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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

90. Verhandlungstag, 17.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Willy Wildermuth

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Wildermuth, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Willy.

 

Vorsitzender Richter:

Arthur Willy?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Willy ist der Rufname. Sie sind wie alt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

60.

 

Vorsitzender Richter:

Verheiratet?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Gerbereiarbeiter.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Oppenweiler.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Wildermuth, zunächst Ihren Werdegang: Sie sind in Ludwigsburg geboren, haben nach Beendigung der Schule eine Lehre als Schmied durchgemacht und waren dann Arbeiter in einer Gerberei, in der Sie heute noch beschäftigt sind.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Im Jahre 1940 haben Sie sich freiwillig zur SS gemeldet. Stimmt das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden dann uk gestellt, kamen zu Ihrer Firma zurück. Und wann sind Sie erneut eingezogen worden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

41.

 

Vorsitzender Richter:

41, und zwar in welchem Monat?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

April.

 

Vorsitzender Richter:

Im April 41. Und wo kamen Sie da hin?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Direkt nach Auschwitz. Und sind dort geblieben bis?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Kriegsende.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bis zum Januar 45.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Bis 45.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, als das Lager geräumt wurde, kamen Sie zunächst nach Dora, dann nach Oranienburg, und schließlich sind Sie am 4. Mai in amerikanische Gefangenschaft geraten, waren dann in Ludwigsburg im Internierungslager, wurden aber dort sehr bald wieder entlassen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Stimmt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt. Als Sie 1941 nach Auschwitz kamen, wo sind Sie da hingekommen, in welche Einheit?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Zur 4. Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Zur 4. Wachkompanie. Und wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

42, ausgangs 42/43.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte? Bis ausgangs 42?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Anfang 43.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 43. Sie haben bei Ihrer Vernehmung am 17. Mai 61 gesagt, Sie wären sechs Monate dort gewesen, bei der Wachkompanie.1

 

Zeuge Willy Wildermuth:

War ich in Oranienburg, sechs Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, wir sind jetzt in Auschwitz. Und Sie sind nach Auschwitz hingekommen, wie Sie uns sagten, im April 41.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun sagen Sie heute, bis Ende 42, etwa auch anfangs 43, waren Sie dann bei der Wachkompanie.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Bei der Wachkompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt. Da war das also, was Sie früher mit den sechs Monaten gesagt haben, nicht ganz richtig. Und wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dann kam ich in die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

In die Fahrbereitschaft. Nun, wie Sie noch bei der Wachkompanie waren, hatten Sie da mal eine Strafe?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar was haben Sie getan gehabt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe es hier schriftlich. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es schriftlich. [Pause] Danke schön. Obersturmführer und Kompaniechef. Wer war der Obersturmführer und Kompaniechef? Kollmer?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Kollmer.

 

Vorsitzender Richter:

Kollmer. Also da ist ein Schreiben an den Schützen Wildermuth: »Ich bestrafe Sie gemäß DBO für den mobilen Zustand, § 8 Absatz C Ziffer 4, mit zehn Tagen [verschärftem] Arrest und anschließend sechs Wochen Ausgangssperre, weil Sie trotz wiederholt ausdrücklicher Wachbelehrung am 2.10.41 Ihren Posten beim Kommando Schulz verlassen haben, in Dwory, Gleisbau. Begründung: Sie waren am 2.10.41 beim Kommando Schulz, Gleisbau Dwory, als Posten eingestellt. Um die laufenden Arbeiten fortsetzen zu können, wurden Sie von einem Zivilarbeiter beauftragt, das Gleismaß in der nahegelegenen Schmiede durch einen Häftling holen zu lassen. Statt das fragliche Gleismaß in der Schmiedewerkstätte zu holen und sofort zu Ihrer Arbeitsstelle zurückzukehren, sind Sie mit dem Häftling in die Ortschaft Dwory gegangen und haben in seinem Beisein« oder »und haben in Ihrem Beisein«, heißt es aber, »den Häftling Lebensmittel von der Zivilbevölkerung entgegennehmen lassen. Sie selbst haben sich Eier angeblich für einen kranken SS-Kameraden gegen Bezahlung besorgt. Erst nach Erledigung dieser Ihre Pflicht verletzenden Handlung haben Sie sich mit dem Häftling zu Ihrem Arbeitsplatz zurückbegeben. Während des Wegs wurden Sie von Ihrem Kompaniechef SS-Obersturmführer Kollmer und SS-Obersturmführer Schwarz, Schutzhaftlagerführer, angetroffen. Trotz Ihrer bisherigen guten Führung und eifrigen Teilnahme am Dienst betrachte ich es als meine Pflicht, Sie mit dem höchsten Strafmaß eines Kompaniechefs zu bestrafen. Der Führer der 4. Kompanie: SS-Sturmbann KL Auschwitz.«

Ja. Deshalb sind Sie also zehn Tage bestraft worden und haben diese Strafe im Bunker beziehungsweise nicht im Bunker, sondern im Kommandanturgebäude abgesessen. Stimmt's?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, als Sie bei der Wachkompanie waren, haben Sie auch Postendienst versehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wo?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das sind verschiedene Kommandos gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren Sie auf Wachtürmen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie in der Großen Postenkette?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

War ich auch, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch Häftlingskommandos betreut? Offensichtlich, denn das geht ja aus dieser Strafverfügung hervor. Ja?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, während dieser Zeit, in der Sie dort waren, haben Sie in dieser Zeit auch erlebt, daß Häftlinge flüchten wollten?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder geflohen sind?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie erlebt, daß SS-Leute Mützen von den Häftlingen weggeworfen haben und ihnen befohlen haben, die Mützen zu holen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben auch nicht erlebt, daß Leute »auf der Flucht« erschossen worden sind?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, zum Teil sind die erschossen worden. Aber da war ich nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt »nicht dabei«? Sie haben selbst nicht geschossen, oder haben Sie es nicht gesehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe nicht geschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben nicht geschossen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber gesehen haben Sie es?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Na, wie spielte sich denn so eine Flucht ab, eine Erschießung »auf der Flucht«?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, der ist aus dem Postenbereich raus, da hat der Posten geschossen nach ihm.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun wußte doch der Häftling, wenn er aus dem Postenbereich herausgeht, daß dann nach ihm geschossen wird. Warum ist er denn da rausgelaufen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man ihn vielleicht durch irgendeine Handlung dazu veranlaßt, daß man ihm Befehl gegeben hat, dorthin zu laufen, oder daß man ihm den Befehl gegeben hat, etwas zu holen dort oder so? Oder ist er aus freien Stücken dorthin gelaufen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

War der Mann in Ihrem Kommando, der da hinausgelaufen ist?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht in Ihrem Kommando?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wieso konnten Sie es dann sehen? Bei welcher Gelegenheit geschah denn das? Was taten Sie denn da?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich war im anderen Kommando gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie damals auch ein Kommando zu führen, oder?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie bei der Postenkette?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

War bei der Postenkette.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren bei der Postenkette. Und da lief einer heraus. Und warum haben Sie nicht geschossen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Hat ein anderer gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Hat ein anderer gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Hat ein anderer gemacht. Sie wissen ja, daß Sie das Recht haben, die Antwort auf solche Fragen zu verweigern.

Nun, hatten Sie eine Instruktion, was Sie tun sollten, wenn Leute den Versuch machten zu fliehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Ihnen die Instruktion mitgeteilt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Kompaniechef.

 

Vorsitzender Richter:

Der Kompaniechef. Und wohin ging diese Instruktion? Was sollten Sie machen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Sobald der Häftling aus der Postenkette geht, zu schießen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht die Instruktion gehabt, Sie sollten die Leute erst anrufen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, ist gegeben worden bei der SK-Kompanie, ohne Anruf zu schießen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie war das? Bei der SK-Kompanie?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Strafkompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Strafkompanie. Was ist mit der Strafkompanie? Die haben wir bisher hier noch gar nicht erlebt. [Pause] Sie waren doch bei der Postenkette, nicht, bei der Großen Postenkette. Und innerhalb der Großen Postenkette waren doch allerhand Leute. Da waren Leute von der Strafkompanie und Leute von dem Block 1, 2, 3 und so weiter. Und die Leute wurden dann mit Kommandos hinausgeführt. Und nun will ich wissen, was Sie für eine Instruktion hatten. Ob die Instruktion dahin ging, die Leute erst anzurufen, oder ob sie nicht anzurufen brauchten, sondern gleich schließen konnten.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wir haben den Befehl bekommen von der Großen Postenkette, ohne Anruf zu schießen.

 

Vorsitzender Richter:

Ohne Anruf zu schießen.

 

Zeuge Anton Siebald:

Die von der Strafkompanie, die Häftlinge.

 

Vorsitzender Richter:

Auf die Häftlinge, die von der Strafkompanie kamen?

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Die Häftlinge, ja. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da waren aber doch auch noch andere Häftlinge außer denen von der Strafkompanie. Was sollten Sie denn mit denen machen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da weiß ich nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Da wissen Sie nichts. Und sollten Sie dann gleich gezielte Schüsse abgeben, oder sollten Sie Warnschüsse abgeben? [Pause]

Also kurz und gut, Sie haben zwar gesehen, daß andere in solchen Fällen geschossen haben – wie viele Fälle waren denn das ungefähr, die Sie da erlebt haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Einmal habe ich es gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal. Ist gegen Sie auch mal ein Tatbericht eingereicht worden, weil Sie geschossen haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Wissen Sie, ob ein SS-Mann – oder haben Sie das gesagt bekommen –, der einen Häftling »auf der Flucht« erschossen hat, eine Sondervergünstigung bekam, zum Beispiel einen Tag Urlaub oder so etwas?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da weiß ich nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Davon wissen Sie nichts. Nun, dann kamen Sie also zur Fahrbereitschaft, und wann war das ungefähr? Sie meinten Ende 42, Anfang 43. Stimmt das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieviel Mann umfaßte damals die Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Kann ich kein genaues Bild geben.

 

Vorsitzender Richter:

Also auf die Zahl genau will ich das nicht wissen. Ich habe gesagt, ungefähr. Sie haben mal gesagt, ungefähr 20 Mann stark wäre sie gewesen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

So ungefähr, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Fahrzeuge?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Zwölf, 15.

 

Vorsitzender Richter:

15. Und wer war der Leiter der Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wiegand.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war sein Vertreter? [Pause] Heger.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Heger.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie gefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Zuerst habe ich einen MAN bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie bekommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ein MAN-Fahrzeug.

 

Vorsitzender Richter:

Einen MAN, ja? Und wie lange haben Sie ihn gefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Mit dem bin ich nicht lang gefahren, habe ich gleich einen Unfall gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich verstehe kein Wort. Was?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Mit dem Wagen bin ich nicht lang gefahren, da habe ich gleich einen Unfall gehabt.

 

Richter Hotz:

Unfall.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Sie einen Unfall hatten. Was haben Sie dann bekommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da ist der Wagen entzogen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie dann bekommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dann habe ich ein anderes Fahrzeug bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was zum Beispiel?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ein amerikanisches Fahrzeug.

 

Vorsitzender Richter:

Ein amerikanisches Fahrzeug. Und wie lange haben Sie Lkw gefahren? Bis zum Schluß?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Bis zum Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nicht ganz bis zum Schluß, bis 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 44?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ausgangs 44.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war dann?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dann war ich so dort.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dann war ich so dort, in der Praga-Halle.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie so dort?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

In der Praga-Halle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was verstehe ich unter »so dort«? Sind Sie da spazierengegangen oder was?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ab und zu habe ich mal wieder ein Fahrzeug zu fahren bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und im übrigen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Habe ich nichts getan.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nichts getan. Scheint mir alles sehr glaubhaft. Nun weiter. Wo war denn die Praga- Halle?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Außerhalb vom Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt, in der Nähe des Bahnhofs.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl, in der Nähe vom Bahnhof.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun ja, ich glaube, wir können von Ihnen nicht viel hören. Waren Sie einmal eingesetzt zum Abholen von Menschen, die mit einem Transport angekommen waren in Auschwitz?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Erzählen Sie, wer Ihnen den Befehl gegeben hat und wo der Befehl herkam und was Sie dann gemacht haben. Wie der Befehl lautete.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Tja, es ist gesagt worden: »Es ist ein Transport eingelaufen. Alle Fahrer raus!«

 

Vorsitzender Richter:

Sie müssen ein bißchen lauter sprechen, nach dem Mikrofon, und ein bißchen deutlicher, damit wir das auch verstehen können! »Es ist gesagt worden« – von wem ist gesagt worden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Vom Fahrer vom Dienst ist gesagt worden: »Transport ist eingelaufen. Alle Fahrer raus!«

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl. Der Fahrer vom Dienst. Wer war das damals?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Verschiedene gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Verschiedene. Waren Sie mehrmals dort hingefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, so drei, vier Mal.

 

Vorsitzender Richter:

Drei, vier Mal. Da waren Sie damals in der Praga- Halle, ja?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Nein, da war ich noch nicht innerhalb von der Praga-Halle.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren Sie? Da waren Sie noch nicht?

 

Zeuge Anton Siebald:

In der Praga-Halle war ich dort noch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, sondern wo waren Sie?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Innerhalb von der Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Innerhalb der Fahrbereitschaft. Standen damals die Lkws noch nicht in der Praga-Halle?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und der Fahrer vom Dienst, der bekam den Auftrag. Von wem bekam er denn den Auftrag?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Der kam telefonisch durch. Von wem, weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht. »Alle Fahrer raus!« Wie viele sind da in Bewegung gesetzt worden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Sämtliche MAN-Fahrer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie viele waren das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Sechs Stück.

 

Vorsitzender Richter:

Sechs. Warum muß man immer bei Ihnen zwei- und dreimal fragen? Sechs MAN-Fahrzeuge sind in Bewegung gesetzt worden. Damals waren Sie auch dabei.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Waren diese Wagen überhaupt nur für Häftlingstransporte eingeteilt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Diese Wagen waren für die Häftlingstransporte eingeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte, wie?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die sechs Wagen waren dazu eingeteilt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Herr Direktor, vielleicht kann der Zeuge seinen Stuhl etwas näher an den Tisch heranstellen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Weiter, weiter, weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Immer noch näher heran, damit wir etwas von Ihnen hören. Es geht mir ja nicht allein so, wie ich hier höre, sondern die anderen Prozeßbeteiligten verstehen Sie auch schlecht. Sie müssen sich schon ein bißchen anstrengen hier, da kann ich Ihnen nun gar nicht helfen.

Waren die sechs MAN-Fahrzeuge laufend eingeteilt für den Transport von ankommenden Häftlingen in die Gaskammern?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Solange da die Transporte eingelaufen sind, sind sie einsatzbereit gewesen. Und sonst haben sie andere Sachen gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben sie zum Beispiel gefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Holz und Kartoffeln und Gemüse und so.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie waren etwa viermal, sagten Sie, eingesetzt zu solchen Fahrten?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Ihrer Vernehmung am 17. Mai 1961 haben Sie diese vier Fahrten auf eine einzige Fahrt heruntergeschraubt.2 Aber heute glauben Sie sich an vier Fahrten erinnern zu können?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Jawohl, vier.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar haben Sie damals diese Fahrten auf das Jahr 43 verlegt. Im Jahr 43 aber war schon die Praga-Halle in Betrieb. Wie war das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, die Fahrzeuge waren innerhalb vom Lager zuerst, und dann sind sie rausgekommen, da habe ich dann den MAN nicht mehr gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wo sind Sie denn dann hingefahren mit Ihrem Wagen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Mit den Häftlingen?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, bevor Sie die Häftlinge hatten, als Sie losgefahren sind zu dem Transport.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Auf die Rampe sind wir befohlen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Auf die Rampe. Und wo war die Rampe?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Außerhalb vom Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Außerhalb vom Lager. War das schon die Rampe, die im Lager Birkenau verlief, oder war die vor dem Lager Birkenau?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Vor dem Lager Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Vor dem Lager Birkenau. Und wie viele Menschen haben Sie da ungefähr angetroffen, die da standen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Ja, das weiß ich auch nicht, wie viele das waren.

 

Vorsitzender Richter:

Waren es über 1.000?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, so über 1.000 waren es.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben mal gemeint, es wären 1.500 bis 2.000 gewesen.3 Nun also, Sie haben sie nicht gezählt. Sie meinen, es wären über 1.000 gewesen. Was waren das für Menschen? Waren das Männer, Frauen, Kinder?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Männer, Frauen und Kinder.

 

Vorsitzender Richter:

Alles zusammen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das am Tag oder in der Nacht?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das war in der Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Nacht? War da hell erleuchtet, oder wie war das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

War hell erleuchtet.

 

Vorsitzender Richter:

Es war hell erleuchtet. Als Sie hinkamen mit Ihrem Fahrzeug, waren da die Leute schon aus den Transportwagen herausgekommen, oder waren die noch drin?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die waren schon draußen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren schon rausgekommen. Und wurden die auch ausgemustert in Gesunde, Kranke, Arbeitsfähige und so weiter?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das habe ich nicht gesehen. Ich war im Wagen sitzen geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen. Und wie hieß der weitere Satz?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich bin im Wagen drin sitzen geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind im Wagen drin sitzen geblieben. So. Nun also, dann haben Sie aber gesagt bei Ihrer Vernehmung, sie wurden von zwei SS-Männern ausgemustert.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

SS-Ärzten.

 

Vorsitzender Richter:

SS-Ärzten ausgemustert.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, das habe ich draußen gesehen in Birkenau. Aber da habe ich nichts gesehen, an der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

So. Was geschah nun weiter?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die Menschen sind hinten rauf, da ist extra eine Treppe hingemacht worden, da sind sie raufgestiegen. Als der Wagen voll war, ist alles abgefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da auch SS-Leute zur Bewachung dabei?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren ganz alleine auf dem Lkw?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann konnten sie auch runterspringen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das konnten sie.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten sie. Ja, und wo sind Sie hingefahren mit den Leuten?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja. Es war Bunker I oder II.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was waren das für Bunker? Waren das Bauernhäuser?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Es waren Bauernhäuser.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die umgebaut waren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie oft sind Sie denn da in dieser Nacht hingefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Einmal bin ich hingefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und gleich wieder zurück in die...

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dann wieder zurück [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Unterkunft?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die Kleider haben wir dann wegfahren müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Kleider. Sind da nicht die Lkws verschiedentlich eingesetzt worden, daß sie hin und her gefahren sind, um wieder andere Leute zu holen und so weiter?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die anderen haben laufen müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Die anderen haben laufen müssen. Und was geschah mit den Leuten, wenn sie nun ausgeladen waren von Ihnen? Was machten Sie dann?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da habe ich nichts damit zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe nicht gefragt, ob Sie etwas damit zu tun gehabt haben, sondern ich habe Sie gefragt, was die Leute taten.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Sie sind abgestiegen vom Fahrzeug. Dann sind sie in die Baracke rein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Und weiter habe ich nichts mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben aber bei Ihrer Vernehmung früher gesagt: »Ich«, scilicet, »habe noch gesehen, wie sie nackt aus den Baracken kamen und in den Bunker gingen.« 4

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ach, das war damals, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war damals. Wann? Bei Ihrer Vernehmung? Oder damals, als Sie die Leute hingefahren haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wo ich das erste Mal dort war.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie das erste Mal dort waren, haben Sie gesehen, daß die Leute... Dann müssen Sie also offensichtlich dort stehengeblieben sein, oder wie?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, die Tür stand offen, da hat man es gesehen, wo sie sich ausgezogen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Sie haben nicht nur gesehen, daß sie sich ausgezogen haben, sondern daß sie nackt aus den Baracken herauskamen und in den Bunker gingen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie also damals gesagt. Vorhalt aus Blatt 8.904.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich weiß nicht, kann mich nicht mehr so entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen. »Anschließend bin ich wieder weggefahren«, haben Sie damals gesagt.5

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in diesen Bunkern wurden die Leute vergast. Hatten Sie das auch mal selbst mit angesehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah mit den vergasten Menschen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] War nicht dabei. [Pause] Sie wurden verbrannt, wie sie gesagt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wurden verbrannt. So. Wo wurden sie verbrannt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] An Ort und Stelle wurden sie verbrannt.

 

Vorsitzender Richter:

Ist es richtig, daß Gräben gezogen wurden und die Leute dort reingelegt wurden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Gruben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie kommen Sie dann dazu, zu sagen: »Die Leichen wurden in unmittelbarer Nähe der Bunker in Gruben verbrannt. Ich habe die Gruben selbst gesehen. Sie waren etwa 15 Meter lang und zwei Meter breit.« 6 Haben Sie gesagt im Jahre 1961 am 17. Mai. Und heute sagen Sie: »Ich habe überhaupt keine Gruben gesehen.« Ich kann Ihnen gleich noch weiter sagen, warum Sie die gesehen haben.

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Weiß ich gar nimmer. Weiß ich heute nimmer [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Zeuge, ich mache Sie darauf aufmerksam: Wenn Sie nachher auch jedenfalls nicht beeidigt werden, ist auch eine uneidliche falsche Aussage vor Gericht strafbar. Ich habe es Ihnen vorhin schon gesagt.

Ich weiß auch, warum Sie die Gruben gesehen haben. Es geht nämlich weiter in diesem Protokoll: »Ich wurde durch den fürchterlichen Gestank angelockt und habe mir dabei die Verbrennung ansehen können. Es war schon Nacht, und das Feuer war schon fast am Verlöschen. Ich konnte aber noch das aufgeplatzte Fleisch sehen.« 7 Das haben Sie alles vergessen?

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Das habe ich nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie heißen doch Wildermuth, wenn ich nicht irre.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich heiße Wildermuth, ja. Da wüßte ich nichts davon.

 

Vorsitzender Richter:

Willy Wildermuth hat hier die Seite, jede Seite, unterschrieben.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Der weitere Satz lautet: »Es war das Entsetzlichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.« 8

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich kann mich tatsächlich nicht mehr entsinnen, ob ich das gesagt habe.

 

Vorsitzender Richter:

»Ich habe mir dies auch nur einige Sekunden angesehen, da ich den Anblick nicht länger ertragen konnte.« 9

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Kann sein, daß ich das damals gesagt habe, aber ich kann mich heute nicht mehr entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, das ist nicht wahr. Das erlaube ich mir, Ihnen zu sagen. Das ist nicht wahr, was Sie eben sagen. Das kann nicht wahr sein. Denn wenn Sie so etwas gesehen haben, was Sie damals geschildert haben, können Sie das nicht mehr vergessen. Entweder haben Sie damals gelogen oder heute.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Mir ist

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und zwar gelogen, sage ich.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Mir ist nichts bewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Das heißt nämlich, bewußt die Unwahrheit gesagt. Mit so Sachen kann man nicht spaßen. Da kann man sich nicht irren, Herr Zeuge. Das gefällt mir nicht, was Sie hier machen, das kann ich Ihnen nur sagen. [Pause] Das hat ja keinen Zweck, diesen Zeugen weiter zu befragen. Fuhren da auch immer Sankas bei diesen Transporten mit?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was taten denn die?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich weiß nicht, was sie gemacht haben.

 

Vorsitzender Richter:

Haben die auch das Gas transportiert?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Soviel ich gehört habe. Also gesehen habe ich das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie gehört?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Daß in dem Sanka-Wagen das Gas drin sei.

 

Vorsitzender Richter:

Sie müssen ein bißchen deutlicher sprechen und versuchen, einmal etwas Hochdeutsch zu sprechen, damit wir das auch verstehen können. Wieso wissen Sie, daß man Gas da mitgeführt hat? »Man hat«?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

So ist gesagt worden, daß da Gas drin ist.

 

Vorsitzender Richter:

So ist gesagt worden, daß da Gas drin wäre. Von wem ist das gesagt worden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das hat man so allgemein gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Haben Sie dann auch Effekten befördert mit Ihren Wagen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was waren das für Effekten, und wo haben Sie sie hergehabt, und wo haben Sie sie hingebracht?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die kamen in die Effektenkammer.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie sie denn hergenommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die Effekten sind doch von den Menschen gewesen, die angekommen sind. Die haben wir reingefahren ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Also vermutlich von der Rampe, wo der Zug stand.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie gesehen, wie Menschen an der Rampe ausgemustert worden sind, nämlich eingeteilt worden sind in Arbeitsfähige und Nichtarbeitsfähige?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Auf der Rampe habe ich das nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sie haben allerdings damals bei Ihrer Vernehmung gesagt: »Bei den Transporten habe ich gesehen, wie die Menschen gemustert worden sind. Dies wurde jeweils von SS-Ärzten durchgeführt, die mir namentlich jedoch nicht mehr bekannt sind.« 10

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das war in Birkenau. In Birkenau habe ich das gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich möchte eine Pause einlegen von 20 Minuten.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

auch noch bei den Transporten in Birkenau, wie Sie uns vorhin sagten?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben von dort auch Menschen weggefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein, von dort aus nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern? Was haben Sie dort gemacht?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da habe ich die Verpflegung gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren Sie auch auf der Rampe in Birkenau?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie denn auf der Rampe getan?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe warten müssen, bis der Wagen entladen worden ist, wo die Verpflegung, also Kartoffeln, Fleisch und so Sachen, Konserven, ausgeladen [+ worden ist].

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie auch auf der Rampe, wenn Häftlinge ankamen in Birkenau?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da war ich im Fahrzeug, ja. Aber der Transport war schon da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie dort gesehen, wie Leute ausgemustert worden sind?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das habe ich gesehen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat das gemacht?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Weiß nicht den Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Den Arzt kenne ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Es war ein Arzt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Den Arzt kennen Sie nicht?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da noch mehr Angehörige der SS dort?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, da sind viele rumgelaufen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Aber was die damit zu tun gehabt haben, das weiß ich nicht. Ich bin im Fahrzeug gesessen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht. Waren auch die Blockführer da?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und glauben Sie, daß die eingesetzt waren, diese Blockführer dort?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es aber mal angenommen. Und zwar haben Sie einen ganz bestimmten Anhaltspunkt dafür angegeben, warum Sie das angenommen haben. Sie haben mal gesagt, 8.906: »Ich nehme an, daß auch die Blockführer eingesetzt waren oder wurden, da diese größtenteils mit Stöcken umhergingen.« 11 Stimmt das?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie von diesen Blockführern welche gekannt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie dann etwas davon, daß einmal Hausdurchsuchungen bei Ihnen durchgeführt worden sind zu Hause?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Warum?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, die hatten vermutet, ich hätte mir irgendwelche Sachen angeeignet.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hätten sich Sachen angeeignet.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist da auch was herausgekommen bei dieser Untersuchung?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Ihnen nicht.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Vielleicht bei einem anderen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Bei verschiedenen ist [+ etwas] rausgekommen, die sind alle abgeführt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist mit denen geworden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die sind abgeführt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Abgeführt worden, ja. Können Sie sich an den Albert Diesel noch erinnern?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist mit dem geschehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dortmals war ich nicht da. Da war ich in Rußland mit einem Fahrzeug. Und als ich wieder zurückgekommen bin, da hat es geheißen: Albert Diesel ist auch verhaftet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und wo ist er hingekommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Sie sagen, er sei nach Matzkau gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Matzkau in das Straflager. Haben Sie auch mal erlebt, daß das Kleine Krematorium abgebrannt ist oder eine Baracke bei dem Kleinen Krematorium?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe gesehen, wo sie abgebrannt war. Wer das gemacht hat, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, wann das geschehen ist?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Ich weiß nicht mehr recht, ist es 43 oder 44 gewesen?

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn in dieser Baracke drin?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da sollen angeblich die Sachen drin gewesen sein, die sie bei den anderen gefunden haben.

 

Vorsitzender Richter:

Die sie bei den anderen gefunden haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wem gehörte denn die Baracke? Wer war denn da drin? Wer war denn da tätig in dieser Baracke?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob damals eine Untersuchungskommission kam?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Habe ich nie was gehört davon.

 

Vorsitzender Richter:

So? Sie haben aber ausgesagt: »Es kam dann eine Untersuchungskommission, die diese Fälle aufklären sollte. Es wurden damals verschiedene SS- Leute eingesperrt.« 12

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, da sind [+ welche] eingesperrt worden, aber ob das Untersuchungskommando da war, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat die Fahrbefehle ausgestellt für die Fahrten außerhalb des Lagers?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, die Fahrten nach außerhalb, nach Kattowitz, nach Breslau, die wurden von der Kommandantur ausgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wer hat die unterschrieben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich weiß nicht, sind sie vom Adjutanten unterschrieben gewesen oder waren sie vom Lagerkommandanten unterschrieben gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Frage mehr an den Zeugen. Fragen der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sagten, daß Sie auf der Rampe waren mit dem Wagen in Birkenau, um Lebensmittel abzuholen, ja?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren das Lebensmittel, die in den Häftlingstransporten mitgebracht wurden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo haben Sie die denn hingefahren?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die sind nach Lager I gekommen, nach Auschwitz.

 

Staatsanwalt Kügler:

In das Lager rein, in das Schutzhaftlager hinein?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ins Schutzhaftlager rein, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zur Küche dort?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zur Küche dort. Ich halte Ihnen noch mal vor, was Ihnen bereits mehrfach vorgehalten worden ist: Können Sie sich wirklich nicht daran erinnern, daß Sie da die Verbrennung von Leichen gesehen haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Doch, ich kann mich jetzt erinnern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was haben Sie denn gesehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da sind halt verkohlte und aufgedunsene Leichen hier gelegen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Auf der flachen Erde oder in einer Grube?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

In der Grube und auf der flachen Erde.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und hat es da gebrannt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, teils noch.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das war am Abglimmen, das Feuer, ja?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, das war ein Transport vorher.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und war diese Verbrennung in der Nähe des Bunkers?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das war in der Nähe des Bunkers, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja und, Herr Zeuge – verzeihen Sie einen Moment, Herr Erster Staatsanwalt –, warum haben Sie mir das vorhin nicht gesagt, als ich Sie gefragt habe?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich bin nicht gleich mitgekommen mit dieser Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ich habe Sie gefragt, der eine Vertreter der Nebenklage hat Sie gefragt. Wir haben Ihnen wörtlich vorgelesen, was Sie damals ausgesagt haben. Da haben Sie gesagt: »Ich kann mich daran nicht erinnern.« Das war doch unwahr, nicht, was Sie gesagt haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, das war unwahr. In dem Moment ist mir es eingefallen, daß ich das tatsächlich gesehen habe. Aber nicht bewußt habe ich das ausgesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, Herr Zeuge. Herr Erster Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, wie lange sind Sie seinerzeit von dem Kriminalbeamten vernommen worden, etwa?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Vom ersten?

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. 1961.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

So circa drei Stunden.

 

Staatsanwalt Großmann:

Drei Stunden. Waren Sie damals gesund, oder waren Sie krank?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe ein Magengeschwür gehabt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Damals bei Ihrer Vernehmung?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was ist in der Zwischenzeit mit diesem Magengeschwür geworden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe es immer noch.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben es immer noch.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie macht sich das bemerkbar? Haben Sie Kopfschmerzen durch das Magengeschwür?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, das weniger, schlapp halt und müde.

 

Staatsanwalt Großmann:

Schlappheit.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie haben ja jede Seite der damaligen Vernehmung unterschrieben.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wollen Sie behaupten, daß Sie damals auch schlapp gewesen wären?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ach nein, das will ich gar nicht sagen, aber magenleidend bin ich.

 

Staatsanwalt Großmann:

Magenleidend?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, haben Sie in der Zwischenzeit, das heißt also zwischen 1961 und 1964, irgendwelchen Kontakt mit früheren SS-Angehörigen gehabt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Mit wem?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Mit Fritz Gaar.

 

Staatsanwalt Großmann:

Hatten Sie auch vor 1961, vor Ihrer Vernehmung durch die Polizei bereits mit diesem SS-Angehörigen Kontakt nach dem Kriege?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wann?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja...

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich will anders fragen: Wann haben Sie denn nach 1945 den ersten Kontakt mit dem SS-Angehörigen Gaar aufgenommen, oder er mit Ihnen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nun, das kann ich nicht mehr genau sagen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Etwa.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Es sind zwei oder drei Jahre gewesen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Nach dem Krieg?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ach, 48 bin ich erst gekommen. Kann 50 gewesen sein.

 

Staatsanwalt Großmann:

50, gut. Und wie oft haben Sie sich mit ihm getroffen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich war zweimal bei ihm.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

In Hardegsen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, und er?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Und er war auch bei mir.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wann haben Sie das letzte Mal vor 1961, vor Ihrer Vernehmung mit ihm...

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da war er bei mir.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wann?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

1961 oder 62.

 

Staatsanwalt Großmann:

Bei der Vernehmung oder am

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Zur Zeit der Vernehmung oder unmittelbar hinterher oder vorher?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das weiß ich nicht mehr genau.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wissen Sie nicht mehr. Haben Sie auch über den Inhalt Ihrer Vernehmung mit Gaar gesprochen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie nach der Vernehmung 1961 sich noch mit Gaar getroffen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Da wollen Sie jetzt behaupten, daß Sie, wenn Sie einen alten SS-Angehörigen treffen, und Sie sind drei Stunden, ich glaube, sieben Schreibmaschinenseiten lang, vernommen worden, daß Sie dann mit diesem alten SS-Angehörigen über diese Vernehmung im Auschwitz-Prozeß, über den ja nun allmählich die halbe Welt Kenntnis hat, nicht gesprochen haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wir haben weiter nichts gesprochen, wir haben

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Worüber haben Sie denn dann gesprochen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ach, wie es geht und steht und

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Über das Wetter?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na ja, im allgemeinen auch, über das haben wir nicht gesprochen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Über das Auschwitz-Verfahren haben Sie nicht gesprochen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ach, ganz selten, so wenig.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ganz selten, so wenig.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja. Was man halt geschwätzt hat.

 

Staatsanwalt Großmann:

»Was haben wir halt geschwätzt«, ja. Haben Sie außer zu dem SS-Angehörigen Gaar noch andere Verbindungen gehabt mit früheren SS-Angehörigen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, ich habe einmal geschrieben an Böck, Richard.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wann?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das war vor 61 oder [unverständlich]

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Vor 61 oder nach der Vernehmung?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein, vorher schon.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wem haben Sie da geschrieben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

An Richard Böck.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und weshalb haben Sie an ihn geschrieben? Böck, ja? Richard Böck.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, da waren wir beisammen bei mir, der Gaar und Holze.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wer ist ist Holze? [...]

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wir waren bei mir.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wer also, Gaar und?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Gaar und Holze.

 

Staatsanwalt Großmann:

Holze war auch bei Ihnen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Und da haben Sie an Böck geschrieben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Und dann haben wir eine Karte geschrieben, eine Ansichtskarte.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie mit ihm mal gesprochen, mit Böck?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, voriges Jahr waren wir dort bei ihm.

 

Staatsanwalt Großmann:

Voriges Jahr, das war also 1963. Haben Sie da über den Inhalt Ihrer Vernehmung gesprochen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, wir haben auch darüber gesprochen, über das von Auschwitz, nicht. Daß er hoffentlich als Zeuge geladen wird.

 

Staatsanwalt Großmann:

Warum hoffentlich als Zeuge?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Also so hat er gesagt, der Richard Böck, hierher. Aber warum, das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also jetzt haben wir Herrn Böck, Herrn Gaar und Herrn Holze.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wann sind Sie denn das letzte Mal mit Holze zusammengewesen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Das kann drei Jahre [+ her] sein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie noch Verbindungen mit anderen SS- Leuten gehabt? [...]

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, war der...

 

Staatsanwalt Großmann:

Wer war noch?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Der Lorenz war dabei.

 

Staatsanwalt Großmann:

Waren Sie bei ihm, oder war er bei Ihnen?

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Der war bei mir.

 

Staatsanwalt Großmann:

War bei Ihnen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wann denn?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das ist auch so um die Zeit gewesen wie mit dem Holze und Gaar.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also wenn Sie es noch mal bitte zeitlich etwa festlegen wollen: vor Ihrer Vernehmung oder nach Ihrer Vernehmung?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Vor meiner Vernehmung.

 

Staatsanwalt Großmann:

Vorher. Wie kam denn das, daß plötzlich Lorenz bei Ihnen nun aufkreuzte? Haben Sie vorher mit ihm schon Verbindung gehabt seit 48?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, das ist nach 48 gewesen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, ja. Ich meine, da haben Sie mit Lorenz schon Verbindung gehabt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein, da habe ich noch keine Verbindung

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Wie kam denn der plötzlich da 1960 – Sie sagen, vor Ihrer Vernehmung – oder 58 oder 59 zu Ihnen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, war ich auf Besuch bei Gaar, und da ist er auch dort gewesen, Lorenz.

 

Staatsanwalt Großmann:

Treffen Sie sich ab und zu mal? Haben Sie so eine Art Kameradschaft der früheren SS-Leute der Fahrbereitschaft oder irgend etwas, bei dem dann Gedanken ausgetauscht werden?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, das ist einmal, zweimal gewesen. Einmal bei ihm und einmal bei mir.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie viele waren denn da etwa zugegen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, das waren grade wir vier.

 

Staatsanwalt Großmann:

Vier.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Oder fünf.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und wann war das letzte Mal, Herr Zeuge?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das letzte Mal war es bei mir, vor drei oder vier Jahren.

 

Staatsanwalt Großmann:

Versuchen Sie doch mal zu rekapitulieren: War es vor Ihrer Vernehmung 1961 oder nachher? [Pause] Sie haben ja einen Anhaltspunkt insofern, also wenn da plötzlich vier alte SS-Leute, wie Sie sagen, frühere SS-Leute aus der Fahrbereitschaft zusammenkommen, dann werden Sie sich entsinnen können, ob Sie bei diesem letzten Zusammentreffen sich nun über Ihre Vernehmung oder die Vernehmung anderer, die eben von Ihnen

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Na, da ist da nichts gewesen. Nein, das war nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was war da nicht?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Da war

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Ich will ja erst mal wissen, ob Sie anhand dieser Tatsache jetzt rekapitulieren können, sich erinnern können, ob es vor 61, vor Ihrer Vernehmung war oder nachher. Herr Zeuge, das ist ja nun eine Tatsache, die nicht ohne Interesse für Sie sein mußte: Was hat der Holze gesagt, ist er vernommen worden, was hat er gesagt, was hat der Lorenz gesagt, was hat der Gaar gesagt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Na, da waren wir noch nicht beieinander, nein. Da war noch keine Vernehmung da.

 

Staatsanwalt Großmann:

War noch keine Vernehmung.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gehören Sie der HIAG an? Wissen Sie, was die HIAG ist?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ein Zusammenschluß früherer SS-Angehöriger, der vorgibt, soziale Belange zu verfolgen, und also Kameradschaftstreffen und ähnliche Dinge veranstaltet. Gehören Sie dieser Vereinigung

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie seit 1945 beziehungsweise 48 an einem SS-Treffen, an derartigen Kameradschaftstreffen teilgenommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Nicht. Sie haben vier Namen genannt. Sind noch weitere frühere SS-Leute, mit denen Sie in Verbindung stehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Einer namens Flohr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie heißt der?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Flohr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Flohr. Wo war denn der tätig?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Der war in der Fahrbereitschaft.

 

Staatsanwalt Großmann:

Die ersten vier Genannten waren doch auch in der Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also haben wir jetzt schon fünf, mit Ihnen sechs, die früher in der Fahrbereitschaft tätig waren und die sich also jetzt in den letzten Jahren beziehungsweise in den Nachkriegsjahren getroffen haben. Wo sind Sie denn mit Flohr zusammengewesen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, der wohnt in meiner Nachbarschaft.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ach so. Haben Sie von vorher mit ihm Verbindung gehabt irgendwie?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Der hat mir geschrieben, als er von der Gefangenschaft gekommen ist, ob er zu mir kommen könnte. Er hat keine Heimat mehr, er ist von Jugoslawien. Da habe ich geschrieben, er soll mal kommen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, bitte überlegen Sie sich die Antwort auf meine folgende Frage recht genau: Hat einer dieser von Ihnen bislang genannten fünf SS-Angehörigen etwas über den Inhalt seiner Vernehmung im Rahmen des Auschwitz-Verfahrens zu Ihnen gesagt oder geschrieben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dortmals noch nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Bitte?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Dortmals noch nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich verstehe das zweite Wort nicht. Damals. Damals noch nicht?

 

Zeuge Willy Wildermuth [unterbricht]:

Damals noch nicht, nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Später?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Später ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also nach Ihrem Zusammentreffen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, als wir das zweite Mal beieinander waren.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Und in welchem Umfang hat man Sie denn dann von der Aussage dieser SS-Angehörigen unterrichtet? Hat man Ihnen geschrieben, was man gesagt hat?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, was denn dann? Sie haben doch eben gesagt, später haben die SS-Leute Ihnen geschrieben oder gesagt, daß sie ausgesagt haben hier im Verfahren. [Pause]

Herr Zeuge, es ist doch interessant. Hier sind sechs Personen. Alle sechs Personen sind in der Fahrbereitschaft gewesen. Sie treffen sich, oftmals erst seit zehn, 15 Jahren, ganz plötzlich etwa zur Zeit dieser Vernehmung, sei es vorher, sei es hinterher. Sie sagen, es sei im wesentlichen vorher gewesen. Alle sechs Personen, oder ein Großteil dieser sechs Personen, sind im Rahmen dieses seit Jahren ja geführten Verfahrens vernommen worden. Jetzt haben Sie meine Frage dahingehend beantwortet, daß Sie Mitteilung bekommen haben von anderen Vernommenen über den Inhalt Ihrer Aussage. Ist das richtig?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sondern?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe keine Mitteilung bekommen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, Sie haben doch aber gerade gesagt, Ihre früheren Kameraden haben Ihnen gesagt, daß sie vernommen worden sind und was sie gesagt haben.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein, da war nichts.

 

Staatsanwalt Großmann:

Nichts. Haben Sie das, was Sie 1961 gesagt haben, anderen SS-Angehörigen mitgeteilt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Das weiß ich heute nicht mehr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, also entschuldigen Sie, Herr Zeuge, fünf sind es. Oder sind es noch mehr?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich wüßte nicht, daß ich da etwas ausgesagt habe.

 

Staatsanwalt Großmann:

Stehen noch mehr als die fünf Personen mit Ihnen in Verbindung?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Diese fünf sind es. Ist unabhängig von diesen Angehörigen vor Ihrer heutigen Vernehmung von irgendeiner Seite an Sie herangetreten worden? Anonym oder nicht anonym? Etwa in dem Sinne, was Sie sagen sollen oder was Sie nicht sagen sollen.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie erklären Sie sich dann diesen Gedankenschwund zwischen 1961 und 1964?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

[Pause] Darüber kann ich nichts sagen. Ich weiß nichts.

 

Staatsanwalt Großmann:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und wie erklären Sie sich diese plötzliche Gedankenzunahme und Erinnerungszunahme am heutigen Tag zwischen 10.10 Uhr und 10.30 Uhr? Denn Sie haben unabhängig von diesen von meinem Kollegen Kügler gestellten Fragen in Ihrer Vernehmung nach der Pause erheblich mehr gewußt. Wie erklären Sie sich das, Herr Zeuge?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, ich bin beim Herrn Vorsitzenden nicht gleich mitgekommen, wie er dies gemeint hat, und habe auch nicht richtig verstanden, was er da gesagt hat.

 

Staatsanwalt Großmann:

Es handelt sich jetzt nicht um diese Frage mit den Verbrannten, sondern ganz generell. Sind Sie überhaupt nicht mitgekommen bei den Fragen des Herrn Vorsitzenden, obwohl er sie zum Teil vier-, fünfmal an Sie gestellt hat?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nicht ganz. Bin nicht ganz mitgekommen.

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Nicht mitgekommen. Und wie erklären Sie sich, daß Sie nach der Pause plötzlich die Fragen des Herrn Vorsitzenden so prompt aufgefaßt und verstanden haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, da ist mir so allmählich gekommen: Ja, das habe ich gesagt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie saßen doch erst wenige Minuten, bis Sie sich weggesetzt haben, mit dem anderen Zeugen dort zusammen. Worüber haben Sie sich unterhalten in dieser Frühstückspause, in dieser Pause?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wir haben uns [+ über] weiter nichts hier unterhalten.

 

Staatsanwalt Großmann:

Bitte?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Wir haben uns [+ über] weiter nichts unterhalten.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben hier also still nebeneinander gesessen und nichts gesagt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich habe nicht viel gesagt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und das wenige, was Sie gesagt haben?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Das weiß ich jetzt tatsächlich nimmer, was ich gesagt habe.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, das ist 20 Minuten, 30 Minuten her. Wollen Sie jetzt sagen, daß Sie nicht mehr wissen, was Sie in diesen zwei, drei Minuten für Worte mit dem Zeugen Siebald gewechselt haben, der da vorn sitzt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Die waren belanglos. Aber was

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Was verstehen Sie unter belanglos, Herr Zeuge? Was für Sie belanglos sein kann, ist möglicherweise in dem Verfahren von großem Belang.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, so wahr ich hier sitze.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sind Sie irgend mal untersucht worden, nervenärztlicher Art oder irgendwie? Wegen einem besonderen Maß von Vergeßlichkeit oder irgendwie, haben Sie in dieser Richtung mal Schwierigkeiten gehabt?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Danke schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Wildermuth, Sie sagten, daß der Herr Flohr bei Ihnen in der Nähe wohnte. Wann ist er denn da zu Ihnen in die Nähe gekommen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, wie war das? So in 53.

 

Staatsanwalt Kügler:

51?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

53 oder 51.

 

Staatsanwalt Kügler:

53. Nun sind Sie 1961 vernommen worden. Und Sie sind von dem Kriminalbeamten, wie sich aus dem Protokoll ergibt, ausdrücklich nach anderen Angehörigen der Fahrbereitschaft gefragt worden. Warum haben Sie da den Herrn Flohr, der bei Ihnen in der Nähe wohnte, nicht genannt, während Sie andere, die weiter vom Schuß waren, genannt haben?13

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ich wollte es sagen, aber dann haben wir es vergessen, es ging auf zwölf Uhr. Ich habe da auch nicht mehr dran gedacht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben nicht mehr dran gedacht.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Fragen, danke sehr.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich möchte nur wissen: Wann haben Sie den Zeugen Siebald zum letztenmal gesehen?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

45.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Seit der Zeit nicht mehr?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, ist es nicht so, daß Sie sich in der Pause eingehend mit Herrn Staatsanwalt Kügler unterhalten haben? Der Erste Staatsanwalt Großmann hat Sie gefragt: Was haben Sie denn eigentlich mit den übrigen Zeugen gesprochen? Da frage ich Sie: Ist es nicht vielmehr so, daß Sie sich in der Pause mit Herrn Staatsanwalt Kügler unterhalten haben? Das ist der Staatsanwalt rechts gegenüber mit der Brille. Haben Sie sich mit ihm unterhalten?

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Er ist zu mir hergekommen

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja gut, jetzt sagen Sie nur ja oder nein.

 

Zeuge Willy Wildermuth:

Ja, ich habe mich mit ihm unterhalten.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage von seiten der Angeklagten oder eine Erklärung abzugeben? Bezüglich der Beeidigung des Zeugen werden welche Anträge gestellt?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

60 Ziffer 3.14

 

Vorsitzender Richter:

60 Ziffer 3.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich schließe mich an.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ebenfalls.

 

Vorsitzender Richter:

Wir haben uns bereits besprochen. Es ergeht Beschluß: Die Beeidigung des Zeugen unterbleibt gemäß § 60 Ziffer 3 der Strafprozeßordnung, da der Verdacht besteht, daß er an den Taten beteiligt ist, die den Angeklagten zur Last gelegt werden.15 Nehmen Sie bitte dahinten Platz.

 

– Schnitt –

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.902.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.904.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.904.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.904.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.904.

6. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.904.

7. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.904 f.

8. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.905.

9. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.905.

10. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.905.

11. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.906.

12. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.906.

13. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1961 in Oppenweiler, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 49, Bl. 8.903. Der Zeuge Wildermuth nannte in seiner Vernehmung folgende Angehörige der Fahrbereitschaft: Ludwig Holze, Eduard Lorenz, Fritz Gaar, Richard Böck, Theo Küpper, Otto Vollrath, Dworak, Adam Hradil, Josef Kaufmann.

14. StPO § 60: »Von der Vereidigung ist abzusehen (...) 3. bei Personen, die der Tat, welche den Gegenstand der Untersuchung bildet, oder der Beteiligung an ihr oder der Begünstigung oder Hehlerei verdächtig oder deswegen bereits verurteilt sind.«.

15. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 17.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 703.

 

 
 
 
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