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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

79. Verhandlungstag, 20.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Abraham Tamir

 

Vorsitzender Richter:

[+ Haben Sie etwas] dagegen, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nichts dagegen.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts dagegen. Wollen Sie uns bitte einmal erzählen, wo Sie vor Ihrem Aufenthalt in Auschwitz gelebt haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich wurde in Lódz geboren.

 

Vorsitzender Richter:

Wo? In?

 

Zeuge Abraham Tamir:

In Lódz, Polen.

 

Vorsitzender Richter:

In Lódz. Ja. [Pause] [...] Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache so, daß wir ohne Dolmetscher miteinander verhandeln

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Ich hoffe, das wird schon gutgehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie wurden in Lódz geboren und haben dort auch die Schu le besucht?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, bis zum Jahr 39, [+ ich habe] meine sechs Elementarklassen beendet.

 

Vorsitzender Richter:

Und nach der Entlassung aus der Schule?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nach der Entlassung, direkt nach den Ferien, begann der Krieg.

 

Vorsitzender Richter:

Begann der Krieg.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Etwa im März 40 wurden wir in ein Ghetto [Pause] umgesiedelt.

 

Vorsitzender Richter:

Im März 1940 [...] in das Ghetto.

 

Zeuge Abraham Tamir:

In das Ghetto umgesiedelt.

 

Vorsitzender Richter:

In Lódz?

 

Zeuge Abraham Tamir:

In Lódz direkt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und dort war ich bis zu der Liquidation im Herbst 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum Herbst 44 waren Sie in Lódz.

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

War ich im Ghetto.

 

Vorsitzender Richter:

Im Ghetto.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Hinter Stacheldrahtzäunen.

 

Vorsitzender Richter:

Und [...] kamen Sie dann vom Ghetto in Lódz direkt nach Auschwitz?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden Sie mit der Bahn transportiert?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieviel Menschen ungefähr waren in diesem Transport?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich nehme an, es waren damals ungefähr 20 oder 30 Waggons, ungefähr 60 Leute in jedem.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich bin mit meiner Familie hingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Meine selige Mutter, ein Onkel, eine Tante und zwei Cousinen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwei Cousinen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Von denen niemand am Leben geblieben ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie waren damals wie alt ungefähr?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich war damals 17 Jahre alt und einige Monate.

 

Vorsitzender Richter:

17 Jahre. Das heißt also, im Jahr 1944?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welchem Monat etwa?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das war etwa Ende Juli gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ende Juli. Wie Sie nun nach Auschwitz gekommen sind, wo sind Sie da ausgeladen worden?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Wir wurden auf einer Rampe ausgeladen.

 

Vorsitzender Richter:

War diese Rampe in Birkenau?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl. Ich habe es nachher erfahren. Als ich ankam, wußte ich es nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, natürlich. Aber heute wissen Sie, daß diese Rampe in Birkenau war.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Genau. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieviel Menschen insgesamt waren es, die da mitgekommen sind? Sie hatten vorhin schon mal...

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es ist mir schwer, diese Rechnung hier zu machen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das ist schwer zu sagen. Ja, ich meine, ungefähr. Waren es Hunderte oder waren es

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Es waren einige Tausende.

 

Vorsitzender Richter:

Einige?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es waren einige Tausend drin, die mit der Bahn gekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und wie Sie nun ankamen, wer hat da die Waggons aufgemacht?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Wer von draußen [...] die Plomben aufgerissen hat, weiß ich nicht, weil ich drin war. Aber es war ein Häftlingskommando, das uns aus den...

 

Vorsitzender Richter:

Wagen herausgetrieben hat.

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Wagen herausgetrieben hat. Das Gepäck mußten wir drinlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und ich habe damals schon meinen Kopf verloren, habe schon meine Mutter nicht mehr gesehen. Dann war ein Befehl: Männer...

 

Vorsitzender Richter:

Rechts.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Männer separat und Frauen separat. Und nachher wurden wir selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Sie haben Ihre Mutter damals nicht mehr gesehen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie war also in der Reihe der Frauen, und Sie waren in der Reihe der Männer.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie noch eine Ahnung, wer damals diese Selektion durchgeführt hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es waren zwei SS-Offiziere. Wie ich nachher erfuhr, war einer von denen Doktor Mengele gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Den Namen des anderen kann ich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Können sich nicht entsinnen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich wußte es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nachdem Sie nun selektiert waren – vermutlich sind Sie damals auf die Seite derjenigen gekommen, die ins Lager kommen sollten?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind wohin gekommen? Was haben Sie dann erlebt? Wo sind Sie dann hingekommen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich wurde in das Lager Birkenau gebracht, und nach einiger Zeit wurde ich von dort mit einem Arbeitertransport nach Braunschweig gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Moment. Nicht so schnell. Sie wurden also zunächst nach Birkenau gebracht.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden Sie dann erst gebadet, oder bekamen Sie

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Die Haare abgeschnitten?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Die Haare abgeschnitten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, rasiert und...

 

Zeuge Abraham Tamir:

Rasiert kann man es kaum nennen, ich habe mich damals noch nicht rasiert. Meine Glatze wurde rasiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Und

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Und wir bekamen Häftlingsanzüge.

 

Vorsitzender Richter:

Häftlingsanzüge.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das heißt, das waren Lumpen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie dann hingekommen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

In ein Lager, in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, in welches Lager in Birkenau?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es war das a-Lager. Nachher wurde ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das a-Lager, das sogenannte Quarantänelager. Wie lange blieben Sie dort?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Einige Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Einige Wochen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

[Danach] wurde ich ins sogenannte Zigeunerlager versetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, welchen Buchstaben das hatte?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich weiß nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Als Sie in dieses Zigeunerlager kamen – das war also doch immerhin Ende 44 –, waren da noch Zigeuner drin?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sondern wer war denn drin in diesem Lager?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Die meisten waren Juden aus meiner Stadt, aus Lódz.

 

Vorsitzender Richter:

Also polnische Juden.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und ungarische Juden.

 

Vorsitzender Richter:

Ungarische Juden. Nun, in welchen Block sind Sie denn gekommen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Im a-Lager war ich im 9. Block. Im Zigeunerlager habe ich einige Blocks [+ durchlaufen], ich wurde verlegt. Ich bin zum Transport nach Braunschweig vom 25. Block.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Braunschweig?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nach Braunschweig.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das war etwa Mitte November.

 

Vorsitzender Richter:

Mitte November. So daß Sie also ungefähr von Juli bis November in Birkenau waren.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, womit wurden Sie beschäftigt, was hatten Sie für Arbeit?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein. Wir [mußten] nur gelegentlich Steine holen, [was] mir damals ganz zwecklos aussah.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Aber ich wurde in keine Kommandos eingeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und als ich zum Braunschweig-Transport bestimmt wurde, haben wir nicht gearbeitet, sondern auf den Transport gewartet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sind Sie ja einmal vernommen worden, und zwar in Tel Aviv, glaube ich, oder in

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Jerusalem war das.

 

Vorsitzender Richter:

In Jerusalem sind Sie vernommen worden, ja. [Pause] Nein, es war in Tel Aviv. Moment, das kann ich nicht wissen. Jedenfalls das Schreiben der Untersuchungsstelle ist von Tel Aviv datiert. Nun, da sind Sie vernommen worden, und [Pause] Herr Zeuge, [Pause] damals haben Sie gesagt: »Kurz nach diesem Vorfall schickte man mich mit einem Häftling namens Pines in die Küche, um einen Kessel mit dem Mittagessen zu holen.«1

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was war da für ein Vorfall vorausgegangen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ein Vorfall war das. Ein ungarischer Häftling hat sich beim Abendappell beim SS-Mann, der den Appell [abgenommen] hat, beklagt, daß er von seinem Blockältesten geschlagen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das interessiert mich sehr. Nach einem Abendappell. Haben Sie das gehört, daß dieser ungarische Häftling sich beklagt hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, ich war bei diesem Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren bei dem Appell. Und bei wem

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Wir sind in Reihen gestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei wem hat sich dieser ungarische Häftling beschwert?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich kann den Namen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein. War das ein SS-Mann?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das war ein SS-Mann.

 

Vorsitzender Richter:

War ein SS-Mann?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also nicht etwa

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Der mit dem Blockältesten die Häftlinge mit gezählt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also nicht etwa ein Kapo oder so was.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern ein SS-Mann. Bei dem hat er sich beschwert. Und worüber hat er sich beschwert?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Er hat sich beschwert, daß er von seinem Blockältesten geschlagen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer war der Blockälteste?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das war Siegmund, der Blockälteste vom 9. Block.

 

Vorsitzender Richter:

Vom 9. Block, Siegmund, ja?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ein Pole.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und der SS-Mann hat sich das notiert, hat nach Einzelheiten gefragt – und damit war es Schluß. Abends, als wir im Block waren, da kam eine Gruppe Funktionshäftlinge herein. Und sie haben den Häftling, der sich beklagt hat, aufgefordert: »Wer hat sich da beklagt?« Und er war ganz naiv, glaube ich, ist aufgestanden. Dann haben sie ihn in die Blockältestenstube hereingeholt, die am Blockeingang war, und dort ungefähr zwei Stunden mißhandelt. Nachdem man ihn herausgetragen hat, war er nur Fleischfetzen und Blut. Er wurde am nächsten Morgen zum Krankenrevier gebracht, und wie ich von einem Pfleger erfahren habe, ist er nach einem Tag gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

Ist er dort gestorben.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, das ist doch sehr wichtig, was Sie da eben sagen. Wer war denn bei diesen Blockältesten, die da den herausgeholt haben, beziehungsweise diesen Funktionshäftlingen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Die Namen, die ich kenne

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Waren der Siegmund, der Blockälteste selbst, der Bednarek...

 

Vorsitzender Richter:

Und der Bednarek.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und noch einige dazu.

 

Vorsitzender Richter:

Und noch einige dazu.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Von denen ich...

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Die wurden mir nicht persönlich vorgestellt, ich kenne die Namen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie kennen die Namen nicht. Wieso wissen Sie, daß die Leute diesen Menschen geschlagen und mißhandelt haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich habe es gesehen, wie die Leute ihn hereingeholt haben in diese Blockältestenstube.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Nun, das

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Ich habe das Gejammer von dort gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Eben, es war doch kein abgemauertes Abteil, diese Blockältestenstube.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Die war mit Brettern abgeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Brettern abgeteilt.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie das Geschrei hören konnten.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das Geschrei konnte ich hören.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie meinen, das hätte etwa zwei Stunden gedauert?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ungefähr. Ich habe damals keine Uhr gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie den Mann herausgeschmissen, herausgeworfen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Haben ihn heraustragen müssen, man konnte ihn schon nicht mehr herausschmeißen.

 

Vorsitzender Richter:

Auf den Hof? Oder in den

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Neben der Baracke.

 

Vorsitzender Richter:

Neben der Baracke auf den Hof?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da lag er bis zum nächsten Morgen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn noch liegen sehen am nächsten Morgen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und war er denn noch am Leben, war er denn noch bei Besinnung, oder?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich habe gehört, daß er nachher in den Krankenbau gebracht wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gesehen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gehört.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dann auch gehört, daß er gestorben wäre.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, das hat der Pfleger erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie dann noch weiterhin etwas davon gehört, daß Bednarek dann noch eine gewisse Rede gehalten haben soll, wie sie da

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Nämlich?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, der hat gesagt – jetzt scheint es mir ironisch zu sein: »Dem Befehl nach wird in Auschwitz nicht mehr geschlagen.«

 

Vorsitzender Richter:

»Damit ihr es alle wißt, dem Befehl nach wird in Auschwitz nicht mehr geschlagen.« Und woher wissen Sie das, daß das damals Bednarek gesagt haben soll?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich habe ihn gesehen und auch gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es gehört?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl. Ich war am selben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Seine Stimme?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich war auf denselben Block verlegt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren in denselben Block verlegt und haben seine Stimme gehört? Das war an sich der Block von dem Siegmund?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie kannten die Stimme von dem Bednarek und wußten, daß er das da gesagt hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich kannte sein Gesicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und in der Mitte des Blocks war ein langer Ofen, der hat sich...

 

Vorsitzender Richter:

Ach, da hat er sich draufgestellt.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Der hat sich draufgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht etwa in der Blockführerstube?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Blockältestenstube?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, nein. Der hat sich draufgestellt und das gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Also mitten in der Baracke?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da war ein Kamin, und der war etwas erhöht.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Entlang der Baracke war aus roten Ziegeln ein Kamin gebaut.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ganz recht. Und da hat er sich draufgestellt.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Allen sichtbar, allen Häftlingen sichtbar, die da auf diesen Betten lagen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und da hat er gesagt: »Damit ihr es wißt, auf Befehl wird in Auschwitz nicht mehr geschlagen.«

 

Zeuge Abraham Tamir:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, nachdem dieser Vorfall sich ereignet hatte, ist es richtig, daß Sie da am nächsten Tag in der Küche waren, um Mittagessen zu holen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es war nicht am nächsten Tag, es war am nächsten Sonntag.

 

Vorsitzender Richter:

Am nächsten Sonntag.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich kann mich daran gut entsinnen, weil am Sonntag Pellkartoffeln mit Suppe verteilt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und ich wurde mit dem Pines zusammen Essen holen geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Wir haben auf dem Weg versucht, einige Kartoffeln in die Hosen zu stecken.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Als wir in den Block hereinkamen, sind ihm einige Kartoffeln aus der Hose herausgefallen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wem? Ihnen oder dem anderen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Dem Pines.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Mir nicht. Da kam gerade auch der Bednarek herein. Und da sagt er, soviel Kartoffeln jeder in der Hose hat, soviel Stockhiebe bekommt er hinten [+ drauf].

 

Vorsitzender Richter:

Hat der Bednarek gesagt?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatte denn der Bednarek zu tun, der war doch gar nicht Ihr Blockältester?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Darüber habe ich [+ ihn] nicht ausgefragt, ich weiß nicht, was er zu tun hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Denn Sie waren doch in dem Block von dem Siegmund?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber trotzdem, der Bednarek hat es gesehen und hat gesagt: »Soviel Kartoffeln ihr dabeihabt, soviel Schläge bekommt ihr.«

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl. Nur die Funktionshäftlinge waren noch frei beweglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und nun, wie ging es weiter?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Also ich kam als erster dran. Sagt er zu mir: »Steck den Kopf in den Ofen, in die Ofenöffnung!«

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Damit der Rücken ganz stramm ist, das war eine bekannte Methode. Ich bekam einige Schläge. Dann, als es plötzlich aufgehört hat, habe ich den Kopf herausgenommen, und ich bin ausgerissen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich bin zur Latrine. Ungefähr eine Viertelstunde nachher ist ein Stubendienst mich suchen gekommen. Er hat mir versprochen...

 

Vorsitzender Richter:

»Es geschieht dir nichts mehr.«

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es geschieht mir nichts mehr. Ich [wußte mir] keinen Rat, ich mußte zum Block zurück.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und dann hat mir der Siegmund noch gesagt: »Na, du hast dich brav verhalten, du bekommst deine Kartoffeln, die du geklaut hast, für dich.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und der andere?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Des anderen Leib habe ich schon neben dem Block gesehen, schwerverletzt.

 

Vorsitzender Richter:

Der lag schon neben der Baracke.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Neben der Baracke.

 

Vorsitzender Richter:

Er war schwer verletzt, und was ist aus ihm geworden?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Andere Mithäftlinge haben ihn zum Krankenbau gebracht. Und wie ich erfahren habe, ist er gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sagen Sie, Herr Zeuge, können Sie sich noch an das jüdische Neujahrsfest im Herbst 1944 erinnern?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist da geschehen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Da gab es eine große Selektion. [Pause] Und wir haben den Befehl bekommen, uns in der Baracke auszuziehen.

 

Vorsitzender Richter:

Den Befehl bekommen, sich in der Baracke auszuziehen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nackt auszuziehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Da kam der Doktor Mengele herein, um die Leute zu selektieren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ein Häftling hat sich seinen Leib mit einer zerrissenen Wolldecke umwickelt, weil es schon ziemlich kalt war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

[Pause] Bei Mengele war eine Gruppe Funktionshäftlinge dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Unter denen [+ war] auch Bednarek. Als er das gemerkt hat, hat er ihn an die Seite gestellt und dann zu dieser Gruppe, die zur Vergasung [+ bestimmt war], zu der ausselektierten Gruppe.

 

Vorsitzender Richter:

Der Bednarek hat den Mann mit der Wolldecke zu denen gestellt, die vergast werden sollten?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

War er denn von dem Doktor Mengele nicht ausgesucht worden zur Vergasung?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also er wäre an sich mit dem Leben davongekommen diesmal, bei dieser Selektion, wenn er nicht von Bednarek zu dem Haufen derer gestellt worden wäre, die nachher

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Wahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Vergast wurden. Herr Zeuge, als Sie da geschlagen worden sind wegen dieser Kartoffeln, wissen Sie, ob Bednarek auch auf Sie geschlagen hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das konnte ich nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht wissen, weil der Kopf im Ofen gesteckt hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich hatte keine Möglichkeit zu sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob der Bednarek den Pines geschlagen hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das habe ich gehört. Ich habe es nicht gesehen, weil ich direkt, nachdem die Schläge aufhörten, aus dem Block ausgerissen bin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber Sie haben hinterher gehört, Bednarek hätte befohlen zu schlagen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie aber erzählt bekommen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das erzählt bekommen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, daß er befohlen hat, mich zu schlagen, habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das haben Sie gehört.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja. Ob er mich eigenhändig geschlagen hat, weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause]

 

Zeuge Abraham Tamir:

Als ich nach Birkenau kam, hat man mir erzählt: »Na, jetzt ist es schon ein Paradies. Früher war es viel schlimmer.« Aber man hat mich vor dem Bednarek gewarnt, nicht in seine Hände zu fallen. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Nun, ich weiß nicht recht, ob Sie – nein, doch, Sie können diese Aussage auch gemacht haben. War damals ein Schmuel Ron dabei?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich weiß nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Bei Ihrer Vernehmung in Jerusalem?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, ich wurde alleine verhört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Nun, da ich das nicht genau feststellen kann, möchte ich Sie fragen. Wie dieser ungarische Jude sich beschwert hatte, daß er geschlagen worden sei, hat dieser SS-Mann da ernsthaft seine Beschwerde entgegengenommen? Oder schien Ihnen, als ob das ironisch sei, was er da mit dem Mann vorhatte?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das schien mir so, ironisch, ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das schien Ihnen so. [Pause] Und Sie haben damals gesagt, es sei schwer zu erkennen gewesen. Dieser Mensch, der da hinausgetragen worden sei, sei schwer zu erkennen gewesen, er sei blutüberströmt gewesen und die Fleischfetzen hätten von seinem Körper heruntergehangen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Wie konnten Sie das sehen, Sie mußten doch vermutlich in Ihrem Bett sein in diesem Augenblick.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja. Ich war auf der oberen, auf der dritten...

 

Vorsitzender Richter:

Etage.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ganz oben, auf der dritten Etage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und von dort aus konnte ich das gut beobachten.

 

Vorsitzender Richter:

Konnten Sie sehen.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und konnten Sie auch in diese Blockältestenstube [hineinsehen]?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, aber wie er da herausgetragen wurde

 

Zeuge Abraham Tamir [unterbricht]:

Die Tür [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da mußte er wieder durch die Baracke getragen werden?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie gesehen, daß er so scheußlich ausgesehen hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl. Die Blockältestenstube, die war genau beim Eingang der Baracke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja, ganz recht.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und ich lag auf der ersten Pritschenreihe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gegenüber.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Gegenüber.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und war denn der Bednarek erhitzt oder erregt, als er da auf den sogenannten Ofen stieg und ironisch sagte: »Dem Befehl nach wird in Auschwitz niemand mehr geschlagen.«

 

Zeuge Abraham Tamir:

Er hat geschwitzt.

 

Vorsitzender Richter:

Er schwitzte?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Und seine Kleider waren aufgeknöpft.

 

Vorsitzender Richter:

Waren aufgeknöpft. Also hatten Sie den Eindruck, als ob er eine Anstrengung hinter sich gehabt hätte?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Oder war es vielleicht die Folge von übermäßigem Alkoholgenuß?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es erschien mir, daß

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Beides?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Die ganze Gruppe dort besoffen war.

 

Vorsitzender Richter:

Daß sie besoffen waren?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und wie hieß denn der Pfleger, der Ihnen das erzählt hat, daß der Mann gestorben sei?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich kann mich an seinen Namen nicht mehr entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und hatten die ungarischen Häftlinge einen bestimmten Namen für ihn?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, das kann ich [erinnern]. Die haben ihn Bácsi gerufen.

 

Vorsitzender Richter:

Bácsi?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja. Er scheint eine angesehene Person in Ungarn gewesen zu sein.

 

Vorsitzender Richter:

Dieser Bácsi?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, sie haben sich zu ihm sehr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Freundlich?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Höflich und freundlich benommen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen.

 

Richter Hotz:

Herr Tamir, noch mal zu diesem letzten Vorfall eine Frage. Wer hat denn diesen Bácsi aus der Blockführerstube hinausgetragen? Die Funktionshäftlinge oder andere Häftlinge?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das waren, glaube ich, die Funktionshäftlinge.

 

Richter Hotz:

Hat sich Bednarek auch daran beteiligt, den hinauszutragen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich weiß es schon nicht mehr.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie nicht mehr. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Kügler:

Keine Frage.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, wissen Sie noch, wann Sie in der Zeit zwischen Juli und November 1944 den Angeklagten Bednarek zum ersten Mal gesehen haben, und wissen Sie noch, bei welchem Anlaß?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Leider kann ich keine Daten mehr nennen.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, vielleicht einen Monat? War das, nachdem Sie kurz da waren, oder waren Sie schon länger da?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nachdem ich eine kurze Zeit dort war.

 

Verteidiger Stolting II:

Eine kurze Zeit da waren. Und wissen Sie, welche Funktion Bednarek damals hatte?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Wie man mir erzählt hat, war er der Blockälteste des Strafkommandos.

 

Verteidiger Stolting II:

Konnten Sie nicht sehen, was er für eine Funktion hatte, an einem Abzeichen oder so?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, der hat eine Armbinde getragen.

 

Verteidiger Stolting II:

Eine Armbinde getragen. Und Sie sagen, Sie meinten, er sei Blockältester gewesen. Haben Sie nicht früher gesagt, er sei Lagerältester gewesen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Möglicherweise.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, wie kamen Sie denn da drauf? Hatte der Lagerälteste nicht ganz andere Abzeichen als ein Blockältester?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, wie sind Sie denn darauf gekommen, daß Sie damals in Ihrer früheren Vernehmung – wie sich das aus dem Schreiben des Untersuchungsrichters aus Jerusalem ergibt – ihn als Lagerältesten bezeichnet haben? Nicht nur einmal, sondern mehrfach.2 [...]

 

Zeuge Abraham Tamir:

Es kann möglicherweise sein, daß ich mich geirrt habe.

 

Verteidiger Stolting II:

Daß Sie sich geirrt haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Verteidiger Stolting II:

Und wissen Sie noch, wie stark diese Gruppe von Funktionshäftlingen zahlenmäßig war, die da nachts reingekommen ist und den einen da geschlagen hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Da waren vier, fünf Leute zusammen.

 

Verteidiger Stolting II:

Insgesamt?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Insgesamt vier oder fünf Leute.

 

Verteidiger Stolting II:

Waren die Appelle, die Sie in Auschwitz abends mitgemacht haben, immer zu einer bestimmten Zeit?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich glaube ja, obwohl ich keine Uhr gehabt habe, um nachprüfen zu können.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, und wann war das etwa, nach Ihrer heutigen Erinnerung?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich glaube, es war etwa zwischen fünf und sechs Uhr abends.

 

Verteidiger Stolting II:

Zwischen fünf und sechs Uhr?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Und durften Sie zum Beispiel nach einem Appell noch mal Ihren Block verlassen, wenn Sie wieder eingerückt waren?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, nach dem Appell war Blocksperre.

 

Verteidiger Stolting II:

Blocksperre.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Galt diese Blocksperre auch für die Blockältesten? Oder wissen Sie das nicht?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das weiß ich nicht, aber ich glaube das nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Sie glauben das nicht?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie mal erlebt, daß sich die Blockältesten abends, nach dem Appell, nachdem also alles wieder in die Blocks eingerückt war, außerhalb der Blocks aufgehalten haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Können Sie sagen, wie oft Sie das erlebt haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Einige Male.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie dabei, bei diesen einigen Malen, nur einen oder zwei gesehen oder mehrere zusammen gesehen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Zwei oder drei zusammen.

 

Verteidiger Stolting II:

Zwei oder drei zusammen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, ich selbst habe keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, hat das seinerzeit einen bestimmten Grund gehabt, haben Sie eine bestimmte Überlegung angestellt, ehe Sie den Angeklagten – damaligen Beschuldigten – Bednarek als Lagerältesten bezeichnet haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich glaube nicht.

 

Verteidiger Eggert:

Kann der Grund nicht der gewesen sein, daß Sie sich bei Ihrer Vernehmung doch sicherlich mit dem Herrn Untersuchungsrichter auch über die Frage unterhalten haben, die Ihnen der Herr Vorsitzende vorhin gestellt hat: Was ging denn Bednarek die Sache überhaupt an?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, ich habe keine Unterhaltung mit ihm gehabt. Ich wurde nur sachlich ausgefragt.

 

Verteidiger Eggert:

Und haben von sich aus gesagt, er sei der Lagerälteste gewesen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das kann ja möglich sein.

 

Verteidiger Eggert:

Von welchem Lager?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Von diesem Lager, in dem er sich befand.

 

Verteidiger Eggert:

Das sogenannte Zigeunerlager?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, damals war ich im a-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte, damals waren Sie?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ins Zigeunerlager wurde ich später verlegt.

 

Vorsitzender Richter:

Und damals waren Sie im a-Lager?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ist dieser Vorfall auch im a-Lager passiert?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar alle Vorfälle, die Sie uns erzählt haben?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, der dritte mit der Decke, der war schon im Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Mit der Decke im Zigeunerlager, mit den Kartoffeln, das war im a-Lager?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und das mit dem Ungarn, der sich beschwert hat?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Im a-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Auch im a-Lager. Herr Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Augenblick, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

[Pause] Und wo hat sich die Strafkompanie befunden? [...]

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Eggert:

Wann haben Sie zum ersten Mal gehört, daß Bednarek Blockältester der Strafkompanie war?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Das habe ich wohl schon ziemlich früh erfahren: »Hüte dich, daß du nicht dahin kommst.«

 

Verteidiger Eggert:

In die Strafkompanie?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Verteidiger Eggert:

Das haben Sie also bei Ihrer Vernehmung in Jerusalem schon gewußt, daß er Blockältester der Strafkompanie war. Oder haben Sie das erst nachher erfahren?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Nein, ich habe nachher nichts erfahren.

 

Verteidiger Eggert:

Und warum haben Sie ihn dann damals als Lagerältesten bezeichnet?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich kann es Ihnen jetzt nicht erklären, ich weiß nicht, ich weiß nicht.

 

Verteidiger Eggert [unterbricht]:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, sagen Sie bitte, haben Sie einmal gesehen oder etwas erzählt bekommen davon, daß Leute im strengen Winter unter kalter Dusche stehen mußten und dann hinausgetragen wurden, wo sie die Nacht erfroren sind?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich habe gehört, daß Leute ins Bassin geschmissen worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Bassin?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein Feuerlöschbecken?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Da sind sie reingeworfen worden?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Von Bednarek, auch von anderen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch von anderen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und das haben Sie aber nur erzählt bekommen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal was erzählt bekommen davon, daß Leute kalt abgeduscht worden sein sollen, bis sie erstarrt waren?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich glaube nicht, daß ich so was

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das haben Sie nicht erzählt bekommen. Dann noch etwas anderes. Ich habe Sie vorhin schon einmal gefragt. Kennen Sie einen gewissen Ron, R-O-N?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Den Herrn Ron kenne ich aus Jerusalem.

 

Vorsitzender Richter:

Schmuel mit Vornamen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja, ja. Aber ich kenne ihn nicht aus Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kennen ihn nicht aus Auschwitz. Haben Sie von irgendeiner Seite, in Auschwitz oder nach Auschwitz, einmal gehört, daß man diesem Ron eine Stange über den Hals gelegt hat, um ihn totzudrücken?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich habe so was in Auschwitz gehört, aber nicht über den Ron.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben etwas Derartiges gehört, aber nicht über den Ron.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Weil ich ihn ja überhaupt nicht kannte.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie ihn gar nicht kannten. Hatte der Ron ein lahmes Bein?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Abraham Tamir:

[Pause] Wir sind jetzt zufälligerweise im selben Ministerium beschäftigt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Beim selben Ministerium beschäftigt. Aber in Auschwitz kannten Sie ihn nicht, und was man mit ihm getrieben hat, haben Sie auch nicht gehört?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Keine Ahnung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn keine Fragen mehr sind von seiten der Verteidigung – ja. Bednarek, wollten Sie was sagen?

 

Angeklagter Bednarek:

Ja, Herr Vorsitzender, ich betone nochmals, daß diese Aussagen, die der Zeuge hier gemacht hat über meine Person, nicht auf der Wahrheit beruhen.

 

Vorsitzender Richter:

Na! Ich bitte, nicht zu lachen hier! Bitte schön. Daß das nicht der Wahrheit entspricht?

 

Angeklagter Bednarek:

Daß das nicht der Wahrheit entspricht.

 

Vorsitzender Richter:

Bednarek, sehen Sie mal, diese Erzählung ist ja nicht nur eine Erzählung dieses Zeugen, sondern wir werden vermutlich noch andere Zeugen hören, die dasselbe bekunden. Und dieser Zeuge, der hat uns doch etwas erzählt, was ihm persönlich passiert ist, das mit den paar Kartoffeln da zum Beispiel.

 

Angeklagter Bednarek:

Ich habe keinen in die Küche geschickt, und ich sage

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nicht in die Küche geschickt, sondern Sie haben ihn erwischt, wie er ein paar Kartoffeln gehabt hat.

 

Angeklagter Bednarek:

Nein. Ich sage nochmals, Herr Vorsitzender, das, was hier gesagt wurde, beruht nicht auf der Wahrheit.

 

Zeuge Abraham Tamir:

Ich wurde nicht von Bednarek zur Küche geschickt, sondern vom Stubenältesten des Blocks. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Bednarek:

Ich war nie im Lager a und im Zigeunerlager gewesen. Ich war nur im Lager d. Und aus dem Lager d, nach dem Appell, durfte auch kein Blockältester das Lager verlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Bednarek, sehen Sie mal, als alter Blockältester hatten Sie doch dort ziemliche Freiheiten.

 

Angeklagter Bednarek:

Aber als Blockältester durfte ich auch nicht das Lager verlassen. Nach dem Appell durfte keiner das Lager verlassen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, und wer hat es denn verwehrt? Wer hat es denn verwehrt?

 

Angeklagter Bednarek:

An der Blockführerstube.

 

Vorsitzender Richter:

An der Blockführerstube.

 

Angeklagter Bednarek:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer saß da drin?

 

Angeklagter Bednarek:

Die Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Blockführer, waren die nicht ab und zu auch einmal geneigt

 

Angeklagter Bednarek [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den alten Blockältesten zusammen zu trinken und so weiter?

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Vorsitzender, erstens: In die Strafkompanie als Blockältester war ich strafweise versetzt. Ich durfte auch den Block nie verlassen nach dem Abend, wenn das Kommando einmarschiert ist. Ich habe mich auf keinen anderen Block nach dem Appell begeben.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie hatten ihn persönlich gesehen?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Selbst gesehen, namentlich, wie er nachher auf dem Ofen da stand?

 

Zeuge Abraham Tamir:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Tja. Mehr kann ich nicht sagen. Werden zur Beeidigung Anträge gestellt? Keine Anträge. Können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Abraham Tamir:

[Selbstverständlich.]

 

– Schnitt –

 

1. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 04.07.1962 in Jerusalem, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 70, Bl. 13.023.

2. Schreiben der Untersuchungsstelle für NS-Gewaltverbrechen beim Landesstab der Polizei Israel vom 10.07.1962, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 70, Bl. 13.023.

 

 
 
 
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