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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

140. Verhandlungstag, 4.3.1965

 

Vernehmung des Zeugen Zeew Steinfeld

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß ich] Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich habe nichts dagegen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann Sie nach Auschwitz gekommen sind?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Anfang November. Ich glaube, das könnte der 6. oder 7. November gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

1943?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

1943.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich bin von Bochnia-Ghetto nach Trzebinia überstellt worden. Dann, nach zwei Monaten, wurde ich nach Auschwitz deportiert.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben in Bochnia gewohnt?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Am Anfang war ich in Krakau, im Jahre 40 bin ich nach Bochnia, im Jahre 43 im Sommer nach Trzebinia und im November nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wurden verhaftet, weil Sie Jude waren?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst lag nichts gegen Sie vor?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Insbesondere keine politischen Gründe?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann am 6. November 1943 nach Auschwitz gekommen und wurden ebenfalls, wie aus dem Beweisantrag hervorgeht, dieser Gruppe zugeteilt, die für die Firma Siemens-Schuckert arbeitete?1

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich war in der ersten Zeit auf der Quarantäne. Und dann, nach ungefähr zwei Wochen, habe ich Prüfungen gemacht, theoretische Prüfungen und praktische Prüfungen, und wurde ausgewählt mit den Leuten, die für Siemens arbeiten sollten.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie dann hin verlegt?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

In Block 11 im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Block 11 im d-Lager?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Im d-Lager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dora. Waren da noch mehr Leute von diesem Kommando Siemens-Schuckert, die dorthin kamen, nach 11?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Mit mir sind ungefähr zehn oder zwölf Leute rübergegangen. Wenn ich mich nicht irre, waren schon etwa zehn oder 15 Leute drin.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie damals auch den Herrn Preston kennengelernt? Der hieß damals noch nicht Preston, sondern Pryszkolnik oder so ähnlich.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nach den Familiennamen habe ich nur meine engen Freunde kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, er heißt George mit Vornamen. Georg.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

George habe ich gekannt, als George.

 

Vorsitzender Richter:

Und ebenso den Herrn, der eben hier war, Arthur Woloski?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja, den habe ich nicht nach dem Namen [+ gekannt]. Aber sobald ich ihn gesehen habe, habe ich ihn sofort erinnert. Ich wußte nie seinen Namen.

 

Vorsitzender Richter:

Hier haben Sie ihn heute wiedergesehen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben sich an ihn erinnert?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, ob diese beiden Herren zusammen mit Ihnen in dieses Lager, Block 11, gekommen sind?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das kann ich nicht genau wissen, ob sie mit mir zusammen an diesem Tag [+ gekommen sind]. Während einiger Wochen hat sich diese erste Gruppe in Block 11

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gebildet.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Gebildet.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wie lang Sie dort geblieben sind?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

In Block 11 waren [+ wir] bis Frühling 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Frühjahr 1944. Wissen Sie, ob Sie zusammen mit diesen beiden Zeugen, die wir heute hier hatten, nach Bobrek gekommen sind?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ob ich mit denen zusammen nach Bobrek gekommen bin?

 

Vorsitzender Richter:

An einem Tag?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja. Ich glaube, ja. Wir sind fast alle – ich glaube, alle sind wir nach Bobrek an einem Tag geführt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge Preston, also George, den wir heute vernommen haben, der hat uns gesagt, er wisse nicht mehr genau – weil er in einem Krankenbau gelegen hätte an Fleckfieber –, ob er direkt nach Bobrek gekommen sei von diesem Krankenbau oder ob er erst noch einmal nach dem Block 11 gekommen sei. Können Sie sich daran erinnern?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein. Ich könnte mich auch nicht erinnern. Denn wie in jedem Fall sind es einige gute Freunde, mit denen man die ganze Zeit in Kontakt ist. Und von den anderen weiß man nicht jeden Tag, was mit denen geschehen ist. Und ich war mit dem George nicht in so einem engen Kontakt, daß ich es wüßte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wer war denn der Blockälteste in Block 11?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Emil Bednarek.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie seinen vollen Namen, und wieso können Sie uns das überhaupt mit solcher Bestimmtheit sagen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Denn der Name war doch im Block wohlbekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Der Name war im Block wohlbekannt?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Es wird behauptet von seiten der Verteidigung, Sie wüßten etwas und könnten bekunden, daß der Emil Bednarek den Ruf eines strengen, aber gerechten Blockältesten genoß und daß Ihnen Mißhandlungen von Angehörigen der Strafkompanie durch den Angeklagten Bednarek nicht bekannt seien.2 Wissen Sie da etwas? Können Sie etwas davon sagen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Daß er streng war, da weiß ich Bescheid. Ich möchte aber wissen, was »gerecht« bedeutet?

 

Vorsitzender Richter:

Daß er zum Beispiel niemand geschlagen hat, der nicht irgendein Delikt begangen hat.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das kann ich aber nicht sagen. Ich habe gesehen, wie der die Leute geschlagen hat. Warum er sie geschlagen hat, das kann ich doch nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Wissen Sie zum Beispiel, ob Bednarek auch sogenannten »Sport« hat treiben lassen oder »Gymnastik«, wie das der vorige Zeuge genannt hat?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das habe ich schon sehr viele Male mitgemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Selbst mitgemacht?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da alle Angehörigen vom Block 11 beteiligt oder nur diejenigen, die für die Firma Siemens- Schuckert ausgesucht waren?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Es wurden alle beteiligt, die im Block geblieben sind.

 

Vorsitzender Richter:

Alle, die im Block blieben.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Auch die Leute, die von diesem Strafkommando geblieben sind, wurden beteiligt am »Sport«.

 

Vorsitzender Richter:

Die also nicht mit zur Arbeit gegangen sind?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte dieser »Sport« irgendeine Veranlassung, ich will mal sagen, daß das so eine Art Strafe war dafür, daß irgend etwas vorgekommen war, was verboten war?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Es gab zwei Arten »Sport«. Gewöhnlicher Sport – wenn wir nicht zur Arbeit gegangen sind, sind wir auf den Hof geschickt worden, und da sind wir hin und her spaziert. Und da kam sein Befehl, sich zum »Sport« in die Reihe zu stellen. Und da fing es an mit dem »Sport«.

Der »Strafsport« war aus besonderen Gründen. Zum Beispiel kam einmal am Abend Bednarek mit seinem Stock und [+ rief]: »Alle raus! Alle raus! Binnen zwei Minuten sind alle raus!« Das ging auch mit dem Stock auf die Leute, die laufen müssen, um hinauszugehen. Und dann fing man den »Sport« an, den »Strafsport« mit Hüpfen, Kniebeugen, Hüpfen, in den Schnee, ins Wasser, Herumdrehen. Und immer mit dem Stock und mit verschiedenen Stöcken von Schaufeln auf den Kopf und auf den Körper geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Von Bednarek aus?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Von Bednarek aus.

 

Vorsitzender Richter:

Was war nun die Veranlassung zu dem sogenannten Strafsport, von dem Sie eben sprachen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das weiß ich bis zum heutigen Tage nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie bis zum heutigen Tage nicht. Waren da alle beteiligt, auch die Leute, die in der Strafkompanie waren, in der SK waren?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich glaube, das war damals: »Alle Juden raus!«

 

Vorsitzender Richter:

Alle Juden?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

»Alle Juden raus!«

 

Vorsitzender Richter:

»Alle Juden raus«, hieß es?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die andere Art von »Sport«, die Sie am Tag über mitmachten, spielte die sich auch so ab?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Die spielte sich normalerweise so ab: Gymnastik, Marschieren, Lieder singen, Kniebeugen, schnell, und Hüpfen. Also es war kombiniert Gymnastik mit den Strafsachen, die man immer gemacht hat.

Und es waren manche Fälle da, und auch viele dabei, daß Leute die Gymnastik oder das Hüpfen nicht so mitgemacht haben. Immer hat es mit dem Stock

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Geschlagen.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Dann hinunter.

 

Vorsitzender Richter:

In welcher Sprache hat denn Bednarek mit Ihnen gesprochen? Deutsch?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Deutsch und Polnisch.

 

Vorsitzender Richter:

Und Polnisch. Sagen Sie, ist Ihnen ein Fall in Erinnerung, daß ein Mensch dabei zu Tode gekommen ist, wenn so »Sport« getrieben wurde und geschlagen wurde?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Beim »Sport« weiß ich von so einem Falle, bei dem ich dabei war, nicht. Ich weiß von einem Falle, wo ich nicht im Lager war, sondern bei der Arbeit. Und als ich zurückkommen bin, hat man erzählt, daß jemand beim »Sport« erschlagen wurde.

Es gab Tage, an denen nicht alle im Block geblieben sind. Ein Teil von den Leuten ist zum Holzschneiden gegangen an eine andere Stelle im Lager. Und da war ich mit dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie mit dabei?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also in der Zeit, vordem Sie in Bobrek beschäftigt waren.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja, das war in der Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sind Sie am Abend zurückgekommen und haben gehört, es sei ein Mensch beim »Sporttreiben« zu Tode gekommen.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Selbst gesehen haben Sie es nicht.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein, habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie überhaupt nicht gesehen, daß einmal ein Mensch totgeschlagen worden ist oder sonst irgendwie getötet worden ist?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das habe ich ja gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn da gesehen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich bin in einer Nacht erwacht, als ich Schreie gehört habe. Und da sah ich auf dem Ofen einen Mann stehen, er war Zigeuner, von dem Strafkommando. Und daneben stand der Bednarek und schlug ihn mit dem Stock hin und zurück, immer wieder und wieder.

Die Sache, warum dieses Bild so in meinem Gedächtnis geblieben ist: Ich habe einen Mann gesehen in einer Stellung mit einer Hand vor dem Kopf, und mit der zweiten Hand hat er Brot in den Mund gesteckt und gegessen. Der wurde geschlagen, und er hat immer noch sein Brot gegessen. Und er hat das Brot nicht verlassen. Der wurde auf den Kopf und auf den ganzen Körper geschlagen. Dann ist er auf dem Ofen hinuntergerutscht und wurde auch noch weiter geschlagen, bißchen geschrien, immer leiser, bis er überhaupt aufgehört hat zu schreien. Und dann hat Bednarek gerufen zu den Stubendiensten: »Heraus mit dem!« Und er wurde auf den Hof hinausgeschmissen. Und mehr habe ich ihn nicht gesehen. Ich glaube, es war ein Zigeuner.

 

Vorsitzender Richter:

Lag er am nächsten Morgen noch auf dem Hof? War er tot?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Auf den nächsten Morgen auf dem Hof kann ich mich nicht erinnern, was mit ihm war. Ich weiß, daß er tot war. Ich habe nicht in Erinnerung, ob ich ihn gesehen habe oder man ihn schon weggenommen hatte. Ich glaube, ich habe ihn wohl gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Sie glauben...

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich glaube, ich habe ihn wohl gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wohl gesehen am nächsten Tag?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und woher wissen Sie, daß er tot war? Sie sagten: »Ich weiß, daß er tot war.«

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich weiß, daß er ohne — bez poruszania.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Daß er sich nicht mehr bewegt hat.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ohne Bewegung auf dem Ofen geblieben ist. Und man hat ihn als so ein Paket nach draußen hinausgeschmissen. Ich bin nicht hingegangen zu ihm, ich war auf meiner Pritsche und hatte geschlafen und habe das angeschaut.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Wenn er [ohnmächtig] draußen in der Nacht rausgeschmissen wurde, und er blieb draußen die ganze Zeit und kam nicht daraus heraus, ist es ja logisch, daß er tot war.

 

Vorsitzender Richter:

War da bei Bednarek noch ein anderer dabei, vielleicht ein SS-Mann?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein, es war kein SS-Mann in dem Block. Das war in der Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

In der Nacht. [Pause] Und warum das Ganze sich abgespielt hat und was da vorgelegen hat, das wissen Sie nicht, oder doch?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Man hat erzählt am nächsten Tag, daß der Mann Brot gestohlen hat. Wahrscheinlich war das Brot, was er gegessen hat dabei, gestohlen. Aber das ändert nicht diese Sache, daß er getötet wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das der einzige Fall, den Sie wissen, in dem Bednarek jemand totgeschlagen hat?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das ist der einzige Fall, den ich gesehen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Den Sie gesehen haben.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich weiß von einem zweiten Fall, in dem Bednarek einen Menschen getötet hat. Das war an einem Abend, bevor wir schlafen gingen. Da lief ein Mann von Bednareks Stube, und Bednarek lief ihm nach, [+ hat ihn] mit einem Stock geschlagen und ist ihm nachgelaufen auf den Hof. In dem Hof gingen die Schläge weiter, und wir hörten das Geschrei des Mannes. Wir saßen auf den Betten, und die Leute, die nahe an der Tür waren, haben wir immer [gefragt], was ist denn los draußen. Und da wurde gesagt, daß geschlagen wird. Dann wurde gesagt, daß er in die Dusche [gebracht] worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Waschraum?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das war der Waschraum. Und daß er kalt geduscht worden ist. Und das war ein altbekanntes System in dem Block, Leute zu duschen und draußen hinzustellen. Und dann sagte man, daß man ihn wieder von der Dusche hinausgenommen hätte, wieder geschlagen und dann wieder in die Dusche hinein. Den nächsten Morgen habe ich gehört, daß der Mann tot ist.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten eben, das war ein altbekanntes System. Was war das für ein altbekanntes System? Wieso war das altbekannt? Was wissen Sie darüber?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich weiß darüber, sobald ich in den Block gekommen bin, habe ich schon davon gehört, daß es eine übliche Weise ist, Leute zu bestrafen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Leute kalt abzuduschen und dann ins Freie zu stellen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja. Und während meiner Zeit waren einige Fälle, wo ich dabei war, daß Leute abgeduscht worden sind und hinausgestellt worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das gesehen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja, das habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat das veranlaßt? Auch der Bednarek?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das hat der Bednarek persönlich veranlaßt.

 

Vorsitzender Richter:

Bednarek persönlich. Und war das im Sommer oder im Winter?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das war im Winter. Die Zeit, als ich in dem Block war, war doch von November bis Frühling, nur die Winterzeit.

 

Vorsitzender Richter:

Ist richtig, ja. Und haben Sie sich persönlich davon überzeugen können, ob die Leute dann erfroren sind da draußen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

In diesen Fällen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

In diesen Fällen nicht. [Pause] Ich habe keine Fragen mehr. Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Steinfeld, Sie sprachen vorhin vom Strafkommando.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Richter Hotz:

Wie haben Sie denn damals gesagt, als Sie in Block 11 waren? Auch Strafkommando, oder haben Sie eine Abkürzung gebraucht?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich war in der Siemens-Gruppe, die in Block 11 war. Und der Block 11 war auch das Strafkommando. Wir waren eine separate Gruppe, die in dem Block gewesen ist, und waren Insassen des Blockes, sind aber nicht zu der Arbeit mit dem Strafkommando gegangen.

 

Richter Hotz:

Das ist uns bekannt. Mir geht es nur um die Bezeichnung. Sprachen Sie damals von Strafkommando oder von SK beispielsweise?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Strafkommando, ja. Das ist SK.

 

Richter Hotz:

Hieß das nicht Strafkompanie?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Wir haben Strafkommando, Strafkompanie genannt. Nein, Strafkommando war das Kommando, das draußen zur Arbeit gegangen ist.

 

Richter Hotz:

Ja und

 

Zeuge Zeew Steinfeld [unterbricht]:

Das dürfte wahrscheinlich als Strafkompanie bezeichnet werden. Aber das war ein und dasselbe.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten des Gerichts noch Fragen? Von seiten der Staatsanwaltschaft? Herr Rechtsanwalt Ormond, Herr Rechtsanwalt Raabe? Herr Rechtsanwalt Doktor Eggert, Sie haben den Zeugen benannt.3 Der Angeklagte Bednarek?

 

Angeklagter Bednarek:

Ich habe schon vorhin gesagt, Herr Präsident, daß ich keinen Menschen totgeschlagen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja aber Bednarek, sehen Sie mal, die Zeugen belasten doch sonst niemanden. Zum Beispiel haben wir doch heute vormittag verschiedentlich gehört, daß die Zeugen gesagt haben, daß zum Beispiel die Mitarbeiter und die Angestellten der Firma Siemens und Schuckert, die mit Ihnen zusammengearbeitet haben, sich sehr ordentlich und anständig mit den Gefangenen befaßt haben. Sie belasten nicht jeden, der mit Ihnen in Verbindung gekommen ist.

Warum sollen denn die Leute ausgerechnet einen Häftling selbst belasten? Ich meine, Sie sind doch nun einmal auf seiten der Gefangenen gewesen. Woraus würden Sie erklären, wenn das alles nicht wahr ist, daß alle Leute sich nun zusammengetan hätten, um ausgerechnet Sie zu belasten?

 

Angeklagter Bednarek:

Leicht erklärlich ist es heute, Herr Präsident, wenn ein Fall vorgeworfen wurde oder ein Name bekannt ist, wird dieser Name dann belastet. Übrigens kann ich mir nicht vorstellen, Herr Präsident, daß diese Leute, die zum Siemens-Kommando zur Erholung kommen sollten, zur Erholung auf Block 11 gekommen sind und jetzt diese Sachen da, das Gegenteil beweisen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Bednarek, erstens einmal haben es ja nicht nur die Zeugen heute, sondern neulich schon der Zeuge Schaffer behauptet. Zweitens einmal hat uns der Oberingenieur von Siemens-Schuckert gesagt, daß er darauf gedrungen hätte, die Leute sollten abgesondert untergebracht werden, damit sie sich bis zu ihrer Arbeit in der Fabrik etwas erholen könnten.

Und nun sagen Sie anfänglich: »Es ist nicht wahr, daß die Leute bei mir untergebracht waren in meinem Block.« Und dann beantragen Sie, die Leute zu vernehmen zum Beweis dafür, daß Sie sich den Leuten gegenüber anständig benommen hätten. Also ich meine, da stimmt doch irgendwas nicht.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, ich habe behauptet, daß ein Siemens-Kommando, von dem ich als Blockältester nichts wissen konnte... Ich habe doch kein Interesse, für Kommandos mich zu interessieren. Daß die Leute am Block gewesen sein konnten, dem habe ich nicht widersprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber sehen Sie mal, die Leute brauchten doch nicht zur Arbeit zu gehen. Und der Zeuge Preston, der hat uns vorhin gesagt, Sie hätten offensichtlich davon erfahren, daß sie zu einem besonderen Kommando gehörten, denn Sie hätten gesagt: »Ihr seid bessere Leute, ihr braucht nicht zu arbeiten. Aber ich habe schon die Möglichkeit, eure Gesundheit zu erhalten.« Und dann hätten Sie mit diesen Leuten den sogenannten »Sport« getrieben oder die »Gymnastik«, wie der Mann sich heute morgen ausgedrückt hat.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, mit diesen Worten ist keiner an mich herangetreten, und ich habe auch zu keinem diese Worte geäußert.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wollen Sie denn auch bestreiten, daß Sie, wie auch jetzt der Zeuge [+ es sagt] – er ist ja nicht der erste, der das bekundet –, daß Sie im Winter Häftlinge abgeduscht haben und dann in der Kälte haben stehenlassen?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist denn das auch nicht wahr?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein, Herr Staatsanwalt, wir haben keine Brausen gehabt am Block.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das muß ja keine Brause sein. Das kann man ja auch anders machen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Schlauch kann man das ja auch machen.

 

Angeklagter Bednarek:

Wir haben auch keinen Schlauch gehabt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Auch keinen Wassereimer?

 

Angeklagter Bednarek:

Wasser haben wir gehabt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und Sie haben das

 

Angeklagter Bednarek [unterbricht]:

Aber der Zeuge hat gesagt, abgeduscht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Man kann auch mit einem Eimer Wasser eine Dusche verabreichen.

 

Angeklagter Bednarek:

Das habe ich nicht getan.

 

Staatsanwalt Vogel:

Auch das nicht?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, waren denn in diesem Waschraum Duschen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja. Ich glaube, wenn das Auschwitz-Lager so geblieben ist, wie es war, könnte man es finden.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, der Teil ist nicht mehr erhalten. Aber Sie können sich bestimmt darauf erinnern, daß sogar Duschen angebracht waren, daß man nicht etwa mit dem Schlauch jemand abspritzte, sondern daß Duschen angebracht waren, wo man die Leute richtiggehend abduschen konnte?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Es war in dem Hof an der Seite ein kleines Gebäude, wo die Toiletten und der Waschraum waren. Und da waren Duschen da.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Duschen da?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja. Ich bin jeden Abend meine Zähne putzen gegangen. Da weiß ich Bescheid.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Bednarek, ist nicht mal ein Zeuge hier gewesen, der bekundet hat, daß er öfters zu Ihnen in den Block 11 gegangen ist, um sich dort zu duschen? Ich komme im Augenblick nicht auf den Namen. Aber ich erinnere mich sehr genau, daß das ein Zeuge hier gesagt hat.

 

Angeklagter Bednarek:

Jawohl. Ich kann mich an diesen Zeugen erinnern.

 

Richter Hotz:

Ja, und der hieß wie?

 

Angeklagter Bednarek:

Das stimmt nicht, daß der Zeuge

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Das stimmt auch nicht?

 

Angeklagter Bednarek:

Daß der Zeuge überhaupt bei mir am Block war.

 

Richter Hotz:

Der war nicht an Ihrem Block?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein.

 

Richter Hotz:

Es gab auch keine Duschen dort?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein. Der konnte auch nicht

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Der Zeuge kann sich auch bei Ihnen nicht geduscht haben?

 

Angeklagter Bednarek:

Dieser Zeuge, der das geäußert hat, war im Winter da. Und im Winter gab es weder an den Kränen Wasser noch sonstwo. Im Winter mußten wir ja außerhalb des Blocks uns waschen gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Tja.

 

Angeklagter Bednarek:

Darf ich noch...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Angeklagter Bednarek:

Der Zeuge hat behauptet, da wäre Warmwasser, warmes Wasser. Haben wir am Block warmes Wasser? Darf ich fragen, Herr Präsident, den Zeugen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, verzeihen Sie, ich habe von warmem Wasser hier nichts gehört.

 

Angeklagter Bednarek:

Nein, dieser Zeuge, der das damals geäußert hat.

 

Vorsitzender Richter:

Damals, ja.

 

Angeklagter Bednarek:

Der gekommen ist. Er hat gesagt, er ist zu mir baden gekommen, weil dort eine Warmwassereinrichtung war. So hat er behauptet. Wir haben...

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch ab und zu warmes Wasser da gehabt, wenn irgendwelches Baden vorgeschrieben war?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

An dem Block kann ich mich an kein warmes Wasser erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können sich nicht an warmes Wasser erinnern?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein. Es ist möglich, wie es manchmal war, daß Prominente ihre besonderen Sachen hatten. — Urzadzenia.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Vorrichtungen.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ihre besonderen Vorrichtungen hatten. Möglich, daß es so war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also Bednarek, der Zeuge Ruprecht, der hat seinerzeit ausgesagt: »Bei der Waschgelegenheit war auch eine Brause.«

Dieser Zeuge hat ja seinerzeit für Sie gut gesprochen. Er hat gesagt: »In meinen Augen war Bednarek ein sehr anständiger Mensch.« Also er hat Sie nicht belastet. Aber er hat nur ausgesagt, daß er nicht gesehen hätte, daß Sie irgendwelche Häftlinge geschlagen oder mißhandelt hätten und daß der Zeuge mit Ihrer Erlaubnis sich im Block 11 öfter hätte baden können. Dort sei eine Waschanlage gewesen, die Sie selbst mit Häftlingen gebaut hätten.

 

Angeklagter Bednarek:

Nein, Herr Präsident, im kalten Wasser hätte er sich nicht gebadet, da hat er eine bessere Möglichkeit gehabt. Also damals, das wußte ich schon, wie der Zeuge ausgesagt hat. Und Warmwasser haben wir nicht gehabt. Und wenn wir Warmwasser gehabt hätten, dann hätten vielleicht mehrere Zeugen hier schon ausgesagt, daß wir warmes Wasser gehabt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Also ich kann mich nicht darauf entsinnen, daß er was von warmem Wasser gesagt hat. Das ist mir neu.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, darf ich noch mal?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja.

 

Angeklagter Bednarek:

Er hat ausdrücklich gesagt, er ist aus diesem Grunde gekommen, weil bei mir Warmwasser, warmes Wasser war. Das war im Winter, wie er das erzählt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Da kann ich mich nicht darauf erinnern. Ich bin aber gern bereit, die Aussage noch mal herauszuholen, um mich selbst zu vergewissern. Ich könnte es ja damals überhört haben. Aber ich glaube nicht, daß ich das getan habe.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, ich weiß es ganz genau, ich habe mich darauf gestützt. Ich war erstaunt, wie der sagen konnte, daß wir Warmwasser [+ gehabt hätten]. Wir haben ja im ganzen Lager kein warmes Wasser gehabt, außer in dem Waschraum.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Dann nehmen Sie Platz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich habe eine Frage an den Angeklagten Bednarek. Herr Bednarek, wer hat Sie eigentlich ausgewählt zum Blockältesten der Strafkompanie?

 

Angeklagter Bednarek:

Ich war strafweise versetzt auf Block 11. Zuerst war ich strafweise versetzt von Auschwitz nach Birkenau. Und in Birkenau ist dann der Lagerälteste [Pause] Danisch zu mir gekommen eines Abends und sagte zu mir: »Du übernimmst [+ Block 11].« Und zwar war das schon im Krankenbau, ich war damals typhuskrank.

Er ist gekommen und hat gesagt: »Du bist versetzt auf Block 11.« Ich habe mich geweigert, aber aus welchen Gründen [+ auch immer], ich habe den Befehl bekommen: »Du nimmst den Block 11.« Ich konnte nichts mehr machen, Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Was hat Ihnen denn der Danisch damals für Instruktionen gegeben über die Behandlung der Häftlinge?

 

Angeklagter Bednarek:

Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Zur Behandlung?

 

– Schnitt –

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

irgend mal einige Schläge, aber nicht richtig geschlagen worden. Es ist bei mir bestimmt keine Sache der Rache. Aber ich kann mich wohl erinnern, wenn ich jetzt die Stimme Bednareks gehört habe, wie er mit Vergnügen mit dem Stock auf dem Ofen hin und her, rumgegangen ist und Möglichkeiten dazu gesucht hat, um seine Tätigkeiten zu erfüllen. [Pause] Das war in keinem Falle Befehl, oder es war in vielen, vielen Fällen nicht nötig, um Ordnung zu halten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und diese Sache

 

Zeuge Zeew Steinfeld [unterbricht]:

Ich habe so viele Male nachgedacht, wieso könnte man das Leben so schwer machen ohne Gründe, ohne Logik, ohne etwas, was nötig ist. Das Leben ist doch schon schwer genug. Wozu muß man es noch mal schwerer machen?

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident!

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was ist?

 

Angeklagter Bednarek:

Ich möchte noch eins hier zu der Äußerung des Zeugen [sagen], und zwar folgendermaßen: Herr Zeuge, stellen Sie... Darf ich in diesem Sinne reden?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Zeuge, stellen Sie sich vor, Sie wissen es ja, Sie sind, wie Sie angeben, vom Siemens-Kommando. Also Sie waren anständige Leute, so wie Sie es hier behaupten. Aber Sie wissen doch ganz genau, daß in die SK die schlimmsten Leute aus dem Lager kamen. Nicht nur [+ welche, die] vielleicht mal, na, eine falsche Unterhaltung gehabt haben. Nein, es sind Leute gekommen... Sie wissen ja, was für Vergehen im Lager geschehen sind. Und es sind solche Häftlinge in die SK gekommen, von denen einer dem anderen das Letzte gestohlen hat. Ist Ihnen das bekannt oder nicht, daß die Häftlinge einer den anderen bestohlen haben? Wie sollte man sich dann dagegen wehren?

Darf ich, Herr Präsident, einen Fall noch dazu erwähnen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Bednarek:

Es war [Pause] 41, da war ich Blockältester auf [+ Block] 8. Das war an einem Samstag

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nicht auf 8a?

 

Angeklagter Bednarek:

8a, ja, ich möchte das verbessern. Und es war an einem Samstag. Wir haben vor dem Block Decken geklopft. Und ich habe auf meiner Stube gesessen, und das ist ein Häftling zu mir gekommen und sagte: »blokowy«, denn die haben mich blokowy genannt, »da hat mir einer Tabak und Brot gestohlen.« Ich sage so, wie ich dem Häftling geantwortet habe. Ich habe gesagt: »Herrgott, nein, laßt mich doch mal in Ruhe, und hebt euer Zeug auf.«

Freilich, die Leute hatten keine Schränke, die hatten keine Spinde, kein gar nix. Nur diese Taschen, die wir an den Mänteln gehabt haben.

Und dieser Häftling hat sich umgedreht und ist weggegangen. Ich bin aber dann, vielleicht nach ein paar Sekunden, auf die Stube gegangen und habe den Stubenältesten gefragt: »Was ist hier eigentlich los?« Dann sagt mir der Stubenälteste folgendermaßen: »Ja, ich bin gerade bei der Überprüfung, wer eigentlich das Brot diesem gestohlen hat. Aber wir kennen den Menschen, der Mensch ist uns schon bekannt. Nicht ihm wurde gestohlen, nur er hat schon mehrere Male gestohlen.«

Und auf einmal höre ich ein Geschrei im Lager. »Blockältester 8a!« Und ich bin runtergegangen, bin aus dem Haus rausgekommen vom Seiteneingang, denn die haben nur den Seitenausgang gehabt und -eingang. Und da steht der Lagerälteste Brodniewitsch auf der Lagerstraße und winkt mir zu. Ich bin zu ihm gerannt, und der Lagerälteste hat mir gleich zwei Faustschläge ins Gesicht gegeben und zwei Magenschläge. Und er sagte mir folgendes: »Schaffe Ordnung auf deinem Block, sonst gibt es für dich noch mehr.«

Ich habe gesagt: »Herr Lagerältester, wenn es um diesen Menschen geht, der hier steht, der hat mich hier unschuldig belastet. Er wollte nur vielleicht was herauspressen, daß ich ihm vielleicht was geben würde oder daß er vielleicht woanders was kriegen könnte. Und er hat keinen anderen Grund gehabt, weil er die ganze Stube rebellisch gemacht hat, ist er zu Ihnen gekommen.« Da hat mir der Lagerälteste gesagt: »Also gut, geh mal jetzt rauf auf den Block, und stell mal die Sache fest.«

Ich bin auf die Stube gekommen, und da habe ich der ganzen Stube gesagt: »Stellt euch vor, der Mann rennt zum Lagerältesten. Und der Lagerälteste hat mich geschlagen.« Dann hat der Stubenälteste gesagt: »Also jetzt wissen wir, wie weit wir mit diesen Menschen gehen sollen.«

Es war um die Mittagszeit. Ich konnte nichts mehr feststellen, weil Mittagausgabe war. Und während des Essens bin ich auf die Stube gegangen und habe diesem Häftling – der hat am Fußboden gesessen, weil wir keine Tische gehabt haben – gesagt: »Schämst du dich nicht? Zuerst belastest du andere Kameraden, dann gehst du zum Lagerältesten und beschwerst dich über mich?« Der hat damals vor allen auf der Stube kein Wort geäußert. Ich habe mich umgedreht und bin weggegangen und habe dem Stubenältesten einen Wink gegeben. Der Stubenälteste ist mir nachgegangen, und ich habe gesagt: »Paß auf auf diesen Burschen. Wenn mir noch mal so ein Fall vorkommt, sofort geht ihr als Zeugen zum Lagerältesten.«

So war es mit den Leuten. Die haben über die Nacht die Schuhe gestohlen, einer dem anderen. Wenn einer bessere Schuhe gehabt hat, der hat ihm die Schuhe gestohlen. Und früh kommt der Mitinsasse und sagt: »Blokowy, ja, soll ich barfuß gehen?« Wie oft mußte ich meine Schuhe abgeben. Oder sie haben die Knöpfe abgeschnitten, sind sie zur Blockführerstube gegangen, vom Mantel die Knöpfe über Nacht, zum Trotz dem anderen.

Oder sie sind mit den Schuhen vom Kommando gekommen. Da haben sie sich auf der Stube blutig geschlagen. Was sollte ich machen? Ich bin auf die Stube gekommen: »Ihr sollt euch nicht schlagen.« Dem habe ich ein paar geschmiert, dem habe ich ein paar geschmiert. Ja, dann war einer von denen beleidigt. Einer war benachteiligt, aber ich mußte beide bestrafen, weil sie nicht schlagen durften.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja.

 

Angeklagter Bednarek:

Sind sie bei der Blockführerstube vorbeimarschiert, Herr Präsident, mit dem offenen Mantel. Und bei der Blockführerstube mußte man natürlich die Hände frei bewegen. Und der Mantel ist so geflogen. Jetzt war der Mantel ohne Knöpfe, da hat man sofort den Häftling rausgezogen aus dem Kommando: »Auf welchem Block bist du?« »Block 8a.« Sofort den Blockältesten Block 8a. Was gab es? Prügel.

Was ich für Prügel bekommen habe. Ich habe 32 Stunden in Kniebeuge gesessen, Herr Vorsitzender. 32 Stunden ununterbrochen in Kniebeuge. Ich bin auf den »Bock« gekommen. Und ich bin zweimal strafweise versetzt worden. Erstens in die Verhältnisse, wo es in Birkenau kein Wasser gab, kein Dach. In die größte Kälte war ich dort versetzt. Und dann kam ich als Blockältester in die SK. Warum? Für was denn? Nur aus Gehässigkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wenn man Sie hätte nicht bevorzugen wollen, hätte man Sie ja nicht zum Blockältesten machen brauchen, nicht?

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, darf ich noch zu diesem Wort Blockältester [+ etwas] sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Bednarek:

Ich bin überzeugt, daß keiner sich für den Blockältesten mal beworben hat. Blockältester war ja der schlimmste Posten im Lager. Denn die Kapos, die ausmarschiert sind mit ihren Kommandos, die haben ihre Arbeit ausgemacht. Die haben ihre acht oder zehn oder zwölf Stunden draußen gearbeitet, erledigt. Der Blockälteste hat von früh bis nachts seine Arbeiten gehabt. Er konnte die Nacht nicht ruhig schlafen. Er wußte nicht, ob am nächsten Tag der Block stimmt. Wer war verantwortlich für die ganzen Sachen?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber offensichtlich ist es Ihnen doch wesentlich besser gegangen. Sonst hätten Sie nicht soviel gehabt, daß Sie noch anderen Leuten abgeben konnten, wie wir wiederholt gehört haben.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, ich habe bis zum Schluß meine Pakete von daheim bekommen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und davon haben Sie ausgeteilt?

 

Angeklagter Bednarek:

Und ich bin Nichtraucher, und ich habe den Leuten vieles verteilt.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Und die Medikamente?

 

Vorsitzender Richter:

Und die Medikamente?

 

Angeklagter Bednarek:

Und die Medikamente habe ich von dem Blockältesten vom »Sonderkommando« bekommen. Der Blockälteste war ein Franzose, vom Block 13.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Als Blockältester hatten Sie doch mehr Freiheiten als die anderen und hatten doch auch manche Vergünstigung. Also so ist das nun nicht gewesen, als ob das eine Bosheit und eine Schlechterstellung gewesen wäre für Sie, daß Sie Blockältester geworden sind.

Ich meine, allmählich müssen wir doch die Dinge mal wieder dahin stellen, wo sie hingehören. Der Blockälteste hatte gegenüber dem einfachen Mann doch eine wesentlich bessere Stellung. Er hatte zunächst die Chance zu überleben. Und das war ja für Auschwitz eines der größten Dinge, die es überhaupt gab, daß man überleben konnte.

 

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, zwischen einem Blockältesten von einem freien Block und einem Blockältesten von der SK war ein ganz großer Unterschied, denn der Blockälteste SK durfte am Abend den Block nicht verlassen. Der durfte den Block nicht verlassen. Wogegen die anderen Blockältesten nach Feierabend, wo die Leute gesättigt wurden, sich im ganzen Lager bewegen konnten. Und das war die Strafe, daß ich im Block sitzen mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Herr Rechtsanwalt Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Darf ich mir noch eine Frage an den Zeugen erlauben?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, sind Sie im Zusammenhang mit diesem Verfahren oder mit einem ähnlichen Verfahren mal in Israel vernommen worden?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich habe die Frage nicht genau verstanden.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy pan w zwiazku z tym postepowaniem, w zwiazku z ta sprawa, czy w zwiazku z jakas inna sprawa juz byl przesluchiwany w Izraelu?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein, ich wurde nie [vernommen]. Ich habe am letzten Freitag, weil ich die Einladung bekommen habe, das erste Mal eine Aussage abgegeben.

 

Verteidiger Eggert:

Haben Sie sich auch nicht als Zeuge gemeldet beim Gericht oder bei der Staatsanwaltschaft?

 

Zeuge Zeew Steinfeld [unterbricht]:

Nein, ich habe mich nicht gemeldet.

 

Verteidiger Eggert:

Gut, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Baretzki, Sie wollten noch was sagen, ja?

 

Angeklagter Baretzki:

[Pause] Herr Zeuge, Sie sagten, Sie waren in Bobrek, ja?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Sind Sie von Anfang an im Bobrek-Kommando gewesen, wo Sie noch vom Lager ausmarschiert sind zu Fuß die ersten zwei, drei Wochen? Können Sie sich daran entsinnen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Wir sind nicht zu Fuß nach Bobrek gegangen, sondern mit einem Lastwagen wurden wir in einer gewissen Zeit, das war von Anfang Frühling, als die Fabrik gebaut wurde, [+ gefahren].

 

Angeklagter Baretzki:

Die ersten drei Wochen.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ist möglich, drei Wochen, möglicherweise mehr.

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Erst zu Fuß oder mit Autos

 

Zeuge Zeew Steinfeld [unterbricht]:

Nein, mit einem Auto, mit einem Lastauto.

 

Angeklagter Baretzki:

Aber nicht wie die anderen, die gingen noch zu Fuß.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein, das war doch viel zu weit, um zu Fuß zu gehen.

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Sagen wir, fünf Kilometer waren das. Können Sie sich noch an Ihren Kapo erinnern?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Bitte?

 

Angeklagter Baretzki:

An Ihren Kapo erinnern?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein, an den kann ich mich nicht erinnern.

 

Angeklagter Baretzki:

Das war ein holländischer Offizier.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Bitte?

 

Angeklagter Baretzki:

Ein holländischer Offizier.

 

Zeuge Zeew Steinfeld [unterbricht]:

Nein, kann ich mich nicht erinnern.

 

Angeklagter Baretzki:

Waren Sie nicht der Schreiber in der...

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Bitte?

 

Angeklagter Baretzki:

Waren Sie von Anfang an in dem Kommando, die ersten paar Tage, nicht als Schreiber gewesen in dem Pförtnerhäuschen?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nicht in? Als was?

 

Angeklagter Baretzki:

In so einem Pförtnerhäuschen.

 

Dolmetscherin Kapkajew [unterbricht]:

Schreiber.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich als Schreiber?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nein.

 

Angeklagter Baretzki:

Waren Sie nicht der Schreiber?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Kaminputzer war ich.

 

Angeklagter Baretzki:

Na, ich meine da in Bobrek.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

In Bobrek war ich eben Kaminputzer. In den ersten paar Tagen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Eggert:

Doch noch mal. Herr Zeuge, wie war das am letzten Freitag, was Sie eben so beiläufig sagten?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja?

 

Verteidiger Eggert:

Sie haben beiläufig etwas gesagt, was ich nicht ganz verstanden habe. Was hat sich am letzten Freitag ereignet?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

On powiedzial, ze po otrzymaniu wezwania, pan po raz pierwszy w piatek zlozyl zeznanie.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ich habe zu Hause eine Notiz bekommen, daß ich zum Gericht gebeten werde, es sind Papiere aus Deutschland für mich angekommen. Und dann kam ich zum Gericht und habe mir die Papiere angeschaut. Da sah ich, daß ich für den 4. März nach Frankfurt eingeladen bin. Und es war schon vier Tage oder fünf Tage davor. Also habe ich die Polizei angerufen, die Abteilung der Naziforschung, und habe die gefragt: »Wissen Sie davon vielleicht etwas?« Und da haben sie gesagt, daß sie auch so einen Brief bekommen haben. Und man hat einen Forscher, einen [unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Po polsku niech pan powie.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Po polsku to jest, ten, kto zbiera zeznania.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Aha. Untersuchungsrichter.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Jak to sie nazywa?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Sedzia Sledczy.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nie, to [unverständlich] Sedzia Sledczy, który zbieral zeznania.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Swiadka szuka.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Nie, nie.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Sedzia Sledczy.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Wie heißt er?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Untersuchungsrichter.

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Man hat einen Untersuchungsrichter angerufen, und dann hat er mich gefragt, ob ich eine Aussage machen kann. Und da habe ich an Ort und Stelle die Aussage gemacht.

 

Verteidiger Eggert:

Die ist auch protokolliert worden, und Sie haben sie unterschrieben?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Bitte?

 

Verteidiger Eggert:

Ist die auch protokolliert worden, und haben Sie diese Aussage unterschrieben?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy tam byl protokól napisany?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja, die ist protokolliert worden, und ich habe sogar unterschrieben.

 

Verteidiger Eggert:

Danke schön.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das ein deutscher oder ein israelischer Untersuchungsrichter?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Das war ein israelischer Untersuchungsrichter.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Zeew Steinfeld:

Ja, ich kann.

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. Beweisantrag der Staatsanwaltschaft vom 22.01.1965, Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 25.01.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 107.

2. Vgl. Beweisantrag der Verteidiger Stolting II und Eggert vom 04.02.1965, Anlage 4 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 05.02.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 108.

3. Vgl. Beweisantrag der Verteidiger Stolting II und Eggert vom 04.02.1965, Anlage 4 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 05.02.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 108.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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