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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

65. Verhandlungstag, 13.7.1964

 

Vernehmung des Zeugen Henry Storch

 

Vorsitzender Richter:

Herr Storch, nachdem Sie also nun zur Waffen-SS überstellt worden sind, kamen Sie zunächst nach Krakau, wo Sie Ihre Grundausbildung vollendet haben, wurden dann nach Berlin-Lichterfelde versetzt, zum SS-Untersturmführer befördert. Und wann sind Sie nach Auschwitz kommandiert worden?

 

Zeuge Henry Storch:

Im Juli 40.

 

Vorsitzender Richter:

Im Juli 1940. Und sind dort geblieben bis wann?

 

Zeuge Henry Storch:

Bis November 41.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum November 41. Dort sind Sie nach Dachau kommandiert worden.

 

Zeuge Henry Storch:

Um einen Kollegen kurze Zeit zu vertreten.

 

Vorsitzender Richter:

Zu vertreten. Sind dann zum Feldlazarett versetzt worden.

 

Zeuge Henry Storch:

IV. SS- [unverständlich], ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und waren dann schließlich Divisionsapotheker bei der XVI. SS-Panzergrenadierdivision und so weiter, ja?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun interessiert uns in erster Linie Ihre Tätigkeit in Auschwitz. Sie sind also im Juli 1940 hingekommen. Sie haben dort auch die Apotheke eingerichtet?

 

Zeuge Henry Storch:

Daher war ich versetzt nach Auschwitz, um die Apotheke aufzubauen.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Grund Ihrer Versetzung. Und fanden Sie dort einen anderen Apotheker noch vor?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, ich war der erste.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren der erste. Und wo haben Sie die Apotheke aufgebaut? Im Lager?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das wollte ich nie. Vor dem Lager. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sagten Sie eben, das wollte ich nicht?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das wollte ich nicht. Ich sollte hinter den Draht, aber das wollte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Zeuge Henry Storch:

Das hat mancherlei Gründe.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also jedenfalls, Sie haben sie außerhalb des Lagers eingerichtet, aber doch innerhalb der Großen Postenkette?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wenn Sie vielleicht mal da hinten an diese Karte treten würden, da sehen Sie unten den Eingang, wo der schwarze Pfeil ist, der Eingang zu dem Lager. Wenn Sie hintreten würden. Und links von diesem schwarzen Pfeil, da

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

[unverständlich] Wo ist die Straße?

 

Vorsitzender Richter:

Links unten ist der schwarze Pfeil.

 

Zeuge Henry Storch:

Ah, ja. Das ist ganz anders, als es damals war. Früher war hier der Eingang. Hier. Das war die Straße. Und hier war der Eingang.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Henry Storch:

Und in diesem Block war die Apotheke.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl. Und dieser Block war außerhalb der engeren Postenkette.

 

Zeuge Henry Storch:

Hier ist der Zaun, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da war der Zaun. Und in dem mittleren Gebäude haben Sie die Apotheke eingerichtet.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So, dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Nun, wo bekamen Sie...

 

Zeuge Henry Storch:

Ich meine, es hätten nur zwei Gebäude dort gestanden.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Eckgebäude.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Nicht, daß das neu gebaut [+ wurde]. Ich weiß das nicht. Aber ich meine, das wären nur zwei Gebäude gewesen. Im ersten war die Kommandantur, der Kommandanturstab.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Und ich meine, dann wäre die Apotheke gekommen, im zweiten.

 

Vorsitzender Richter:

War es nicht umgekehrt?

 

Zeuge Henry Storch:

Der Kommandanturstab war vorn an der Straße. Und dann, glaube ich, kam das Gebäude mit der Apotheke. Vielleicht ist das neu errichtet, vielleicht weiß ich das aber auch nicht mehr so genau.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Aber ich glaube

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also jedenfalls in einem von diesen drei Blöcken, da hatten Sie Ihre Apotheke aufgebaut. Wollen Sie uns ganz kurz sagen, wo bekamen Sie die Mittel her, um die Apotheke aufzubauen?

 

Zeuge Henry Storch:

Welche Mittel, wie meinen Sie, Mittel für was?

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, also was in die Apotheke reingehört, die Einrichtungsgegenstände, die Medikamente, das Verbandszeug und so weiter.

 

Zeuge Henry Storch:

Medikamente kamen stets aus Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Henry Storch:

Vom Zentralsanitätslager der Waffen-SS, wie es später hieß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Und die Einrichtung wurde in den Auschwitzer Werkstätten hergestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nach welchen Grundsätzen haben Sie diese Apotheke aufgebaut? Sollte das eine Apotheke für die SS sein oder für das Lager sein oder für die Häftlinge oder für wen?

 

Zeuge Henry Storch:

Für beides, für alles.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Für beides.

 

Zeuge Henry Storch:

Für die SS-Angehörigen, für deren Angehörige und für das Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Und für das Lager.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wie viele Menschen waren damals im Lager, wie viele sollten Sie etwa versorgen?

 

Zeuge Henry Storch:

Also wenn ich mich recht erinnere, sind nie 10.000 Häftlinge dort gewesen. Am Anfang, wie ich hinkam, werden es vielleicht 3.000, 4.000, 5.000 gewesen sein. Und wenn ich richtig unterrichtet bin, ist die Zahl bis höchstens 8.000 gestiegen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun kann ich mir also vorstellen, daß ein Apotheker, der eine Apotheke einrichtet, sich doch in den Größenordnungen etwas richtet nach der Anzahl der von ihm betreuten Menschen. Also wenn Sie zum Beispiel in einer Stadt oder auf einem Dorf eine Apotheke einrichten, dann richten Sie sich doch bei der Größenanordnung vermutlich nach der Größe des Terrains, für das Sie sorgen müssen.

 

Zeuge Henry Storch:

Das ist etwa ziemlich überall gleich. Ob in der Großstadt oder in der Kleinstadt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, sehen Sie mal, wenn Sie zum Beispiel auf dem Dorf eine Apotheke einrichten, wo Sie wissen, Sie haben vielleicht in Ihrem Bezirk nur, meinetwegen, 2.000 Menschen, dann werden Sie doch in der Größenordnung sich nicht so ausstatten, als wenn Sie wissen, es sind 10.000 oder 20.000 dort, nicht?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, ja, das stimmt schon.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie bei der Einordnung dieser Apotheke und bei der Einrichtung dieser Apotheke einen gewissen Häftlingsbestand unterstellt?

 

Zeuge Henry Storch:

Etwa 10.000. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie diese Apotheke so eingerichtet, wie Sie normalerweise im Zivilleben auch eine Apotheke einrichten würden, das heißt mit all den Medikamenten und den Heilmitteln, die im zivilen Leben in der Apotheke verlangt und verbraucht werden?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, denn in einer normalen, in einer Zivilapotheke haben Sie mit viel mehr Ärzten zu tun. Jeder Arzt hat so etwa sein Repertoire, was er aufschreibt, was er verordnet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Und das ist natürlich sehr viel größer. Es entspricht etwa dem der Wehrmacht, ja, dem Sortiment der Wehrmacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dem Sortiment der Wehrmacht.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nach diesen Grundsätzen sind Sie vorgegangen.

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Nach den Grundsätzen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wie war es mit dem Nachschub? Der kam auch von Berlin?

 

Zeuge Henry Storch:

Jeden Monat ein Lkw von Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Entweder ein Fünftonner oder ein Fünftonner mit Anhänger.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wurden Ihnen bei diesen Bestellungen alle die Dinge geliefert, die Sie bestellt haben, oder wurden da Abstriche gemacht?

 

Zeuge Henry Storch:

Es wurden Abstriche vorgenommen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und nach welchen Gesichtspunkten?

 

Zeuge Henry Storch:

Es war oft nicht alles vorrätig im Zentralsanitätslager der Waffen-SS. Daher mußte gestrichen werden. Oder man hat angenommen, es ist Krieg. Besonders bei Verbandstoffen war das so, es wurde ausgetauscht, Mullbinden gegen Papierbinden oder ähnlich. Aber im großen und ganzen habe ich das bekommen, was ich angefordert habe. Man kann nicht sagen, daß große Abstriche vorgenommen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Nun kann man sich ja vorstellen, daß bei der ganzen Situation im Lager Auschwitz sehr viele Kranke anfielen und namentlich auch innere Krankheiten sehr verbreitet waren, namentlich Durchfälle, ruhrähnliche Erkrankungen, aber auch Hauterkrankungen und ähnliche Dinge mehr. Haben Sie denn für diese Erkrankungen genügend Medikamente bekommen?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, besonders gegen die Durchfälle wurden große Mengen an Anti-Durchfallmitteln geliefert.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist Ihnen da noch in Erinnerung, was insbesondere geliefert wurde?

 

Zeuge Henry Storch:

Na, was ich hinterher auch nie wieder gesehen habe. Ich glaube, Ruhr-Bakteriophagen hieß das.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Nicht, das wurde in großen Mengen regelmäßig geliefert zu meiner Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Gegen alle möglichen Arten von Durchfällen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und war das ein wirkungsvolles Mittel, oder?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja das war ein wirkungsvolles Mittel. Das kam von der IG. [Pause] Nicht, oder Rivanol wurde in großen Mengen gebraucht, auch gegen die Durchfälle.

 

Vorsitzender Richter:

Rivanol gegen Durchfälle?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das nimmt man doch im allgemeinen nur für Umschläge und solche Sachen.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, das ist weniger bekannt. Es hilft sehr gut gegen Durchfälle, besonders gegen bakterielle Durchfälle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Das habe ich in großen Mengen immer gemacht. Eine Lösung 1:1.000, die die Häftlinge bekommen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist uns hier gesagt worden, also im Lager wäre ein ständiger starker Mangel an Medikamenten dagewesen. Insbesondere hätten alle Mittel gefehlt, um eben diesen Ruhrerkrankungen zu begegnen und so weiter.

 

Zeuge Henry Storch:

Zu meiner Zeit nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Zu Ihrer Zeit nicht.

 

Zeuge Henry Storch:

Wenn der Lagerarzt sich an mich gewandt hat, daß irgend etwas fehlt, dann habe ich das auch beschafft.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie es auch beschafft.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, hatten Sie irgend etwas mit dem Bezug und der Verwaltung von Zyklon B zu tun?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das ist Sache von IVa.1 Entschuldigung, IVb ist die Sanität. Und IVa ist die Verwaltung.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte, das ins Protokoll aufzunehmen: Insoweit können Sie die Aussage verweigern, wenn Sie glauben, Sie müßten sich selbst belasten.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das tue ich nicht. Ich kann aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also IVa war die Verwaltung. Und was glauben Sie, warum die Verwaltung sich mit diesem Zyklon beschäftigt hat?

 

Zeuge Henry Storch:

Zum Entwesen hat IVa das besorgt, zur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also ursprünglich war dieses Zyklon B überhaupt nur zur Entwesung da. Und diese Entwesung hatte nichts mit der Apotheke zu tun und nichts mit der Medizin, und infolgedessen war das Sache von der Verwaltung.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben weder Zyklon bestellt, noch haben Sie welches verwaltet.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich habe nie eine Büchse gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nie eine gesehen. Nun waren Sie ja da bis zum November 41. Das war also die Zeit, in der diese großen Krematorien in Birkenau noch gar nicht gebaut waren.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

War in Auschwitz-Stammlager auch ein Krematorium?

 

Zeuge Henry Storch:

Ein Krematorium, der sogenannte Bunker. Das ist ein Munitionsbunker gewesen, glaube ich, zu der österreichischen Zeit, das waren wohl Kasernen gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Das war gegenüber, an der anderen Seite, wo das Apothekengebäude lag, schräg gegenüber.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Da war ein Rasenplatz, und da war auch dieser Bunker, und darin war ein Krematorium eingerichtet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wissen Sie, ob in Ihrer Zeit bereits Vergasungen von Menschen stattgefunden haben?

 

Zeuge Henry Storch:

Ein Mal weiß ich das, dienstlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Mal wissen Sie das dienstlich.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo fand diese Vergasung statt?

 

Zeuge Henry Storch:

In den Kellerräumen eines Gebäudes im Schutzhaftlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War das vielleicht der Block 11?

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Also Sie sagen, es war ein Gebäude im Schutzhaftlager. Wissen Sie, welchen Zwecken dieses Gebäude diente?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich glaube, das war ein Häftlingsblock.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Häftlingsblock.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich kann das aber nicht mehr genau sagen. Ich glaube, das waren auch alles nur Häftlingsblocks.

 

Vorsitzender Richter:

Kann es auch der Arrestblock gewesen sein?

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Ja, und was wissen Sie nun von dieser Vergasung? Wollen Sie uns das bitte mal erzählen.

 

Zeuge Henry Storch:

[Pause] Die Vergasung hat wohl mit Zyklon B stattgefunden. Daß die stattfinden sollte, hat wohl keiner gewußt von uns, außer denen, die direkt daran beteiligt waren. Und am nächsten Morgen hat der Lagerarzt Herr Doktor Popiersch mich aufgefordert, mit in den Keller zu kommen, um festzustellen, daß auch keine Spuren von Zyklon mehr geruchsmäßig, empfindungsmäßig festzustellen sein würden, damit man den Keller räumen konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie bitte, wußten Sie damals, daß diesem Zyklon ein gewisser Reizstoff beigeordnet war und zugegeben war, um gewissermaßen unvorsichtiges Hantieren mit diesem Zyklongas zu unterbinden und die Menschen zu warnen?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das weiß ich heute noch nicht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind also hingeführt worden. Was Zyklon B gewesen ist, das wußten Sie damals?

 

Zeuge Henry Storch:

Das wußte ich. Augenblickchen, [Pause] das kann ich nicht sagen, ob ich das damals schon wußte. Denn damals wußte ich von Zyklon B überhaupt nichts. Im Laufe des Krieges habe ich es erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Das Buch von Herrn Höß habe ich gelesen, seine Aufzeichnungen2 in der Haft. Da habe ich mehr darüber erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun kann ich mir das aber nicht recht vorstellen. Wenn Sie von dem Arzt gerufen worden sind, um festzustellen, ob dort noch Gefahr bestehe, also ob noch Reste von diesem Gas in den Räumen drin sein könnten, wie wollten Sie denn das feststellen, wenn Sie gar nicht wissen, um welches Gas es sich handelt, wenn Sie gar nicht wissen

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Doch. Das hatte mir der Herr Doktor Popiersch gesagt, daß es sich um Blausäure handelt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er Ihnen gesagt.

 

Zeuge Henry Storch:

Er fragte mich ja: Blausäure, wonach riecht die? Nach Bittermandeln, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Und da hat er gesagt: »Morgen früh muß ich mal irgendwohin, da kommst du mit. Und wenn ich das nicht merke, dann mußt du mal sehen, was du meinst.«

 

Vorsitzender Richter:

Sie wußten, daß Blausäure nach Bittermandel riecht?

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Jetzt. Und damals?

 

Zeuge Henry Storch:

Von Berufs wegen. Ja, sicher, von Berufs wegen weiß man das.

 

Vorsitzender Richter:

Von Berufs wegen wußten Sie es damals.

 

Zeuge Henry Storch:

Man hat ja mit Kaliumzyanid zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Im allgemeinen war es ja auch schon aus dem Ersten Weltkrieg bekannt.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, als Giftgas.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also jedenfalls, Sie sind zugezogen worden. Und was geschah nun weiter? Sie sind mit diesem Doktor Popiersch in diesen Block 11 gegangen.

 

Zeuge Henry Storch:

In den Keller.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was fanden Sie dort vor, und was haben Sie festgestellt?

 

Zeuge Henry Storch:

Tote, auf dem Fußboden liegend.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War dieser Keller eingeteilt in verschiedene einzelne Gelasse, in Zellen oder in einzelne Räumlichkeiten? Oder war das ein einziger Kellerraum?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das waren einzelne Räume, die wohl Türrahmen, aber keine Türen hatten. Ja?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, soll das bedeuten

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Das war wie in einem Wohnhaus, wo der Keller eingerichtet ist für die verschiedenen Parteien.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Da sind Kellerräume, und nur die Türen, die waren ausgehakt.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren ausgehängt.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da sind Sie hingegangen. Und wo lagen denn nun die Menschen, in all diesen einzelnen Räumen, oder waren die in einem Raum zusammen?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, die lagen in den einzelnen Räumen verteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Verteilt. Und wie viele lagen denn ungefähr in einem Raum, also ich frage deshalb: Waren da die Leute hineingesperrt worden und hineingepreßt worden, oder hatten die soviel Platz, daß man sagt, also zum Beispiel hier in diesem Raum, zwei mal drei Meter, nicht, da können sich normalerweise, will ich mal sagen, fünf, sechs Leute aufhalten, und waren da nun statt fünf, sechs 20 oder 30 drin?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein. Wenn man so will, hätte man sagen können, es wären viel mehr reingegangen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Und die lagen auf dem Boden?

 

Zeuge Henry Storch:

Die lagen auf dem Boden.

 

Vorsitzender Richter:

Waren irgendwelche Einrichtungsgegenstände da drin?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, gar nichts. Ich glaube, da war nicht mal ein Fußboden drin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da lagen die Leute. Waren die bekleidet, oder waren sie ausgezogen?

 

Zeuge Henry Storch:

Die waren bekleidet.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren bekleidet. Und was hatten sie für Kleidung an? Hatten sie Uniformen an oder Zivilkleidung?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich glaube, sie waren alle einheitlich bekleidet, so braun, braungrau oder so ähnlich. Ich vermag das aber nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Uniform. Haben Sie mal gefangene russische Soldaten gesehen?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren die in der Uniform dieser russischen Soldaten etwa?

 

Zeuge Henry Storch:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Waren es lauter Männer?

 

Zeuge Henry Storch:

Es waren Männer nur.

 

Vorsitzender Richter:

Männer. Und Sie haben dort festgestellt, ob sich noch dieser Geruch bemerkbar machte?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und, wie war es damit?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, es war nicht mehr festzustellen.

 

Vorsitzender Richter:

War nicht mehr festzustellen.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, die Fenster waren alle geöffnet. Wie lange, weiß ich nicht. Aber jedenfalls war nichts mehr festzustellen, geruchsmäßig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, nachdem Sie nun festgestellt hatten, da sind tote Menschen drin und im übrigen riecht es nicht mehr nach Blausäure, war damit Ihr Auftrag erledigt?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und war das die einzige Vergasung, die Sie gesehen und erlebt hatten?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch nicht von einer anderen Vergasung noch etwas gehört?

 

Zeuge Henry Storch:

Wenn ich richtig unterrichtet bin, das lief unter »Geheime Reichssache«, und das war damals noch etwas, ja, da hielt man sich noch dran. Also privat oder zu einem, der davon nichts wissen sollte, wurde über dergleichen überhaupt nicht gesprochen im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sind Sie aber vielleicht trotzdem Zeuge von irgendeiner Tatsache geworden, die in Ihnen den Schluß heraufbeschworen hat, daß hier eine Vergasung stattgefunden haben müßte.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich, was war denn da?

 

Zeuge Henry Storch:

Das war in dem Bunker, den ich vorhin schon erwähnte, wo das Krematorium war.

 

Vorsitzender Richter:

Krematorium.

 

Zeuge Henry Storch:

Da befand sich eine kleine pathologische Abteilung, die machten Präparate. Polnische Ärzte, glaube ich, waren das, die Präparate machten. Und die wurden von mir mit Alkohol und Phenol und anderen Chemikalien, die die für die Präparierung gebrauchten, durch die Apotheke beliefert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Und die hatte ich dienstlich zu inspizieren. Und das lag am Kopf des Krematoriums. Man kam durch die Tür, und gleich links war dieser Raum, und geradeaus war das Krematorium und rechts davon die Leichenhalle. Und da habe ich mal Türen aufstehen sehen, in der Leichenhalle rechts, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie da gesehen?

 

Zeuge Henry Storch:

Tja, eben, da war auch vergast worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Moment. Sie sahen zunächst Leichen, nicht?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren diese Leichen angezogen oder unbekleidet?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, die waren unbekleidet.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren unbekleidet. Und woraus haben Sie geschlossen, daß die vergast worden waren?

 

Zeuge Henry Storch:

Weil das eine große, eine sehr große Menge war. Ich glaube, der Raum, der muß...

 

Vorsitzender Richter:

Brechend voll gewesen sein.

 

Zeuge Henry Storch:

Brechend voll gewesen sein, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war an sich die Leichenhalle?

 

Zeuge Henry Storch:

Das war die Leichenhalle.

 

Vorsitzender Richter:

Und da lagen diese Leichen drin.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, dieser Raum war als Leichenhalle gebaut worden.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie an den Leichen irgendwelche Feststellungen getroffen? Ich will mal sagen, daß die Gesichter sehr verzerrt waren oder daß sonstige üble Anblicke sich boten?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein. Ich habe mir die auch nicht angesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben sie nicht angesehen.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und ob es sich hier um besondere Arten von Menschen handelte, das heißt also besondere Nationalitäten oder besondere Menschen, oder ob es Deutsche waren oder ob es Ungarn waren oder ob es Juden waren oder ob es Polen waren, haben Sie da irgend etwas festgestellt?

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Also Sie haben uns gesagt, Sie haben nie diese Büchsen von dem Zyklon gesehen, Sie wissen auch nicht, wo die aufgehoben worden sind, Sie hatten damals nichts damit zu tun. Von Exekutionen haben Sie auch nichts gesehen oder gehört?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, gehört wohl doch?

 

Zeuge Henry Storch:

Dienstlich hatte ich nichts damit zu tun. Es war ein Arzt dabei oder mußte dabeisein. Ob er es immer gewesen ist – ich weiß das nicht. Ein Apotheker hatte da nichts zu suchen. Ich hatte keinerlei Auftrag.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber der Lagerarzt hat Ihnen davon erzählt?

 

Zeuge Henry Storch:

Außerdienstlich wurde überhaupt nichts gesprochen. Ich weiß nicht, ob das eine stille Abmachung war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie haben aber mal ausgesagt: »Exekutionen sind mir nur durch den Lagerarzt bekanntgeworden, der jeweils den Tod feststellen mußte.«3

 

Zeuge Henry Storch:

Wir gingen sehr oft zum Abendessen zusammen in das Kasino, und daß er dann gesagt hat: »Ich muß heute abend noch zur Exekution, ich komme später« oder so ähnlich, daher weiß ich das.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war damals Lagerarzt?

 

Zeuge Henry Storch:

Herr Doktor Popiersch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren da noch andere Ärzte da?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Deutsche, also SS-Ärzte?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Können Sie sich noch auf Namen erinnern?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein. Österreicher, ein Österreicher, einen Sudetendeutschen, aber ich weiß nicht mehr, wie die hießen. Zwei Österreicher.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie einmal in den Häftlingskrankenbau gekommen?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wurde für die Häftlinge eine besondere Apotheke eingerichtet außer dieser Lagerapotheke?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, eben. Die holten sich größere Mengen Medikamente, und die lagerten sie in einem bestimmten Raum in dem Häftlingskrankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Nummer?

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Henry Storch:

Der Häftlingskrankenbau, ich glaube, das war der allerletzte Block4 auf der rechten Seite, wenn man runterging.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da lagerten sie, und Sie haben diese Lagerung ab und zu besichtigt?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, ist es denn vorgekommen, daß Sie Anforderungen aus den Häftlingskrankenbauten nicht voll erfüllen konnten, daß Sie Abstriche machen mußten?

 

Zeuge Henry Storch:

Der Häftlingskrankenbau hat nie etwas angefordert. Ich habe den Arzt gefragt, was sie ungefähr brauchen, und es wurden zwei Bestellungen aufgegeben, eine für das SS-Revier und die zweite für den Häftlingskrankenbau. Und normalerweise kam die ganze für den Häftlingskrankenbau bestellte Sendung, wie sie war, in diesen Raum.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Und was sich dann im Laufe des Monats herausstellte, was noch gebraucht wurde, das wurde dann oben in der Apotheke geholt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun ist es ja doch sehr gut möglich, meines Erachtens wenigstens, daß plötzlich ein Medikament gebraucht wurde, an das man vorher gar nicht gedacht hatte, wenn man im Monat vorher bestellt hat.

 

Zeuge Henry Storch:

Genau wie ein Arzt seine Sachen für plötzliche Fälle im Koffer hat, so hatten die auch im Häftlingskrankenbau diese Medikamente in dem Raum.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten sie auch da?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja. Meistens werden es Herz- und Kollaps-Medikamente gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben vorhin gesagt, daß Sie auch Phenol abgegeben haben, zum Beispiel in diesen Sektionsraum, nicht?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für Phenol? War das das Phenolum purum?

 

Zeuge Henry Storch:

Phenolum liquefactum.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Das kristallisierte mit einem Zusatz von etwa zwei bis drei Prozent Wasser, und dann wird das flüssig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Normalerweise ist Phenol kristallisiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie das kristallisierte Phenol bezogen und haben es selbst nachher angesetzt, oder?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das kam als Phenolum liquefactum aus Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

Aus Berlin. Was ist mit diesem Phenol gemacht worden?

 

Zeuge Henry Storch:

Die Portion, die für diesen Sektionsraum kam, die kam im ganzen rüber in den Raum.

 

Vorsitzender Richter:

In den Raum, ja?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war aber mehr oder weniger Karbolwasser, was man so...

 

Zeuge Henry Storch:

Karbolwasser nicht, das ist was anderes.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist das andere?

 

Zeuge Henry Storch:

Phenolum liquefactum, was ich Ihnen eben schon sagte. Kristallisiert mit einem Zusatz von etwa zwei bis drei Prozent Wasser.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Also konzentriertes Phenol. Das kam da hin.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wurde mit dem gemacht?

 

Zeuge Henry Storch:

Und Karbolwasser ist eine dreiprozentige Lösung von diesem Phenolum liquefactum in Wasser. Und das wurde im Häftlingskrankenbau verwendet, als Umschläge gegen alle möglichen eitrigen Infektionen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, als antiseptisches Mittel.

 

Zeuge Henry Storch:

Als antiseptisches Mittel, ja. Das wurde nachher abgelöst durch Chloraminwasser, weil das besser hilft. Seitdem haben die gar kein Phenolwasser mehr bekommen im Häftlingskrankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dieses andere Phenol, was Sie zum Sektionsraum gebracht haben, was wurde damit gemacht?

 

Zeuge Henry Storch:

Um antiseptische Lösungen herzustellen, um die Präparate darin aufzuheben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, sagen Sie bitte, wissen Sie etwas davon, daß auch Phenol zum Töten von Menschen, zur Injektion verwendet worden ist?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich weiß es nicht, aber damals, glaube ich, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Damals, glauben Sie, war das noch nicht der Fall.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie damals etwas davon gehört, daß Häftlinge überhaupt durch Einspritzungen getötet worden sind?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie damals noch nicht gehört?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, wissen Sie etwas davon, was geschah, wenn die Sterblichkeitsziffern sehr stark emporschnellten?

 

Zeuge Henry Storch:

Dann kam ein Fernschreiben aus Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

Und was stand da drin?

 

Zeuge Henry Storch:

Es seien die Gründe zu melden, woran das läge, daß so viele Häftlinge gestorben seien. Besonders im ersten Herbst, über Nacht wurde das sehr kalt, ich glaube im September war das, und es starben sehr viele von den unterernährten Häftlingen. Da kamen täglich Fernschreiben. Die waren alle erkältet.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie auch etwas darüber, ob diese Erkältungen vielleicht absichtlich herbeigeführt worden sind, dadurch daß man die Häftlinge hat im Freien stehen lassen in nacktem Zustand oder daß man sie abgespritzt hat oder so?

 

Zeuge Henry Storch:

Das glaube ich nicht. Damals war man im Lageraufbau, und man wollte gerne jeden Mann gebrauchen. Den Eindruck hatte ich.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn damals Kommandant, als Sie dort waren?

 

Zeuge Henry Storch:

Der damalige Sturmbannführer Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Höß. Und sein Adjutant?

 

Zeuge Henry Storch:

Adjutant, ja? Ich glaube, Herr Kramer. Herr Kramer war wohl später, es war vorher noch ein anderer, aber das weiß ich nicht mehr, nur kurze Zeit, und dann kam Herr Kramer.

 

Vorsitzender Richter:

War der bis zum Ende Ihrer Zeit da?

 

Zeuge Henry Storch:

Herr Kramer?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich kann das nicht sagen, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie den Angeklagten Mulka noch kennengelernt?

 

Zeuge Henry Storch:

Wen?

 

Vorsitzender Richter:

Mulka?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, den Namen kenne ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob es damals im Lager eine Fahrbereitschaft gegeben hat?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, die gab es.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wenn Sie zum Beispiel einen Wagen brauchten, wo mußten Sie sich da hinwenden?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich brauchte nie einen Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn den Fünftonnerwagen geschickt, der die Medikamente aus Berlin holte?

 

Zeuge Henry Storch:

Der kam aus Berlin. Das war ein Berliner Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Der kam aus Berlin. Das war ein Berliner Wagen.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, vom Zentralsanitätslager der Waffen-SS.

 

Vorsitzender Richter:

Sie brauchten also keinen Wagen?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen auch nicht, wer die Fahrbereitschaft leitete?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie auch nicht.

 

Zeuge Henry Storch:

Man hatte dort mehr mit Pferden zu tun als mit Autos.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie den Doktor Capesius noch kennengelernt?

 

Zeuge Henry Storch:

[Capesius]?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, den Apotheker?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich bin abgefahren, ohne daß ich meinen Nachfolger gesehen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Noch eine Frage? Die Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben zu Beginn Ihrer Vernehmung erwähnt, Sie hätten es abgelehnt, hinter den Draht zu gehen, aus den verschiedensten Gründen. Würden Sie diese Gründe mal hier näher erläutern?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich wollte mich nicht einsperren lassen. Ich bin nie gern hinterm Draht gewesen. Und außerdem gibt es doch bestimmte Sachen in einer Apotheke, wo einer, der etwas davon versteht, etwas mit anrichten kann. Und daher wollte ich gern, daß die Apotheke vor dem Draht bleiben sollte. Deshalb hat es auch Wochen und Monate gedauert, bis ich den Sturmbannführer Höß soweit hatte, daß er mir die entsprechenden Räumlichkeiten vor dem Draht gegeben hat. Ich sollte ursprünglich hinter den Draht, wie das in allen anderen Lagern auch der Fall war.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es war also aus Gründen Ihrer persönlichen Bequemlichkeit und Sicherheit, daß Sie außerhalb

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Mit Bequemlichkeit hat das nichts zu tun gehabt. [...] Aus der Sicherheit um der Arzneimittel willen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Ob ich 50 Meter weiter gelaufen wäre oder nicht, das spielt keine Rolle.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie wollten nicht etwa deshalb nicht in das Lager gehen, weil Ihnen der tägliche Anblick unerträglich gewesen wäre?

 

Zeuge Henry Storch:

Die Häftlinge sah man sowieso von früh bis spät, auch wenn einem das sehr unangenehm war. Dem konnte man gar nicht entweichen.

 

Staatsanwalt Vogel:

War es Ihnen denn sehr unangenehm?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich bin Sportsmann, und ich habe nie gern mit Leuten zu tun, die mir aus irgendwelchen Gründen schon unterlegen sind. Und das waren die Häftlinge ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also aus Gründen der Fairneß gewissermaßen, ja?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie noch, wann diese Vergasung in den Kellerräumen des Blocks 11 durchgeführt worden ist?

 

Zeuge Henry Storch:

[Pause] Vielleicht im August.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also nach den Zeugenaussagen, die bisher hier vorliegen, war es im Herbst.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also einige Monate später noch.

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Ich habe eben gesagt, vielleicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Es ist 25 Jahre her. Daß das stattgefunden hat, weiß ich wohl, aber

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja, also eine Gedächtnis-, eine Erinnerungsstütze müßte ja die Tatsache sein, daß Sie im November 41 weggekommen sind, einige Wochen

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Im November 41.

 

Staatsanwalt Vogel:

41.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und einige Wochen vorher soll diese Vergasung gewesen sein.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, ich habe ja eben gesagt, im – was hatte ich gesagt?

 

Staatsanwalt Vogel:

August.

 

Zeuge Henry Storch:

August. Ja August, September, also da will ich mich nicht festlegen.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Sie hatten früher in der Vernehmung mal gemeint, es sei schon im Frühjahr gewesen. Da war es also mit Sicherheit nicht.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, es war, im Spätjahr will ich nicht sagen, aber gegen August, September. Vielleicht irre ich mich da. Denn ich habe soviel gesehen im Laufe der Kriegsjahre wie jeder, daß ich mich dafür nicht verbürgen kann, daß das nun ausgerechnet in dem Monat gewesen ist.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Also die Tatsache der Vergasung oder Ihre Kenntnis von dieser Vergasung, habe ich Sie richtig verstanden, das war nicht der Grund Ihres Weggangs aus Auschwitz?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich bin ursprünglich überhaupt nur nach Auschwitz gekommen, um die Apotheke einzurichten. Das hatte mir mein damaliger Vorgesetzter gesagt. Und ich habe ihn öfters gebeten, mich wegzunehmen. Und er hat mir gesagt, ich komme erst weg, wenn die Apotheke eingerichtet ist. Und nachdem die Apotheke fertig war, vielleicht vier oder sechs Wochen später, bin ich versetzt worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagten vorhin, die Leichen in dem Krematorium, also in dem alten, ehemaligen Munitionsbunker, die hätten Sie sich nicht angesehen, [+ die Leichen] der Häftlinge, die dort vergast worden sind. Aber haben Sie sich mal die Leichen angesehen von den Menschen, die in den Kellerräumen gelegen haben? Da wurden Sie ja doch extra hingeschickt, um festzustellen, ob die Räume gasfrei sind. Sie hätten also eher doch Anlaß gehabt, sich diese Leichen mal zu betrachten.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich bin an den Leichen vorbeigegangen, aber ich habe keinen Grund gehabt, sie mir zu betrachten.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es war doch das erste Mal

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Es war mir unangenehm.

 

Staatsanwalt Vogel:

Daß Sie Menschen gesehen haben, die mit Zyklon B, wie sie wußten, vergast worden sind.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja. Aber ich bin

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Sie haben die also nicht näher in Augenschein genommen?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein. Ich bin kein Wissenschaftler.

 

Staatsanwalt Vogel:

Na ja, auch als Apotheker hätte man das ja mal

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Nein. Das war mir viel zu unangenehm, als daß ich daran interessiert sein konnte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, sahen die Leichen besonders schreckerregend aus, weil Sie sagen, das war Ihnen viel zu unangenehm, das näher zu betrachten?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich mag nicht gern Tote, noch dazu, die auf diese Art und Weise zu Tode gekommen sind.

 

Staatsanwalt Vogel:

Na, wer mag das schon, aber Sie hätten

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Eben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben es nicht betrachtet?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein. Ich bin nur dran vorbeigegangen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wissen Sie noch, in etwa, haben Sie noch eine ungefähre Vorstellung, wie viele Menschen dort lagen in den Kellerräumen?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, das weiß ich nicht, könnte ich auch annähernd nicht angeben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, waren es nur Dutzende, oder waren es Hunderte, oder waren es 1.000?

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Hunderte sicher nicht und Tausende auch nicht. Dann möchte ich schon sagen, wenn Sie Wert darauf legen, daß ich mich auf eine Zahl festlege, es wären Dutzende.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich lege keinen Wert darauf, daß Sie sich auf irgend etwas festlegen. Ich möchte wissen, ob Sie noch

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Ja, dann möchte ich mich auch nicht festlegen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ob Sie noch eine Vorstellung haben, wie viele Leichen da lagen.

 

Zeuge Henry Storch:

Wie sie lagen, ja, aber wie viele nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie viele.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein, davon habe ich keine Vorstellung.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es gibt Zeugen, die davon erzählt haben, daß es mehrere hundert waren.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich kann dazu nichts sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie können dazu nichts sagen. Und haben Sie in irgendeinem Zusammenhang damals etwas davon gehört oder sich Gedanken darüber gemacht, wer bei dieser Vergasung beteiligt war?

 

Zeuge Henry Storch:

Wie meinen Sie, als Objekt oder als Subjekt?

 

Staatsanwalt Vogel:

Zunächst mal als Objekt.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich weiß das nicht mehr. Vielleicht habe ich das gewußt. Das wird wahrscheinlich der Sturmbannführer Popiersch mir auch gesagt haben, der ehemalige Sturmbannführer Popiersch, was das war, was das für Menschen waren. Aber ich kann das nicht sagen, ich weiß das nicht mehr.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wer hatte denn damals im Lager, bevor vergast wurde, mit Zyklon B zu tun?

 

Zeuge Henry Storch:

Wie ich vorhin schon sagte, IVa.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich meine jetzt nicht die Beschaffungsstelle, sondern wer hat dieses Zyklon B verwandt?

 

Zeuge Henry Storch:

Sie meinen persönlich?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Na, gab es Desinfektoren im Lager?

 

Zeuge Henry Storch:

Das wird es wohl gegeben haben, aber die hatten mir

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Herr Storch, Sie hatten immerhin früher in Ihrer Vernehmung da etwas genauere Angaben machen können. Ich möchte Sie doch bitten, zu versuchen, Ihr Gedächtnis, so gut es Ihnen möglich ist, etwas anzustrengen.

 

Zeuge Henry Storch:

Ich glaube nicht, daß ich über Desinfektoren etwas ausgesagt habe.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie in Ihrer früheren Vernehmung gesagt, daß einige Leute einen Sonderlehrgang wegen des Umgangs mit Zyklon B mitmachen mußten.

 

Zeuge Henry Storch:

Das stimmt, das habe ich gesagt, der fand in Berlin

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Das haben Sie gesagt. Würden Sie das heute auch noch sagen?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich weiß, daß in Berlin Kurse stattgefunden haben, um mit diesem Gas Entwesungen vornehmen zu können. Denn es war ja immerhin ein gefährliches Gas. Und der damit vorgeht, der muß etwas darüber Bescheid wissen. Aber ich weiß

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Und wer war das im Lager, der damit Bescheid wußte?

 

Zeuge Henry Storch:

Das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie das nie erfahren, oder wissen Sie es heute nur nicht mehr?

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Nein, das habe ich nie erfahren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke, ich habe dann keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wußten Sie wenigstens, ob es sich um Sanitätsdienstgrade handelte? Oder ob es sich um Ärzte oder ob es sich um sonstige SS-Leute handelte?

 

Zeuge Henry Storch:

Um Ärzte ganz bestimmt nicht. Ich glaube, daß ein Sanitätsdienstgrad auch zu der damaligen Zeit das mitgemacht hat, in Berlin. Aber [Pause] wer das war, wie der hieß, das weiß ich nicht mehr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bedeutet es Ihnen eine Gedächtnisstütze, wenn ich Ihnen sage, nach der Bekundung anderer Zeugen an dieser Vergasung, wo Sie also haben feststellen müssen, ob noch Gerüche wahrnehmbar sind, daß dieser Vergasung russische Kriegsgefangene und Häftlinge aus dem Häftlingskrankenbau zum Opfer gefallen sein sollen?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich weiß das nicht. Russische Kriegsgefangene waren damals in dem Lager, um diese Zeit, glaube ich. Und extra war ein Zaun gezogen, und die russischen Kriegsgefangenen waren für sich da untergebracht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und Sie sprachen von solchen Uniformen, die Sie da gesehen haben an den Toten. Können das russische Uniformen gewesen sein?

 

Zeuge Henry Storch:

Die waren so in der Farbe so etwas dunkler, wie sie im Reichsarbeitsdienst getragen wurden, ja. So was Bräunliches.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ist etwa davon gesprochen worden, daß da deutsche Soldaten vergast worden sind?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein. Es ist überhaupt nicht davon gesprochen worden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na.

 

Zeuge Henry Storch:

Wir haben uns persönlich grundsätzlich über so was nicht unterhalten. Ich sagte ja schon, es ging alles unter »Geheime Reichssache«.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, geheim war schließlich alles, was mit dem Konzentrationslager zusammenhing.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, aber damals war »Geheime Reichssache« noch eine Verpflichtung für viele Leute.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na ja, gut. Nun, Herr Zeuge, war der Doktor Popiersch Standortarzt?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, Standortarzt war er.

 

Staatsanwalt Kügler:

Standortarzt. Und welcher Abteilung gehörte denn damals der Standortarzt an? Also Sie sprachen von der Abteilung IV. Das ist die Standortverwaltung nach

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

IVb ist das. Nein, alles was mit Sanität zu tun hat, ist IVb. So eine Standortverwaltung gibt es im Kriege in jedem größeren Ort.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Henry Storch:

Nicht eine Standortverwaltung, sondern einen Standortarzt. Und das ist immer der dienstälteste Arzt, der anwesend ist.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ja. Also das gehörte damals zu Ihrer Zeit zur Abteilung IVb, wie Sie sagen.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daß sich das später geändert haben könnte, wissen Sie nicht. Daß das Abteilung V wurde?

 

Zeuge Henry Storch:

Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das wissen Sie nicht. Nun, kann es richtig sein, daß der eine österreichische Arzt Doktor Meyer hieß, der damals mit den anderen Ärzten dort war?

 

Zeuge Henry Storch:

Doktor Meyer? Kann ich nicht

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht mehr. Nun, sagen Sie doch einmal, als Sie in dem Leichenraum im Krematorium die Leichen sahen nach einer Vergasung, wo die Tür offenstand, da sagten Sie, die seien nackt gewesen. Waren das Männer, Frauen und auch Kinder?

 

Zeuge Henry Storch:

Das waren nur Männer.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das waren nur Männer, Ihrer Erinnerung

 

Zeuge Henry Storch [unterbricht]:

Das ich gesehen habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Kennen Sie den Angeklagten Klehr hier, der damals Sanitätsdienstgrad in Auschwitz war?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich weiß es nicht, den Namen kenne ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

An den Namen können Sie sich nicht mehr erinnern.

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond. Der Zeuge ist benannt gegen den Angeklagten Breitwieser, den Sie ja nicht angeklagt haben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nein. Aber ich hätte Fragen, die nichts mit Breitwieser zu tun haben.

 

Vorsitzender Richter:

So. Na, bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben früher einmal erklärt, daß es sich bei den Toten bei der ersten Vergasung um polnische Kriegsgefangene gehandelt habe. Erinnern Sie sich daran?

 

Zeuge Henry Storch:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich halte Ihnen vor, Seite 8.217, daß Sie gesagt haben – so lange ist die Vernehmung nämlich gar nicht zurück, sie war im Jahr 61: »Soweit ich mich erinnern kann, handelte es sich bei den Toten um polnische Kriegsgefangene, die noch vollständig bekleidet waren.«5

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, ich habe das auch nicht bestritten jetzt eben, daß das Polnische gewesen sein können. Ich kann aber nicht mit gutem Gewissen sagen, daß es Polnische waren. Ich habe die Uniform genannt, die die anhatten. Wenn ich mich nicht irre, hatten die Polen etwa ähnliche Uniformen an wie die Russen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann wegen der Zahl, Herr Zeuge, haben Sie zwar auch damals erklärt, Sie könnten sich nicht festlegen, Sie haben aber dann gesagt, es waren aber bestimmt über 100 Menschen.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja, eben habe ich gesagt, es wären mehrere Dutzend gewesen. Acht mal zwölf sind 96.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, dann pflegt man aber doch nicht in Dutzenden zu sprechen, nicht?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich wurde gefragt eben durch den Herrn Vorsitzenden: Hunderte, Tausende oder Dutzende?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Und bei der zweiten Vergasung, die erheblich mehr Menschen zum Opfer hatte, wie würden Sie da sagen, wie viele das ungefähr waren, wenn Sie in derselben Begriffsbestimmung sich ausdrücken?

 

Zeuge Henry Storch:

Das waren eiserne Türen rechts, die diesen Raum abschlossen. Und die waren auf, und vielleicht sind die Toten rausgefallen, wie die Tür aufgemacht wurde. Ich weiß das nicht. Und wenn das so gewesen ist, daß die aus dem Grunde vor der Tür lagen, wenn der Raum sehr voll gewesen ist, dann sind wohl schon mehrere hundert drin gewesen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha, das haben Sie auch früher gesagt. Danke schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von seiten der Verteidigung, Herr Rechtsanwalt Steinacker? Ach so, Verzeihung, Breitwieser, keine Fragen für Breitwieser zu stellen? Wird eine Erklärung gewünscht von seiten der Angeklagten oder eine Frage noch? Nicht mehr. Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Storch, Sie kamen von Auschwitz dann nach Dachau?

 

Zeuge Henry Storch:

Um einen Kollegen zu vertreten für einige Wochen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das war also wieder ein Konzentrationslager.

 

Zeuge Henry Storch:

Für einige Wochen, um einen Kollegen zu vertreten. Der Posten war nicht besetzt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und das war die Apotheke im Lager?

 

Zeuge Henry Storch:

Da war die im Lager.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie kamen Sie denn aus dem Konzentrationslagerzyklus überhaupt raus?

 

Zeuge Henry Storch:

Vorhin habe ich schon gesagt, mein damaliger Chef hat mir gesagt: »Sie kommen nach Auschwitz, um die Apotheke einzurichten. Und dann kommen Sie zur Truppe.« Es wollte doch jeder zur Truppe, auch wenn man Apotheker war. Das war doch das Bestreben eines jeden damals.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, ich höre das von Ihnen. Und wie kamen Sie zur Truppe?

 

Zeuge Henry Storch:

Eben, ich hatte meinen Auftrag erfüllt, die Apotheke war in Auschwitz eingerichtet, dann mußte ich noch nach Auschwitz für einige Wochen, um einen Kollegen zu vertreten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Noch nach Dachau.

 

Zeuge Henry Storch:

Nach Dachau. Und dann kam ich zur Truppe.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da kamen Sie ohne weiteres zur Truppe?

 

Zeuge Henry Storch:

Ohne weiteres zur Truppe. Es war mir ja zugesagt worden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Es war Ihnen zugesagt worden.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie hatten also von vornherein keinen Zweifel darüber gelassen, daß Sie nicht ständig im Konzentrationslager tätig sein wollten?

 

Zeuge Henry Storch:

Ich wußte von vornherein, daß ich nur vorübergehend da sein würde.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind, ist der Zeuge zu beeidigen. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie den Eid in bürgerlicher oder religiöser Form leisten? Wie es üblich ist.

 

Zeuge Henry Storch:

Ja.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Häftlingen oder sonst derartigen

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Abteilung IV: Verwaltung.

2. Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höß. Eingeleitet u. kommentiert von Martin Broszat. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1958: München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1963.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 29.03.1961 in Bochum, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.219.

4. Block 28.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 29.03.1961 in Bochum, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.217.

 

 
 
 
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