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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

64. Verhandlungstag, 10.7.1964

 

Vernehmung des Zeugen Waldemar Schröder

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind wie alt, Herr Schröder?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

40. [...]

 

Vorsitzender Richter:

40 Jahre alt, jawohl. Sie sind von Beruf Autoschlosser?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wohnen in Würzburg.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Würzburg-Heidingsfeld.

 

Vorsitzender Richter:

Würzburg-Heidingsfeld. Herr Schröder, Sie haben zunächst die Volksschule besucht, haben den Beruf des Autoschlossers erlernt, haben aber die Lehre damals nicht beenden können, weil Ihre Eltern viel unterwegs waren.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im März 1943 wurden Sie aus rassischen Gründen verhaftet.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kamen dann zunächst nach Stettin, wurden von Stettin nach Auschwitz verlegt.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Auschwitz, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann kamen Sie in Auschwitz an? [...]

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Im März 1943.

 

Vorsitzender Richter:

März 1943. Und Sie blieben dort wie lange?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ungefähr 13 Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Also bis zum April 1944.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Heute sind Sie wieder als Autoschlosser tätig, und zwar in Würzburg.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

In Würzburg, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Schröder, Sie sind, als Sie nach Auschwitz kamen, wo ausgeladen worden?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, das war nachts gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nachts.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, da konnte man nicht sehen, wo wir ausgeladen geworden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sind Sie denn damals schon in Birkenau ausgeladen worden?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, wir sind durchs Hauptlager durchgegangen und dann nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, Sie sind also noch vor dem Hauptlager ausgeladen worden.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dann wo gearbeitet?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ich habe erst mal beim Kanalbau gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Und dann haben wir draußen planiert, wo das Krematorium war.

 

Vorsitzender Richter:

Draußen, wo das Krematorium war.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar welche Arbeit haben Sie da verrichtet?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Wir haben müssen die Asche planieren.

 

Vorsitzender Richter:

War das in Birkenau oder bei dem Alten

 

Zeuge Waldemar Schröder [unterbricht]:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau. [...] Bei den neuen Krematorien?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Den neuen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und wie lange haben Sie diese Arbeit verrichtet?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Acht Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Acht Tage. Und dann?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Und dann bin ich in die Küche gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

In die Küche gekommen. In die Häftlingsküche?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dort sind Sie geblieben bis zu Ihrem Abtransport?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Bis zum Abtransport.

 

Vorsitzender Richter:

In dieser Zeit haben Sie auch verschiedene SS- Leute näher kennengelernt. Insbesondere haben Sie damals auch den heutigen Angeklagten Hofmann kennengelernt. Wollen Sie uns bitte mal sagen, wo Sie ihn kennengelernt haben, bei welcher Gelegenheit, und was Sie von ihm wissen.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das war so, wir haben müssen gegen abend Fässer holen. Zum Auskönnen für die Belegschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Fässer?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, wo das Essen reinkam.

 

Vorsitzender Richter:

Tonnen ja, ja.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja. Und einmal hat es geheißen: »Alles rein in die Blöcke.« Da hat der Stubendienst »Sport« machen müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Der Stubendienst. [...] In welcher Baracke waren Sie denn oder welchem Block?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ich war auf Block 1 gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Block 1.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Küchenblock.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar in dem Stammlager?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

War das in der Zeit, wo Sie noch gearbeitet haben?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

In der Küche, ja. Wo ich in der Küche war, ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In der Küche. Da waren Sie auch in der Küche in Birkenau?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Denn ich war nicht im Hauptlager gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren nicht im Hauptlager.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie mal an diese Karte treten wollen, das ist Birkenau. Können Sie uns da sagen, wo die Küche gewesen ist, wo Sie gearbeitet haben? Gehen Sie mal hin. [Pause] Wenn Sie sehen wollen, links dieser gelbe Strich bedeutet die Rampe, wo die Leute ausgeladen worden sind. Und dann links von dieser Rampe ist das Frauenlager und rechts von dieser Rampe ist das Männerlager, das ist mit a, b, c, d, e gekennzeichnet. Und Sie waren vermutlich in dem Lager e, ja. Da oben, das soll das Zigeunerlager sein. Und zwar sind da hinten die Waschräume vermutlich.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

So, das war das Zigeunerlager. [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein, der Mann hat schon recht gehabt, Herr Cugini. Das ist nicht richtig eingezeichnet. Das ist Zigeunerlager und eins unten drunter, glaube ich noch, nicht?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nein, das kleine e steht am untersten Ende des [unverständlich].

 

Vorsitzender Richter:

Am untersten Ende.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Am obersten Rand.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Der Zaun läuft hier.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

[unverständlich] Zigeunerlager zwei Küchen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo war denn die Küche, wo Sie gearbeitet haben?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Wenn wir reingekommen sind rechts. [unverständlich] Eingang [unverständlich] so und so [unverständlich] war die Küche grade so auf der rechten Seite oben.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns mal den Block zeigen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das war der erste Block von der Küche. Hier.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich glaube, zwei weiter.

 

Richter Perseke:

Eins höher.

 

Vorsitzender Richter:

Eins höher. Da, ja. Das war die Küche. Da haben Sie drin gearbeitet?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, die Küche war das.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Und in dem Block habe ich geschlafen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, da haben Sie geschlafen, und die Küche war nebendran.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Und das Blaue ist wohl ein Löschteich?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das war der Löschteich gewesen, ja. Und das war die Frauenküche gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Das war die Frauenküche.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Die Kinderküche.

 

Vorsitzender Richter:

Kinderküche, aha. Und Sie haben oben in dieser Küche oberhalb des Löschteichs gearbeitet.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Und wer war damals Lagerführer in Birkenau? Wissen Sie das?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, was wissen Sie von Hofmann, dem Obersturmführer?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, das war damals so, wie ich gesagt habe. Wir haben die Fässer da geholt, und dann mußten wir alle von der Straße runter, alle in die Blöcke rein, es war Blocksperre gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Um wieviel Uhr war denn das ungefähr?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

So kurz vor acht.

 

Vorsitzender Richter:

Abends?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, und dann sind der Stubendienst und die Schreiber alle angetreten, und dann haben sie »Sport« gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum? [...] Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also der Stubendienst.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Und die Schreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Schreiber.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Blockschreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Nun waren Sie aber doch weder Stubendienst, noch waren Sie Blockschreiber.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, ich habe ja keinen »Sport« mitgemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, Sie brauchten ihn gar nicht mitzumachen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dann haben die »Sport« gemacht. Und wie ging denn das vor sich?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, und als der »Sport« zu Ende war, da haben oben im Krankenbau zwei Tote und soundso viel Verwundete gelegen.

 

Vorsitzender Richter:

Als der »Sport« zu Ende war, lagen oben?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Zwei Tote.

 

Vorsitzender Richter:

Zwei Tote.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Und soundso viel Verwundete.

 

Vorsitzender Richter:

Und einige Verletzte.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie dem »Sportmachen« zugesehen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Durften wir ja nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Durften Sie nicht.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren vermutlich während dieser Zeit auf Ihrem Block?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, erst haben sie uns in einen Block reingejagt. Wo es war, war ja Nebensache. Hauptsache, wir müssen von der Lagerstraße runter.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie dann da?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ungefähr Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Block 11.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

11 oder 12.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie gerade in der Nähe dieses Blocks waren? Da mußten Sie da rein?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das ist egal, in der Nähe. Wenn sie in einem Block waren, wenn er sagt: »Von der Straße runter!« dann müssen sie – egal, in was für einen Block sie reingekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie etwas dagegen, Herr Zeuge, wenn wir Ihre Aussage auf ein Band aufnehmen, weil wir das als Gedächtnisstütze brauchen für das Gericht?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Können Sie.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie kamen dann, als die Blocksperre zu Ende war, wieder auf Ihren Block?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, da bin ich wieder weiter, die Lagerstraße und in den Block rein, daß wir die Fässer bekommen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Daß wir auskehren konnten für die nächste Küche [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wo haben die Toten gelegen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Oben im Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Im Krankenbau.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Die übriggeblieben sind, die noch halb bei Kräfte waren, die haben sie müssen nach oben bringen.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben sie raufbringen müssen. Und da waren zwei Leute tot. Und einige waren verletzt beziehungsweise krank. Und Sie wissen genau, daß diese Toten zu den Leuten gehört haben, die vorher

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Damals Lagerführer?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen sie nicht. War er denn der Oberste im Rang oder der Befehlshaber, der über die anderen zu befehlen hatte?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Na, das kann ich Ihnen auch nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie auch nicht. Und wieso kannten Sie Hofmann denn?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, vom Namen aus.

 

Vorsitzender Richter:

Wie, vom?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Weil die anderen Kollegen gesagt haben: »Der Hofmann kommt rein.« Und: »Da muß man von der Straße runter, der ist gefährlich.«

 

Vorsitzender Richter:

Die andern sagten: »Der Hofmann kommt rein, von der Straße runter, der ist gefährlich.«

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn denn gesehen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wußten Sie

 

Zeuge Waldemar Schröder [unterbricht]:

Das war das erste Mal wo ich ihn gesehen habe, bei dem »Sport«, ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das erste Mal. Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß das nun von den vielen Leuten, die da kamen, der Hofmann war?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das waren ja viele Bekannte im Lager, die ihn gekannt haben vom Hauptlager.

 

Vorsitzender Richter:

Die ihn gekannt haben vom Hauptlager. Und die haben gesagt: »Das ist der Hofmann.« Wie sah er denn aus?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Es war ja dunkel gewesen, gegen Abend.

 

Vorsitzender Richter:

Es war dunkel. Haben Sie ihn mal sprechen hören?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja, Sie haben aber bei Ihrer Vernehmung gesagt, er wäre 1,80 Meter groß gewesen, hätte kräftige Gestalt gehabt. »Der Sprache nach stammt er aus der bayerischen Pfalz oder aus Bayern selbst.«1

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, Herr Vorsitzender, das ist ein Irrtum, glauben Sie mir das. Das habe ich nicht angegeben. Das muß der Friedrich angegeben haben.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] Protokoll [unverständlich] unterschrieben.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Das hat er doch unterschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Geben Sie mir doch mal das Original, 3.686, in Band 22. Ja das ist er doch.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, nun passen Sie mal auf, das war ja so, wir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das will ich ihm gerade mal vorhalten.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Wir saßen ja zu zweit am Tisch. Und da haben sie uns beide vernommen.

 

Vorsitzender Richter:

Max Friedrich, der hat auch ein Protokoll unterschrieben.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Was ist denn das [unverständlich]

 

Verteidiger Heymann:

Wenn ich dazu eine kleine Erklärung geben darf jetzt?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Heymann:

Die beiden wohnen in derselben Straße.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, im selben Haus.

 

Verteidiger Heymann:

Sie sind am selben Tag in Würzburg vernommen worden.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Heymann:

Und das Protokoll Friedrich zur Sache beginnt mit den Worten: »Mir wurden soeben die Aussagen des Zeugen Schröder über Hofmann vorgelesen.«2 Als Friedrich vernommen wurde, war vorher – nach diesem Protokoll – der Schröder vernommen, als erster. Beide am selben Tag, im selben Zimmer, dieselben Polizeibeamten, in Würzburg, am 11. Januar 60. Also müßte Schröder als erster vernommen worden sein.

 

Vorsitzender Richter:

Was? Was haben Sie da eben [+ vorgelesen]? Ich kann es

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

Blatt 3.691 unten.

 

Verteidiger Steinacker:

Letzter Absatz.

 

Verteidiger Heymann:

Letzter Absatz: »Mir wurden soeben die Angaben des Zeugen Schröder über Hofmann vorgelesen. Bei Hofmann«, und so weiter, »habe ich nicht zugesehen, denn«3 und so weiter. Das sagt alles der Friedrich, offenbar ein Verwandter von Schröder, denn die wohnen im selben Haus. Und beide sprechen von Anverwandten »meiner Frau« bei den Brüdern Schopper. Die Aussage deckt sich in verschiedenen Sätzen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie einmal von Hofmann geschlagen worden?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das steht aber nun in der Aussage Friedrich drin, Herr Rechtsanwalt. Also das kann nicht sein.

 

Verteidiger Heymann:

Was meinen Sie, Herr Vorsitzender? Wir haben ja jetzt nicht Friedrich, aber beide Aussagen haben denselben Wortlaut bezüglich der Gebrüder Schopper. Das fiel mir auf, als ich das gestern las. Beides »Anverwandte meiner Frau«4, nachdem dem Friedrich vorher diese Aussage vorgelesen worden war.

 

Vorsitzender Richter:

Also muß doch der Schröder die Aussage gemacht haben.

 

Verteidiger Heymann:

Der Schröder muß als erster, danach, wenn das richtig ist, vernommen worden sein, als erster, saß aber am selben Tisch wie der Friedrich bei der Vernehmung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja und was schließen Sie daraus? Ja, zur gleichen Zeit sind sie vernommen worden, das ist richtig, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Heymann:

Ja, eine unmögliche prozessuale Angelegenheit, zunächst einmal, daß beide im selben Zimmer sitzen, Verwandte sind. Und bevor der zweite vernommen wird, wird – damit er sich orientiert, der zweite, Friedrich – die Aussage des ersten vorgelesen, und dann wird er erst gefragt. So was gibt es ja nun normalerweise nicht. [...]

 

Zeuge Waldemar Schröder:

So war es auch.

 

Verteidiger Heymann:

So war es auch. Das glaube ich auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Herr Rechtsanwalt Heymann, das ändert doch nichts an der Tatsache, daß der Schröder vorher seine Aussage gemacht haben muß. Sonst hätte man sie ja dem Friedrich nicht vorlesen können.

 

Verteidiger Heymann:

Richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Also das, was ich eben bei dem Zeugen Schröder festgestellt habe, kann nur von ihm stammen. Und er hat es ja auch unterschrieben.

 

Verteidiger Heymann:

Vielleicht. Vielleicht wurde es auch verwechselt von den Kriminalbeamten. Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er beides erst durchgesprochen. Ich weiß es nicht, was das für eine Art von Vernehmung war.

 

Vorsitzender Richter:

Also jedenfalls, Herr Schröder, um dabei zu bleiben, Sie können uns mit gutem Gewissen folgendes sagen: Sie waren gegen acht Uhr abends auf der Lagerstraße und wollten diese Kübel einsammeln.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da hieß es: »Lagersperre! Alles in die Blocks!«

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Alles in die Blocks.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind in den Block 11 etwa hineingegangen und haben gesagt bekommen von den übrigen Kameraden: »Vorsicht, jetzt kommt der Hofmann, der ist gefährlich.«

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie auch gesagt bekommen: »Das ist der Hofmann«, haben Sie einen gezeigt bekommen.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie in den Block und durften nicht mehr herausgehen. Und als die Bocksperre aufgehoben worden war, da sind Sie am Krankenbau vorbeigekommen und haben gesehen, daß zwei Leute dort tot lagen und einige verletzt waren.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Leute hatten vorher »Sport« gemacht.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Die haben zu mir gesagt: »Das sind die Leute, die mit ›Sport‹ gemacht haben.«

 

Vorsitzender Richter:

»Das sind die Leute, die mit ›Sport‹ gemacht haben.« Sie wissen weder, ob Hofmann die ganze Zeit zugegen war, noch wissen Sie, wer die Kommandos gegeben hat, noch wissen Sie, ob Hofmann diese Aktion geleitet hat. Sie wissen noch nicht einmal, welchen Rang und welche Befugnis der Hofmann gehabt hat. Und das ist alles, was Sie wissen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann, stehen Sie mal bitte auf. Drehen Sie sich mal herum. War das dieser Mann, den Sie damals gezeigt bekommen haben?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Danke schön. Herr

 

Zeuge Waldemar Schröder [unterbricht]:

Schauen Sie mal, ich war 19 Jahre alt.

 

Vorsitzender Richter:

Was war los?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Er hat nicht gesagt, ich weiß es nicht, sondern er hat gesagt nein.

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

Verzeihung, er hat eben »nein« gesagt, nicht »ich weiß es nicht«.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, er hat gesagt, »nein«,er kann ihn nicht mehr erkennen.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Er kann ihn nicht erkennen, heute.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, schön. Also. Er weiß deshalb nicht, ob es der ist, der ihm damals gezeigt worden ist. Stimmt doch, nicht? Ja. Oder haben Sie Bedenken?

 

Verteidiger Heymann:

Ich meine, er hat gesagt: »Nicht Hofmann.«

 

Verteidiger Steinacker:

Sie haben gefragt: »Ist das der Mann?«Darauf hat er gesagt: »Nein.«

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

»Ist das Hofmann?« Darauf hat er gesagt: »Nein.«

 

Verteidiger Steinacker:

Und sie haben gesagt, er kann sich nicht erinnern. Das ist ein Unterschied.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, daß er es nicht ist, den Sie damals gezeigt bekommen haben?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ja, schauen Sie, Herr Vorsitzender, ich war 19 Jahre, das sind jetzt 21 Jahre her. Man ändert sich in 21 Jahren. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wollen Sie sagen – da drum dreht sich hier die Diskussion –, wollen Sie sagen: Ich kann ihn heute nicht mehr erkennen?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nicht erkennen, ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Oder wollen Sie sagen: Ich weiß bestimmt, daß der es nicht war?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Nein. Ich sage, ich kann ihn nicht erkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, habe ich also den Zeugen doch richtig verstanden. Wenn es vielleicht auch in der Diktion nicht so war. Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Keine.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Fragen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Die Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Heymann.

 

Verteidiger Heymann:

Ich habe auch keine mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage. Ist von seiten des Hofmann eine Frage zu stellen?

 

Angeklagter Hofmann:

Ich habe keine Frage zu stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wie war es denn? Stimmt denn das mit diesem sogenannten Sport?

 

Angeklagter Hofmann:

Ja, wenn ich da gefragt werde, Herr Vorsitzender, mit diesem »Sport«– abends um acht Uhr ist schon der Zeit halber unmöglich, daß überhaupt abends um acht noch ein »Sport« durchgeführt worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Warum?

 

Angeklagter Hofmann:

Schon allein die Lagersperre, und dann, wie der Zeuge angibt, abends um acht Uhr diese Kübel zusammenfahren, jawohl. Wie lange – jetzt darf ich den Zeugen fragen – wie lange nach?

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das weiß der Zeuge nicht mehr.

 

Angeklagter Hofmann:

Da war um diese Zeit – um acht Uhr ging es schon ziemlich nahe an die Blocksperre ran – im gesamten Lager sozusagen Lagerruhe. [...]

 

Zeuge Waldemar Schröder:

Ich habe Nachtschicht gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat Nachtschicht gehabt.

 

Angeklagter Hofmann:

Nachtschicht gehabt.

 

Zeuge Waldemar Schröder:

In der Küche.

 

Angeklagter Hofmann:

Ja, das ist ja vielleicht möglich. Aber dieses »Sportmachen« abends um acht Uhr: Also ich sage, es ist unmöglich, daß abends um acht Uhr noch »Sport« getrieben worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, es fragt sich hier nicht, ob das möglich oder unmöglich war, sondern ob es geschehen ist oder nicht geschehen.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, abends um acht Uhr nicht!

 

Vorsitzender Richter:

Ja, war es vielleicht um halb sieben oder was weiß ich, eine andere Zeit. Uns kommt es ja doch nur auf die Tatsache an, ob diese Quälerei durchgeführt worden ist und ob dabei zwei Menschen gestorben sind.

 

Angeklagter Hofmann:

Von »Sportmachen«, daß zwei gestorben sind, ist überhaupt nichts bekannt. Das stimmt überhaupt nicht. Beim »Sportmachen« ist keiner gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

Na, wir haben schon andere Zeugen hier gehabt, die was anderes erzählt haben.

 

Angeklagter Hofmann:

Ja. Und wie der Zeuge angibt, er habe nach dem »Sport« noch, wie er diese Baracke wieder verlassen hat, zwei Tote gesehen. Ja, kein Zeuge, daß diese zwei Toten vom »Sportmachen« her sozusagen zu Tode gequält worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist sehr geschickt von Ihnen vorgetragen. Aber der Zeuge hat es doch nun von den übrigen Häftlingen erzählt bekommen. Diese Leute haben eben »Sport« treiben müssen.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, wenn ich das erwähnen darf, in so einem Lager wurde soviel erzählt, und [+ es gab] so viele Gerüchte.

 

Vorsitzender Richter:

Richtig.

 

Angeklagter Hofmann:

Genauso wie hier in diesen Anstalten, was gehen da für Gerüchte rum. Wenn man das alles glauben sollte, um Gottes Willen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gut.

 

Angeklagter Hofmann:

Ja.

 

Verteidiger Heymann:

Es hat bis jetzt noch kein Zeuge bestätigen können, daß beim »Sportmachen« jemand gestorben ist, vielleicht in der Anklageschrift, aber sonst, in dem Raum noch nicht, in diesem Raum nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Oben auf dem Speicher, im Lager I.

 

Verteidiger Heymann:

Das mögen andere Leute gewesen sein, aber jedenfalls hier in dem Zusammenhang...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sehen Sie. Ja. Wenn keine Fragen mehr sind, keine Erklärungen mehr abzugeben sind, dann, Herr Zeuge, müssen Sie den Eid leisten. Wollen Sie den Eid in

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 11.01.1960 in Würzburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 22, Bl. 3.688.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 11.01.1960 in Würzburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 22, Bl. 3.691.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 11.01.1960 in Würzburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 22, Bl. 3.691.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 11.01.1960 in Würzburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 22, Bl. 3.688.

 

 
 
 
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