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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

90. Verhandlungstag, 17.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Anton Siebald

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband aufnehmen zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Anton Siebald:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Siebald, Sie heißen Anton Wilhelm. Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Anton Siebald:

51.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind 51 Jahre alt. Von Beruf?

 

Zeuge Anton Siebald:

Autoschlosser.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in?

 

Zeuge Anton Siebald:

Weddinghusen bei Heide.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Anton Siebald:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Siebald, ich darf ganz kurz einmal Ihren Lebenslauf rekapitulieren, bis Sie nach Auschwitz gekommen sind. Sie sind bei Bebra in Breitenbach geboren, im Bezirk Kassel. Sie waren im Jahre 1933 arbeitslos, sind deshalb nach 33 in die Allgemeine SS eingetreten und wurden zunächst kaserniert in Thüringen. Sie haben sich dann nach Kassel versetzen lassen, haben hier Dienst am Telefon getan, als Telefonist, sind aber dann auch dort weggegangen und haben in der Spinnfaserfabrik in Kassel gearbeitet bis zum Jahre 1940.

 

Zeuge Anton Siebald:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei der SS niemals irgendeine Führungsstelle erworben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Dann kamen Sie 40 zur Waffen-SS nach Melk, und Sie haben dort Ihre militärische Grundausbildung bekommen, kamen dann bald ins Lazarett und sind dann nach Oranienburg entlassen worden.

 

Zeuge Anton Siebald:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und von dort kamen Sie nach Auschwitz.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie in Auschwitz ungefähr angekommen?

 

Zeuge Anton Siebald:

War Sommer [Pause] im Spätsommer 40.

 

Vorsitzender Richter:

Im Spätsommer 1940. Und wie lang sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Bis zum Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum Januar 1945?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie dorthin kamen, wurden Sie zunächst wo eingeteilt?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich sollte zur Wachkompanie eingeteilt werden. Ich habe mich aber dann gleich krank gemeldet, weil ich nicht stehen konnte. Und da wurde ich krank geschrieben, weil ich ein Attest von Hohenlychen erwartete. Und so lange blieb ich dann krank. Und bis das Attest da war, kam ich dann zur Fahrbereitschaft, als Sie dann erfahren hatten, daß ich nicht stehen konnte als Wache.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie in der Wacheinheit überhaupt keinen Dienst getan?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, habe ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie zur Fahrbereitschaft gekommen.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie dort getan?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da habe ich zuerst Verpflegungswagen gefahren, dann Wäschewagen.

 

Vorsitzender Richter:

Vier bis fünf Monate?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Oder vier bis fünf Wochen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, fünf Monate habe ich da gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt, vier bis fünf Wochen.1

 

Zeuge Anton Siebald:

Den Wäschewagen?

 

Vorsitzender Richter:

Hätten Sie als Kraftfahrer Dienst getan.

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, ich habe Verpflegungswagen gefahren und habe Wäschewagen gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange war das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war länger. Bis ich Werkstattleiter wurde, also stellvertretender Werkstattleiter.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Anton Siebald:

41, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 1941?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und da haben Sie nur Lkw gefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nur Lkw, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann wurden Sie zunächst stellvertretender Werkstattleiter oder zweiter Werkstattleiter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wo? In der Praga-Halle?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, das war vorne in der Fahrbereitschaft. [...]

 

Vorsitzender Richter:

In der Fahrbereitschaft. Wo die Pkws standen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wo die Pkws standen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war damals erster Werkstattleiter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war Christian Pfauth.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie waren zweiter Werkstattleiter. Und wurden dann wann erster Werkstattleiter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Als Pfauth wegging.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war?

 

Zeuge Anton Siebald:

42.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gemeint, das wäre 43 gewesen?

 

Zeuge Anton Siebald:

[unverständlich]Nein, wann haben wir die Praga- Halle aufgemacht, war das 42? Nein, 43 war das.

 

Vorsitzender Richter:

43 nach meiner Kenntnis.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also 43 wurden Sie erster Werkstattleiter, und zwar in der Praga-Halle?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In der Praga-Halle. Und das waren Sie dann bis zu Ihrer Entlassung aus Auschwitz

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Bis zum Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wieviel Mann gehörten so ungefähr zur Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Anton Siebald:

Als Kraftfahrer?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] In der Praga-Halle waren ungefähr 20, 25 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Einschließlich der Werkstattarbeiter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

20 bis 25? Und vorne bei den Pkws? [Pause] Sie haben mal gesagt, es wären ungefähr 60 Mann gewesen insgesamt in der Fahrbereitschaft. Kann das stimmen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Mit allem Drum und Dran, ja, das kann wohl sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Lkws waren ungefähr vorhanden?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] So 20, 25 oder 30 waren es.

 

Vorsitzender Richter:

Der Lorenz hat mal gesagt, es wären 35 bis 40 gewesen. Also Sie meinen, es könnten ungefähr 30 gewesen sein?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war der Leiter der Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war Wiegand.

 

Vorsitzender Richter:

Wiegand. Und sein Stellvertreter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war Heger.

 

Vorsitzender Richter:

Heger, ja. Und Heger hat auch den Kommandanten gefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wem unterstanden Sie denn disziplinär?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wiegand.

 

Vorsitzender Richter:

Wiegand war aber doch erst später Untersturmführer, vorher war er ja nur Oberscharführer, oder?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, aber trotzdem.

 

Vorsitzender Richter:

Aber der kann ja kein Disziplinarvorgesetzter gewesen sein. Wer war denn der Disziplinarvorgesetzte?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da kam dann der Kommandant.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Höß. Oder war es der Adjutant?

 

Zeuge Anton Siebald:

Und Baer als Kommandant. Die waren unsere direkten Vorgesetzten.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Adjutant nicht?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, mit dem hatten wir weiter nichts zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem hatten Sie nichts zu tun. Hat Ihnen der Kommandant irgendwann einmal als Disziplinarvorgesetzter Instruktionen erteilt oder einmal sich mit Ihnen überhaupt befaßt? Oder wenn Sie Urlaubsscheine brauchten, mußten Sie dann zum Kommandanten gehen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein. Das wurde nur eingereicht, und dann kriegten wir den zugeschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat den denn unterschrieben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Vom Kommandanten war der unterschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Der Kommandant hat ihn persönlich unterschrieben. Das ist allerdings merkwürdig, was der Kommandant dort alles getan hat. Nun, Fahrbefehle, wer hat die unterschrieben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die wurden vom Kommandanten unterschrieben und vom Stellvertreter.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war der Stellvertreter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, der Adjutant doch.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Adjutant. Haben Sie auch Fahrbefehle gesehen, die von dem Adjutanten Mulka unterschrieben waren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Für Krankenwagen außerhalb des Lagers. Ich habe einen gesehen. [...] Eine Unterschrift habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Für was? Für einen Krankenwagen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wenn ein SS-Mann ins Krankenhaus mußte, der mußte einen Fahrbefehl haben.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie gesehen, daß er einmal einen Fahrbefehl unterschrieben hat. Nun, sagen Sie, wissen Sie, daß die Lkws auch eingesetzt wurden zum Transport von Häftlingen von der Rampe in die Gaskammern?

 

Zeuge Anton Siebald:

Gesehen habe ich es nicht, aber nach dem Allgemeinen hat man das ja gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Nun waren Sie ja Werkstattleiter in der Praga- Halle, und diese Lkws unterstanden ja Ihnen.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, reparaturmäßig, sonst nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nur reparaturmäßig?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie gehört, daß diese Wagen auch zum Transport in Gaskammern eingesetzt wurden. Haben Sie da auch einen solchen Transport mitgefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war 1941/42, da mußte ich mal fahren. Als Ersatz kriegte ich von Wiegand den Befehl, Leute von [unverständlich] abzufahren in die Baracke. Das war dunkel, und da habe ich welche dreimal oder viermal gefahren, in die Baracke rein.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar an einem Tag?

 

Zeuge Anton Siebald:

Abends, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Abends bei einem Transport?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da sind Sie hingefahren, haben die Leute abgeladen, sind wieder zurückgefahren, haben neue geholt?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war das, wo Sie die Leute hingefahren haben?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Ging nach [Pause] Birkenau oder in das Lager rein, wo sie da ausgesucht wurden und was sie da gemacht haben.

 

Vorsitzender Richter:

Das verstehe ich nicht, was Sie da jetzt erzählen. Sie haben die Leute in das Lager gefahren. Ich habe Sie vorhin gefragt, ob Sie Leute auch in die Gaskammern gefahren hätten. Da haben Sie gesagt: einmal.

 

Zeuge Anton Siebald:

In die Gaskammer, ja, in die Baracke, die zur Gaskammer kam.

 

Vorsitzender Richter:

Baracke, die zur Gaskammer ging. Dann erzählen Sie uns mal, wie das so im einzelnen war, was da für Baracken und für Gaskammern standen. Wir wissen ja vorläufig nicht, wo das gewesen ist.

 

Zeuge Anton Siebald:

Bis zur Gaskammer bin ich ja nicht gewesen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Dann erzählen Sie mal, wo Sie hingefahren sind.

 

Zeuge Anton Siebald:

Bin ich ja nie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, was denn? Was haben Sie denn gefahren und wohin gefahren, und was geschah da?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wohl ungefähr 100 Meter vorher, wo die Baracken standen, da habe ich sie abgeladen.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren denn die Baracken?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die waren in Richtung, wo die Gaskammer ist, wo die Leute

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wo waren die Gaskammern?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, ich bin ja selbst nicht dabeigewesen bei der Gaskammer.

 

Vorsitzender Richter:

Also Herr Siebald, Sie müssen doch allmählich selbst einsehen, daß es so nicht geht, nicht? Ich meine, bei allem Wohlwollen. Ich habe Sie gefragt, wo Sie die Leute hingefahren hätten. Da haben Sie gesagt:»Zu den Baracken«. Und da habe ich gesagt: »Wo waren die Baracken«? Da haben Sie gesagt: »In der Nähe von der Gaskammer«. Da habe ich gesagt: »Wo waren die Gaskammern«? Haben Sie gesagt: »In der Nähe der Baracken«. Ich meine, so kommen wir doch nicht weiter, Herr Siebald. Das müssen Sie einsehen, gell.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also wo standen diese Bauernhäuser, diese Bunker oder wie Sie das nennen wollen, das ist mir gleichgültig, in denen die Vergasungen stattfanden? [Pause] Nun, Herr Siebald, von wo aus sind Sie denn gefahren? Wo waren denn die Gleise? Waren die schon im Lager Birkenau oder noch vor dem Lager Birkenau?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die waren vor dem Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Vor dem Lager Birkenau zwischen dem Stammlager Auschwitz I und Birkenau, stimmt's?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dort sind Sie also weggefahren. Nun schildern Sie uns zunächst einmal, wie das dort zugegangen ist. Wer hat Sie denn beauftragt, überhaupt dorthin zu fahren an die Gleise?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die Befehle kamen ja vom Kommandanten, über die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Kommandanten. Wieso wissen Sie das, daß die vom Kommandanten kamen? Kamen die schriftlich oder mündlich?

 

Zeuge Anton Siebald:

Na, schriftlich habe ich nichts gesehen. Das ist mündlich gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Mündlich gekommen. Und an wen gingen die Befehle?

 

Zeuge Anton Siebald:

An die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die Fahrbereitschaft ist ein Begriff. Und an wen gingen sie persönlich? An den Wiegand oder an den Heger oder an den

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

An den Fahrbereitschaftsleiter.

 

Vorsitzender Richter:

Das war, wie Sie uns vorhin sagten, der Herr Wiegand.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also wäre es praktischer gewesen, Sie hätten gleich gesagt, die gingen an Wiegand. Und Wiegand hat Ihnen den Befehl gegeben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dahinten gibt es gar nichts zu lachen, junger Mann! Damit wir uns da vollkommen klar darüber sind! Also weiter: Der Wiegand hat Ihnen den Befehl mündlich gegeben.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Weiter: Dann sind Sie mit Ihrem Lkw wohin gefahren? An diese Rampe da?

 

Zeuge Anton Siebald:

An die Rampe, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lautete denn der Befehl, den Wiegand Ihnen gegeben hat?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da sollen Leute abgefahren werden von der Rampe in die Baracke, die zur Gaskammer geht.

 

Vorsitzender Richter:

Wußten Sie, wo die Baracke war, die zur Gaskammer gehört?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich bin den anderen Leuten nachgefahren [...] weil ja mehrere gefahren sind.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind an die Rampe gefahren. Was haben Sie denn an der Rampe gesehen? War da ein Zug angekommen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Mit dem Zug, ja.

 

Vorsitzender Richter:

War ein Zug angekommen. Waren die Leute schon ausgestiegen, oder kam der Zug erst an, als Sie schon dort standen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, die standen schon da.

 

Vorsitzender Richter:

Die Leute standen schon da. Wissen Sie, ob die Leute aussortiert worden sind in Gebrechliche und Schwache und in Arbeitsfähige und so weiter? Wissen Sie das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da an der Rampe jedenfalls nicht. Da habe ich nichts von gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie nichts davon gesehen. Sind denn alle Leute in die Gaskammer gekommen, die Sie da gesehen haben? Oder sind auch welche woanders hingegangen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, es sind nicht alle in die Gaskammer gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht? Und welche kamen denn nicht in die Gaskammer?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Beim Aussortieren bin ich ja nicht dabei gewesen. Jedenfalls waren es bestimmt die kräftigen Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen, wer die kräftigen Leute aus den anderen herausgesucht hat?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Nun, und wer hat Ihnen dann die Leute auf den Wagen drauf gebracht?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da waren die SS-Leute ja dabei. [...] War Wache dabei und Blockführer, und die ordneten das ja an.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch welche gekannt von denen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Nun weiter: Dann sind also die Leute auf Ihren Wagen aufgeladen gewesen. Ist da auch Begleitpersonal mitgefahren, eine Wache oder Blockführer oder so irgend etwas, was die Leute auf den Wagen begleitet hat? Oder waren die ganz allein da oben auf dem Wagen? Konnten die unterwegs aussteigen zum Beispiel?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das weiß ich nicht, ob da einer mitgefahren ist. Das kann ich nicht bestimmt sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Nun, welchen Weg sind Sie denn dann gefahren? Sind Sie nach Birkenau gefahren, oder sind Sie woanders hingefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Ja, nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Birkenau sind Sie gefahren. Und war damals das Lager Birkenau schon aufgebaut?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Das war noch im Anfang.

 

Vorsitzender Richter:

Es war noch im Anfang. Und wie sind Sie denn in Birkenau dann gefahren? Sind Sie links um das Lager herumgefahren oder rechts um das Lager herumgefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, ich bin überhaupt nicht um das Lager herum. Bin einfach geradeaus gefahren vor die Baracken, wo die anderen Wagen standen, und dann habe ich gehalten.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn Sie geradeaus fuhren, da kamen Sie ja an die Stelle, wo diese neuen Krematorien gebaut waren. Und die standen damals doch vermutlich noch nicht. [Pause] Standen denn schon die neuen Krematorien, Herr Siebald?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, das glaube ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Die standen noch nicht. Sie sind jedenfalls nicht zu den neuen Krematorien gefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, sondern Sie sagen, zu Baracken, wo die Gaskammern waren. Wo waren denn die Gaskammern, in welchen Häusern? Waren das frühere Bauernhäuser, die umgebaut waren? [Pause] Oder wie sahen die aus, diese Gaskammern?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wie gewöhnliche Häuser.

 

Vorsitzender Richter:

Gewöhnliche Bauernhäuser?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Oder waren das solche Häuser, wie sie in Auschwitz standen, solche Pferdeställe oder Blöcke, so Soldatenbaracken oder so irgend etwas?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren es Bauernhäuser?

 

Zeuge Anton Siebald:

Bauernhäuser.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Nun ja, nach unserer Kenntnis waren die rechts vom Lager, also da mußten Sie eigentlich an dem Lager Birkenau vorbeifahren und mußten rechts hinter fahren. Da sollen diese Bauernhäuser gestanden haben, und zwar rechts von den späteren Krematorien. Das wissen Sie also nicht mehr genau. Dann sind Sie hingefahren bis an die Baracken. Was geschah dann?

 

Zeuge Anton Siebald:

Dann wurden die Leute abgeladen, dann bin ich zurück.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie zurück. Und wer hat die Leute in Empfang genommen, die abgeladen wurden?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, da waren doch Blockführer und alles, die waren doch da.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kamen die denn her, die Blockführer? Die waren doch vorher auf der Rampe, haben Sie uns erzählt.

 

Zeuge Anton Siebald:

Oh, da sind doch so viele Leute gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da auch welche hinten bei den Baracken? [...] Oder war ein besonderes Kommando dafür tätig? Ein sogenanntes Sonderkommando?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ein Kommando war da hinten, aber wer das nun war, das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. [Pause] Und sagen Sie, wie oft wurden denn solche Fahrten mit den Lkws nach den Gaskammern durchgeführt?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das kann ich nicht bestimmt sagen. Das weiß ich nicht. Ich habe mich nicht mehr darum gekümmert, als ich Werkstattleiter war. Da habe ich mich nicht drum gekümmert.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mal, waren denn da Fahrbefehle, schriftliche Fahrbefehle erforderlich, wenn Wagen in die Gaskammern fuhren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das glaube ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie nämlich mal ausgesagt haben: »Über die Ausstellung der Fahrbefehle für die Fahrten in die Gaskammer kann ich folgendes sagen: Auszustellen waren diese Befehle von der Kommandantur. Hier war in erster Linie für die Fahrbereitschaft der Adjutant des Kommandanten verantwortlich.«2

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Ja, das hatte ich aber damals widerrufen. [...] Denn das hatte ich verkehrt verstanden, wie er das meinte.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das haben Sie zunächst beim Untersuchungsrichter [...] am 19.3.1962 gesagt. Später haben Sie bei dem Untersuchungsrichter das widerrufen und haben gesagt, es sei kein Fahrbefehl mehr für diese Fahrten erforderlich gewesen.3 Stimmt das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Später haben Sie dann gesagt: »Insbesondere erinnere ich mich an den Adjutanten Mulka. Ich kann mich zwar auch noch an den Adjutanten von Baer, Höcker, erinnern, seine Gestalt ist aber im Verhältnis zu Mulka bei mir mehr verblaßt. Mulka habe ich wesentlich in besserer Erinnerung.«4 Und dann haben Sie wegen dieser Fahrbefehle gesagt: »Für die Fahrten innerhalb des Lagers, wozu auch der Transport der Häftlinge von der Ankunftsrampe zur Gaskammer gehörte, waren keine schriftlichen Fahrbefehle notwendig. Diese Fahrbefehle wurden per Telefon durchgegeben.«5 Das stimmt so?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Verzeihung, Herr Direktor, wann war dieser [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Am 15.7.63, Blatt 16.632.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Danke verbindlichst.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn nun zuständig für diese Fahrbefehle?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da gab es doch keine Fahrbefehle dafür.

 

Vorsitzender Richter:

Also erstens mal gab es dafür keine schriftlichen Fahrbefehle, das heißt, mündliche Fahrbefehle gab es sehr wohl, denn es mußte ja irgendjemand befehlen, daß die Lkws in Gang gebracht wurden, nicht.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber wenn Sie an schriftliche Fahrbefehle denken, gab es dafür keine. Wohl aber gab es Fahrbefehle in welchen Fällen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die außerhalb des Lagers gingen, auf die Landstraße.

 

Vorsitzender Richter:

Die außerhalb des Lagers gefahren wurden. Und wer hat diese Fahrbefehle erteilt?

 

Zeuge Anton Siebald:

Der Kommandant und Adjutant.

 

Vorsitzender Richter:

Der Kommandant und Adjutant. Sie haben damals gesagt: »Ich erinnere mich noch an Unterschriften Mulkas auf den Fahrbefehlen.«6 Stimmt das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Heute haben Sie gesagt, Sie hätten einen mal gesehen, und zwar für einen Sanka. Was ist nun richtig?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, ich habe doch den Fahrbefehl gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Einen.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Für einen Sanka. Und damals haben Sie gesagt, Sie erinnern sich noch an Unterschriften Mulkas auf Fahrbefehlen, als ob das mehrere gewesen seien.

 

Zeuge Anton Siebald:

Das habe ich wohl dann verkehrt verstanden.

 

Vorsitzender Richter:

[unverständlich] Also es war so, daß das auf mehreren Fahrbefehlen gewesen ist oder nur auf einem?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich habe einen gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Einen haben Sie gesehen. Und [Pause] was stand denn nun auf den Fahrbefehlen, zum Beispiel die da von dem Adjutanten herausgeschrieben wurden, als Zweck der Fahrt?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, Krankentransport.

 

Vorsitzender Richter:

Krankentransport. Das war auf dem einen, den Sie gesehen haben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben bei Ihrer ersten Vernehmung gesagt: »Ich kann mich nur erinnern, daß Wiegand beispielsweise bei Verpflegungsfahrten unterzeichnet hat. Grundsätzlich hatte jedoch der Adjutant zu unterschreiben.«7 Stimmt das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, es stimmt. [Pause] Und wie war das nun, wenn ein Häftlingstransport ankam? Von wem wurde der gemeldet?

 

Zeuge Anton Siebald:

Vom Lagerkommandanten aus.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Lagerkommandanten. Nun, der wird das ja wohl nicht persönlich gemacht haben. Hat er sich nicht irgendeines Helfers bedient, sei es des Adjutanten oder des Spießes oder eines Unterführers oder sonst irgendeines Gehilfen? Ich meine, der [Kommandant] war anscheinend sehr rührig, aber das hat er doch sicher nicht alles getan. [...]

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Na, das weiß ich nun auch nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie auch nicht. Nun weiter: Haben Sie auch eine Vergasung selbst beobachtet?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie den Adjutanten Mulka einmal persönlich gesehen?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Im Lager?

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst einmal ganz allgemein. Irgendwo und irgendwann.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war das?

 

Zeuge Anton Siebald:

Er hat mir mal einen Urlaubsschein verlängert.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar warum?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da war meine Frau, die hatte mich besucht und die sollte dann aus dem Hause ausgewiesen werden, wo sie gewohnt hat. Und da habe ich drum gebeten, daß sie noch zwei Tage länger wohnen könnte, bis ich mit auf Urlaub fahren konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Nun hören Sie mal: Sie hatten damals bei Ihrer ersten Vernehmung sich auch erinnern können an Selektionen, die dort auf der Rampe vorgenommen worden sind. Und Sie haben gesagt: »Nachdem mir nun wieder eingefallen ist, daß ich von der Rampe Häftlinge für die Fahrt in das Krematorium abgeholt habe, kann ich auch einige Namen von Personen nennen, die bei der vorangegangenen Selektion in Erscheinung getreten sind.«8 Vorhalt aus Blatt 11.925.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, Fritzsch, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte wie?

 

Zeuge Anton Siebald:

Fritzsch habe ich da gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Fritzsch, ja. Höß?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, Höß, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Weiter, wer war noch da? [Pause] Herr Siebald, ich muß Sie noch einmal zur Wahrheit ermahnen. Sie haben erst gesagt, Sie hätten überhaupt nicht gesehen, daß da Selektionen stattfanden. Jetzt wissen Sie plötzlich, daß Höß und Fritzsch Selektionen durchgeführt haben. Auf die weitere Frage

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Ja, das verstehe ich nicht ganz.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Was verstehen Sie nicht?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die Selektionen beim Transport. Ich habe doch gesagt, daß ich beim Transport dabei war.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben nur gesagt, daß Sie Leute [...] von der Rampe nach der Gaskammer gefahren haben.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und als ich Sie gefragt habe, ob dort Leute ausgesondert und ausgewählt worden sind, haben Sie mir zur Antwort gegeben: Das weiß ich nicht.

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, das habe ich auch nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Wieso wissen Sie dann, daß Fritzsch und Höß bei diesen Selektionen

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Nein, ich meine jetzt, daß sie dagewesen sind auf der Rampe. Das meine ich.

 

Vorsitzender Richter:

Waren auch Ärzte da?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ärzte waren auch da. Aber ob die dabei waren bei dem Aussuchen, das weiß ich ja nicht. Das habe ich ja nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie noch Ärzte mit Namen, die dabei waren?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Kenne ich keinen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn sonst noch dabei?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Ja, und da waren die ganzen Blockführer doch da.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Die ganzen anscheinend nicht, denn Sie sagten vorhin, ein Teil davon sei auch in den Gaskammern gewesen.

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Ja, die ganzen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Und wie war es denn nun mit den Sankas? Sind die auch zu derartigen Fahrten benutzt worden?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, wenn jemand gebrechlich war und krank.

 

Vorsitzender Richter:

Ich meine jetzt, zu den Fahrten von der Rampe in die Gaskammer.

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, davon ist mir nichts bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob überhaupt da Sankas hingeschickt worden sind?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Warum?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, für Kranke.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun ja, Sie haben mal gesagt, daß die Sankas hingeschickt worden sind, um die Ärzte dorthin zu fahren.9

 

Zeuge Anton Siebald:

Na ja, sicher sind die Ärzte hingefahren, aber doch bestimmt auch für die Kranken.

 

Vorsitzender Richter:

Also ich hätte keine Fragen mehr an den Zeugen. Hat das Gericht noch Fragen? Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Siebald, ich mache Sie nochmals auf die Wahrheitspflicht aufmerksam, wie das der Herr Vorsitzende schon getan hat. Das, was Sie hier erzählen, mag zum Teil nach meiner Auffassung wahr sein, Sie verschweigen uns aber Wesentliches. Das ist meine Auffassung.

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Ja, ich weiß nicht, was soll ich verschweigen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Das werde ich Ihnen jetzt gleich sagen. Herr Siebald, Sie haben sich bei der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter ganz klar dahin ausgedrückt, daß es grundsätzlich der Adjutant war, der die Fahrbefehle unterschrieben hat und der die Fahrbefehle mündlich erteilt hat.10 Wollen Sie davon heute abgehen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein. Das war bei der ersten Verhandlung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Weil Sie heute dauernd vom Kommandanten sprechen. Herr Siebald, das ist Ihnen ganz klar, und es ist mir auch ganz klar, warum Sie das tun. Also wollen Sie uns bitte eine ganz klare Auskunft geben: War es grundsätzlich der Adjutant, der sich um die Fahrbereitschaft zu kümmern hatte?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, das war der Kommandant.

 

Staatsanwalt Kügler:

So. Und wer unterschrieb die Fahrbefehle grundsätzlich?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wenn der Kommandant da war, hat es der Kommandant unterschrieben, und wenn er nicht da war, der Adjutant.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das ist aber völlig anders, als Sie das vor dem Untersuchungsrichter dargestellt haben, Herr Siebald. Vor dem Untersuchungsrichter haben Sie gesagt: »Beide Arten von Fahrbefehlen waren aber grundsätzlich vom Adjutanten des Kommandanten zu unterzeichnen.«11 Wie kommt das, daß das heute auf einmal anders ist? Erklären Sie mir das mal.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, das habe ich damals schon bei dem Untersuchungsrichter beim zweiten Mal gesagt. Das habe ich verkehrt verstanden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das verstehe ich nicht, wie man da etwas verkehrt verstehen kann.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, weil mir nur da vorgelegt wurde, ob die Fahrbefehle für das Lager unterschrieben [+ waren]. Alle im allgemeinen für einen. Und das war es ja nicht. Und deswegen habe ich das so gesagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein, Herr Siebald, das ist etwas ganz anderes, und Sie wissen das ganz genau. Und ich will Ihnen nun folgendes sagen: Wir haben hier den Herrn Heger, von dem Sie gesprochen haben, vernommen. Und der hat uns ganz klar gesagt, daß Sie derjenige waren, der in der Praga-Halle zuständig war.

 

Zeuge Anton Siebald:

Für die Reparatur, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein, nicht für die Reparatur, sondern Sie waren praktisch der Herr Wiegand in der Praga-Halle.

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, wer soll denn das dann sonst gemacht haben? Das lag ja doch eine erhebliche Entfernung von der Fahrbereitschaft, dem Stammlager weg.

 

Zeuge Anton Siebald:

Das wurde ja durch ein Telefon gemacht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, und wer hat denn

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Ich war

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

In der Praga-Halle das Telefon abgenommen? Das möchte ich jetzt von Ihnen wissen.

 

Zeuge Anton Siebald:

Da war Gaar da, Hoffmann war da, die nahmen es ab.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und Sie?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich war ja in der Werkstatt, ich nahm auch Telefongespräche ab.

 

Staatsanwalt Kügler:

So, und von wem kamen denn die Telefongespräche?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wenn ich am Telefon war, kriegte ich die vorne von der Fahrbereitschaft.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bitte?

 

Zeuge Anton Siebald:

Von der Fahrbereitschaft.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die Fahrbereitschaft kann doch nicht telefonieren. Nun nennen Sie doch mal Namen, Herr Siebald. Wer hat denn telefoniert?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wir kriegten Befehle von der Fahrbereitschaft vorne.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von irgendeinem Häftling, der dort arbeitete, oder was?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na ja, von wem denn?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, da hat Wiegand angerufen, oder Heger hat angerufen, wenn was war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja? Herr Siebald, zumindest ab 1943 waren die Lastkraftwagen, die die Transporte zur Gaskammer durchgeführt haben, in der Praga-Halle und nicht vorne. Ist das richtig?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die waren in der Praga-Halle, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun mußten die doch wissen, wenn sie eingesetzt werden sollten.

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war der Unterscharführer Vollrath. Der hat den Einsatz der Lkws gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, und woher wußte der?

 

Zeuge Anton Siebald:

Der war ja den ganzen Tag draußen. Der kriegte ja am Tag schon Bescheid.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von wem und wo?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, im Lager drin, sicher vom Lagerführer oder von wem er das kriegte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie wissen das doch ganz genau, Herr Siebald. Nun sagen Sie das doch mal.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich kann doch das nicht sagen, wenn mir da keiner was gesagt hat. Ich kann doch nicht

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Es mag möglich sein, daß Ihnen keiner was gesagt hat. Aber Sie wissen es genau, wie es gewesen ist.

 

Zeuge Anton Siebald:

Das kann ich nicht wissen, das

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Na sicher wissen Sie es genau!

 

Zeuge Anton Siebald:

Wie soll ich das wissen, wer mit Vollrath gesprochen hat?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie wollen also sagen, daß Vollrath das Telefon abgenommen hat, wenn angerufen

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Nein, der brauchte kein Telefon abzunehmen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sondern wie ist das denn vor sich gegangen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Wenn er den ganzen Tag draußen war, da kam er von einem Lager zum anderen Lager ja hin. Und der kriegte Bescheid, wenn ein Transport kam.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Siebald, das müssen Sie mir mal erklären, das verstehe ich nicht. Das Lager hatte also einen Umfang von zig Quadratkilometern. Da gab es Monowitz, da gab es Birkenau, da gab es Auschwitz I. Wie soll denn das gewesen sein, wie der Herr Vollrath da Nachricht bekommen hat? [Pause] Der einfachste Weg wäre doch der gewesen, daß von der Kommandantur oder von wem auch immer das Telefon in Betrieb gesetzt worden ist, das in der Praga-Halle stand, und daß gesagt worden ist, dann und dann wird ein Transport erwartet, soundso viele Lkws raus. Oder?

 

Zeuge Anton Siebald:

Die meisten hat Vollrath so... Der kam an und sagte: »Wir müssen heute wieder fahren.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie wollen also sagen, daß das der Vollrath war?

 

Zeuge Anton Siebald:

Der war verantwortlich für den Einsatz von den Lkws.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und Sie wollen sagen, daß Sie nur für die Reparatur...

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich war nur für die Reparatur.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und nicht für den Einsatz.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich habe den Einsatz für die Lkw nicht gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gut, danke.

 

Zeuge Anton Siebald:

Der wurde mir abgesprochen von der Fahrbereitschaft, Wiegand.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann haben Sie ihn doch, wenn er Ihnen abgesprochen wurde, mal eine Zeitlang gehabt!

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein. Als ich hinkam und als ich Oberscharführer wurde, da stand der mir praktisch sozusagen als Vorgesetzter von der ganzen Praga-Halle... Und da gab es Reibereien, und da sind wir vorgegangen nach Wiegand, und da wurde das geklärt. Das war gleich danach.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie viele Wochen hat das gedauert, bis das

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Hat gar nicht lange gedauert. 14 Tage.

 

Staatsanwalt Kügler:

14 Tage.

 

Zeuge Anton Siebald:

Das war sofort. Sofort war das.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und damit wollen Sie also sagen, daß das der Vollrath gemacht hat?

 

Zeuge Anton Siebald:

Er wollte doch den Einsatz haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Er wollte den Einsatz haben.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der Vollrath?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gut.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, als Auschwitz im Januar 1945 evakuiert wurde, haben Sie sich am Fußmarsch beteiligt, oder sind Sie mit einem Ihrer Lkws gefahren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Mit dem Lkw.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was ist Ihnen da unterwegs begegnet auf dem Marsch nach Groß-Rosen?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Na, verschiedene Häftlinge waren da und haben da gelegen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Lebende, tote? [Pause] Herr Zeuge, das wissen Sie doch ganz genau.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, ich bin ja vorbeigefahren. Ob die lebend oder tot waren, ich meine, sind sie tot gewesen? Das weiß ich ja nun auch nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren das Häftlinge, die erschossen waren?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das konnte ich nicht sehen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie von einem Befehl gewußt, daß Häftlinge, die nicht weiter können, erschossen werden sollen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein. Den Befehl habe ich nicht gewußt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, ich muß Ihnen vorhalten, daß Sie früher folgendes gesagt haben: »Wir begaben uns zunächst nach Groß-Rosen. Unterwegs haben wir Häftlingskolonnen passiert, die den Weg nach Groß-Rosen zu Fuß zurücklegten. Es ist mir aufgefallen, daß am Straßenrand tote Häftlinge lagen. Diese waren erschossen worden, weil sie nicht mehr wegfähig waren.«12 Wollen Sie das heute nicht mehr wahrhaben?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, das wird wohl wahr sein. Aber ich habe es ja nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Würden Sie ins Mikrofon sprechen, damit wir das auch hören.

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Sprechen Sie zum Herrn Vorsitzenden.

 

Zeuge Anton Siebald:

Das wird wohl wahr sein, aber ich habe doch das nicht gesehen!

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was haben Sie nicht gesehen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Daß sie erschossen wurden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aber Sie haben gesagt: »Es ist mir aufgefallen, daß am Straßenrand tote Häftlinge lagen.« Und: »Diese waren erschossen worden, weil sie nicht mehr wegfähig waren.«

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, ich habe aber doch nicht gesehen, wie sie erschossen wurden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Das habe ich Sie ja nicht gefragt. Wahrscheinlich mit Gewehr oder mit Pistole, nicht wahr. Sondern die Tatsache, daß Häftlinge, die nicht mehr laufen konnten, erschossen wurden, die haben Sie damals klar und eindeutig bestätigt.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, aber ich habe doch nicht gesehen, wie sie erschossen wurden. Ich war doch nicht dabei.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich gebe es auf. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Zeuge. [Pause] Herr Zeuge, hat man von irgendeiner Seite auf Sie eingewirkt, in Ihrer Aussage zurückzuhalten?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein?

 

Zeuge Anton Siebald:

Niemand.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sind Sie nach Ihrer ersten Vernehmung am 19.3.62 aufgesucht worden von irgendwelchen...

 

Zeuge Anton Siebald:

Mich hat keiner aufgesucht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gehören Sie irgendeiner Vereinigung der ehemaligen SS an?

 

Zeuge Anton Siebald:

Gar nichts.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nichts?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Das, was Sie hier dem Gericht dargelegt haben, ist Ihre freie und unbeeinflußte Darlegung, ja?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, soviel mir alles bekannt ist, was ich weiß, was ich in Erinnerung habe, ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Sagen Sie, Herr Zeuge, haben Sie eigentlich damals Zuwendungen bekommen, Extrazuwendungen, als Sie die Opfer zu den Gasbunkern gefahren hatten?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ich habe keine Zuwendungen gekriegt, überhaupt nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine Sonderzuwendungen bekommen.

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Was war denn das für ein Lkw? Waren das Kippwagen?

 

Zeuge Anton Siebald:

Nein, gewöhnliche Lastwagen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gewöhnliche Lkws. Wie stiegen denn die Leute runter?

 

Zeuge Anton Siebald:

Da war eine Brücke hinten hoch.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Da war eine Brücke hinten hoch.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

So.

 

Zeuge Anton Siebald:

Eine Pritsche.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Sagen Sie, Herr Zeuge, erinnern Sie sich an einen Nachteinsatz ihrer Lkws, also der Lkws Ihrer Abteilung, die blutbeschmiert zurückkamen, woraufhin dann eine sofortige Sperre einsetzte, daß die in der Praga-Halle beschäftigten Häftlinge nicht herausdurften? Können Sie sich an diesen Vorgang erinnern?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sagen Sie, Herr Zeuge, können Sie sich erinnern an einen Häftling Kühne, der als Vorarbeiter bei Ihnen in der Praga-Halle gearbeitet hat?

 

Zeuge Anton Siebald:

[Pause] Kühne. War das ein Pole?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein, das war kein Pole. Das war ein Reichsdeutscher gewesen. Das war ein ganz echter, waschechter Berliner, der in Magdeburg geboren ist. Alle waschecht.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nicht alle. Na, nun überlegen Sie mal. [Pause] Na, Herr Siebald, so kann doch Ihr Gedächtnis... Sehen Sie

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Hat der in der Werkstatt mitgearbeitet?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Na, das sollen Sie uns ja sagen. Ich war ja nicht in der Praga-Halle gewesen. Nun überlegen Sie mal sehr genau jetzt

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Ja, also dem Namen nach kenne ich ihn nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ihren eigenen Vorarbeiter kennen Sie nicht?

 

Zeuge Anton Siebald:

Mit, mit, mit

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Sommer 43 – mit dem Sie sehr eng zusammengearbeitet haben – bis 44.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie werden ihn gleich zu Gesicht bekommen, Herr Siebald.

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, den möchte ich gern sehen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie heißt der Vorname, Herr Rechtsanwalt? Vielleicht kennt er den Vornamen.

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Dem Namen nach kenne ich ihn nicht. Mit Vornamen

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Erwin Kühne.

 

Vorsitzender Richter:

Erwin?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Erwin Kühne.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie einen Erwin?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Siebald, ich will Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen: Er war erst in Monowitz, dann war er im Bunker, dann war er bei der Union. Aus dem Bunker wurde er extra rausgeholt, weil er für die Union gebraucht wurde mit Rücksicht auf seine Fachkenntnis als Dreher und Autoschlosser oder was er war. Und dann kam er zu Ihnen und hat dort als Vorarbeiter... Er ist heute noch in derselben Branche tätig. Wie?

 

Zeuge Anton Siebald:

Ja, dem Namen nach kenne ich ihn nicht, bestimmt nicht. Ich kenne ihn nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Kennen Sie ihn nicht?

 

Zeuge Anton Siebald:

Dem Namen nach kenne ich ihn nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Sie können sich auch nicht erinnern an diese Vorgänge mit den blutbeschmierten Lkws, von denen die ganze Praga-Halle gesprochen hat? Wo nachts schwerverletzte deutsche Soldaten vergast wurden mit den Lkws. Wie?

 

Zeuge Anton Siebald:

Das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Können Sie sich nicht daran

 

Zeuge Anton Siebald [unterbricht]:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön.

 

Zeuge Anton Siebald:

Da kann ich mich nicht dran erinnern. Da höre ich das erste Wort davon jetzt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Vorsitzender, vorsorglich widerspreche ich der Entlassung des Zeugen, bevor das Hohe Gericht entschieden hat über meinen Beweisantrag13, den ich heute früh habe vortragen dürfen. Das ist nämlich der Erwin Kühne. Und diese Dinge sind mir bekanntgeworden, und deswegen hielt ich es für so notwendig. Hier wurde »überraschend« gesagt – nichts liegt mir ferner, als hier Überraschungseffekte zu erzielen. Aber deswegen habe ich ihn, da nun schon sieben Zeugen gekommen waren, gleich mitgebracht. Und deswegen darf ich bitten, daß das Gericht es möglichst bald entscheidet.

 

Vorsitzender Richter:

Wir werden entscheiden darüber. Noch eine Frage von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Eggert?

 

Verteidiger Eggert:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Von seiten der Angeklagten? Bezüglich der Beeidigung? [...] Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

§ 60 Ziffer 3, Herr Vorsitzender.14

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darf ich noch hinzufügen: Auch ich widerspreche der Entlassung dieses Zeugen im Hinblick darauf, daß ich der Auffassung bin, daß eine Gegenüberstellung mit dem Zeugen Vollrath, der auf den 28. geladen ist, erforderlich sein wird.

 

Vorsitzender Richter:

Also es ergeht Beschluß: Der Zeuge bleibt gemäß § 60 Ziffer 3 der Strafprozeßordnung unbeeidigt, da er im Verdacht steht, an den strafbaren Handlungen, die den Angeklagten zur Last gelegt werden, beteiligt zu sein.15 Und nun, Herr Siebald, nehmen Sie zunächst mal dahinten Platz, bis wir Sie wieder

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.922.

2. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.923.

3. Vgl. richterliche Vernehmung vom 15.07.1963 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 86, Bl. 16.632.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 15.07.1963 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 86, Bl. 16.631.

5. Vgl. richterliche Vernehmung vom 15.07.1963 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 86, Bl. 16.632.

6. Vgl. richterliche Vernehmung vom 15.07.1963 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 86, Bl. 16.632.

7. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.924.

8. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.925.

9. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.925. 10. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.921-11.928, und richterliche Vernehmung vom 15.07.1963 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 86, Bl. 16.629-16.636.

11. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.924.

12. Vgl. richterliche Vernehmung vom 19.03.1962 in Heide, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 64, Bl. 11.927.

13. Vgl. Anlage 1 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 17.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102.

14. StPO § 60, Abs. 3: »Von der Vereidigung ist abzusehen (...) 3. bei Personen, die der Tat, welche den Gegenstand der Untersuchung bildet, oder der Beteiligung an ihr oder der Begünstigung oder Hehlerei verdächtig oder deswegen bereits verurteilt sind.«.

15. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 17.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 702.

 

 
 
 
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