

Zeuge Martin Wilks:

Die Arbeitsfähigen ins Lager. Und die Nichtarbeitsfähigen, die sind dann = in welcher großen Zahl, weiß man ja nicht, man schätzt ja = zur Vergasung gekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun begannen Sie diese Ausführungen damit, daß ich Sie danach fragte, was die Ärzte insgesamt getan haben bei diesem Vorgang. Wollen Sie da noch etwas sagen?

[

Zeuge Martin Wilks:

Bei diesem Vorgang. Die Aussonderung als solche bedurfte auch bei den Ärzten ja keiner Fachkenntnisse. Soweit man hörte, haben die nur

[

Staatsanwalt Kügler:

Also damit wir uns recht verstehen, Herr Wilks, haben Sie etwas darüber gehört, ob es die Pflicht der Ärzte war, im Zusammenhang mit diesem Rampendienst auch mit bis zur Gaskammer zu gehen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja. Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann erzählen Sie doch bitte, was Sie darüber gehört haben.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, daß die Ärzte auch mit an der Gaskammer gewesen sind.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und was war ihre Aufgabe dort? Haben Sie darüber etwas gehört?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, da gab es wohl keine Aufgabe mehr als Arzt. Es könnte noch sein, daß sie deshalb mitgegangen sind, um für die Betreuung der vorhandenen Leute dabeizusein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der SS Dienstgrade, die das Gas eingeworfen haben, und falls eben etwas passierte.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ich wüßte nicht, was der Dienst an den Gaskammern noch weiter bedeuten sollte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das wüßten Sie nicht. Nun möchte ich doch noch mal präzise fragen, ob das also lediglich eine Schlußfolgerung ist von Ihnen aufgrund der bestimmten Dinge, die Sie dort gesehen haben, oder ob damals darüber gesprochen wurde?

 

Zeuge Martin Wilks:

Gesehen haben? Wie meinen Sie das bitte?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ob daß jetzt eine Schlußfolgerung von Ihnen ist, daß die Ärzte dort also so eine Art Überwachung des Sanitätspersonals gehabt haben, damit denen nichts passierte. Oder hat man damals direkt davon gesprochen: Die Ärzte, die machen also nicht nur die Aussonderung, sondern, »stell dir vor«, hat Ihnen irgend jemand erzählt, »die gehen auch noch mit zur Gaskammer«.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das wurde erzählt. Ich sagte schon vorhin, auf unserem Zimmer war auch ein Koch, damals Obergefreiter, also Rottenführer. Und obwohl wir Unteroffiziere waren, war er immer auf unserm Zimmer und rühmte sich sogar. Der erzählte das. Von dem weiß ich das.

 

Staatsanwalt Kügler:

Er hat erzählt, daß die Ärzte mitgegangen sind.

 

Zeuge Martin Wilks:

Daß die Ärzte dabei waren.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun, Herr Wilks, können Sie sich noch an einen Sanitätsdienstgrad und Desinfektor Theuer erinnern?

 

Zeuge Martin Wilks:

Theuer?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Also Ihnen ist nur dieser Koch jetzt im Moment im Zusammenhang

[

Zeuge Martin Wilks:

Koch, der war auf unserm Zimmer.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und Sie sagten etwas, was uns also auch im Laufe der Ermittlungen bekannt wurde: daß der Koch sehr gesprächig war. Der hat sich also der Vorgänge gerühmt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun wäre ich Ihnen dankbar, Herr Wilks, wenn Sie Ihr Erinnerungsvermögen da mal etwas anstrengten und versuchten, uns zu schildern, was Sie von dem Koch gehört haben, was sich da abgespielt (---)

 

Zeuge Martin Wilks:

(---) die wie Waschräume aussehen, und da wären dann die dort bestimmten Häftlinge hineingetrieben [worden], oder man sagte denen, die sollen zum Duschen hinkommen. Und dann wurden die Türen geschlossen, und dann hat man da Gas, also dieses genannte Zyklon B, reingeschüttet.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat er sich selbst gerühmt, daß er das gemacht hat?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das schien ihm sogar Spaß zu machen. Ich weiß nicht, wo heute der Koch ist, aber ich habe sogar den Eindruck gehabt, daß er sich freute. Und ich habe gesehen, daß er sehr oft seine Zusatzverpflegung immer holte und sich damit rühmte, was er für ein guter Deutscher war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Hat er Ihnen etwas darüber erzählt, wie es den Menschen noch in diesen letzten Stunden da ergangen ist?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das nicht. Jedenfalls war er der Meinung, das wäre nicht so schlimm, das würde nur einige Minuten dauern. Sie schreien wohl, aber das würde nur einige Minuten dauern, und dann ist das still.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat er Ihnen etwas darüber erzählt, daß er möglicherweise, ich weiß es nicht, sich den Vergasungskeller nach einer Vergasung angesehen hat? Wie das darin ausgeschaut hat? Hat er Ihnen darüber etwas erzählt?

[

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich jetzt nicht mehr sagen. Ich möchte bald annehmen, daß es so; Ich habe aber selbst darüber gelesen. Ich habe mir mein Bild gemacht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, Sie werfen das möglicherweise durcheinander jetzt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Wilks, Sie waren ja nun lange Zeit bei dem Standortarzt und haben also auch örtlich an einer Stelle gesessen, wo man viel, möglicherweise viel gesehen und viel gehört hat. Sie haben uns erzählt von dem einen Krematorium, von dem Kleinen Krematorium, wo 1942 diese Vergasung war gegenüber

[

Zeuge Martin Wilks:

Das war eigentlich kein Krematorium vorne, wo ich die Vergasung gesehen habe. Es war später auch als Desinfektenkammer oder irgendwas vorgesehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also jedenfalls, da war so ein Bunker.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ein Bunker war das. Es war ein Bunker. Mit einem Schornstein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die Vergasungsanlagen, wo nachher der Zimmernachbar von Ihnen, der Herr Koch, tätig war, die waren ja draußen in Birkenau.

 

Zeuge Martin Wilks:

Die waren draußen. Man konnte, ich glaube sogar von der Bahn aus, den Schornstein sehen. Ich kann es nicht mehr genau sagen. Mir ist es so, als ob man sogar den Schornstein sehen konnte. Also ich möchte das nicht festlegen. Mir ist es so.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie irgendeine Vorstellung davon sich gebildet, entweder dadurch, daß Sie selbst etwas gesehen haben, oder dadurch, daß Sie mit anderen darüber gesprochen haben, unter wessen Regie diese Gaskammern da draußen standen und die Krematorien?

 

Zeuge Martin Wilks:

Unter der Regie des Kommandanten, glaube ich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun gab es drei Lager, drei Hauptlager damals: Auschwitz, Birkenau und Monowitz. Zu Monowitz gehörten die Nebenlager, wenn ich recht unterrichtet bin.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, es gab noch eine ganze Menge dann dazu, eine Unzahl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo war denn die maßgebende Kommandantur?

 

Zeuge Martin Wilks:

Die war hier neben dem SS Revier, da war es.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im Stammlager?

 

Zeuge Martin Wilks:

Im Stammlager, ja. Am Stammlager.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, ob und was diese Kommandantur, also der Kommandant und der Adjutant, mit diesen Dingen zu tun hatten? Also ich meine die Tötung, diese massenweise Ermordung von Leuten in der Gaskammer.

 

Zeuge Martin Wilks:

Dem Kommandanten unterstand ja alles.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Auch die Tötung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, ob und inwieweit sich die

[

Verteidiger Eggert:

In dieser Form möchte ich dem Vorhalt widersprechen. Es könnte höchstens gefragt werden, ob Anhaltspunkte da sind, aber nicht Vorstellungen bei einem Zeugen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich habe den Zeugen gefragt, ob er eine Vorstellung davon hat, entweder aufgrund eigener Erfahrungen oder daß er etwas gehört hat.

 

Vorsitzender Richter:

Also wollen wir sagen, ob er Anhaltspunkte dafür hat, das ist ja dasselbe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie Anhaltspunkte dafür? Bitte schön. Stellen Sie Ihre Frage weiter.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie Anhaltspunkte dafür, daß der Kommandant für diese Vorgänge in Birkenau verantwortlich war?

 

Zeuge Martin Wilks:

Anhaltspunkte? Nein, ich bin der Meinung, ein Kommandant, der über das ganze Lager zu befehlen hat, ist auch dafür verantwortlich. Es muß auch die Weisung gegeben haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Haben Sie Anhaltspunkte dafür, daß der Kommandant, der im Stammlager war, auch dem Lager Birkenau und dem Lager Monowitz Weisungen erteilen konnte?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich nicht. Inwieweit die Befehle hier gegangen sind, weiß ich nicht. Aber jedes Lager hatte ja einen Lagerkommandanten oder wie sich die nannten. Ich weiß es nicht. Und inwieweit die nun Weisungen entgegennahmen oder selbständig handelten, das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Außer dem Namen Koch, der da direkt beteiligt war bei den Vergasungen, sind Ihnen noch andere Namen von SS Angehörigen in Erinnerung, die dort draußen bei den Krematorien irgendeine Tätigkeit ausübten?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich kann sie nicht namentlich heute aufführen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Würde es Ihnen eine Erinnerungsstütze bedeuten, wenn ich Ihnen den Namen Moll nenne?

 

Zeuge Martin Wilks:

Wie hieß der?

 

Staatsanwalt Kügler:

Moll.

 

Zeuge Martin Wilks:

Moll. Soweit ich weiß, gehörte Moll gar nicht zu unserer Dienststelle.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ich meine jetzt nicht Ihre Dienststelle. Ich meine Leute, die draußen bei den Krematorien beschäftigt waren.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ich weiß nur über Leute, die der Dienststelle Standortarzt angehörten. Die anderen, da kann ich nichts aussagen, ich weiß es nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie etwas darüber – wenn Sie auch die Leute namentlich nicht mehr kennen –, welcher Dienststelle diejenigen angehörten, die draußen bei den Krematorien beschäftigt waren als SS Angehörige? Ich meine nicht das jüdische »Sonderkommando«.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich möchte sagen, der Kommandantur.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt dafür?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe jetzt keinen Anhaltspunkt, aber ich nehme stark an, daß die Leute der Kommandantur angehörten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der Kommandantur, die beim Stammlager untergebracht war?

 

Zeuge Martin Wilks:

Beim Stammlager, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie in diesem Zusammenhang irgendeine Vorstellung und Anhaltspunkte für diese Vorstellung, was die Adjutanten taten?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht sagen. Nein, das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist darüber gesprochen worden damals? Haben Sie noch eine Erinnerung an ein solches mögliches geführtes Gespräch, daß auf der Rampe nicht nur die Ärzte waren, sondern eben auch andere SS Angehörige, darunter die Kommandanten und Adjutanten?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich nicht, ob noch andere dabei waren. Ich weiß nur, daß Ärzte dabei waren, weil ich den Dienstplan gesehen habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, als Sie als Rechnungsführer zum Standortarzt kamen, wer war damals Standortarzt?

 

Vorsitzender Richter:

Hat er bereits gesagt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das habe ich ja bereits am Anfang;

 

Vorsitzender Richter:

Er meint, es wäre Popiersch gewesen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann sein, ich weiß es nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Weiß nicht mehr genau.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich weiß nur von Doktor Wirths Genaueres.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wirths kam nach unserer Kenntnis Anfang September 1942 als Standortarzt dorthin. Sie sind vorhin nach Doktor Uhlenbroock gefragt worden. War Doktor Uhlenbroock der Vorgänger von Doktor Wirths als Standortarzt?

 

Vorsitzender Richter:

Auch gefragt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich kann es nicht mehr genau sagen, wie der Name war.

[

Vorsitzender Richter:

Ich habe ihn bereits danach gefragt, Herr Rechtsanwalt. Er hat vorhin gesagt: »Der Name ist mir bekannt, ich weiß aber nicht genau, in welcher Funktion er war.«

[

Zeuge Martin Wilks:

Ich weiß aber nicht mehr; Damit ich ihn nicht verwechsle. Ich habe Angst, hier Gefahr zu laufen, daß ich irgendwelche

[

Nebenklagevertreter Ormond:

Entschuldigung.

 

Zeuge Martin Wilks:

Leute verwechsle oder Namen verwechsle.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben vorhin ausführlich berichtet über den Dienstplan für den Bereitschaftsdienst der Ärzte und Desinfektoren. Ist darauf geachtet worden, daß dieser Dienstplan eingehalten wurde?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das muß wohl so sein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich will vielleicht so fragen: War es leicht möglich, den Dienst mit jemand anders zu tauschen? Oder haben der Standortarzt und der Spieß darauf geachtet, daß das eingehalten wurde?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich möchte sagen, die Möglichkeit zum Tauschen war gegeben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist davon häufig Gebrauch gemacht worden, oder war das sehr selten und eine Ausnahme?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich jetzt nicht sagen. Also die Ausnahme ist gemacht worden. Wie oft, das ist jetzt schwer zu sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren Sie nicht auch manchmal damit beschäftigt, wenn Transportmeldung kam, den diensttuenden Arzt vom Bereitschaftsdienst beizutelefonieren oder beizuholen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Jawohl, wenn ich Dienst hatte. Und Dienst hatte ich alle vier Wochen Sonnabend und Sonntag.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und war es dann in der Regel so, daß der eingeteilte Arzt auch erschien?

 

Zeuge Martin Wilks:

Es war so.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann hätte ich gern von Ihnen gewußt: Haben Sie Urlaubsscheine und Kommandierungsscheine ausgeschrieben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe sie nicht ausgeschrieben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wenn zum Beispiel ein Angehöriger der Dienststelle nach Berlin, Oranienburg, Dessau geschickt wurde, um dort Materialien zu holen, wer hat dann diese Scheine ausgeschrieben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Jedenfalls von unserer Dienststelle sind sie geschrieben worden. Die Unterschrift hat Doktor Wirths getan beziehungsweise sein Vertreter.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie davon, daß in regelmäßigen Abständen Angehörige der Dienststelle zum Abholen von Gas, sei es nach Dessau, sei es nach Oranienburg, geschickt wurden?

 

Zeuge Martin Wilks:

Daß Angehörige des SS Standortarztes sehr oft Dienstreisen gemacht haben, das ist mir bekannt. Ich habe als Rechnungsführer die Reisekostenrechnung machen müssen. Es war aber nie in der Begründung, was getan wurde. Es hieß nur: »Dienstreise« dorthin und so weiter. Aber die Begründung war nicht da. Deshalb kann ich jetzt hier nicht sagen, daß die hingefahren sind und Gas geholt haben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren darunter öfter oder in gewissen Abständen Dienstreisen nach Dessau?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich jetzt nicht mehr sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Erinnern Sie sich an eine Bezeichnung »Zur Abholung von Material für die Judenumsiedlung«?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich glaube, daß in den Reisekostenrechnungen, die ich getätigt habe, diese Bezeichnung gar nicht gewesen ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann noch eine Frage, Herr Zeuge: Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten diese Zulagen als Rechnungsführer für die Leute, die den Bereitschaftsdienst machten oder Rampendienst, nicht auszuschreiben gehabt oder anzuweisen gehabt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie, ob sowohl Ärzte als auch Desinfektoren, die Rampendienst hatten, diese Zulagen bekommen haben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ob ich weiß, daß sie bekommen haben, wie?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie erwähnten vorhin, die Desinfektoren haben die Zulagen bekommen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Die haben bekommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich glaube, daß ich mich recht erinnere.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das ist klar.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Haben auch die Ärzte

[

Vorsitzender Richter:

Hat er auch gesagt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Auch?

 

Zeuge Martin Wilks:

Habe ich gesagt: beide.

 

Vorsitzender Richter:

Er sagte, Doktor Wirths wäre selbst bei ihm gewesen und hätte sich solche Zulagen holen lassen.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe sie mal holen müssen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr, dann habe ich keine weitere Frage.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von seiten der Verteidigung? Doktor Göllner.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, ich komme noch mal zurück auf den ersten Standortarzt. Der von mir verteidigte Angeklagte Klehr sagt, der Vorgänger von Doktor Wirths sei Doktor Dienstbach gewesen. Ist Ihnen jetzt der Name erinnerlich?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, ich kann es nicht sagen. Ich möchte mich hier nicht festlegen. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß es nicht mehr.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, hat Klehr damals in den Jahren, in denen Sie mit ihm in Auschwitz waren, eine Brille getragen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich gar nicht. Wenn ich hier die Frage mir erlauben könnte: Ich möchte gerne wissen, wo Herr Klehr überhaupt tätig war. Ich weiß jetzt gar nicht, wo Herr Klehr überhaupt Dienst getan hat.

 

Verteidiger Göllner:

Wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?

 

Zeuge Martin Wilks:

Jetzt in Auschwitz weiß ich gar nicht, wo Herr Klehr eingesetzt war. Ich weiß nur, daß der Klehr der Dienststelle Standortarzt angehörte. Das weiß ich.

 

Verteidiger Göllner:

Sie sagten vorhin, er war Sanitätsdienstgrad, aber seine Tätigkeit als solche war Ihnen nicht im einzelnen bekannt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Ist das richtig?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ist richtig.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, ist Ihnen bekannt, daß Sanitätsdienstgrade zu einer Sonderausbildung mit Zyklon B nach Oranienburg abgeordnet waren?

 

Zeuge Martin Wilks:

Wo sie zur Ausbildung kamen, das weiß ich nicht. Daß sie aber zur Ausbildung kamen, das ist wahr, das stimmt.

 

Verteidiger Göllner:

Darf ich Ihnen für Ihre Erinnerung Namen nennen, außer dem von Ihnen schon genannten Koch. Schmunitzer und Wosnitzka, waren die Ihnen bekannt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Schmunitzer ist mir nicht in Erinnerung. Der Name

[

Verteidiger Göllner:

Als Desinfektoren?

 

Zeuge Martin Wilks:

Der Name Wosnitzka?

 

Verteidiger Göllner:

Ja, Wosnitzka.

 

Zeuge Martin Wilks:

Wosnitzka. Der Name ist mir bekannt.

 

Verteidiger Göllner:

War der in dem Desinfektorenkommando, das Sie bei den nächtlichen Bereitschaftsdiensten instruieren mußten?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Göllner:

Also Sie erinnern sich nur an den Koch?

 

Zeuge Martin Wilks:

Koch deshalb, weil Herr Koch in unserem Zimmer war und sehr gerne prahlte, deshalb.

 

Verteidiger Göllner:

Wissen Sie, wie lange diese Desinfektorenlehrgänge dauerten, zu denen die

[

Zeuge Martin Wilks:

Ich kann es nicht genau sagen, aber

[

Verteidiger Göllner:

Etwa?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich glaube, so etwa sechs Wochen. Also ich kann es nicht genau sagen. Sechs, acht Wochen vielleicht, also ich weiß es nicht genau. Ich nehme an, so sechs bis acht Wochen.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, wer war mit Ihnen bei dem Standortarzt Wirths als Schreiber tätig?

 

Zeuge Martin Wilks:

Herr Richter.

 

Verteidiger Göllner:

Zunächst, ja?

 

Zeuge Martin Wilks:

Friedrich Richter.

 

Verteidiger Göllner:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Eduard Jambor.

 

Verteidiger Göllner:

Jambor, ja. Das ist der Lehrer.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das ist der Lehrer, der ist

[

Verteidiger Göllner:

Aus Sudetenland. Der ist gestorben.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ist gestorben. Das war einer der wenigen, die sich so eingesetzt haben.

 

Verteidiger Göllner:

Und wann kam Herr Langbein da hin?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das Jahr weiß ich nicht mehr genau. Herr Langbein und Herr Lill kamen als Häftlinge

[

Verteidiger Göllner:

Hill oder Lill?

 

Zeuge Martin Wilks:

Lill.

 

Verteidiger Göllner:

Lill hieß der?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja. Es waren zwei bis drei.

[

Vorsitzender Richter:

Sie werden ihn morgen sehen, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Göllner:

Vielen Dank, ja, dann ist es eine Instruktion. Verzeihung, ich habe es so notiert, das ist ein Instruktionsversehen. Wer hat denn die Totenmeldungen von dem Revier aus getätigt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Die Totenmeldungen? Soweit ich weiß, sind Statistiken geführt worden, ob Wochen- oder Monatsstatistiken, weiß ich nicht. Geschrieben hat sie Herr Richter beziehungsweise der damalige Häftling Herr Langbein oder Herr Lill. Ich weiß es nicht, wie weit der Standortarzt die Häftlinge damit betraut hatte.

 

Verteidiger Göllner:

Und Biedermann? -- Biedermann, war der auch dabei?

 

Zeuge Martin Wilks:

Biedermann?

 

Verteidiger Göllner:

Biedermann und Jambor steht hier noch auf meinem Notizzettel.

 

Zeuge Martin Wilks:

Biedermann weiß ich nicht. Jambor ja. Jambor war bei uns in der Schreibstube.

 

Verteidiger Göllner:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr, Herr Rechtsanwalt Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, Sie haben vorhin gesagt, der Adjutant sei der Stellvertreter des Kommandanten gewesen. Worauf beruht diese Ihre Annahme?

 

Zeuge Martin Wilks:

-- Ich glaube, daß der Adjutant gleichzeitig Stellvertreter des Kommandanten ist.

 

Verteidiger Eggert:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Angeklagten keine Frage? Klehr.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ich muß noch mal auf die Frage zurückkommen vom Herrn Vorsitzenden. Sie sagten, Sie wären 42 erst ins SS Revier gekommen. Ich bin 41 im Oktober nach Auschwitz gekommen, da waren Sie bereits auf der Dienststelle des SS Reviers. Zuerst als Schreiber und später, wo der Brutel wegkam, da wurden Sie Rechnungsführer. Stimmt das?

 

Zeuge Martin Wilks:

41?

 

Angeklagter Klehr:

Ich bin im Oktober 41 gekommen, da waren Sie schon auf der Dienststelle.

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, ich bin Oktober 41 eingezogen. Also das kann nicht stimmen.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, ich bin Oktober 41 gekommen. Ob es Ende war oder wann, das weiß ich nicht, jedenfalls waren Sie schon auf der Dienststelle.

[

Zeuge Martin Wilks:

Nein, Herr Klehr, das kann nicht stimmen. Oktober 41 war ich bei der 6. Kompanie zur Ausbildung, erst mal Truppenausbildung und die Grundausbildung. Und dann war ich in der Schreibstube bei der 6. Kompanie als Rechnungsführer. Also es geht nicht

[

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ich will hier ja nichts bestreiten, aber wir haben doch gerade rüber gelegen. Sie lagen auf Krematorium mit dem Fenster raus, und ich lag in Unterkunft auf das Lager raus. Da lagen Theuer, Sicklinger und ich auf der Stube. Und Sie lagen auf der anderen Seite. Da war der Brauner, der Jambor

[

Zeuge Martin Wilks:

Brauner war bei uns, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Der Richter.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Der Richter, der Biedermann. Sie lagen auf der anderen Stube, gerade rüber.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Und ich will ja hier nichts behaupten, ich weiß nur: Wann ich nach Auschwitz gekommen bin, waren Sie schon da. Zuerst waren Sie Schreiber, und nachdem der Brutel wegkam, da sind Sie Rechnungsführer geworden.

 

Zeuge Martin Wilks:

Na, dann irren Sie sich. Sie verwechseln jemand. Ich kam sofort als Rechnungsführer.

 

Angeklagter Klehr:

Nein, das ist nicht wahr. Das stimmt nicht.

 

Zeuge Martin Wilks:

Dann wissen Sie es besser.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, das muß ich wissen. Herr Zeuge, kennen Sie den Ultzhöffer und Sicklinger?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich kann jetzt nicht mehr sagen.

 

Angeklagter Klehr:

Ultzhöffer hat auch in Ihrer Stube gelegen, der war Unterscharführer.

 

Zeuge Martin Wilks:

War es ein Sudetendeutscher?

 

Angeklagter Klehr:

Nein, Sudetendeutscher war er nicht.

 

Zeuge Martin Wilks:

Na, dann weiß ich es nicht.

 

Angeklagter Klehr:

War so ein Kleiner. So einen schwarzen Bart hat er gehabt, Kleiner, Untersetzter.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ist Ihnen bekannt, daß ich im Jahre 1941 vom Standortarzt Doktor Dienstbach mit Arrest und Weihnachtsentzug bestraft worden bin?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, mir ist das nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das? Weihnachten?

 

Angeklagter Klehr:

41.

 

Vorsitzender Richter:

Weihnachten 41?

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Zeuge sagt ja, daß er da noch gar nicht in dem SS Revier gewesen ist.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ich nehme an, daß ich also frühestens im Januar 42 zur Dienststelle SS Revier kam.

 

Angeklagter Klehr:

Sie können sich nicht erinnern auf die Weihnachtsfeier 1941 mit dem Standortarzt Doktor Dienstbach?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das weiß ich nicht, nein.

 

Angeklagter Klehr:

Na, das weiß ich auch nicht. Und dann: Ist es richtig, daß auf der Dienststelle des SS Reviers ein Telefondienst eingerichtet wurde für den Transportdienst?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ein Telefondienst für den Transportdienst?

 

Angeklagter Klehr:

Ja.

 

Zeuge Martin Wilks:

Extra für den Transportdienst kann ich nicht sagen, glaube nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Für den Rampendienst, wollen wir sagen, so.

 

Zeuge Martin Wilks:

Für den Rampendienst? Extra? Nein, das wüßte ich gar nicht, daß da ein Extradienst eingerichtet war.

 

Angeklagter Klehr:

Auf dem SS Revier war doch ein Telefondienst eingerichtet, wenn zum Beispiel

[

Zeuge Martin Wilks:

Mußte auch sein, das war ja nicht

[

Angeklagter Klehr:

Sechs Uhr Schluß war, dann war ein Telefondienst, der machte bis früh morgens Dienst.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ganz recht.

 

Angeklagter Klehr:

Wenn Transport kam

[

Zeuge Martin Wilks:

Ganz recht.

 

Angeklagter Klehr:

Dann mußte er den diensthabenden Arzt, wie Sie schon erklärt haben, und die diensttuenden SDGs, die Fahrbereitschaft und den Sanka anfordern.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Und dann war doch ein Dienstplan für die Desinfektoren.

 

Zeuge Martin Wilks:

War doch da.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, wo war der?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das kann ich jetzt nicht mehr sagen, wo der (...)

[

Angeklagter Klehr:

Dann war auf Ihrer Stube, wo Sie gesessen haben, da war der Telefondienst für den Rampendienst. (...)

[

Vorsitzender Richter:

Er sagt doch, auf seiner Stube hätte er gar kein Telefon gehabt.

 

Zeuge Martin Wilks:

In meiner Stube habe ich kein Telefon gehabt.

 

Angeklagter Klehr:

Nein.

 

Zeuge Martin Wilks:

Herr Klehr, wenn Sie sich entsinnen können: Wenn Sie reinkamen, die große Schreibstube, da saßen Herr Brauner, Herr Richter und Herr Jambor.

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl.

 

Zeuge Martin Wilks:

Und ich saß neben dieser Stube, das war so ein kleines Zimmer, das war abgeteilt. Es war ein größeres Zimmer, das ist nur abgeteilt worden. Hinter meinem Zimmer war der Schrank drin für;

 

Vorsitzender Richter:

Papiere.

 

Zeuge Martin Wilks:

Für Alkohol und so weiter. Wir kriegten in der Zeit, da Fleckfieber war, Alkohol. War in dem Schrank noch drin.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, Herr Zeuge, das ist ja richtig. Ich meine ja jetzt, wenn Sie Bereitschaftsdienst hatten, da waren Sie doch in dem Zimmer, wo das Telefon da war.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das ist richtig.

 

Angeklagter Klehr:

Richtig.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das ist richtig, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Und dann haben Sie doch die diensttuenden SDGs benachrichtigt.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Und wo haben Sie die benachrichtigt?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich habe es ja gesagt, aber wo genau? Je nachdem, wo er sich aufgehalten hat.

 

Angeklagter Klehr:

Wenn ich Sie daran erinnere, in der Desinfektionskammer war die Dienststelle von dem Desinfektor. Können Sie sich jetzt daran erinnern, daß Sie die;

 

Zeuge Martin Wilks:

In der Desinfektionskammer war

[

Angeklagter Klehr:

Ja, da war die Dienststelle von dem Desinfektor.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Die machten dort den Dienst.

[

Zeuge Martin Wilks:

Von dem diensthabenden?

 

Angeklagter Klehr:

Nein, die machten alle drei Mann dort Dienst, und der Theuer machte im Stammlager Dienst.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann sein. Also genau bis ins Einzelne weiß ich das nicht mehr.

 

Angeklagter Klehr:

Und von dem Koch, Wosnitzka und

[

Zeuge Martin Wilks:

Wosnitzka ist mir noch bekannt, wenn Sie den Namen nennen.

[

Angeklagter Klehr:

Wosnitzka und Schmunitzer, die wurden doch dazumal; Oder ist Ihnen bekannt, wer die ersten Desinfektoren gewesen waren?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, das kann ich nicht sagen.

 

Angeklagter Klehr:

Theuer und Franke, wenn ich den Namen Franke Ihnen erinnere. (...)

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich sehe, Herr Klehr, Sie wissen es besser als ich.

 

Angeklagter Klehr:

Bitte?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich sehe, daß Sie es besser wissen. Ich weiß es nicht mehr.

 

Angeklagter Klehr:

Sie sitzen ja schließlich auf einem andern Stuhl. Ich muß etwas mehr wissen, wie Sie wissen. Sie waren doch auf der Dienststelle, dann müssen Ihnen doch die Namen halbwegs auch einfallen, wenn Sie Rechnungsführer gewesen waren, genauso wie sie mir eingefallen sind.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja. Ich kann nur das sagen, was mir in Erinnerung ist.

 

Angeklagter Klehr:

Und da wollte ich Sie noch mal fragen: Sie sagten vorhin, Sie wüßten nicht, ob ich benachrichtigt worden bin. Bin ich zum Transport benachrichtigt worden?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht sagen. Das wäre auch zuviel, wenn ich jetzt sagen würde, Sie sind vor 20 Jahren benachrichtigt worden oder dann und dann. Das kann ich nicht sagen.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, Sie haben ja den Dienstplan da gehabt, dann wußten Sie ja von den vier Desinfektoren, wer der Dienst war von dem Rampendienst. Es waren ja nur vier Mann. Das war Theuer, Koch, Wosnitzka und Schmunitzer.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja, das kann sein, daß es vier Mann waren.

 

Angeklagter Klehr:

Das waren die vier Mann. Die haben sich je zu zwei Mann 24 Stunden abgelöst, selbständig.

 

Zeuge Martin Wilks:

Zu zwei Mann, so, das war es. Ich dachte, zu einem Mann. Ich weiß es nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Danke, ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Wenn keine Fragen mehr sind = doch. Hofmann.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, ich hätte da eine Frage an den Herrn Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Zeuge, hatten Sie als Rechnungsführer beim Standortarzt etwas zu tun mit Überweisung von kranken SS Männern von Auschwitz nach auswärtigen Krankenhäusern?

 

Zeuge Martin Wilks:

Ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Können Sie sich vielleicht, ist es möglich, entsinnen, daß im Sommer 1943 von Auschwitz ein SS Angehöriger vom Zigeunerlager aus nach Sankt Nikolai überwiesen worden ist?

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht sagen.

 

Angeklagter Hofmann:

Wegen einer Kopfverletzung.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann ich nicht sagen. Wenn Sie 1943 nennen, ich glaube, das war diese Zeit, da war Auschwitz doch vom Fleckfieber befallen?

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, das war nicht zu dieser Zeit.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich weiß es nicht, ob es diese Zeit war. Da haben wir sehr viele Einweisungen gehabt. Wir haben sogar Tote gehabt.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, nein.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich nehme an, so über zehn oder 20 Tote gehabt.

[

Angeklagter Hofmann:

Ich glaube, das Fleckfieber, das dürfte so 42 gewesen sein, Herr Zeuge.

 

Zeuge Martin Wilks:

Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls hatten wir sehr viele Einweisungen gehabt von der Truppe.

 

Angeklagter Hofmann:

Also von einer Überweisung von Auschwitz nach Sankt Nikolai mit einer Kopfverletzung ist Ihnen nichts bekannt, nichts in Erinnerung?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, ist mir nicht bekannt. Weiß ich nicht.

 

Angeklagter Hofmann:

Schön, ich danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Werden bezüglich der Beeidigung = Klehr noch, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Vorsitzender, ich habe noch eine Frage. Herr Zeuge, ist Ihnen bekannt, daß zwei Angehörige der SS vom SS Revier bestraft worden sind, weil Sie sich an Sachen bereichert haben?

 

Zeuge Martin Wilks:

Daß einige Angehörige vom SS Revier bestraft worden sind, das weiß ich. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer das war.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, das waren die zwei Desinfektoren. Das waren Schmunitzer und Wosnitzka.

 

Zeuge Martin Wilks:

Das kann sein. Also bestraft worden sind einige, das weiß ich.

 

Angeklagter Klehr:

Erinnern Sie sich, wer die Meldung gemacht hat von den beiden?

 

Zeuge Martin Wilks:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Werden bezüglich der Beeidigung Anträge gestellt? Keine Anträge? Nun, das Gericht wird dann nachher

[

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich (...) grundsätzlich dagegen, und ich möchte das begründen mit 60 Ziffer 3.3 Der Herr Zeuge war in der Gesamtorganisation tätig. Er hat, wie er selbst aussagt, die Benachrichtigungen durchgegeben für die Ingangbringung der Aussonderung der Opfer zu den Gasmorden, die Benachrichtigungen für die Mörder selbst, und ich glaube, daß dadurch 60 Ziffer 3 erfüllt ist. Ich bitte, insoweit von der Beeidigung Abstand zu nehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das Gericht wird darüber entscheiden. 4

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 07.06.1961 in Unterlüß, Krs. Celle, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 51, Bl. 9.139.

2. Richterliche Vernehmung vom 21.08.1962 in Celle, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.315.

3. StPO § 60: »Von der Vereidigung ist abzusehen (...) 3. bei Personen, die der Tat, welche den Gegenstand der Untersuchung bildet, oder der Beteiligung an ihr oder der Begünstigung oder Hehlerei verdächtig oder deswegen bereits verurteilt sind.«.

4. Anmerkung: Der Zeuge Wilks blieb unbeeidigt. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 17.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 704.

 

 
 
 
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