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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

137. Verhandlungstag, 18.2.1965

 

Vernehmung des Zeugen Willi Ströher

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Dann nehmen Sie bitte Platz. Herr Ströher, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Willi.

 

Vorsitzender Richter:

Willi Ströher. Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Willi Ströher:

44.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Willi Ströher:

Verheiratet.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Willi Ströher:

Verwaltungsangestellter.

 

Vorsitzender Richter:

In?

 

Zeuge Willi Ströher:

Darmstadt.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verwandt oder verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Ströher, sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, ohne weiteres.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Ströher, Sie waren auch früher bei der SS?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, ich war bei der Waffen-SS, Totenkopfdivision.

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie dorthin gekommen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ich bin eingezogen worden 41 nach Oranienburg.

 

Vorsitzender Richter:

1941. Wollen Sie uns dann mal sagen, was dann im einzelnen gewesen ist.

 

Zeuge Willi Ströher:

Ich habe den Rußlandfeldzug mitgemacht und kam dann zur Ersatzeinheit mal nach Dachau. Also das sind jetzt 22 beziehungsweise 23 Jahre her. Ich kann mich nicht mehr so entsinnen, wie das war. Die Laufzeit, die ich da durchgemacht habe, das kann ich jetzt nicht mehr hundertprozentig sagen. Ich kann mich nur an einzelnes erinnern.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, also 1941 sind Sie eingezogen worden?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja. 40 war ich im Arbeitsdienst, und dann wurde ich zur Waffen-SS eingezogen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Oranienburg.

 

Zeuge Willi Ströher:

Nach Berlin-Oranienburg. Und dann, 42, begann der Rußlandfeldzug.

 

Vorsitzender Richter:

Der begann aber schon 41.

 

Zeuge Willi Ströher:

Moment, dann war es 41, also bei Beginn des Rußlandfeldzugs. Über Dünaburg sind wir vorgestoßen in die Waldai-Höhe. Und dann kam ich – Moment, ich muß mich da an verschiedenes entsinnen.

42 im November war ich zu Hause. Dann kam ich, glaube ich, in die Ersatzeinheit oder an den Mittelabschnitt im [+ Jahr] 43. Ich glaube, im Januar 43 war Stalingrad gefallen und kamen wir mit einigen anderen nach Dachau in die Ersatzeinheit. Und von dort kam ich noch mal nach Rußland. Aber das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wann?

 

Zeuge Willi Ströher:

Das ist natürlich jetzt schwer zu sagen, in welcher Zeit das alles war, weil ich ja verschiedentlich noch in anderen Divisionen war. Ich war noch in Italien, zwischenzeitlich auch in Frankreich, so daß ich [+ nicht] genau, hundertprozentig, sagen kann, wann ich nun bei der Ersatzeinheit in Dachau war. Das kann 43 [+ gewesen sein], und 44, glaube ich, war das noch mal gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Sie sagten nachher, Sie kamen von Dachau noch einmal nach Rußland, nicht?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war denn das?

 

Zeuge Willi Ströher:

Das muß 43 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Wann denn 43?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, wann 43? Ich kann mich vielleicht noch dessen entsinnen – im Januar, glaube ich, war Stalingrad gefallen –, daß wir zwei oder drei Monate später nach Dachau kamen in die Ersatzeinheit zu einem Lehrgang. Und dann kam ich wieder nach Rußland zu meiner Einheit.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lang waren Sie denn im Ersatzlehrgang?

 

Zeuge Willi Ströher:

Es können zwei Monate gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was waren denn das für Lehrgänge?

 

Zeuge Willi Ströher:

Das war so ein Lehrgang für Verwaltungsführer. [Pause] Ja. Aber hundertprozentig kann ich das nicht sagen, wann das nun genau war. Wenn ich damals gewußt hätte, daß ich das Datum heute wissen müßte, dann hätte ich mich dessen entsinnen können. Aber das ist schon so viele Jahre her, daß ich das wirklich nicht mehr sagen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Na. Haben Sie kein Soldbuch oder irgendeinen Wehrpaß oder so etwas?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, das wurde uns ja alles abgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Abgenommen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ich ging in amerikanische Kriegsgefangenschaft, das heißt in englische

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wann sind Sie denn in Italien und in Frankreich gewesen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Also in Frankreich war ich, das weiß ich, den Zeitpunkt nicht, aber das war zu der Zeit, als damals in Frankreich die Demarkationslinie überschritten wurde. Ich kam dann nach Perpignan, an die französische Adria.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war ja schon 40, nicht.

 

Zeuge Willi Ströher:

Das weiß ich jetzt nicht, also ich kann es nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, das ist ja Südfrankreich.

 

Zeuge Willi Ströher:

In Südfrankreich [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Also nicht die Vegan-Linie, sondern in Südfrankreich, ja. Und da waren Sie in Frankreich?

 

Zeuge Willi Ströher:

Da war ich in Frankreich. Ich war auch vorher im Arbeitsdienst noch in Frankreich, also 40 bei Cherbourg.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann waren Sie in Italien?

 

Zeuge Willi Ströher:

Italien? Das müßte 44 gewesen sein. Das waren die Stellungen bei Bologna, also schon ziemlich weit oben in Italien. Da weiß ich auch nicht genau den Zeitpunkt.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben vorhin gesagt: »1943 war ich am Mittelabschnitt in Rußland.«

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, bei Charków muß das gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Charków war aber nie Mittelabschnitt, nicht?

 

(nicht identifiziert):

Süd.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann man wohl schon sagen, daß das Süd war.

 

Zeuge Willi Ströher:

Süd?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Willi Ströher:

Süd, gut. Also war es Süd, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann, haben Sie gesagt, kamen Sie im Januar, als Stalingrad gefallen war, etwa zwei bis drei Monate später nach Dachau und blieben dort zwei Monate. Und dann haben Sie gesagt: »Es ist schwer zu sagen, denn ich war auch in Italien und in Frankreich.«

Das muß doch viel früher gewesen sein beziehungsweise viel später. Frankreich muß vor Ihrer

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Frankreich war vorher. Frankreich muß vorher gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und Italien muß

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Italien muß später gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Also hat das doch mit Ihrer Tätigkeit oder Ihrem Aufenthalt im Jahr 1943 überhaupt nichts zu tun, weder Frankreich noch Italien.

 

Zeuge Willi Ströher:

In welchem Zusammenhang, Herr...

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe Sie gefragt, wo Sie 1943 gewesen seien. Und da haben Sie gesagt: »Das ist schwer zu sagen, denn ich war auch in Frankreich und in Italien.« Nun sage ich Ihnen: In Frankreich waren Sie vor 43, in Italien waren Sie nach 43. Also hat Ihre Tätigkeit beziehungsweise Ihr Aufenthalt im Jahre 1943 doch gar nichts zu tun mit Ihrem Aufenthalt in Frankreich und in Italien.

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also das können wir zunächst mal ausklammern. Es dreht sich also jetzt nur um das Jahr 1943. Und da haben Sie gesagt, da waren Sie, als Stalingrad fiel, noch in Rußland.

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, doch, da war ich noch in Rußland.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dort zunächst auch noch geblieben nach dem Fall von Stalingrad? Zunächst

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Zunächst ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst ja. Und Sie haben das vorhin geschätzt auf ungefähr zwei bis drei Monate. Stimmt das?

 

Zeuge Willi Ströher:

So hundertprozentig weiß ich es nicht, ich meine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bei welcher Einheit waren Sie denn in Charków?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ich war bei der Totenkopfdivision.

 

Vorsitzender Richter:

Bei der Totenkopfdivision?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was taten die denn in Charków?

 

Zeuge Willi Ströher:

Da haben wir in Ruhe gelegen, in Charków.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie in Ruhe gelegen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, in Ruhe gelegen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange haben Sie denn in Ruhe gelegen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Das kann auch zwei Monate, zwei, drei

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auch zwei Monate?

 

Zeuge Willi Ströher:

Monate gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Augenblick des Falles von Stalingrad an haben Sie dann in Ruhe gelegen?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ich kann mich nur entsinnen, daß Stalingrad im Januar gewesen sein muß und daß wir dann in Ruhe gelegen haben. Da waren ja keine Kampfhandlungen. Wir waren rausgezogen, wir hatten keine Kampfhandlungen. Also haben wir da in Ruhe gelegen. Und dann sind wir zu fünft oder zu sechst damals zu einer Ersatzeinheit nach Dachau gekommen.

Es ist natürlich jetzt schwer, den genauen Zeitpunkt zu sagen. Ich kann es wirklich nicht. So gern ich es tun möchte, ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann haben Sie denn den Stark kennengelernt?

 

Zeuge Willi Ströher:

Kennengelernt – also den Herrn Stark – wir sind ja beide aus Darmstadt. Und ich glaube, einmal haben wir uns gekannt in der Hitlerjugend. Und seit der Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen. Nur, wie ich von Dachau von der Ersatzeinheit wieder zu meiner Einheit nach Rußland gefahren bin, da war der Herr Stark mit im Zug.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie von Ihrer Ersatzeinheit wieder nach Rußland gefahren sind?

 

Zeuge Willi Ströher:

Jawohl, als ich nach Rußland gefahren bin.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wann war denn das und bei welcher Gelegenheit? Sie waren doch verschiedentlich bei der Ersatzeinheit, wie Sie uns erzählt haben?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, ich war 43 und 44 [+ dort].

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, ja. [Pause] Das war 43, als ich da weggefahren bin. Vielleicht – man kann sich eben schlecht entsinnen. Aber ich meine, als ich damals von Dachau weggefahren bin, daß ich da keinen Mantel angehabt habe. Also kann es an sich da nicht zu kalt gewesen sein. Daß es vielleicht im Mai oder Juni gewesen ist, als ich von der Ersatzeinheit in Dachau wieder zu meiner Einheit nach Rußland gegangen bin. Ist die einzige Möglichkeit, also...

 

Vorsitzender Richter:

Und das kann nicht 44 gewesen sein? Da kamen Sie doch auch von Ihrer Ersatzeinheit.

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, das kann 44, glaube ich, nicht gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Glauben Sie nicht. Sie glauben also, daß Sie

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Daß das 43 war.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

43 in Ihrer Ersatzeinheit [+ waren], und das müßte nicht so kalt gewesen sein, weil Sie keinen Mantel gehabt hätten. Sie wissen aber nicht mehr, wann.

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kamen Sie denn damals hin nach Rußland?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, wo war da unsere Truppe? Das ist natürlich jetzt schlecht zu sagen. Die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, erlauben Sie doch mal. Es ist doch nicht schlecht zu sagen, wenn Sie in den Krieg gezogen sind und Sie sind von zu Hause hingekommen

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Ja, natürlich, aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da wissen Sie doch, wo Sie hingefahren sind.

 

Zeuge Willi Ströher:

Städte- oder Dörfernamen, die habe ich wirklich nicht parat.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ungefähr, in welchen Abschnitt Sie gekommen sind, wo Ihr Regiment lag oder wo Ihr

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Ich glaube, daß wir dann runterkamen zur Mius.

 

Vorsitzender Richter:

Das war 43

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Wir kamen runter zur Mius, ja. Mit dem Brückenkopfgebilde, die Mius.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie dort?

 

Zeuge Willi Ströher:

[Pause] Kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, weiß ich nicht. Kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie auch nicht, wann Sie aus Rußland wieder rausgekommen sind?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja [Pause] aus Rußland [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Im allgemeinen war das doch ein Ereignis, das man sich sehr genau gemerkt hat, nicht?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja sicher. Ich war immerhin drei Jahre in Rußland, da war man schon ganz froh, wenn man draußen war.

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Zeuge Willi Ströher:

Trotzdem kann man sich da doch nicht mehr so auf die Zeit entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Na schön.

 

Zeuge Willi Ströher:

Tut mir leid, aber ich kann es wirklich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage?

 

Richter Hotz:

Der Stark war nicht auf demselben Lehrgang wie Sie?

 

Zeuge Willi Ströher:

[Pause] Nein. Ich habe Ihn nur gesehen, wie er zugestiegen ist. Das heißt, ich will nicht sagen, zugestiegen, [+ sondern] wie wir uns gesehen haben dann im Zug.

 

Richter Hotz:

Im Zug.

 

Zeuge Willi Ströher:

So möchte ich mich mal ausdrücken.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage des Gerichts? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten vorhin, Sie machten einen Verwaltungsführerlehrgang mit. Was hatten Sie denn für einen Dienstgrad, als Sie in Charków waren?

 

Zeuge Willi Ströher:

Da war ich Rottenführer, das heißt Obergefreiter.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und was hatten Sie für eine Tätigkeit ausgeübt? Waren Sie MG-Schütze, oder waren Sie beim Kompanietrupp?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, wir wurden verschiedentlich eingesetzt. Einmal war ich bei den Nachrichten, war ich Funker. Dann war ich in einem Spezialtrupp, das war so ein Lauschtrupp

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Na gut. Und nun kamen Sie nach Dachau auf einen Verwaltungsführerlehrgang, sagten Sie. Änderte sich damit Ihre Tätigkeit?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Bei der Truppe?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, änderte sich nicht. Also so eine Art Rechnungsführer

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, eben.

 

Zeuge Willi Ströher:

Aber das habe ich dann doch nicht eingeschlagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie nicht gemacht?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, das habe ich nicht eingeschlagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also das stärkt Ihre Erinnerung nicht, wann das gewesen sein muß, daß Sie Ihre Tätigkeit änderten?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, nein, nein. Ich habe keine Tätigkeit geändert. Ich wurde kein Rechnungsführer und

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ach so, dann nutzt das nichts. Dann hätte ich noch gern Ihren genauen Geburtstag.

 

Zeuge Willi Ströher:

Am 6. April 1920.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wo?

 

Zeuge Willi Ströher:

In Darmstadt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In Darmstadt. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke, keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul? Benannt ist der Zeuge von Rechtsanwalt Erhard.

 

Verteidiger Erhard:

Herr Stark hat noch einige Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Stark.

 

Angeklagter Stark:

Herr Zeuge, Sie sagten eben, Sie hätten am 6.4.20 Geburtstag. Wo haben Sie den Geburtstag am 6.4.43 verbracht?

 

Zeuge Willi Ströher:

[Pause] Das weiß ich genausowenig, wie ich den am 6. April 41 und 44 gefeiert habe. Gefeiert – das ist untergegangen in allem, was man eben mitgemacht hat. Da hat man an den Geburtstag in dem Sinn nicht gedacht, wie man vielleicht heute mal an den Geburtstag denkt. Es tut mir leid, aber ich weiß es wirklich nicht.

 

Angeklagter Stark:

Jetzt noch etwas anderes. Stalingrad, das war also Ende Januar 1943. Und im März 1943 wurde Charków zurückerobert. Ist Ihnen das ein Begriff?

 

Zeuge Willi Ströher:

Wann?

 

Angeklagter Stark:

Im März 43.

 

Zeuge Willi Ströher:

März 43

 

Angeklagter Stark [unterbricht]:

Kurze Zeit vor dem Lehrgang.

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Wurde Charków zurückerobert. [...]

 

Angeklagter Stark:

Haben Sie mir noch erzählt.

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, da waren wir noch dort.

 

Angeklagter Stark:

Das haben Sie mir noch erzählt damals, was da alles erbeutet wurde. Die Lebensmittellager, was da alles voll war noch. Gutes Essen damals in der Zeit. Können Sie sich da noch erinnern?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja doch, das stimmt. Im März.

 

Vorsitzender Richter:

Wann soll er Ihnen denn das erzählt haben, Stark?

 

Angeklagter Stark:

Auf dem Lehrgang.

 

Vorsitzender Richter:

Auf dem Lehrgang?

 

Angeklagter Stark:

Jawohl. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Er hat ja doch in Ruhe gelegen dort. Er hat gesagt, als Stalingrad gefallen ist, das war im Januar, da hat er in Charków gelegen, und zwar zwei bis drei Monate in Ruhe.

 

Angeklagter Stark:

Charków ging um diese Zeit verloren, vorübergehend, im Februar 43.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat doch in Ruhe dort gelegen. Es scheint doch nicht viel gewesen zu sein.

 

Zeuge Willi Ströher:

Bjelogorod, da wurde ein Stoßkeil vorgetrieben, Bjelogorod.

 

Vorsitzender Richter:

Na. Also weiter.

 

Angeklagter Stark:

Können Sie sich noch erinnern an die Rückeroberung von Charków?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, ja, das weiß ich noch.

 

Angeklagter Stark:

Und wann kamen Sie nach Dachau zum Lehrgang? War das kurz danach?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, es kann vielleicht zwei Monate später gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Nach der Rückeroberung? Und rückerobert wurde, sagten Sie eben, im März, nicht, Stark?

 

Angeklagter Stark:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Da sagt er, zwei bis drei Monate danach. Das wäre also im Mai gewesen. April, Mai oder Juni.

 

Angeklagter Stark:

Vielleicht darf ich doch folgendes erst mal sagen: Hier liegt ein Stammrollenauszug vor, daß ich mit Wirkung vom 23. Mai 1943 zur Feldeinheit versetzt wurde. Können Sie sich noch erinnern an damals?

 

Zeuge Willi Ströher:

In Dachau haben wir uns gesehen.

 

Angeklagter Stark:

Wir waren beim selben Lehrgang, nicht?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, das weiß ich jetzt nicht.

 

Angeklagter Stark:

Wir waren beim selben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Dachau? Sie haben doch eben gesagt, auf der Rückfahrt an die Front hätten Sie den Stark zum erstenmal gesehen, als er dort im Zug sich befunden hat.

 

Zeuge Willi Ströher:

Ich weiß wirklich jetzt ehrlich nichts [+ davon], daß er bei mir im Lehrgang war. Das weiß ich jetzt nicht.

 

Angeklagter Stark:

Wir haben uns doch in Dachau beim Lehrgang gesehen, nicht? Da war ich schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment, Herr Stark, so dürfen Sie den Zeugen nicht fragen.

 

Angeklagter Stark:

Ja, gut.

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge hat gerade gesagt: »Ich habe den Stark erst gesehen, als er im Zug mit an die Ostfront gefahren ist.« Da dürfen Sie jetzt nicht sagen: »Sie haben mich doch damals gesehen.« Das sind sogenannte Suggestivfragen, die nicht gestattet sind.

 

Angeklagter Stark:

Jawohl. Jedenfalls hat er gesagt, Stalingrad war Ende Januar, drei Monate später wäre er in Dachau gewesen. Das kommt etwa hin – April. Dann sagte er, er wäre zwei Monate dort gewesen und wäre wieder nach Rußland zurückgefahren. Das stimmt auch, ich habe nämlich hier Ende Mai angegeben. Und das ist durch einen Stammrollenauszug bewiesen.

Strittig ist jetzt nur noch die Zeit von Anfang April bis Ende Mai. Und da wir auf demselben Lehrgang waren, nur nicht im selben Zug

 

Zeuge Willi Ströher [unterbricht]:

Möglich.

 

Angeklagter Stark:

Da war doch dieser Hauptsturmführer aus Karlsruhe, der mit der Brille, so ein Langer, Schmaler. Den ersten Zug hatte ein Untersturmführer Dessau, den zweiten hatte Stahlmann, so hat er, glaube ich, geheißen, und den dritten so ein Blonder.

 

Vorsitzender Richter:

Also Stark, wenn Sie es schon ganz genau wissen wollen, hat der Zeuge gesagt: »Im März ist Charków zurückerobert worden. Dann war ich «

 

Angeklagter Stark [unterbricht]:

Ich habe das gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Sie haben es gesagt. Dann hat er gesagt, auf Ihre Frage: »Zwei bis drei Monate nach dieser Rückeroberung bin ich dann auf den Lehrgang gekommen.« Wenn Sie das richtig berechnen, war das im Mai oder Juni, daß er überhaupt erst dorthin gekommen ist. Dann sagt der Zeuge, er hätte Sie dort gar nicht gesehen, sondern er hätte Sie erst gesehen, als Sie im Zug zusammen zurückgefahren wären.

Also das stimmt alles nicht so genau, wie Sie das eben sagen wollten. Es tut mir leid, aber der Zeuge hat es doch nun mal nicht gesagt.

 

Angeklagter Stark:

Er hat zumindest gesagt, daß wir zusammen zurückgefahren sind.

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja, das stimmt. Das kann ich sogar beschwören, daß wir zusammen weggefahren sind.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das können Sie sogar beschwören. Und das andere können Sie nicht beschwören?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein.

 

Angeklagter Stark:

Wir sind auch nicht zusammen weggefahren. Wir sind nur zusammen im Zug gewesen.

 

Zeuge Willi Ströher:

Im Zug gefahren.

 

Angeklagter Stark:

Sie hatten noch mal, glaube ich, 48 Stunden Aufenthaltserlaubnis. Wir haben uns unterwegs erst getroffen, glaube ich.

 

Zeuge Willi Ströher:

Das kann auch sein.

 

Angeklagter Stark:

Unterwegs im Zug irgendwo.

 

Zeuge Willi Ströher:

Das ist 22 Jahre her, ist eine lange Zeit.

 

Angeklagter Stark:

Ja. Also das ist doch unstrittig, daß wir zusammen dahin gefahren sind. Und das ist auch jetzt festgelegt durch die Versetzung, nicht? Und dann haben wir doch auch noch, das war bei dem dritten Zug damals, zusammen Dienst gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Stark, der Zeuge sagt doch: »Ich kann mich nicht darauf erinnern, daß ich den Stark im Lager Dachau überhaupt erlebt habe. Ich kann mich nur darauf erinnern, daß er mit mir im Zug zurückgefahren ist.«

 

Verteidiger Erhard:

Herr Direktor, die Fragen des Angeklagten sind deshalb verständlich, weil der Zeuge sich vor sechs Jahren noch durchaus genauer erinnert hat. Damals hat er nämlich geschrieben, daß er sich daran erinnert, daß er mit dem Stark zusammen auf dem Lehrgang gewesen sei, daß er nur nicht mehr genau sagen kann, welches Datum es war, jedenfalls April und Mai 43. Und aufgrund der Angaben dieses Zeugen habe ich ihn hier benannt, den Angaben aus dem Jahr 1958 oder 59.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das glaube ich Ihnen schon, Herr Rechtsanwalt

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Ich wollte das nur zur Erläuterung sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist auch schon mehrfach vorgekommen, daß sich Menschen am Gericht weniger an Dinge erinnert haben als vor der Vernehmung.

 

Verteidiger Erhard:

Es ist auch genau das Gegenteil schon vorgekommen, daß sich Leute am Gericht an mehr erinnern, als sie wirklich erlebt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Genau. Aber das wollte ich ja nun hier nicht behaupten.

 

Angeklagter Stark:

Herr Präsident, es geht doch jetzt nur darum, daß wir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es geht darum: Sie wollen beweisen, daß Sie Ende Mai 43 vom Lehrgang weggekommen sind und Anfang April 43 auf den Lehrgang gekommen sind.

 

Angeklagter Stark:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das wollen sie beweisen. Zu diesem Zweck haben Sie den Zeugen da [+ benannt]. Und der Zeuge ist leider in seiner Erinnerung nicht mehr so ganz...

 

Verteidiger Erhard:

Herr Direktor, ich glaube, die weitere Befragung hat sicherlich keinen Sinn.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube es auch.

 

Verteidiger Erhard:

Ich weiß nicht, ob der Bruder von Herrn Stark heute hierher kommt. Wenn er kommen sollte, dann werde ich mir erlauben, ihn als präsenten Zeugen dafür zu benennen – Das will ich jetzt nicht sagen, sonst sieht das nachher wie Beeinflussung aus. Ich werde dann den Beweisantrag genau stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Rechtsanwalt, nur hat das präsente Beweismittel auch gewisse Voraussetzungen, die nicht gegeben sind, nicht.

Also. Haben Sie noch Fragen zu stellen an den Zeugen?

 

Angeklagter Stark:

Vielleicht kann er noch sagen, wie lange er vor der Abreise etwa auf dem Lehrgang war?

 

Vorsitzender Richter:

Wie lang Sie auf dem Lehrgang gewesen sind, will der Herr Stark wissen.

 

Zeuge Willi Ströher:

Kann zwei Monate gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zwei Monate, das haben Sie vorhin auch schon gesagt.

 

Zeuge Willi Ströher:

Und ich kann ja auch sagen, daß wir zusammen weggefahren sind. Es mag ja sein, daß wir vielleicht auch in einem Lehrgang [+ waren]. Aber das waren vielleicht drei oder vier Kompanien oder in der Stärke.

 

Angeklagter Stark [unterbricht]:

Bataillon war das, ja.

 

Zeuge Willi Ströher:

Es könnte ja sein, daß ich ihn nicht gesehen habe, weil wir ja viele waren. Möglich ist das.

 

Angeklagter Stark:

Wir haben uns doch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben ja damals auch nicht so genau achtgehabt gerade auf den Herrn Stark.

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Denn Sie wußten ja nicht, daß Sie im Jahr 65 mal danach gefragt würden, nicht?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, keinesfalls.

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Angeklagter Stark:

Aber ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie er dahin kam. Er kam vielleicht zwei, drei Tage nach mir, und da haben wir uns da begrüßt, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Stark, es dreht sich ja nicht darum, daß Sie auf dem Lehrgang gewesen sind. Es dreht sich auch nicht darum, daß er auf dem Lehrgang gewesen ist. Sondern Sie wollen uns doch eine ganz gewisse Zeit, nämlich 5. April bis Ende Mai, beweisen und für diese Zeit uns gewisse Beweise bringen wegen Ihrer Tätigkeit in Auschwitz. So ist es doch?

 

Angeklagter Stark:

Nichttätigkeit in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Nichttätigkeit, genau, wenn Sie es wissen wollen. Schön.

 

Angeklagter Stark:

Herr Zeuge, kennen Sie vielleicht noch irgendwelche Namen von damals, vom Lehrgang?

 

Zeuge Willi Ströher:

Nein, tut mir leid.

 

Vorsitzender Richter:

Werden bezüglich der Beeidigung Anträge gestellt? Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Willi Ströher:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

– Schnitt –

 

 

 
 
 
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