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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

89. Verhandlungstag, 14.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Lajos Schlinger

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Einverstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Einverstanden. Wie heißen Sie mit Vornamen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Lajos Schlinger. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind von Beruf?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Also ich habe kein Weib. Sie ist in Auschwitz geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Verwitwet.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Schreiben Sie vielleicht dazu: Meine Frau ist in Auschwitz umgekommen.

Wie alt sind Sie, Herr Schlinger?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

68.

 

Vorsitzender Richter:

68 Jahre alt. Und Sie wohnen in?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Klausenburg bis jetzt.

 

Vorsitzender Richter:

In Klausenburg. Und Sie sind nicht verwandt und nicht verschwägert mit einem der Angeklagten? [...]

 

Dolmetscher Dienesch:

A vádlokkal nem áll rokoni viszonyokban.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Schlinger, die Staatsanwaltschaft hat Sie hier als Zeugen benannt, und zwar dafür, daß Sie den Angeklagten Doktor Capesius schon vor dem Krieg persönlich gekannt hätten.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, ich habe ihn gekannt. Mir scheint, seit 39. Nämlich er war als Propagandist der Bayer-Firma dort tätig, in Klausenburg. Er hat mich einige Mal, zwei-, dreimal, besucht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Die Firma Bayer hat dort in Klausenburg ein Büro und ein Magazin gehabt. Und es war einige Mal vorgekommen, daß ich wegen Medikamenten zu dieser...

 

Vorsitzender Richter:

Firma Bayer.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Also ich bin dorthin gegangen. Und ich habe auch dort den Beschuldigten gesehen. Außerdem habe ich ihn auf der Straße gesehen. Aber er hat mich persönlich einige Mal, zweimal, dreimal, besucht, visitiert bei mir als Propagandist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagten Sie bereits.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Natürlich haben wir gesprochen, zehn, 15 bis 20 Minuten lang.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie kannten ihn genau.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Schlinger, wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Mitte Juni, das heißt genau, würde ich sagen, am 11. Juni sind wir angekommen, 44. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und jetzt, bitte, schildern Sie uns einmal die Ankunft, das Ausladen, das Einteilen und so weiter.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. Also unsere Gruppe war die letzte, die von Klausenburg deportiert wurde. Wir Ärzte – wir waren zwölf Ärzte dort – haben auch das Ghetto- Spital mitgenommen auf diesen Transport. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aus welchem Ghetto kamen Sie?

 

Dolmetscher Dienesch:

Melyik gettóból jöttek. Hogy hívták.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, also Klausenburg.

 

Vorsitzender Richter:

Aus Klausenburg. Und wo war das eingerichtet in Klausenburg? In einer Ziegelfabrik?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

In einer Ziegelfabrik. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und welche Ärzte waren unter diesen zwölf? Können Sie uns da einige Namen nennen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Einer hieß Rosenthal, Jakob. Ein anderer war ein gewisser Lichtenstein ; der ist dortgeblieben, schon im ersten Moment, weil er hat sich als Kranker vorgestellt. Es war noch ein Kollege Sonnenwirt, auch von Klausenburg. Auch er hat sich gemeldet als Kranker, und ich habe ihn nicht mehr gesehen samt Familie.

 

Vorsitzender Richter:

Und von denen, die noch leben, Herr Doktor, wen können Sie uns da noch mit Namen nennen? Der mit Ihnen zusammen war?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Also dieser Rosenthal, Jakob, lebt in Klausenburg.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sind Sie also angekommen. Sie waren vermutlich mit Ihrer Frau zusammen in dem Waggon.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. Ich werde es weiter schildern. Wir sind in der Nacht angekommen. Die Waggons wurden nicht geöffnet, wir warteten zwei, drei Stunden lang. Ich glaube, früh um vier, fünf hat man die Waggons aufgemacht. Wir wurden herausgejagt.

Es war eine höllische Situation, weil wir dieses Spital geleert haben und die kranken Leute mitgenommen haben. Das machte aus circa 250 bis 300 Kranke. Viele Leute waren, so kann man sagen, Schwerkranke. Es waren Leute, die konnten nicht einmal auf den Füßen stehen, die waren gelähmt. Andere haben Phlegmone gehabt, andere alte Krankheiten. Und [als] wir, wie ich gesagt habe, herausgejagt wurden mit Gewalt, [Pause] war es die Hölle von Dante. Ein Himmel dazu, was dort geschehen ist. Als unser Waggon aufgemacht wurde und wir herausgekommen sind aus dem Waggon, waren schon viele Waggons vorher geöffnet worden, und diese kranken Leute, die konnten nicht einmal auf den Füßen stehen, die sind auf der Erde teilweise gelegen, teilweise gesessen. Männer haben geschrien, Frauen weinten, Kinder brüllten. Es war eine schreckliche Situation. [Pause]

Nachdem wir heraus sind aus dem Waggon, habe ich mich umgeschaut. Ich habe mich einige Male herumgedreht: Was ist hier, was für ein Hölle ist das? Und auf einmal, plötzlich, sehe ich an der Rampe den Doktor Capesius. Mit großer Freude bin ich zu ihm gelaufen und habe ihn gegrüßt, und meine erste Frage war: »Wo sind wir eigentlich?« Er sagte mir: »In der Mitte Deutschlands.«

 

Vorsitzender Richter:

»In der Mitte Deutschlands«?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

»In der Mitte Deutschlands.« Das glaubten wir nicht, weil unterwegs haben wir gesehen die Bahnstationen mit slawischen...

 

Vorsitzender Richter:

Bezeichnungen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Bezeichnungen. Wie ist das möglich? Na, aber ich habe keine Zeit gehabt nachzudenken, was das bedeuten soll. Ich habe gefragt: »Was wird mit uns passieren, was ist denn hier?« Er sagte: »Ja, es wird alles gut sein.« »Ja aber«, sage ich, »meine Frau ist nicht ganz gesund.« »Ja«, fragt er, »ist nicht gesund? Dann soll sie dorthin stehen.« Nämlich es war schon dort formiert eine Gruppe von diesen schwerkranken Leuten. Ich bin zurückgelaufen zu meiner Frau und Tochter, aber die ganze Kolonne ist schon ein wenig in — Mozgásban.

 

Dolmetscher Dienesch:

Bewegung gewesen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Bewegung gewesen. Und ich sagte meiner Frau: »Du sollst dorthin gehen, du mußt dorthin stehen.« Sie hat

 

– Schnitt –

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Meine Frau ist mit diesem 17jährigen Mädchen dorthin gegangen. Danach habe ich sie nie mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diese Menschen in Lastwagen abtransportiert worden sind oder ob sie zu Fuß gegangen sind? Oder wie sind sie denn vom Platz weggekommen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Von wo bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Von dieser Stelle, wo Sie zum letzten Mal Ihre Frau gesehen haben, wie kamen sie dort weg?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Die kranken Leute meinen Sie, Herr Präsident?

 

Vorsitzender Richter:

Alle diese kranken Leute, ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Das weiß ich nicht, was geschehen ist, weil, wie ich gesagt habe: Alle waren schon in Bewegung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind langsam weggegangen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Und jemand hat gerufen: »Ärzte nach vorne!« Und wir Ärzte sind ganz nach vorne gegangen. Und was hinter mir geschah, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Und Sie waren etwa zwölf Ärzte, sagen Sie?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, zwölf Ärzte. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und unter diesen zwölf Ärzten haben Sie sich auf zwei besonnen, die gesagt haben: »Wir sind krank.« Und die sind auch zu den kranken Leuten gekommen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich habe es nicht gesehen, aber unterwegs haben es mir diese zwei Kollegen so gesagt: »Ich werde als Kranker mich melden.« Weil einer, der Sonnenwirt, hat ein Magengeschwür gehabt. Der andere, der Lichtenstein, war ein Gynäkologe, und er hat gesagt: »Ich werde meine Frauen«, das heißt, die in anderen Umständen waren, »nicht verlassen, ich werde mit ihnen gehen.« Was mit diesen zehn Ärzten geschehen ist, darüber kann ich Ihnen wenig sagen, weil ich in Auschwitz nur sechs Tage lang war. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren nur sechs Tage in Auschwitz?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie kam das?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich habe mich so schnell wie möglich zum sogenannten Arbeitstransport gemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie da hingekommen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich bin nach Kaufering gekommen.1

 

Vorsitzender Richter:

Nach sechs Tagen bereits?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nach sechs Tagen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun haben Sie uns also eben geschildert, Sie haben auf der Rampe den Doktor Capesius gesehen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und es besteht für Sie gar kein Zweifel, daß dieser Mann der Doktor Capesius gewesen ist?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich habe mit ihm gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mit ihm gesprochen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Und ich habe ihn gekannt. Deshalb bin ich mit großer Freude zu ihm gelaufen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wie er damals angezogen war, was er für eine Uniform anhatte?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

In Uniform.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was er für eine Kopfbedeckung hatte, was für eine Mütze, wissen Sie das noch?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich erinnere mich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind also zum Doktor Capesius hingegangen, Sie haben auch mit ihm gesprochen. Und er hat Ihnen gesagt, Ihre Frau möchte sich zu diesen kranken Leuten stellen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Entschuldigen Sie, nicht das hat er zu mir gesagt. Er hat mir gesagt, sie soll dorthin.

 

Vorsitzender Richter:

Dorthin gehen, ja, dorthin sich stellen. War bei dem Doktor Capesius noch ein anderer Oberführer von der SS, oder war er allein?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich habe soviel gemerkt, daß er teilweise mit lauter Stimme, teilweise gestikulierend mit den Händen Order gegeben hat für

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Order gegeben. Befehle gegeben. Und worauf bezogen sich die Befehle? Was hat er befohlen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Das weiß ich nicht. Ich habe nur gesehen, daß er hat gezeigt und laute...

 

Vorsitzender Richter:

Befehle gegeben.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Befehle gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Hat noch jemand bei ihm gestanden? Oder war er ganz allein?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

[Pause] Ich habe niemand gesehen. Vielleicht. Nicht an der Rampe, vielleicht. Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, hat das Gericht noch eine Frage?

 

Richter Hotz:

Ja. Kannten Sie einen Doktor Ehrenfeld? [...]

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, ich kenne ihn nicht.

 

Richter Hotz:

Von Kaufering? Daß er auch in Kaufering war?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Es ist möglich, ich kenne ihn nicht.

 

Richter Hotz:

Sie kennen ihn nicht.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich bitte noch einmal um den Namen.

 

Vorsitzender Richter:

Ehrenfeld.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ehrenfeld. Ja, Ehrenfeld.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Kein Arzt.

 

Richter Hotz:

Nein.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ehrenfeld, ich kenne ihn. Ja, ich kenne ihn.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie, wann er nach Kaufering kam?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, ich weiß es nicht bestimmt, weil er nicht mit unserer Gruppe gekommen ist.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie, wann er in Auschwitz angekommen ist?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, ich weiß nicht genau. Es ist möglich, mit unserem Transport, aber das weiß ich nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Noch eine Frage des Gerichts? Keine Frage. Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Doktor Schlinger, Sie sagten, daß die Waggons morgens gegen vier, fünf Uhr aufgemacht wurden. Ist es um dieselbe Zeit gewesen, daß Sie den Doktor Capesius dort auf der Rampe gesehen haben? Oder war das wesentlich später?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, das war um diese Zeit.

 

Staatsanwalt Kügler:

So sehr früh am Morgen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich glaube, daß es zehn, 15 Minuten...

 

Staatsanwalt Kügler:

Gedauert.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Lang dauerte, bis man gekommen ist und unsere Waggons aufgemacht hat. Das glaube ich, weil es waren schon einige Waggons geleert worden. Aber als ich mich umgeschaut habe und mich ein wenig orientiert habe, habe ich sofort den Herrn bemerkt, den Doktor Capesius.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie noch eine Erinnerung daran, ob sich die Leute aus dem Transport, die gehen konnten, in Fünferreihen formieren mußten? [...]

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Die gesunden Leute?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, wir waren in Kolonnen zu Fünferreihen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zu Fünferreihen. Und wissen Sie, ob eine Kolonne an dem Doktor Capesius vorbeigegangen ist?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, das weiß ich nicht, weil wir Ärzte

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Vorne waren.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Waren vorne.

 

Staatsanwalt Kügler:

Vorne. Wie hieß Ihre Ehefrau mit Vornamen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Wartenberg, Maria.

 

Staatsanwalt Kügler:

Maria. Und was ist aus Ihrer Tochter geworden, Herr Doktor Schlinger? [...]

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Sie ist zurückgekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie hat das Lager überlebt?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat sie Ihnen etwas sagen können über das Schicksal der Mutter?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein. Danke sehr, Herr Doktor Schlinger.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Doktor Schlinger, haben die übrigen Kollegen, mit denen Sie dann abmarschiert sind – mindestens die zehn – den Doktor Capesius auch wiedererkannt? Hat man sich darüber unterhalten?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur soviel: Als wir schon im Lager waren, haben wir über diese Geschichte gesprochen. Wir waren sehr erstaunt, daß ich den Capesius dort getroffen habe. Und darüber haben wir untereinander gesprochen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Doktor, haben Sie außer Ihrer Frau noch weitere Familienangehörige in Auschwitz auf diesem Transport dabeigehabt? [...]

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. Aber nicht mit diesem Transport.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht mit diesem Transport.

 

Vorsitzender Richter:

Er sagte doch, seine Tochter, die war doch dabei.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Nichte?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Die Nichte, ja. Das habe ich schon gesagt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich meinte noch weitere Familienangehörige, die er nicht erwähnt hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Außer Tochter und Nichte.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Mit diesem Transport nicht, mit früheren Transporten ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich bitte, noch festzustellen, Herr Vorsitzender, daß der Zeuge Nebenkläger ist in dieser Angelegenheit. Ich habe keine weiteren Fragen, danke.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Jawohl. Es wird festgestellt, daß der Zeuge Nebenkläger ist und von Rechtsanwalt Ormond vertreten wird.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Doktor Schlinger, Sie haben dem Gericht gesagt, Sie haben Herrn Doktor Capesius bereits während des Krieges 1939/40 kennengelernt, als er Sie zwei- bis dreimal besucht hat. Können Sie es etwas näher präzisieren, wann Sie Herrn Doktor Capesius das letzte Mal als Propagandist gesehen haben in Ihrer Heimat?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich kann. Er war bei mir, wie es mir scheint, im Jahre 40 oder 41.

 

Verteidiger Steinacker:

40, 41.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

41.

 

Verteidiger Steinacker:

41?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. Und als er bei mir war, habe ich ihn sehr höflich empfangen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich habe sogar meinen Sessel vor den Schreibtisch gestellt. Ich bin aufgestanden und habe ihn dorthin gesetzt. Und so haben wir gesprochen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja. Sie sagen also, 41.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

So meine ich, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Nein, er hat nachher 41 gesagt.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

41.

 

Vorsitzender Richter:

40 oder 41.

 

Verteidiger Steinacker:

Nachher hat er 41 gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie das genau, 41? Oder kann es auch 40 gewesen sein?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

[Pause] 41.

 

Vorsitzender Richter:

41, meinen Sie.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

41.

 

Vorsitzender Richter:

Gut, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Zeuge, Sie haben dann weiter gesagt, es sei insgesamt zwei- bis dreimal gewesen, daß er Sie besucht hat.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Waren die Besuche alle in dem gleichen Jahr?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, ich glaube nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Glauben Sie nicht. Soll ich daraus entnehmen, daß Sie sagen wollen: 41 hat er mich zum letzten Mal aufgesucht, die anderen Besuche waren früher? Oder wie wollen Sie es bitte präzisieren?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

So meine ich, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie war das eben? Das habe ich nicht

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Ich habe gefragt, ob der letzte Besuch 41 gewesen ist. Da sagt er: Ja. Da habe ich gesagt: Soll ich daraus entnehmen, daß – da er gesagt hat, zwei- bis dreimal – die anderen Besuche früher waren?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, vorher.

 

Verteidiger Steinacker:

Da sagte er: Ja, so soll ich es sehen.

 

Vorsitzender Richter:

So soll es sein.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Da Sie jetzt gesagt haben, die anderen Besuche waren früher als 41: Wann war Ihrer Erinnerung nach – ich weiß, das ist schwer – der erste Besuch von diesen dreien? In welches Jahr würden Sie den verlegen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich glaube, 39.

 

Verteidiger Steinacker:

39?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

So glaube ich.

 

Verteidiger Steinacker:

Noch vor Beginn des Krieges?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Vor Beginn des Krieges. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

Gut. [Pause] Herr Zeuge, Sie haben auf die Frage des Herrn Staatsanwalts Kügler gesagt, Sie wüßten nicht, ob die Kolonne der Häftlinge, die aus den Waggons rausgekommen waren, an Doktor Capesius vorbeigegangen sei. Habe ich Sie so richtig verstanden?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, das habe ich nicht gesagt, weil das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Herr

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Ja, also gut, ich meine, wir sind uns

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat es nicht gesehen.

 

Verteidiger Steinacker:

Er hat es nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat gesagt: Weil die Ärzte vornweg gegangen sind, wußte ich nicht, was hinter mir geschah.

 

Verteidiger Steinacker:

Als die Ärzte [vorneweg] gegangen sind, waren da in der Nähe des Doktor Capesius noch andere SS-Leute?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist schon beantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Ist schon gefragt worden.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, nach SS-Leuten ist er nicht gefragt worden. Er hat gesagt, er hat Doktor Capesius gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und er hat gesagt: An der Rampe können noch welche gewesen sein, aber in der Mitte nicht.

Was meinten Sie dazu? Ob Sie neben dem Doktor Capesius noch andere SS-Leute gesehen haben.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

[Pause] Ich glaube nicht, ich erinnere mich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie erinnern sich nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie erinnern sich nicht. Als Sie vorneweg vor der Kolonne gegangen sind, stand da der Doktor Capesius vor Ihnen, oder wo blieb er denn stehen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

[Pause] Ich kann mich nur an das erinnern, was ich gesagt habe. Ich bin zu ihm gelaufen, ich habe dort mit ihm gesprochen und bin dann zurück zu meiner Familie. Meine Frau ist weg von dort, und auch meine Tochter habe ich verloren. Und ich habe dann gehört, daß die Ärzte nach vorne gehen sollen. Und ich bin das.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist dieses »Ärzte nach vorne!« in deutsch oder in ungarisch ausgerufen worden? Können Sie sich daran erinnern?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Deutsch. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie mit Doktor Capesius in deutsch oder in ungarisch gesprochen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ungarisch. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

War derjenige, der das in deutsch ausrief: »Ärzte nach vorne!« identisch der Sprache, dem Gehör nach mit Herrn Doktor Capesius, mit dem Sie gesprochen hatten? Können Sie nicht sagen?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein, kann ich nicht sagen.

 

Verteidiger Steinacker:

Dann habe ich keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Sind von seiten der Verteidigung noch Fragen zu stellen? Sind von seiten der Angeklagten Erklärungen abzugeben, Fragen zu stellen? Nein. Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was ist aus Ihrer Nichte geworden? Auch nichts mehr von [+ ihr] gehört?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind – werden Anträge zur Beeidigung des Zeugen gestellt? Wenn nicht, dann ist der Zeuge zu beeidigen.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, das Gericht hat zwar schon früher Verletzte auch auf einen Widerspruch hin dennoch beeidigt. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß der Zeuge natürlich Verletzter ist, Geschädigter ist, und ich bitte, ihn aus diesem Grund unbeeidigt zu lassen. Auch seine unbeeidigte Aussage hat für die Wertung des Gerichts – nach meiner Auffassung – die gleiche Bedeutung wie die beeidigte Aussage. Ich bin aber der Meinung, daß man Zeugen, die hier als Verletzte oder als Geschädigte auftreten – gerade wie dieser Zeuge, der ja Familienangehörige verloren hat –, dann unbeeidigt lassen sollte.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Rechtsanwalt, zunächst: Wenn der Zeuge keine Familienangehörigen verloren hätte, wäre er ja nicht verletzt im Sinne des Gesetzes. Im übrigen steht im Gesetz drin, daß das Gericht nach Ermessen absehen kann von der Beeidigung von Verletzten oder von Angehörigen der Verletzten. Sie wissen, daß dieses Ermessen irgendwie fundiert sein muß. Das heißt, es muß irgendwo die Gefahr bestehen, daß der Zeuge mit Rücksicht auf die enge Verwandtschaft zu dem Verletzten von der Wahrheit abweicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, wenn Sie meine Ausführungen so verstehen sollten, das will ich damit unter gar keinen Umständen sagen. Das ist eine rein prozessuale Frage nach meiner Meinung und hat mit der Frage, ob der Zeuge die Wahrheit sagt oder nicht die Wahrheit sagt, überhaupt nichts zu tun. Es kann ein Zeuge, der beeidigt wird, die Unwahrheit sagen, und ein unbeeidigter Zeuge, der unbeeidigt bleibt aus bestimmten Gründen, hat die Wahrheit gesagt. Das ist überhaupt, für mich jedenfalls, kein Argument.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl.

 

Verteidiger Steinacker:

Und ich bitte auch zum Ausdruck zu bringen, das möchte ich klar erklären, daß ich diesen Antrag nicht etwa deshalb stelle, weil ich Bedenken hätte, daß der Zeuge nicht die Wahrheit sagen würde. Sondern das ist eine rein prozessuale Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Aber nach der Entscheidung des BGH ist der Zeuge in der Regel zu vereidigen, wenn die Aussage glaubhaft erscheint. So der BGH.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich beantrage ausdrücklich die Beeidigung.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich beantrage die Vereidigung. Eine Ausnahme in diesem Fall, ihn nicht zu beeidigen, setzt, wie die Rechtsprechung des BGH sagt, triftige Gründe voraus. Solche Gründe sind nicht vorhanden. Der Zeuge hat ruhig und sachlich seine Aussagen gemacht, und er sollte und er müßte beeidigt werden.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, das habe ich nicht bestritten. Ich habe das ausdrücklich betont.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Herr Präsident

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich habe noch etwas zu...

 

Vorsitzender Richter:

Sagen.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Sagen. Hier ist bei mir die Visitenkarte von Victor Capesius mit dem Glückliches-Neujahr-Wunsch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, geben Sie es mal bitte her.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Das war die letzte...

 

Vorsitzender Richter:

Der letzte Besuch in Klausenburg?

 

Zeuge Lajos Schlinger [unterbricht]:

Bei mir.

 

Vorsitzender Richter:

In Klausenburg?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

In Klausenburg.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] wann das war.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Rumänisch geschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. »La multi ani!« Herr Doktor Capesius. Bitte?

 

Angeklagter Capesius:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nur eine Visitenkarte, und dahinten steht dieses: »La multi ani!« Das heißt »Glückliches neues Jahr!«, wie uns der Zeuge hier sagt. Können Sie sich erklären, wann Sie diese Visitenkarte abgegeben haben?

 

Angeklagter Capesius:

[Pause] Hier ist nur eine Merkwürdigkeit, daß ich Rumänisch geschrieben habe. Wenn ich den Zeugen statt dem Herrn Doktor Eugen Wagner wirklich übernommen habe, dann hätte ich doch auf der Karte schon gesehen, in welcher Sprache er anzureden ist. Wir haben ja nicht eine Visitenkarte aus dem Stegreif geschrieben, sondern die sind doch hundertfach geschrieben worden für alle Teilhaber. Und deshalb dürfte diese Visitenkarte eventuell bei jemandem anderen angekommen sein, aber nicht bei einem Arzt, der Deutsch spricht. Das wundert mich.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sagten eben, die Visitenkarten sind [zu Hunderten] geschrieben worden für alle. Das heißt?

 

Angeklagter Capesius:

Ja. Aber sie sind nach der Kartei geschrieben worden, und wenn ich auch kein Bild vom Arzt habe, so steht dort genau in dem Quadrat, in welcher Sprache mit ihm zu korrespondieren ist. Und da der Arzt gut Deutsch spricht, weiß ich nicht, weshalb ich ihm rumänisch schreiben sollte. Denn das kommt ja gleich in ein adressiertes Couvert mit einer Agenda, mit einem Jahrbuch.

Wenn nämlich der Arzt, so wie ich es hier sehe, gut Deutsch spricht, dann ist mir auch nicht verständlich, weshalb Doktor Wagner ihn mir abgibt. Höchstens er hätte sehr abgelegen irgendwo die Praxis gehabt, und das wäre dem Doktor Wagner, der nun schon zehn Jahre da war, zu umständlich gewesen. Aber wenn das nicht der Fall ist und er Deutsch sprach, dann müßte er schon ein sehr scharfer Boykottler der deutschen Waren gewesen sein und mit Doktor Wagner nicht ausgekommen sein, der Reichsdeutscher war. Aber so wie der Zeuge es hier darstellt, daß er mich auf seinen Stuhl gebeten hätte, verstehe ich den ganzen Zusammenhang nicht.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ja, Herr Doktor Capesius, kennen Sie den Zeugen denn überhaupt?

 

Angeklagter Capesius:

Nein.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Bitte?

 

Angeklagter Capesius:

Ich kenne Sie nicht.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Nein. Sie waren zum letzten Mal bei mir, als Sie das bei mir geschrieben haben. Sie haben das geschrieben. Da

 

Angeklagter Capesius [unterbricht]:

Ich sage nicht, daß das nicht von mir ist

 

Zeuge Lajos Schlinger [unterbricht]:

Das letzte Mal waren Sie im Sora, da war meine...

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Wie? Habe ich nicht verstanden.

 

Vorsitzender Richter:

In Sora.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Im Gebäude Sora

 

Angeklagter Capesius [unterbricht]:

Was ist das für ein Gebäude?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Waren mein Ordinationszimmer und meine Wohnung.

 

Angeklagter Capesius:

Wo ist das bitte? Gebäude Sora ist mir kein Begriff.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Aber Sie sind von Klausenburg!

 

Angeklagter Capesius:

Nein, ich bin nicht Klausenburger.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, aber Sie lebten in Klausenburg.

 

Angeklagter Capesius:

Aber nur zwei Jahre. Und in den zwei Jahren bin ich doch durch ganz Siebenbürgen gefahren und habe die Ärzte besucht. Ich war also praktisch in Klausenburg ja sehr wenig. Weil in Klausenburg haben wir beide gewohnt, für Siebenbürgen und Banat, Doktor Wagner und ich. Und Doktor Wagner hatte vorher alle Klausenburger und hat dann mir Ende 38 etwa diejenigen Ärzte abgetreten, die entweder sprachlich nicht mitkamen mit ihm, weil er deutsch war, und er konnte noch Französisch. Außerdem hat er mir alle Rumänen abgegeben, weil ich ja rumänische Hochschule hatte und dadurch mit denen besser auskam. Und dann alle scharfen Boykottler. Denn ab 34 wurden ja die deutschen Waren boykottiert, und mit vielen Herren kam man sehr gut aus im Gespräch. Und ich als Einheimischer vielleicht besser als er.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das mag schon sein. Also zunächst einmal ist folgendes festzustellen.

 

Angeklagter Capesius [unterbricht]:

[unverständlich] von mir, aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wessen Handschrift ist das?

 

Angeklagter Capesius:

Das ist meine Handschrift.

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Handschrift. Hat er es in Ihrer Gegenwart geschrieben?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrer Gegenwart?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ebendas sage ich, ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrem Zimmer, in Ihrer Gegenwart?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für ein Gebäude, in dem Sie Ihre Praxis hatten?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

[Das] hat man Sora-Gebäude genannt.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum Sora?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Sora ist Rumänisch.

 

Angeklagter Capesius:

Schwester heißt das.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und war das ein besonders prägnantes und bekanntes Gebäude?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo lag es denn, das Gebäude?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Kossuth-Lajos-Gasse.

 

Angeklagter Capesius:

Wie hat das rumänisch geheißen? Zu meiner Zeit waren die Aufschriften noch rumänisch.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

In rumänischer Zeit, wie hat man das genannt?

 

Angeklagter Capesius:

Etwa vom Zentrum, wenn hier der Stephansdom steht

 

Zeuge Lajos Schlinger [unterbricht]:

Ja, wo der lutheranische Tempel ist, in dieser Gasse.

 

Angeklagter Capesius:

Die lutheranische Kirche kenne ich.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja.

 

Angeklagter Capesius:

Das war ja ganz zentral und war genauso nahe von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Herr Doktor Capesius, wenn Sie sagen: »Das ist meine Handschrift«, und wenn dieser Zeuge sagt, Sie haben in seiner Gegenwart in seinem Zimmer das geschrieben, dann ist es doch eigentlich ganz klar, daß Sie es gewesen sind.

 

Angeklagter Capesius:

Wenn ich eine Agenda schicke, kann ich doch nicht » La multi ani«, also »Fröhliche Weihnachtsgrüße«, in seinem Zimmer in seiner Anwesenheit schreiben. Das ist doch ein Nonsens.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Persönlich haben Sie mir diese Agenda gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Persönlich gebracht.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Persönlich, ja. Und dann haben Sie persönlich diese

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also da ist gar kein Zweifel, Herr Zeuge, daß er in Ihrer Gegenwart das geschrieben hat?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Bitte, noch einmal erwidere [+ ich]: Der Beschuldigte hat mir die Agenda geholt und geschrieben in meinem Zimmer.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrem Zimmer.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, das verstehe ich nur nicht, warum das dann in rumänisch geschrieben wird.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich werde Antwort geben darauf. Weil Rumänisch war die Staatssprache.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, aber Sie sprechen doch mit ihm deutsch.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

In ungarisch haben wir gesprochen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja warum dann nicht in ungarisch? Was ich nicht verstehe, Herr Zeuge: Ich glaube das, der Doktor Capesius sagt ja: »Es ist von mir geschrieben.« Aber warum übergibt er Ihnen dann das in Ihrer Anwesenheit in rumänisch?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Weil die Nationalität in Rumänien war so...

 

Vorsitzender Richter:

Stark.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Stark, daß man überall erstens [in rumänischer] Sprache geworben, geschrieben hat. Und nur im Falle, wenn jemand nicht verstanden hat, dann ungarisch oder...

 

Verteidiger Steinacker:

War das auch noch 1941 so?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja. Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Zeuge, dann darf ich Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, daß im Jahre 1940 ein sogenannter Schiedsvertrag zwischen Rumänien und Ungarn abgeschlossen wurde, wonach Siebenbürgen, von Rumänien abgetrennt, zu Ungarn kam.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ja, ich weiß.

 

Verteidiger Steinacker:

Bitte?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

Ich weiß das.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja hat Sie denn der Doktor Capesius nach der Abtrennung auch noch besucht?

 

Zeuge Lajos Schlinger:

[Pause] Mir scheint, ja, das war im...

 

Verteidiger Steinacker:

Jahre 41.

 

Zeuge Lajos Schlinger:

41, ja, so.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau.

 

 
 
 
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