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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

129. Verhandlungstag, 21.1.1965

 

Vernehmung des Zeugen Anton Wilhelmy

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, darf ich vor der Vernehmung des Zeugen Wilhelmy auf folgendes aufmerksam machen:

Der Zeuge Wilhelmy war Schreiber, hatte so eine Art Spießstellung beim Standortarzt. Wir in Frankfurt haben gegen ihn kein Verfahren eingeleitet. Aufgrund eines Artikels, der im »Spiegel«1 erschienen ist, ist jedoch von der Staatsanwaltschaft in Hamburg ein Ermittlungsverfahren gegen den Zeugen Wilhelmy eingeleitet worden wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz. Ich möchte darauf aufmerksam machen, da es möglicherweise für die Frage der Aussageverweigerung von Bedeutung ist.

 

Vorsitzender Richter:

Paragraph 55. Herr Zeuge, nach dem, was der Herr Staatsanwalt eben gesagt hat, muß ich Sie darauf hinweisen, daß Sie berechtigt sind, die Aussage auf einzelne Fragen, eventuell überhaupt gänzlich zu verweigern, wenn Sie befürchten müssen, daß durch eine wahrheitsgemäße Aussage Sie sich der Gefahr einer strafgerichtlichen Verfolgung aussetzen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie Aussage machen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Wilhelmy, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Anton Wilhelm.

 

Vorsitzender Richter:

Anton Wilhelm Wilhelmy, mit Ypsilon hinten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind wie alt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

52.

 

Vorsitzender Richter:

52 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Gartenbauinspektor.

 

Vorsitzender Richter:

Gartenbauinspektor. Wohnhaft in?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

In Dersdorf. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Dersdorf bei?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das ist Kreis Harburg.

 

Vorsitzender Richter:

Kreis Harburg.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind mit den Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Wilhelmy, Sie sollen in Auschwitz gewesen sein, und zwar als Schreiber.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns bitte einmal sagen, wieso Sie überhaupt nach Auschwitz gekommen sind?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ich war vorher, also 39, Anfang 40, bei der Totenkopf-Division.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sind Sie dahin gekommen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich wurde zur Totenkopf-Division eingezogen, weil ich vorher in der Allgemeinen SS war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie hatten sich nicht dorthin gemeldet?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Und da zog ich mir auf dem Truppenübungsplatz Münsingen eine chronische Hüftgelenksentzündung zu. Und da die nicht behandelt wurde und ich beziehungsweise damals der Arzt nicht wußte, was das Truppenübungslagerlazarett in Münsingen feststellte, daß ich die pathesische Krankheit hatte, und da wurde ich nicht behandelt und mußte als Innendienstler zum Beispiel Munitionskisten in den vierten Stock tragen. Und der zweite Bataillonsarzt, der schickte mich dann in Abwesenheit des Truppenarztes nach Tübingen zur Universitätsklinik. Und der dortige Arzt, der stellte fest, daß es eine chronische Hüftgelenksentzündung wäre und ich unbedingt in Behandlung müßte. Und er sagte unter anderem auch noch, daß die Ärzte und die Truppenführer vor das Kriegsgericht müßten, weil sie so was vernachlässigen würden.

Er sagte mir, er gibt mir nichts mit, er gibt das an die Truppe schriftlich, durch einen Brief. Und als das ankam, wurde ich schleunigst nach Oranienburg verfrachtet zur E-Einheit. Und dort wurde ich auch nicht behandelt, weil es hieß, die Papiere müssen erst nachkommen. Und da traf mich da ein Arzt mal, als ich da rumknappte, und [fragte mich], was mir fehlen würde und so weiter. Dann sage ich, so und so, und war froh, daß mich mal einer anhörte. Sage ich, ich werde überall als Drückeberger rumgeschoben und bezeichnet. Und dann sagt er:

»Komm dann morgen mal früh zu mir.« Und da stellte er fast dasselbe fest – er war Gelenkchirurg, hatte eine eigene Privatklinik in Freiburg – und sagte mir dann:

»Ihnen kann nur die Charité helfen.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wie sind Sie dann langsam nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, und da war ich erst in der Charité gewesen und war den ganzen Tag da, und da hieß es:

»Es tut uns furchtbar leid, wir haben keinen Platz.« Da sagte mir der Arzt, er kann mir auch nicht helfen. Und da bat ich um irgendeine Beschäftigung, und da landete ich als Sanitäter – nein, als Schreiber im Häftlingskrankenbau vom KL Sachsenhausen. Und dann wurde ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, das war nach drei, vier, fünf oder sechs Wochen, acht Wochen nach dem Frankreich-Feldzug.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also ein genaues Datum kann ich nicht angeben.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also im Juli 40 etwa?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Es kann auch etwas früher gewesen sein. Also es muß so... Ich weiß es auch nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Na, so ungefähr Juni/Juli 40.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, es wird etwas früher gewesen sein. Es war so um den Frankreich-Feldzug rum, ich meine, nachher. Und damals hieß es dann, es sollte ein Lager im Osten aufgemacht werden, und dafür würden Leute gesucht. Ich wollte nicht hin. Und da wurde auch der damalige Lagerarzt dort gefragt, wen er freistellen würde dafür. Da hat er mich nicht genannt, und da wurden grade die, die nicht freigestellt wurden, dorthin versetzt. Also ich kam dann nach Auschwitz und...

 

Vorsitzender Richter:

Wann kamen Sie denn nach Auschwitz? Das würde uns wiederum interessieren.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das Datum weiß ich auch nicht mehr. Ich war vielleicht sechs, acht Wochen, auch ein Vierteljahr, in Sachsenhausen. Das waren, soviel ich weiß, nur die ersten Häftlinge da, die damals von Sachsenhausen überstellt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, war es noch vor dem Winter, oder war es im Herbst?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das war noch im Sommer.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer sogar. Im Sommer 1940?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da kamen Sie hin als was?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Als Schreiber beim Standortarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Schreiber beim Standortarzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war damals Standortarzt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Doktor Popiersch.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Popiersch.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange war der dort dann Standortarzt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der wurde später versetzt nach Lublin, und das muß gewesen sein Ende 41.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer kam dann da hin?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Dann war der unmittelbare Nachfolger, soviel ich weiß, ein Doktor Dienstbach.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Dienstbach. Und wie lange blieb der dort?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

42 hatte ich im Frühjahr einen längeren Urlaub zur Ablegung meines zweiten Examens und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War da der Doktor Dienstbach noch da?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und als ich zurückkam, war er nicht mehr da.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und wann sind Sie etwa zurückgekommen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das muß Ende März gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

42?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

42, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer kam dann?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das weiß ich jetzt... Das war damals so, daß mehrere, eine Menge Ärzte da waren, die mehr oder weniger an Fleckfieber erkrankten und dann nicht mehr wiederkamen, starben und spät wiederkamen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, Sie waren doch Schreiber bei diesem Standortarzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da müßten Sie sich doch eigentlich erinnern können, mit wem Sie da zusammengearbeitet haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Erst traten wieder normale Verhältnisse ein, als Doktor Wirths kam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das war?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war also im dritten Viertel 42.

 

Vorsitzender Richter:

Im Herbst 42.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da wäre dann von uns jetzt zu überbrücken die Zeit zwischen März 42, als der Doktor Dienstbach weggekommen war. Wen fanden Sie denn vor, wie Sie zurückkamen aus Ihrer Prüfung oder was Sie da gemacht haben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Tja. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

War der Doktor Uhlenbroock mal Standortarzt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war er auch mal kurz. Die wechselten sich alle so ab, weil dauernd welche krank waren, unterwegs waren. Und ich wurde dann, kurz nachdem ich zurückgekommen war, auch noch mal krank und hatte dann noch einen längeren Genesungsurlaub. Und da wurde es auch etwa

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja. An den Doktor Dienstbach können Sie sich jedenfalls noch entsinnen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar war der da von Ende 41 bis Ende März 42.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, er war aber schon länger weg, als ich zurückkam.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, da war er schon länger weg. Und wann sind Sie denn weggegangen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Wie bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie denn weggegangen von Auschwitz?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Von Auschwitz erst 45.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, jetzt meine ich aber zu Ihrer Vorbereitung im Jahre 1942.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ach so. Für das Examen, meinen Sie?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das muß im Februar gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Im Februar war der Doktor Dienstbach noch da.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Noch da, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also im Februar. Nun, sagen Sie mal, der Standortarzt hatte doch andere Befugnisse als der Lagerarzt beziehungsweise der – na, wie hat man den denn genannt, den diensttuenden Lagerarzt? Der Chefarzt vom Lager, wer war denn das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, es waren damals nicht viele Ärzte da. Die machten mal dies, machten mal das. Die reichten nie aus. Auf dem Papier war vielleicht, na, fast das Doppelte mindestens da. Aber in Wirklichkeit waren doch keine da, weil sie wegen Fleckfieber krank waren oder

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was war denn die Aufgabe von dem Standortarzt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Vom Truppenarzt, vom Lagerarzt alles zu sammeln und weiterzugeben. Dann die einzelnen Meldungen zu machen, der Verkehr mit oben, mit der Kommandantur auch, dann auch mit der Inspektion in Oranienburg2.

 

Vorsitzender Richter:

Konnte denn der Kommandanturarzt nicht direkt mit Oranienburg verkehren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der konnte direkt mit Oranienburg verkehren.

 

Vorsitzender Richter:

Also brauchte doch der Standortarzt nicht da eingeschaltet zu werden.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das brauchte er nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Was tat denn der dann, der Standortarzt? Was hatte der denn für eine Aufgabe?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, also wie soll ich das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War denn der Standortarzt dasselbe wie der Kommandanturarzt, nur mit dem Unterschied, daß er darüber hinaus auch noch die Truppenverbände zu betreuen hatte, die außerhalb des Lagers irgendwo untergebracht waren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also zu meiner Zeit waren damals noch wenig Truppenverbände außerhalb untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Dann war wohl der Standortarzt dasselbe wie der Kommandanturarzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Kommandanturarzt, der Ausdruck ist an sich damals nicht geläufig gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht geläufig gewesen. Schön. Nun also, der Doktor Dienstbach war Standortarzt. Und was war denn das für ein Herr, war der sehr streng?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das kann ich eigentlich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, daß er Strafen verhängt hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bei den SS-Angehörigen, meinen Sie?

 

Vorsitzender Richter:

Ja überhaupt

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ja, Strafen...

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß ja nicht, was er für

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ich fand also, daß Herr Doktor Dienstbach verhältnismäßig menschlich war und milde war.

 

Vorsitzender Richter:

Milde war.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Auch den SS-Angehörigen gegenüber?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer war denn damals Spieß, als Sie dort bei dem Standortarzt waren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war ich gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, Sie sagten vorhin

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ja, das entwickelte sich so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Etwas bescheiden, Sie wären nur Schreiber gewesen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja nun, als noch nichts da war, da war ich der einzige da, und noch zwei Sanitäter, glaube ich, waren noch da.

 

Vorsitzender Richter:

Was für einen Dienstrang hatten Sie denn?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Als ich hinkam, war ich SS-Mann und wurde dann überraschenderweise, ohne daß ich was dazu konnte, innerhalb kürzester Zeit zum Oberscharführer befördert. Und zwar war das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Oberscharführer.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Und zwar kam das so zustande:

Der Arzt, der mich damals in Oranienburg in die Charité einweisen wollte, der hatte sich da mit mir etwas angefreundet und wollte mir helfen. Und er schickte mir auch für mein Hüftgelenk, sagte er:

»Ich schicke baldmöglichst ein Kurzwellengerät, damit Sie es selbst behandeln können.« Denn ich konnte ja noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das hat ja vermutlich nichts mit Ihrer Beförderung zum Oberscharführer zu tun, nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, jedenfalls erregte das einiges Aufsehen bei der Kommandantur, weil das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das kann man wohl auch sagen, denn zwischen dem Oberscharführer und dem SS-Mann lagen nach meiner Kenntnis ja noch einzelne Chargen dazwischen, nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ich wurde

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da wurden Sie Rottenführer, glaube ich, und dann wurden Sie

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Nein, ich wurde gleich Unterscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber an und für sich, notwendigerweise, geht doch die Stufenlaufbahn über den Rottenführer, und dann kommt, glaube ich, der Unterscharführer oder noch was dazwischen. Ich weiß es nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Unterscharführer, Oberscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber kurz und gut, bei Ihnen wurde dann trotzdem dieser Sprung gemacht.

Ja, meine Herren, wenn nicht zu erwarten steht, daß die übrigen Zeugen noch kommen, brauchen wir auch die Frau Dolmetscherin nicht länger hier zu behalten. Sie haben also keine Hoffnung? Ja, Frau Kapkajew, ich danke dann schön. Wir wollen Ihre Zeit dann nicht in Anspruch nehmen.

Nun, Sie wurden also Oberscharführer und waren als solcher auch Spieß dieses Bereichs. Wer war denn an SS-Sanitätsdienstgraden damals mit Ihnen zusammen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Da waren [Pause] Theuer, Scherpe, da kam später Klehr dazu. Klehr, und [Pause] dann waren auf der Schreibstube noch einige Schreiber. Die Namen, die habe ich tatsächlich vergessen, die kann ich im Augenblick nicht mehr sagen. Ich müßte höchstens dann Namen hören.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie auch einen Ultzhöffer?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sicklinger?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Sicklinger, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Diese waren also da. Wissen Sie noch, wann die gekommen sind und von wann ab sie da waren? Sie sagten zum Beispiel:

»Und später kam dann Klehr noch dazu.« Was heißt später?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das Jahr und das Datum weiß ich nicht mehr. Das kann ich beim besten Willen Ihnen nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie Sie uns vorhin gesagt haben, waren Sie ab Sommer 40 dort, ja, in Auschwitz.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Doktor Dienstbach ist Ende 41 dort aufgekreuzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie, wann der Klehr dort hingekommen ist, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das kann ich beim besten Willen nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

War er schon vor Dienstbach da?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Also hundertprozentig kann ich es Ihnen nicht sagen. Ich glaube es aber.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, er wäre schon vor Dienstbach dagewesen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, beeiden kann ich das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte denn der Klehr für eine Aufgabe?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Klehr war meistens oder fast ausschließlich im Lager gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte er dort für eine Aufgabe?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Den Sanitätsdienst dort mit dem Lagerarzt zu überwachen.

 

Vorsitzender Richter:

Den Sanitätsdienst dort mit dem Lagerarzt zu überwachen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Unter Aufsicht des Lagerarztes.

 

Vorsitzender Richter:

Auch Menschen umzubringen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das war keine Aufgabe.

 

Vorsitzender Richter:

Das war keine Aufgabe.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, ich meine, Ihrer Meinung nach, wollen wir sagen. Denn es gab andere Leute, die das anscheinend als Aufgabe bezeichnet haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Beispiel der Herr Klehr. [Pause] Nun weiter. Können Sie sich entsinnen, daß der Doktor Dienstbach einmal den Klehr und den Theuer bestraft hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So. Na dann erzählen Sie uns mal genau, wann, wie und wo und was das gewesen ist.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Erlauben Sie bitte, daß ich einen Augenblick nachdenke.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Also soviel ich mich entsinne, lag damals folgendes vor:

Es war eine Weihnachtsfeier angesetzt und war zu diesem Zweck einiges beschafft worden an Getränken und so weiter. Und die Getränke standen an den Fenstern, damit sie kühl bleiben. Und als das losgehen sollte, hatten diese beiden schon einen Teil dieser Getränke getrunken und waren in einem mehr als angeheiterten Zustand. Jetzt weiß ich nicht mehr, wie das im einzelnen jetzt zusammenlief. [Pause]

Also ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich weiß nur, daß Doktor Dienstbach sie, weil sie betrunken waren, in ihr Zimmer eingesperrt hatte. Und die beiden sprangen nun aus dem Fenster aus dem ersten Stock raus und kamen um den Bau rum wieder hoch und waren plötzlich wieder da. Und daraufhin brach Doktor Dienstbach die kleine Feier ab. [Pause] Und da war die Sache dann nachher anschließend so, daß nur, ich glaube, ein Dentist, noch Prügel von denen bekam. Der schlief im selben Zimmer mit diesen und bekam noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie war das? Der Dentist bekam Prügel, von wem?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Von einem von diesen beiden. Von wem, weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einem von diesen beiden.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und daraufhin sagte damals Doktor Dienstbach:

»Was will man jetzt das groß an die große Glocke hängen, dann kommt ein Mordstrara raus, und das geht dann mit der Befehlsverweigerung und was alles so kommt, da kommt eine ganze Kette zusammen. Das kann eventuell kriegsgerichtsreif sein. Ich bestrafe die mit drei Tagen Arrest, und dann hat sich die Sache.« Und da hat er die damals mit drei Tagen Arrest bestraft.

 

Vorsitzender Richter:

Konnte er das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Meines Wissens ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mußte er da nicht den Kommandanten dazu fragen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, an sich war das Verhältnis nicht ganz klar. Aber meines Wissens konnte er das.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn Ihr Vorgesetzter?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn Ihr Vorgesetzter?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Meiner?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Doktor Dienstbach.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Dienstbach.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Damals, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie so was Ähnliches wie eine Sanitätseinheit dort, oder war der...

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Sanitätseinheit, ja, das war so eine kleine Sanitätseinheit. Also der Standortarzt hatte ungefähr, nicht ganz die Befugnisse eines Kompanieführers. Mit Einschränkungen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also kurz und gut, er bestrafte sie mit drei Tagen, die beiden Männer. Und nun wissen Sie ja, daß bei so einer Bestrafung – Sie waren ja eine Art Spieß dort – auch gewisse Vorschriften bestehen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das muß doch eingetragen werden irgendwo. Hatten Sie ein Strafbuch zu diesem Zweck?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Entsinnen kann ich mich nicht mehr, aber ich glaube, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie überhaupt jemals die Spießprüfung gemacht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben Sie nicht gemacht. Sie glauben also, daß das in ein Strafbuch geschrieben wurde. Und mußte dieses Strafbuch dann auch ab und zu mal zur Kontrolle vorgelegt werden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das weiß ich jetzt auch nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie auch nicht. Also die bekamen ihre drei Tage und vermutlich ohne jede weiteren Formalien. Und was geschah dann mit den beiden Männern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Weiter nichts sonst. Ich wüßte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, haben Sie denn wenigstens die drei Tage abgebüßt, oder war es mit dem Ausspruch erledigt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, soviel ich weiß, haben sie sie verbüßt.

 

Vorsitzender Richter:

Soviel Sie wissen, haben sie verbüßt. Wo denn, im

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Im Standort.

 

Vorsitzender Richter:

Arrestlokal?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Na, da mußten Sie ja doch irgendwelche Einweisungen hinschreiben, nicht, und mußten ja doch Verpflegungsmeldung absetzen und lauter solche Geschichten, das ist

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ja, das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Sache vom Spieß. Ist das damals erfolgt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also beschwören kann ich es jetzt nicht, beeiden kann ich es nicht, aber ich glaube, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben, ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wann die es verbüßt haben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war kurz hinterher, soviel ich weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Kurz hinterher. Und wann war denn diese Weihnachtsfeier, vor den Feiertagen oder nach den Feiertagen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Meines Wissens vorher.

 

Vorsitzender Richter:

Vorher.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, ja, daß es vorher war.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben die dann an den Feiertagen eingesessen oder nachher?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das weiß ich jetzt nicht mehr genau, wann das war.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das ist jetzt...

 

Vorsitzender Richter:

Aber da waren sie jedenfalls, oder sind sie auf Urlaub gefahren, die Männer, der Klehr und der Theuer?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das weiß ich jetzt auch nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also daß Ihnen der Weihnachtsurlaub entzogen worden ist, das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. [...] Wann war es gewesen, an welchem Weihnachtsfest?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das müßte vor 41 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Vor 41.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also Weihnachten 41.

 

Vorsitzender Richter:

Weihnachten 41.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Vor Weihnachten 41.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie, wissen Sie, ob Klehr 42 in Urlaub war an Weihnachten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Da war ich nicht mehr dagewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie denn weggekommen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also im Herbst 42.

 

Vorsitzender Richter:

Im Herbst 1942 sind Sie wohin gekommen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und zwar nach der landwirtschaftlichen Abteilung von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rajsko?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Rajsko.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nee, nach Budy draußen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Budy.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und kamen Sie da auch als Schreiber hin?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, da hatte ich die Baumschulen.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Die Obstbaumschule zuerst und nachher die gesamten Baumschulen von der landwirtschaftlichen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind Fachmann auf diesem Gebiet?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Da sind Sie im Herbst hingekommen, und da hatten Sie auch nichts mehr mit dem [...] Sanitätswesen zu tun.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] So. Bitte schön, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, zunächst einmal, wann sind Sie in die Allgemeine SS eingetreten gewesen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] 33.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was hatten Sie 39 für einen Dienstgrad gehabt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

SS-Mann.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

SS-Mann?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also Sie sind nicht etwa aufgrund Ihres Dienstgrades in der Allgemeinen SS schneller befördert worden.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Nein, nein, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann eine ganz andere Frage. Sie sagten also, Sie waren bis 42 beim Standortarzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie war das da mit Malaria-Erkrankungen? Hatten Sie viele Malaria-Erkrankungen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Malaria kam selten vor.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Kam selten vor.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Kam selten vor, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und war das eine tertiale oder war das eine schwere tropische Malaria, die da auftrat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das waren nur ganz seltene Einzelfälle, und da weiß ich nicht mehr, was das war.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatten Sie denn da Sumpfgebiet mit Malariamücken?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Malariamücken waren da, Anopheles war da.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Ihre SS-Wachmannschaften, mußten die vorbeugend Atebrin oder irgend etwas einnehmen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, soviel ich weiß.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das müßten Sie doch wissen an sich.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ich müßte es wissen, aber ich glaube nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wenn jemand sehr schwer an Malaria erkrankt war, kam der dann zurück zu Ihnen nach Auschwitz, oder wurde der dann woanders hingegeben? Das lief doch auch bei Ihnen durch.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

In meiner Zeit, glaube ich nicht – oder doch. Jedenfalls können das nur Einzelfälle gewesen sein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In großem Umfang wissen Sie nichts davon?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann etwas ganz anderes. Sie waren da in Budy.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie lange waren Sie in Budy tätig?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

In Budy bis zum Treck.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Bis zum Schluß.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, bis zum Treck.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie während dieser Zeit Klehr mal in Budy getroffen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Zu keinem Zeitpunkt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich wüßte nicht. Wir waren beide nicht besonders befreundet.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren zu Ihrer Zeit in Budy mal Schwierigkeiten mit Frauen? Daß die irgendwie gegen irgend jemand oder irgend etwas revoltiert haben, oder daß Unruhe aufkam, daß

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Nein, das war nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

War das nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

War das vor Ihrer Zeit?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Weiß ich auch nicht. Ich war nicht direkt auf dem Hof Budy, ich hatte da

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ah, Sie waren nicht auf dem Hof Budy.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, ich war etwas entlang an der Hauptstraße, an der Straße nach Przecieszyn im Einzelhaus.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Was hatten Sie für Leute als Beschäftigte? Frauen, oder hatten Sie Männer da?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Beides, Männer und Frauen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und die Frauen wohnten nicht da, wo Sie waren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Die wohnten teilweise auf dem Hof Budy beziehungsweise kamen von Birkenau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren Sie dort Lagerführer oder waren Sie nur Fachvorgesetzter?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nur Fachvorgesetzter.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie bekamen also von einem Lagerführer die Leute zugeführt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, die wurden dann beantragt, und da bekam ich Zuteilungen. Dann hatte ich für die Baumschule einen gewissen Stamm, die waren in Budy, im Nebenlager Budy.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das waren aber Männer?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Männer und Frauen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Männer und Frauen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wer war der Lagerführer im Nebenlager Budy?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also den Hof Budy, den hatte zuerst ein gewisser Glaue. Und nachher kam ein anderer, wie der jetzt noch hieß, am Schluß, weiß ich nicht mehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie wohnten aber außerhalb des Lagers?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Außerhalb, an der Straße nach Przecieszyn.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatten Sie noch SS-Dienstgrade bei sich?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Noch zwei, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, danke schön.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Grade zum letzten Thema noch folgende Frage, Herr Wilhelmy:

Kannten Sie den Doktor Kremer? Einen Doktor Kremer? SS-Arzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Jetzt weiß ich nicht, ob ich den Namen gehört habe oder ob ich ihn gekannt habe. Also wissentlich habe ich ihn nicht gekannt. Der Name ist mir aber irgendwie geläufig.

 

Richter Hotz:

Gut. Dann:

Wo war denn das Dienstzimmer des Spießes im SS-Revier?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war gleich neben dem Zimmer vom Standortarzt.

 

Richter Hotz:

Nach welcher Seite hin gelegen, nach der Kommandantur zu oder nach dem Haupteingang zu, also wenn man hochkam, linker Hand oder rechter Hand?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nach der Hofseite zu. Das Eckzimmer vom Standortarzt hatte ein Fenster Richtung Kommandantur und eins nach der Straße beziehungsweise Richtung Krematorium rüber.

 

Richter Hotz:

Ja. Und Ihr Zimmer?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nebendran.

 

Richter Hotz:

Und wenn man hochkam, mußten Sie da rechter Hand den Flur entlang gehen oder links runter?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Links.

 

Richter Hotz:

Links runter.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wenn man die Treppe hochkam.

 

Richter Hotz:

Ja. Im Jahre 41/42 war dort das Dienstzimmer des Spießes, wie Sie es beschrieben haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Richter Hotz:

Haben Sie ab und zu festgestellt, daß in diesem gegenüberliegenden Krematorium Menschen umgebracht worden sind?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, leider.

 

Richter Hotz:

Was haben Sie gesehen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Na, daß die Leute angebracht wurden und daß die [Pause] Blausäure geworfen wurde und so.

 

Richter Hotz:

Wer hat Blausäure geworfen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wer das war, weiß ich jetzt auch leider nicht mehr. Da kann ich Ihnen keinen Namen mehr nennen.

 

Richter Hotz:

Wie oft haben Sie so etwas gesehen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wie oft soll ich... Jedenfalls mehrmals.

 

Richter Hotz:

Mehrfach.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Richter Hotz:

Wie viele Menschen wurden da immer gebracht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Wie viele? – Mehrere 100.

 

Richter Hotz:

Mehrere 100 jeweils?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das dürften so

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Wie wurden die denn dorthin gebracht, mittels welcher Transportmittel? Oder kamen die gegangen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ob sie zu Fuß kamen oder mit Autos, das weiß ich auch [+ nicht]. Aber meist wohl mit Autos, mit Lastwagen.

 

Richter Hotz:

Und was haben Sie da gesehen? Schildern Sie mal einen solchen Vorgang.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Na, die mußten sich draußen auf dem Vorplatz ausziehen und wurden dann reingetrieben.

 

Richter Hotz:

Auf dem Vorplatz?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Richter Hotz:

Was verstehen Sie unter Vorplatz?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Am Eingang war ein Hof, von einer Mauer umgeben.

 

Richter Hotz:

Ja. Konnten Sie über diese Mauer hinwegsehen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Teilweise.

 

Richter Hotz:

Teilweise.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Richter Hotz:

Wen konnten Sie da sehen außer den Gefangenen? [Pause] Waren die dort nicht bewacht? Auch im Vorhof?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das dürfte wohl sehr gewechselt haben, ich weiß es nun nicht mehr.

 

Richter Hotz:

Wer hatte das Kommando bei solchen Aktionen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ja, da kann ich mich auch nicht mehr entsinnen. Tut mir sehr leid, ich kann das bestimmt nicht. Ich weiß nicht mehr, wer das da war.

 

Richter Hotz:

Haben Sie keine Erinnerung an irgendeinen

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Nein, habe ich

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Sanitätsdienstgrad etwa, der mit Blausäure zu tun hatte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, es war ja so:

Damals hieß es, daß als Desinfektoren Leute gemeldet werden sollen. Und die wurden auch gemeldet und haben auch tatsächlich zuerst nur desinfiziert.

 

Richter Hotz:

Wer wurde gemeldet?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Theuer weiß ich bestimmt. Und wer war noch?

 

Richter Hotz:

Koch? Ein SDG Koch?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

An diesen Namen erinnere ich mich nicht mehr.

 

Richter Hotz:

Sonstige Namen? [Pause] Breitwieser? Wurde der ausgebildet?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der war doch nicht im... Einen Breitwieser kenne ich dem Namen nach. Der war aber bei der Verwaltung gewesen, meines Wissens nach.

 

Richter Hotz:

Der wurde nicht ausgebildet als Desinfektor?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das ist mir nicht bekannt.

 

Richter Hotz:

Zu Ihrer Zeit?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Richter Hotz:

Oder vorher?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ist mir nicht bekannt.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Weiß ich leider nicht, nein.

 

Richter Hotz:

Wie war es mit Klehr?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Kann ich auch nicht sagen.

 

Richter Hotz:

Scherpe?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube nicht.

 

Richter Hotz:

Ja, wer war denn ausgebildet als Desinfektor?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Erst waren es zwei.

 

Richter Hotz:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nämlich?

 

Richter Hotz:

Theuer und?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wer der andere war, das weiß ich nicht mehr, ob das nun Klehr war.

 

Richter Hotz:

Wann war das? Welchen Zeitraum meinen Sie jetzt mit »erst«?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Als sie das erste Mal gemeldet wurden.

 

Richter Hotz:

Zu welcher Zeit war das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das muß Ende 41 gewesen sein. Oder war es 42?

 

Richter Hotz:

Wann haben Sie denn die erste dieser Aktionen beobachtet, wo dann Blausäure eingeworfen wurde? Wann war das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ob das Ende 41 war oder Anfang 42, kann ich auch nicht mehr sagen.

 

Richter Hotz:

Waren da schon Desinfektoren ausgebildet, zu dieser Zeit? Oder sind diese Lehrgänge erst später gewesen? [Pause] In Oranienburg wohl?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, daß Ende 41 schon welche ausgebildet waren.

 

Richter Hotz:

Aha.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Die zwei ersten wohl.

 

Richter Hotz:

Und Sie können, auch wenn Sie Ihr Gedächtnis noch so anstrengen, uns keine Namen von SS-Leuten sagen, die da Zyklon B eingeworfen haben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Kann ich leider nicht. Weiß ich nicht mehr.

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Wie erklären Sie das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Bitte?

 

Richter Hotz:

Wie erklären Sie das, Herr Wilhelmy? Sie erinnern sich daran, daß der Standortarzt zwei SS-Leute mit drei Tagen verschärften Arrests wegen eines nun wirklich nicht erheblichen Vorfalls bestraft hat, und können uns nicht sagen, welche SS-Leute diese Dinge gemacht haben, die Sie aus kurzer Entfernung, nämlich aus Ihrem Dienstzimmer heraus, beobachtet haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Man hat das ja, wollen wir sagen, nicht mit großem Interesse angeschaut. Sondern man hat ja gesehen, daß man möglichst nichts davon sah. Denn das war ja immerhin... Man wollte ja nach Möglichkeit nichts damit zu tun haben.

 

Richter Hotz:

Aber Sie haben es doch gesehen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich habe es gesehen, ja. Aber da hat man nun

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Hat denn dieser SS-Mann eine Gasmaske getragen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Richter Hotz:

Hat er die oben aufgezogen, oben auf dem Krematorium?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das weiß ich auch nicht. Ich habe nur welche mit Gasmaske gesehen.

 

Richter Hotz:

Sie sagten uns doch vorhin selbst, anfänglich seien sehr wenig SDGs dagewesen. Wenn Sie einen auf dem

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ja, es wurden

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Krematorium haben hantieren sehen, haben Sie ihn dann schon an der Figur erkannt, Herr Wilhelmy, auch wenn Sie das Gesicht nicht gesehen haben sollten.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also [Pause] mit dem besten Willen...

 

Richter Hotz:

Keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Also Herr Wilhelmy

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Dann will ich Sie mal klipp und klar fragen:

Haben Sie gesehen, daß oben auf dem Krematorium Klehr gestanden hat und Zyklon B hineingefüllt hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das kann ich nicht behaupten.

 

Vorsitzender Richter:

Was soll ich damit anfangen:

»Das kann ich nicht behaupten«?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, also ich weiß das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum wissen Sie es nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Weil ich mich nicht mehr erinnere.

 

Vorsitzender Richter:

Nun will ich Ihnen mal etwas sagen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das Umbringen von Menschen auf diese Art und Weise ist weder etwas Alltägliches gewesen, noch ist es etwas Gewohnheitsmäßiges gewesen, sondern das ist ja damals ganz neu aufgekommen. Und weil es neu aufgekommen ist, deshalb haben Sie auch zugesehen, weil das etwas war, was Sie noch nicht gekannt haben. Und auf meine Frage vorhin, wer dort Sanitätsdienstgrad gewesen ist, haben Sie gesagt:

»Theuer, Scherpe und Klehr. Dann sind noch ein paar in der Schreibstube gewesen, auf die kann ich mich nicht mehr erinnern.« Und auf die weitere Frage, ob Ultzhöffer und Sicklinger noch dortgewesen seien, haben Sie gesagt:

»Ja da kann ich mich jetzt auch drauf entsinnen.«

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Es war also eine Handvoll Menschen, die Sanitätsdienstgrade waren. Und wenn nun das erste Mal so etwas passiert ist, da wissen Sie ganz genau, daß da oben drauf der oder jener gestanden hat. Das vergißt man nämlich nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Und da muß ich Ihnen ehrlich sagen:

Ich weiß es nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn gehört, was für eine Reaktion da nun erfolgt ist, nachdem das hineingeschüttet wurde? Zunächst einmal:

Wieso wissen Sie denn, daß das Blausäure war, was da hineingeschüttet worden ist?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das hat man dann nachher erfahren, daß das Blausäure war.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem haben Sie das denn erfahren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war ja nachher, wie soll ich sagen, allgemeines... Das wußte ja fast jeder, daß das Blausäure war.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie sich nicht mit den Leuten nachher unterhalten, die das da hineingeschüttet haben, und haben gesagt:

Was ist denn da jetzt gewesen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, da habe ich mich nicht unterhalten.

 

Vorsitzender Richter:

Oder haben Sie das vorher schon gewußt? Wo kam denn die Blausäure her?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Jedenfalls eben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wurde die denn bestellt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, von uns aus nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Die kam ganz von selbst?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das ging über die Verwaltung, meines Wissens.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das ging über die Verwaltung.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Meines Wissens.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten da nichts damit zu tun?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, da habe ich nichts damit zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie sich unterhalten, daß da Blausäure hineingeschüttet worden war. Was haben Sie denn dann festgestellt, wenn die Blausäure hineingeschüttet war? Was war denn die Reaktion davon?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Na, sagen wir, die Fenster waren ja zu. Wir haben ja da im allgemeinen weiter nichts gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war denn das? Im Sommer oder im Herbst oder im Winter, wie Sie das zum erstenmal erlebt haben? [Pause] Sie haben nichts gehört?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben nichts gehört?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Sie haben zwar gesehen, daß Menschen angekommen sind, vielfach in Lastwagen, daß die sich dann ausziehen mußten. Das haben Sie immerhin gesehen, nicht. Sie haben also doch immerhin zugesehen, was sich da unten abspielte. Sie wissen aber nicht, wer da als Befehlsgeber dort war.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen nicht, wer die Blausäure in die Stutzen hineingefüllt hat. Das alles wissen Sie nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich weiß jetzt nur, daß ich einmal Theuer dabei gesehen habe. Das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Wen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Theuer.

 

Vorsitzender Richter:

Theuer

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Theuer, habe ich ja gesagt gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Der lebt nicht mehr, gell? Oder?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Weiß ich nicht. Entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Vorsitzender Richter:

Das entzieht sich Ihrer Kenntnis. Ja. Also ich habe Ihnen

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Zu Klehr [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Richter Hotz:

Wollen Sie mal vortreten, Herr Wilhelmy.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte sehr.

 

Richter Hotz:

Hier ist ein Bild mit dem früheren SS-Revier. Das ist der vordere Eingang. Nicht der seitliche, sondern der vordere Eingang. War das hier oben ein Fenster Ihres Dienstzimmers?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nein, nein. Das ist der Eingang, hier war, glaube ich, erst die Kantine.

 

Richter Hotz:

Früher, ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Stimmt das?

 

Richter Hotz:

Möglich. Oben im ersten Stock, meine ich.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nein. Das lag weiter vorne. Das ist nicht das richtige Bild. Das war es nicht.

 

Richter Hotz:

Ja, von der Seite haben wir kein Bild hier.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das ist es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wo ist denn das Krematorium da?

 

Richter Hotz:

Hier.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war von welcher Seite aus zu sehen?

 

Richter Hotz:

Also diesen Blick werden Sie gehabt haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, auch nicht.

 

Richter Hotz:

Auch nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Richter Hotz:

Da ist allerdings die Mauer vorne davor nicht mehr da.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das fehlt. Wollte ich grade eben sagen. [Pause]

 

Richter Hotz:

Ihr Zimmer ging doch mit den Fenstern nicht zum Lager hin, sondern zum Krematorium hin.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Zu dieser Straße, ja.

 

Richter Hotz:

Ja. Sie sagten ja vorhin, daß Sie, wenn Sie hochkamen, sich nach links gewendet haben, um Ihr Dienstzimmer, das Spießzimmer, zu erreichen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nach links, ja. Nach links.

 

Richter Hotz:

Das war doch ein Eckzimmer.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das war das

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Zweite Zimmer.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das zweite Zimmer, ja.

 

Richter Hotz:

Also war das, was ich Ihnen vorhin gezeigt habe, das Fenster zum Dienstzimmer des Standortarztes.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Nein, das war grade genau entgegengesetzt an dem Bau. Hier kam man rein. Hier war die Kantine, hier war die Apotheke, und da ging – das war also...

 

Verteidiger Laternser:

Wissen Sie, wo Norden und Süden war in Auschwitz?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Richter Hotz:

Nicht mehr.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Kann ich Ihnen im Augenblick nicht mehr sagen. Kann ich nicht mehr sagen.

 

Richter Hotz:

War denn Ihr Dienstzimmer in dem Flügel des SS-Reviers, der zum Ausgang hin, also zum Kommandanturgebäude hin, zeigte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ja, ja.

 

Richter Hotz:

Also haben Sie sich nicht nach links gewendet, wenn Sie hochkamen, sondern sind nach rechts gegangen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Doch nach links.

 

Richter Hotz:

Ja, wie man hochkommt, egal. Gut.

 

Vorsitzender Richter:

So, bitte schön. Wenn keine Fragen mehr sind.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Doch, ich hätte noch Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Wilhelmy, wir wollen noch mal davon ausgehen, woran Sie sich erinnerten.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie erinnerten sich noch sehr gut an den Vorfall bei der Weihnachtsfeier mit den beiden besoffenen Sanitätsdienstgraden, die Ihnen Ihren eigenen Sprit gestohlen hatten. Und Sie haben außerdem gesagt, daß der Doktor Dienstbach durchaus als militärischer Vorgesetzter durchgegriffen und drei Tage eingesperrt hat.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie hatten also bei Ihrem SS-Revier einen durchaus militärischen Betrieb. Sie haben uns weiter gesagt, daß Desinfektionen Sache der Sanitätsdienstgrade waren, die zunächst dafür ausgebildet wurden, und daß diese Sanitätsdienstgrade nachher auch für die Tötung von Menschen herangezogen wurden.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die Sanitätsdienstgrade unterstanden aber Ihrem SS-Revier, dem Standortarzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren der Spieß.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ohne Befehl geschah ja schließlich nichts. Es konnte ja nicht einfach der Theuer losgehen und sagen:

»Bringt mir mal 100 Menschen, die will ich jetzt umbringen.«

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das...

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und Sie haben uns gesagt, es kam öfters vor, es war eine gewisse Regelmäßigkeit drin. Es war also praktisch in den Dienstbetrieb eingeplant. Es ist doch reichlich unglaubwürdig, [wenn] Sie sich auf die eine Sache mit der Weihnachtsfeier so genau erinnern, daß Sie nicht mal wissen – obwohl die Befehle, wenn sie schriftlich gegeben wurden, auf alle Fälle, wenn sie mündlich gegeben wurden, aber auch bei Ihnen durchlaufen mußten, ganz zwangsläufig durch die Art des Betriebs – daß Sie uns gar nichts mehr sagen können.

Sie haben nun gewählt. Der Herr Vorsitzende hat Sie gefragt, wollen Sie die Aussage verweigern im ganzen oder nicht. Sie haben gesagt:

Ich sage aus.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das bedeutet aber für Sie, das Sie Ihr Gewissen erforschen müssen, Ihr Gedächtnis anstrengen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das tue ich auch

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Das scheinen Sie aber nicht zu tun, wenn Sie das eine wissen, das andere, was viel schwerwiegender ist, [+ aber nicht]. Der Herr Vorsitzende hat Ihnen das schon gesagt:

Das ist doch ein ganz schwerwiegendes Ereignis, wenn Menschen in

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ist es auch, ja

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

So großer Zahl umgebracht werden. Daß Sie da gar nichts mehr von wissen wollen... Ich will Ihnen das nur vorhalten [...] und Ihnen eine letzte Gelegenheit geben, vielleicht Ihr Gedächtnis doch noch etwas besser anzustrengen. [Pause]

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, die Staatsanwaltschaft hat eine Reihe von Fragen. Ich möchte daher fragen, ob Sie erst die Pause einlegen wollen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wollen wir erst die Pause einlegen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und ich bitte, vielleicht den Herrn Wachtmeister anzuweisen, daß sichergestellt wird, daß der Zeuge während der Pause im Zeugenzimmer bleibt und da draußen keine Verbindung aufnimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Ist in Ordnung. Pause bis um viertel nach zehn.

 

– Schnitt –

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Wilhelmy, können Sie sich an den Sanitätsdienstgrad Hantl erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Dem Namen nach ja. Wie er ausgesehen hat, kann ich jetzt im Augenblick nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie, wann er gekommen ist?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Entweder war das kurz vor meiner Versetzung oder sogar nachher.

 

Staatsanwalt Kügler:

Um auf Ihre Versetzung noch einmal zurückzukommen:

Sie haben den Standortarzt Doktor Wirths noch erlebt als Ihren Chef?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, etwas

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Kürzere oder längere Zeit?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Als er ankam, da kam ich gerade die Treppe oben runter, er kam unten die Tür rein. Und da fragte er, ob ich der Wilhelmy wäre. Ich sagte:

»Ja.« Und da sagte er:

»Mit Ihrer Versetzung wird es nix. Sie bleiben da.« Und da habe ich dann gesagt:

»Ich mache nicht mehr mit.« Dann schieden wir da auf der Treppe im Krach, und dann ging das in der nächsten Zeit nur noch mit »Jawohl«, und kein Wort zu viel. Und nach einer Weile sagte er dann, daß es so keinen Zweck hätte. Er wollte, ich soll noch etwas bleiben, bis er eine gewisse Übersicht hat über den ganzen Kram, und dann wollte er mich freigeben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und dann haben Sie ihm die Übersicht verschafft, soweit das notwendig war, und sind dann nach Budy gegangen, ja?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, da kam dann noch der

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Also noch ein paar Wochen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ein paar Wochen noch. Wie lang das

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Paar Wochen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

War, weiß ich jetzt nicht mehr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Sie wollten sagen, da kam noch der?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Da kam noch damals der Reichsarzt und sagte mir dann, daß meine Versetzung genehmigt wäre.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der Reichsarzt der SS, Grawitz?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ich weiß nicht mehr. Soviel ich weiß, war es ein Gruppenführer. Wie er hieß, weiß ich nicht. Der wollte damals die

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja. Und der Vorgänger von Doktor Wirths, war das der Doktor Uhlenbroock?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ich sagte vorhin schon, daß in der Zeit zwischen – Doktor Dienstbach war eigentlich der letzte offizielle Standortarzt. Und da mehrere Ärzte – Doktor Schwela war auch Standortarzt damals

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Auch Doktor von Bodmann?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Doktor von Bodmann, jawohl. Die waren Standortarzt. Aber, wie gesagt, damals ging alles so durcheinander, daß die acht oder 14 Tage da waren, wurden krank

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Na, nun will ich Ihnen hinsichtlich des Doktor Uhlenbroock eine Gedächtnisstütze geben. Haben Sie nicht mal erklärt, daß es der Doktor Uhlenbroock gewesen sei, der Ihre Versetzung

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

In Gang gebracht hat.

 

Staatsanwalt Kügler:

In Gang gebracht hat. Also was meinen Sie wohl:

Ist der Doktor Uhlenbroock der Vorgänger von Doktor Wirths gewesen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Herr Staatsanwalt, vielleicht kurze Zeit einer der Vorgänger. Ich kann mich an die Reihenfolge, wie die sich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Da können Sie sich nicht mehr erinnern. Sie meinen also, einige Zeit vor Doktor Wirths sei Doktor Uhlenbroock dagewesen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun, Herr Wilhelmy, wo haben Sie denn geschlafen da in Auschwitz, in welchem Gebäude?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also erst war ich im Kommandanturgebäude untergebracht, am Anfang. Und dann zog ich mit Doktor Popiersch raus gegenüber vom Führerheim, wo im ersten Stock

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Gut, so genau will ich es nicht wissen. Also jedenfalls in der Nähe vom Führerheim.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie ein Zimmer für sich alleine gehabt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Hat der Theuer da irgendwo in der Nähe gewohnt, wo Sie geschlafen haben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein. Haben Sie mit dem Theuer gelegentlich gesprochen? Sie waren ja der Vorgesetzte.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist es nicht so gewesen, daß der Theuer ein ziemlich großspuriger, prahlerischer Mann gewesen ist, der über die Dinge, die er da hat machen müssen bei den Vergasungen, breit und ausführlich geplaudert hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das kann ich eigentlich nicht sagen. Ich kann ihn mir sehr gut vorstellen, er sagte mir immer:

»Es ist furchtbar.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Er sagt Ihnen immer:

»Es ist furchtbar.«

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun ist doch da eine ganze Organisation eingeschaltet gewesen bei der Abwicklung dieser Aktionen. Können Sie sich noch daran erinnern, was die Ärzte damit zu tun hatten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was hatten die zu tun? [Pause] Also es gab Truppen- und Lagerärzte, und das wechselte gelegentlich. Einer machte mal Truppenarzt, der andere Lagerarzt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ganz richtig, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also ich meine jetzt, was taten die Truppen- und die Lagerärzte im Zusammenhang mit diesen Aktionen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, es mußte immer ein Arzt hin, wenn ein Transport ankam.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo kam der an?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] An dem Anschlußgleis, das das Lager hatte.

 

Staatsanwalt Kügler:

An dem Anschlußgleis. Ist Ihnen der Name »Rampe« ein Begriff?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der ist mir nachher und jetzt durch die

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Nein, von damals.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Von damals.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wir wollen jetzt von damals sprechen. Was Sie damals wußten.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Rampe. Ja. [...] Da möchte ich sagen, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hatte der Dienst, den die Ärzte da machen mußten bei der Ankunft solcher Transporte, eine besondere Bezeichnung, beispielsweise Rampendienst? [Pause] Oder wie lautete das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, wie ich das Wort jetzt höre, daß ich das sagen kann.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daß Sie das damals auch so gehört haben, daß die zum Rampendienst mußten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo wurde denn das Zyklon B, also das Gas, das für die Vergasung benutzt wurde, aufbewahrt? Wo wurde das abgeholt, wenn es zur Gaskammer gebracht wurde? Von wo wurde das abgeholt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Also ich selbst [Pause] Bei der ersten Vernehmung3 damals bei mir, da fiel das Wort. Wie hieß es noch recht, da hinten im

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wir wollen nicht von dieser Vernehmung jetzt sprechen, wir wollen wissen, ob Sie sich erinnern können daran, wo das Gas aufbewahrt wurde.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, darf ich mir mal erlauben, die Frage zu stellen, wie das Gebäude damals hieß. Ich komme jetzt im Augenblick nicht drauf.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das »Theatergebäude«?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

»Theatergebäude«, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das hinten, am anderen Ende des Lagers, gegenüber von dem Standortarzt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Wo dann später der Speisesaal war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo später der Speisesaal war.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo kam das Gas denn hin, nachdem der Speisesaal dort eingerichtet wurde?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie irgendwelche Feststellungen darüber treffen können damals, ob ein Rotkreuzwagen vor Ihre Dienststelle fuhr, um den Arzt und die Sanitätsdienstgrade zu holen, wenn Vergasungen waren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Also wissen tue ich es nicht, halte es aber für möglich. Es könnte sein, daß ich das gesehen habe. Aber im Augenblick, also ich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wenn nun ein Rot-Kreuz-Wagen dazu erforderlich war, gab es denn da noch eine andere Vergasungsstelle als das Alte Krematorium, denn das lag ja direkt gegenüber? Wenn man dazu noch ein Auto brauchte, mußte das ja wohl etwas weiter weg gewesen sein.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das muß dann später in Birkenau gewesen sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Muß? Haben Sie damals davon erfahren, daß da in Birkenau auch noch so etwas war?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Zeitmäßig weiß ich nicht, wie das war. Aber ich habe dann später auch erfahren, daß draußen in Birkenau das große gebaut wurde.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

In Birkenau vergast wurde. Ist denn in dem Alten Krematorium gegenüber Ihrer Dienststelle bis zu Ihrem Weggang im September/Oktober 42 vergast worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ich meine, nachher wäre es weniger geworden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im Sommer?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im Sommer. Und haben Sie jetzt ein Erinnerungsbild, ob vielleicht damals schon die anderen Gaskammern in Birkenau in Betrieb waren? Als es weniger wurde?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie glauben, ja. Nun, Herr Wilhelmy, wie erfuhren denn der Sanitätsdienstgrad, der Desinfektor und der Truppen- beziehungsweise Lagerarzt oder der Standortarzt, daß solch eine Aktion im Gange war, daß er also an ihr teilnehmen mußte? Wie erfuhr der das denn?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das kam von der Kommandantur rüber.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das kam von der Kommandantur rüber. Wohin rüber? Wurde da bei Ihnen angerufen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Soweit ich mich entsinne, bekamen die Betreffenden direkt Bescheid.

 

Staatsanwalt Kügler:

Soweit Sie sich entsinnen, bekamen die Betreffenden direkt Bescheid.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und von wo bekamen sie Bescheid?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Von der Kommandantur oder vom Schutzhaftlager.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von der Kommandantur oder vom Schutzhaftlager. Wie war das denn auf Ihrer Dienststelle, wie wurde das denn gehandhabt? Da mußte doch jeder wissen, wann er dran war. Wurde da bezüglich des Rampendienstes und des Dienstes der Desinfektoren ein Dienstplan aufgestellt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also ich habe keinen aufgestellt. Das weiß ich ganz genau, denn

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Das habe ich Sie im Moment auch nicht gefragt, Herr Wilhelmy. Ich habe gefragt:

Wurde dort ein Dienstplan aufgestellt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also meines Wissens nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, woher wußte denn der, der anrief von der Kommandantur oder vom Schutzhaftlager, wen er anrufen sollte? Ich meine, es waren ja immerhin – wir wollen mal die Zahl niedrig schätzen – vier Ärzte zur Wahl, mindestens.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, 42 nicht immer.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na ja, dann waren es drei, Herr Wilhelmy. Wir wollen uns nicht um Zahlen streiten.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber die sind doch nicht immer alle zusammen da rausgegangen, oder?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das selbstverständlich nicht. [unverständlich] Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Na also, die von der Kommandantur oder vom Schutzhaftlager, die mußten doch wissen, an wen Sie sich wenden sollten. Vorausgesetzt, es wurde nicht bei Ihnen angerufen, und von Ihrer Dienststelle aus wurden dann die entsprechenden Leute benachrichtigt – was mir persönlich sinnvoller erscheinen würde.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Würden Sie Ihr Gedächtnis nicht doch noch mal erforschen, ob das so gewesen ist? [Pause] Insbesondere, ob Sie selbst sich noch daran erinnern können, daß Sie so ein Gespräch entgegengenommen haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Herr Staatsanwalt, ich bitte, hierzu folgendes sagen zu dürfen:

Wie ich schon vorhin erwähnte, war ich in der Zeit, im Februar/März, wo das erst wohl richtig anlief, nicht da. Und da hat sich, als ich zurückkam, der ganze Betrieb schon eingespielt gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na, dann schildern Sie doch, wie er sich eingespielt hatte.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das ist für uns hier in diesem Zusammenhang von erheblichem Interesse, zu wissen, was da technisch vor sich gegangen ist. Also schildern Sie das mal. [Pause] Wie ist es gekommen, daß der Arzt zur Rampe gegangen ist? Wie ist es gekommen, daß der Sanitätsdienstgrad zur Gaskammer gegangen ist? Das waren Angehörige Ihrer Dienststelle.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das müssen Sie als Spieß doch wissen. Das ist doch nicht von ungefähr passiert.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, ist es auch nicht, aber ich...

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Jedenfalls weiß ich ganz genau, daß ich keinen Dienstplan aufgestellt habe und daß...

 

Staatsanwalt Kügler:

Bestand denn ein Dienstplan für den Rampendienst?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

In meiner Zeit weiß ich von keinem Dienstplan.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wie erklären Sie sich denn nun, Herr Wilhelmy, daß die Leute das wußten? Wollen Sie etwa sagen, daß das alles außerhalb des Bereichs des Standortarztes gemacht wurde, daß die Kommandantur oder das Schutzhaftlager immer genau Bescheid wußten, wer da drankam? Schauen Sie, das klingt doch nun wirklich wenig glaubhaft, [...] wenn Sie sich nun auch noch erinnern können, was passiert ist, als der Doktor Wirths die Treppe raufkam und Sie sich da unterhalten haben. Also das sind doch Vorgänge, an die Sie bestimmt noch eine Erinnerung haben, Herr Wilhelmy. Und selbst wenn Sie nicht direkt daran beteiligt gewesen sind, daß Sie damals genau erfahren haben, wie das vor sich gegangen ist. [Pause] Das ist doch, wenn ich Ihnen das vorhalten darf, ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Dienstes gewesen, der in Auschwitz von den betreffenden Personen gemacht wurde. [Pause] Das ist ja nicht nebenher gelaufen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ich muß tatsächlich ehrlich wiederholen, daß die Möglichkeit besteht, daß ich da mal irgendeinen Befehl weitergegeben habe. Aber von uns, vom Standortarzt, wurde kein Dienstplan aufgestellt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gut.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Es sei denn, daß der Betreffende einen aufgestellt hat und hat das denen persönlich weitergegeben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Welcher Betreffende?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der betreffende Standortarzt, der damals da zuständig war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daß der den Dienstplan [+ aufgestellt hat]? Hat der irgendwo gehangen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Ich weiß nichts davon.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie wissen nichts davon.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn Sie sich also jetzt dunkel erinnern können, daß Sie möglicherweise mal so ein Telefongespräch entgegengenommen haben, von wo kam dieses Telefongespräch denn?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das müßte von der Kommandantur gekommen sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Es müßte von der Kommandantur gekommen sein.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und von wem dort, von der Kommandantur?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Von dem Spieß dort oben oder von irgendeinem anderen, die...

 

Staatsanwalt Kügler:

War es der Kommandant, der Sie angerufen hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bestimmt nicht, was?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

War es der Adjutant?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Möglich. Also

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Das könnte möglich sein, ja?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das könnte möglich sein, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daß der Adjutant Sie angerufen hat. Sagen Sie, können Sie sich noch an den Adjutanten Mulka erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie haben Sie denn den Adjutanten Mulka in Erinnerung?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Als streng.

 

Staatsanwalt Kügler:

Als scharf auch?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Er war ja Gerichtsoffizier.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na, das ist eine andere Frage.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja und

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Streng. Sie kennen den Unterschied zwischen streng und scharf?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Würden Sie sagen, daß er ein scharfer Vorgesetzter war?

 

– Schnitt –

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

daß das so lange dauert.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von Mulka?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Und da ging ich lieber Mulka aus dem Wege.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und außerdem hatte ich noch von der Politischen Abteilung mal einen mündlichen Auftrag gekriegt, daß ich einen Häftling, der Schreiber war im Lager, nicht gehenlassen dürfe, weil er zuviel wüßte. Und wenn da irgend eine Entlassung kommen soll, dann sollte ich ihm das sofort melden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wem?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der Politischen Abteilung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Eines schönen Tages wurde er doch entlassen, und da bin ich, als mir das morgens ein Häftling meldete, verschwunden und bin den ganzen Tag nicht wiedergekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Denn wenn das durchgekommen wäre, dann wäre ich dran gewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und was hat das mit Mulka zu tun?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ich wollte nur sagen, daß ich vor Mulka – auf gut deutsch – Angst hatte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie hatten vor Mulka Angst. Sie haben mal gemeint, mehr oder weniger alle hätten vor ihm Angst gehabt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das glaube ich auch sagen zu können.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das glauben Sie sagen zu können. Nun, Herr Wilhelmy, wie ist es denn mit den Meldungen über die verstorbenen Häftlinge gewesen? Ist da von Ihrer Dienststelle aus ein Tagesrapport gemacht worden – soundso viele sind gestorben –, und wenn ja, wohin ist das gemeldet worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Da kam jeden Tag vom Krankenbau, also vom Häftlingslager, eine Totenmeldung rüber. Und die wurde per Fernschreiber oder per Funk, nein, per Funk nach Oranienburg gegeben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und ehe sie per Funk weitergegeben werden konnte, mußte sie doch zur Funkstelle gebracht werden.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die war im Haus der Kommandantur?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wurde das direkt vom Standortarzt zur Funkstelle gebracht, oder ging das erst, wenn auch in Absprache

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Direkt, gleich zur Funkstelle.

 

Staatsanwalt Kügler:

Direkt zur Funkstelle.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat die Kommandantur von diesen Meldungen Abschriften bekommen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube nicht. Also so

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Meinen Sie, daß es den Kommandanten nicht interessiert hat, über die Belegstärke Bescheid zu wissen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Das wurde ja vom Schutzhaftlager direkt gemeldet an die Kommandantur.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aha, diese Meldungen gingen vom Schutzhaftlager über die

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

An die Kommandantur, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Über die Häftlinge, die dort untergebracht waren, über die, die krank waren, und über die, die verstorben sind.

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

War ja jeden Tag die Zählung. Und da mußte ja jeden Tag die genaue Aufstellung weitergegeben werden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie diese Meldungen über die verstorbenen Häftlinge in der Hand gehabt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Meistens.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie hoch waren denn die Zahlen im Verhältnis zur Belegstärke?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Die waren immer verhältnismäßig hoch. Und besonders gingen sie in die Höhe, wenn der Winter kam.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn der Winter kam.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie noch Zahlen nennen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Leider nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren es Hunderte manchmal?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Manchmal waren es Hunderte, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren es manchmal 1.000 oder mehr als 1.000 pro Tag?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, also ich glaube nicht, daß es mehr wie 1.000 waren.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber daran, daß es Hunderte waren pro Tag manchmal, können sie sich erinnern. Können Sie sich auch noch daran erinnern, daß ein ganzer Block ins Gas geschickt wurde, weil die Leute erkrankt waren an irgendeiner Seuche?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Als ich von meinem Examensurlaub zurückkam, da wurde mir erzählt, daß das passiert wäre.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie das einmal gehört oder mehrmals gehört?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Nein, das habe ich nur einmal gehört.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das haben Sie nur einmal gehört.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und ich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und ich glaube jetzt sagen zu können, daß ich es von Theuer gehört habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben es von Theuer gehört.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun, sagen Sie, das sei gewesen, als Sie Examensurlaub gehabt hätten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wann war der Examensurlaub?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Der war von Februar bis März.

 

Staatsanwalt Kügler:

März. An eine solche Aktion, die sich Ende August 1942 abgespielt hat, können Sie sich daran noch erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, das kann ich nicht mehr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kann es möglicherweise ein Gedächtnisfehler bei Ihnen sein, daß die Aktion, von der Sie sprechen, im August war?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wenn ich Ihnen das vorhalte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser wollte gerne etwas sagen, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat gemeint, die Frage wäre nicht zulässig

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Ich wollte nichts sagen. Das können Sie doch gar nicht wissen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich höre dauernd, daß Sie etwas reden. Ich dachte, Sie wollten vielleicht was sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, es stört erheblich bei der Vernehmung, wenn dort drüben auf der Bank laut dazwischengesprochen wird.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe nicht laut dazwischengesprochen. Ich verbitte mir das, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich habe es deutlich gehört.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also meine Herren, ich bitte, nunmehr dieses Gespräch zu beenden. Es wird außer von dem, der das Wort hat, nicht gesprochen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz klarer Fall. Bitte schön, weiter.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun, Herr Wilhelmy, können Sie sich noch daran erinnern, daß mal Russen in das Lager gebracht wurden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren das Kriegsgefangene?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das waren Kriegsgefangene.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie viele waren das ungefähr?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das war eine runde Zahl gewesen, ich weiß nicht mehr, wie viele es waren.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kann diese runde Zahl zehntausend gewesen sein?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Fünf- oder zehntausend, ich weiß nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Fünf- oder zehntausend.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also die

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, gut. Können Sie sich noch daran erinnern, wie die Essensrationen bemessen waren?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Die waren so gering, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit nicht mehr viel übriggeblieben war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wollen Sie damit sagen, daß Ihres Wissen damals die Essenrationen so gering waren, daß die davon nicht leben konnten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Hinzu kam ja die Unterbringung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo waren die denn untergebracht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Na, wie hieß das noch?

 

Staatsanwalt Kügler:

Im Stammlager?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Das war in Birkenau draußen.

 

Staatsanwalt Kügler:

In Birkenau draußen. Waren nicht auch welche im Stammlager?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Davon weiß ich nichts.

 

Staatsanwalt Kügler:

Davon wissen Sie nichts.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Existierte denn damals Birkenau schon? Wann wurde das denn aufgebaut?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ich glaube, der Bau des Lagers Birkenau wurde 41 angefangen.

 

Staatsanwalt Kügler:

41 angefangen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun, Herr Wilhelmy, habe ich noch folgende Frage an Sie im Zusammenhang mit der Abwicklung dieser Aktionen, Sie wissen wovon ich spreche, also der Vergasungsvorgänge.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie irgendeine Erinnerung daran, daß der Adjutant – ich spreche jetzt nicht von einem bestimmten, es gab ja mehrere dort im Laufe der Zeit – damit irgend etwas zu tun hatte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Er muß ja wenigstens die... Denn es ging ja alles über die Kommandantur. Und wenn es keiner wußte, mußte der Adjutant das wissen, wann die Züge kommen und so weiter.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie mal einen Offizier – wir haben ja bis jetzt nur, außer von den Ärzten, von Sanitätsdienstgraden gesprochen, und das waren ja keine SS- Führer – ich will nicht sagen Offizier, sondern SS-Führer. Haben Sie mal bei diesen Vergasungsaktionen beim Alten Krematorium, das Ihrem Dienstzimmer gegenüberlag, SS-Führer gesehen? Daß die damit irgendwie in Zusammenhang standen, daß die dabeistanden, aufpaßten, irgendwie? Also die nicht zur Dienststelle des Standortarztes gehörten.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. [Pause] Gesehen habe ich welche, aber wer es war, da kann ich mich heute auch nicht mehr erinnern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ob Sie den Kommandanten gesehen haben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Den Kommandanten habe ich gesehen, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Einen Adjutanten?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also nicht, daß ich es beeiden kann.

 

Staatsanwalt Kügler:

Eine Erinnerung, ob Mulka dabeigestanden hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, leider nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie Angehörige von der Politischen Abteilung dabei gesehen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Von Grabner weiß ich es.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von Grabner wissen Sie es. Haben Sie eine Erinnerung daran, was die Politische Abteilung im Zusammenhang mit diesen Aktionen für Funktionen auszuüben hatte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, da kann ich nichts Bestimmtes sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bedeutet es Ihnen eine Erinnerungsstütze, wenn ich Ihnen sage, daß sie möglicherweise mit der Abzählung befaßt war, also soundso viele sind gekommen, soundso viele sind vergast worden, soundso viele wurden im Lager untergebracht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Wilhelmy, ich möchte noch einmal zurückkommen auf den Doktor Uhlenbroock und möchte Sie also nochmals fragen. Sie haben gesagt, er war Standortarzt, ja?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daran können Sie sich mit Sicherheit erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Er hat die Geschäfte des Standortarztes wahrgenommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

So wollen Sie es formulieren.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und haben Sie noch eine Erinnerung daran, wie lange das möglicherweise war?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Möglicherweise 14 Tage, drei Wochen, ich glaube, nicht länger.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nicht länger.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Ich glaube, es war schon mit drei Wochen das allerhöchste.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie noch eine Erinnerung an den Namen dieses Häftlings, der nicht entlassen werden sollte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Er heißt mit dem Vornamen – nur den Vornamen kenne ich – Kasimir.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was aus ihm geworden ist, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Doch, ich habe ihn in Krakau 44 getroffen.

 

Staatsanwalt Kügler:

44 haben Sie ihn in Krakau getroffen. Warum wußte der denn zuviel? Was hatte der denn da für eine Stellung, daß der zuviel wissen konnte?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

In der Häftlingsschreibstube ging ja alles durch, im Krankenbau. Und der war, wie gesagt, der Politischen Abteilung zu gefährlich, wenn er rauskommt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was ging da beispielsweise durch, durch die Dienststelle des Standortarztes, was so besonders gefährlich

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Nein, also wenn

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sein konnte? Ich meine, normalerweise ist die Behandlung von Kranken ja doch kein Staatsgeheimnis.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Die Häftlinge, die da in der Schreibstube waren, die mußten ja dann nachher noch die Leute papiermäßig beerdigen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, die mußten die Leute papiermäßig beerdigen. Haben Sie darüber auch eine gewisse Kontrolle ausgeübt, über die Totenmeldungen? Ist Ihnen das vorgelegt worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Die Totenmeldungen ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und wohin haben Sie die weitergegeben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Die gingen durch zur Politischen Abteilung. Die liefen aber bei mir durch.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die liefen bei Ihnen durch.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bei mir durch, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kamen vom Krankenbau?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Kamen vom Krankenbau, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Liefen bei Ihnen durch und gingen dann wohin?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also es waren mehrere Ausfertigungen. Da blieb ein Teil im Krankenbau, einer ging nach der Politischen Abteilung und noch einer, soviel ich weiß, nach Oranienburg.

 

Staatsanwalt Kügler:

Einer nach Oranienburg.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ob das nun genau stimmt, kann ich jetzt nicht beschwören.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sagen Sie, wenn dieser Häftling möglicherweise zuviel wissen konnte, ist es nicht so gewesen, daß manchmal eine Anordnung kam, daß insgesamt von soundso viele Häftlingen, die im Häftlingskrankenbau waren oder sonstwo, eine bestimmte Zahl zu vergasen war? Natürlich mit einer Umschreibung, »gesondert unterzubringen« oder »sonderzubehandeln« oder sonstwie.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das wurde dann im Lager abgemacht. Wie das nun da vor sich gegangen ist, weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Über Ihre Dienststelle ist das nicht gekommen? Sie haben so was nicht in der Hand gehabt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Das wurde so...

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie damals gewußt, Herr Wilhelmy, daß im Häftlingskrankenbau im Stammlager Häftlinge durch Einspritzungen getötet wurden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Ich habe nur mal am Schluß hintenrum erfahren, daß das passiert ist.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wer soll da beteiligt gewesen sein?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also namentlich weiß ich auch niemand. [Pause]

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie da gar keine Erinnerung dran?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daß das zu irgendwelchen Gesprächen geführt hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nicht. Keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben vorhin von Ihrem Versetzungsgesuch gesprochen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wann dürfte das ungefähr zeitlich gewesen sein, daß Sie sich weggemeldet haben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also dazu möchte ich folgendes sagen:

Mein erster Standortarzt, der wohnte mit mir draußen, außerhalb des Lagers. Und wir saßen oft abends zusammen, und wir kamen uns auch menschlich näher. Und der sagte mir oft:

»Wilhelmy, wir zwei passen nicht hier rein.« Und als dann seine Versetzung kam, sagte er mir:

»Das ist eine Strafversetzung. Wilhelmy, nimm dich in acht.« Und von da an versuchte ich herauszukommen.

Und als ich dann von meinem Examensurlaub zurückkam, da traf ich zufällig mit einem damaligen Gruppenführer, Doktor Caesar, zusammen. Und der wollte verschiedenes von uns haben für seine Kreuzungsversuche. Und da sagte ich:

»Na, Sie brauchen noch das und brauchen das und brauchen das.« Dann sagt er:

»Was sind Sie von Beruf?« und so weiter. Dann sage ich, so und so, ich bin das und das, und dann sagte er:

»Sowas suche ich schon in ganz Europa, und ausgerechnet läuft es hier im Lager rum.« Und dann haben wir uns etwas unterhalten. Da sagt er:

»Ich will sehen, daß ich Sie rüberziehe. Sind Sie damit einverstanden?« Da sagte ich:

»Jawohl.«

Und nun ging das hin, versucht habe ich es von Ende 41 bis dann – da war aber weiter keine Möglichkeit, das konnte ich sehen – bis der Doktor Caesar kam. Und dann hat wohl Herr Doktor Caesar mit Doktor Uhlenbroock gesprochen. Das war kein schriftliches Gesuch, das wurde so von den Herrn besprochen. Und erst im Herbst bekam ich das Gesuch dann genehmigt. Wer das nun schriftlich gemacht hat – von mir aus ist es nicht gegangen. Wer es schriftlich gemacht hat, ob überhaupt was Schriftliches gemacht worden ist, weiß ich auch nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja nun, wie glauben Sie denn, daß der Reichsarzt SS, der doch ein ganz hohes Tier gewesen ist, von Ihrem Gesuch gewußt hat, wenn nicht irgend etwas vorlag, etwas Schriftliches, auch von Ihnen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich habe mich auch gewundert, wie der dazu kommt. Ich war nur erfreut.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wer hat Ihnen denn damals – Sie haben vorhin jemanden genannt – gesagt:

»Nein, das kommt nicht in Frage.« Das war

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Das war Herr Doktor Wirths gewesen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Der Doktor Wirths.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und das Gesuch müßte gelaufen sein unter Doktor Uhlenbroock oder unter seinem Vorgänger noch.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das war schon in Oranienburg bekannt. Nun war es im allgemeinen so üblich, daß die Ärzte, ehe sie zu uns kamen, erst noch in Oranienburg waren. Und da der das gehört hat, daß ich wegwollte – aber jetzt fällt mir ein, Herr Verteidiger:

Ich nehme an, daß Doktor Caesar auf dem Dienstweg nach oben mich angefordert hat. Und daß dadurch der Reichsarzt SS gewußt davon hat.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sagen Sie, Herr Zeuge, war denn für Sie maßgebend, daß Sie lieber in die Landwirtschaftsabteilung aus beruflichen Gründen wollten, oder war maßgebend für Sie, daß Sie die Dinge, die Sie da sehen mußten beim Standortarzt, nicht durchstehen konnten und wollten? Verstehen Sie mich?

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Maßgebend war, daß ich das nicht durchstehen konnte. Ich bin dabei zugrunde gegangen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sagen Sie, sind Sie später noch befördert worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nicht mehr.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was war Ihr letzter Dienstgrad?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Oberscharführer.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie irgendwelche sonstigen Nachteile gehabt von diesem Sichwegmelden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, [Pause] ich wurde

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Sind Sie mal von der Politischen Abteilung vernommen worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nein, nein. Ich wurde nur im großen und ganzen links liegengelassen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Von wem?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Na, von meiner früheren Dienststelle und auch von der Kommandantur und so weiter.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Von der Kommandantur inwiefern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Na, ich meine, ich gehörte jetzt einer ganz anderen Dienststelle an. Wir gehörten also direkt dem Amt W V4 an oder wie das hieß. Das waren in Oranienburg bei der Inspektion die Betriebe, also die landwirtschaftlichen Betriebe.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und das war wieder ein anderer Dienstweg.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sind Sie zur Kommandantur gerufen worden? Ist Ihnen dort ein Tadel, eine Verwarnung etwa, ausgesprochen worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Etwas anderes:

Sie sind vorhin vom Herrn Staatsanwalt gefragt worden wegen dieser Aktion, in der die Häftlinge eines Krankenbaus in den Tod geschickt worden sind, nicht wahr?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Verbinden Sie diese Aktion mit einem ganz bestimmten Standortarzt? [Pause] Denken Sie mal nach. Immerhin waren Sie doch der Spieß gewesen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. [Pause] Als ich damals zurückkam, da war Doktor Schwela der Standortarzt. Und der ist dann nachher krank geworden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Könnte es auch Doktor Uhlenbroock gewesen sein? Könnte dieses Ereignis in diese 14 Tage bis drei Wochen gefallen sein, in denen Doktor Uhlenbroock die Geschäfte des Standortarztes wahrnahm?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ich glaube nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Genaueres wissen Sie nicht darüber?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist darüber vorher, vor der Aktion, nicht auf der Dienststelle des Standortarztes gesprochen worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist das nicht ein besonderes Ereignis, ein einmaliger Fall gewesen, daß ein ganzer Krankenbau mit, ich glaube 850 oder 750 Menschen vergast worden ist?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das ist schon allerhand. Aber gesprochen worden ist meines Wissens nicht darüber.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben doch den Rapport bekommen, den sogenannten Sterberapport am nächsten oder am übernächsten Tag?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Da hat auf einmal der ganze Bestand eines Krankenblocks, ich glaube, genau 746 Menschen, gefehlt. Es ist doch naheliegend, daß Sie mit Ihrem Standortarzt oder mit sonst einem maßgebenden Mann darüber sich unterhalten haben. [Pause] Darf ich Ihnen noch einmal in Erinnerung rufen:

Es gab Sterberapporte, Sterberapporte vom Abendappell zum Morgenappell, wie viele Häftlinge da umgekommen waren.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Vom Morgenappell zum Mittagsappell, und vom Mittagsappell zum Abendappell. Und da müßten in der Zeit vom Abendappell bis zum Morgenappell – ich nehme an, daß das abends oder nachts gemacht worden ist – soundso viele Menschen auf einmal gefehlt haben. Das fiel Ihnen als Spieß doch auf.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Darf ich Ihnen dazu etwas sagen. Die Appellzahlen bekamen wir nicht. Wir bekamen nur lediglich die Totenmeldungen vom Krankenbau.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut. Also wie Sie diese Meldung bekommen haben – 746 Mann, bisher Block 20 HKB, zu streichen – und überall Kreuzchen waren, was haben Sie da getan?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich nehme an, daß diese Zahlen verteilt wurden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wieso nehmen Sie das an? Das war doch der Infektionsblock. [Pause] Herr Zeuge, so was muß man doch in der Erinnerung behalten.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Ich nehme an, daß die gesamte Zahl auf drei, vier Tage verteilt wurde, damit es nicht auffiel.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha, das könnte sein, ja. Glauben Sie sich jetzt daran zu erinnern, daß es so gehandhabt wurde?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Das wurde so gehandhabt, und zwar war das deswegen schon gar nicht möglich, weil das mit den Schreibmaschinen ja gar nicht geschafft werden konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Was für eine Maschine? Die Schreibmaschine?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Es konnten nicht so viel Sterbeurkunden in so kurzer Zeit geschrieben werden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat diese Handhabung auf einer Anordnung des Standortarztes beruht, daß der erklärt hat:

»Wir verteilen die Sache so und so, sorgen Sie dafür«?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Eine Anordnung war das nicht. Ich weiß auch nicht, wie das gekommen ist. Auf einmal war das da.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, eine andere Frage. Es ist vorhin von der Weihnachtsfeier gesprochen worden, die Sie ja recht gut in Erinnerung hatten. Sagen Sie, gab es denn überhaupt Weihnachtsfeiern bei der SS?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, da hieß es Julfeier.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Julfeier hieß das. Gut. Wann ist denn jeweils diese Julfeier vorgenommen worden? Doch wohl einige Zeit vor Weihnachten, nicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich nehme es an, ja. Ich weiß es nicht mehr genau. Das Datum weiß ich nicht mehr. Das müßte vor Weihnachten gewesen sein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Na, so aus der Erinnerung raus:

eine Woche, vier Tage, fünf Tage?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, es wurde

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Mit Weihnachten selbst durfte es doch wohl nach SS-Begriffen nichts zu tun haben und nicht zusammenhängen, nicht wahr?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Jetzt muß ich gefühlsgemäß sprechen:

Es wurde wahrscheinlich so gemacht, eh die ersten in den Urlaub fuhren, daß das erledigt war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie meinen, erst die Julfeier, dann die Leute auf Urlaub geschickt, oder?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha. Und wann gingen wohl Ihre Leute auf Urlaub?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das muß...

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie sind doch sicher auch ein-, zweimal auf Urlaub gewesen in der Zeit.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

So um den 20. rum?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

So um den 20. rum, nehme ich an, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha. Und vorher war die Julfeier?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und dann bekamen infolge der Julfeier Klehr und der andere ihre drei Tage Arrest.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Ich weiß nur nicht, wann das nun abgesessen worden ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann wollte ich Sie noch was wegen des Professors Kremer fragen. Sie sind vorhin gefragt worden, ob Sie den Namen in Erinnerung hätten. Sie haben da nur eine verschwommene Erinnerung gehabt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich will Ihnen jetzt ein bißchen nachhelfen. Der Mann war nämlich Universitätsprofessor gewesen. Und es war doch sicher kein alltägliches Ereignis, daß unter den SS-Ärzten in Auschwitz ein Universitätsprofessor war. Ich glaube, es ist der einzige Fall, oder? Vielleicht noch Clauberg. Können Sie sich nicht an den Mann, und mit wem er zu tun hatte, erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich weiß, es war mal einer da. Wie er aussah und wie er hieß, weiß ich nicht mehr. Ob das nun Doktor Kremer war oder nicht, kann ich nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht mehr.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut. Ich habe keine weiteren Fragen, danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Zeuge, Sie haben Herrn Kollegen Ormond auf seine Frage, warum Sie sich haben versetzen lassen, geantwortet, weil Sie sonst seelisch zugrunde gegangen wären. Ja?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Da habe ich Sie recht verstanden. Woran wären Sie denn seelisch zugrunde gegangen? Können Sie uns das nicht etwas spezieller sagen? Wir sprechen schon heute seit frühmorgens von Ihrer Tätigkeit, aber ich glaube, die Frage ist berechtigt, daß Sie das spezifizieren sollten. Woran wären Sie seelisch zugrunde gegangen, wenn Sie weiterhin der Spieß, also in dieser Position geblieben wären?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, weil man so viel gesehen beziehungsweise gehört hat und wußte, daß das alles nicht in Ordnung war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Was haben Sie denn nun gesehen? Leider haben wir davon nichts von Ihnen gehört. Was haben Sie denn nun gesehen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war schon der ganze Betrieb, alles. Und man hat hinterher was gehört, was gesehen, das war nicht in Ordnung, das war nicht in Ordnung.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Was war nicht in Ordnung?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, was war nicht...

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und was bedeutet das:

»Nicht in Ordnung«? Können Sie uns dazu etwas Näheres sagen? Ich will nicht noch mal in die gleichen Ermahnungen verfallen. Sie sind sogar verpflichtet, nachdem Sie sich nun entschlossen haben auszusagen

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ja, das Ganze ist mir

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Das näher zu sagen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das fing schon von vornherein im Lager damit an, daß für die Häftlinge keine genügende Verpflegung da war, daß keine Behandlung möglich war und daß die auf gut deutsch schon von vornherein, will mal sagen, also

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Na, also?

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Eingehen mußten, nur weil das Primitivste nicht da war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nun, in Budy, wohin Sie kamen, war die Verpflegung und die Behandlung der Häftlinge ja auch wohl nicht wesentlich besser, wenn es sich nur um die allgemeine Behandlung handelte.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Wir kennen aus Budy – Sie sind ja danach gefragt worden, Sie haben gesagt, Sie wissen es nicht – Vorgänge, die also ganz erschütternd in der Hinsicht sind bezüglich der Behandlung der Frauen, die dort arbeiten mußten und die unter dem Kommando von Sittendirnen standen, die dorthin gewiesen waren. Der Broad hat sich in seinem Bericht, den er den Engländern gegeben hat, weit eingehender dazu geäußert, als Sie sich äußern. [Pause]

Also schön, ich möchte die Geduld des Gerichts nicht weiterhin so über Gebühr in Anspruch nehmen. Um bei der Versetzung zu bleiben:

Sie sagten, die wurde genehmigt. Wie verlief die technisch? Wer hatte die zu genehmigen, nachdem das nun also alles durchgestanden war zwischen Caesar und Clauberg und Oranienburg? Wer machte das? Das konnte doch nur eine Dienststelle machen, die klammermäßig über beiden Dienststellen stand.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja eben

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Sowohl über der Dienststelle, der Sie angehört hatten, nämlich dem Standortarzt, wie der Dienststelle, zu der Sie kommen sollten, nämlich der Landwirtschaft, die unter Doktor Caesar stand. Wer machte das?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das muß über die Inspektion5 gegangen sein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich möchte nicht wissen, worüber es gegangen sein muß. Das müssen Sie ja nun letzten Endes wissen, denn es ist ja Ihre ureigenste Angelegenheit gewesen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ich...

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wer machte das? Wer machte diese Versetzung?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also mir sagte damals der

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Von wem bekamen Sie die Genehmigung? Sie müssen doch von irgend jemand die Mitteilung bekommen haben.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Als dieser höhere SS-Arzt damals da war, der hat mir gesagt:

»Wilhelmy, Ihre Versetzung ist genehmigt.«

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von wem?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wahrscheinlich von ihm dann.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und das genügte? Daraufhin haben Sie Ihre Sachen genommen und

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Nein, nein, nein, das kam dann

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Sind abgezogen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das kam dann nachher schriftlich.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von wem kam es schriftlich? Von wem? Sie waren der Spieß. Auch für andere mußten Sie doch wissen, von wem das kam, von welcher Dienststelle.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das kam nachher über den leitenden Arzt6.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Was heißt über? Wer hat unterschrieben? Wissen Sie auch nicht. Wo die Ärzte eingesetzt wurden zu dem sogenannten Rampendienst – das Wort war Ihnen ja geläufig?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Das wurde durchgegeben von welcher Dienststelle?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das habe ich ja eben bereits erwähnt:

von der Kommandantur.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von der Kommandantur wurde das genehmigt

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, darf ich bitten, daß Sie etwas darauf achten. Da werden dauernd Fragen gestellt, die schon beantwortet sind

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Na

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Zum Beispiel diese Frage war auch schon

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

War eben nämlich nicht beantwortet.

 

Verteidiger Stolting II:

Diese Frage war auch schon längst beantwortet gewesen, auch wenn der Nebenklägervertreter schreit. Denn der Zeuge selbst hat gesagt:

»Ich habe das vorhin schon gesagt:

von der Kommandantur.«

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Das ist das Interessante. Er hat es nämlich nicht so gesagt. Er hat gesagt:

»Möglicherweise von der Kommandantur oder auch von der Lagerführung.« Und mir lag also daran, hier Klarheit hereinzubringen, woran dem Zeugen offenbar nicht gelegen ist.

Ich habe eine weitere Frage, Herr Zeuge. Ich komme zurück auf diese Verhinderung, auf diese Anweisung, die Entlassung zu verhindern von dem Häftling, dessen Vornamen Sie nur kennen, Kasimir. Wurde Ihnen die Anweisung von der Politischen Abteilung direkt gegeben?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Von dem

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ich widerspreche der Frage. Die Frage ist auch bereits beantwortet.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Nein, die Frage ist nicht beantwortet. Es kam eine Mitteilung von der Politischen Abteilung. Ich wünsche zu wissen, von wem direkt Sie diese Weisung bekommen haben.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Präsident, ich habe dieser Frage widersprochen. Und ich bitte doch, den Nebenklägervertreter darauf hinzuweisen, daß er nicht dauernd hier derartig zu schreien braucht, daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting, es ist vorhin geantwortet worden:

von der Politischen Abteilung.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Und zwar von Untersturmführer Grabner persönlich.

 

Vorsitzender Richter:

Grabner. Das hat der Herr Staatsanwalt Kügler bereits gefragt gehabt und hat auch den Namen Grabner gesagt bekommen. Das ist richtig.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

So. Entschuldigung.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wenn Grabner Ihnen diese Weisung gegeben hat, warum hatten Sie denn dann in dem Zusammenhang vor Mulka Angst?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wenn man auffällt, und das kommt dem Gerichtsoffizier zu Ohren, dann ist man ja dran.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja, das verstehe ich nicht. Können Sie mir das näher erklären?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, bitte

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich bin mit diesen Atmosphären wenig vertraut.

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Wenn irgend etwas im Lager vorkam bei den SS-Angehörigen, irgendein Vergehen, das ging ja dann zum Gerichtsoffizier, zur Aufnahme und so weiter.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Hielten Sie die Verhinderung einer offiziell erfolgten Entlassung für ein Vergehen, das gerichtsoffizierswürdig gewesen wäre?

 

Verteidiger Stolting II:

Ich widerspreche dieser Frage, das ist keine Tatsachenfrage.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aber sicherlich ist das eine Tatsachenfrage.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich bitte, darüber zu entscheiden, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Na, also

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich ergänze meine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Mußten Sie damit rechnen, wenn Sie eine offiziell angewiesene Entlassung in dieser Weise verhinderten, daß Sie dann von dem Gerichtsoffizier verfolgt werden würden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Darf ich die Frage noch mal hören?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Mußten Sie damit rechnen, wenn Sie diese offiziell angewiesene, legale Entlassung weisungsgemäß, wie Grabner es sagte, verhinderten, daß Sie dann einem Verfahren durch den Angeklagten Mulka ausgesetzt würden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, höchstens umgekehrt.

 

Vorsitzender Richter:

Umgekehrt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Wenn jetzt Grabner gesagt hätte:

»Mensch, dir habe ich gesagt«, oder:

»Ihnen habe ich gesagt, Sie sollen«, wenn er das festgestellt hätte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe ganz richtig gefragt, Herr Präsident. Ich habe gefragt, wenn Sie der Weisung von Grabner entsprechen, diese legale, angewiesene Entlassung verhinderten – wie Sie es ja getan haben offenbar durch Unterlassung –, mußten Sie dann damit rechnen, von dem Angeklagten Mulka als Gerichtsoffizier verfolgt zu werden?

 

Verteidiger Stolting II:

In dieser Form widerspreche ich der Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting, das ist aber nicht richtig. Denn der Zeuge hat uns gesagt, er hatte vor Mulka Angst, weil er Gerichtsoffizier war, nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun will der Rechtsanwalt Doktor Kaul wissen:

Was hatte denn der Gerichtsoffizier mit diesem Fall zu tun? Und da soll der Zeuge sagen, warum er Angst gehabt hat vor Mulka wegen dieses Falles.

 

Verteidiger Stolting II:

Aber Herr Präsident, das ist doch ganz klar. Wenn ein SS-Angehöriger einen Befehl, der ihm erteilt wird, nicht befolgt, dann muß er damit rechnen, daß er unter Umständen in ein Verfahren verwickelt wird, das der Gerichtsoffizier betreiben muß. Ich weiß gar nicht, was diese Frage soll.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Herr

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Wenn der Nebenklägervertreter selbst Soldat gewesen wäre, wüßte er das.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Na, also

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Doktor Stolting

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Meine Erfahrungen beruhen auf anderem Gebiet, und ich bin sehr erfreut, daß ich nicht auch noch diese Erfahrungen gemacht habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Doktor Stolting

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ich bin jedenfalls stolz darauf, daß ich Soldat gewesen bin.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Meine Herren

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Auf Ihre Tätigkeit als Sonderstaatsanwalt in Bydgoszcz, darauf sind Sie stolz

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, ich bitte doch, jetzt das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Meine Herren, ich entziehe jedem das Wort und bitte

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, ich stelle einen Antrag. Ich stelle den Antrag, zu Protokoll zu nehmen, daß der Nebenklägervertreter gesagt hat, ich sei stolz auf meine Tätigkeit als Sonderstaatsanwalt, und dann hat er ein polnisches Wort gebraucht, ich glaube, es war Bydgoszcz. Das bitte ich, zu Protokoll zu nehmen. Das ist nämlich eine ganz schwere Beleidigung, die ich hier festzuhalten bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich schließe mich diesem Antrag an, damit endlich einmal Schluß gemacht wird mit diesen dauernden unsachlichen Einwürfen, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen.

 

Verteidiger Stolting II:

Die unsachlichen Einwürfe kommen von der anderen Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Hüllen, bitte schreiben Sie ins Protokoll:

Der Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Doktor Kaul, rief dem

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Nein, dann, Herr Präsident, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich unterbreche, müssen Sie nun schon den ganzen Sachverhalt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rechtsanwalt Doktor Stolting, nachdem dieser erklärt hatte:

Ich bin stolz darauf, Soldat gewesen zu sein

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Einfacher Soldat.

 

Vorsitzender Richter:

Einfacher Soldat gewesen zu sein, zu:

Sie sind stolz auf

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

In Frageform.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie stolz auf

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Verzeihung, es ist nicht in Frageform gesagt worden, es ist gesagt worden:

»Sie sind stolz darauf.«

 

Nebenklagevertreter Kaul:

»Sind Sie auch stolz darauf«, so habe ich es gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Meine Herren, ich werde einen Augenblick unterbrechen, werde mir es vom Band abhören. Dann ist die Sache sehr einfach.7

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Richtig.

 

– Schnitt –

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Mußten Sie damit rechnen, von dem Angeklagten Mulka, so auch eben als Gerichtsoffizier, zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn Sie eine legale Entlassung eines Häftlings zu verhindern suchten? Denn das war ja der Vorgang.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Nicht doch im Gegenteil, Herr Landgerichtsrat.

 

Vorsitzender Richter:

Doch, Herr Rechtsanwalt, in etwa doch. Denn er hatte ja inzwischen einen gegenteiligen Befehl von dem Grabner bekommen.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Aber der war doch rechtswidrig, zweifellos.

 

Vorsitzender Richter:

Grabner hatte gesagt, wenn der Mann entlassen werden soll, dann teilen Sie mir das vorher mit. Das war ja nicht rechtswidrig, das dem Herrn Grabner mitzuteilen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Entschuldigen Sie, nein, ich habe es anders [+ verstanden]:

»Die Entlassung dieses Mannes muß verhindert werden, da er zuviel weiß. Informieren Sie mich sofort davon.«

 

Vorsitzender Richter:

Informieren Sie mich sofort davon.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Also das heißt, diese Information war nicht abstrakt, sondern mit dem Ziele, die legale Anweisung der Verhaftung zu verhindern oder zu durchkreuzen.

 

Vorsitzender Richter:

Der Entlassung.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Der Entlassung zu durchkreuzen.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Politische Abteilung hatte ja besondere Befugnisse in dem Lager. Und wenn die Lagerkommandantur den Mann entlassen wollte, war ja die Möglichkeit gegeben, daß die Politische Abteilung dagegen Einspruch einlegte beziehungsweise durch Beschwerde, oder was weiß ich sonst, auf welche Weise, diese Entlassung verhinderte, obwohl sie von dem Kommandanten ausgesprochen war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Also Herr Präsident, falls Sie Bedenken haben, was ich aus diesem Hinweis entnehme

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, es ist so

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Bin ich gern bereit, die Frage zurückzuziehen. Mir reicht bereits, daß er also vor dem Angeklagten Mulka Angst gehabt hat. Dann habe ich noch eine letzte Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie sprachen auf die Frage des Herrn Präsidenten von einem Standortarrestlokal. Wo war das Standortarrestlokal gelegen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das weiß ich heute nicht mehr. Ich war selbst nicht da gewesen, nicht drin gewesen. Ich weiß nicht, wo es gelegen war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich danke, ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Göllner.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge Wilhelmy, ist das Arrestlokal vielleicht im Keller der Kommandantur gewesen? Klehr behauptet, er habe nicht nur drei Tage, sondern sechs Tage in dem Keller der Kommandantur den Arrest [+ verbüßt]. Erinnern Sie sich jetzt vielleicht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Wo das Arrestlokal war, weiß ich nicht mehr. Aber ich glaube fast hundertprozentig zu wissen oder neunzigprozentig zu wissen, daß es nur drei Tage waren.

 

Verteidiger Göllner:

Gut. Auf die Frage über die Ausbildung der Sanitätsdienstgrade in den Lehrgängen in Oranienburg haben Sie geantwortet, es wären zunächst zwei Sanitätsdienstgrade gewesen. An einen könnten Sie sich erinnern, an Theuer.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Verteidiger Göllner:

Den anderen Namen wissen Sie nicht mehr. Wenn ich Ihnen den Namen Franke sage, erinnern Sie sich jetzt, ob das der zweite gewesen ist?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Darf ich Sie fragen, ob das ein Jüngerer war?

 

Verteidiger Göllner:

Das war

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Also mir ist einer in Erinnerung, ich weiß nicht mehr, wie er heißt. Er war jünger und war ziemlich klein und hat den Kopf etwas vorgehalten. Ob das nun Franke war, weiß ich nicht.

 

Verteidiger Göllner:

Nach der Schilderung Klehrs soll er diese Statur gehabt haben, soll also von kleiner Statur gewesen sein.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Verteidiger Göllner:

Und dann, sagten Sie, wären noch drei weitere Leute in Oranienburg in dieser Richtung ausgebildet worden, also für den Rampendienst und Krematorium, Verwendung von Zyklon B. Und da sagten Sie – auf die Frage, glaube ich, des Herrn Vorsitzenden oder auf die Frage des Herrn Staatsanwalts –, an den Namen Koch könnten Sie sich nicht mehr erinnern. Klehr sagt, da wären drei Leute gewesen, nämlich Koch, Schmunitzer und Wosnitzka. Bedeuten Ihnen diese Namen etwas?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Koch nicht, und

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Schmunitzer.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Und Wosnitzka.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Sie haben auf die Frage des Herrn Staatsanwalts Kügler nach einem Dienstplan für die Rampe gesagt, Sie wüßten das nicht. Beruht diese Antwort darauf, daß damals nur zwei SDGs für diesen Dienst eingeteilt waren und immer eben im Lager greifbar waren, [+ so] daß ein Dienstplan nicht eingerichtet war um diese Zeit?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das halte ich für sehr gut möglich. Aber hundertprozentig sagen kann ich es nicht.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, trifft es zu, daß Klehr nach dieser Arreststrafe Weihnachten 41 ein Versetzungsgesuch getätigt hat?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Das ist möglich, aber ich kann mich nicht mehr erinnern.

 

Verteidiger Göllner:

Eine letzte Frage bezieht sich auf den Komplex des Standortarztes Doktor Wirths. Herr Zeuge, wissen Sie noch, aus welchem Lager der Standortarzt Wirths kam, als er in Auschwitz eintraf?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Ich weiß nur, daß er meinen Nachfolger dort nachgefordert hat.

 

Verteidiger Göllner:

Ist es nicht so, daß Wirths zusammen mit Ihrem Nachfolger erschien und daß der schon praktisch als Ihr Nachfolger vorgesehen war und daß das in Wirklichkeit der Grund Ihrer Versetzung nach Budy war? Soll ich Ihnen den Namen nennen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Dem muß ich widersprechen. Also

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Verzeihung, ich will es Ihnen nur deshalb sagen, weil ich das aus früheren Aktenvorgängen kenne. Der Standortarzt Wirths soll aus Neuengamme gekommen sein und soll aus Neuengamme seinen Spieß praktisch mitgebracht haben, den Ontl.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ontl, ja.

 

Verteidiger Göllner:

Ist das richtig?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das ist richtig, aber

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Und Sie sollen dann nach dem Eintreffen von Wirths die Auflage bekommen haben, den Ontl einzuweisen und dann, nach der Einweisung, nach Budy zu gehen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, es war so, wie ich es vorhin gesagt habe. Doktor Wirths kam und sagte:

»Sie werden nicht freigegeben.« Und nach etwa 14 Tagen, drei Wochen sagt er:

»Wilhelmy, es hat keinen Zweck so. Ich lasse Sie gehen, wenn ich mich reingefunden habe. Helfen Sie mir bitte dafür noch, daß ich mich reinfinde.« Und dann hat er gleichzeitig mit diesem Gespräch damals Ontl angefordert, und der kam dann auch nach einer gewissen Zeit. Und dann – ich weiß jetzt nicht, wie lange, 14 Tage, drei Wochen [+ später] – wurde ich versetzt.

 

Verteidiger Göllner:

Also wurde Ontl praktisch Ihr Nachfolger?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Verteidiger Göllner:

Können Sie sich noch an Häftlinge erinnern, die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

An Schriftstücke?

 

Verteidiger Göllner:

An Häftlinge – Verzeihung, Herr Präsident – an Häftlinge erinnern, die unter Ihnen als Spieß gearbeitet haben? Kennen Sie Langbein?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Langbein.

 

Verteidiger Göllner:

Hat der unter Ihnen gearbeitet

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ja, ich habe mich nicht daran erinnern können. Nach diesem Artikel im »Spiegel«8, da habe ich 14 Tage ungefähr gebraucht, um zu wissen, was da eigentlich in Wirklichkeit los war. Ich habe mir das lang überlegt. Und zwar war da folgendes

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Was stand denn im »Spiegel« da über Sie?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, ich soll gesagt haben, daß, wer spricht, durch den Kamin geht oder so Ähnliches.

 

Vorsitzender Richter:

Was, wer?

 

Verteidiger Göllner:

Wer irgend etwas sagt über das, was er im Lager erlebt, sollte in den Kamin kommen, oder wie? Das hätten Sie gesagt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Soll ich gesagt haben. Und das hat nun folgenden Hintergrund. Ich weiß jetzt, daß damals, wie es auch im Artikel steht, Doktor Wirths einen Schreiber haben wollte, dem er flott diktieren könnte. Und da hat er diesen zur Abteilung überstellen lassen. Der war wohl hinten im Krankenbau, ich weiß es nicht. Und da hat Doktor Wirths mir gesagt:

»Wenn der kommt, zeigen Sie dem, wie das mit dem Papierkrieg läuft, und sagen Sie ihm, daß er ja nichts spricht.« Ich sollte ihm mehr oder weniger sagen, wenn etwas vorkommt, daß ihm dann was passieren kann, daß es sehr gefährlich ist.

Und das habe ich dann getan, und vielleicht ist mir das rausgerutscht. Aber das war mit dem Hintergrund, weil ich ja schon das mit dem anderen Häftling im Krankenbau erlebt hatte, daß ich Angst hatte – oder ich wollte ihn, wie kann man sagen, warnen, daß er da keinen Mist macht.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, Sie haben auf die Frage des Eintreffens von Doktor Wirths dem Herrn Vorsitzenden geantwortet:

»Doktor Wirths kam im dritten Viertel 1942 nach Auschwitz.« Könnten Sie sagen, welche Erinnerungsmittel Sie für diese Angabe besitzen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Erinnerungsmittel habe ich keine. Das ist

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Herr Zeuge, erinnern Sie sich, daß vor dem Eintreffen des Doktor Wirths eine Typhus-Epidemie im Lager ausgebrochen war und daß im Juli 42 eine Lagersperre angeordnet wurde? Ein solcher Kommandanturbefehl datiert vom 23.7.42 und vom 13.8.429.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, wie Sie das eben sagen, fällt es mir ein. Wegen Fleckfieber

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

War das nicht eigentlich der Grund, weshalb Doktor Wirths nach Auschwitz kam, um diese Epidemiefolgen gänzlich zu beseitigen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das war wohl mit der Grund gewesen.

 

Verteidiger Göllner:

Könnten Sie jetzt noch etwa sagen, wann Doktor Wirths tatsächlich in Auschwitz erschien?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Es war, als er kam, noch schönes Wetter. Das weiß ich. Die Sonne schien, es war warm. Es kann September gewesen sein, aber auf den Tag oder auf einen engeren Zeitraum kann ich mich nicht besinnen.

 

Verteidiger Göllner:

Wissen Sie denn genau, wann Sie nach Budy kamen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, ich kam nicht direkt nach Budy, sondern hatte erst ein Behelfsquartier außerhalb des Lagers. Und da wurde in Budy das Haus, das an der Straße stand, erst ausgebaut. Und das bezog ich, soviel ich weiß, erst im Februar oder März 43.

 

Vorsitzender Richter:

Und vorher? Sie sind doch schon im Herbst 42 weggekommen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja. Da sollte nun eine Baumschule angelegt werden, und das Gelände war da, aber noch kein Wohnraum und nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Göllner will ja nur wissen, wo Sie da untergebracht waren in der Zwischenzeit. [...] War das außerhalb des Lagers?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also im Lagerbereich war es noch.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lagerbereich war es noch.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, und zwar

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In der Nähe von Budy?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein. Nein. Das war im...

 

Vorsitzender Richter:

Aber außerhalb des Stammlagers?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Außerhalb des Stammlagers, ja.

 

Verteidiger Göllner:

Ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Präsident, es ist mir vorhin entgangen, ob der Zeuge gesagt hat, wann dieser Vorfall mit diesem Häftling, der zur Entlassung angestanden haben könnte, und wo er die Anweisung

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, er hat keine Zeit angegeben.

 

Verteidiger Stolting II:

Er hat keine Zeit angegeben?

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Dann darf ich ihn danach fragen. Herr Wilhelmy, wissen Sie, wann dieser Vorfall etwa gewesen ist?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das muß 42 gewesen sein.

 

Verteidiger Stolting II:

Wann 42?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Ja, ich nehme an, daß der Auftrag im ersten Viertel erfolgt ist und die Entlassung im Sommer. Genaue Zeitdaten weiß ich auch nicht mehr.

 

Verteidiger Stolting II:

Ist Ihnen etwas darüber bekannt, ob in diesem Zeitpunkt der Angeklagte Mulka überhaupt Gerichtsoffizier gewesen ist?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich widerspreche dieser Frage, Herr Präsident, denn die ist beantwortet. Der Zeuge hat ausdrücklich gesagt:

»Ich blieb dann weg, weil ich Angst hatte vor Mulka als Gerichtsoffizier. «

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das ist richtig. Herr Doktor Stolting, Sie wollen nun die Tatsache wissen, ob er tatsächlich Gerichtsoffizier gewesen ist

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

In jenem Zeitpunkt, genau.

 

Vorsitzender Richter:

Während der Zeuge gesagt hat:

»Ich hatte Angst vor ihm als Gerichtsoffizier.«

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, ja. Das ist doch ein Unterschied.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist ein Unterschied. Das eine ist die subjektive, das andere die objektive Seite. Das ist schon richtig. Aber ich weiß nicht, ob dem Zeugen die Ernennungsurkunden über die Ernennung des Gerichtsoffiziers zugänglich gewesen sind, ob er das weiß. Haben Sie denn

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, ich lasse mit Rücksicht auf Ihren Hinweis diese Frage fallen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich habe noch eine andere Frage:

Herr Wilhelmy, Sie haben bei den Fragen, die seitens des Herrn Vertreters der Anklagebehörde an Sie gestellt wurden, gesagt, daß Ihnen der Unterschied zwischen dem Begriff »streng« und dem Begriff »scharf« bekannt sei.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich bitte Sie nun, diesen Unterschied einmal näher zu definieren, so wie Sie ihn verstehen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, unter [Pause] Herr Verteidiger, Sie meinten scharf und streng?

 

Verteidiger Stolting II:

Streng und scharf, das hat Sie der

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Streng und scharf

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Staatsanwalt gefragt.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also streng, das wäre bei mir, wenn einer nach dem Paragraphen geht, und scharf, wenn einer noch selbst mit dazu hilft, was zu finden.

 

Verteidiger Stolting II:

Schön. Hat nun der Angeklagte Mulka nach Ihren Erfahrungen etwas Besonderes gesucht oder etwas Besonderes suchen wollen oder Besonderes gefunden und sich dadurch als scharf erwiesen?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Präsident, ich widerspreche dieser Frage. Die Frage ist bereits beantwortet – eben durch den Frage- und Antwortwechsel mit dem Herrn Vertreter der Anklage, Herrn Staatsanwalt Kügler. Der Zeuge hat klar und eindeutig gesagt, er hielt den Angeklagten Mulka für scharf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und nun möchte der Doktor Stolting wissen, worauf sich diese Meinung gründet, ob er irgend uns Tatsachen angeben kann, die diese Meinung rechtfertigen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Tatsachen kann ich keine anführen, das war eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Keine anführen

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Rein gefühlsmäßige Angelegenheit.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Im übrigen, Herr Doktor Stolting, was Ihre Frage vorhin anbelangte an den Zeugen, haben wir ja hier wenigstens einen fragmentarischen Teil eines Standortbefehls vorliegen. Oder heißt es Sonderbefehl? Das kann ich jetzt nicht genau sehen. Der muß erlassen worden sein in der Zeit nach dem 30.6.42, und da steht folgendes drin:

»Der bisherige stellvertretende Adjutant, SS-Obersturmführer Mulka, übernimmt mit sofortiger Wirkung die Stellung des Stabsführers im KL Auschwitz. In dieser Eigenschaft führt und leitet er die gesamten Dienstgeschäfte des Kommandanturstabs. Es sind ihm unterstellt:

erstens, die Adjutantur« und so weiter, »drittens, die Gerichtsabteilung als Gerichtsoffizier.«10

 

Verteidiger Stolting II:

Nach dem 30.6.42, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem 30.6.42. Es ist da noch etwas dazugeschrieben, was ich aber nicht recht entziffern kann, vom 8.5.42. Da muß ich mal nachsehen, ob ich da in den Akten – würden Sie mir mal 8.773 der Akten bringen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Das ist die Ernennung zum Adjutanten, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Ich verstehe nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Im Mai, 8.5., das war die Ernennung zum Adjutanten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das geht aber aus dieser Urkunde nicht hervor.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Das ist, glaube ich, bezogen... ja, ja. Wir wissen aber – wir haben andere Urkunden –, am 8.5 ist der Angeklagte Mulka zum Adjutanten ernannt worden. Und ich nehme an, daß darauf noch Bezug genommen wird, daß dadurch das Datum da reingekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist aber auf dieser Urkunde handschriftlich zugesetzt, ich nehme an, von dem Herrn Staatsanwalt. Denn auf der Fotokopie war es nicht

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, es ist leider etwas passiert mit diesen Urkunden, und zwar folgendes:

Ich hatte den Herrn Staatsanwalt Kügler gefragt, ob ich dem Angeklagten Mulka diese Fotokopien aushändigen dürfe zur Einsichtnahme. Der Staatsanwalt Kügler hat mir das gestattet. Daraufhin habe ich es dem Angeklagten Mulka gegeben, und leider hat er in einige Urkunden etwas reingeschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich kann leider dafür nichts. Ich habe vorher

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wir haben ja die Originale noch da.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich möchte ausdrücklich sagen, daß ich vorher den Herrn Staatsanwalt um die Genehmigung gebeten hatte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darf ich nur fragen, Herr Rechtsanwalt, sind das jetzt die Originale [unverständlich]

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Nein, das sind die Fotokopien, die ich hatte. Ich hatte ja die Originale gar nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Bekam die Staatsanwaltschaft davon Mitteilung, als sie die Dokumente zurückbekam, daß der Angeklagte Mulka dort was reingeschrieben hat, oder hören wir das jetzt zum erstenmal?

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß es nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich auch nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich auch nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Präsident, ich verbitte mir das jetzt ein für allemal. Was soll das »Aha« jetzt heißen? [Gelächter im Gerichtssaal]

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte, hier nicht zu lachen. Herr Doktor Stolting, da ich den Ausdruck nicht geprägt habe, kann ich Ihnen die Frage auch nicht beantworten.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, aber das ist eine völlig unsachliche Bemerkung, Herr Präsident. Und ich darf doch darum bitten, daß das Gericht derartige unsachliche Ausdrücke und Bemerkungen hier unterbindet. Denn die kommen in der Regel nur von der anderen Seite.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich bin bereit, Herr Präsident, das Wort »Aha«, das unmittelbar erfolgte, eingehend zu begründen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich meine, daß es selbstverständliche Pflicht gewesen wäre eines Verteidigers – so, wie ich die anwaltliche Tätigkeit auffasse mit allen meinen Kollegen –, wenn ich die Erlaubnis bekomme von der Anklagebehörde, gewisse Dokumente dem Angeklagten zu überlassen, und sie kommen verändert zurück, die Gegenseite, wenn ich mich so ausdrücken darf, zumindest die Staatsanwaltschaft, darüber zu unterrichten.

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ich habe es nicht nötig, mich von diesem Herrn in irgendeiner Weise belehren zu lassen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich bin noch gar nicht fertig mit der Begründung. Eben weil ich von der Voraussetzung ausgehe, daß Herr Rechtsanwalt Stolting annimmt, sich über diese eigentlich selbstverständlichen Dinge nicht belehren zu lassen, war das Wort »Aha« durchaus am rechten Platz, weil er diese selbstverständliche Pflicht versäumt hat.

 

Vorsitzender Richter:

So. Das ist die Begründung dafür gewesen, und nun würde ich

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, ich habe darum gebeten, daß das zurückgewiesen wird.

 

Vorsitzender Richter:

Das »Aha«?

 

Verteidiger Stolting II:

Das »Aha«, ja. Ich bin auch der Auffassung, Herr Präsident, wenn ich Ihre Aufmerksamkeit mal darauf lenken darf:

Es wird fortgesetzt, wenn dem Nebenklägervertreter Kaul etwas nicht paßt oder wenn es ihn erfreut, gelacht, es wird in der Nase herumgebohrt, in dem Stil. Ich bin der Auffassung, daß die Verteidigung nicht hier sitzt, um sich diese Dinge fortgesetzt anzusehen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Das ist unter meiner Würde, mich [unverständlich]

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Ja, das ist [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Meine Herren, an den Zeugen sind keine Fragen mehr zu stellen? Doch. Herr Rechtsanwalt Erhard.

 

Verteidiger Erhard:

Herr Wilhelmy, erinnern Sie sich noch an das, was Sie uns erzählt haben über den Vorgang, als Sie sahen, daß Menschen, Häftlinge oder andere in den Hof des Krematoriums gebracht wurden und sich dort ausziehen mußten? Haben die dort sich da länger aufgehalten, oder was machten die dort?

 

Vorsitzender Richter:

Das hat der Zeuge schon beantwortet. Der Zeuge hat gesagt:

»Die Leute mußten sich ausziehen und wurden dann in den Raum da hineingetrieben.«

 

Verteidiger Erhard:

Ja, ich wollte wissen, wie lange sie sich dort eventuell auszogen oder ausgezogen aufhielten.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, also Herr Rechtsanwalt

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Ist das irgendwie von Ihnen beobachtet worden?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein, die Zeit nicht.

 

Verteidiger Erhard:

Haben Sie gesehen, daß dann ein Teil der Leute in diesem Hof zurückgehalten wurde?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Verteidiger Erhard:

Haben Sie gesehen oder gehört, daß in diesem Hof bei solchen Gelegenheiten geschossen wurde?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Verteidiger Erhard:

Danke. Das war wegen der Aussage Müller von Erfordernis.

 

Verteidiger Naumann:

Ich habe noch eine Frage. Herr Wilhelmy, können Sie sich an den Lagerarzt Doktor Entress erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Verteidiger Naumann:

Können Sie sagen, ob dieser Doktor Entress zu den SDGs oder überhaupt zu den SS-Angehörigen ein sehr scharfer Vorgesetzter war, oder war das mehr ein kameradschaftlicher Mann?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil er teilweise recht kameradschaftlich war und auch andererseits etwas straffer. Beispiele kann ich nicht angeben, ich gebe Ihnen das so wieder, wie ich ihn in Erinnerung habe.

 

Verteidiger Naumann:

Na ja, es muß sich aber auf Beobachtungen stützen. Sie müßten also sagen können, bei diesen Gelegenheiten war er kameradschaftlich und bei anderen anders.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Also mir gegenüber war er immer kameradschaftlich und

 

Verteidiger Naumann [unterbricht]:

Auch zu den kleineren SS-Unterführern?

 

Vorsitzender Richter:

Zu denen gehörte er ja, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Naumann:

Nein, nein. Immerhin, als Oberscharführer war er [+ im Verhältnis zu] den Unterführern schon ein gehobener Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Er war ja nicht immer Oberscharführer.

 

Verteidiger Naumann:

Na ja.

 

Vorsitzender Richter:

Er war doch ein einfacher Sturmmann gewesen.

 

Verteidiger Naumann:

Na schön, dann wollen wir mal fragen:

Haben Sie mit dem Doktor Entress schon als einfacher Sturmmann zu tun gehabt?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Das entzieht sich leider meiner Erinnerung.

 

Verteidiger Naumann:

Ja. Na ja, das wollte ich eigentlich auch nicht wissen. Sondern ich wollte wissen, worauf sich Ihre Beobachtung stützt, weil Sie teilweise sagen, Ihnen gegenüber war er kameradschaftlich. Nun habe ich weiter gefragt, den kleineren SS-Unterführern gegenüber war

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Ich weiß nur, daß er, wenn er etwas durchsetzen wollte, auch, wollen wir sagen, strenger sein konnte.

 

Verteidiger Naumann:

Danke schön.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Bitte sehr.

 

Richter Hotz:

Herr Wilhelmy, noch eine Frage:

Sind Sie jemals in Block 10 gewesen im Lager, im Schutzhaftlager?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ist das der

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Der sogenannte Clauberg-Block.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Richter Hotz:

Nein?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Adjutanten Mulka mal im Lager gesehen, im Stammlager?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nicht, daß ich mich erinnere.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Wilhelmy, Sie sagten, daß Sie trachteten, von Ihrer Stelle als Spieß beim Standortarzt wegzukommen, weil Sie befürchteten, daß Sie da seelisch zugrunde gehen. Auf die Frage des Herrn Nebenklägers, warum Sie wohl da seelisch zugrunde gegangen wären, was die Gründe seien, haben Sie eine Antwort gegeben, die mir nicht so recht verständlich erscheint. Ich will Sie daher mal folgendes fragen:

Haben Sie unter den Menschen, die in dem Vorhof des Krematoriums waren und dann in die Gaskammer gehen mußten, auch Kinder gesehen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

[Pause] Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daran können Sie sich nicht erinnern?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sagen Sie, Herr Wilhelmy, als Sie diese Wahrnehmungen machten und also nun genau wußten, was mit diesen Leuten geschah, was haben Sie sich denn nun damals gedacht, was das ist?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, in welcher Beziehung

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Haben Sie gedacht, daß das eine, wie es damals möglicherweise formuliert worden ist, eine Maßnahme zur Erreichung irgendwelcher politischer Zwecke ist oder so etwas Ähnliches? Oder ist damals in Ihren Gedanken ganz schlicht das Wort Mord aufgetaucht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nicht grade Mord, aber man kann ruhig sagen, ja. Und da habe ich nur als das einzige betrachtet, daß ich da rausmuß.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ich wäre Ihnen schon dankbar, Herr Wilhelmy, wenn Sie das mal genauer formulieren würden, was Sie damals gedacht haben. Sie haben mir eben auf die Frage, ob Sie gedacht haben, das sei Mord, gesagt:

»Nicht so ganz.« Ja, wie denn? Totschlag, oder? [Pause] Können Sie dazu

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Jedenfalls war es rechtswidrig, und es...

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie das damals gedacht, daß es rechtswidrig ist?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Daß es rechtswidrig sein muß.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie damals gedacht?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun, sagen Sie

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Das bekam ja alles einen schönen Namen, bekam ein Mäntelchen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, wie hieß denn der Name damals? Das würde mich mal interessieren.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich glaube, »Sonderbehandlung«.

 

Staatsanwalt Kügler:

»Sonderbehandlung«.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Da wußte aber doch jeder, was damit gemeint ist.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Wilhelmy, nun würde mich noch einmal folgendes interessieren:

Sind Ihnen damals Fälle bekannt geworden, wo Ärzte oder Sanitätsdienstgrade oder auch sonst irgendwelche Angehörige der SS protestiert haben, gesagt haben, das will ich nicht mitmachen, offiziell?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Offiziell nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Offiziell nicht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Es wurde nur so gesprochen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ich weiß, die Ärzte versuchten alle, nach Möglichkeit wieder wegzukommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Auf direktem Wege war es wohl kaum möglich. Da haben Sie es dann irgendwie auf andere Weise versucht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben sie es auf andere Weise versucht.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie dort in Auschwitz auch an sogenannten Schulungen, Schulungsabenden teilnehmen müssen, in denen also weltanschaulich ausgerichtete Vorträge gehalten wurden? [Pause] Herr Wilhelmy, ich möchte Sie folgendes fragen:

Ist Ihnen das möglicherweise mal in einer Besprechung, sei es mit dem Standortarzt, sei es auf anderer Ebene, gesagt worden, was »Sonderbehandlung« ist, warum das angeblich gemacht werden müsse und dergleichen? Ist Ihnen das mal gesagt worden? Ist das alles so still unter der Hand vor sich gegangen?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Ja, das...

 

Staatsanwalt Kügler:

Daß man einfach gesagt hat:

»Sonderbehandlung«, das und das muß geschehen.

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Herr Staatsanwalt, da war keine Besprechung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Da war keine Besprechung. Jedenfalls an Schulungsabende oder so etwas können Sie sich

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Also, es waren [Pause]

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich an den Herrn Knittel erinnern, der da Schulungen

 

Zeuge Anton Wilhelmy [unterbricht]:

Knittel, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie da an solchen Schulungsabenden teilgenommen? Sagen Sie, hat auch der Adjutant solche Schulungsabende veranstaltet?

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daran können Sie sich nicht [+ erinnern].

 

Zeuge Anton Wilhelmy:

Nicht in Erinnerung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind:

Haben die Angeklagten selbst noch Fragen oder Erklärungen abzugeben? Nein. Werden bezüglich der Beeidigung Anträge gestellt?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja, 60, Ziffer 3.

 

Staatsanwalt Kügler:

60, Ziffer 3.

 

Vorsitzender Richter:

Einverstanden. Es ergeht Beschluß, der Zeuge bleibt gemäß Paragraph 60, Ziffer 3 der Strafprozeßordnung unvereidigt, da er der Beteiligung an den Taten, die den Gegenstand dieses Verfahrens bilden, verdächtig erscheint. Sie können gehen in allseitigem Einverständnis.

 

– Schnitt –

 

 

1. Siehe den Artikel von Hermann Langbein:

»Wer redet, geht durch den Kamin«. Häftling Nr. 60 355 in Auschwitz, in: DER SPIEGEL, Nr. 12, 18.03.1964, S. 63.

2. In Oranienburg war der Sitz der »Inspektion der KL«, die seit August 1940 dem SS-Führungshauptamt und ab März 1942 dem Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unterstellt war.

3. Staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 12.10.1963 in Neu-Wulmstorf, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.723-13.729.

4. Amt W V des Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes:

Land-, Forst-, Fischwirtschaft.

5. »Inspektion der KL«, seit August 1940 dem SS- Führungshauptamt und ab März 1942 dem SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unterstellt.

6. SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, Amt D III.

7. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 21.01.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 106, Bl. 1.080 f.

8. Siehe den Artikel von Hermann Langbein:

»Wer redet, geht durch den Kamin«. Häftling Nr. 60 355 in Auschwitz, in: DER SPIEGEL, Nr. 12, 18.03.1964, S. 63.

9. Standort- und Kommandanturbefehle, S. 155. Ein Kommandanturbefehl vom 13. August 1942 findet sich in der Dokumentensammlung »Standort- und Kommandanturbefehle« nicht.

10. Vgl. Kommandantursonderbefehl, von den Herausgebern auf 6. Juli 1942 datiert, in:Standort- und Kommandanturbefehle, S. 148.

11. Siehe den Artikel von Hermann Langbein: »Wer redet, geht durch den Kamin«. Häftling Nr. 60 355 in Auschwitz, in: DER SPIEGEL, Nr. 12, 18.03.1964, S. 63.

12. Standort- und Kommandanturbefehle, S. 155. Ein Kommandanturbefehl vom 13. August 1942 findet sich in der Dokumentensammlung »Standort- und Kommandanturbefehle« nicht.

13. Kommandantursonderbefehl, von den Herausgebern auf 6. Juli 1942 datiert, in:

Standort- und Kommandanturbefehle, S. 148.

 

 
 
 
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