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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

52. Verhandlungstag, 5.6.1964

 

Vernehmung des Zeugen Ernst Toch

 

Vorsitzender Richter:

Kennengelernt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, den habe ich kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sagen Sie uns mal bitte, ob Sie noch den Anlaß wissen, der Sie zum ersten Mal mit Klehr zusammengebracht hat.

 

Zeuge Ernst Toch:

Der Anlaß war eigentlich die Aufgabe für den damaligen SDG Klehr, aus Anlaß der Verheiratung seiner Nichte oder Tochter oder sonst irgendetwas, einen Leierkastenmann zu spielen. Und ich mußte nach dem Lied »Gold und Silber lieb ich sehr« verschiedene Zeichnungen anfertigen, die in einem Kasten gedreht wurden. Und da hat er es in einer Art von Film oder so etwas Ähnlichem dann abgerollt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie noch, wann das gewesen ist?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, also den Tag genau kann ich natürlich nicht sagen, aber das muß im Frühjahr 1943 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Also wir wollen die Zeit noch mal kurz rekapitulieren, weil es uns hier sehr genau drauf ankommt. Sie sind nach Auschwitz gekommen, haben Sie uns gesagt, im Oktober 42.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer früheren Vernehmung bei dem Untersuchungsrichter1 gesagt, es kann vielleicht auch November 42 gewesen sein. Das wußten Sie damals nicht mehr so ganz genau. Ist auch nicht so wichtig. Dann haben Sie gearbeitet und sagten, daß Sie vielleicht Anfang Dezember zum ersten Mal auf Block 20 gekommen sind als Kranker.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann waren Sie ein Jahr fast tätig bei dem Bauhof.

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder was sagt er, wo er war? Bitte? Um die Jahreswende 42/43 sind Sie doch dann wieder reingekommen?

 

Zeuge Ernst Toch:

Da bin ich wieder reingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, das war gar kein Jahr, das war praktisch nur ein Monat, ja.

 

Zeuge Ernst Toch [unterbricht]:

Das waren einige Wochen. Nicht einmal ein Monat. Das waren einige Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Da sind Sie wieder erneut reingekommen und sind Schreiber geworden im Krankenbau wann?

 

Zeuge Ernst Toch:

Das mag begonnen haben Ende Februar oder Anfang März 1943.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie haben einmal gesagt, Sie hätten unter vorläufiger Quarantäne gestanden, die hätte vier Wochen gedauert und

 

Zeuge Ernst Toch [unterbricht]:

Diese Formulierung »vorläufige Quarantäne« bezieht sich auf die Sperre des Krankensaales wegen des Fleckfiebers.

 

Vorsitzender Richter:

Eben. Aber Sie meinen, es könnte also ungefähr Februar 43 gewesen sein, daß Sie dann zum Häftlingsschreiber geworden sind?

 

Zeuge Ernst Toch:

Bitte, bestimmt ganz zu Ende Februar/Anfang März.

 

Vorsitzender Richter:

Ende Februar/Anfang März.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie bis dahin den Angeklagten Klehr schon kennengelernt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder haben Sie ihn erst kennengelernt, als Sie dort Häftlingsschreiber waren?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich habe ihn erst zu dem Zeitpunkt kennengelernt, wo von ihm persönlich mir diese Aufgabe der Zeichnungen übertragen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und da waren Sie schon Häftlingsschreiber.

 

Zeuge Ernst Toch:

Da war ich schon Schreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie schon längere Zeit Häftlingsschreiber, oder war das unmittelbar nach Ihrer Einstellung?

 

Zeuge Ernst Toch:

Unmittelbar. Denn man hat ihn ja wegen meinem, ich will nicht von zeichnerischem Können sprechen, aber wegen dem Mann, der in der Lage wäre, diese Aufgabe, die er in der Schreibstube gestellt hat, zu lösen. Deswegen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat man Sie da rübergenommen.

 

Zeuge Ernst Toch:

Hat man ihn da auf mich aufmerksam gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Also könnten wir sagen, es war Ende Februar/Anfang März 1943, als Sie Klehr kennenlernten?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war er damals? Sie sagten, SDG, also Sanitätsdienstgrad? Im Krankenbau?

 

Zeuge Ernst Toch:

Also das sind natürlich Annahmen, niemand hat mir seine Funktion genau bekanntgegeben, aber er mußte irgendeinen Auftrag im Krankenbau haben, denn sonst wäre er ja gar nicht hineingekommen. Soweit ich die Verhältnisse in den Lagern kenne, so konnte ja im Lager sich nur bewegen ein SS-Mann, der bestimmte Funktionen im Lager zu erfüllen hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, nachdem Sie also dort Häftlingsschreiber waren, da haben Sie doch sehr bald vermutlich festgestellt, wer in diesem Häftlingskrankenbau SDG war. Denn mit den Leuten hatten Sie doch täglich zu tun. Das waren doch praktisch Ihre Vorgesetzten.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, ich muß dazu sagen, daß ich unmittelbar eigentlich mit den SDG-Leuten nichts zu tun gehabt habe, weil ich ja keine medizinische Funktion zu erfüllen hatte, sondern mehr oder weniger in der Verwaltung, also mit der Ausfüllung von Listen oder so irgend etwas [+ beschäftigt war]. Wozu mir nicht der SDG unbedingt die Weisung geben mußte, sondern eben der Rapportschreiber oder der jeweilige Kapo der Schreibstube.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Toch, wenn Sie nichts dagegen haben, wollen wir Ihre Aussagen auf ein Tonband aufnehmen, damit das Gericht eine Gedächtnisstütze hat. Ja?

 

Zeuge Ernst Toch:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Wollen Sie das vermerken. Ja. Klehr hat Ihnen also diesen Auftrag gegeben. Und Sie meinen, es genau auf die Zeit Ende Februar/Anfang März 1943 festlegen zu können, daß Sie den Klehr damals kennengelernt haben.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich möchte genauer sagen, daß zu diesem Zeitpunkt ich begonnen habe, in der Häftlingsschreibstube zu arbeiten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Ernst Toch:

Den Auftrag von Klehr habe ich natürlich etwas später bekommen. Aber das...

 

Vorsitzender Richter:

Also sagen wir, spätestens Anfang März haben Sie Klehr kennengelernt.

 

Zeuge Ernst Toch:

Na bitte, wenn das nicht so wichtig ist, kann ich dem beistimmen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun doch, es ist uns schon wichtig.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich habe ihn jedenfalls im Lauf des März kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lauf des März kennengelernt. Nun, haben Sie auch beobachtet, daß Klehr dort irgendwelche Handlungen vorgenommen hat an den Häftlingen, die dort im Krankenbau eingeliefert waren?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich habe den Klehr einmal beobachtet, als er auf Block 20 in meinem Beisein zwei Häftlinge durch Injektionen in die Herzgegend getötet hat. Und zwar

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wollen Sie uns bitte mal erzählen, wieso Sie dazugekommen sind und wieso Ihnen das möglich war?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich wurde damals in der Schreibstube beauftragt, eine Nachricht auf Block 20 zu überbringen. Um welche Nachricht es sich handelte, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Ich bin zu diesem Zweck von Block 21 auf Block 20 hinübergegangen über den Hof und habe den Gang im Block 20 betreten.

 

Vorsitzender Richter:

Wo sind Sie hereingegangen in Block 20?

 

Zeuge Ernst Toch:

Von der Tür im Hof.

 

Vorsitzender Richter:

Im Hof?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, zwischen den beiden Blocks ist ein Hof. Und es war daher nicht notwendig, daß ich die Straße betreten habe, sondern ich konnte über den Hof gehen.

Ein Teil dieses Ganges war am Ende mit Decken verhängt. Vor diesen Decken stand eine Anzahl von Häftlingen, entkleidet. Und nachdem dort niemand anderer zu sehen war, bin ich hinter den Deckenverschlag gegangen. Und da konnte ich beobachten, daß ein eben hereingerufener Häftling sich auf einen Hocker setzen mußte. Er wurde aufgefordert, die linke Hand über die Augen zu [legen], er wurde gefragt, woher er kommt. Es ist in verkehrter Reihenfolge gewesen. Also zuerst wurde er gefragt, woher er stammt, und dann hat man ihn aufgefordert, die linke Hand über die Augen zu legen, und dann hat der Klehr gespritzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Herz gegeben?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ins Herz.

 

Vorsitzender Richter:

Oder in die Brust jedenfalls?

 

Zeuge Ernst Toch:

In die Brust.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das hat der Klehr selbst gemacht?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da noch andere Häftlinge dabei?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich erinnere mich, daß ein Häftling dabei war, der auch die Frage gestellt hat: »Woher kommst du?« Und: »[Leg] die linke Hand über die Augen.« Ich könnte heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wer das war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ist in Ihrer Gegenwart nur ein Häftling auf diese Weise getötet worden? Oder zwei?

 

Zeuge Ernst Toch:

Zwei Häftlinge. Und der eine wurde getötet bei meinem Hereinkommen. Und dann hat sich dieser Vorgang, der wahrscheinlich sich ja dauernd abgespielt hat, einmal wiederholt. Da konnte ich eben beobachten, daß er gefragt wurde nach seiner Herkunft und aufgefordert wurde, den linken Unterarm über die Augen zu legen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob es sich bei diesen Häftlingen um junge Leute gehandelt hat?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich bin überzeugt davon, daß es junge Leute waren, obwohl das Alter ja nicht genau festzustellen war in dem Grad der Abmagerung, in dem sie sich befunden haben.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Leute ungefähr standen in dem Flur vor dieser Decke, die den Flur abgrenzte von diesem Raum, wo das geschah? Ungefähr. Ich meine, können es 20 gewesen sein oder 30?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich glaube, ich würde eher sagen zehn bis zwölf.

 

Vorsitzender Richter:

Zehn bis zwölf. Was das für Leute waren und wieso Klehr dazu gekommen ist, die zu töten, haben Sie was darüber erfahren?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein, nein, nichts erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nichts erfahren.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich weiß gar nicht, ob ich dann gesprochen habe darüber, denn es war für mich ein...

 

Vorsitzender Richter:

Ein schreckliches Erlebnis.

 

Zeuge Ernst Toch:

Sehr großer Schock.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, Herr Zeuge, wann war das ungefähr, wie Sie da dort waren?

 

Zeuge Ernst Toch:

[Pause] Ich kann dazu, um die Zeit zu schildern, eigentlich nur sagen, daß es wohl schon eine wärmere Jahreszeit war. Denn ich bin in Hemdsärmeln hinübergegangen. Daran kann ich mich genau erinnern. Also es muß entweder im Spätfrühling oder im Frühsommer gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

1943?

 

Zeuge Ernst Toch:

1943, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Der Angeklagte Klehr hat uns hier auf wiederholtes Befragen immer wieder gesagt, er sei bereits im Mai 1942 aus dem Häftlingskrankenbau wegkommandiert worden zu den Desinfektoren und habe seit dieser Zeit im Häftlingskrankenbau überhaupt keinen Dienst mehr getan.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, wie soll ich mich dazu äußern? Ob das glaubwürdig ist aus meiner Erfahrung?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie bleiben angesichts dieses Vorhalts bei Ihrer Aussage, daß Sie ihn dort kennengelernt und daß Sie das mit ihm erlebt haben, was Sie uns eben erzählt haben?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch den Angeklagten Scherpe oder Hantl dort kennengelernt in dem Häftlingskrankenbau?

 

Zeuge Ernst Toch:

Mit dem Namen Scherpe verbinde ich keine Person. Es ist sicher, wenn er dort Dienst gemacht hat, so habe ich ihn gekannt. Aber ich kenne den Namen nicht, oder er ist mir entfallen. Den Angeklagten Hantl kenne ich natürlich, an ihn kann ich mich gut erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie von Hantl für einen Eindruck, oder haben Sie irgendwelche bestimmten Erlebnisse mit ihm gehabt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nun, zu dem Hantl kann ich eigentlich nur sagen, daß er öfter zu uns in die Schreibstube hineingekommen ist und dort sehr gern mit den Häftlingen tschechischer Nationalität geplaudert hat und sich an die guten Zeiten in der Tschechoslowakei erinnern wollte oder erinnert werden wollte. Im großen und ganzen [+ ist er] ein ziemlich farbloser Mensch gewesen, und irgendwelche kriminellen Handlungen habe ich bei ihm nicht beobachtet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch den Angeklagten Kaduk kennengelernt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für ein Mann, was hat er für eine Funktion gehabt, was hat er für einen Ruf gehabt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Kaduk war Rapportführer und hat den – auch für SS-Leute – denkbar schlechtesten Ruf gehabt. Das heißt, wenn ich sage, für SS-Leute, so ist das so aufzufassen, daß die Häftlinge sich gegenseitig informiert haben über das Verhalten der einzelnen SS-Angehörigen gegenüber den Häftlingen. Daß man also bemüht war, dem einen oder dem anderen SS-Mann in weitem Bogen auszuweichen und bei dem anderen doch verhältnismäßig gleichgültig war. Kaduk war immer eine Gefahr.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mit Kaduk einmal ein persönliches Erlebnis gehabt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Meine erste Begegnung persönlich mit Kaduk war ein Zusammentreffen in der Nacht auf der Lagerstraße, als ich vom Block 20 auf Block 21 gegangen bin. Da hat er mich gefragt, was ich in der Nacht auf der Lagerstraße tue, denn das war nach Einschluß. Und ich habe mich gemeldet mit der vorgeschriebenen Formel: »Häftling 70.231, Häftlingskrankenbauschreibstube, Nachtdienst.« Mit entsprechender militärischer Haltung hat er das akzeptiert und hat mich laufenlassen ohne weitere Kontrolle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Ernst Toch:

Das war die erste Begegnung mit Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Und die letzte?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, wenn ich dazu noch etwas sagen darf. Natürlich habe ich ihn auch gesehen, aber ohne daß er von mir Notiz genommen hat. Dadurch, daß ich in der Schreibstube beschäftigt war, mußte ich des öfteren den Morgenappell, das heißt den Standesbericht, vom Krankenbau zur Häftlingsschreibstube bringen. Und da habe ich ihn des öfteren dort gesehen auch. Aber ohne persönliche Begegnung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wann haben Sie ihn denn zum letzten Mal gesehen?

 

Zeuge Ernst Toch:

Zum letzten Mal habe ich den damaligen Rapportführer Kaduk gesehen, als er vor der Häftlingsküche einen holländischen Häftling, der als Arzt oder Pfleger im Krankenbau beschäftigt war, erschossen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wollen Sie uns mal sagen, wann das gewesen ist?

 

Zeuge Ernst Toch:

[Pause] Wenn ich mir erlauben darf: Am 18. Januar ist der letzte Transport weggegangen. Also dann mag das um den 20. oder 21. Januar gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

1945?

 

Zeuge Ernst Toch:

1945, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann erzählen Sie uns mal, was da gewesen ist.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich hatte damals die Aufgabe, die bettlägerigen Kranken mit Nahrung zu versorgen, soweit das im Rahmen meiner Möglichkeiten war.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso hatten Sie den Auftrag, die Kranken zu versorgen?

 

Zeuge Ernst Toch:

Also das Lager wurde evakuiert. Und eine Reihe von kranken Häftlingen ist im Krankenbau zurückgeblieben – ich habe nachträglich erfahren, daß das 1.300 waren – und dazu auch die Pfleger, die im Krankenbau beschäftigt waren und sich entschlossen haben, die Evakuation nicht mitzumachen, sondern in Auschwitz entweder auf die Befreiung oder auf sonstige Ereignisse zu warten. Ich habe mich entschlossen, auch dazubleiben, und habe dann in der Früh, als der große Transport weggegangen ist, mich entschlossen, nachdem ich eigentlich mich bei den Kranken versteckt hatte und mich dadurch der Evakuierung entzogen hatte, für die Kranken zu sorgen, soweit ich das kann.

Ich habe mich da installiert in der Diätküche im Block 28 und bin darangegangen, Nahrungsmittel zu besorgen, um eben kochen zu können. Ich habe vom damaligen Chef, einem der Küchenchefs, dem Österreicher Unterscharführer Schebek Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt bekommen und mußte mich auch um Wasser kümmern, denn es war ja alles eingestellt. Es hat keinen Strom, kein Wasser und so weiter gegeben. Und dazu habe ich eben den Feuerlöschteich, der da vorhanden war, ausersehen und bin – die Verhältnisse waren ja noch gar nicht so sicher – zu diesem Zweck zum Feuerlöschteich hingegangen und habe mir das angesehen. Und auf dem Rückweg bin ich durch den Block 6 und Block 17 gegangen. [...] Und als ich aus dem Block 17 herauskam, auf der Stiege, konnte ich diesen Vorfall, den ich geschildert habe, mit Kaduk und dem Holländer Ackermann beobachten.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie da beobachtet?

 

Zeuge Ernst Toch:

Kaduk stand dem Holländer in einer Entfernung von vielleicht drei Metern gegenüber. Es dürfte da einen Wortwechsel gegeben haben, den ich allerdings nicht verstehen konnte. Und Kaduk hat die Pistole gezogen und hat den Mann erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also, wie Sie uns sagten, nach der Evakuierung des Lagers.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War Kaduk da schon einmal weggewesen und wieder zurückgekehrt, oder wieso kam denn Kaduk noch in das Lager, nachdem das Lager evakuiert war?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, die Beweggründe seines Verhaltens, die kenne ich natürlich nicht. Das eine Mal hat er das Lager betreten und auch schon vorher einmal.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sagten, es handelte sich um einen Häftling namens Ackermann?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Um einen holländischen Häftling namens Ackermann? Wieso wissen Sie das, und wissen Sie, daß der Mann wirklich totgeschossen gewesen ist?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nachdem der Kaduk die Schüsse auf ihn abgegeben hat, konnte ich noch sehen, daß er zusammengebrochen ist. Dann hat Kaduk sich umgewendet, also eine halbe Wendung nach links gemacht, die Pistole noch immer im Anschlag, und hat weitergeschossen. Und ich bin über die Stiege runtergesprungen und war dadurch gedeckt. Aber er hat geschossen. Es war sonst niemand auf der Lagerstraße. Daß der Häftling Ackermann geheißen hat – [Pause] ich möchte da auf keinen Fall etwas konstruieren. Mir ist der Name geläufig, ich habe den Häftling auch gekannt. Und es wurde mir bestätigt von Doktor Steinberg und Doktor Gordon, zwei Ärzten auf Block 21, daß der Häftling Ackermann an den Folgen der Bauchschüsse gestorben ist.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wo hatten Sie den Namen Ackermann her?

 

Zeuge Ernst Toch:

[Pause] Ja, es kann natürlich möglich sein, daß mir der Name nachher gesagt wurde, daß er mir bestätigt wurde. Tatsache ist aber, daß ich den Mann gekannt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Von Angesicht?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun war es ja im allgemeinen in einem Lager nicht üblich, daß man sich seine Familiennamen da mitteilte. Gewöhnlich haben die Leute den Vornamen gewußt oder den Rufnamen oder sonst irgend etwas.

 

Zeuge Ernst Toch:

Und oft nicht einmal das. Denn bei uns als Schreiber ist ja der Häftling auch nur mit der Nummer aufgeschienen, im großen und ganzen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. So daß Sie ja im allgemeinen gar nicht wissen konnten, wie die Leute hießen. Und deshalb wundert es mich, daß Sie in diesem Fall sagen können, es war der Häftling Ackermann.

 

Zeuge Ernst Toch:

Nun ja, er war ja im Krankenbau beschäftigt auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, der war auch im Krankenbau beschäftigt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja natürlich. Er war also Mediziner. Ich weiß nur nicht, ob er seinen Doktortitel schon hatte. Aber er war entweder als Pfleger oder als Arzt im Krankenbau beschäftigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, so war das. Aha. Ja. Nun, haben Sie während dieser Zeit, wo Kaduk da zurückgekommen ist, ihn noch ein anderes Mal erlebt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, und zwar war das schon einen Tag vor dem Vorfall. Da kam er auf den Block 28, wo ich in der Diätküche beschäftigt war, in Begleitung eines Bver-Häftlings, der mir bekannt war, aber ich weiß den Namen nicht mehr. Dieser Bver war vorher als Patient im Krankenbau gelegen, und daher habe ich ihn gekannt. Und Kaduk hat mich nach dem Totenbuch gefragt. Das Totenbuch war immer aufgelegen im Leichenkeller, der im Block 28 im Keller unten installiert war. [Pause] Ich habe ihn informiert, den Kaduk, daß wir einige Tage oder kurze Zeit vorher unter Aufsicht von Standortarzt Doktor Fischer sämtliche Unterlagen, soweit sie für diesen Doktor Fischer erreichbar waren, verbrannt hatten in der Neuen Wäscherei. Er hat mich dann dazu veranlaßt, mit ihm in den Leichenkeller hinunterzugehen, und hat sich davon überzeugt, daß das Totenbuch nicht mehr da war.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann? Hat er dann noch etwas von Ihnen gewollt? Oder...

 

Zeuge Ernst Toch:

Das sind Vermutungen. Ich habe das Gefühl gehabt, daß er mich wahrscheinlich am liebsten liquidiert hätte zu diesem Zeitpunkt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber es ist doch nicht geschehen.

 

Zeuge Ernst Toch:

Es ist nicht dazu gekommen, wahrscheinlich aus dem Grund: Er hat mich beim Portionsschneiden getroffen, und ich hatte das Brotmesser in der Hand und bin mit dem Messer in der Hand mit ihm in den Leichenkeller hinuntergegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie zwischen diesen beiden Erlebnissen, nämlich dem ersten Erlebnis, wo Sie ihn kennenlernten, und diesem letzten Tag, wo er noch einmal zurückgekommen ist, mit Kaduk in der Zwischenzeit noch irgendein Erlebnis gehabt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob Kaduk aus eigener Initiative Selektionen im Lager durchgeführt hat?

 

Zeuge Ernst Toch:

Als Mitglied der Häftlingsschreibstube war mir bekannt, daß er einmal eine große Selektion – und zwar muß das im Herbst 1944 gewesen sein – selbst, aus eigener Initiative, durchgeführt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Im Herbst 1944?

 

Zeuge Ernst Toch:

44, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie erzählt bekommen?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, in meiner Funktion als Häftling, als Schreiber in der Häftlingsschreibstube, habe ich das erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo das gewesen sein soll und wie viele er da ausgewählt haben soll?

 

Zeuge Ernst Toch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich werde es wohl damals gewußt haben, denn wir haben ja die Listen schreiben müssen. Aber es ist mir entfallen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie von Klehr auch erfahren, daß er Selektionen durchgeführt haben soll?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, höchstens aus Erzählungen.

 

Vorsitzender Richter:

Aus Erzählungen.

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja, ich selbst habe...

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben Listen geschrieben. Womit haben sie sich eigentlich befaßt, diese Listen? Waren das Totenlisten oder Arbeitslisten, oder was war das?

 

Zeuge Ernst Toch:

Meine Funktion war in der Schreibstube: Nachdem ich sozusagen mit graphischen Arbeiten nicht ausgelastet war, bekam ich die Aufgabe, die Häftlinge, die von den Ärzten aus dem Krankenbau als wieder arbeitsfähig entlassen wurden, ihrem alten Kommando zuzuführen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Ernst Toch:

Das war meine Aufgabe. Und dann hatte ich manches Mal den Lagerarzt zu begleiten bei der Untersuchung der Häftlinge, die als Neuzugänge in die Quarantäne eingeliefert wurden und auf Transport in verschiedene Seitenlager, Zweiglager, gegangen sind. Und da mußte ich die Transportlisten schreiben, das heißt die Häftlinge, die er bezeichnet hat, deren Nummern aufschreiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war Ihre Tätigkeit dort. Sie haben mit Totenmeldungen und dergleichen Dingen nichts zu tun gehabt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein, hatte ich nichts zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts zu tun gehabt. Ist noch eine Frage? Von seiten des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Toch, Sie sind von dem Konzentrationslager Sachsenhausen nach Auschwitz überstellt worden?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich noch erinnern, wie stark der Transport war, ungefähr, mit dem Sie zusammen in Auschwitz angekommen sind?

 

Zeuge Ernst Toch:

[Pause] Das mögen ungefähr zwischen 500 und 600 Mann gewesen sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren das lauter Häftlinge, die der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörten?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja. Wenn ich mir erlauben darf: Eine Einschränkung ist, [...] in Sachsenhausen war nicht die Glaubensgemeinschaft maßgebend, sondern die Abstammung. Es wurde also auf Mischlinge katholischer Konfession keine Rücksicht genommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Also der Häftlingstransport, wenn ich Sie recht verstehe, bestand aus lauter Häftlingen, die in den Augen der SS-Leute Juden waren?

 

Zeuge Ernst Toch:

Juden waren, richtig.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo sind Sie denn angekommen? Am Bahnhof in Auschwitz?

 

Zeuge Ernst Toch:

Am Bahnhof in Auschwitz, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und sind Sie dort auch ausgeladen worden?

 

Zeuge Ernst Toch:

Wir sind dort ausgeladen worden und sind ins Stammlager – also das ist mir dann bekanntgeworden –, ins Stammlager I einmarschiert.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und fand da eine Selektion statt? Und wenn ja, wo?

 

Zeuge Ernst Toch:

Es fand eine Selektion statt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo?

 

Zeuge Ernst Toch:

Das heißt, es fand eine Aussonderung statt. Und die hatte folgenden Ablauf: Wir mußten uns nackt ausziehen und mußten vor einem SS-Mann, in dem ich nachher den Doktor Entress kennengelernt habe, im Laufschritt vorüberlaufen. Und er hat da eine Aussonderung vorgenommen. Es sind ungefähr 100 Häftlinge abgesondert worden, die ich nie mehr gesehen habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wo war das?

 

Zeuge Ernst Toch:

Das war in dem Raum zwischen Block 17 und Block 16, also auf dem großen Appellplatz eigentlich. Gegenüber der Küche.

 

Staatsanwalt Kügler:

Keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben vorhin angegeben, Sie seien in den Häftlingskrankenbau gekommen mit schweren Phlegmonen, die Sie sich durch Hundebisse zugezogen hätten. Können Sie kurz schildern, wie es dazu kam?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich war in dem Außenkommando Chelmek, und dort war wohl sogar für Konzentrationslagerverhältnisse eine sehr schlimme Situation. Wir waren circa 150 Juden mit einem Kapo, der eigenartigerweise auch gerade aus Frankfurt kam, einem Bver. Und wir hatten eine Gruppe von SS-Leuten zur Bewachung, die zu ihrer Unterstützung Hunde hatten. Die Latrine befand sich außerhalb dieser Postenkette, und man mußte den Posten um die Erlaubnis fragen, austreten zu dürfen. Und das habe ich einmal getan. Und er hat mir die Erlaubnis gegeben und hat mir dann zwei Hunde nachgehetzt. Und daher, aus diesem Vorfall, datieren die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hundebisse und nachher auch die Phlegmonen.

 

Zeuge Ernst Toch:

Hundebisse, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Toch, kannten Sie Lagerärzte, und wenn ja, welche?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ich kannte persönlich den Doktor Entress, Doktor Fischer, Doktor Wirths, Doktor Thilo, Doktor König, Doktor Klein.

 

Verteidiger Stolting II:

Kannten Sie Doktor Lucas?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie mal seinen Namen gehört?

 

Zeuge Ernst Toch:

In Auschwitz nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Danke sehr, keine Frage mehr.

 

Verteidiger Jugl:

Herr Zeuge, wissen Sie zufällig die Häftlingsnummer von dem Häftling Ackermann?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Verteidiger Jugl:

Der Vorfall mit dem Häftling Ackermann war nach Ihrer Schilderung etwa am 20. Januar 45. War zu dieser Zeit das Lager schon weitgehend geräumt?

 

Zeuge Ernst Toch:

Weitgehendst geräumt.

 

Verteidiger Jugl:

Waren da noch Räumungstransporte nach dieser Zeit, oder waren die schon weg?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja sehen Sie, es hat ein großer Transport stattgefunden um den 18. [Pause] Und da ist das Gros der Häftlinge weggegangen, und dann – ich weiß natürlich nicht mehr, ob das ein oder zwei oder drei Tage später war – ist der Rest der Häftlinge abmarschiert. Also es hat eigentlich nur zwei Transporte gegeben bei der Evakuierung, einen großen und dann einen etwas geringeren.

 

Verteidiger Jugl:

Gut. Dann eine andere Frage: Sind Sie schon einmal in einem Verfahren gegen Kaduk als Zeuge vernommen worden, und zwar 46?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Verteidiger Jugl:

In Bautzen?

 

Zeuge Ernst Toch:

Nein.

 

Verteidiger Jugl:

Nicht vernommen worden. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage? Haben die Angeklagten Erklärungen abzugeben oder Fragen zu stellen? Kaduk.

 

Angeklagter Kaduk:

1945, am 18. Januar, wurde das Lager Auschwitz evakuiert. Ein Transport ist nach Mauthausen, einer nach Nordhausen, und ein Transport ist nach Dachau. Da sind die Kranken abtransportiert worden. Ab 17. Januar vormittags um zehn Uhr haben die SS-Führer ihre Frauen weggeschafft. Ich bin zum Obersturmführer Hössler gegangen und habe ihn gebeten, ich möchte Urlaub haben wollen. Ich wollte meine Frau in Deckung bringen, zu meinen Verwandten nach Lublinitz.

Am 19. wollte ich gerne nach Auschwitz wieder zurück, bin auf den Bahnhof gekommen. Da haben mir Zivilisten gesagt: »Wohin wollen Sie?« Da habe ich gesagt: »Ich möchte nach Auschwitz.« Die sagten mir: »Auschwitz ist geräumt.« Aber ich habe mich davon nicht abbringen lassen, bin nach Auschwitz gefahren. Komme ich nach Auschwitz, war alles leer gewesen. Alles war aufgerissen gewesen, Küche, beim Schebeck, und die Zimmer waren alle aufgerissen. Da habe ich keine Begegnung gehabt mit Herrn Toch, auch mit keinem Herrn Ackermann. Von dort aus bin ich zum Bahnhof gefahren. Hatte ein Fahrrad gehabt, Nummer 227, das habe ich untergestellt gehabt. Da bin ich an den Bahnhof gefahren, und von dort aus habe ich mich gemacht nach Mauthausen. In der Tschechoslowakei habe ich dann den Transport erwischt, und von dort aus bin ich nach Mauthausen gekommen.

Den Herrn Toch kenne ich persönlich nicht. Ich weiß jetzt nicht, ob er es ist, ist ja zu lange her. Im Jahre 1944 – das war Anfang Dezember gewesen, so am 10. oder 15. Dezember, die genaue Zeit möchte ich nicht ansagen –, da war der Herr Toch im Krankenbau als Türposten. Und ich habe gemerkt, daß zwei Häftlinge von anderen Blöcken reingegangen sind in den Krankenbau. Und da bin ich reingegangen in den Krankenbau, und da war der Herr Toch nicht dagewesen am Türposten. Ich habe ihn rufen lassen. Da kam er zu mir, und da habe ich den zwei Häftlingen, die ich im Treppenhaus erwischt habe, gesagt: »Was soll das, wo waren Sie gewesen?« Da hat er gesagt, er war austreten gewesen. Und da habe ich ihn nicht erschossen, aber ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben oder zwei. Und da ist er bis an die andere Wand geflogen, sagen wir mal. Und ich habe keine weitere Begegnung gehabt. Ich habe keinen Ackermann erschossen, da keine Häftlinge mehr dagewesen waren. Und für das Totenbuch habe ich mich gar nicht interessiert, das war keine Aufgabe von mir gewesen. Ich hatte mit dem Krankenbau gar nichts zu tun gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darf ich in dem Zusammenhang eine Frage stellen an den Angeklagten Kaduk? Wollen Sie sagen, daß keine Häftlinge übriggeblieben sind im Lager nach der offiziellen Evakuierung?

 

Angeklagter Kaduk:

Das kann ich nicht sagen, ob welche im Krankenbau geblieben sind. Aber ich habe auf der Lagerstraße – ich war bis an der Glocke gewesen – niemanden gesehen. Ob da im Krankenbau irgendwelche Kranken gelegen haben, das kann ich Ihnen, Herr Staatsanwalt, nicht mehr sagen. Ich habe mich dann abgesetzt, und ich habe keinen Häftling gesehen, aber ich habe auch keinen Herrn Toch mehr gesehen. Daß Sie eine Portion noch geschnitten haben, für wen, weiß ich auch nicht, und daß ich im Leichenkeller war mit Ihnen mit dem Messer, das nehme ich Ihnen nicht ab. Das ist nicht wahr, Herr Toch.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Sie haben gehört, was der Angeklagte Kaduk auf Ihre Aussage erwidert hat. Wollen Sie bei Ihrer Aussage bleiben?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Sonst von den Angeklagten das Wort erbeten? Nein? Herr Toch, Sie müßten dann das, was Sie uns gesagt haben, beschwören. Können Sie das mit gutem Gewissen tun?

 

Zeuge Ernst Toch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie den Eid in religiöser oder in bürgerlicher Form schwören?

 

Zeuge Ernst Toch:

In religiöser.

 

Vorsitzender Richter:

In religiöser.

 

– Schnitt –

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.01.1962 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 60, Bl. 11.212.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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