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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

117. Verhandlungstag, 30.11.1964

 

Vernehmung des Zeugen Rudolf Vrba

 

Vorsitzender Richter:

in der Zeit verhaftet worden.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich wurde unter dem Vorwand einer Umsiedlung ins Konzentrationslager Majdanek gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Von wo aus, Herr Vrba?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Aus der Slowakei.

 

Vorsitzender Richter:

Und aus welcher Stadt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das war aus der Stadt Trnava.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß sie?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Tyrnau. — Trnava.

 

Vorsitzender Richter:

Tyrnau, ja. Und dieses Verbringen geschah aus welchen Gründen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Da ich in einer jüdischen Familie geboren wurde, wurde ich eines Tages verhaftet und nach Majdanek verschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Also aus rassischen Gründen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie kamen dann von Majdanek nach Auschwitz?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich war zwei Wochen in Majdanek, und dann wurde ich aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, nach Auschwitz verschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Am 30. Juni 1942.

 

Vorsitzender Richter:

Am 30. Juni welchen Jahres?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

1942.

 

Vorsitzender Richter:

Am 30.6.1942. Und wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich war in Auschwitz bis zum 7. April 1944.

 

Vorsitzender Richter:

7. April 1944. Und kamen dann wohin?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich bin entflohen aus Auschwitz am 7. April.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind entflohen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. [Pause] Und sind dann auch in Freiheit geblieben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und ich bin zurückgekehrt in meine Heimat, nach der Slowakei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie sind aber nicht erneut verhaftet worden?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe mich gewehrt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Vrba, sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Vrba, Sie waren im Auschwitz-Lager mit verschiedenen Tätigkeiten beschäftigt.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns einmal sagen, was Sie dort für einzelne Tätigkeiten ausgeübt haben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Die ersten sechs Wochen war ich tätig in einem Hauptwirtschaftslager der SS.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dann war ich eingereiht in eine Gruppe, die für IG Farben arbeitete, in den Buna-Werken.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dort war ich ungefähr vier Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Vier?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ungefähr vier Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Vielleicht sechs Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Danach wurde ich in ein besonderes Kommando eingereiht, das den euphemistischen Titel Aufräumungskommando hatte und das sich damit befaßte, die Transporte von jüdischen Familien, die nach Auschwitz kamen – dort zu assistieren beim [Ausladen] von den Zügen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie dort ungefähr?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und sich mit dem Vermögen zu befassen. Ja, dort war ich ungefähr vom Herbst 42 bis zum Juni 43.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Juni 43. Und was geschah dann mit Ihnen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Im Juni 43 bin ich ein Schreiber geworden auf einem Block, da ich mehrere Sprachen sprach. Und ich war Schreiber in Birkenau. 43 wurde ich von Auschwitz nach Birkenau verlegt, im Jänner.

 

Vorsitzender Richter:

Im Jänner? Sie sagten, seit Juni 43 seien Sie Blockschreiber gewesen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl, das bedeutet, dieses Aufräumungskommando war in Auschwitz bis zum Jänner 43. Dann wurde das ganze Kommando nach Birkenau verlegt. Und ich blieb in diesem Kommando bis zum Juni 43.

 

Vorsitzender Richter:

Juni, ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dann, im Juni 43, wurde ich dort Schreiber, in Birkenau, und bin Schreiber geblieben bis zum April 44, das heißt bis zur Zeit meiner Flucht aus dem Konzentrationslager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und in welchem Block waren Sie Blockschreiber?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich war im Quarantänelager Blockschreiber, und am Tage meiner Flucht war es Block 14.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Quarantänelager, das war das Lager a?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das war das Lager IIa.

 

Vorsitzender Richter:

IIa. BIIa. Und da waren Sie im Block?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

14.

 

Vorsitzender Richter:

14. Und welche Häftlingsnummer hatten Sie dort? [Pause] Welche Häftlingsnummer? Sie haben doch eine Nummer.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Meine Nummer ist 44.070.

 

Vorsitzender Richter:

44.070. Und haben Sie in Auschwitz und in Birkenau unter Ihrem richtigen Namen Vrba gelebt, oder hatten Sie

 

Zeuge Rudolf Vrba [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Namen hatten Sie da?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe in Auschwitz und Birkenau unter dem Namen Walter Rosenberg gelebt.

 

Vorsitzender Richter:

Walter Rosenberg. Und was war der Grund dafür, daß Sie diesen Namen angenommen haben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Als ich von Auschwitz entfloh, hatte die sogenannte Politische Abteilung von Auschwitz einen Haftbefehl gegen mich erlassen und alle Kriminalstellen in Deutschland und in den besetzten Gebieten aufgefordert, die Gestapo-Stellen und die Sicherheitsdienste, nach mir zu fahnden. Die Kopie dieses Fahnderberichtes ist in meinen Händen, ich habe sie vom Auschwitz-Museum bekommen.1 Und im Jahre 44, das heißt unmittelbar nach meiner Flucht aus Auschwitz und dieser Fahndung nach mir, habe ich den Namen geändert zu Rudolf Vrba.

Ich bin dann später unter diesem Namen ins tschechoslowakische Militär eingetreten und war im Militär bis zum Ende des Krieges. Meine Dokumente wurden natürlich verbrannt noch in Majdanek. Und ich habe keine anderen Dokumente gehabt als die Papiere, die ich als Soldat beim Ende des Krieges bekommen habe, und habe den Namen nachher legalisiert. Denn nach dem, was ich in Auschwitz gesehen hatte, wollte ich nicht einen deutsch klingenden Namen tragen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind geboren als Walter Rosenberg.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das ist richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dann den Namen Vrba sich nachträglich legalisieren lassen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das ist richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, wir wollen jetzt zunächst eine Pause einlegen.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

uns zum Schluß noch gesagt, daß Sie nach Auschwitz gekommen sind. Und darf ich Sie noch einmal um das genaue Datum fragen, von wann bis wann?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ins Konzentrationslager Majdanek bin ich eingeliefert worden am 14. Juni 1942. Und von dort wurde ich in einem Viehwagentransport am 28. Juni, das heißt im selben Monat, wieder abtransportiert.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Zug ist angekommen im Konzentrationslager Auschwitz am 30. Juni.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also Sie waren 14 Tage in Majdanek, und dann sind Sie am 30.6. in Auschwitz angekommen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Am 30.6.42.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

42.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Vrba, Sie sind dann in welche Lager gekommen beziehungsweise in welche Blocks?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Im Lager Auschwitz, das heißt in dem Zentrallager, war ich bis 15. Januar 1943. Aber hier bin ich mir des Datums nicht ganz sicher. Es müßte im Jänner 43 [+ gewesen] sein. Ich war auf verschiedenen Blocks. Denn von Anfang an wurde ich von einem ins andere sogenannte Arbeitskommando verschoben, bis ich dann schließlich in das sogenannte Aufräumungskommando eingegliedert wurde

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das sagten Sie schon. Ja, und

 

Zeuge Rudolf Vrba [unterbricht]:

Und daran erinnere ich mich, die Nummer des Blockes war 4.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind insgesamt gewesen in allen Lagern in Auschwitz vom 30.6.2 bis zum 7.4.44, bis zu Ihrer Flucht.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Davon waren Sie sechs Wochen etwa bei dem SS-Wirtschaftslager, dann vier Wochen in Buna, vier bis sechs Wochen. Im September kamen Sie zu dem Aufräumungskommando und blieben dort zunächst bis zum Januar 43 in Auschwitz, und vom Januar bis Juni waren Sie in Birkenau?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Vom Januar bis Juni war ich im Aufräumungskommando in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Kamen dann im Juni 43 als Blockschreiber zum Lager BIIa, Block 14.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nun haben wir also Ihre Tätigkeit zunächst in der Wirtschaftsabteilung, dann in Buna. Und dieses Aufräumungskommando, das wird für uns vielleicht eines der aufschlußreichsten sein, denn da sind Sie ja ziemlich herumgekommen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren Sie denn untergebracht in dieser Zeit?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

In der Zeit, da ich im Aufräumungskommando arbeitete, war ich untergebracht im Block 4 im Auschwitz-Zentrallager.

 

Vorsitzender Richter:

Im Stammlager, Block 4.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Im Stammlager, Block 4, im Keller.

 

Vorsitzender Richter:

Im Keller. Wer war damals Ihr Blockältester?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Blockälteste war ein polnischer Häftling, der hatte geheißen Polsakiewicz. Polsakiewicz.

 

Vorsitzender Richter:

Polsakiewicz. Und wissen Sie noch, wie Ihr Blockführer hieß?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, auf den Namen des Blockführers kann ich mich nicht erinnern. Ich erinnere mich nur an den Namen des Blockschreibers. Das war Ernst Burger.

 

Vorsitzender Richter:

Burger. [Pause] Wissen Sie, was aus dem Burger geworden ist?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Burger – solange ich im Laqer war, hat er noch gelebt. Nach dem Kriege habe ich erfahren, daß er wegen Fluchtverdachts von der SS gehängt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Vrba, worin bestand Ihre Tätigkeit bei dem Aufräumungskommando?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, das Aufräumungskommando war ein ziemlich komplizierter Apparat, und ich würde vielleicht drei, vier Minuten brauchen, das zu beschreiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja nun, so in großen Zügen vielleicht einmal, ja?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Grundsätzlich hatte das Aufräumungskommando in zwei Schichten gearbeitet. Es war eine Tagesschicht und eine Nachtschicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Die Nachtschicht war in direktem Kontakt mit sogenannten Zugängen, das bedeutet, beim Ausladen der Transporte, die konstant nach Auschwitz rollten. Und die Tagesschicht hatte sich befaßt mit den Effekten der — victims, — obetí.

 

Dolmetscher Benesch:

Der Opfer.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Opfer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Im Grunde genommen bestand unsere Arbeit [+ darin]: In der Nacht, wenn der Transport angemeldet wurde nach Auschwitz, kam ein Blockführer, ein SS-Mann, in den Block und hat uns geweckt. Darauf sind wir sofort aufgestanden und wurden zur sogenannten Rampe abtransportiert.

Die Rampe, das war ein Holzgebäude, ein Holzgerüst von ungefähr 500 Meter Länge – könnte aber auch länger [+ gewesen] sein –, das sich zwischen Auschwitz und Birkenau befand.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Das war also die sogenannte alte Rampe.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Wir sind mit einer Gruppe von SS-Männern immer herausmarschiert. Und da waren gewöhnlich schon auf der Stelle ungefähr 100 SS-Männer ohne Rang. Die haben um die Rampe eine Postenkette gezogen. Als die Postenkette gezogen wurde, sind wir in die Postenkette hereinmarschiert, denn diese Rampe war ja außerhalb des Lagergebietes, außerhalb von Auschwitz und außerhalb von Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Wir sind in die Postenkette hereinmarschiert und warteten auf den Zug. Der Zug wurde hereingeschoben in diese Kette, ungefähr nachdem die Postenkette kontrolliert wurde und alles klappte. Danach kam eine Kommission von SS-Offizieren und eine Gruppe von SS-Unteroffizieren, das waren meistens Rottenführer, Scharführer und Unterscharführer und solche. Und eine Gruppe von Offizieren, also die haben da Gold auf den Achseln gehabt. Wir standen auf dem unteren Ende der Rampe, und die sogenannten Offiziere standen am oberen Ende der Rampe.

Die SS-Unterscharführer, die haben sich dann zum Zug begeben und haben die Waggone geöffnet und haben den Insassen der Waggone, die meistens aus Frauen, Kindern, Männern und allen möglichen, also aus Familien bestanden, angeordnet, die Waggone zu verlassen. Die Zahl [+ der Leute] wechselte. Die kleineren Transporte hatten vielleicht 700 bis 800 Leute, die größeren Transporte konnten bis zu 3.000 Leute enthalten. Die Leute wurden aus den Waggonen herausgetrieben, manchmal mit guten, manchmal mit schlechten Worten, von der SS. Und wir standen in einer Ecke der Postenkette. Und unter Todesstrafe wurde uns verboten, sich mit jemandem von den Zugängen zu unterhalten.

Die Zugänge wurden dann aufgereiht vor der Rampe, und ein strenges Sprechverbot wurde ihnen auferlegt. Niemand durfte sprechen. Wer gesprochen hatte – dazu waren dort die Unterscharführer, die Spazierstöcke trugen und rücksichtslos hineinschlugen bei jedem Versuch, einen Kontakt zwischen den Leuten einzuführen. Die ganze Reihe der Leute – gewöhnlich war das, wie ich sage, eine größere Masse von Leuten, bis zu 3.000 Leute –, wurde dann vor die Kommission geführt, die auf dem anderen Ende der Rampe stand, die aus den SS-Offizieren bestand. Und die haben gewöhnlich, nicht immer, ungefähr 100 bis 150 – manchmal 200, sagen wir, 15 bis 20 Prozent, zehn Prozent, das hat sehr variiert – Leute herausgesucht, die ins Lager abmarschieren mußten. Der Rest der Leute wurde dann auf vorbereitete Lastwagen geladen und nach der anderen Seite, das heißt nach Birkenau, direkt in die Gaskammern verschickt.

Das bedeutet, wenn der Transport angekommen ist – das war eine Routine –, ist sofort ein Rotkreuzwagen angekommen, wenn die Leute herausgestiegen sind. Was der Rotkreuzwagen enthielt, das wußte ich. Denn bei Tag wurde er mit Zyklongas beladen, und er ist vorbeigefahren an den Leuten. Das hatte auf die Leute eine beruhigende Wirkung gehabt. Denn sie hatten gesagt: Das Rote Kreuz ist da, also kann nichts passieren, sogar Schlimmes. Und der [+ Rotkreuzwagen] ist vorbeigefahren und direkt in die Gaskammer, die war einen Kilometer weiter.

Nun, die Leute wurden aussortiert, auf die Autos verlegt, und dann kam die zweite Seite der Operation. Da war in den Waggonen immer eine [Anzahl] von Leuten, die man nicht bewegen konnte, aus den Waggonen herauszusteigen. Also erst haben es dort die Unterscharführer versucht auf eine härtere Weise. Und die, welche mit Stockschlägen nicht herauszukriegen waren, das bedeutet: die Toten, die Todkranken, die auf Stockschläge nicht mehr reagierten, und Krüppel, verkrüppelte Leute, die sich nicht bewegen konnten, dann wurden wir von der SS in die Waggons hereingetrieben und mußten diese Leute aus den Waggons herausziehen. Das passierte gewöhnlich, wenn der Transport in die Gaskammern verschickt wurde oder der kleine Rest in das Lager.

Und dann, wenn die Rampe sozusagen frei war, hatten wir uns zu befassen mit dem, was in dem Waggon an den Leuten übrigblieb. Die Leute mußten geschleppt werden, das bedeutete, die Arbeit war für die SS auch ziemlich unangenehm. Da waren manchmal bis zu zehn Prozent Tote in manchen Waggonen, die mehrere Tage schon dort waren, oder Schwerkranke. Die hygienischen Verhältnisse in den Waggonen waren manchmal sehr schwierig, was den SS-Leuten nicht sehr gut paßte unter der Nase. Und die Arbeit wurde mit Stockschlägen sehr schnell befördert. Das bedeutet, einen Kranken konnte ein Häftling nur schleppen. Wir mußten die Kranken oft auf eine Distanz bis zu 500 Meter schleppen, bei den Händen oder auf Decken oder wie es eben gegangen ist, bis zu den Lastautos. Und dann, [angetrieben] mit Stockhieben, hatten wir die Kranken auf das Lastauto befördert, und mit den Toten zusammen ist das letzte Lastauto dann weggefahren.

Nachdem die Leute weg waren, hatte das Arbeitskommando die zweite Aufgabe gehabt, nämlich: Wir haben herausgeschleppt aus den Waggonen im Laufschritt alle Effekten der Anwesenden, die in dem Waggon da [+ gewesen] waren. Als die Effekten herausgeladen wurden, sind die Lastautos, welche die Opfer zu den

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gaskammern.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Gaskammern gebracht haben, sind zurückgekommen, leer. Und auf diese leeren Lastautos haben wir dann geladen die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das Gepäck.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das Gepäck. Als das Gepäck verladen war, ist es weggefahren [+ worden] in einen Gebäudekomplex in Auschwitz I. Und damit haben wir uns dann in der Früh befaßt. Nachdem dies passierte, haben wir die Waggons gereinigt. Die Waggons mußten absolut klar gereinigt werden, in einer [kurzen] Zeit. Und das Stroh oder was immer dort war, Papier oder welche Spur von Menschen in den Waggons auch immer, mußte absolut entfernt werden. Und wenn alles fertig war, dann wurde das, was im Waggon übriggeblieben ist, also das Stroh, am Platz verbrannt.

Danach kam die SS-Inspektion. Und wenn ein Waggon gefunden wurde von den SS-Unterführern dort, welcher nicht blitzblank rein war, wo noch Spuren von Leuten dringeblieben sind, wurden schwere Strafen verhängt über die Häftlinge, die wir dort arbeiteten. Und danach erst wurde das Kommando gegeben, den Zug wegzuschleppen. Da ist eine Lokomotive gekommen wieder und hat den Zug weggebracht. Nun, entweder sind wir dort geblieben und warteten auf einen Transport, einen anderen Transport. Und diese Prozedur hat sich wiederholt, manchmal in einer Nacht fünf- bis sechsmal, manchmal bloß einmal. Es waren Nächte, wo wir an die 10.000, vielleicht 7.000, vielleicht 5.000 Leute ankommen gesehen haben, manchmal nur 700 oder 800 Leute. Falls der Befehl gekommen ist, daß wir nicht auf einen nächsten Transport warten, wurden wir wieder in unseren Block, ins Lager zurückgeführt. Unsere Arbeit hat dann begonnen am nächsten Morgen. Da war ein starkes Kommando, das ist herausmarschiert in die Effekten...

 

Vorsitzender Richter:

Kammern.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

In diese Effektenkammern. Die Pakete wurden aufgerissen und sofort sortiert. Dokumente, persönliche Fotografien, Familienalben wurden auf dem Platz verbrannt. Dann Hemden, Jacken und so weiter, das wurde alles sehr sorgfältig aussortiert nach der Qualität. Da waren Herrenhemden erster, zweiter und dritter Klasse und Damenhemden erster, zweiter und dritter Klasse und so weiter, Pelze und alle die Effekten, die die Opfer mitgebracht haben. Das war unsere Tagesarbeit. Das wurde sortiert in diesen großen Effektenkammern und -komplexen. [Wenn] das alles aussortiert war, dann kamen die Züge. Und auf die Züge wurden die Güter verladen. Ich habe oft gesehen die Züge mit einer Anschrift »Winterhilfswerk«3. Ein anderes Mal waren es Züge mit einer Anschrift »Papierfabrik Memmel «. Das waren Züge, wo wir die vierte Klasse von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Lumpen praktisch. Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Also Lumpenpakete. Das wurde in eine Papierfabrik verschickt. Und verschiedene andere Sachen waren dort. Es war dort eine große Menge an Geld zu finden. Zwischen den Paketen waren dort Valuten, Gold, Golduhren und so weiter. Die wurden unter einer besonderen Aufsicht von einem gewissen Individuum, das Scharführer Wiegleb geheißen hat, gesammelt und in sein Amt hineingebracht. Am Abend wurden sie dann irgendwohin abgeliefert, das mir unbekannt war. Es waren jeden Abend bei der Arbeit... Die Wertsachen wurden in einem großen Koffer verschleppt. Also das war ein Koffer, der war voll mit Dollars, englischen Pfund, Mark, Zlotys, Golduhren und solchen Sachen. Also jedenfalls große Werte. [Nachdem] die Arbeit beendet war, sind wir wieder abmarschiert nach dem Lager. Wir wurden streng untersucht beim Abmarsch vom Kommando. Bei wem gefunden wurde, daß er etwas mitgenommen hatte, der wurde sehr streng, manchmal mit dem Tode bestraft. Denn stehlen durfte man dort nicht, hatte man uns gesagt. Und dann sind wir ins Lager hereinmarschiert, wo uns wieder eine Schar von SS-Leuten erwartete, um uns manchmal zu durchsuchen [+ nach dem], was bei der ersten Untersuchung unterschlupfen konnte. Und wir wurden in den Block hineingeführt und haben dort geschlafen, bis wieder der Alarm gekommen ist, daß der Transport angekommen ist. Diese Arbeit habe ich verrichtet ungefähr zehn Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Vrba, würde mich folgendes interessieren. Sie waren doch, wie Sie uns eben geschildert haben, auf der Rampe.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst einmal: Diese sogenannte Alte Rampe, die existierte, wenn ich Ihre Aussage richtig verstehe, bis zum Juni 1943.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann wurde die Alte Rampe nach Birkenau verlegt.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das war nicht ganz so. Die Alte Rampe, also die Rampe, an die ich mich erinnere vom 42. Jahr, soviel ich mich erinnere, existierte, solange ich dort gearbeitet habe. Die war aus Holz gebaut. Und nach einer gewissen Zeit, nachdem Millionen Menschen oder Hunderttausende Menschen auf ihr trampelten, hatte die Rampe angefangen nachzugeben. Das bedeutet, da waren Löcher. Falls wir auf der Rampe uns bewegten, da sind wir manchmal heruntergefallen unter die Rampe.

Nun, eines Tages haben sie angefangen, die Rampe zu reparieren. Jetzt erinnere mich nicht ganz gut, aber ich glaube, erst wurde die Alte Rampe in eine Betonrampe umgewandelt. Aber als diese Umwandlung schon Platz genommen hatte, war ich schon nicht mehr im Kommando. Das bedeutet, die Holzrampe wurde durch eine Betonrampe umgewandelt im Jahre 43. Sie wurde in eine bessere umgewandelt ungefähr im Sommer 43, die alte Rampe, in Beton. Zum Ende des Jahres 43, das war Dezember oder, glaube ich, das war Januar 44, wurde die Neue Rampe gebaut zwischen Bauabschnitt I und Bauabschnitt II in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das konnte ich gut verfolgen von meinem Block. Der war in Bauabschnitt IIa, Block 14. Also das wurde sozusagen vor meinen Augen gebaut. Und da wußte ich, daß diese Neue Rampe, das habe ich gehört, für die ungarischen Transporte vorbereitet ist. Denn es hat sich gehandelt um ein Ermorden von einer Million Leuten in kürzester Frist. Also haben die sich entschlossen offenbar, eine Rampe direkt beim Krematorium zu bauen, das heißt zwischen Bauabschnitt I und Bauabschnitt II.

Ich habe diese Rampe nie fertig gesehen. Denn bevor die ungarischen Transporte angekommen sind, bin ich von Auschwitz geflüchtet. Und das erste natürlich, das ich gemacht habe, war: Ich habe beschrieben, daß diese Rampe gebaut wurde für die ungarischen Bürger jüdischer Herkunft, und die Warnung darüber abgegeben, was da vorgeht. Also die zweite Rampe habe ich nie beendet gesehen. Ich habe bloß gesehen, sie wurde gebaut.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, noch etwas anderes. Sie schilderten uns vorhin, daß die Lastwagen mit den Menschen, die zum Tode bestimmt waren, wegfuhren in die Gaskammern nach Birkenau.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Gaskammern waren denn das damals?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Die Gaskammern zu dieser Zeit habe ich noch nicht gesehen. Ich wußte bloß von meinen Freunden, die bei den Gaskammern arbeiteten, welche es waren. Es waren die Gaskammern hinter Birkenau in Brzezinka. Damals

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Januar 43?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das müßte nach Januar 43 [+ gewesen] sein.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Januar 43.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Das könnte Februar, das könnte März [+ gewesen] sein. Ich erinnere mich, es war noch sehr kalt.

 

Vorsitzender Richter:

Da war das erste Krematorium mit der ersten Gaskammer fertig in Birkenau.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Von diesen großen, die da gebaut worden sind später. Oben am Rande der Karte, da sehen Sie solche braunen Blocks. Das sind die Krematorien.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Darf ich das zeigen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

[Pause] Das ist der Bauabschnitt II. Das ist der Bauabschnitt I, ja. Also das erste Krematorium, das ich gesehen habe wirklich bei Arbeit und die Opfer ins Krematorium hereinzuführen, das war in Bauabschnitt Ib. Also das war das alte Männerlager in Birkenau. Und hier ist das Krematorium gestanden. Ich konnte die Sache sehr gut beobachten. Denn dieser Block hier, das war der Block Nummer 27. Und hinter diesem Block war die Leichenhalle, die ist hier nicht eingezeichnet. Das war die Leichenhalle für die Häftlinge, die hier gestorben sind.

Wenn ich in der Nacht vom Aufräumungskommando zurückkam, das heißt, ich kam zurück morgens, da bin ich nicht in meinen Block gegangen, sondern in die Leichenhalle. Denn der Schreiber der Leichenhalle war Wetzler, mit dem ich vom Lager entflohen bin. Und ich habe mich meistens mit ihm aufgehalten in meiner freien Zeit, denn wir waren nahe Freunde. Nun, von dieser kleinen Kammer hinter dem Block 27 konnte ich ganz gut beobachten, was sich hier im Krematorium abspielt. Denn zu der Zeit, wo das Krematorium fertig war, waren hier keine Bäume, so wie sie hier gezeichnet sind. Da war gar nichts. Hier war bloß der elektrische Zaun. Natürlich durften die Häftlinge sich hier nicht aufhalten. Das Vergasen wurde gewöhnlich nachts oder frühmorgens vor dem Appell vorgenommen. Aber da ich von »Kanada«, also vom Aufräumungskommando, zurückgekommen bin und anstatt auf meinen Block direkt in die Leichenhalle gegangen bin, wo ich die Leute gut kannte und immer offene Türe hatte, konnte ich mich da aufhalten und den Prozeß hier beobachten. Und da habe ich oft gesehen, wenn ich von der Rampe zurückgekommen bin, dieselben Leute, die gewöhnlich sehr charakteristische Anzüge hatten. Sagen wir, wenn es Holländer waren, die haben aus der Distanz ganz anders ausgeschaut als solche, welche von Polen gekommen sind, oder solche, welche von Jugoslawien gekommen sind. Also da konnte ich die Leute hereinmarschieren sehen hier in dieses Gebäude. Und da habe ich auch das erste Mal gesehen, daß auf einem Bunker... Also das war so wie ein Betonplatz. Da ist plötzlich... Ich habe eben in der Leichenhalle gesessen und Kaffee getrunken. Und da sehe ich, daß ein Mann in einer SS-Uniform heraufkriecht auf diesen Bunker, mit einer Gasmaske, und hat eine große Büchse in der Hand und öffnet die Büchse und schüttet etwas hinein durch eine Öffnung auf dem...

 

Vorsitzender Richter:

Betonklotz.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Auf dem Betonklotz, ja. [Er] hat etwas geöffnet, und das hat er hereingeschüttet. Und da war mit mir der Kapo der Leichenhalle, war da mal ein tschechischer Arzt, der hat geheißen Lu bomír Baštár. Und ich sage ihm: »Lubomír, schau, was er da macht. Was macht er denn da?« Und da hat er, Baštár, mir erklärt: »Das ist ja der Transport, den ihr in der Nacht aufgeladen habt, und jetzt schüttet er Gas herein. Aber sag es keinem, denn das kostet uns das Leben.« Und seit da mals habe ich mehrere Male oder ganz oft das beobachten können. Denn mein Weg immer war in diese Leichenhalle, die hier nicht eingezeichnet ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Schließlich bin ich mit diesem Wetzler, der in der Leichenhalle gearbeitet hat, entflohen vom Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie noch da vorn sind, wollen Sie uns doch bitte mal zeigen, was das da oben für Gebäude sind nach den beiden ersten Krematorien?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Also hier?

 

Vorsitzender Richter:

I, dann kommt II.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und weiter rechts.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Noch weiter rechts.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Da kann ich mich, bitte, nicht ganz genau erinnern. Es ist möglich, daß es sich um die »Sauna« handelt. Denn zwischen den Krematorien, wenn die Krematorien schon ganz fertig waren, also wenn da alle vier Krematorien gestanden haben, da, zwischen den Krematorien etwa, aber das könnte hier auch sein, da war wahrscheinlich die »Sauna«. Da war ich schon ganz oft. Die Zugänge, die nicht ins Krematorium hereingeführt wurden, wurden hier hereingeführt.

Ich habe gehört von den Häftlingen, die da arbeiteten, daß da etwas Technisches gebaut wurde, dessen Bestimmung mir nicht ganz klar war. Also das könnte etwas dazu sein. Es wurde gesagt, es ist etwas mit Fermentationsanlagen oder so was, aber ich weiß nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da oben rechts dann, diese vielen Blocks, wissen Sie, was das war?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Diese Blocks?

 

Vorsitzender Richter:

Das da, ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Diese Blocks hier. Bitte einen Moment. Das war der Bauabschnitt III. In der Zeit, als ich vom Lager geflüchtet bin, waren, soviel ich mich erinnere, keine Blocks. Und ich bin geflüchtet im April.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, also das ist auch nicht der Bauabschnitt III. Da irren Sie sich. Der Bauabschnitt ist da drüben.

 

Zeuge Rudolf Vrba [unterbricht]:

Nein, der Bauabschnitt ist da. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz recht, ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe es nur benützt nach der Orientierung. Soviel ich mich erinnere, in der Zeit meiner Flucht, ich kann mich nicht erinnern auf diese Baracken.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also Sie haben jedenfalls nie drin gearbeitet.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Da drin?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

In diesen Baracken?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Weil das nämlich nachher das Lager »Kanada« war. Aber da waren Sie nicht mehr dort.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, ich bin geflüchtet am 7. April. Und am 7. April war das noch nicht dort.4

 

Vorsitzender Richter:

War noch nicht dort. Danke schön, dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Nun, Herr Zeuge, hätte ich dann eine weitere Frage. Sie haben uns geschildert, daß zunächst SS-Leute ohne Rang hingekommen sind, die die Absperrung besorgt haben, an die Rampe nämlich.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Daß dann Scharführer und also Unterführer hingekommen sind und dann schließlich die Führer. Haben Sie von diesem SS-Personal, was da erschien auf der Rampe, irgendwelche gekannt mit Namen oder nach Person?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Persönlich habe ich viele gekannt. Den Namen nach, nein. Denn ich habe sie [bei] Nacht hinkommen sehen, und es waren nicht immer dieselben. Aber es war eine Gesichterreihe. Was ich gesehen habe, war, daß dort eine große Abwechslung war zwischen diesen – da waren gewisse Gesichter, die dort sehr oft waren, und gewisse Gesichter, die dort weniger oft waren. Manchmal sind fünf Transporte in einer kalten Nacht angekommen. Die sind dort nicht gestanden. Die wurden abgelöst von einem anderen Kommando, das bedeutet von einer anderen Gruppe, und soviel ich beobachten konnte, mit großer Lust. Denn da war was zum »Organisieren«, da war immer was zum Stehlen. Da waren ja Damenuhren und Sliwowitz-Flaschen und alles mögliche, was man da nehmen konnte. Und die haben sich dort sehr freundlich unterhalten. Ich habe sie nur damals sehen können, die SS-Offiziere, wo ich die Toten oder solche Zugänge, die sich nicht bewegen konnten, ins Lastauto schleppen mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und da mußte ich bei ihnen vorbei. Also nur bei dieser Gelegenheit konnte ich sie sehen von der Nähe. Normal, wenn ich nicht zu dieser Arbeit bestimmt wurde, konnte ich die Offiziere von der Nähe nicht sehen. Denn die konnten ja nicht zu den Waggonen. Die Häftlinge, die Zugänge, wurden von den Waggonen ausgeladen und vor der Offiziersgruppe vorbeigeführt, die auf dem anderen Ende stand.

Also ich konnte die Gruppe sehen nur zum Ende der Arbeit, falls ich die Aufgabe bekommen hatte, die Toten oder die Sterbenden auf das letzte Auto zu schleppen. Natürlich war das ziemlich oft, denn ich war einer der Jüngsten im Kommando. Und es ist schon so, daß die unangenehme Arbeit immer der Jüngste hat. Und so habe ich sie öfters gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie können uns also gar keine Namen nennen von den Leuten, insbesondere von den Leuten, die die Selektionen durchgeführt haben, die also unterschieden haben zwischen denen, die ins Lager kommen sollten, und denen, die in den Tod gehen sollten?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich könnte schon vielleicht jemanden erkennen, aber ich könnte schwer einen Namen sagen, wenn Sie mich so direkt fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, ich erinnere mich ganz klar auf den Mengele. Der war dort am öftesten. Ich erinnere mich schon auf den, ja, Fries beim Namen, den ich sehr oft gesehen habe. Also der war mir so gut bekannt, [+ an] dem mußte ich zweimal täglich vorbeimarschieren. Der konnte mir nicht entgehen. Ich erinnere mich schon auf die Unteroffiziere beim Namen. Auf die Unteroffiziere Otto Graf und König und Wiegleb, die dort frequent waren. Aber da erinnere ich mich auf die Namen wiederum bloß deshalb, weil ich mit denen sehr oft am Tag zusammengekommen bin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

[Von den] übrigen, da habe ich viele Gesichter mir gemerkt und kannte sie dem Sehen nach. Aber ich wußte deren Namen nicht. Und wenn Sie mir erlauben, ja, die haben sich nie vorgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, das ist klar. Nun, Herr Zeuge, weiter. Sie sagten also, Sie waren dann bis zum Juni 43 bei diesem Kommando. Und wo waren Sie da untergebracht? Zum Schluß in Birkenau?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Zum Schluß war ich in Birkenau untergebracht in einem der Holzblöcke, die im Birkenau-Lager [Ib] waren. Darf ich das bitte zeigen auf der [Karte]?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Danke. Also in Birkenau, im alten Lager, hier diese Blocks waren gemauert, während diese Blocks waren aus Holz. »Kanada« war untergebracht in dieser Gegend von diesen vier Blöcken. Ich kann jetzt nicht [+ genau] sagen, [+ in] welchem. Aber mein Block hatte die Nummer 16.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und das müßte hier in dieser Gegend sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Hier wurde ich untergebracht bis zum Juni 43.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und dann wurde dieses Lager zum Frauenlager verwandelt. Ich war vorübergehend im Lager d als Hilfsschreiber, vielleicht für zwei oder drei Wochen, im Lager IId. Vom Lager IId bin ich als Schreiber ins Quarantänelager hereingebracht worden, ins Lager [IIa]. Und hier war der Block 14. Entschuldigung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

So daß ich von hier, von diesem Block, klar beobachten konnte, daß die Rampe hierher verlegt wird. Da habe ich das Bauen gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und von diesem Block war es, daß ich vom Lager geflüchtet bin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war also im Block 14, im Quarantänelager a. Und vorher waren Sie in Ib, 16, und vorübergehend noch einmal im d-Lager.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

IId, Block 9.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, IId, Block 9.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dort war der Wetzler Schreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Vrba, dann darf ich Sie nach Folgendem fragen: Wer war denn nun Ihr Blockführer, wie Sie in Ib, 16, waren, wie Sie in IIa, 14, waren und wie Sie in IId, 9, waren? Wissen Sie das noch?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, die Namen sind sehr schwer [+ für] mich jetzt zu erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Auf die Blockführer oder die Blockältesten?

 

Vorsitzender Richter:

Blockführer.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Die SS-Männer. Nein, auf das Lager b, auf den ersten Abschnitt, also auf das alte Lager am Block 16 kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Im Block 9, als ich war, da kann ich mich nicht mit Sicherheit erinnern. Den Namen Baretzki habe ich damals oft gehört. Der ist oft hineingekommen, aber ich kann mich nicht ganz genau erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Das war IId, 9.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

IId, 9.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dann war ich im Quarantänelager. Und da ich jetzt Schreiber war im Quarantänelager und mehr mit diesen Individuen in Kontakt gewesen war, da kann ich mich besser erinnern auf die Namen. Da war der SS-Unterscharführer Kurpanik, der SS-Unteroffizier Buntrock, [Pause] der SS-Unteroffizier Perschel. Ja, das ist alles, was ich in diesem Moment erinnern kann an Namen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie haben uns den Namen Baretzki genannt und haben gesagt, der sei öfter genannt worden. Haben Sie ihn denn selbst gesehen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich kann mich dessen jetzt nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht erinnern.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Sie können nicht

 

Zeuge Rudolf Vrba [unterbricht]:

Der Name war mir geläufig, solange ich im Lager war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Besonders im d-Lager, und auch, wenn ich im Quarantänelager war. Ich habe da oft den Weg gemacht vom Quarantänelager ins d-Lager, wo ich meine Freunde hatte. Wetzler, mit dem ich geflüchtet bin, war ja noch immer im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

In b oder d?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

D.

 

Vorsitzender Richter:

Dora?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dora, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das heißt, am Tag unserer Flucht war ich der Schreiber im a-Lager und er im d-Lager. Und da hatte ich oft, bei der Vorbereitung der Flucht, den Weg von a zu d machen müssen. Und da wurden mir gewisse Warnungen gegeben: »Paß auf, du sollst nicht den Baretzki treffen, der ist gefährlich.« Damals natürlich kannte ich ihn, aber ich kann mich jetzt nicht auf das Gesicht zurückerinnern, auf keine Weise.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie, wer der Baretzki war?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, der war ein Blockführer, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Das war ein Blockführer.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo wurde er Ihnen gezeigt als Blockführer?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Er wurde mir nicht gezeigt. Es wurde angenommen, daß ich ihn kenne. Damals.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber es nützt doch nichts, wenn ich Ihnen sage: »Passen Sie auf vor dem Baretzki«, und Sie wissen gar nicht, wie er aussieht.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Damals wußte ich es.

 

Vorsitzender Richter:

Damals wußten Sie es.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Ich habe ja damals beim Gesicht wenigstens die meisten SS-Männer gekannt und die Unterscharführer und solche auch beim Namen. Die waren ja oft im Lager. Die höheren Offiziere, die waren selten im Lager. Die habe ich beim Namen sehr wenig gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie mal, haben Sie diesen Baretzki auch auf der Rampe erlebt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich kann mich an diesen Baretzki auf der Rampe nicht persönlich erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Er war in Birkenau, und wissen Sie, ob er auch irgendwas zu tun hatte mit der Liquidierung des tschechischen Familienlagers?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

[Pause] Danke. Ich war anwesend bei der Liquidierung des tschechischen Familienlagers. Aber um die Wahrheit zu sagen: Die Probleme während der Liquidierung waren solcher Art, daß ich mich den Namen der SS-Männer, die dabei teilgenommen haben, nicht sehr gewidmet hatte. Ich möchte bloß sagen, daß das ein Alarmzustand war in der SS in Birkenau bei dieser Liquidierung des tschechischen Lagers, da war ja die ganze SS-Gruppe von den erfahrenen Blockführern herbeigezogen. Und ich könnte vermuten, daß die erfahrenen Blockführer vom d-Lager dabei waren. Denn die erfahrenen Blockführer vom a-Lager, das war damals Kurpanik, und der Buntrock, der war vom d-Lager. Auf die zwei kann ich mich ganz klar erinnern, daß die dort waren. Es ist schon mehr als wahrscheinlich, daß der Baretzki dort gewesen [ist]. Aber ich kann das nicht bestätigen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich verstehe. Nun, Herr Zeuge, haben Sie dann noch Feststellungen gemacht über die Angeklagten Boger, Klehr und Bednarek. Was wissen Sie von Boger?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Über wen?

 

Vorsitzender Richter:

Boger.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Boger war eine bekannte Figur im Lager. Den haben wir alle gekannt. Den habe ich sogar auch gekannt von Auschwitz. Der war ja täglich zu sehen. Er hat gearbeitet, falls man das so nennen darf, im Block 11 und hat sich im Lager während der freien Zeit herumgetrieben auf dem [Fahrrad]. Also den kannte ich ganz gut.

Was ich darüber wußte, über Boger. Boger hat gearbeitet im Block 11. Wir wußten: Wer in den Block 11 hereinkommt, kommt sehr selten hinaus. Ich wußte auch von den Häftlingen, die doch herausgekommen sind, was Boger [+ mit] denen machte. Also der Name Boger im Konzentrationslager Auschwitz – dort waren schon verschiedene Individuen, aber das war ein ganz besonderer Charakter, der sich durch Brutalität ausgezeichnet hat. Ich hatte den Mann natürlich [im Blick] gehabt auch bei der Gelegenheit der Vorbereitung der Flucht. Ich habe ja die Flucht vorbereitet [über] eine lange Zeit und habe die Pläne oft ändern müssen. Und er war ja eigentlich der Gegner, der dort war, um die Fluchten zu verhindern. Und die Gefahr war, [+ wie] wir wußten, daß oft Leute [+ aus dem] Stegreif vom Lager in den Block 11 hereingeführt und dort gemartert wurden, um zu sagen, ob sie etwas über eine Flucht wissen. Und wenn dabei 25 waren, die gar nichts wußten, das spielte keine Rolle. Der Leichenwagen ist weggefahren von dem Block 11 jeden Abend, der war selten leer. Und die, welche es überlebten, von denen wußte ich, ich muß mich hier in Acht [nehmen] und über die Fluchtvorbereitungen so wenigen Leuten wie möglich etwas sagen. Denn es war immer eine Möglichkeit, daß einer durch einen Zufall in seine Hände kommt. Und was dann passiert, konnte man nicht wissen. Denn die Torturen, die angewandt wurden, waren so raffiniert, daß auch starke Männer manchmal zusammengebrochen sind oder ganz oft zusammengebrochen sind und ihm gewisse Informationen, manchmal auch ganz unrichtige Informationen, gegeben haben, nur um das Quälen zu stoppen. Also das war der Ruf von Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Selbst sind Sie mit ihm nicht zusammengekommen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Gott sei Dank nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie den Angeklagten Klehr gekannt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Sehr gut beim Namen.

 

Vorsitzender Richter:

Beim Namen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber persönlich auch nicht?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und von ihm haben Sie was gehört?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, der Klehr, das war ein Sanitätsdienstgefreiter. Der hatte sozusagen in der Sanitätsabteilung gearbeitet. Und ich wußte, daß er die »Spritzungen« macht. Das bedeutet, ich habe viele Freunde so verloren, daß sie morgens in den Krankenbau hereingekommen sind und ganz gut [+ ausgesehen haben,] also ganz lebensfähig waren, und am Abend wußte ich, daß sie in die Leichenhalle weggefahren sind. Und ich wußte, daß hier Injektionen gegeben [+ worden] sind im Krankenbau für die, welche vom Klehr selektiert wurden oder dem Klehr zugeführt wurden. Also Klehr war im Lager, ebenso wie Boger, so eine Figur wie hier, sagen wir, ein Minister. Jeder weiß, wer Erhard ist oder so was. Erlauben Sie mir, ich kenne ihn nicht, aber ich weiß, wer es ist. Also das war etwas, was wir wußten.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie auch den Angeklagten Bednarek gekannt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bednarek, ja, ich habe ihn gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Persönlich?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich muß mit ihm ein- oder zweimal in Kontakt gekommen sein, der Kontakt war sehr minimal. Ich weiß, er war in der Strafkompanie Blockältester.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und die Strafkompanie war im Lager?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Soviel ich mich erinnere, war die Strafkompanie im alten Lager, im Lager Ib5, also im alten Männerlager, oder im Block 1 oder im Block 2.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dort waren das »Sonderkommando« und die Strafkompanie, die haben diese zwei Blocks gehabt. Im neuen Lager, das heißt im Bauabschnitt IId6, war die Strafkompanie im Block 13, falls ich mich gut erinnere.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und haben Sie ihn dort erlebt, wie Sie selbst im Lager d waren oder wie Sie in a waren und dort zu Besuch hinkamen zu dem Wetzler?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, ich kann mich nicht erinnern, wo ich in Kontakt mit ihm gekommen bin. Er hatte den Ruf gehabt eines Mannes, [+ bei] dem es besser ist, auszuweichen, und das tat ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und warum hat man allen Grund gehabt, ihm auszuweichen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, ein Blockältester von der Strafkompanie war natürlich eine Person, die mit der SS sehr eng zusammengearbeitet hat, und das selber hat ihn natürlich in meinen Augen disqualifiziert. Aber ich habe gehört, daß dort solche Sachen vorkommen, in der Strafkompanie, am fließenden Bande, die seine Kompanie nicht wünschenswert erschienen ließen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben Sie denn da von solchen Sachen gehört?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, allgemein die Überlebenszeit in der Strafkompanie war sehr kurz. Im Jahre 42 und 43 in die Strafkompanie hereinzukommen, das war ein Todesurteil. Falls ich sagen darf, nicht ein angenehmer Tod oder kurzer Tod. Und das waren Sachen, die im Lager gut bekannt waren.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie also von Hörensagen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, einen Teil weiß ich natürlich von dem natürlichen Sagen. Denn als ich in der Leichenhalle war, weiß ich, daß die Strafkompanie jeden Morgen herausmarschiert ist im Jahre 43. Die Strafkompanie ist herausmarschiert am Morgen mit einem Wagen. Den Wagen haben die geschoben, und die habe ich gesehen, wie sie den Wagen geschoben haben. Und da war niemand auf dem Wagen, wenn sie zur Arbeit gegangen sind. Das war ein großer Rollwagen. Aber am Abend sind sie zurückgekommen von der Arbeit, und der Wagen war voll, und zwar mit Leichen. Und die Leichen sind gekommen hinter den Block 27 in die Leichenhalle. Und da war Wetzler der Schreiber. Und da hatte mir Wetzler oft gesagt: »Heute ist die Strafkompanie wieder mit einem vollen Wagen von Leichen gekommen«, oder: »Heute war ein guter Tag, die haben die Leichen bloß ohne den Wagen hierher geschleppt.« Also wußte ich, was da in der Strafkompanie vorgeht. Und da ich in der Leichenhalle meine freie Zeit verbrachte mit Wetzler, habe ich oft gesehen die Leichen, wie sie ausschauten, als sie von der Strafkompanie angekommen sind. Und die haben keinen erfreulichen Anblick vorgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Hinterlassen, ja. Nun, Herr Vrba, wie ist es denn nun mit dem Bednarek gewesen? Haben Sie denn bei ihm festgestellt oder gesehen, daß er Leute mißhandelt oder totgeschlagen hat?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe Bednarek bei dieser Tätigkeit nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Denn meistens wurde diese Tätigkeit im Block 1 oder 2 getan. Und diese waren von dem Lager mit einer Mauer abgesondert. Und was hinter dieser Mauer vorgeht, konnte ich nur von den Leichen wissen, welche von hinter der Mauer herausgekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Na, die Leichen habe ich ganz oft gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Also das ist alles, was ich darüber weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, uns kommt es ja nun darauf an, zu wissen, wer diese Menschen getötet hat, ob das insbesondere auch Bednarek gewesen ist. Aber das haben Sie nicht mit eigenen Augen gesehen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich weiß bloß, daß da Funktionäre des Blockes, also der Blockälteste sich daran [+ zu] beteiligen hatte, wenn er die Karriere erhalten wollte, falls ich das so sagen darf. Aber gesehen habe ich es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen?

 

Richter Perseke:

Er hat doch einen Bericht gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Vrba, Sie sind ja nach Ihrer Flucht in der Tschechoslowakei zunächst dort in ein Kloster gegangen, nicht, und haben dem päpstlichen Nuntius einen Bericht übergeben.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie eine Abschrift dieses Berichtes noch zur Verfügung?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Die Abschrift dieses Berichtes ist hier. [Pause] Ich habe die Abschrift natürlich bloß in englischer Übersetzung. Das war ein kompletter Report über alles, was ich in Auschwitz gesehen habe. Und nach meiner Flucht aus Auschwitz wollte ich, wo möglich, die Welt warnen, was da vorgeht. Also in erster Linie hatte ich im Sinn, das freiwillige Abtransportieren von den Ungarn jüdischer Abkunft zu verhindern, die gar nicht ahnten, daß die Krematorien für sie schon vorbereitet sind. Um das klarzumachen, was ihnen bevorsteht, war es natürlich notwendig, eine komplette Statistik über Auschwitz aufzustellen. Und die haben wir dann mit Wetzler zusammen aufgestellt. Also die Statistik wurde so gemacht. Die Sachen waren damals ziemlich unglaublich, und wir wurden abgesondert und wurden einem Verhör...

 

Vorsitzender Richter:

Unterzogen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Unterzogen, wo wir dasselbe aussagten, unabhängig voneinander. Diese Tatsachen wurden dann [am Ende im] Protokoll zusammengefaßt. Das Protokoll ist hier und besteht aus einer Statistik der Opfer in Auschwitz, die unserer Rechnung nach im April 1944 1.750.000 Menschen betrug. Ich habe diesen Report7 erst vor einem Jahr aus der Bibliothek des Weißen Hauses, eine Kopie davon, bekommen. Die Kopie ist hier in meinen Händen, und ich kann erkennen, daß es der originale Text ist, in englischer Übersetzung. Zusammen mit einem Brief, der ebenfalls von den amerikanischen Institutionen geschrieben wurde, und wo es steht, daß die Informationen, die in diesem Report enthalten sind, glaubwürdig sind, trotz aller dieser unglaublichen Sachen, die er damals enthielt. Ich habe den Report zusammen mit Wetzler an den päpstlichen Nuntius weitergeleitet, und er wurde dann an die westlichen Regierungen weitergeleitet.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie konnten Sie nun diese Statistik anfertigen? Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Ich habe mich mit der Fluchtidee vom ersten Moment an befaßt, und besonders, als ich die Rampe gesehen habe. Nun, ich mußte mich natürlich auf mein Gedächtnis verlassen. Aber ich glaube, ich habe ein gutes Gedächtnis. Und trotzdem es so unglaublich scheint, eine Reihe von Nummern zu merken, ich habe mnemotechnische Beihilfe dazu benützt. Sagen wir, ich kann heute nicht sagen 300 Straßen in Frankfurt. Aber jeder, der in Frankfurt lebt und anfängt nachzudenken, wie eine Straße in die andere geht, kann 300 Straßen aufzählen.

Für mich war ein jeder Transport nicht die Zahlen, sondern die Menschen, die drinnen waren. Von jedem Transport waren da eins, zwei, fünf oder zehn Überlebende, oder fast von jedem Transport. Ich habe meine Freunde gefunden fast in jedem Transport. Ich konnte mir den Transport merken nach den Personen, die in dem oder jenem Transport gekommen sind. Und grade so, wie ich mir heute, ohne ins Buch zu schauen, die Telefonnummern meiner Freunde merken kann, so konnte ich mir damals die Transporte merken. Denn ein jeder Transport – so grau es auch ausschauen mag, 300 oder 250 Transporte gesehen zu haben –, bei einem jeden Transport, da ist was passiert. Da hat er ausgeschaut auf eine gewisse Weise. Und ich konnte mir das merken, und ich habe an der Sache gearbeitet, ich habe die Sache kontrolliert. Ich habe gesprochen mit anderen Leuten. Ich habe gesprochen mit Leuten vom »Sonderkommando« und mit Leuten von der Registration und habe die Zahlen konstant korrigiert, um an die richtige Zahl zu kommen. Und meiner Berechnung nach waren es im April 1944 einunddreiviertel Millionen getötete Leute, also inklusive der Frauen und Kinder, die damals mindestens 60 bis 70 Prozent der Opfer vorstellten.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum April waren es wie viele?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

1.750.000.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bis zum April 44.

 

Vorsitzender Richter:

44. [Pause] Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Hat das Gericht noch Fragen? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Vrba.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, bitte.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten, Sie konnten von Ihrem Block im Lager BIIa den Bau der neuen Rampe in Birkenau beobachten.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bitte schön?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie konnten den Bau der neuen Rampe in Birkenau im Lager zwischen dem Abschnitt BI und BII von Ihrem Block aus sehen, als Sie im Lager BIIa waren.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nun sind Sie am 7. April 1944 geflohen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatten Sie bis zu dem Zeitpunkt irgendwann einmal einen Zug in dieses Lager reinfahren gesehen oder noch nicht?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein. Bis zum Tage meiner Flucht ist kein Zug auf dieser Rampe hereingefahren.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das können Sie mit Sicherheit sagen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das war das eine. Dann, als Sie mit Wetzler geflohen sind: Haben Sie sich bei Wetzler getroffen, oder kam Wetzler zu Ihnen in den Abschnitt a, und wie kam das zustande? Wenn Sie uns das noch mal schildern wollten.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, darf ich das auf der Mappe...

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Wie Sie wissen, das war die Kleine Postenkette, die Sie hier sehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, wo die Türme sind.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Und hier war die Große Postenkette.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bei Nacht war die Große Postenkette...

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Eingezogen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Eingezogen, und bloß die Kleine Postenkette ist gestanden. Das Prinzip der Flucht war, bei Tag außerhalb der Kleinen Postenkette zu bleiben.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und sich zu verstecken.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Und sich zu verstecken. Dann natürlich würde ich fehlen beim Appell. Falls ich aber fehle beim Appell, ist der Alarm gegeben. Das war mit der Sirene

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Dann wurde die Große Postenkette nicht eingezogen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dann wurde die Große Postenkette nicht eingezogen für drei Nächte. Dann sind die Große Postenkette und die Kleine Postenkette gestanden für drei Nächte und drei Tage. Falls ich beim Abendappell nicht hier war, in meinem Block, das bedeutete, daß die Lagerführung, oder was das war, daß diese Lagerkommandantur wußte, ich kann mich nirgends befinden, bloß zwischen der Kleinen und der Großen Postenkette. Und jetzt wurde die Order gegeben, den [unverständlich]

 

Dolmetscher Benesch [unterbricht]:

Raum.

 

Vorsitzender Richter:

Den Zwischenraum.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Den Zwischenraum zwischen der Kleinen und Großen Postenkette für drei Tage zu untersuchen. Dazu hatten sie ja die Hundestaffel und so weiter. Nun, der Plan war, außerhalb der Kleinen Postenkette zu bleiben. Ich konnte da herausmarschieren vom Lager a, bei Tag, mit meinen Akten, und sagen, ich habe ins Lager d zu gehen, um die Akte dort abzugeben. Dasselbe hat Wetzler gemacht. Er ist vom Lager d herausmarschiert und hat gesagt, er geht ins Lager a, irgendwelche Papiere abzuholen. Statt dessen haben wir uns hier getroffen in Bauabschnitt III. In Bauabschnitt III, gerade 50 oder 100 Meter von der Blockführerstube gegenüber, wurde der Bunker gebaut.

Wir schlüpften in den Bunker am 7. April und warteten bis zum 11. April abends. Das war Freitag um zwei Uhr, als wir in den Bunker hereinkamen, und wir dachten, daß der Bunker sozusagen wasserdicht ist. Da waren Maßnahmen getroffen, daß sie uns mit den Hunden nicht finden können. Also wir glaubten an diesen Bunker. Und, in fact, vier Häftlinge hatten diesen Bunker vor uns benützt. Aber die wurden erwischt. Trotz dem, daß sie auf der Politischen Abteilung gemartert wurden, besonders von Boger und denen – ich habe mit diesen Menschen gesprochen, und sie haben mir versichert, sie haben den Bunker nicht verraten. Also ich habe ihnen geglaubt, und es hat sich gezeigt, daß sie ihn nicht verraten haben.

Da sind wir in den Bunker gegangen und haben dann gewartet [+ auf] den Alarm. Der Alarm wurde geschlagen um sechs Uhr, und das Suchen hatte gedauert über Freitag nacht, Samstag, Sonntag nacht und Sonntag. Am Montag hatte das Suchen [nachgelassen], und am Montag um sechs Uhr abends habe ich den Ruf gehört: »Die äußere Postenkette abziehen!« Und da wußte ich, ich bin frei.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Bleiben Sie bitte grade mal da. Können Sie mir im Lager BIb den Block 7 zeigen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

In BIb der Block 7. Hier war der Eingang, also das müßte hier oder hier sein. Das war Block 7, das war Block 8.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wissen Sie, wer in dem Block 7 zu Ihrer Zeit untergebracht war?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Hier in Block 7 war ein Krankenbau. Das hat geheißen Krankenbau. Dort waren die Häftlinge, die die Arbeit nicht gut genug verrichteten, die wurden als krank erklärt. Die wurden dann in Block 7 eingeliefert, und was dort passierte, wußte ich ganz frequent. Denn der Wetzler, der war Schreiber in der Leichenhalle, aber er lebte im Block 7. Er war untergebracht in Block 7. Und da bin ich ganz oft in Block 7 hereingekommen, und ich habe diese sogenannten Kranken gesehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, das wollte ich von Ihnen wissen. Also Wetzler lebte in Block 7?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Wetzler lebte in Block 7.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das hat er uns nämlich auch gesagt.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, das ist wahr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber die Leichenhalle, die war im Anschluß an Block 27?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das ist richtig.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wir sprachen vorhin schon von den Selektionen auf der Rampe. Können Sie etwas darüber sagen? Sie haben erwähnt, die Menschen aus den Waggons mußten dann herauskommen, mußten auf die Rampe kommen. Wurde dann sofort eine Einteilung vorgenommen in Männer, Frauen und Kinder?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl. Wenn

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Wer hat diese Einteilung durchgeführt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das waren die SS-Unterscharführer, die mit den Spazierstöcken spazierten zwischen den Männern und trachteten, sie zu beschwichtigen. Sie wollten bis zum letzten Moment die Leute in Unwissenheit über ihr Schicksal halten, denn für die Feiglinge war es besser, als freiwillig in den Tod zu gehen. Da sind die Unterscharführer herumgelaufen und haben gesagt: »Die Männer sollen sich beiseite stellen, die werden arbeiten gehen. Und die Frauen, die werden in den Küchen arbeiten. Und die Mütter mit den Kindern, die sollen auch auf eine andere Stelle gehen.« Also da haben sie sofort sortiert, schon die Unterscharführer, bevor es zu der Offizierskommission gekommen ist.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Die haben sie schon so aufgestellt: in Männer, in Frauen und in Familien. Dort waren Greise, und jede Frau, die ein Kind hatte, wie immer sie ausschaute, wenn dort ein Kind war, ist sie automatisch unter die, welche in die Gaskammer gehen können, eingereiht [+ worden]. Denn das wußte ja schon die SS, daß es da Skandal gibt, wenn man ein Kind von einer Frau, von einer Mutter, ein kleines Kind, abteilen will. Und so wurden sie sofort dort aussortiert, und dann sind sie erst bei dieser Kommission der Offiziere, die dort oben gestanden ist auf der Rampe, vorbeimarschiert.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also diese erste Unterteilung in Männer, Frauen und Kinder, die wurde von der Gruppe vorgenommen, die Sie vorhin bezeichneten als eine Gruppe von SS-Unterführern?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das ist richtig.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das ist richtig. Und kam es bei dieser Einteilung, bei der Trennung von Familien, zu Zwischenfällen oder zu Unruhen? Und wie wurde das...

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, dort waren kleine Zwischenfälle. Nämlich diese ganze Rampe, das war ja das Herz sozusagen von Auschwitz. Wenn das dort nicht klappte, klappte gar nichts. Man mußte ja die Leute freiwillig in die Gaskammern hereinbringen und in Unwissenheit, mit List. Also deshalb haben sich die SS-Männer dort verschieden benommen. Gewöhnlich haben sie die Waggons aufgemacht und haben gesagt: »Meine Herren und Damen, bitte auszusteigen« oder so was.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also sehr höflich.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Sehr höflich, ja. In dem Moment, wo sie draußen waren, da haben sie gesagt: » [+ Es ist] verboten zu sprechen. Sprechverbot, hier muß Ordnung sein.« Die haben Angst gehabt, daß manche der Männer sehen konnten, daß da etwas nicht stimmt. Und jede Revolte natürlich, jeder Widerstand, da muß ja ein Verständnis sein. Und für Verständnis, da muß man ja sprechen. Und da war ein strenges Sprechverbot. Für uns Häftlinge, die probierten zu sprechen mit den Zugängen, um eine Warnung zu geben, das war rücksichtslos mit dem Tode bestraft. Und das habe ich öfters gesehen. Zweitens: Falls die Leute sprachen [miteinander], da sind die SS-Männer mit den Spazierstöcken – das waren nämlich Spazierstöcke, keine Knüppel. Die Knüppel, die würden zu schnell schauen, was los geht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Zu sehr auffallen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, das ist auffallend. Da sind sie mit den Spazierstöcken hingefahren, und da waren Szenen. Da hat die eine Frau gesagt: »Ich trenne mich nicht von meinem Mann.« Die andere hat gesagt: »Ich lasse nicht hier meine Mutter« oder so was. Und in dem Moment wurden sofort die Stöcke benützt. Aber rücksichtslos. Das heißt, es wurde losgeschlagen, auf den Kopf, wohin auch immer getroffen wurde. Ja, die anderen haben es gesehen, und das war eine Überraschung. Also das war die erste Überraschung in Auschwitz. Und die Kinder haben angefangen zu schreien, wenn das passierte. Und das hatte Rückwirkung wieder auf die Erwachsenen. Die Erwachsenen haben sich [+ damit] befaßt, die Kinder zu beschwichtigen. Und das Ganze ist schnell abgelaufen. Schnell, schnell, schnell. Nicht sprechen, weil Sprache wurde niedergeknüppelt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und das war alles schon, bevor die neu eingetroffenen Häftlinge, die Menschen aus den Transporten, zu dieser Offiziersgruppe zu der eigentlichen Selektion kamen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bitte?

 

Staatsanwalt Vogel:

Das war schon vorher alles, bevor diese Menschen zu der Führergruppe zur Selektion kamen?

 

Zeuge Rudolf Vrba [unterbricht]:

Selektion kamen, ja, ja. Das war alles so gemacht, daß, wenn sie zur Selektion kamen und bis sie von der Rampe weggeführt wurden, entweder in die Gaskammern oder ins Lager, kein Verständnis zwischen den Leuten entstehen konnte. Wer angefangen hatte zu sprechen, der wurde niedergeknüppelt. Rücksichtslos. Kinder, Nichtkinder, alles eins.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Eine Frage im anderen Zusammenhang: Können Sie sich noch erinnern, ob der Stacheldrahtzaun, nicht nur um das Lager, sondern auch zwischen den einzelnen Lagerabschnitten in Birkenau, Tag und Nacht unter Strom stand oder nur nachts?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Zwischen den einzelnen Abschnitten in Birkenau war oft der Stacheldraht nicht geladen, aber manchmal ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Manchmal ja, aber es war keine feste Regel?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Es [gab dafür] keine feste Regel. Er war natürlich geladen bei Nacht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Bei Nacht immer, tagsüber manchmal ja, manchmal nein.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Tagsüber, also ich weiß, daß manche Leute durch Unfall sind... und da war kein elektrischer Strom. Bei anderen Gelegenheiten habe ich gesehen Unfälle, also die Leute wurden auf den Draht getrieben, und die sind dort verbrannt. Also da war keine Regel. Weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie nannten vorhin eine Zahl von Opfern, 1.750.000 bis zum Zeitpunkt Ihrer Flucht. Erstreckt sich diese Statistik, auf der diese Angabe beruht, nur auf Ihre eigenen Beobachtungen während der Zeit Ihres Aufenthalts? Oder umfaßt das auch die Zahl derjenigen Menschen, die vor Ihrem eigenen Eintreffen in Auschwitz dort ums Leben gekommen waren?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bevor ich nach Auschwitz gekommen bin, war die Zahl der Opfer ziemlich klein, also relativ klein. Sie verstehen mich, ich will nicht sagen, daß 100.000 Opfer eine kleine Zahl ist. Aber [+ im Vergleich] zu dem, was gekommen ist, waren die 100.000 bloß der bescheidene Anfang. Und ich wußte über diese Zahl von den Gesprächen mit den Häftlingen, welche dort waren. Aber diese Zahl vor meiner Ankunft würde meine Statistik nicht grundsätzlich ändern.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie ist damit in dieser Zahl nicht mit berücksichtigt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, sie ist mit berücksichtigt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist mit berücksichtigt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ist mit berücksichtigt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Eine letzte Frage noch. Sie sagten vorhin, bis zum Tag Ihrer Flucht aus Auschwitz-Birkenau sei niemals ein Transport in das Lager Birkenau hineingefahren. Ich möchte Ihnen das noch mal vorhalten: Einige Zeugen haben hier schon bekundet, daß nach ihrer Erinnerung – nach der Erinnerung dieser Zeugen – auch vorher schon Züge auf dieser neuen Rampe innerhalb des Lagers Birkenau ausgeladen worden sind.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, falls das in der Nacht passierte, dann wurde ganz bestimmt Lagersperre annonciert.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist das so zu verstehen: Sie selbst haben nicht beobachtet, daß vorher schon Züge nach Birkenau hineingefahren sind, aber Sie können es nicht mit Sicherheit ausschließen, daß das [unverständlich]

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Da konnte in der Nacht was passieren, was ich bei Tag nicht beobachtete. Und in der Nacht habe ich einfach den Befehl zur Blocksperre bekommen – das war oft, aber aus verschiedenen Gründen. Aber ich kann mich nicht erinnern, daß während meiner Zeit ein Transport auf den Gleisen zwischen den zwei Lagern hereingefahren ist. Ich kann mich nicht erinnern, ich kann es nicht ausschließen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Danke schön. Ich habe sonst keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben vorhin gesagt, daß Sie von vornherein die Absicht gehabt haben, bei erster Gelegenheit zu fliehen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie ganz bewußt sich diese Zahlen der Todesopfer gemerkt, um sie nach Ihrer Flucht der Welt zu verkünden, oder ist das nebenher gelaufen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, nach allen diesen Jahren ist das schwer zu sagen, wo die Linie zwischen diesen zwei Möglichkeiten besteht. Natürlich, solange ich in Auschwitz war, habe ich die Augen offengehalten. Und es war mir klar, daß bloß von draußen hier eine richtige Hilfe kommen kann. Und ich habe das systematisch beobachtet, mit dem Auge darauf, vielleicht die Möglichkeit zu haben, diese Angaben vom Lager herauszubringen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie werden, wie ich annehme, einige Tage gebraucht haben, um die Flucht vorzubereiten. Sind die Zahlenaufstellungen, die Sie gemacht haben, bis zum letzten Moment durchgeführt worden, bis zum 7. April, oder haben Sie etwa schon im Februar oder März aufgehört?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, ganz bestimmt habe ich nicht im Februar aufgehört. Denn im März 1944 war ja die Liquidation des Familienlagers. Und mit dieser Liquidation des Familienlagers habe ich mich gründlich befaßt in meinem Report. Das war ja eine außerordentliche Sache, daß Kinder in Auschwitz für sechs Monate im Lager drinnen gehalten wurden und dann plötzlich in einer Nacht ermordet wurden. Und da ich die Kinder schon kannte und auch andere Personen des Lagers gut kannte, hatte das [bei mir] einen tieferen Eindruck hinterlassen als alles andere, was ich gesehen habe.

Also weiß ich, daß ich mindestens bis zu dem tschechischen Transport darüber geschrieben habe. Weiterhin weiß ich, daß zwischen dem tschechischen Transport und meiner Flucht, also zwischen der Ermordung des Familienlagers am 7. März 44 – an das Datum erinnere ich mich, weil das der Geburtstag von Präsident Masaryk ist – und dem 7. April, dem Tag, wo ich geflüchtet bin, in diesem Monat Transporte eingeliefert wurden nach Auschwitz. Und ich bin mir dessen sicher: Es waren griechische Transporte dazwischen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Also das bedeutet, es ist wahrscheinlich, daß ich bis zum letzten Moment die Aufzeichnungen gemacht habe.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, als Sie dann in die Slowakei gekommen sind, welches war der Ort, wo Sie zunächst Zuflucht gefunden haben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe zunächst Zuflucht gefunden im Haus eines slowakischen Bauern. Ich habe die Grenze zwischen dem sogenannten Generalgouvernement und der Slowakei am 21. April überschritten. Das war wieder am Freitag. Und dort habe ich hinter der Grenze einen Bauern getrof fen, der hatte geheißen Canecky. Andrzej Canecky aus Skalité. Und der hatte mir sofort Zuflucht angeboten, und ich habe ihm getraut.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und wo sind Sie dann mit Ihren jüdischen Freunden in der Slowakei zusammengetroffen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe den Kontakt mit der jüdischen Gemeinde in Žilina gemacht, auf folgende Weise: Der Canecky hat mich in die Stadt Cadca hineingeführt, verkleidet als ein Bauer. Und in der Stadt Cadca habe ich aufgesucht einen Arzt, der war Doktor Pollack , den kannte ich persönlich. Und der hatte sofort die jüdische Gemeinde in Bratislava alarmiert und ein Treffen mit den Führern dieser Gemeinde in Žilina arrangiert. Žilina ist auch eine Stadt in der Slowakei. Und mit denen habe ich mich getroffen in Žilina, ich glaube, am Montag oder am Dienstag. Das heißt, am Freitag, den 21. April, bin ich in die Slowakei gekommen, und am Montag oder Dienstag, das dürfte der 24. oder 25. April [+ gewesen] sein, daß ich mich mit diesen Leuten getroffen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, ich glaube, Herr Rechtsanwalt

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Und was war – ja, es kommt noch etwas, verzeihen Sie, Herr Vorsitzender. Und was war die erste Reaktion bei Ihren Freunden dort, als Sie diese Dinge, die Sie in Auschwitz erlebt haben, erzählten?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, natürlich wirkte so was in dieser Zeit ziemlich unglaublich, über Gaskammern und das Vergasen von Kindern zu sprechen. Die Leute sind ja in zivilisierter Welt aufgewachsen. Das war im ersten Moment unglaublich. Aber hier war wieder so eine Sache: Sie haben exakte Verzeichnisse gehabt, wer von der Slowakei wann wohin transportiert wurde. Und ich konnte aufzählen vielleicht 60 Namen von dem besonderen Transport, wo ich drinnen war. Und ich könnte diese Namen nicht kennen, falls ich nicht mit denen war. Zweitens: Sie haben Wetzler und mich verteilt. Und da habe ich gleich dem Wetzler gesagt: »Was für ein Kreuzverhör hier immer ist, antworte«, und: »Wir müssen antworten unabhängig voneinander.« Und da wurden wir immer in ein Kreuzverhör genommen von ungefähr sechs Leuten. Manche von ihnen waren professionelle Juristen. Und das hat einen ganzen Tag gedauert, und jeder besonders. Und dann wurden die Protokolle zusammengegeben und die Resultate vom Kreuzverhör vom Wetzler und von mir verglichen. Und was stimmte, wurde ins Protokoll inkorporiert.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und man hat Sie dann zusammengebracht mit dem päpstlichen Nuntius8?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

In einem Kloster, oder wo?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das war in ein em Kloster in Svatý Jur.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und der Nuntius hat Sie ebenfalls in ein Verhör genommen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, der Nuntius hatte inzwischen schon ein Protokoll gehabt, und er hatte sich schon mit Fragen vorbereitet. Und er hatte schon auch gewisse Informationen gehabt. Das war mir klar, wenn er mit mir gesprochen hatte. Und es war wieder ein Kreuzverhör, das dauerte ungefähr sechs Stunden. Und danach sagte der Nuntius, er ist völlig befriedigt damit, daß das, was in diesen Protokollen enthalten ist, der Wahrheit entspricht. Und er hat mir sein Ehrenwort gegeben, daß er dieses Protokoll sofort zum Vatikan und an die westlichen Mächte weiterleiten wird.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und was ist dann geschehen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, was dann geschehen ist, das weiß ich bloß indirekt, nach dem Kriege. Ich weiß, daß die britische Regierung und die amerikanische Regierung eine Demarche gemacht haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber das weiß doch der Zeuge gar nicht aus eigener Wahrnehmung.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Aber das weiß ich [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich möchte etwas fragen, Herr Vorsitzender: Ist es richtig, daß Sie Ihre Zahlen und Ihre Aufstellungen dann in dem Bericht später wiedergefunden haben, der von Rotta Horthy übergeben wurde?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, was Rotta Horthy übergeben hat, weiß ich nicht. Rotta hat etwas übergeben Horthy, aber was er Horthy übergeben hat, weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann eine andere Frage, Herr Zeuge

 

Zeuge Rudolf Vrba [unterbricht]:

Darf ich auf die Frage indirekt antworten?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Bitte.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Aus zweiter Hand habe ich gehört, also von der Arbeit von gewissen Historikern, die sich damit befaßten, daß Rotta Horthy diese Protokolle übergeben hat. Ob das wahr ist oder nicht, habe ich nicht die Macht zu beurteilen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

War Ihr Bericht die Grundlage für den sogenannten Weissmandel-Bericht?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, ich habe mit dem Weissmandel gesprochen persönlich.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Das war der slowakische Rabbiner?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dieser Bericht von Ihnen ist dann in einer Anzahl von Exemplaren weiterverbreitet worden?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl. Das hat der Weissmandel veranlaßt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha. Jetzt eine andere Frage, Herr Zeuge. Kennen Sie bestimmte SS-Ärzte und SS-Führer, oder haben Sie sie kennengelernt in Auschwitz?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe viele SS-Ärzte gesehen in Auschwitz und viele SS-Führer gesehen in Auschwitz.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist beantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die Frage ist schon beantwortet, Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Verzeihung.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Aber von Fotografien ist es sehr schwer, jemanden zu identifizieren. Darf ich eine Bemerkung machen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Als ich mit dem Herrn Landgerichtsrat Doktor Düx bei der Voruntersuchung war, habe ich zwei Tage damit verbracht, über Fries zu sprechen. Das hatte mich nämlich aufgebracht, daß der Fries, den ich gut kannte in Auschwitz, der Oberscharführer Fries, entlassen wurde. Und nach den zwei Tagen hat mir der Herr Landgerichtsrat 80 Fotografien gegeben. Und da habe ich überhaupt niemanden erkannt. Und da war eine Fotografie von Fries, und ich habe ihn nicht erkannt, an zwei Fotografien. Bloß bei der dritten habe ich gesagt, ich weiß nicht, wer es ist, aber ich kenne den Mann. Also es ist sehr schwer.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, noch eine letzte Frage. Wir haben hier einen Zeugen Doktor Uhlenbroock gehabt. In Ihrem Buch9 sprechen Sie von Doktor Uhlenbroock.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was wissen Sie persönlich von ihm?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, ich habe den Mann nicht gesehen. Ich weiß, daß Fries bei den Sortierungen in Auschwitz teilgenommen hatte, und ich weiß, daß der Doktor Uhlenbroock ein Sanitätsspezialist in Auschwitz war. Wer der Spezialist hinter Fries war, das habe ich damals nicht gewußt. Das habe ich erst nach dem Kriege erfahren.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Also Ihnen war damals nicht bekannt, daß diese eine radikale Aktion10, durch die der eine Block in die Gaskammer kam, auf Doktor Uhlenbroock zurückzuführen war, wie ich das aus Ihrem Buch entnehme?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, damals habe ich viele Namen der Ärzte gekannt. Wer persönlich am meisten verantwortlich war oder weniger, das konnte ich erst nach dem Kriege beurteilen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke, ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung? Keine Fragen? Herr Rechtsanwalt Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, eine Frage zu den Örtlichkeiten auf dieser Alten Rampe, die Sie ja sehr gut gekannt haben. Die stand ja wohl im freien Feld. Waren da Häuser, Gebäude, Schuppen, Hütten oder etwas Ähnliches in der Nähe?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bei der Alten Rampe? In der Zeit von 1942 bis 43 war in der unmittelbaren Nähe der Rampe, soviel ich mich erinnere, gar nichts. Aber das ist natürlich die Frage, was Sie unter der unmittelbaren Nähe verstehen. Wie viele Meter?

 

Verteidiger Eggert:

Ich will keine Zahl nennen, aber gab es beispielsweise dort eine Hütte, in der sich ein Beobachter hätte verstecken können und von der aus er beobachten konnte, was dort vor sich ging?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Zwischen der Rampe und dem Inneren, also der Kleinen Postenkette in Birkenau, war eine Reihe von Holzbaracken. Diese Holzbaracken, wozu die dienten, weiß ich nicht. Aber die standen dort. Ja, von dort könnte man schon was beobachten.

 

Verteidiger Eggert:

Hat es dort auch ein kleines Toilettengebäude gegeben, an der Rampe direkt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

An der Rampe direkt? Jetzt ist mir das nicht klar, aber es ist möglich. Denn ich weiß, daß wir manchmal dort waren auch für zwölf Stunden auf der Rampe, und da war für Toilette in irgendwelcher Weise gesorgt. Aber ich kann mich auf dieses bestimmte Gebäude nicht klar erinnern.

 

Verteidiger Eggert:

Gut. Danke schön. Eine andere Frage: Wissen Sie, wann die Strafkompanie vom Abschnitt BIb nach BIId verlegt worden ist?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Soviel ich mich erinnere, aber hier kann ich das wieder nicht garantieren, müßte das im Juni 43 [+ gewesen] sein, vielleicht etwas früher. Jedenfalls, [+ an] die Strafkompanie erinnere ich mich in BIb, in Block 1 oder 2. Und als wir von dem Lager verlegt wurden in BII, da konnte ja die Strafkompanie dort nicht bleiben, denn dort sind ja Frauen hineingekommen in das Lager. Es müßte also irgendwie im Sommer 43 [+ gewesen] sein. Ich kann Ihnen die exakte Zeit nicht sagen.11

 

Verteidiger Eggert:

Ich frage Sie das deshalb, weil Sie vorhin den Angeklagten Bednarek sowohl im Zusammenhang mit der Strafkompanie in BIb als auch in BIId erwähnt haben. Wissen Sie genau, daß er schon in BIb dabei war?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, das könnte ich nicht mit Genauigkeit sagen.

 

Verteidiger Eggert:

Gut, danke schön. Und dann noch eine Frage. Sie haben zum Angeklagten Bednarek gesagt: »Er hatte die Funktion des Blockältesten in der Strafkompanie. Die Überlebenszeit war dort am kürzesten.« Und Sie haben im Zusammenhang mit dieser Überlebenszeit-Frage im einzelnen geschildert, wie die Strafkompanie mit diesem Wagen zur Arbeit ausgerückt ist und abends mit einem Wagen voll Leichen wieder zurückgekommen ist. Wissen Sie, ob der Blockälteste der Strafkompanie mit zur Arbeit ausgerückt ist?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Manchmal ja, manchmal nein. Aber im allgemeinen sind die Blockältesten nicht ausgerückt zur Arbeit.

 

Verteidiger Eggert:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ist sonst von der Verteidigung keine Frage mehr zu stellen? Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich möchte dem Zeugen noch einmal diese Landkarte vorlegen. Vielleicht kann er uns darauf die Alte Rampe zeigen, wo sie war.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja bitte schön, darf ich das mal da zumachen? Entschuldigen Sie bitte, ich möchte mir meine Augengläser dazu nehmen, denn ich bin weitsichtig. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Hier ist das Stammlager, und hier ist Birkenau, wie es mal zukünftig sein sollte. Es ist ja nur bis hierhin gebaut worden. Und hier ist der Bahnhof Auschwitz.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn es Ihnen möglich ist, sich da zu orientieren.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Zwischen Auschwitz Hauptlager und Birkenau war ein kurzer Weg. Das war ein enger Weg. Dieser enge Weg war auf dieser Seite vom Bahnhof, also der Bahnhof war diese Richtung

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Hier ist der Bahnhof.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Genau, hier ist die Bahn, und hier ist die Eisenbahnlinie. Nun, diese Eisenbahnlinie hatte gewirkt während der ganzen Zeit, als ich war in Auschwitz, mit Privatzügen. Ich habe oft den S-Waggon hier vorbeifahren sehen zwischen Birkenau und Auschwitz, den Speisewagen. Nun, von Auschwitz nach Birkenau war ein Weg für die Häftlinge, und ich glaube, das ist hier verzeichnet.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dieser Weg, ja?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Dieser Weg.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der führt jedenfalls direkt ins Eingangstor.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der führt direkt ins Eingangstor. Dieser Weg hat überschnitten diese Bahn. Und die Rampe war dort, wo dieser Weg die Bahn überschnitt. Das bedeutet, hier war die normale Bahn, und dann war ein blindes Gleis. Das blinde Gleis ist ungefähr von hier gekommen und [+ hat] hierher geführt. Hier war der Kopf der Rampe, hier ist die Rampe dann so gelegen. Also, die Rampe ist gelegen opposite diesem a-Lager.

 

Staatsanwalt Kügler:

A-Lager.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und zwar zwischen der Bahnlinie und dem A- Lager?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das ist richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kügler, wäre es nicht interessant, wenn das Gericht auch davon Kenntnis nehmen könnte?

 

Staatsanwalt Kügler:

Wir wollen das versuchen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Also bitte schön, das war folgendermaßen: Von Auschwitz nach Birkenau war ein kleiner Fußweg, nicht ein Fußweg, das war eine Straße, auf der die Autos verkehrten. Es war also eine Lagerstraße. Diese Lagerstraße hat überkreuzt die Haupteisenbahnlinie. Diese Eisenbahnlinie hat fungiert, und ich habe täglich Speisewagen vorbeifahren sehen. Also das war eine normale persönliche Linie. Die äußere Postenkette von Auschwitz hat geendet bei dieser Linie, und die äußere Postenkette von Birkenau hat auch geendet bei dieser Linie. Und die Rampe war also zwischen diesen zwei Postenketten, in einem Raum zwischen dieser Hauptlinie und dieser äußeren Postenkette. Und zwar so, daß es diesen Weg hier benachbarte. Also hier war der Weg nach Birkenau. Und die Autos sind gewöhnlich von Auschwitz oder von Birkenau gekommen, die Lastwagen, und die sind hier gestanden. Hier war die Rampe. Und so war es. Also hier die Rampe, und ich weiß, daß die Rampe diesem alten Lager gegenüber war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und der Bahnhof ist hier, nicht?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Bahnhof war ziemlich abgelegen, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und das ist das Lager BIa? [...]

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das ist das Lager BIa. Das Lager BIa konnte man sehen von der Rampe. Und hier waren irgendwelche Holzgebäude von unbekanntem Ziel, also das ist [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Gleise waren an dieser Rampe?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

An dieser Rampe war bloß ein Gleis, soviel ich mich erinnere.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Gleis.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Auf der Alten Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich bitte dann, dem Zeugen noch einmal das Bild vorzulegen und ihn zu fragen, ob er eine Person auf diesem Bild wiedererkennt.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

[Pause] Also die SS-Männer sind alle hier mit einer Ausnahme mit dem Rücken zugewandt. Diesen Mann da, diesen einen SS-Mann mit dem Gesicht zu mir gewandt

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich könnte den Namen nicht sagen, aber ich glaube, ich habe den Mann gesehen. Falls ich ihn lebend sehen kann, ist das was anderes. Auf dem Bild – ich bin schon drauf gekommen, ich kann von Bildern niemanden identifizieren, aber Lebende nach dem Gesicht könnte ich vielleicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte dann die Angeklagten, alle mal vorzutreten.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten, das sei ein ganz populärer Mann in Auschwitz gewesen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das war Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Das war Boger.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

»Der zweite«, sagten Sie, »den habe ich an der Rampe in Offiziersuniform gesehen.« 12

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst wissen Sie von ihm nichts?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Ich habe mir den Mann sehr gut gemerkt. Denn der war öfters an der Rampe. Der ist dort gestanden in einem Offiziersmantel mit einem weißen Pelz. Und bei einer Gelegenheit, als ein Häftling vorgebracht wurde von zwei Unterscharführern, mit Schlägen, hat ein Unterscharführer gesagt ungefähr so was: »Dieses Schwein hat da mit den Zugängen sprechen wollen.« Und er hat so gemacht: »Machen Sie ihn fertig, es ist spät!« Das war alles.

 

Vorsitzender Richter:

»Machen Sie ihn fertig, es ist spät«?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob dieser Mann auch Selektionen durchgeführt hat?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Bitte schön, das kann ich nicht sagen, denn er ist in der Gruppe gestanden, wo die Selektion durchgeführt wurde. Aber wenn die Selektion durchgeführt wurde, da war ich ja bei den Waggonen. Ich konnte dorthin kommen, wenn die Selektion vorüber war und ich die Leute zu den Autos, die Toten und die Sterbenden, schleppte.

 

Vorsitzender Richter:

Und den Mann, den Sie hier auf dem Bild gesehen haben, den haben Sie jetzt nicht wiedererkannt?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich hätte dann keine Frage mehr. Herr Staatsanwalt, bitte schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, in der Nachtragsanklage13 gegen den Herrn, den der Zeuge eben als Offizier mit weißem Pelz bezeichnet hat, ist ein Bild vorhanden, das dem Zeugen Rybka vorgelegt wurde. Ich möchte doch anregen, dem Zeugen dieses Bild und dann auch noch die anderen Bilder vorzulegen mit der Bitte, er möge sich erklären, ob und gegebenenfalls wen er auf diesem Bild erkennt oder wiedererkennt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Vorsitzender, ich habe vielleicht grade in der Zwischenzeit eine Frage an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, Sie sagten, auf dem Bild rechts am Rande – die Person käme Ihnen bekannt vor. So hatte ich Sie verstanden.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, der weiteren Vernehmung möchte ich doch widersprechen, bis diese Sache erledigt ist.

 

Verteidiger Gerhardt:

Selbstverständlich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich möchte jetzt, daß der Zeuge sich darauf konzentriert.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Wir können ja einen Augenblick warten. [Pause] Würden Sie mal sehen, Herr Zeuge, ob Sie von diesen Bildern einen wiedererkennen?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

[Pause] Den würde ich wiedererkennen als denselben.

 

Vorsitzender Richter:

Als denselben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Aber ohne Augengläser, und so war es.

 

Vorsitzender Richter:

Und so war er?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, ohne Augengläser, auf der Rampe habe ich ihn nicht mit Augengläsern gesehen. [Pause] Diese zwei Bilder, die sind different. Es ist mehr an der Körperhaltung, an der ich SS-Männer erkenne. Das ist ein wichtiges Merkmal.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Es kommt schon dazu, aber natürlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das eine Bild entspricht ja dem anderen, nicht? Dieses Bild entspricht dem anderen Porträt da, nicht?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Auf diesem Bild möchte ich den Mann erkennen als den Offizier von der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Auf diesem Bild könnte ich es nicht mit Sicherheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mit Sicherheit sagen.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Definitiv nicht auf diesem Bild, wo er Augengläser trägt. Soviel ich mich erinnere auf den Offizier von der Rampe, der ist dort nicht in Augengläsern gestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Gerhardt, Sie hatten jetzt bitte noch eine Frage.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, meine Frage jetzt: Könnte diese Person auf diesem Bild, die sie glauben erkannt zu haben, möglicherweise mit dem Herrn Baretzki, wie Sie ihn in Erinnerung haben aus Auschwitz her, identisch sein?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Auf welchem Bild, bitte schön?

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, von der Rampe, wo Sie sagten: »Der mir zugewandte Mann, der kommt mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, wer es ist.«

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich möchte mich nicht gerne über diese Frage äußern, denn ich kann ihn nicht identifizieren.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können ihn nicht...

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Es ist eins der Gesichter, die für mich nicht zu viel bedeuteten. Den ich habe ich ja mehr, den Baretzki, von Fred Wetzler gekannt. Hat mir immer der Wetzler gesagt, Baretzki hier, Baretzki das oder jenes. Und ich war mit ihm weniger in Kontakt. Also ich würde ihn zu dieser Zeit kennen, aber heute nicht wiedererkennen, da auch kein Zwischenfall zwischen Baretzki und mir vorgekommen ist.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorgekommen ist.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Falls da ein Zwischenfall wäre, dann wäre es different.

 

Vorsitzender Richter:

Dann wäre es anders?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst noch eine Frage? Baretzki selbst.

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Zeuge, in der Zeit, wo Sie im a-Lager waren, ja, darf ich ihnen den Namen nennen von dem Blockführer? Und Sie können nur sagen, ob das stimmt oder nicht stimmt. Der Rapportführer war ja Kurpanik.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, an den erinnere ich mich.

 

Angeklagter Baretzki:

Das war der kleine Unterscharführer.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein, ich erinnere mich, der Kurpanik war ein gut gewachsener Kerl.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, aber kleiner wie ich. Kleiner wie ich. Und dann war der Rottenführer Dargelis.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich würde nicht sagen, der Kurpanik war kleiner als Sie. Übrigens haben die Menschen

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Das kann sein, ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Falls das Menschen waren, mit Stiefeln und mit diesen hohen Mützen, da hat ja jeder als ein Übermensch ausgeschaut sozusagen. Ich würde nicht sagen, er war kleiner als Sie.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, ich habe ihn für kleiner gehalten, ist ja egal. Das war der Rapportführer Kurpanik, nicht? Und jetzt kommen die Blockführer: Dargelis, haben Sie den gekannt, den Rottenführer Dargelis?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Rottenführer Dargelis?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, der Name klingt mir, aber ich würde jetzt nicht also mit Sicherheit darüber sprechen.

 

Angeklagter Baretzki:

Und Weiß, sagt Ihnen das was?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Der Name sagt mir was, ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Sagt Ihnen der Name Meier was?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Der Name Weiß sagt mir was, der war als Blockführer im Quarantänelager aufgetaucht. Das glaube ich, ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Meier, auch was?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Meier? Dort waren ja so viele Meiers. Ich weiß nicht. Klingt nicht in meinem Gedächtnis im Moment zurück.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, wie Sie Buntrock gesagt haben, der war eine Zeit im a-Lager, nachher kam er ins b-Lager.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Schauen Sie, ich sage Ihnen, ich erinnere mich an Buntrock, weil der Buntrock mich einmal erfaßt hat und mir zwei Ohrfeigen heruntergeschmiert hat, nicht.

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Das war so ein schwerer. Das war so ein schwerer Koloß, stimmt.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Nein.

 

Angeklagter Baretzki:

Der war nachher Rapportführer im b-Lager.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich kann mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Doktor Vrba, können Sie den Pelz, den dieser Mann – Sie sprachen von einem weißen Pelz, können Sie den noch etwas genauer beschreiben? War das nur oben ein weißer Pelz und sonst ein dunkelfarbiger Pelzmantel oder...

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Das war ein grüner SS-Uniform-Offiziersmantel mit einem weißen Pelz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Oben Pelzbesatz?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und an den [Dienstgrad?] Ich weiß nicht, ob Sie so weit...

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Offizier.

 

Staatsanwalt Kügler:

Offizier, genau, den Dienstgrad.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Eine Frage, Herr Vorsitzender. Habe ich Sie vorhin recht verstanden, daß Sie diesen Offizier wiederholt auf der Rampe gesehen haben?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Jawohl. Deshalb kann ich [+ mir] ihn gut merken.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat er dort sich selbst eingeschaltet in den Dienst, hat er überwacht?

 

Vorsitzender Richter:

Ist beantwortet. Er weiß es nicht.

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ich habe bloß gesagt, daß er sich selbst eingeschaltet hat, als sie einen Häftling hinbrachten, der beschuldigt wurde, daß er mit dem Zugang gesprochen hat. Also da die zwei SS-Männer, die wollten davon einen Fall machen, nicht wahr, die Unterscharführer. Und die haben ihn dort hinaufgetrieben zu der Offiziersgruppe ungefähr mit den Worten: »Dieses Schwein da hat einen Kontakt mit den Zugängen gemacht.« Sie wollten das kurz als einen Fall aufblasen. Und dieses Individuum in Offiziersuniform hat bloß gesagt: »Machen Sie ihn fertig, es ist spät!« Es war spät, es war spät nach Mitternacht, die wollten weg. Na, die haben ihn fertiggemacht, und ich erinnere mich ganz genau auf diesen Fall.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wie? Was geschah mit dem Mann?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja, die haben ihn schon mit Knüppeln herbeigebracht. Und nachdem dieses kurze Urteil gefällt wurde, da haben sie auf ihn mit Knüppeln losgehauen, so lange, bis er zusammenbrach. Und dann haben sie so lange mit Knüppeln hereingehauen, bis kein Ton [+ mehr] herauskam. Und das hat geheißen in Auschwitz »jemanden fertigmachen«. Und dann haben wir die Leiche nach Birkenau gebracht, als das Kommando abmarschierte.

 

Vorsitzender Richter:

Sie mit?

 

Zeuge Rudolf Vrba:

Ja. Das war natürlich ziemlich gang und gäbe in »Kanada«, in dem Aufräumungskommando.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind, keine Erklärungen mehr abzugeben sind

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. das Telegramm Staatspolizeistelle Litzmannstadt vom 07.04.1944, in: Swiebocki (Hrsg.), London wurde informiert, S. 36.

2. 1942.

3. Auf Befehl Hitlers im Jahr 1933 von der NS-Volkswohlfahrt ins Leben gerufene Aktion zur Unterstützung von notleidenden Bürgern. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 807.

4. Zwischen dem Vorsitzenden Richter und dem Zeugen Vrba ergab sich offenbar ein Mißverständnis. Der Bauabschnitt BIIf »Kanada« wurde im Dezember 1943 in Betrieb genommen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 678.

5. Bib.

6. BIId.

7. »German extermination camps – Auschwitz and Birkenau«, Executive Office of the President War Refugee Board, Washington, D. C., November 1944. Siehe z. B. David S. Wyman (Ed.): America and the Holocaust, Vol. 12, New York, London 1990, S. 1–44 sowie die Opferstatistik in: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof, Nürnberg 14. November-1. Oktober 1946, Bd. 37, Nürnberg 1949, S. 433.

8. Der päpstliche Nuntius Angelo Rotta.

9. Rudolf Vrba, Alan Bestic: Ich kann nicht vergeben. Aus dem Englischen von Werner von Grünau. München: Rütten u. Loening Verlag, 1964.

10. Am 29.08.1942 wurden 746 Häftlinge aus dem Häftlingskrankenbau selektiert und in den Gaskammern getötet. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 290.

11. Im Juli 1943 wurden die männlichen Häftlinge von BIb nach BIId verlegt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 543.

12. Der Zeuge Vrba erkannte den Angeklagten Mulka. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.11.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 104, Bl. 969.

13. Vgl. Nachtragsanklage der Staatsanwaltschaft vom 23.07.1964, Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 23.07.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 100.

 

 
 
 
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