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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

134. Verhandlungstag, 5.2.1965

 

Erneute Vernehmung der Zeugin Jenny Schaner

 

Vorsitzender Richter:

Frau Schaner, sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Schaner, wir hatten Sie ja hier schon einmal gehört. Und nun sind Sie von seiten der Verteidigung noch einmal aufgerufen worden. Und zwar wird von Ihnen erfragt, ob das Alte Krematorium dem Standesamt unterstanden habe.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Das Alte Krematorium dem Standesamt?

 

Vorsitzender Richter:

Also wer dieses Alte Krematorium zu verwalten hatte und wer dort die einzelnen Maßnahmen zu treffen hatte – Sie wissen ja, daß in diesem Alten Krematorium Leute erschossen und auch vergast worden sind – und wem dieses Krematorium unterstanden hat. Wissen Sie das?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Das Buch, an dem ich schrieb, hieß ja »Das Krematoriumbuch«, und ich trug die Toten ein nach den Meldungen, die vom Krankenbau kamen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Jawohl, das haben Sie uns schon gesagt.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Und die Erschießungen, die im Krankenbau noch stattfanden

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im Krematorium.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Im Krematorium, pardon. Und vorher die Verbrennungen, als es noch tätig war, die bekam ich auch zum Einschreiben. Und sie waren meistens mit unserer Abteilung verbunden. Aber ob sie der so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Militärisch unterstand, also ob die denen was zu sagen gehabt haben, das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wann die Vergasungen im Alten Krematorium aufgehört haben, von wann ab dort keine Vergasungen mehr vorgenommen wurden?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Also soviel ich mich erinnern kann, ist das Alte Krematorium 1943 stillgelegt worden.

 

Vorsitzender Richter:

1943. Können Sie sich noch erinnern, ob es im Frühling, im Sommer oder im Herbst war?

 

Zeugin Jenny Schaner:

[Pause] Ich könnte nicht so sicher das mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

So sicher können Sie es nicht sagen.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also ich nehme an, daß das wohl im Zusammenhang stand mit der Eröffnung der neuen Krematorien in

 

Zeugin Jenny Schaner [unterbricht]:

Pardon, es wird wahrscheinlich schon im Frühjahr gewesen sein. Nein. Oder im Sommer. Weil ich mich erinnern kann an sehr viele Erschießungen nachher. Die Leute, die aus den Gefängnissen kamen, das sind teilweise kleine Grüppchen gewesen, die eingeliefert wurden von der Gestapo und bei uns auf dem Hofe standen und die im Krematorium dann erschossen wurden. Das weiß ich. Dann waren ja damals keine Vergasungen mehr. Dann muß es ja schon...

 

Vorsitzender Richter:

Also nach Ihrer Erinnerung ist es etwa im Sommer 1943 gewesen, ja? So ungefähr.

 

Zeugin Jenny Schaner:

So ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Ihrer Meinung.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sprachen eben von Erschießungen. Wissen Sie, wer diese Erschießungen durchgeführt hat?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Ich sah die Herren hineingehen und hinausgehen. Direkt dabei war ja eigentlich niemand von uns.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wer da hineinging und wer herausging?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Walter Quakernack, Bernhard Kristan, Schoberth später, als Quakernack schon nicht mehr in der Abteilung war. Also von diesen dreien kann ich es mit Sicherheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie damals auch den Angeklagten Stark gekannt?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Ich müßte das Gesicht sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Da ist er. [Pause] Er war damals ein junger Mann von 20, 21 Jahren.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Ich kenne das Gesicht. Aber ich kann nicht sagen, wenn Sie mich fragen wollen, ob ich ihn ins Krematorium habe gehen sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dann: Können Sie sich entsinnen, ob dieser Quakernack – der war ja Ihr Chef –, ab und zu einen blauen Monteuranzug trug?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Während der Zeit, in der er unser Chef war, habe ich es nie gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie es zu einer anderen Zeit mal gesehen?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein, eigentlich entschwand Quakernack vollständig unserem... Ich habe ihn eigentlich, nachdem er aus dem Standesamt schied, nie mehr gesehen. Ich hörte nur, daß er eine Verletzung davontrug bei einem Transport aus Oberschlesien, ich glaube aus Bendsburg, und daß er damals auf der Rampe stand. Ob er damals getötet wurde oder einen Beinschuß nur bekommen hat – man sprach von beidem.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer soll denn die Schüsse abgegeben haben? Wer soll denn das gewesen sein?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Die Leute, die gekommen sind. Sie wußten, was ihnen bevorstand. Ich glaube, es waren die letzten Leute, es war die Kultusgemeinde, und es waren Zahnärzte und Ärzte, die bis dahin noch bevorzugt gewesen waren. Die haben wohl gewußt, was ihnen bevorstand, und sie haben scheinbar Waffen mitgebracht. Und sie haben das Feuer eröffnet, aber dann wurden sie sofort mit Mitrailleurs niedergemäht.

Denn neben uns war damals eine Holzbaracke. Und da kamen gleichzeitig hoch aufgeladene Waggons mit den ganzen Ordinationen, den Arzneien und sehr viel schönen Sachen, zum Beispiel waren auch Kleidungsstücke dabei. Das war dann die Sache, die dann die Untersuchung nach sich zog, die von Deutschland aus kam, weil die SS-Leute sehr viel herausorganisiert haben und die es dann in der Nacht in Brand gesteckt haben. An einem Morgen lag alles in Schutt und Asche, wie die Untersuchung eingeleitet worden war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind noch Fragen an die Zeugin zu stellen? Von seiten des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Wiese:

Nur zur Klarstellung. Frau Zeugin, das Hinein- und Hinausgehen von Quakernack, Kristan und Schoberth, bezieht sich das auf die Zeit, als keine Vergasungen mehr waren? Oder welchen Zeitraum meinen Sie damit?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Die Zeit, als das Krematorium schon stillgelegt war und keine Verbrennungen waren.

 

Staatsanwalt Wiese:

Hatten diese drei Personen ein Gewehr dabei?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Pardon?

 

Staatsanwalt Wiese:

Ob die drei Personen, die Sie genannt haben, Quakernack, Kristan und Schoberth, ein Gewehr dabeihatten, als sie ins Alte Krematorium gingen?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Ja, sicherlich.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Schaner, haben Sie den Angeklagten Schoberth oft mit einem Gewehr ins Alte Krematorium gehen sehen?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Einige Male.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Können Sie sich noch erinnern, ob Schoberth damals als einziger SS-Mann hineinging ins Alte Krematorium? Ich will so fragen: Haben Sie bei den Fällen, in denen Sie Schoberth haben hineingehen sehen, zu gleicher Zeit auch noch einen anderen SS-Mann mit einem Gewehr hineingehen sehen?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Einige Male mit Kristan zusammen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und haben Sie ihn auch einige Male alleine gehen sehen?

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Raabe, soviel ich weiß, sind Sie gegen Schoberth nicht zugelassen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Richtig. Nur wäre es vielleicht zur Gesamtsituation auch interessant. Aber ich kann gerne die Frage zurückstellen.

Vielleicht könnten Sie die Frage übernehmen? Ich will Ihnen da keineswegs...

 

Vorsitzender Richter:

Die Zeugin hat ja schon über Schoberth gesprochen. Die Zeugin hat gesagt, daß Schoberth wiederholt an Erschießungen teilgenommen habe, zusammen mit dem Rottenführer Kristan, und daß er nach solchen Erschießungen meistens in sehr auffälligem Zustand mit blutunterlaufenen Augen, offenem Hemd und recht echauffiert zurückgekommen sei. Man habe direkt Angst vor ihm haben müssen.

Und sie hätte ihn selbst in Richtung Krematorium gehen sehen. Sie hat auch damals gesehen, daß vorher ein Trupp Leute ins Krematorium gegangen sei und daß diese Leute meistens von der Gestapo eingeliefert gewesen seien.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Frau Schaner, dann habe ich eine letzte Frage, die einen anderen Komplex betrifft. Sie sagten, daß etwa im Sommer 43 das Alte Krematorium stillgelegt wurde. Ist

 

Zeugin Jenny Schaner [unterbricht]:

Entschuldigung. Ich muß ehrlich sagen, ich weiß, es war im Jahre 1943. Aber ich zweifle über den Termin, in welchem Monat. Ich kann das nicht mehr genau sagen.

Ich habe es mal in meinem Tatsachenbericht1 geschrieben. Da war mein Gedächtnis noch ganz frisch. Das habe ich noch 1946 geschrieben. Da werden Sie es bestimmt finden, da steht es drin.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, meine Frage zielt jetzt auf etwas anderes. Ist Ihnen damals bekannt geworden, ob seinerzeit auch die Anlagen etwa in irgendeiner Weise abgebaut oder demoliert wurden, daß technisch überhaupt keine Vergasungen und auch Verbrennungen hätten mehr durchgeführt werden können? Oder war es lediglich so, daß sie rein nicht mehr durchgeführt wurden?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Das Krematorium ist lediglich stillgelegt worden. Ich sah selber noch die Öfen, ich war drin. Und es war alles in Kontakt. Auch der Raum, in dem vorher wahrscheinlich die Vergasungen stattgefunden haben, auch der war in Kontakt. Es ist nichts

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nichts geändert worden.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, wenn Sie in dem Auschwitz-Heft nachsehen, und zwar Nummer 4, da steht auf Seite 110, daß am 28.6.43 die Leistungskapazität des Alten Krematoriums auf 340 Leichen pro Tag geschätzt wird oder angegeben wird.2 Woraus ich entnehme, daß am 28.6.43 dieses Krematorium noch zur Verbrennung von Leichen benutzt worden ist.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Vorsitzender, meine Frage zielte nur darauf, ob es technisch nach dem Zeitpunkt, den uns die Zeugin berichtete, noch möglich gewesen wäre, etwa in Einzelfällen – wie uns ja von einigen Zeugen berichtet wurde – doch noch einmal die Sache in Bewegung zu setzen. Deshalb wollte ich nur wissen, ob sie etwas davon erfahren hat, daß es etwa technisch demoliert oder zerstört wurde. Das wollte ich nur wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da ist noch eine Frage von dem Herrn Amtsgerichtsrat Hotz.

 

Richter Hotz:

Frau Schaner, habe Sie mal etwas darüber gehört, daß die Einfüllstutzen – Sie wissen, was ich meine: die Einfüllstutzen, durch die das Zyklon B eingeschüttet worden ist – im Alten Krematorium zu irgendeiner Zeit zugemauert worden seien?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Weiß ich nichts davon.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie nicht.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang einen Vorhalt machen. Die Angeklagten haben sich zum Teil dahin eingelassen, daß die Schornsteine des Alten Krematoriums sogar gesprengt worden sind, als es stillgelegt wurde. Wissen Sie davon nichts?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich kann mich auch auf solche Aussagen nicht erinnern, Herr Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Wissen Sie nichts davon?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Vielleicht kann der Angeklagte Broad dazu was sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie was dazu sagen?

 

Angeklagter Broad:

Ja, ich weiß, daß der Schornstein gesprengt worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Wann?

 

Angeklagter Broad:

Herbst 43, so habe ich es in Erinnerung. Den Vorgang habe ich noch gut in Erinnerung, weil mich das technisch interessierte. Der durfte nur in einer bestimmten Richtung fallen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, die Zeugin meint ja auch, daß ab Herbst 43 das Krematorium nicht mehr in Betrieb gewesen sei.

 

Zeugin Jenny Schaner:

Tätig war.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich habe noch eine andere Frage. Frau Zeugin, Sie haben auf die Frage des Herrn Vorsitzenden verneint, daß Sie Ihren damaligen Chef, den Herrn Quakernack, in einem blauen Monteuranzug oder überhaupt in einer blauen Jacke gesehen haben. Gilt das auch für Kristan?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Den habe ich auch nie gesehen in einem blauen Monteuranzug.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie nicht gesehen?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten der Verteidigung noch Fragen zu stellen, von seiten der Angeklagten Erklärungen abzugeben oder Fragen zu stellen? Wenn nein, Frau Zeugin, sind Sie bereit, das, was Sie gesagt haben, unter Bezugnahme auf den von Ihnen bereits geleisteten Eid als wahr zu versichern?

 

Zeugin Jenny Schaner:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Also nehmen Sie das bitte ins Protokoll auf.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. Jenny Spritzer: Ich war Nr. 10291. Tatsachenbericht einer Schreiberin der politischen Abteilung aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Zürich: Verlag Jack Schumacher, o.J. (1946), 157 S.

2. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 533.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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