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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

150. Verhandlungstag, 22.4.1965

 

Vernehmung des Zeugen Bruno Stein

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit] einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Stein, waren Sie ebenfalls in Birkenau?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie nach Birkenau gekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Im Jahre 41.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns ungefähr eine nähere Zeit angeben, wann Sie hingekommen sind?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir sind in Eisleben am 3.3.41 verhaftet worden und sind dann nach Auschwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Also daß man sagen kann, im Laufe des Monats März?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie nach Auschwitz gekommen. Und wo wurden Sie in Auschwitz untergebracht?

 

Zeuge Bruno Stein:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wo in Birkenau?

 

Zeuge Bruno Stein:

Im Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie ungefähr, wie man dieses Zigeunerlager damals bezeichnete, als welchen Lagerabschnitt? Ob man dazu sagte BII – was war es, c, glaube ich, nicht? [...] Wissen Sie, welchen Buchstaben dieser Lagerabschnitt hatte? A, b, c, d, e?

 

Zeuge Bruno Stein:

C.

 

Vorsitzender Richter:

C, meinen Sie.

 

Zeuge Bruno Stein:

C, ja, c oder e. Ich weiß es nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war bereits im März 1941?1

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie sofort dorthin gekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und war das ein reines Zigeunerlager?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wo sind Sie denn damals ausgeladen worden in Birkenau?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir sind nachts

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind Sie bis nach Birkenau ins Lager hineingefahren?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, mit Fahrzeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Fahrzeugen, mit Lkws?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind diese Lkws in das Lager Birkenau hineingefahren? Oder mußten Sie da noch zu Fuß gehen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, wir mußten noch ein kleines Stück zu Fuß gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie da durch ein Eingangstor gekommen in das Lager?

 

Zeuge Bruno Stein:

Es war nachts.

 

Vorsitzender Richter:

Das war nachts.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie kamen dann sofort in dieses Zigeunerlager?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dort wie lang geblieben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Bis zur Liquidierung.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das?

 

Zeuge Bruno Stein:

Das war 43.

 

Vorsitzender Richter:

43.

 

Zeuge Bruno Stein:

43 oder 44, im August.

 

Vorsitzender Richter:

Im August 43.

 

Zeuge Bruno Stein:

Juli, August.

 

Vorsitzender Richter:

Also um die Wende des Monats Juli zum August?

 

Zeuge Bruno Stein [unterbricht]:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

43 oder 44, ich weiß es nicht genau, sagte er eben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. 43 oder 44, Juli oder August. Und wieso kam es, daß Sie damals nicht mit diesen Vernichtungen zum Opfer gefallen sind?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich war arbeitsfähig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren arbeitsfähig?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber ich nehme an, daß doch sehr viele arbeitsfähig gewesen sind aus diesem Lager

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und trotzdem getötet worden sind. Wieso kam es, daß Sie da ausgenommen wurden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Es war ein Aufruf: »Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen raustreten!« Und dann hatten wir noch Familien da, zum Beispiel mein Bruder mit seiner Familie, die hatten Frauen und Kinder. Und meine Eltern auch. Und dann sind wir rausgetreten. Und dann sagten die SS-Leute da: »Ja, die Familie, die kommt später nach. Erst mal die arbeitsfähigen Männer und Frauen raus.«

Und meinem Bruder seine Frau, die war arbeitsfähig, auch jung, aber die konnte die Kinder da nicht allein lassen. Und dann haben sie uns die Nummern abgelesen. Und dann sind wir auf Lkws verladen worden und sind nach dem Stammlager Auschwitz gekommen. Und dann, einen Tag oder zwei Tage später, sind auch die deutschen Blockältesten mit rübergekommen nach dem Stammlager und haben uns das gesagt, also leise weinend beigebracht, daß die alle vergast worden sind.

Und dann sind wir von Auschwitz nach Ravensbrück gekommen. Wir waren über 100 Wehrmachtsangehörige, die sind nach Ravensbrück gekommen, weil Ravensbrück kein ausgesprochenes Männerlager war. Es war nur ein Frauenlager. Und die anderen sind dann nach Buchenwald gekommen. Und als wir dann in Ravensbrück ankamen, sind wir da ins Lager reingekommen, von 100 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten eben, Wehrmachtsangehörige.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie denn Wehrmachtsangehöriger?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, ich war ziviler Wehrmachtsangehöriger.

 

Vorsitzender Richter:

Ziviler Wehrmachtsangehöriger.

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind also dann kurz vor dieser Vernichtung des Zigeunerlagers nach Ravensbrück gekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und die anderen sind nicht nach Ravensbrück gekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, mein Bruder ist nach Buchenwald gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie meinen, das hätte etwas damit zu tun gehabt, daß Sie ziviler Wehrmachtsangehöriger gewesen seien?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl, wir, also die Wehrmachtsangehörigen, wurden bevorzugt in Auschwitz, in Birkenau. Wir durften lange Haare tragen, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Familie Ihres Bruders ist umgekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, haben Sie in Ravensbrück den Doktor Lucas erlebt?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war denn der Doktor Lucas dort tätig?

 

Zeuge Bruno Stein:

Doktor Lucas war erst in Auschwitz tätig.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ich meine in Ravensbrück.

 

Zeuge Bruno Stein:

In Ravensbrück. Darf ich mal vorgreifen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Bruno Stein:

Als wir noch in Auschwitz waren, da hat Doktor Lucas einen Aufruf [+ gemacht]: Wir, also die Wehrmachtsangehörigen, sollen sich sterilisieren lassen. Sie erhalten die Freiheit. Und darauf haben sich etliche gemeldet.

Dann ist aber Doktor Lucas nicht zum Sterilisieren gekommen in Auschwitz, weil wir das Gleis bauen sollten mit 100 Mann. Da kam der Lagerführer Aumeier oder Schwarzhuber und sagte, wir sollten 100 Mann aussuchen zum Gleisbau. Und da haben wir Gleise gebaut, direkt neben uns am Lager. Und die Gleise sollten direkt bis zur Rampe hin gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war wann ungefähr?

 

Zeuge Bruno Stein:

Das war 43/44. Und dann haben wir Gleisbau gelegt. Und wir waren knapp fertig mit dem Gleisbau, da kamen schon die ersten Transporte. Und dabei habe ich Doktor Lucas gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Moment. Ich wollte Sie jetzt zunächst mal fragen, was er in Ravensbrück getan hat.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja. Deshalb wollte ich ja vorgreifen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Bruno Stein:

Und dann kamen wir nach Ravensbrück. Und in Ravensbrück kam Doktor Lucas an und hat auch Leute sterilisiert von uns.

 

Vorsitzender Richter:

Wann kam er denn an in Ravensbrück?

 

Zeuge Bruno Stein:

Das war kurz 44.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt »kurz 44«? Anfang 44?

 

Zeuge Bruno Stein:

Anfang oder Mitte 44, weil wir wieder evakuiert wurden. Im Dezember oder November wurden wir dann wieder evakuiert und kamen nach Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Von Ravensbrück nach Sachsenhausen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war aber, wie Sie meinen, November oder Dezember 44 erst?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, glaube ich wohl.

 

Vorsitzender Richter:

Im Winter also.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War da der Doktor Lucas noch da?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da war er noch da?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann kam er denn hin?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wann, das weiß ich nicht, wann er hinkam nach Ravensbrück.

 

Vorsitzender Richter:

War er denn noch in der Zeit dort, als Sie noch dort waren, in Ravensbrück?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Wieso haben Sie ihn denn dort gesehen? Wie hatten Sie die Möglichkeit, ihn dort zu sehen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Weil er unsere Leute sterilisiert hat.

 

Vorsitzender Richter:

Unmittelbar nach Ihrer Ankunft dort?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind ja im August dorthin gekommen, nicht?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, August, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann sagten Sie, im November sind Sie weggekommen.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie meinen, daß das zwischen dem August und dem November gewesen sei?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun sagten Sie, Sie sind zu Gleisbauarbeiten auf der Rampe in Birkenau herangezogen worden. Haben Sie bei dieser Gelegenheit auch schon ankommende Züge gesehen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie konnten aber die Züge ankommen, wenn die Gleise noch nicht fertiggestellt waren?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir waren kaum fertig mit den Gleisen, dann hieß es, 80 oder 70 Mann sollen einrücken, und die anderen, die sollen hierbleiben. Sie sollen die kleinen Arbeiten fertigmachen, Schrauben anziehen und dies und jenes.

 

Vorsitzender Richter:

Und da waren Sie dabei?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange haben Sie dort noch gearbeitet, nachdem die anderen abgerückt sind?

 

Zeuge Bruno Stein:

Zirka noch 14 Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Noch 14 Tage?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war, wie Sie sagten, 43 auf 44.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Noch 14 Tage etwa. Das war wohl dann schon im Jahre 44?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in diesen 14 Tagen haben Sie auch beobachtet, daß Züge ankamen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Mit welchen Gefangenen kamen denn die Züge? Kamen die etwa aus Ungarn?

 

Zeuge Bruno Stein:

Das waren die ungarischen Judentransporte, die ersten.

 

Vorsitzender Richter:

Die ungarischen Judentransporte.

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Die kamen also schon 44, unmittelbar nachdem die Gleise verlegt waren?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie konnten bei dieser Gelegenheit das Entladen der Züge

 

Zeuge Bruno Stein [unterbricht]:

Beobachten.

 

Vorsitzender Richter:

Beobachten?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun erzählen Sie mal, wie das vor sich gegangen ist, dieses Entladen der Züge?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir hatten die Rampe fertiggemacht und die Gleise fertiggelegt und noch die kleinen Arbeiten gemacht, da sind die ersten Transporte gekommen. Dann mußten sie alle aussteigen, und das Gepäck mußte liegenbleiben. Dann wurden sie ausgesucht. Da waren mehrere SS-Leute da. Einer suchte rechts aus und der andere links aus. So wurden sie ausgesucht.

 

Vorsitzender Richter:

Das kann ich nicht recht verstehen. Gewöhnlich hat man uns hier gesagt, daß diejenigen, die nach rechts gingen, in den Tod gingen, die nach links gingen, ins Lager gingen.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja. Ich meinte ja, rechts mit ins Krematorium. Und links wurden sie ins Lager geführt.

 

Vorsitzender Richter:

Und das machten mehrere Leute?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Gleichzeitig?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, ich weiß nicht, gleichzeitig? [Pause] Das möchte ich nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aus welcher Entfernung ungefähr haben Sie das denn mit angesehen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Aus 150 Metern.

 

Vorsitzender Richter:

Aus 150 Metern?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war denn nun der, der da vorn stand, unter diesen verschiedenen SS-Leuten? Kannten sie da welche?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, ich kannte keinen außer Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso kannten Sie den Doktor Lucas?

 

Zeuge Bruno Stein:

Weil er in Auschwitz auch war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, in Auschwitz waren aber noch mehrere. Und wieso kannten Sie denn gerade den Doktor Lucas?

 

Zeuge Bruno Stein:

Weil Doktor Lucas uns sterilisieren wollte in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also damals schon von ihm vorgetragen gewesen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bei welcher Gelegenheit hat er Ihnen denn das gesagt? Bei einem Appell?

 

Zeuge Bruno Stein:

Beim Appell, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie, daß dieser Mann, der Ihnen das bei dem Appell gesagt hat, der Doktor Lucas war?

 

Zeuge Bruno Stein:

Man hat das gehört im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Man hat es gehört im Lager?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl. Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie kannten ihn vorher nicht?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, vorher kannte ich ihn ja nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dieser Gelegenheit haben Sie ihn gesehen, und man hat im Lager gesagt, das ist Doktor Lucas?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sah er denn aus?

 

Zeuge Bruno Stein:

Groß und [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und?

 

Zeuge Bruno Stein:

Kompakt.

 

Vorsitzender Richter:

Ein stämmiger Mann?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und den haben Sie auch wiedererkannt, als die Züge eingelaufen sind auf der Rampe?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und er hat auch bei den Leuten gestanden, die diese Auswahl getroffen haben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wievielmal haben Sie ihn denn dabei gesehen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ein- oder zweimal habe ich den Mann gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ein- oder zweimal.

 

Zeuge Bruno Stein:

Und dann mußten wir ins Lager wieder einrücken.

 

Vorsitzender Richter:

Dann mußten Sie wieder einrücken ins Lager. Sagen Sie, Herr Stein, ließen sich denn verschiedene Zigeuner sterilisieren aufgrund dieses Aufrufs?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und zwar aber nicht mehr in Birkenau, sondern in Ravensbrück?

 

Zeuge Bruno Stein:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr in Birkenau

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern erst in Ravensbrück.

 

Zeuge Bruno Stein:

In Ravensbrück.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ist denn in Ravensbrück so ein Aufruf erneut verlesen worden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Erneut verlesen worden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wieder von dem Doktor Lucas?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Stein, haben Sie inzwischen noch Bilder gesehen vom Doktor Lucas seit dieser Zeit, seit dem Jahre 44?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Richter Hotz:

Würden Sie sich zutrauen, ihn wiederzuerkennen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Richter Hotz:

Was war denn sein Dienstgrad damals?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich glaube, Obersturmführer oder Hauptsturmführer. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, an den Dienstgrad.

 

Richter Hotz:

Ist die Aufforderung, sich sterilisieren zu lassen, durch einen SS-Dienstgrad, meinetwegen einen Hauptscharführer, verlesen worden, und hieß es dann darunter »Doktor Lucas«, unter dieser Aufforderung? Oder hat Doktor Lucas selbst vor der Front gestanden und das verlesen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, es ist aufgerufen worden.

 

Richter Hotz:

Ja, wie denn?

 

Zeuge Bruno Stein:

Während des Appells.

 

Richter Hotz:

In welcher Form? Wie war das? Sagen Sie das mal.

 

Zeuge Bruno Stein:

Es ist aufgerufen worden, alle Wehrmachtsangehörigen, die damals bei der Wehrmacht waren, die Zigeuner, die sollen sich sterilisieren lassen. Die erhalten die Freiheit.

 

Richter Hotz:

Wer hat das gesagt?

 

Zeuge Bruno Stein:

Das war ein Rapportführer.

 

Richter Hotz:

Ein Rapportführer. Also nicht der Doktor Lucas selbst?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, nein, es war ein Rapportführer.

 

Richter Hotz:

Wo haben Sie den Namen Doktor Lucas bei dem ersten Aufruf her?

 

Zeuge Bruno Stein:

In Auschwitz, in Birkenau.

 

Richter Hotz:

War da sein Name genannt, bei dieser Aufforderung?

 

Zeuge Bruno Stein:

Da ist sein Name genannt worden.

 

Richter Hotz:

Durch wen, durch den Rapportführer?

 

Zeuge Bruno Stein:

Durch den Rapportführer.

 

Richter Hotz:

Sollten sich die Zigeuner bei Doktor Lucas melden etwa?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, nein.

 

Richter Hotz:

In welchem Zusammenhang ist sein Name da genannt worden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Die sollten eine Liste aufstellen, die sollten nach der Schreibstube runterkommen und sollten ihren Namen auf [+ die Liste] setzen. Und dann sollte Doktor Lucas sterilisieren.

 

Richter Hotz:

Das wurde dabei gesagt?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl. Und dann erhalten sie die Freiheit.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Zeuge Bruno Stein:

Da hatten sich schon viele gemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Aber, Herr Zeuge, ich kann das jetzt nicht ganz zusammenbringen. Ich habe Sie vorhin gefragt: Wieso kannten Sie den Doktor Lucas? Und da haben Sie mir geantwortet: »Der Doktor Lucas war derjenige, der uns den Aufruf vorgelesen hat, wir sollten uns sterilisieren lassen. Und denselben Mann, der uns das vorgelesen hat, den habe ich nachher auf der Rampe wiedererkannt.« So haben Sie vorhin gesagt.

Jetzt sagen Sie auf Befragen: »Der Doktor Lucas hat den Aufruf gar nicht vorgelesen, sondern der Rapportführer hat ihn vorgelesen.« Also kann der Doktor Lucas doch auch damals von Ihnen gar nicht erkannt worden sein.

 

Zeuge Bruno Stein:

Herr Vorsitzender, ich bin ein bißchen durcheinander und...

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber wie war es denn nun? Hat der Doktor Lucas den Aufruf vorgelesen oder der Rapportführer?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, Doktor Lucas hat nicht selbst vorgelesen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat nicht selbst vorgelesen.

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Wenn er aber nicht vorgelesen hat, dann muß ich Sie erneut fragen: Wieso kannten Sie denn seine Person? Wieso wußten Sie denn, wie der Doktor Lucas aussah? Und wieso wußten Sie dann, daß auf der Rampe dieser Mann, den Sie als einzigen als Doktor Lucas erkannt haben, daß das auch der Doktor Lucas war? Wieso wußten Sie das?

 

Vorsitzender Richter:

Wir wußten das auch vom Lager, von unserem Lager aus. Wir hatten den Lagerarzt Doktor Mengele kennengelernt. Wir hatten jeden der Ärzte da kennengelernt. Und auch von Doktor Lucas war viel die Rede. Und einmal, wenn ich mich nicht irre, war auch Doktor Lucas mal bei uns im Zigeunerlager. Ich selbst persönlich habe den Doktor Lucas nicht gesehen in Birkenau. Das sage ich offen und ehrlich.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht auf der Rampe?

 

Zeuge Bruno Stein:

Auf der Rampe habe ich Doktor Lucas gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Rampe gehörte aber doch auch zu Birkenau.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, die gehörte auch zu Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Also dort wollen Sie ihn gesehen haben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst nicht im Lager?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie denn, daß dieser Mann auf der Rampe nun der Doktor Lucas war?

 

Zeuge Bruno Stein:

Weil unsere Zigeuner, als wir auf der Rampe waren, die haben, verschiedene von uns, Doktor Lucas gesehen und auch erkannt. Die haben gesagt: »Das ist der Arzt, der uns sterilisieren will. Wir kriegen unsere Freiheit«, sagten sie.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn ich Sie jetzt verstehe, dann haben Sie die Person des Doktor Lucas auf der Rampe von anderen Häftlingen gezeigt bekommen und als Doktor Lucas genannt bekommen.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ganz richtig. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Richter Perseke:

Herr Zeuge, ist das Zigeunerlager in der Zeit von 1941 bis 1944 einmal innerhalb des Lagerkomplexes Birkenau verlegt worden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Richter Perseke:

Ist das immer an derselben Stelle geblieben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Immer an derselben Stelle.

 

Richter Perseke:

Wir wissen, daß der Lagerabschnitt römisch II, klein d wie Dora das Zigeunerlager gewesen ist.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

E.

 

Richter Perseke:

E, Verzeihung. Wollen Sie behaupten, daß 1941 bereits dieser Lagerabschnitt bestanden hat?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir waren einer der ersten Transporte, als wir in Auschwitz ankamen und wurden sofort in das Lager eingewiesen.

 

Richter Perseke:

Und da sind Sie immer geblieben an der gleichen Stelle?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Richter Perseke:

Können Sie uns das an der Karte mal zeigen, wo das gewesen ist?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Richter Perseke:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Zu Ihrer Orientierung: Links unten sehen Sie so ein rotbraunes Gebäude. Das ist das Eingangstor, da gingen die Gleise hinein. Und oben, oberhalb dieses Eingangstores, war dann die sogenannte Rampe, an der Sie gearbeitet haben und wo Sie die Gleise hergerichtet haben. Und jetzt erzählen Sie uns, wie Sie von dieser Rampe in Ihr Lager gekommen sind.

 

Zeuge Bruno Stein:

[Pause] Ich möchte einmal sehen, wo unser Lager war.

 

Vorsitzender Richter:

Das wollen wir gerade von Ihnen wissen. Sie sollen uns das zeigen. Sie sehen doch die Rampe, Sie sehen doch die Gleise da, nicht.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die Gleise gingen doch oben vermutlich ins Krematorium, nicht. Das wissen Sie doch.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja. Eins, zwei und drei.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und drei und vier, ja. Und wie sind Sie denn von diesen Gleisen nun in Ihr Lager gekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir mußten aus unserem Lager raus, da war eine Blockführerstube. Und da mußten wir rechtsrum und dann noch mal rechtsrum.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn Sie von den Gleisen heimgegangen sind, wie sind Sie dann

 

Zeuge Bruno Stein [unterbricht]:

Da mußten wir wieder denselben Weg zurückgehen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, jetzt gehen Sie mal den Weg auf der Karte.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich nehme an, wenn das hier unser Lager war, dann mußten wir hier rausmarschieren. Vorne stand die Blockführerstube. Da mußten wir rechts um die Ecke herum und dann nochmals rechts und dann nach den Gleisen hin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wollen Sie mal?

 

Richter Perseke:

Und in diesem Lagerabschnitt sind Sie von Anfang an gewesen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Richter Perseke:

Seit 1941?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, in diesem Zigeunerlager, wie das genannt wird.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war das Lager e, nicht.

 

Richter Perseke:

E, etwas höher.

 

Zeuge Bruno Stein:

E, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hier ist e, ja.

 

Zeuge Bruno Stein:

Und hier daneben war ein Krankenbau.

 

Richter Perseke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das ist richtig.

 

Zeuge Bruno Stein:

Da war unser Lager. Als wir die erste Zeit da reinkamen, da kamen hier... Das ist die Lagerstraße. Und da hinten [+ geht es] nach den Krematorien. Und da kamen immer die Lkws runtergefahren.

 

Richter Perseke:

Ja, waren denn die Krematorien im Jahre 1941 schon gebaut?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein. Eines, glaube ich, war schon gebaut. Aber die anderen waren noch nicht fertig.

 

Richter Perseke:

Sind erst später gebaut worden.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Richter Perseke:

Wollen Sie dann bitte wieder Platz nehmen.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Richter Perseke:

[Pause] Wissen Sie, wer Ihr Lagerführer im Zigeunerlager gewesen ist?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, Schwarzhuber.

 

Richter Perseke:

War immer Schwarzhuber da, oder ist der mal abgelöst worden von einem anderen SS-Führer?

 

Zeuge Bruno Stein:

Da war auch ein anderer.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie den Namen dieses anderen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Aumeier, glaube ich wohl. Ja, Aumeier war unser Lagerführer auch.

 

Richter Perseke:

Aumeier.

 

Zeuge Bruno Stein:

Und dann war der Rapportführer Palitzsch.

 

Richter Perseke:

Haben Sie sonst noch irgendeinen anderen Lagerführer gehabt?

 

Zeuge Bruno Stein:

[Pause] Nein.

 

Richter Perseke:

Sagt Ihnen der Name Hofmann irgend etwas?

 

Zeuge Bruno Stein:

Hofmann?

 

Richter Perseke:

Ja.

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie, wer der Lagerkommandant von Birkenau im Jahre 1944 gewesen ist?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, weiß ich auch nicht mehr.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Richter Perseke:

Und wissen Sie, welcher Monat es war, als Sie angeblich den Doktor Lucas auf der Rampe gesehen haben? [Pause] Den Monat können Sie nicht angeben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, kann ich auch nicht angeben.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Welche Häftlingsnummer haben Sie?

 

Zeuge Bruno Stein:

1.286.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

1.286. Mit einem Z oder ohne ein Z?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Mit Z. Z-1.286. Als Sie nach Ravensbrück kamen, war da Doktor Lucas schon in Ravensbrück, oder kam er später?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, der kam später.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wieviel später, das...

 

Zeuge Bruno Stein:

Da war Schnee, da sind wir evakuiert worden. Da war Schnee, in offenen Waggons sind wir

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, das sagten Sie. Da war er schon da.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, da waren schon die anderen sterilisiert worden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ich wollte nun gerade wissen, in welchem Zeitraum nach Ihrer Ankunft Sie ihn das erste Mal in Ravensbrück gesehen haben.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, das muß drei oder vier Monate vorher gewesen sein, vor der Evakuierung.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Daß er gekommen ist?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was hat denn der von Ihren Kameraden als Doktor Lucas Bezeichnete auf der Rampe gemacht bei dem Aussuchen? Wie hat er sich da benommen? Was hat er gemacht?

 

Zeuge Bruno Stein:

Er hat selektiert.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was hat er denn da gemacht?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja ausgesucht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat er gezeigt? Oder hat er gesprochen? Oder haben Sie da was

 

Zeuge Bruno Stein [unterbricht]:

Ja, gezeigt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gezeigt. Und stand er neben den Leuten oder vor den Leuten?

 

Zeuge Bruno Stein:

Vor den Leuten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gingen die auf ihn zu?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind Sie selbst sterilisiert worden von ihm?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie Kameraden damals gehabt, die in Ravensbrück von Doktor Lucas sterilisiert worden sind? Können Sie Namen angeben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Leben die noch?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja. [Pause] Die leben in Bayern.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie sich mal mit denen darüber unterhalten, daß dieser Arzt der Doktor Lucas sei, damals?

 

Zeuge Bruno Stein:

Damals hatten wir uns in Ravensbrück unterhalten.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie heute noch Verbindung mit diesen Bekannten oder Kameraden von Ihnen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein. Die leben aber alle in Bayern. Die Namen kann ich Ihnen auch nennen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

[Pause] Wollen Sie einige Namen nennen, bitte, und können Sie Adressen angeben von denen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja. Wo sie wohnen, weiß ich nicht. Aber die leben in München. Das ist der Name Höllenreiner. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Vorname?

 

Zeuge Bruno Stein:

Das sind Gebrüder. Drei oder vier Brüder waren damals mit in Birkenau und dann in Ravensbrück.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und die sind von Doktor Lucas sterilisiert worden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist irgendeiner von diesen Zigeunern damals freigekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist irgendeiner von ihnen damals zu 999 oder zu einer anderen Bewährungseinheit gekommen?2

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Stein, bevor Sie, wie Sie uns schilderten, auf der Rampe mit Gleisbauarbeiten beschäftigt waren, in welchen Arbeitskommandos waren Sie vorher? Oder waren Sie überhaupt in Arbeitskommandos?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, ich war im Arbeitskommando Rollwagen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Was hatte dieses Arbeitskommando zu tun?

 

Zeuge Bruno Stein:

Wir hatten den Schlamm, Steine weggefahren, von uns, von unserem Lager aus.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Können Sie sich noch erinnern, in welchen Blocks Sie untergebracht waren?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, ich lag im Block 12 und dann im Block 14.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

In Block 12 lagen Sie. Und dann später in Block 14?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie selbst – das habe ich vorhin nicht ganz richtig hier mitbekommen – den Doktor Lucas in Ravensbrück gesehen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie in dem Mann, den Sie in Ravensbrück gesehen haben und von dem Sie jetzt sagen, daß es Doktor Lucas war, den Mann erkannt, den Sie vorher in Auschwitz auf der Rampe beim Selektieren gesehen haben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

War damals in Birkenau bekannt, daß ein Doktor Lucas der Lagerarzt des Zigeunerlagers war?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, der Zeuge hat gesagt, er hat keine Bilder von Doktor Lucas gesehen, und er traue sich zu, ihn wiederzuerkennen. Ich bitte daher, den Versuch zu unternehmen, ob der Zeuge...

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten der Verteidigung noch Fragen? Herr Doktor Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Zeuge, kennen Sie den Namen Clauberg?

 

Zeuge Bruno Stein:

Bitte?

 

Verteidiger Aschenauer:

Kennen Sie den Namen Clauberg?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein. Clauberg?

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Zeuge, sind Sie in Ravensbrück sterilisiert worden?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ist schon gefragt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Nein. Ob er von Doktor Lucas sterilisiert wurde, das wurde gefragt.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich wurde nicht von Doktor Lucas sterilisiert.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ist Ihnen bekannt, daß die Zigeuner in Ravensbrück vor Ihrer Sterilisierung aufgefordert wurden, eine Erklärung abzugeben, daß sie sich freiwillig sterilisieren ließen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl.

 

Verteidiger Aschenauer:

Wer hat den Zigeunern diese Erklärung vorgelegt?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich glaube, das war der Lagerführer Suren.

 

Verteidiger Aschenauer:

Kennen Sie den Namen Finkelmeier?

 

Zeuge Bruno Stein:

Betelmeier?

 

Verteidiger Aschenauer:

Ja.

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Nicht. Ich verzichte auf jede weitere Frage.

 

Zeuge Bruno Stein:

Betelmeier kenne ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie nicht gesagt Finkelmeier?

 

Verteidiger Aschenauer:

Moment, ich muß mal nachschauen. Finkelmeier, jawohl, Conrad Finkelmeier. Ich bin nämlich im Besitz einer Erklärung des Herrn Finkelmeier, wie diese Geschichte gewesen ist.3 Aber möglicherweise kommt noch ein weiterer Zeuge. Aus diesem Grunde muß ich leider jetzt diese Erklärung zurückhalten.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich hätte eine Frage an den Angeklagten Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Moment. Nur erst mal den Zeugen, nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Entschuldigung, ich dachte, es sei fertig.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein, nein. Ich bitte nun die Angeklagten, mal vorzutreten. Wir wollen Sie dem Zeugen

 

– Schnitt –

 

Zeuge Bruno Stein:

Jawohl, das ist Herr Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

So, dann nehmen Sie bitte wieder Platz.

 

Zeuge Bruno Stein:

[unverständlich] Mutter Gottes. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, Sie hatten noch eine Frage an Doktor Lucas.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich wollte zuerst den Angeklagten Baretzki fragen. Herr Baretzki, wie ist das eigentlich mit Zeiten in Auschwitz, mit dem Zigeunerlager insbesondere? Können Sie sich daran noch erinnern?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was wollen Sie denn wissen, Herr Rechtsanwalt Raabe? Sie müssen da schon etwas konkreter fragen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wann das Zigeunerlager nach der Erinnerung des Angeklagten Baretzki eröffnet

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Als ich nach Birkenau gekommen bin, war das Zigeunerlager da.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und wann sind Sie nach Birkenau gekommen?

 

Angeklagter Baretzki:

Zweite Hälfte vom Jahr 43.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ach so.

 

Angeklagter Baretzki:

Da war das Zigeunerlager da.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Gut, danke. Herr Doktor Lucas...

 

Vorsitzender Richter:

Moment, der Baretzki ist doch schon früher hingekommen.

 

Richter Hotz:

Er behauptet, 43. [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie – entgegen Ihrer früheren Einlassung – schon bei Beginn der Transporte oder vielmehr bei Beginn der Selektionstätigkeit auf der Rampe, das heißt auch schon die ersten Transporte, die auf der neuen Rampe in Birkenau ankamen, selektiert?

 

Angeklagter Lucas:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nicht. Das ist also nicht wahr, was der Zeuge hier sagt?

 

Angeklagter Lucas:

Das ist wohl alles nicht wahr, was er gesagt hat.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Das ist alles nicht wahr, was er gesagt hat? Und wie ist es mit der Tätigkeit in Ravensbrück? Wie viele Zigeuner haben Sie in Ravensbrück sterilisiert?

 

Angeklagter Lucas:

Ich möchte dazu eigentlich einiges sagen. Wenn ich für eine Menschengruppe mich damals aufgerieben habe, dann waren es sicherlich die Zigeuner während meiner Tätigkeit als Lagerarzt im Zigeunerlager. Da hat der Zeuge mich ja angeblich gar nicht gesehen.

Ich bin da bei dem Lagerführer Hartjenstein, beim Standortarzt Wirths und überall vorstellig geworden und habe gesagt, das wäre doch wohl ein Unding, wenn da Menschen mit Kriegsauszeichnung herumliefen, andere, die sagten, sie sind im Ersten Weltkrieg schon Soldaten gewesen. Und ich habe mich, wie gesagt, bei Hartjenstein, Wirths dafür versucht einzusetzen, daß sie entlassen würden. Wie ich später dann hörte, daß soundso viele rausgezogen wurden und ins Stammlager verlegt wurden, habe ich das sogar als Erfolg für mich verbucht, daß die überhaupt rausgezogen worden sind. [Pause]

Einen Aufruf erlassen oder mich da hingestellt und gesagt, »ihr sollt euch sterilisieren lassen, ihr werdet dann frei«, habe ich überhaupt gar nicht. Ich habe überhaupt, ich möchte mal sagen, kaum mit einem Zigeuner dort gesprochen. Das werden auch sicherlich dann polnische Ärzte zu Genüge bestätigen können, daß ich mich in der Art da überhaupt gar nicht betätigt habe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, und wie steht es nun, wie viele Zigeuner haben Sie in Ravensbrück sterilisiert?

 

Angeklagter Lucas:

Wie viele das gewesen sind im ganzen, weiß ich gar nicht. Unter den Verhältnissen, zu denen ich dann dazu kam, sind es höchstens drei gewesen. Bei mehreren ist zwar eine Scheinoperation durchgeführt worden, weil ich nicht anders mehr wußte. Und das ist dann ja auch kein Eingriff.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Verzeihen Sie, Herr Doktor Lucas, aber wenn Sie drei Menschen sterilisiert haben, das weiß man doch. Da weiß man doch, das sind zwei oder sind drei gewesen. So oft tut man das ja doch auch als Arzt nicht in seinem Leben. Ich meine, wie können Sie dann sagen »höchstens«? Erinnern Sie sich daran, daß es drei waren?

 

Angeklagter Lucas:

Wo die Sterilisation so durchgeführt ist, daß der Eingriff nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Bei den anderen, sagte ich schon, das waren ja Scheinoperationen. Das waren die Wunden dann, die dort gesetzt wurden, und ein bißchen Bindegewebe entfernt, und die Sache hatte sich dann.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sie erinnern sich – ich will Ihnen das nochmals vorhalten –, daß wir vor vielen Monaten, ich denke, es war im Herbst oder noch im Hochsommer

 

Angeklagter Lucas [unterbricht]:

Das weiß ich genau, daß da jemand

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Einen Zigeuner hier, ich glaube, er kam aus Hannover, gehört haben. Und der hat gesagt, daß Sie in Ravensbrück – bitte korrigieren Sie mich jetzt, wenn ich das nicht genau in Erinnerung habe – aber jeden zweiten Tag... Ich glaube, die Zahl sechs kam dann oder täglich sechs oder jeden zweiten Tag sechs, also ich kann mich jetzt nicht genau auf die Zahl festlegen, jedenfalls viel höhere Zahlen, als Sie [+ nennen]. Auch dieser Zeuge hat viel mehr genannt, nach dem, was uns jetzt

 

Angeklagter Lucas [unterbricht]:

Der Zeuge damals hat, glaube ich, eine Zahl von 40 genannt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, er hat aber gesagt, daß Sie über eine längere Zeit jeden zweiten Tag oder täglich sechs Zigeuner sterilisiert haben. Und zwar über den Januar hin.

 

Angeklagter Lucas:

Es war doch so, daß die Zigeuner sich geradezu drängten zu dem Eingriff, zu dem ich mich lange Zeit völlig ablehnend verhielt. Bis dann der Trommer ankam, der Standortarzt, und sagte: »Hier liegen die Erklärungen vom Erbgesundheitsgericht vor. Zweitens wollen die Leute sterilisiert werden.« Das wäre die Vorbedingung dafür, daß sie entlassen würden. Und weil damals schon ganz andere Dinge im Raume standen – die große Selektion dort im Lager und so weiter –, die für die Häftlinge sehr, sehr viel wichtiger waren, konnte ich mich da letztlich auch nicht mehr entziehen, zumal da diese Dinge vom Gericht vorlagen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Doktor Lucas, ich möchte noch mal darauf zurückkommen, was Sie eben zu Anfang sagten. Sie sagten: »Das ist alles unwahr, was der Zeuge gesagt hat.« Nun möchte ich Sie aber daran erinnern, daß Sie uns ja schon von Anfang an doch zumindest soviel eingeräumt haben, daß Sie zwar, wie Sie damals behaupteten, nicht selektiert hätten auf der Rampe, daß Sie aber doch des öfteren hingegangen sind, sich dann dort herumgedrückt haben, vorbeigeschlichen haben. Wieso sagen Sie dann: »Das ist alles unwahr, was der Zeuge gesagt hat«? Selbst nach Ihren ersten Aussagen könnte der Zeuge Sie doch zumindest gesehen haben auf der Rampe.

 

Angeklagter Lucas:

Ich bin jeden Tag von morgens bis abends im Lager gewesen. Der Zeuge hat mich da nicht gesehen. Ich habe mich also, ich mag so etwas gar nicht sagen, aber tatsächlich für die Zigeuner zerrissen. Und deshalb bin ich jetzt natürlich auch so schockiert, daß da solche Aussagen kommen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Nehmen Sie Platz. Herr Hofmann.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Präsident, ich hätte ein Frage noch an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Zeuge, Sie haben angegeben, daß Sie im März 41 nach Birkenau kamen in das Zigeunerlager. Bleiben Sie bei Ihrer Aussage, wenn ich Ihnen jetzt ein anderes Datum nenne, und das Datum, das stimmt, das richtig ist?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na und? Und dann?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was denn für ein anderes Datum?

 

Angeklagter Hofmann:

Das Zigeunerlager ist Ende Februar, Anfang März 1943 eröffnet worden, und keinen Tag früher und keinen Tag später. Und da kann der Zeuge nie 1941 ins Zigeunerlager Birkenau

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

[unverständlich] hat gar nicht existiert.

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

Eingeliefert worden sein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, haben Sie gehört, was der Angeklagte Hofmann Ihnen eben vorgehalten hat? Er hat gesagt: »Das Zigeunerlager ist überhaupt erst entstanden Ende Februar, Anfang März 1943.« Und deshalb konnten Sie nach seiner Meinung im Jahr 1941 niemals in dieses Zigeunerlager eingewiesen worden sein, weil es noch gar nicht bestand. Und zwar zwei Jahre vorher.

 

Zeuge Bruno Stein:

[Pause] Herr Vorsitzender, ich habe es hier schriftlich, aber von...

 

Vorsitzender Richter:

Oder sind Sie doch vielleicht erst in ein anderes Lager gekommen?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein. Wir sind direkt nach Auschwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber in Auschwitz nicht gleich ins Zigeunerlager, sondern vielleicht in ein anderes Lager?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, weil Sie sagen »Zigeunerlager«. Gab es schon vorher irgendeine geschlossene Zusammenballung, wo die Zigeunerhäftlinge im Raume Auschwitz untergebracht waren? Und haben Sie

 

Zeuge Bruno Stein [unterbricht]:

Ja. Es gab vordem schon Zigeuner, die weggekommen sind. Die waren in Schutzhaft. Die waren auch im Stammlager. Das war auch 41 schon, und da waren sie auch schon im Stammlager in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Sie waren ja niemals im Stammlager.

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern Sie sind direkt nach Birkenau gekommen.

 

Zeuge Bruno Stein:

Bin direkt nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar sind Sie in das Lager gekommen, wo Sie geblieben sind

 

Zeuge Bruno Stein [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zu Ihrer Evakuierung beziehungsweise Ihrer Versetzung nach Ravensbrück.

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich kann mich noch so weit erinnern: Wie wir ins Lager reinkamen, da war noch kein Stacheldraht da, da waren keine Toiletten da und kein Krankenbau, und gar nichts war da. Wir sind die erste Nacht da reingekommen. Und da wurden wir familienweise tätowiert und wurden in die Baracken reingestopft. Und dann blieben wir. Dann kam Stroh, und da haben wir das Lager aufgebaut, haben die Lagerstraße gemacht. Und dann sind die Handwerker später erst hingekommen und haben da die Toiletten gelegt und die Waschräume und das alles.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war also schon von März 41, als Sie dorthin geschafft worden sind?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, so wie ich mich erinnern kann, war das im März, April, daß wir da gearbeitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage?

 

Angeklagter Hofmann:

Ja, ich will das noch klären. Die anderen Angaben, die der Zeuge macht, daß kein Stacheldraht darum war, das stimmt alles. Aber die Zeit 41 stimmt nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Stein, zeigen Sie doch bitte mal die Unterlagen, die Sie darüber haben. Geben Sie mir doch die bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie noch eine Frage?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Herr Stein, als Sie dorthin kamen, in den ersten Monaten, wie viele Zigeuner waren denn da mit Ihnen etwa? Wie viele Zigeuner waren denn etwa mit Ihnen zusammen in diesem Lagerabschnitt am Anfang?

 

Zeuge Bruno Stein:

Nach meiner Schätzung waren es 2.000.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

2.000. Und wie viele waren es dann später, als es ganz voll war?

 

Zeuge Bruno Stein:

Da waren über fünfzehn-, sechzehntausend.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ich habe an Stark eine Frage. Sie waren in der Aufnahme tätig. Wann haben Sie erstmalig drüben im Zigeunerlager Leute aufgenommen, oder wann sind bei Ihnen Zigeuner durchgelaufen, die rüber nach Birkenau kamen?

 

Angeklagter Stark:

Zu keiner Zeit.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Bei Ihnen zu keiner Zeit?

 

Angeklagter Stark:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und solange Sie da waren, existierte kein Zigeunerlager?

 

Angeklagter Stark:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das wissen Sie ganz genau?

 

Angeklagter Stark:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren schon Zigeuner im Lager?

 

Angeklagter Stark:

Das waren einzelne, sogenannte BV, also Besserungsverwahrung, von der Kriminalpolizei, mit schwarzem Winkel.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber ohne Z. Oder mit Z?

 

Angeklagter Stark:

Ohne Z.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ohne Z.

 

Angeklagter Stark:

Die wurden in die allgemeine Registrierung aufgenommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie haben also keine Z-Registrierung in Ihrer Zeit erlebt?

 

Angeklagter Stark:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann eine Frage an den Angeklagten Broad. Wann haben Sie das erste Mal Zigeuner erlebt in Ihrer Tätigkeit?

 

Angeklagter Broad:

Die Erlasse vom Reichskriminalpolizeiamt habe ich erstmalig im Frühjahr 43, ich glaube, es war März, vielleicht auch Februar, gesehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und das waren dann Zigeuner, die als Zigeuner eingewiesen wurden, nicht etwa als Politische oder sonstwie?

 

Angeklagter Broad:

Nein, das war nicht Schutzhaft, sondern das war die Einweisung aufgrund der Erlasse des Reichskriminalpolizeiamtes.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und da kamen die als Sippe dann hin?

 

Angeklagter Broad:

Jawohl. Und familienweise.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, familienweise meine ich.

 

Angeklagter Broad:

Das war auch der große Unterschied im Vergleich zu den anderen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und das war erst 43?

 

Angeklagter Broad:

43, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Verteidiger Aschenauer:

Der Grunderlaß, daß Zigeuner als Zigeuner einzuliefern waren, stammt vom 29. Januar 1943. Es ist ein Erlaß des Reichssicherheitshauptamtes. Wenn vorher Zigeuner irgendwo in Konzentrationslager eingeliefert wurden, dann wurden sie eingeliefert, mein Gott, aufgrund bestimmter Delikte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nein, das ist nicht richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Schutzhaftbefehl, nicht.

 

Verteidiger Aschenauer:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Verzeihung, dem muß ich widersprechen. Es gibt ausdrücklich eine Bundesgerichtshofentscheidung, die besagt, daß die Verfolgungen der Zigeuner schon erheblich vorher begonnen haben, und zwar die rassischen Verfolgungen. Und der Bundesgerichtshof hat seine ursprüngliche Meinung revidiert vor ungefähr einem Jahr, so daß jetzt in all den Fällen eine rassische Verfolgung der Zigeuner ab 1941, zum Teil sogar schon vorher, anerkannt wird.4

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Rechtsanwalt Ormond, hier dreht es sich aber um eine andere Frage. Hier dreht es sich nämlich um die Frage, ob die Zigeuner bereits vor 43 familienweise in Lager eingeliefert worden sind, nicht um die Verfolgung der Zigeuner.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was die Verfolgung der Zigeuner anbelangt, können Sie durchaus im Recht sein. Aber wir müssen ja hier prüfen, ob es so sein kann, wie der Zeuge uns gesagt hat, daß nämlich bereits im März 41 er mit 2.000 Zigeunern als Familie in dieses Lager e gekommen ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Die Zusammenfassung von Zigeunern in Lagern hat schon im Jahre 1941 stattgefunden. Bezüglich Auschwitz kann ich das im Augenblick nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich möchte dazu folgendes sagen: Es ist richtig, daß der Bundesgerichtshof seine Meinung revidiert hat. Das hängt aber damit zusammen, daß sich im Laufe der Zeit herausgestellt hat, daß ab Juni, Juli 1941 mit Beginn des Rußlandfeldzuges die Zigeuner verfolgt worden sind. Sie wurden angesehen als Nachrichtenträger. Und in diesem Zusammenhang fielen sie unter bestimmte Bestimmungen des Barbarossa-Erlasses und der Durchführungsbestimmungen desselben. Das ist der Grund, warum der Bundesgerichtshof seine Meinung von 43 nach 1941 zurückverlegt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind an den Zeugen – bitte schön.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Präsident, ich hätte noch eins zur Klarstellung meiner Zeit vom März 43. Es ist gerichtlich bekannt, daß ich im Dezember 42 von Dachau nach Auschwitz gekommen bin. Da ja es gar kein anderer Zeitpunkt sein kann wie der, also Februar, März 43, daß das Zigeunerlager früher in Auschwitz-Birkenau eröffnet worden ist, ist nicht möglich.

Dezember 42 kam ich nach Auschwitz. Und Ende Februar, die letzten Tage im Februar beziehungsweise ersten Tage im März 43 kamen die ersten Transporte. Die habe ich persönlich von der Alten Rampe Birkenau nach Auschwitz begleitet. Es war kein Drahtzaun rum, was der Zeuge sagt, das stimmt, kein Drahtzaun rum. Es war kein Strom da, es war gar nichts da. Die kamen plötzlich, da mußte erst alles errichtet werden.

Also ich kann nur das eine sagen: Februar, März 43, und keinen Tag früher und keinen Tag später. Das ist der Zeitpunkt [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das gehört, Herr Zeuge?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ja, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie genau, daß Sie 41 festgenommen worden sind in Eisleben?

 

Zeuge Bruno Stein:

Ich war bei der Firma Gottschalk als Kraftfahrer. Und da bin ich von einer Fernfahrt gekommen. Und da sagte mir der Chef: »Herr Stein, haben Sie was ausgefressen? Die Gestapo ruft hier andauernd an.« Ich sage: »Nein.« »Fahren Sie sofort nach Eisleben, und regeln Sie das.« Ich hatte noch Geschäftsgeld bei mir. Und dann weiß ich das genau: Am 3.3.41 haben sie uns da verhaftet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und sind Sie dann unmittelbar nach Auschwitz gekommen oder sonst irgendwo noch in ein anderes...

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, wir lagen auf den Transporten noch. Mit den Sammeltransporten sind wir nach Auschwitz dann gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat aber nicht länger als einen Monat gedauert?

 

Zeuge Bruno Stein:

Einen Monat oder zwei Monate hat das gedauert.

 

Vorsitzender Richter:

Aber keine Jahre.

 

Zeuge Bruno Stein:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Präsident, das Lager Birkenau, das ist ja erst im März 42 eröffnet worden. Das ganze Lager, der Abschnitt BI. Damit hat es ja angefangen, mit dem Abschnitt BI. Das war im März 42, da sind die Verlegungen vom Stammlager nach Birkenau gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das haben wir ja schon alles hier durchgegangen. Wenn

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Das sogenannte Zigeunerlager BIIe wurde im Februar 1943 eingerichtet. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. I, S. 104 f.

2. Das Bewährungsbataillon 999 war eine Sonderformation der Wehrmacht, die durch Führererlaß vom 2. Oktober 1942 eingerichtet wurde. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 397 f.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung des Zeugen Finkelmeier vom 10.03.1964 in Geißelhardt, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Anhang zum Beweisantrag von Verteidiger Aschenauer vom 30.11.1964, Anlage 2 zum Protokoll vom 03.12.1964.

4. BGH-Entscheidung vom 18.12.1963, in: Rechtsprechung zum Wiedergutmachungsrecht, Jg. 15, H. 5, 1964, S. 209-211.

 

 
 
 
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