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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

92. Verhandlungstag, 24.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Hans Wiener

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden], daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ich bin damit einverstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Wiener, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Hans.

 

Vorsitzender Richter:

Hans. Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Hans Wiener:

60 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

60 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Hans Wiener:

Jawohl, ich bin verheiratet.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie für einen Beruf?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ich bin jetzt zur Zeit Abteilungsleiter, bin Tapezierermeister.

 

Vorsitzender Richter:

Tapezierermeister, zur Zeit Abteilungsleiter. Sie wohnen in Berlin?

 

Zeuge Hans Wiener:

Niederschönhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind mit den Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Wiener, Sie sind ebenfalls in Berlin verhaftet worden. Können Sie uns sagen, wann das gewesen ist?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ich bin bereits im Jahr 1937 verhaftet worden wegen eines politischen Vergehens, habe dann eine Strafe in Brandenburg-Görden verbüßt, bin von dort aus nach Sachsenhausen gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Weshalb sind Sie bestraft worden?

 

Zeuge Hans Wiener:

Wegen Vorbereitung zum Hochverrat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie lange war die Strafe?

 

Zeuge Hans Wiener:

Drei Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

Drei Jahre. War das die erste Strafe, die Sie gehabt haben?

 

Zeuge Hans Wiener:

Die erste Strafe, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Drei Jahre, und die haben Sie verbüßt bis wann?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bis zum Jahre 1940.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 40, ja. Und dann, im Jahre 40, sind Sie da entlassen worden?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, ich bin nicht entlassen worden, ich bin überstellt worden ins KL Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Sachsenhausen. Und in Sachsenhausen waren Sie bis wann?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bis 1942 im Oktober.

 

Vorsitzender Richter:

Im Oktober 42.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist Ihnen der Max Schall ein Begriff?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kam der her?

 

Zeuge Hans Wiener:

Wo er herkam, weiß ich [+ nicht]. Der war bei mir im Block. Im selben Block.

 

Vorsitzender Richter:

In Sachsenhausen?

 

Zeuge Hans Wiener:

In Sachsenhausen im Block 38.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten mal gesagt, er sei aus Leipzig gewesen.1

 

Zeuge Hans Wiener:

Wo er her war, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Ich weiß nur, daß er mir bekannt ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, dann sagten Sie, Sie sind dann im Oktober nach Auschwitz verlegt worden.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Wie groß war ungefähr Ihr Transport?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ich schätze, circa 500.

 

Vorsitzender Richter:

Circa 500 Männer?

 

Zeuge Hans Wiener:

Häftlinge, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nur Männer?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nur Männer.

 

Vorsitzender Richter:

Und war bei diesem Transport auch der Max Schall dabei?

 

Zeuge Hans Wiener:

Jawohl, Max Schall war dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie in Auschwitz ankamen, wissen Sie noch, wo Sie ausgeladen worden sind?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, das ist mir nicht mehr so genau in Erinnerung. Aber ich weiß nur, daß, als wir ankamen, der gesamte Transport ins Lager ging, ins Stammlager ging.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie mit der Eisenbahn gekommen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Mit der Eisenbahn sind Sie gekommen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Mit der Eisenbahn sind wir gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann insgesamt ins Stammlager von Auschwitz marschiert?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Durch das Tor, wo oben dran stand »Arbeit macht frei«?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie in diesem Lager untergebracht worden?

 

Zeuge Hans Wiener:

Im Block 6.

 

Vorsitzender Richter:

Im Block 6. Mit allen Leuten, die mitgekommen waren?

 

Zeuge Hans Wiener:

Mit allen Kameraden, die dort auch hintransportiert wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und fand dann irgendwann eine Selektion statt? Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was das bedeutet?

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Ja, ich weiß, was das ist.

 

Vorsitzender Richter:

Fand bei dieser Aufnahme eine solche Selektion statt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Also bis in den Block 6 fand keine Selektion statt. Ich selbst bin schon am andern Tage nach unserer Ankunft zum KB delegiert worden.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Krankenbau?

 

Zeuge Hans Wiener:

Jawohl, zum Krankenbau als Häftlingspfleger.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Zeuge Hans Wiener:

Sehr wahrscheinlich durch den Blockschreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten nicht vorher eine ähnliche Tätigkeit in Sachsenhausen ausgeübt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Durch den Blockschreiber, meinen Sie, so haben Sie es wenigstens damals aufgefaßt, wäre Ihnen eine Pflegerstelle im Häftlingskrankenbau

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Mit einem anderen noch zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit einem anderen. Wie hieß der andere?

 

Zeuge Hans Wiener:

Kurt Berkheim.

 

Vorsitzender Richter:

Kurt Berkheim. Und in welchem Block war das?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das war im Block 6. Hingekommen bin ich zum Block 28.

 

Vorsitzender Richter:

28.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für ein Block, 28? Was lagen da für Leute drin?

 

Zeuge Hans Wiener:

Unten, auf der linken Seite, da war die Dysenterie- Abteilung, und oben lagen alle Häftlinge, die entweder Verletzungen hatten oder körperschwach waren, auf diesem Saal, wo ich dann tätig war.

 

Vorsitzender Richter:

Also unten waren Tbc-Kranke?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, Dysenterie, das heißt die Ruhrabteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, Dysenterie, ja. Da waren unten Ruhrerkrankte drin und oben Verletzte und Schwache, also nicht getrennt nach irgendwelchen Arten

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Nein, gar nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Von Krankheiten, sondern alles, was da angekommen war. Nun, wie lange blieben Sie in diesem Häftlingskrankenbau als Pfleger?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bis Anfang Mai. Ende April, Anfang Mai wurde ein Nebenlager aufgebaut.

 

Vorsitzender Richter:

43?

 

Zeuge Hans Wiener:

43. Wo einige Häftlingspfleger und Ärzte hinkamen, die also den neuen KB aufbauten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, in dem Nebenlager?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das war im Nebenlager Eintrachthütte, Schwientochlowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Schwientochlowitz. Da sind Sie dorthin gekommen, ebenfalls wieder als Pfleger?

 

Zeuge Hans Wiener:

Wieder als Pfleger.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie dort?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bis im Januar 45. Dann kamen wir nach Mauthausen.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie also vom Oktober 1942...

 

Zeuge Hans Wiener:

Bis circa April/Mai im Stammlager war.

 

Vorsitzender Richter:

Bis April/Mai 43, und von April/Mai 43 bis zum Januar 45 in Schwientochlowitz, ja?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun weiter. Wer war denn damals in dem Block 28 der Lagerarzt? Wissen Sie das noch?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein. Das kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Haben Sie auf dem Block 28 irgendwelche Sanitätsdienstgrade kennengelernt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich zum Beispiel?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nur den SDG.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist abgekürzt. SDG heißt auf deutsch Sanitätsdienstgrad.

 

Zeuge Hans Wiener:

Sanitätsdienstgrad, ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war das?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das war Klehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das war Klehr?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wissen Sie noch, wie lange Klehr in diesem Häftlingskrankenbau tätig war?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das kann ich nicht sagen, weil ich ja fortkam nachher.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, Sie kamen aber erst im April/Mai 43 fort.

 

Zeuge Hans Wiener:

April/Mai, ja.

 

Vorsitzender Richter:

War er denn da noch da?

 

Zeuge Hans Wiener:

Meines Wissens war er noch da. Wir selbst hatten also wenig Kontakt zum SDG. Wir waren ja Pfleger auf dem Saal.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren Pfleger auf dem Saal.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wieso kannten Sie ihn dann, wenn Sie keinen Kontakt mit ihm hatten?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nun, das habe ich durch andere Häftlingspfleger erfahren, wer der entscheidende Mann hier ist. Und auch dadurch, daß einmal Häftlinge hereingeführt wurden in den Block 28 und unten im Raum, im Vorraum des KBs, stehenbleiben mußten und dann einzeln in ein Zimmer geführt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie das so genau?

 

Zeuge Hans Wiener:

Weil ich die Beobachtung gemacht hatte und glaubte auch, einen dieser Kameraden zu erkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sagten, sie sind unten reingeführt worden. Von wo aus haben Sie denn die Häftlinge

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Vom Lager aus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo haben Sie denn das beobachtet? Wo waren Sie?

 

Zeuge Hans Wiener:

Vom Fenster oben.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Fenster aus.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, vom Flurfenster.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wußten Sie denn, wie diese Häftlinge hereingeführt wurden, daß da etwas Schlimmes jetzt passiert?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, das wußte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wußten Sie nicht.

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sahen also nur diese Leute da ankommen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben die so genau beobachten können, daß Sie einzelne Bekannte gesehen haben?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nun, das war ein älterer Herr, Max Schall. Wenn also solch ein Mensch [+ kam], der körperschwach war, dann konnte man genau feststellen, also das ist er.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist er.

 

Zeuge Hans Wiener:

Das konnte man genau feststellen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben den Max Schall...

 

Zeuge Hans Wiener:

Erkannt.

 

Vorsitzender Richter:

Erkannt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Auf jeden Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Als einer von denen, die da reingeführt wurden?

 

Zeuge Hans Wiener:

Die da reingeführt wurden. Es waren circa 15, es können auch 20 Häftlinge gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nun sagen Sie, die sind hereingeführt worden. Sind Sie dann von Ihrem Fenster weggegangen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Weggegangen und zur Treppe gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Zur Treppe.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, um jetzt wirklich noch einmal genau festzustellen, ob es sich um den mir bekannten Häftling handelt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hans Wiener:

Und da

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von wem sind die denn da hereingeführt worden, diese Häftlinge?

 

Zeuge Hans Wiener:

Der Name dieses SS-Mannes ist mir nicht bekannt. Ich selbst habe mich aber bei anderen Pflegern erkundigt, und da wurde mir der Name Kaduk genannt.

 

Vorsitzender Richter:

Der wäre mit den 15 Mann da angekommen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Der kam aus dem Lager mit den Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den auch gesehen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ich habe ihn auch gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Den kannten Sie nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

Den kannte ich nicht, nein. Ich war ja erst kurze Zeit im Block.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Kaduk überhaupt während Ihrer Zeit kennengelernt, als Sie dort waren?

 

Zeuge Hans Wiener:

Persönlich nie.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn der Kaduk, was hatte denn der für eine Position dort?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ich nahm an, daß also er die Häftlinge zum KB brachte und dort sehr wahrscheinlich im Block an den Selektionen teilnahm und die einzelnen dann in den KB führte. Das war meine Meinung dazu.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sah denn der Kaduk aus?

 

Zeuge Hans Wiener:

Also so genau – es liegen bereits 20 Jahre dazwischen und noch länger. Ich kann mich dessen so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja war er klein und dick oder groß und dünn?

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Nein, er war ziemlich proportioniert.

 

Vorsitzender Richter:

Proportioniert.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Soll das heißen, er war groß?

 

Zeuge Hans Wiener:

Er war ziemlich korpulent. So daß man sagen kann, ich bin im Verhältnis dagegen also klein und...

 

Vorsitzender Richter:

Ein Strich gewesen, ja. Also die Leute sind hereingeführt worden. Sie haben dann an der Treppe geguckt und haben gesehen, daß da unten der Max Schall wirklich dabeistand.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber runtergegangen sind Sie nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, ich konnte nicht ganz runtergehen, um nicht von dem SS-Mann gesehen zu werden. Obwohl wir ja nicht als Pfleger im Krankenbau den Blocksperren oder den Lagersperren unterlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, selbst wenn Lagersperre gewesen wäre, innerhalb des Blocks durften Sie ja wohl gehen, nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

Durften wir runtergehen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber es war Ihnen trotzdem zu gefährlich?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das war mir zu unangenehm, die Sache.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da sind Sie nicht heruntergegangen.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und da standen die unten in dem Flur, die Leute?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wissen Sie dann von ihrem weiteren Schicksal?

 

Zeuge Hans Wiener:

Sie wurden dann einzeln hereingeführt. Ich konnte dann, ich weiß nicht, beim zweiten oder dritten – oder war es der vierte – sehen, daß Kaduk beziehungsweise Klehr drinstand und hatte eine Spritze in der Hand.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie von der Treppe aus sehen?

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Das konnte man beobachten. Wenn die Tür aufging, konnte ich genau beobachten, wie dort jemand im weißen Kittel stand und eine Spritze in der Hand hatte.

 

Vorsitzender Richter:

War er allein in dem Raum drin?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das kann ich nicht sagen. Ich habe nur Klehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kannten ihn doch gar nicht, den Klehr.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ich kannte ihn vom Hörensagen.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Hörensagen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Und auch vom Sehen, wenn er mal reingegangen ist in den KB.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo reingegangen?

 

Zeuge Hans Wiener:

In den KB.

 

Vorsitzender Richter:

Kam er auch mal vorbei in Ihrem Saal, wo Sie Pfleger waren?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ich war zuerst, wie ich schon sagte, auf der Ruhrstation. Dort ist überhaupt kein SS-Mann erschienen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nachher?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nachher habe ich einmal einen SS-Mann gesehen, aber das war nicht Klehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das war doch auf dem Block 28, nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

28, ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und da waren Sie im ersten Stock tätig?

 

Zeuge Hans Wiener:

Im ersten Stock, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und unten im Parterre, da fand das statt, was Sie uns eben erzählt haben?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie gesehen, daß ein Vorhang da gespannt war?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Daß ein Vorhang in dem Flur gespannt war?

 

Zeuge Hans Wiener:

In dem Flur? Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Tja. Nun, das haben Sie also gesehen: den Klehr mit einer Spritze in der Hand.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und ob sonst noch jemand in dem Raum war, wissen Sie nicht. Was wissen Sie von dem Schicksal des Max Schall?

 

Zeuge Hans Wiener:

Daß nach einer bestimmten Zeit, als sehr wahrscheinlich schon alle Häftlinge »abgespritzt« waren, die Häftlinge draußen vor der Tür lagen, von einem, der das Kommando hatte, diese Häftlinge

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vor welcher Tür, Herr Zeuge?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Vor welcher Tür?

 

Zeuge Hans Wiener:

Hier im Block.

 

Vorsitzender Richter:

Im Flur oder außerhalb des

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Die Häftlinge gingen hier rein in ein Zimmer, und in einem weiteren Zimmer wurden sie rausgeschleppt. Das war ein Durchgangszimmer sehr wahrscheinlich. Die wurden dann hier rausgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

So daß also die anderen, die auf dem Flur angetreten waren, das alles gesehen haben?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, da war kein Häftling mehr da. Nachdem alle Häftlinge drin waren, sagte ich doch.

 

Vorsitzender Richter:

Also es waren etwa 15 Häftlinge, sagten Sie, die standen auf dem Flur.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun wurden zwei genommen, wurden hereingeführt in den Raum, wurden von dem Klehr getötet.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Als sie tot waren, wurden sie, wie Sie meinen, durch ein Durchgangszimmer...

 

Zeuge Hans Wiener:

Ins Nebenzimmer gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Nebenzimmer.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo lagen sie dann?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nachher, als alle Häftlinge drin waren, wurden die Häftlinge draußen im Flur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auf den Flur gelegt.

 

Zeuge Hans Wiener:

Auf den Flur gelegt.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat das für einen Sinn gehabt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Die wurden dann von einem Spezialkommando...

 

Vorsitzender Richter:

Weggetragen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Weggefahren. Weggefahren. Da kam dann ein Wagen, ein gewöhnlicher Achswagen, da kamen die Häftlinge rauf.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sind Sie runtergegangen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, ja, ich habe das beobachtet nur. Immer noch vom Flur aus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Von der Treppe aus?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bin dann zurück in meinen Saal gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und sind Sie auch mal runtergegangen zu den Häftlingen, die da lagen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Zu den Toten, zu den Leichen sind Sie nicht runtergegangen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie dabei auch Ihren Freund, den Max Schall, gesehen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Den Max Schall habe ich dort unter den Toten erkannt, auch.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie erkannt. Sehen Sie mal, Herr Zeuge, Sie haben, als Sie Ihre eidesstattliche Versicherung abgegeben haben, folgendes gesagt: »Da ich Max Schall bereits vom Konzentrationslager Sachsenhausen her kannte, wollte ich mich vergewissern, ob er tatsächlich unter den von Kaduk zugeführten Häftlingen gewesen war. Als ich an die Toten herantrat, konnte ich mich davon überzeugen, daß sich Max Schall unter den aus dem Behandlungszimmer gezogenen Toten befand.« 2 Damals haben Sie gesagt, Sie wären an die Toten herangetreten. Heute sagen Sie, Sie hätten lediglich von der Treppe aus geguckt.

 

Zeuge Hans Wiener:

Das waren ja nur zwei Meter.

 

Vorsitzender Richter:

Das waren nur zwei Meter.

 

Zeuge Hans Wiener:

Das waren ungefähr zwei Meter.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Dann haben Sie ausgesagt: »Nach dem ›Abspritzen‹ wurden die Toten von Häftlingen aus dem Raum gezogen und vor dem Block gestapelt.« 3 Heute sagen Sie, sie wurden in den Flur gelegt.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, die kamen also erst vor die Tür, und dann wurden sie rausgetragen. Das war in einem Zusammenhang, der also automatisch ging.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Sind noch Fragen zu stellen? Nein. Vom Gericht? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Welche Häftlingsnummer haben Sie?

 

Zeuge Hans Wiener:

70.263.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

263. Ja. Kannten Sie aus dem Lager her den vorhin vernommenen Zeugen Eisenhändler?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, auch mit dem kam ich von Sachsenhausen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Mit dem kamen Sie von Sachsenhausen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ganz recht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Kannten Sie auch aus Sachsenhausen einen Doktor Löbner, der mit Ihnen im gleichen Transport kam?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, nein. Es ist möglich, ich kann mich dessen aber nicht mehr genau erinnern.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber Eisenhändler kannten Sie?

 

Zeuge Hans Wiener:

Eisenhändler kannte ich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr? Herr Staatsanwalt? Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul? Die Herrn Verteidiger? Herr Rechtsanwalt Göllner.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, wann ist der Vorfall geschehen? Sie haben gesagt, daß Sie vom Oktober 42 bis Mai 1943 im Stammlager waren, und sagten, Sie seien nach einer kurzen Zeit in den HKB gekommen. Und wann haben Sie da, nach Ihrer Erinnerung, diesen Vorfall beobachtet?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das war nach nicht allzu langer Zeit. Ich kann mich nicht mehr an Zeit und Stunde genau erinnern. Aber es war bald nach dem

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

War es vor Weihnachten, oder war es nach Weihnachten 42?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das muß kurz nach Weihnachten gewesen sein, also schon Anfang 43.

 

Verteidiger Göllner:

Anfang 43.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Verteidiger Göllner:

Haben Sie Klehr, von dem Sie sagten, Sie hätten wenig Kontakt mit ihm gehabt, häufiger persönlich da gesehen oder nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Verteidiger Göllner:

Ob Sie den Klehr häufiger persönlich dort gesehen haben, weil Sie sagten, Sie hätten wenig Kontakt mit ihm gehabt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja. Ich habe ihn nur eben gesehen, wie ich bereits sagte, als die Tür aufging.

 

Verteidiger Göllner:

Das einzige Mal?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das einzige Mal.

 

Verteidiger Göllner:

Hat er da eine Brille getragen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Sie sagten, Sie hätten diesen Vorfall beobachtet in einer Entfernung von zwei Metern von der Treppe.

 

Zeuge Hans Wiener:

Circa, ja.

 

Verteidiger Göllner:

Können Sie das hier auf der Tafel zeigen, wo Sie gestanden haben?

 

Zeuge Hans Wiener:

An welcher Tafel?

 

Verteidiger Göllner:

Dahinten auf der Tafel.

 

Zeuge Hans Wiener:

Das glaube ich heute nicht mehr sagen zu können. Das war an der Treppe

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Wo war denn die Treppe?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Verteidiger Göllner:

Wo war denn die Treppe in Block 28?

 

Zeuge Hans Wiener:

Wenn man reinkam, war links die Treppe. Ein Stückchen rein und dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Zeuge, gehen Sie doch mal dahinten an die Karte, ja? Die dahinten steht.

 

Zeuge Hans Wiener:

Welche denn?

 

Vorsitzender Richter:

Da, hinten, ja. Gehen Sie mal hin, und versuchen Sie sich mal zurechtzufinden. [...] Links unten ist ein schwarzer Pfeil, das ist der Eingang zum Lager. Da, jawohl. Da ist man reingekommen, da war rechts die Küchenbaracke. Und wenn Sie da nun weitergehen und durch die Lagerstraße, dann...

 

Zeuge Hans Wiener:

Kam man hierher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da müßten Sie sich jetzt eigentlich zurechtfinden.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, das ist der Block 28.

 

Vorsitzender Richter:

Welcher?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Welcher ist dieser da?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das ist der Block 28.

 

Vorsitzender Richter:

Der da.

 

Zeuge Hans Wiener:

Der letzte Block an der Mauer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nun möchte der Herr Rechtsanwalt wissen, wo man da reingegangen ist.

 

Zeuge Hans Wiener:

Vorne, von der Vorderseite.

 

Vorsitzender Richter:

Von der Straße aus.

 

Zeuge Hans Wiener:

Von der Straße aus, ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Und war noch ein anderer Eingang da?

 

Zeuge Hans Wiener:

Kann ich also nicht sagen. Wir sind nur in diesen [+ reingegangen]. Ich glaube, hier hinten war auch noch ein Eingang.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben, dahinten wäre auch noch einer gewesen.

 

Zeuge Hans Wiener:

Aber wir sind lediglich von hier reingegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Von der Straße aus reingegangen.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Göllner, ist die Frage beantwortet?

 

Verteidiger Göllner:

Nein, noch nicht ganz. Ich möchte noch wissen, wo die Treppe sich genau befand, auf der der Zeuge gestanden hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also war die mitten im Raum, oder war die anfangs oder am Ende?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das können vielleicht einige Meter in der Baracke gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wenn man die Tür unten hereinkam

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Zur linken Hand.

 

Vorsitzender Richter:

Ging da die Treppe sofort hoch an der Eingangstür?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern ging in der Mitte der

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Circa, circa in der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Circa in der Mitte des Baus ging die Treppe hoch?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und endete oben ebenfalls in der Mitte?

 

Zeuge Hans Wiener:

Im ersten Stock, ganz recht.

 

Verteidiger Göllner:

Können Sie noch sagen, wie lang der Block war, wieviel Meter? Werden das 40 bis 50 Meter gewesen sein?

 

Zeuge Hans Wiener:

Können 40 bis 50 Meter gewesen sein.

 

Verteidiger Göllner:

Und wenn die Treppe in der Mitte gewesen wäre, müßte doch Ihre Entfernung mindestens 20

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Ungefähr, circa. Ich habe nicht gesagt: in der Mitte.

 

Verteidiger Göllner:

Ja, ja. Etwa in der Mitte.

 

Zeuge Hans Wiener:

Etwa. Vielleicht, was weiß ich, 15 Meter.

 

Verteidiger Göllner:

Dann müßte aber Ihre Entfernung von der Treppe und von dem Raum etwa 20 Meter gewesen sein.

 

Zeuge Hans Wiener:

Das ist nicht gesagt. Ich habe bereits erwähnt, daß man

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Sie haben gesagt, zwei Meter wären Sie nur entfernt gewesen.

 

Zeuge Hans Wiener:

Von der Treppe aus, von der Treppe zum Zimmer.

 

Verteidiger Göllner:

Von der Treppe zu dem geöffneten Zimmer?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ganz recht. Die Zimmer rechts lagen ja auch einige Meter weiter. Die lagen ja nicht vorne am Eingang.

 

Verteidiger Göllner:

Und wo war das Zimmer von Klehr?

 

Zeuge Hans Wiener:

Die ersten Zimmer, die

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Zeigen Sie es doch bitte an der Tafel. War es links, war es rechts?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das kann man ja hier gar nicht zeigen.

 

Verteidiger Göllner:

Doch.

 

Zeuge Hans Wiener:

Die waren ja, wenn man reinkam, rechts, die Zimmer. Gingen die links

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Also vom Eingang her?

 

Zeuge Hans Wiener:

Bitte?

 

Verteidiger Göllner:

Vom Eingang her?

 

Zeuge Hans Wiener:

Vom Eingang her waren hier rechts die Zimmer des Klehr. Hier links die Treppe rauf ging zur anderen Abteilung.

 

Verteidiger Göllner:

Gut, keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Herr Doktor Kaul.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich möchte folgenden Vorhalt machen: Herr Zeuge, Sie haben auf die Frage des Herrn Rechtsanwalts – bitte setzen Sie sich hin und sprechen Sie ins Mikrofon –, auf die Frage des Herrn Rechtsanwalts Göllner erklärt, der Vorgang wäre nach Weihnachten gewesen, den Sie hier geschildert haben mit Klehr und Ihrem... Nicht?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Etwa. Ich muß Ihnen vorhalten, Herr Zeuge, aus Ihrer eidesstattlichen Versicherung, die Sie seinerzeit aufgrund Ihrer Schilderung abgegeben haben: »Wir waren erst kurze Zeit«, so sagen Sie, »im Konzentrationslager Auschwitz. Es war ungefähr Anfang November 42, als ich vom Fenster des Häftlingskrankenbaus aus bemerkte, daß Kaduk« 4 und so weiter und so weiter.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja, ich glaube nicht, daß ich gesagt habe, daß es im Jahre 42 war. Nach kurzer Zeit. Das hatte ich bereits erwähnt. Mir ist auch nicht bekannt, daß von November oder Oktober oder Dezember die Rede war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber der Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul hat schon richtig vorgelesen. Es stand nicht nur »kurze Zeit«, sondern, ein Zwischensatz: »Es war ungefähr Anfang November 1942.« 5 Es steht hier so.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Steht so und ist auch so aufgenommen.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ich verstehe darunter: nach einer kurzen Zeit, was sich also auch über einige Wochen erstrecken kann.

 

Vorsitzender Richter:

Nun weiter, Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich wollte diesen Vorhalt nur machen. Ist von Ihnen bei der Fertigung der eidesstattlichen Versicherung, die von mir dann beglaubigt wurde, nicht erst der Zeitpunkt November 42 gefallen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Nein, ist nicht gefallen. Ich habe gesagt, daß ich nach dem Ablauf einer bestimmten Zeit diese Dinge erlebt habe, aber nicht einen Tag oder Monat genannt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gut.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn diese eidesstattliche Versicherung geschrieben?

 

Zeuge Hans Wiener:

Tja, die machten wir bei einem Vertreter des Herrn Kaul.

 

Vorsitzender Richter:

Bei einem Vertreter des Herrn Kaul. Und die wurde Ihnen dann zur Unterschrift vorgelegt?

 

Zeuge Hans Wiener:

Die wurde uns zur Unterschrift vorgelegt.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Direktor, ich bitte, diese Antwort des Zeugen im Protokoll festzuhalten.

 

Vorsitzender Richter:

Warum? Er sagt, er machte die Aussage bei einem Vertreter des Rechtsanwalts Doktor Kaul.

 

Verteidiger Göllner:

Ach, bei einem Vertreter?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So hat er gesagt.

 

Verteidiger Göllner:

Ja dann, das schließt doch nicht aus, daß sie auch bei dem Vertreter damals richtig abgegeben [+ worden] sein kann. Ich will nur festgehalten haben, daß er damals erklärt hat, daß sich der Vorfall im November 1962...

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Göllner, erstens hat er es unterschrieben. Zweitens einmal ist seine Unterschrift vom Herrn Rechtsanwalt Doktor Kaul beglaubigt worden. Also wenn er das unterschrieben hat – er hat ja gar keine Erklärung abgegeben, sondern er hat dieses Schreiben unterschrieben als seine eidesstattliche Versicherung –, muß [+ man] also annehmen, daß er damals die eidesstattliche Versicherung abgegeben hat: »Es war im November.«

 

Verteidiger Göllner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Heute sagt er...

 

Verteidiger Göllner:

Januar oder nach Weihnachten.

 

Vorsitzender Richter:

Er weiß es nicht. Ja.

 

Verteidiger Göllner:

Ja, sagt er denn nun effektiv, er weiß es nicht mehr genau? Das hat er doch nicht gesagt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe ja, Herr Kollege Göllner, nicht ohne Grund ihm selbst das vorgehalten. Soweit ich ihn jetzt verstanden habe, bleibt er dabei, daß es 43 gewesen ist und daß hier die eidesstattliche Versicherung nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Unrichtig sei.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nicht richtig formuliert sei.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war es denn nun gewesen?

 

Zeuge Hans Wiener:

Im Beginn des Jahres 43.

 

Vorsitzender Richter:

Beginn des Jahres 43, sagt er. [Pause] Klehr.

 

Angeklagter Klehr:

[Pause] Herr Direktor, ich habe einige Fragen an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, Sie waren von Oktober bis Mai 43 im Krankenbau?

 

Zeuge Hans Wiener:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Wollen Sie mir bitte sagen, was im Block 28 für Zimmer alles gewesen waren?

 

Zeuge Hans Wiener:

Das kann ich nicht mit hundertprozentiger Genauigkeit nach 21 Jahren sagen. Ich weiß bloß, daß mehrere Zimmer auf der rechten Seite gewesen sind. Und daß hinten links die Ruhrabteilung war. Und daß oben mehrere Säle waren mit kranken Häftlingen.

 

Angeklagter Klehr:

Wenn Sie so lange Zeit da [+ waren], das sind allerhand Monate von Oktober bis Mai 43, und als Pfleger nur tätig waren im Block 28, dann können Sie sich doch bestimmt erinnern, was für Zimmer, was für Krankenzimmer und so weiter, da im Block 28 gewesen sind.

 

Zeuge Hans Wiener:

Ich sagte bereits, daß ich auf der Abteilung der Dysenterie war, der Ruhrabteilung, und später oben auf dem Saal war. Die Zimmer sind mir nicht mehr so geläufig und so in Erinnerung.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, wenn ich Ihnen sage, daß auf Block 28 keine Ruhrabteilung war, sondern Block 28 war eine interne Abteilung, innere Krankheiten. Da war unten links, wenn man reinkam, die Ambulanz. Hinter der Ambulanz war die Häftlingsschreibstube, Ambulanzschreibstube. Gegenüber von der Ambulanz war das Zimmer, wo die Häftlinge sich krank gemeldet haben, die dem Lagerarzt vorgestellt worden sind. Unten lagen überhaupt keine Kranken. Weiter rechts war unten die Diätküche. Auf der linken Seite war das Röntgenzimmer, das Bestrahlungszimmer. Unten waren überhaupt keine Kranken, und oben war eine Stube für die Reichsdeutschen, und die anderen Stuben waren für die anderen Häftlinge [mit inneren] Krankheiten.

Und die Treppe befand sich genau in der Mitte, genau, war auch ein zweiter Eingang, der ging auch von der Treppe aus runter in den Keller und oben in den ersten Stock, und zwar auf der Seite vom Zaun aus, auf das »Theatergebäude« zu. Ein Eingang war vorn auf der Hauptstraße, und der andere Eingang war auf der Seite, wo man in den Leichenkeller runterging.

Und in der Ambulanz sind überhaupt keine Injektionen durchgeführt worden. Wie Sie sagten, sie sind von dem anderen Zimmer in das andere Zimmer reingelegt worden und dann auf dem Flur aufgestapelt worden

 

Zeuge Hans Wiener [unterbricht]:

Ganz recht.

 

Angeklagter Klehr:

Das ist niemals vorgekommen.

 

Zeuge Hans Wiener:

Jawohl.

 

Angeklagter Klehr:

Auf Block 28 sind Injektionen durchgeführt worden. Aber die wurden unten im Leichenkeller durchgeführt von den Funktionshäftlingen. Sonst sind in dem Ambulanzraum keine Injektionen durchgeführt worden. Und zweitens war ich im Oktober oder November überhaupt nicht mehr im Stammlager. Ich habe nichts mehr zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, Sie haben die Vorhalte gehört, bleiben Sie bei Ihrer Aussage?

 

Zeuge Hans Wiener:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wollten Sie, Herr Rechtsanwalt Aschenauer?

 

Verteidiger Aschenauer:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Bitte schön.

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Direktor, zu dieser Zeit war ich gar nicht in Auschwitz gewesen. Vom 28.10. bis 1943 war ich im Krankenhaus gewesen, in Glatz habe ich gelegen. Das ist nicht wahr, was der Zeuge

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das soll nicht am 28.10 gewesen sein. Sondern er hat damals gesagt, Anfang November, und heute sagt er, Anfang 1943.

 

Angeklagter Kaduk:

Da lag ich im Krankenhaus in Glatz.

 

Vorsitzender Richter:

Von wann ab waren Sie im Krankenhaus?

 

Angeklagter Kaduk:

28.10.

 

Vorsitzender Richter:

28.10.43?

 

Angeklagter Kaduk:

42.

 

Vorsitzender Richter:

42 bis?

 

Angeklagter Kaduk:

43.

 

Vorsitzender Richter:

Bis?

 

Angeklagter Kaduk:

Bis 21.8.1943.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 21.8.43?

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl, lag ich in Glatz. Malaria hatte ich, Nierenzusammenbruch.

 

Vorsitzender Richter:

Das wäre ein Dreivierteljahr.

 

Angeklagter Kaduk:

Ja. Da konnte ich das nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Ist das wahr?

 

Richter Hotz:

[unverständlich] Unterlagen.

 

Angeklagter Kaduk:

Nach Wehrmachtsbescheinigung ist alles klar.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie eine?

 

Angeklagter Kaduk:

Das ist dem Gericht vorgelegt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Vorgelegt worden bereits?

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl, der Rechtsanwalt Jugl hat es vorgelegt voriges Jahr am 30. Dezember.

 

Vorsitzender Richter:

Am 30. Dezember?

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wir werden nachsehen im Protokoll.6

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. eidesstattliche Versicherung des Zeugen Wiener vom 27.01.1964, Anlage zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.01.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

2. Vgl. eidesstattliche Versicherung des Zeugen Wiener vom 27.01.1964, Anlage zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.01.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

3. Vgl. eidesstattliche Versicherung des Zeugen Wiener vom 27.01.1964, Anlage zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.01.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

4. Vgl. eidesstattliche Versicherung des Zeugen Wiener vom 27.01.1964, Anlage zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.01.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

5. Vgl. eidesstattliche Versicherung des Zeugen Wiener vom 27.01.1964, Anlage zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.01.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

6. Vgl. Anlage 5 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.12.1963, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

 

 
 
 
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