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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

74. Verhandlungstag, 6.8.1964

 

Erneute Vernehmung des Zeugen Georg Severa

 

Vorsitzender Richter:

gemacht bei Ihrer letzten Vernehmung1 und haben uns auch geschildert Ihren Aufenthalt im Block 11.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie heute noch, wie lange Sie dort und in welcher Zeit Sie dort waren?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ich war im...

 

Vorsitzender Richter:

Kann man das mal nachsehen? Ach so, da steht es, ja. [...] Ja. Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auch auf Tonband aufnehmen? [...]

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann Sie dort in dem Bunker waren?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ich war im Todesbunker von – ich weiß nicht, 13. Januar bis zum 21. Februar. Ich weiß nicht mehr ganz genau

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, ganz genau ist es nicht. Nehmen Sie ins Protokoll auf: »Es wird festgestellt aus dem Bunkerbuch Blatt 112, daß der Zeuge am 21.1.43 in den Arrestbau eingeliefert und am 13.2.43 dort entlassen worden ist.«2

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Herr Direktor, ich habe eine Frage: Wann ist der Zeuge vernommen worden?

 

Vorsitzender Richter:

Wann?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

20. März [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Am 20. 1.?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

März.

 

Zeuge Georg Severa:

Am 20. März.

 

Vorsitzender Richter:

Am 20. März.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Danke [unverständlich].

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Also, Sie waren jedenfalls um diese Zeit herum in dem Bunker dort und haben uns etwas erzählt von einem deutschen Artisten.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Ich saß in einem Bunker, da war gleich in der Nähe, in der Nachbarschaft der Stehbunker.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wußten Sie das?

 

Zeuge Georg Severa:

Als ich rausging, da habe ich gesehen – die Tür war offen –, da waren so kleine Eingänge. Und nach dem Krieg habe ich mir noch mal den Stehbunker angeschaut und die Zelle, in der ich war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, es war also neben Ihrer Zelle der Stehbunker.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, weiter.

 

Zeuge Georg Severa:

Und als ich in den Bunker kam, da hat immer ein deutscher Artist uns verschiedene Schlager gesungen und gesagt, daß er im Stehbunker ist und Schlage ihn zum Verhungern verurteilt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er Ihnen gesagt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, denn der Schlage war in dieser Zeit in Urlaub, und da haben andere Häftlinge, die Kalfaktoren, die den Bunker da...

 

Vorsitzender Richter:

Betreuten

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Betreut haben, ihm etwas zum Essen und immer zum Trinken gereicht. Und als Schlage aus dem Urlaub wieder retour kam, da hat er sich gewundert, daß dieser Häftling noch am Leben ist.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich habe es gehört, daß er sich gewundert hat, das war in der Nachbarschaft. Ich war ja im Nebenbunker.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er das gesagt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, er hat es gesagt. Als ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie, zu wem er es gesagt hat?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Zu Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Zu Häftlingen?

 

Zeuge Georg Severa:

Zu Häftlingen, während sie das Essen ausgeteilt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Während sie das Essen ausgeteilt haben, hat er das zu Häftlingen gesagt. Und das haben Sie gehört?

 

Zeuge Georg Severa:

Das habe ich persönlich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Selbst gehört, daß er sich gewundert hat, daß dieser Artist

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Noch am Leben ist.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie er hieß, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Georg Severa:

An den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Weder an den Namen noch an die Nummer?

 

Zeuge Georg Severa:

An die Nummer auch nicht, denn der war schon vor mir im Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da haben Sie gehört, wie Schlage sich gewundert hat und seiner Verwunderung Ausdruck gegeben hat gegenüber Häftlingen, mit denen er zusammen das Essen ausgeteilt hat, daß dieser Artist noch lebe.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Und diese Häftlinge hat er beschuldigt, daß sie ihm Essen gegeben haben.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das auch gehört?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann weiterhin gehört, daß er die Häftlinge beschuldigt hat, in seiner Abwesenheit diesem Mann Essen gegeben zu haben.

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und weiter?

 

Zeuge Georg Severa:

Als er aus dem Urlaub kam, hat er dann aufgepaßt, damit er keine Nahrung mehr bekommt, dieser Häftling.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Georg Severa:

Na, man hat ja dann auch immer gesprochen durch das Loch in der Tür, durch den »Judas«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Georg Severa:

Da haben wir uns unterhalten.

 

Vorsitzender Richter:

Mit wem, mit anderen Häftlingen?

 

Zeuge Georg Severa:

Mit anderen Häftlingen, die nebenan waren in den Zellen, und auch mit diesem Häftling, der seinerzeit dort vor Hunger gestorben ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Georg Severa:

Der hat uns immer verschiedene Schlager vorgesungen, und mit jedem Tag war er immer schwächer, so daß er dann zum Schluß nur so gebrüllt hat wie ein Tier vor Hunger, und an einem Sonntag im Februar, da war er schon tot, da hat ihn der Jakob herausgezerrt aus diesem Stehbunker. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr bezüglich

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Das konnte gewesen sein ungefähr acht bis zehn Tage, bevor ich entlassen wurde aus dem Bunker aufs Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Acht bis zehn Tage vor Ihrer Entlassung. Ja. Nun haben Sie einmal bei Ihrer letzten Vernehmung gesagt: »Als Schlage aus dem Urlaub zurückgekommen war, haben die Kalfaktoren erzählt, daß sie dem Artisten nichts mehr geben dürften.« Heute sagen Sie, Sie haben das durch den Spion da gehört von anderen Häftlingen.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ich habe es gehört. Er hat dann immer gebeten, daß die ihm auch Essen geben. Aber der Schlage sagt, sie können ihm kein Essen geben, weil Schlage auf sie furchtbar aufpaßt.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gehört?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Und nun haben Sie vorhin gesagt, der Häftling hätte Ihnen gesagt, Schlage habe ihn zum Tode verurteilt. Wann hat er denn das gesagt? Vor dem Urlaub des Schlage oder nach dem Urlaub des Schlage?

 

Zeuge Georg Severa:

Das war vor dem Urlaub, das heißt, während des Urlaubs.

 

Vorsitzender Richter:

Während des Urlaubs?

 

Zeuge Georg Severa:

Während des Urlaubs von Schlage.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er den Namen Schlage genannt dabei?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, er hat dabei den Namen Schlage genannt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal mit Schlage einen Zusammenstoß gehabt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ich war dann noch mal im Mai 1944 im Bunker, drei Tage ungefähr. Ich weiß nicht, ob das Schlage war, denn es war dunkel. Man hat mich auf der Lagerstraße angetroffen nach neun Uhr abends, und da hat man mich halt noch mal in den Bunker gebracht. Und da bekam ich mit einer Reitpeitsche über den Kopf. Es war dunkel, da weiß ich nicht mehr, ob er das war oder ein anderer.

 

Vorsitzender Richter:

Also, ich frage Sie deshalb, weil ich unter gar keinen Umständen möchte, daß Sie hier einen Menschen belasten, wenn Sie das nicht ganz genau wissen. Es darf also nicht aus irgendwelchen Gefühlen oder Ressentiments heraus die Belastung kommen.

 

Zeuge Georg Severa:

Das weiß ich nicht nur, das wissen auch verschiedene andere. Das gleiche habe ich gehört. Denn diese Kalfaktoren, die gingen ja immer zur Küche um Essen für den Bunker. Und da haben sie auch verschiedene Sachen erzählt, also natürlich im Geheimen, einem vertrauten Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Und da können Sie mit Gewißheit sich dran erinnern, daß a) dieser deutsche Artist gesagt hat während des Urlaubs von Schlage: »Dieser Schlage hat mich zum Tod verurteilt.« Und als der Schlage aus dem Urlaub zurückkam, haben Sie gehört, wie Schlage zu den übrigen Häftlingen oder den Kalfaktoren, die das Essen ausgeteilt haben, gesagt hat: »Wie kommt es, daß der immer noch lebt?« Und daß er denen dann gesagt hat: »Anscheinend habt Ihr dem was zu Essen gegeben«, und sich das ausdrücklich verbeten hat.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß er also denen Vorhaltungen gemacht hat. Und daß auch hinterher die Kalfaktoren dem Artisten, wenn der was zu essen haben wollte, gesagt haben: »Dir dürfen wir nichts geben, der Schlage paßt kolossal auf uns auf.« Und da ist jedes Mal der Name Schlage gefallen?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, Schlage. Sagt er, wenn wir ihm Essen geben, da kommen sie selbst dann in den Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie jedes Mal den Namen Schlage gehört.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, der Schlage, der ist mir sehr geläufig. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Severa, können Sie noch jemanden nennen, der diese Vorgänge bezüglich dieses Artisten miterlebt hat?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, Józef Kral, der war seinerzeit im Bunker auch, im Stehbunker. Und deshalb, weil ich einen Spitzel namens [Ernst] Malorny demaskiert habe bei der Politischen Abteilung, habe ich Kral halt auch das Leben gerettet. Weil Malorny seinerzeit ihn auch denunziert hatte.

 

Richter Hotz:

Hm. Also Kral hat nach Ihrer Meinung diesen Vorgang miterlebt.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, der saß nebenan im Stehbunker, neben dem Verstorbenen.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie noch den Vornamen dieses Artisten vielleicht?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich kann mich nicht mehr erinnern.

 

Richter Hotz:

Hugo Graf?

 

Zeuge Georg Severa:

[Pause] Ja, ja Graf, Graf.

 

Richter Hotz:

Oder Bruno?3 [Pause]

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, Graf stimmt.

 

Richter Hotz:

Könnte sein, oder?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, das könnte sein, Graf.

 

Richter Hotz:

Könnte sein?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Ist noch eine Frage? Von seiten des Gerichts keine Frage mehr? Also, hier ist er nicht, auf 112. [Pause] Ist von seiten der Staatsanwaltschaft noch eine Frage? Nein?

 

Staatsanwalt Kügler:

Keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von seiten der Verteidigung? Bitte schön.

 

Verteidiger Bürger:

Ja, Herr Zeuge, sagen Sie bitte, warum haben Sie bei Ihrer Vernehmung am 23. März 1964 uns das nicht berichtet, was Sie heute berichten, nämlich daß der Artist Ihnen gesagt habe, Schlage habe ihn zum Hungertod verurteilt? [Pause]

 

Zeuge Georg Severa:

Ja

 

Verteidiger Bürger [unterbricht]:

Sie haben doch geschworen, alles gesagt und auch nichts verschwiegen zu haben.

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Ich habe geschworen, jawohl, ich habe alles gesagt. Natürlich, die Fragen wurden mir seinerzeit nicht gestellt.

 

Verteidiger Bürger:

Na, na, na. Sie sind sehr genau gefragt worden von der Staatsanwaltschaft und von der Verteidigung über diese Vorgänge.

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Das können Sie nicht wissen, denn ich war ja selbst hier als Zeuge.

 

Verteidiger Bürger:

Und dann muß ich Ihnen vorhalten, daß der Zeuge Kral von diesen Vorgängen nichts gewußt hat. Der ist hier

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso?

 

Verteidiger Bürger:

Als Zeuge vernommen worden

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Stimmt nicht.

 

Verteidiger Bürger:

Und ist gefragt worden danach.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso, Herr Rechtsanwalt? Der Zeuge Kral hat den Pachala genannt und hat den Bruno Graf genannt und hat

 

Verteidiger Bürger [unterbricht]:

Pilecki hat die genannt.

 

Richter Perseke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein.

 

Richter Perseke:

Der Kral.

 

Vorsitzender Richter:

Hier.

 

Verteidiger Bürger:

Ja, also wenn ich jetzt sage die Vorgänge, dann meine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Seite 23

 

Verteidiger Bürger [unterbricht]:

Ich damit, daß der Schlage dort veranlaßt hat, daß dieser Artist verhungern sollte.

 

Vorsitzender Richter:

Also hier hat der Kral gesagt, er habe Tragödien in dem Bunker erlebt, und er sei in die Stehzelle Nummer 22 gekommen, das sei die erste Zelle des Stehbunkers gewesen. Da hätte er stehend sechs Wochen mit nach hinten gefesselten Armen gestanden. Alle drei Tage hätte er Mittagessen bekommen. In der Zwischenzeit Wasser oder Kaffee. »Neben mir in den anderen Stehzellen starben während dieser Zeit mehrere Häftlinge vor Hunger. Sie bekamen gar keine Verpflegung. Es starben folgende Häftlinge: Kurt Pachala, Graf, Bruno, ein Franzose namens Dumond, ein Russe und ein Pole.«

 

Verteidiger Bürger:

Ja. Und den Angeklagten Schlage hat er nicht gekannt, hat er bekundet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was denn

 

Verteidiger Bürger [unterbricht]:

Ich kann auch zunächst eine Vorfrage stellen: Herr Zeuge, war das allgemein Gespräch dort unten, wenn es so von Tür zu Tür getragen wurde, daß der Angeklagte Schlage diesen Artisten verhungern ließ?

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl, das hat selbst dieser Verstorbene gesagt, und das haben auch die Kalfaktoren uns gesagt.

 

Verteidiger Bürger:

Ja, und dann muß ich Ihnen vorhalten, daß der Zeuge Kral den Angeklagten Schlage gar nicht kannte. Können Sie sich das erklären, er war doch seinerzeit, wie Sie sagten, selbst im Stehbunker.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, wenn er ihn nicht kannte, dann tut es mir leid. Ich jedenfalls, ich kannte ihn.

 

Verteidiger Bürger:

Ja. Gut. Eine weitere Frage: Sie sind vernommen worden von dem Untersuchungsrichter am 8. Oktober 1962 in Lörrach4, nach den Gerichtsakten. Wie kam es zu dieser Vernehmung? Haben Sie sich gemeldet, oder?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, ich wurde angegeben.

 

Verteidiger Bürger:

Von wem wurden Sie

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Man hat mich angegeben.

 

Verteidiger Bürger:

Aha. Haben Sie vorher nicht sich irgendwo – also nicht nur beim Landgericht, sondern woanders – als Zeuge gemeldet?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, ich habe mich nirgends als Zeuge gemeldet.

 

Verteidiger Bürger:

Aha, da muß ich Ihnen vorhalten – das ist Blatt 13.577 der Akten – einen Brief des Herrn Langbein an das Landgericht, an Herrn Doktor Düx, in dem mitgeteilt wird, daß sich bei Herrn Langbein in Wien der Zeuge Severa gemeldet habe und habe gesagt, als Überlebender könne er Bekundungen machen.

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, das war so: Ich habe mich halt hier umgeschaut nach entsprechenden Zeitschriften über diese Lager. Und bei dieser Gelegenheit, als der Herr Langbein erfahren hat, daß ich selbst in Auschwitz war, da hat er mich angegeben.

 

Verteidiger Bürger:

Ja, haben Sie Herrn Langbein angegeben, daß Sie über bestimmte SS-Leute Auskünfte geben können?

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Er hat gefragt, ob ich was weiß. Ich weiß, aber bestimmte SS-Leute wurden nicht angegeben.

 

Verteidiger Bürger:

Von Herrn Langbein oder von Ihnen?

 

Zeuge Georg Severa:

Von Herrn Langbein und von mir wurden keine bestimmten Namen angegeben.

 

Verteidiger Bürger:

Herr Langbein schreibt an das Landgericht, daß Sie bestimmte Namen angegeben hätten, und er führt auf: die Angeklagten Kaduk, Boger, dann einen SS-Mann Wosnitza und Glumbik. Was sagen Sie dazu?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, was hat das überhaupt damit zu tun, hier mit dieser ganzen Angelegenheit?

 

Verteidiger Bürger:

Na ja. Sie sollen die Frage beantworten. Sie haben mir eben erklärt, Sie hätten keine Namen angegeben, weder gegenüber einem

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Ich habe mich nur gewandt nach Wien um entsprechende Zeitschriften. Aufgrund dessen, daß er erfahren hat, daß ich in Auschwitz war, hat er gefragt, ob ich was über Auschwitz aussagen kann.

 

Verteidiger Bürger:

Na ja, sicher.

 

Zeuge Georg Severa:

Da habe ich ja gesagt, natürlich kann ich aussagen.

 

Verteidiger Bürger:

Ja, und da haben Sie dann anschließend eben erklärt, Namen seien nicht gefallen, Sie hätten auch keine Namen genannt, auch nicht gegenüber Herrn Langbein. Jetzt mache ich Ihnen den Vorhalt, daß Herr Langbein gegenüber dem Landgericht erklärt hat, daß Sie diese vier Namen, die ich eben verlesen habe, ihm genannt hätten; daß Sie darüber Aussagen machen könnten über diese Personen.

 

Zeuge Georg Severa:

Das tut jedenfalls nichts zur Sache hier.

 

Verteidiger Bürger:

Sie sollen die Frage beantworten, bitte.

 

Zeuge Georg Severa:

Ich verweigere Ihnen die Antwort.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lautet die Frage, Herr Rechtsanwalt?

 

Verteidiger Bürger:

Es ist ein Vorhalt aus den Akten Blatt 13.577, wonach Herr Langbein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Augenblick, ich muß die Akte mal beiholen. 13.000?

 

Verteidiger Bürger:

577. Das ist ein Brief des Herrn Langbein an den Herrn Landgerichtsrat Doktor Düx, in dem drinsteht, daß der Zeuge Severa Angaben machen könne über Kaduk, Boger, Wosnitza und Glumbik.

 

Zeuge Georg Severa:

Das kann ich ja sowieso machen.

 

Vorsitzender Richter:

Der Herr Rechtsanwalt will wissen, ob es richtig ist, daß Sie dem Herrn Langbein etwas Derartiges gesagt hätten.

 

Verteidiger Bürger:

Das heißt also, die Frage hatte ich gestellt und die ist vom Zeugen verneint worden, und da mache ich ihm jetzt den Vorhalt aus den Akten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und was wollen Sie nun wissen von dem Zeugen?

 

Verteidiger Bürger:

Ich will wissen, ob er bei seiner Aussage bleibt.

 

Vorsitzender Richter:

Also, der Herr Rechtsanwalt fragt, ob Sie dabei bleiben, daß Sie dem Herrn Langbein keine Angaben über irgendwelche Personen gegeben haben, insbesondere Namen genannt haben, obwohl der Herr Langbein schreibt – am 15. September 62 –, Sie würden sich erinnern an den Kriminalsekretär der Politischen Abteilung, Wosnitza, an den SS- Oberscharführer Glumbik von der Effektenkammer und an Kaduk und Boger. Hat das der Herr Langbein sich aus den Fingern gesogen, oder haben Sie ihm das gesagt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich habe ihm das nicht gesagt, er hat an mich geschrieben, denn ich habe ihn gar nicht gekannt. Und da hat er gefragt, ob ich über Auschwitz aussagen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Georg Severa:

Da habe ich halt angegeben die Leute, mit denen ich zu tun hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die haben Sie genannt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, nicht alle.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ich meine, die, die der Herr Langbein hier mitteilt, werden Sie ihm vermutlich genannt haben. Sonst könnte er es ja nicht mitteilen.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Ich habe ihm selbst geschrieben, wo ich beschäftigt war; aus diesem Milieu kenne ich ja die Leute.

 

Verteidiger Bürger:

Also, Sie berichtigen Ihre Aussage und sagen jetzt, daß Sie diese Namen Herrn Langbein genannt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Bürger:

Na ja. Gut. Und dann sind Sie vernommen worden. Sind Ihnen da Namen oder Listen von Namen bei Ihrer Vernehmung vorgelegt worden?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, keine. Ich bekam ja keine Listen.

 

Verteidiger Bürger:

Und auch keine Bilder?

 

Zeuge Georg Severa:

Keine Bilder. Die Bilder habe ich vom Staatsanwalt

 

Verteidiger Bürger [unterbricht]:

Aha, dann mache ich Ihnen den Vorhalt aus Blatt 13.764 der Akten. Danach hat Ihnen Herr Landgerichtsrat Doktor Düx die Liste der bis dahin Angeschuldigten und das Bildmaterial darüber vorgelegt und hat Sie gefragt, ob Sie irgend jemanden davon kennen würden.5

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, natürlich der Staatsanwalt in Lörrach, im Gericht.

 

Verteidiger Bürger:

Ja, eben. Frage ich ja.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Ein Album habe ich gesehen. [...]

 

Verteidiger Bürger:

Und ist Ihnen auch eine Liste vorgelegt worden über die damaligen Angeschuldigten.

 

Zeuge Georg Severa:

Beschuldigten.

 

Verteidiger Bürger:

Beschuldigten. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Also, der Herr Rechtsanwalt will wissen, ob Sie nicht nur diese Bildmappe gesehen haben, sondern ob Ihnen auch die Namen der Beschuldigten genannt worden sind.

 

Zeuge Georg Severa:

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern.

 

Verteidiger Bürger:

Können Sie sich nicht mehr daran erinnern. Können Sie sich noch daran erinnern, wann Ihnen der Name Schlage wieder eingefallen ist und die Vorfälle, die Sie jetzt geschildert haben?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, der Name Schlage ist mir eingefallen, nachdem ich in der Zeitung gelesen habe. In der Zeitung – also jeden dritten, vierten Tag – sind ja Berichte über diesen Prozeß.

 

Verteidiger Bürger:

Da ist Ihnen der Name Schlage wieder eingefallen, nachdem der Bericht

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Ja.

 

Verteidiger Bürger:

Gut. Dann haben Sie in Ihrer Vernehmung am 20. März hier vor dem Schwurgericht etwas über den Fall des Häftlings Janicki berichtet.

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl.

 

Verteidiger Bürger:

Da haben Sie gesagt, der sei erschossen worden. Wissen Sie noch, wann der erschossen worden ist?

 

Zeuge Georg Severa:

[Pause] Im Januar beziehungsweise Februar.

 

Verteidiger Bürger:

Sie waren jedenfalls noch im Bunker?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich war im Bunker, ja.

 

Verteidiger Bürger:

Dadurch wußten Sie das?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich habe es erfahren, als ich rauskam aus dem Bunker.

 

Verteidiger Bürger:

Daß er erschossen worden ist?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Verteidiger Bürger:

Dann muß ich Ihnen vorhalten, daß laut Bunkerbuch der Zeuge Janicki erst verstorben ist, nachdem Sie aus dem Bunker entlassen waren. Können Sie dazu was sagen?

 

Zeuge Georg Severa:

Na, ich sage ja, Januar, Februar. Als ich im Februar aus dem Bunker herauskam, da habe ich erfahren, daß er dann umgelegt worden ist.

 

Verteidiger Bürger:

Solange Sie noch im Bunker waren?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein. Im Bunker habe ich so was nicht erfahren, ich sage, nachdem ich aus dem Bunker [unverständlich]

 

Verteidiger Bürger [unterbricht]:

Nein, nein! Nein, nein! Daß er erschossen worden ist, solange Sie noch im Bunker saßen.

 

Zeuge Georg Severa:

Das war vor 21 Jahren, da kann ich doch nicht mehr auf den Tag ganz genau die Sache hier feststellen.

 

Verteidiger Bürger:

Gut, danke schön, keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Fertig.

 

Verteidiger Fertig:

Herr Zeuge, wie weit war Ihre Zelle, in der Sie inhaftiert waren, von der Stehzelle, in der der Artist gewesen sein soll, entfernt?

 

Zeuge Georg Severa:

Also ungefähr vier bis fünf Meter.

 

Verteidiger Fertig:

Und die Zelle, in der Kral inhaftiert war, die war unmittelbar nebenan?

 

Zeuge Georg Severa:

Das war das gleiche, ja. Das war eine größere Zelle, die war eingeteilt in Stehbunker.

 

Verteidiger Fertig:

Haben Sie den Artisten einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen?

 

Vorsitzender Richter:

Die Frage ist beantwortet, er hat mir gesagt: »Nein.«

 

Verteidiger Fertig:

Wie haben Sie dann das erfahren? Wie hat der Artist Ihnen das gesagt?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Oder haben Sie ihn mal gesehen? Sollte ich mich irren? Haben Sie ihn mal gesehen, diesen Artisten?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe, glaube ich, das vorhin verwechselt mit dem anderen Zeugen, mit dem Heinz Roman, ja. Also, ich bitte da um Entschuldigung.

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Ich weiß nicht, ob ich ihn gesehen habe, denn im Lager haben wir uns ja nur mit dem Vornamen genannt. Also ich kann mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Er kann sich nicht erinnern.

 

Verteidiger Fertig:

War zwischen Ihrer Zelle und der Stehzelle des Artisten noch eine andere Zelle?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, ich war in der letzten Zelle. Also es war – der Keller wurde so eingeteilt, daß in jedem solchen Eingang drei Zellen waren. Also ich war in der vorletzten Zelle, und die letzte Zelle war der Stehbunker.

 

Verteidiger Fertig:

Wie erklären Sie sich dann, daß Sie von dem Artisten das gehört haben, was Sie hier heute aussagten, und der Zeuge Kral das nicht gehört hat?

 

Zeuge Georg Severa:

Das war jedenfalls mit vier Metern Abstand, da hört man sehr gut.

 

Verteidiger Fertig:

Ja, der Zeuge Kral müßte es ja noch viel besser gehört haben, denn er war ja unmittelbar nebenan.

 

Zeuge Georg Severa:

Das weiß ich nicht, da müssen Sie halt Herrn Kral fragen.

 

Verteidiger Fertig:

Wer war zu der Zeit, als Sie im Block 11 waren, noch Blockführer von Block 11? Dazu darf ich Ihnen sagen, daß jeweils drei Blockführer im Block 11 Dienst hatten, und zwar zwei am Tage und abwechselnd einer in der Nacht. [...]

 

Zeuge Georg Severa:

Die anderen Blockführer kenne ich nicht.

 

Verteidiger Fertig:

Wenn ich Ihnen sage, daß zu der Zeit, als Sie in Block 11 waren, der Oberblockführer Plagge hieß, besteht da nicht die Möglichkeit, daß Sie diesen Oberblockführer mit diesem Unterführer Schlage verwechseln?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein. Plagge – der Name ist mir nicht geläufig.

 

Verteidiger Fertig:

Ja, deswegen frage ich Sie ja.

 

Zeuge Georg Severa:

Nein.

 

Verteidiger Fertig:

Also, den Oberblockführer, den kannten Sie nicht?

 

Zeuge Georg Severa:

Plagge kannte ich nicht, den Namen auch nicht.

 

Verteidiger Fertig:

Sie haben hier gesagt, der Angeklagte Schlage hätte sich gewundert, daß der Häftling, der Artist, noch nicht verhungert gewesen sei, und hätte die Häftlinge, die das Essen ausgetragen haben, beschuldigt. Das sind Wertungen. Können Sie die Tatsachen dafür vortragen?

 

Zeuge Georg Severa:

Tatsachen?

 

Verteidiger Fertig:

Wie er das gesagt hat.

 

Zeuge Georg Severa:

Tatsachen. [Pause] Tatsachen, soll ich jetzt... Da müßten wir nach Auschwitz fahren.

 

Verteidiger Fertig:

Nein, ich will nur

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Sie können hier mit Tatsachen nicht operieren.

 

Verteidiger Fertig:

Natürlich. Hier können wir nur mit Tatsachen operieren. Herr Zeuge, Sie haben hier nur Tatsachen zu sagen und keine Schlußfolgerungen oder Wertungen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, worauf spielen Sie jetzt an, Herr Doktor Fertig?

 

Verteidiger Fertig:

Ich will also wissen, ob der Zeuge nun tatsächlich gehört hat, was der Schlage gesagt hat. Er hat hier nur gesagt, der Schlage hätte sich gewundert und hätte eben die Häftlinge beschuldigt. Er hat aber nicht gesagt, was tatsächlich der Angeklagte Schlage gesagt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Herr Zeuge hat hier gesagt: »Als der Schlage aus dem Urlaub zurückkam, habe ich gehört, daß Schlage bei der Essensausteilung die Kalfaktoren gefragt hat: ›Wie kommt das, daß der noch am Leben ist? Der muß doch offensichtlich etwas zu essen bekommen haben.‹ «

 

Verteidiger Fertig:

Ja, Herr Vorsitzender, das sagen Sie jetzt, das hat er aber nicht gesagt. Das ist eben [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, ich habe ihn aber so verstanden.

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl, das habe ich so gesagt. Er hat sich gewundert, weshalb er noch am Leben ist. Der muß zu essen bekommen haben. Da bekamen die Kalfaktoren eine Rüge, und aufgrund dessen hat dann der Schlage speziell aufgepaßt, damit dieser Häftling kein Essen bekam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, so habe ich es verstanden.

 

Verteidiger Fertig:

Herr Zeuge, Sie waren vom 21. Januar bis 13. Februar im Stehbunker.

 

Zeuge Georg Severa:

Nein. Ich war im allgemeinen Bunker.

 

Verteidiger Fertig [unterbricht]:

Im Bunker, also in Block 11.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Verteidiger Fertig:

Als Ihnen das Essen gebracht worden ist in Ihre Zelle, war da immer der Angeklagte Schlage dabei?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, es waren verschiedene.

 

Verteidiger Fertig:

War also immer ein Blockführer dabei?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ein Blockführer war immer dabei. Der hat doch die Zellen aufgeschlossen.

 

Verteidiger Fertig:

Wenn Sie sagen, es waren verschiedene, dann müßten Sie doch auch die anderen Blockführer kennen?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, natürlich, das heißt, ich als einziger mußte ja melden den Bestand der Zelle. Und dann mußte ich zur Seite gehen, und der stand hinter der Tür, und die Kalfaktoren gaben uns die Schüssel mit der Suppe.

 

Verteidiger Fertig:

Wie viele Blockführer sind Ihnen noch in Erinnerung?

 

Zeuge Georg Severa:

Keiner, mir ist nur der eine Name Schlage geläufig.

 

Verteidiger Fertig:

Ja, dann können Sie doch auch nicht sagen, daß es mehrere waren. Sie haben doch gerade gesagt, es waren mehrere.

 

Zeuge Georg Severa:

Natürlich waren es mehrere, sie mußten sich ja abwechseln. Am Abend, nachts immer haben sie da oben Karten gespielt und dergleichen, das haben wir alles gehört.

 

Verteidiger Fertig:

Noch eine letzte Frage: Woher wissen Sie, daß der Artist am Hungertod gestorben ist?

 

Zeuge Georg Severa:

Weil er es selbst gesagt hat. Er hat jeden Tag mitgeteilt: Das Essen kam vorbei, er bekam kein Essen. Und von Tag zu Tag wurde er immer...

 

Vorsitzender Richter:

Erregter.

 

Zeuge Georg Severa:

Erregter und schwächer. Bis er zum Schluß überhaupt nicht mehr sprechen konnte, nur so tierische Töne von sich gab, bis er gestorben ist. Und an einem Sonntag wurde er dann von einem Blockführer – das war vor dem Mittagessen – und dem Blockältesten oder was der war, Kalfaktor, Jakob herausgezerrt aus diesem Stehbunker.

 

Verteidiger Fertig:

Ja, wissen Sie, daß er da tot war, oder nehmen Sie das nur an?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, das heißt, ich weiß Bescheid, daß er tot war. Denn als sie wieder sich entfernt hatten, da haben die anderen Stehbunker-Insassen uns das mitgeteilt.

 

Verteidiger Fertig:

Sie haben es also gehört.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, und dann wurde sogar diese Zelle auch noch desinfiziert.

 

Verteidiger Fertig:

Ja. Ich habe sonst keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen zu stellen von der Verteidigung? Von den Angeklagten? Klehr?

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich bitte, den Zeugen fragen zu dürfen zu der Vernehmung, die er im Römer abgegeben hat.

 

Vorsitzender Richter:

Was wollen Sie fragen?

 

Angeklagter Klehr:

Soweit ich mich erinnern kann, hat mich der Zeuge Severa beschuldigt, ich hätte in Gleiwitz Selektionen durchgeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, bei seiner letzten Vernehmung?

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl, an das Datum kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie sagen heute, in Gleiwitz wurden keine Selektionen durchgeführt.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, in Gleiwitz wurden die schwachen Häftlinge, die sozusagen arbeitsunfähig beziehungsweise sehr mager waren, ausgewählt. Und zwar mußten sie nackt durchgehen durch den Entkleidungsraum und das Bad.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Georg Severa:

Und da haben der Angeklagte Klehr und noch andere mit dem Lagerleiter Otto Moll die Leute ausgesucht. Die mageren, abgemergelten Menschen ausgesucht und nur die Nummern aufgeschrieben. Und dann mit der Zeit kam ein Lastwagen, und da wurden diese aufgeschriebenen Häftlinge dann nach Auschwitz gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie in Gleiwitz erlebt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ich selbst. Ich war dort so ein Blockältester. Da habe ich selbst meine abgemergelten Leute immer zurückgeschickt. Ich habe ihnen ja gesagt, was ihnen blüht, daß sie vergast werden. Da habe ich so vertraute Leute gehabt, und die haben so der Reihe nach den Leuten das mitgeteilt, da sind sie halt verschwunden. Ich brauchte nicht so aufzupassen, weil ich als erster vorangehen mußte.

 

Richter Perseke:

Das habe ich nicht verstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Er brauchte nicht aufzupassen, weil er als erster vorangehen mußte, bei den Selektionen, nehme ich an.

 

Zeuge Georg Severa:

Und da hatte ich da andere. Den Stubenältesten, denen haben ich mitgeteilt im Vertrauen, daß sie die da wegschicken sollen, aufs Klosett.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich hätte noch eine Frage: Wie ich den Prozeß verfolgen konnte, ist der Zeuge Severa im Oktober oder November 44 nach Gleiwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Jedenfalls die Selektion, von der er gesprochen hat, soll

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Die waren im Dezember 44

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Weihnachten 44 gewesen sein.

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl. Da möchte ich dem Zeugen vorhalten, daß Weihnachten 44 im Stammlager schon geräumt wurde, daß die Häftlinge vom Stammlager in die anderen Lager verlegt worden sind. Erst mal sind in Gleiwitz keine Selektionen durchgeführt worden. Das hat der Zeuge Breiden vorher – wenn ich darauf hinweisen darf – bestätigt. Und zweitens, was sollten wir im Dezember 44 Häftlinge nach dem Stammlager schicken, wo die sich im Stammlager selbst schon freigemacht haben.

 

Zeuge Georg Severa:

Das stimmt nicht, das Stammlager überhaupt wurde erst evakuiert im Januar.

 

Angeklagter Klehr:

Evakuiert, das ist

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Und niemals im Dezember, stimmt nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Die Evakuierung ist ja schon im Oktober, November losgegangen im Stammlager.

 

Zeuge Georg Severa:

Nee, das stimmt nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Das stimmt genau.

 

Zeuge Georg Severa:

Nein.

 

Angeklagter Klehr:

Ja. Jedenfalls in Gleiwitz sind keine Selektionen durchgeführt worden.

 

Zeuge Georg Severa:

Sind durchgeführt worden.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, dann kann ich...

 

Zeuge Georg Severa:

Ich war nicht blind, und ich habe mir es aus dem Finger auch nicht ausgesaugt.

 

Angeklagter Klehr:

Hier hat es der Zeuge Breiden bestätigt, der war Lagerältester in Gleiwitz. Und hier hat es der Zeuge Holtgreve bestätigt, wie es im Lager gewesen war, in Gleiwitz, daß da keine Selektionen durchgeführt worden sind. Und mehr habe ich nicht zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Schlage.

 

Angeklagter Schlage:

[Pause] Herr Direktor, ich bitte, an den Zeugen eine Frage stellen zu dürfen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Schlage:

Herr Zeuge, welche Charge hatte ich?

 

Vorsitzender Richter:

Welche Charge. Also welchen

 

Angeklagter Schlage [unterbricht]:

Welchen Dienstgrad.

 

Vorsitzender Richter:

Dienstgrad, meint er.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, an das kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war nicht nur ein SS-Mann da, es waren ja Tausende dort. Ich kann mich nicht erinnern.

 

Angeklagter Schlage:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Fertig.

 

Verteidiger Fertig:

In dem Zusammenhang noch eine Frage: Herr Zeuge, haben Sie das, was Sie hier sagten, daß der Angeklagte Schlage sich damals gewundert habe und daß er die anderen Häftlinge beschuldigt habe, daß sie dem Artisten Essen gegeben haben, haben Sie das durch die Türe gehört, oder haben Sie damals den Angeklagten Schlage gesehen dabei?

 

Zeuge Georg Severa:

[Pause] Ich habe es an der Tür gehört.

 

Verteidiger Fertig:

Sie haben es also durch die Türe gehört.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Die Zellen waren ja alle geschlossen.

 

Verteidiger Fertig:

Sie haben dabei den Angeklagten Schlage nicht gesehen?

 

Zeuge Georg Severa:

Aber zum Mittagessen habe ich ihn gesehen, er hat da seinerzeit Mittag ausgeteilt.

 

Verteidiger Fertig:

Danke schön. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Er sagt, beim Mittagessenausteilen wurden die Türen geöffnet.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Verteidiger Fertig:

Ja, das schon, aber gerade als das gesagt wurde, da hat er ihn nicht gesehen, sondern hat es nur gehört. Darauf kommt es mir an.

 

Zeuge Georg Severa:

Das konnte gewesen sein gegen elf Uhr, und dann gegen zwölf Uhr bekamen wir Mittag. Also mußte er Dienst gehabt haben in dieser Zeit, und ich habe es von anderen gehört. Seinen Ton habe ich gehört. Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nehmen Sie bitte noch auf ins Protokoll – haben Sie noch eine Frage?

 

Verteidiger Fertig:

Ja, ich hätte vielleicht noch eine Frage: Glauben Sie, wenn der Artist Ihnen gesagt hat, daß Schlage ihn zum Hungertod verurteilt hat, daß dem Artisten das gesagt worden ist? Oder woher glauben Sie, daß der Artist das weiß?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, der Artist hat gesagt, er habe ihn noch geschimpft: »Jetzt wirst du vor Hunger verrecken!« So hat es Schlage dem Artisten gesagt, so hat er es mitgeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat der Artist Ihnen erzählt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Verteidiger Fertig:

Er hat also nicht gesagt, daß er ihn verurteilt habe?

 

Vorsitzender Richter:

Das Wort »verurteilt« wird wohl nicht gefallen sein. Wenn der Zeuge hier sagt, der Herr Schlage hätte gesagt: »Jetzt kannst du hier verrecken«, oder: »Jetzt wirst du hier verrecken«, dann ist ein Urteil...

 

Verteidiger Fertig:

Nun, Herr Vorsitzender, ich glaube, das ist doch ein Unterschied, ob es heißt, er hat ihn verurteilt, oder ob er hier nur einen anderen Befehl weitergegeben hat mit seinen Worten, wie es hier eben geschehen sein soll. Das ist doch ein gewisser Unterschied.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, also der Schlage hatte ja niemanden zu verurteilen, nicht?

 

Verteidiger Fertig:

Ja eben, das wollte ich ja

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Eben. Und wenn der Zeuge sagt: »Der hat ihn zum Hungertod verurteilt«, wollte der Zeuge nach meinem Empfinden lediglich zum Ausdruck bringen: Der Schlage hat dafür gesorgt, daß der verhungert ist. Und er

 

Verteidiger Fertig [unterbricht]:

Na, das ist nun auch wieder etwas anderes, ob der Schlage dafür gesorgt hat. Das wäre ja ein Urteil

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wollten Sie doch zum Ausdruck bringen?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, natürlich, das heißt, er war ja der Chef vom Bunker und hat uns unter sich gehabt. Also er hat uns verwaltet, der Politischen Abteilung gegenüber.

 

Vorsitzender Richter:

Also jedenfalls Sie bleiben dabei, daß der Häftling Ihnen erzählt hat, Schlage hat erklärt zu ihm: »Jetzt kannst du hier verrecken.«

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl.

 

Verteidiger Fertig:

Dann habe ich aber noch eine Frage, Herr Zeuge: Sie sagten gerade, der Angeklagte Schlage wäre Chef des Bunkers gewesen. Das ist nicht richtig. Von dem Blockschreiber Pilecki haben wir hier etwas anderes gehört. Zu der Zeit, als Sie inhaftiert waren, war ein anderer Oberblockführer, und Schlage war nur Unterblockführer. Haben Sie dazu etwas zu sagen?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ich war halt im Bunker. Ich konnte mich da ja nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Orientieren.

 

Zeuge Georg Severa:

Orientieren. Man durfte sich gar nicht umschauen, wenn man rein oder raus ging, sonst hätte man gleich was abbekommen.

 

Verteidiger Fertig:

Nun, Ihre Aussage ist doch wohl so zu werten, wenn ich Sie jetzt richtig verstanden habe, daß Sie aus der Tatsache, daß Sie angenommen haben, daß Schlage Chef des Blocks war, daß Sie daraus schließen, daß er dann auch verantwortlich war. Ist das so richtig?

 

Zeuge Georg Severa:

Wir waren unterstellt halt diesen Blockführern im Todesbunker, unterstellt, wir waren doch nur Nummern.

 

Verteidiger Fertig:

Ja, ich habe sonst keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Es wird dann festgestellt aus dem Bunkerbuch Blatt 105, daß ein Häftling Bruno Graf, geboren am 4.3.06 in Berlin, am 7.1.43 in den Bunker eingeliefert und am 5.2.43 dort gestorben ist. Janicki, Georg, am 17.12. von der Politischen Abteilung eingeliefert, verstorben am 16. – wenn ich recht lese – 2.43., ja? [...]

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Und Kral, können wir auch noch machen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Kral, eingeliefert am 18.12. und entlassen am 15.2.43.

 

Verteidiger Bürger:

Dann bitte ich noch, Herrn Boratynski – vom 17.12.42 bis nach dem 3.3.43 ist der im Bunker gewesen – noch zu verlesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wann ist der gewesen? Am?

 

Verteidiger Bürger:

Im Bunker war er vom 17.12.42 bis nach dem 3.3.43. Aber das hat er uns gesagt. Ich weiß nicht, ob er im Bunkerbuch auch verzeichnet ist, Boratynski. [...]

 

Verteidiger Bürger:

In den »Heften von Auschwitz« ist er nicht verzeichnet. Ich weiß nicht, ob er im Bunkerbuch verzeichnet ist.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kluska.

 

Vorsitzender Richter:

Der hieß nicht Boratynski. [...]

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kluska, Stefan.

 

Verteidiger Bürger:

Ah so, ja, das kann sein.

 

Vorsitzender Richter:

Also es wird dann weiterhin festgestellt, auf Blatt 95 des Bunkerbuchs, daß Stefan Kluska, geboren am 13.6.1917 in Krakau, am 17.12.1942 eingeliefert und am 9.3.43 dort entlassen worden ist. Ach, bitte schön, noch eine Frage?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, als Sie nach Gleiwitz kamen in das Lager, Sie sagten uns, da waren Sie Blockältester.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wer war denn da der Lagerführer?

 

Zeuge Georg Severa:

Otto Moll. Der Vergasungschef von

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Der Otto Moll. Ja, und wer war Lagerältester?

 

Zeuge Georg Severa:

Der Lagerälteste kam aus dem Lager I, Franz mit dem Vornamen, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie er heißt. Franz, der war seinerzeit Blockältester im Hauptlager, Block 23b.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Breiden war zu Ihrer Zeit nicht Lagerältester in Gleiwitz?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich kann mich nicht erinnern.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie vorhin den Zeugen Breiden gesehen? Der vor Ihnen vernommen worden ist?

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Kannten Sie ihn von Auschwitz her?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, vom Gesicht ja, aber dem Namen nach nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber nicht als Lagerältesten in Gleiwitz erlebt?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Der hat uns nämlich gesagt, es seien

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Er war in Gleiwitz I, ich war in Gleiwitz IV.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ah, Sie waren in Gleiwitz IV?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja. Es waren vier Lager in Gleiwitz.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie groß war denn das Lager Gleiwitz IV?

 

Zeuge Georg Severa:

Im Durchschnitt 1.300 Insassen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wo haben Sie gearbeitet?

 

Zeuge Georg Severa:

Im Reichsbahnausbesserungswerk.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber Gleiwitz I hat auch im Reichsbahnausbesserungswerk gearbeitet.

 

Zeuge Georg Severa:

Möglich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und die Lager, waren die weit voneinander getrennt?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich weiß nicht

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie wissen gar nicht, wo Gleiwitz I [unverständlich]

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wo die untergebracht waren, wissen Sie gar nicht?

 

Zeuge Georg Severa:

Direkt am Reichsausbesserungswerk, ungefähr 200 Meter waren wir entfernt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie sagen, Klehr war bei Ihnen Sanitätsdienstgrad?

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nun hat uns der

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Das heißt, aus dem Hauptlager kam er.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha, er kam, er war nicht ständig da?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, ständig war dort überhaupt keiner. Da war nur ein gewisser Doktor Hugo Orenstein. Das Lager wurde evakuiert

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Das war aber ein Häftling?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, aus Paris. Das Lager wurde evakuiert seinerzeit, wie ich es erfahren habe. Und bei Leipzig sind die Insassen in eine Baracke eingesperrt worden. Die Baracke wurde begossen mit Benzin, und mit MG wurden sie noch

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und wo waren Sie denn da?

 

Zeuge Georg Severa:

Ich kam noch zu Dirlewanger, zum Schluß.6

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ach, Sie haben sich zum Schluß zu Dirlewanger gemeldet?

 

Zeuge Georg Severa:

Jawohl, am 19. Januar. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und der Moll war bei Ihnen Lagerführer?

 

Zeuge Georg Severa:

Lagerführer und

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Nun hat uns aber Breiden wieder gesagt vorhin, daß in Gleiwitz I er auch Lagerführer war. War der für alle Lager Gleiwitz verantwortlich, oder wissen Sie das nicht?

 

Zeuge Georg Severa:

Das weiß ich nicht. Er fuhr immer weg und fuhr größtenteils immer nach Auschwitz III, denn er war dort Vergasungschef der ungarischen Juden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also er war auch nicht ständig da?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, das heißt, er war ständig – er ist immer weggefahren. [...] Jedenfalls, das war unser Lagerführer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und Klehr, sagten Sie, der kam immer nur angefahren von Auschwitz.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja,ich weiß nur von einem Mal, daß er aus Auschwitz kam, ja. Ich war ja kurze Zeit

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Auf jeden Fall hat er nicht da gewohnt und war nicht ständig im

 

Zeuge Georg Severa [unterbricht]:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Klehr, bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, das ist unrichtig, in Gleiwitz war kein Lager IV. In Gleiwitz waren zwei Lager, das waren Lager I und Lager II7. Und das Reichsbahnausbesserungswerk war Lager I, und von da aus gingen die Häftlinge auf Arbeit. Ein Lager IV hat es nicht gegeben. Und ich habe in Gleiwitz ständig gewohnt, und zwar gleich, wenn man rauskommt vom Lager, da stand eine Baracke.

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst, wissen Sie, daß es vier Lager Gleiwitz gegeben hat, oder war das vielleicht Auschwitz IV?

 

Zeuge Georg Severa:

Nein, es waren Auschwitz I, II, III, und Auschwitz III hatte die Nebenlager unter sich. Also ich war in Lager IV. So wurde gesagt, in der Schreibstube, für Lager IV.

 

Vorsitzender Richter:

Lager IV. Ob das nun vier Lager in Gleiwitz gab, das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, ob dort vier waren, weiß ich nicht. Jedenfalls an einer Ziegelei war auch ein Lager, und außerdem war dort auch so ein Zigeunerlager. Da hat man seinerzeit die jungen Zigeuner aus Auschwitz III nach Gleiwitz gebracht. In der Zwischenzeit hat man dann die älteren Zigeuner mit den Kindern vergast.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich hätte noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja bitte?

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, wo war die Küche in Gleiwitz?

 

Zeuge Georg Severa:

In Gleiwitz ganz hinten, der letzte Block, schräg stand der – also die Straße ging auf die Küche zu.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, das war Gleiwitz I. Und wo war die Waschbaracke?

 

Zeuge Georg Severa:

Die Waschbaracke, die war linker Hand beim Block 4.

 

Angeklagter Klehr:

Die war gegenüber vom HKB.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl. Und das war Gleiwitz I und kein Gleiwitz IV. Danke, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, mit gutem Gewissen. Mir geht es ja nur um die Wahrheit, die...

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind schon einmal beeidigt worden.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie versichern, daß das, was Sie gesagt haben, wahr ist unter Bezugnahme auf den von Ihnen bereits geleisteten Eid? Das würde dann so gut angesehen, als ob Sie wieder geschworen hätten.

 

Zeuge Georg Severa:

Ja, das kann ich bezeugen mit reinem Gewissen, denn selbst in diesem Todesbunker waren auch größere Zellen, wo auch manchmal 30 Menschen eingepfercht wurden, die auch vor Hunger sterben mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge erklärt: Ich versichere die Richtigkeit meiner heutigen Aussage unter Bezugnahme auf den von mir vor diesem Gericht bereits geleisteten Eid. Gegen die Entlassung des Zeugen wird nichts

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Aussage des Zeugen Georg Severa, 29. Verhandlungstag, 20.03.1964.

2. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.08.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 101, Bl. 575.

3. Vgl. Sterbebücher von Auschwitz, Bd. 2, S. 383.

4. Richterliche Vernehmung vom 08.10.1964 in Lörrach, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.758-13.765.

5. Vgl. richterliche Vernehmung vom 08.10.1964 in Lörrach, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.758-13.765.

6. Einheit Dirlewanger, Frontbewährungseinheit der SS, in der neben vorbestraften SS- und Wehrmachtsangehörigen auch entlassene KZ-Häftlinge waren. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 440.

7. Zu den Nebenlagern vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. I, S. 118-154.

 

 
 
 
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