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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

113. Verhandlungstag, 19.11.1964

 

Vernehmung der Zeugin Ella Salomon

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein] Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts? [...]

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie sind ebenfalls in Auschwitz gewesen. Und wann sind Sie dorthin gekommen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Wir sind Ende Mai angekommen, Mutter sagte am ersten Tag: »Es ist mein Geburtstag.« 30., 31. Mai könnte es gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Es könnte vielleicht auch am 29. schon gewesen sein?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar kamen Sie damals woher?

 

Zeugin Ella Salomon:

Wir kamen in Birkenau an, hat man uns dann später gesagt, wir kamen an der Rampe an.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie hergekommen? Wo sind Sie

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Wir waren aus Tîrgu Mures aus dem Ghetto gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Aus dem Ghetto bei Odorhei?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, bei Odorhei, etwa 50 Kilometer entfernt.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind in einem Eisenbahntransport dorthin gebracht worden?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, in einem Waggon.

 

Vorsitzender Richter:

In einem Waggon. Und haben Sie eine Vorstellung, wie viele Menschen ungefähr in diesem ganzen Zug gewesen sein können? [...]

 

Zeugin Ella Salomon:

In dem ganzen Transport? [+ Das] kann ich nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Das können Sie nicht sagen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nein. In meinem Waggon waren wir etwa 80 Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Und können Sie uns sagen, wer noch von Ihren Bekannten damals in diesem Transport mitgekommen ist?

 

Zeugin Ella Salomon:

Auf meinem Schoß saßen zwei Tage und die drei Nächte hindurch die Zwillinge vom Doktor Berner, mit dem ich schon in Tîrgu Mures bekannt war. Meine Mutter und er haben als Ärzte schon dort Gutes tun wollen und haben Milch unter die Leute verteilt. Und ich habe immer Kinder so gern gehabt und wollte sie in Obhut nehmen, und es gab eine Ritze im Waggon vor mir. Und ich wollte, sie sollten zu Luft kommen. Und ich wollte ihnen diese Reise erleichtern und habe ihnen immer erzählt. Sie haben mich gefragt, wohin wir gehen. Ich habe gesagt: »Arbeiten gehen wir vielleicht, und es wird gut sein.« Ich habe ihnen Märchen erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, es würde uns jetzt sehr interessieren, haben Sie in [...] Odorhei, bevor sie verhaftet worden sind, den Doktor Victor Capesius gekannt?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe ihn gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Erzählen Sie uns, wieso Sie ihn gekannt haben.

 

Zeugin Ella Salomon:

Mein Vater hat mich in sein Ordinationszimmer hereingerufen. Er hat gesagt: »Ein Apotheker- Onkel ist dort, und er will dir etwas schenken.« Er hat mir Löschpapier gegeben, er hat mir eine Notiz gegeben mit Bayer-Präparaten. Ich habe mich in der Schule meinen Kolleginnen gegenüber damit gerühmt.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, wie alt waren Sie damals?

 

Zeugin Ella Salomon:

Eine Gymnasiastin war ich da.

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt ungefähr?

 

Zeugin Ella Salomon:

Zwölf, 13 Jahre alt.

 

Vorsitzender Richter:

Zwölf, 13 Jahre.

 

Zeugin Ella Salomon:

So was.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie ihn gesehen und auch mit ihm gesprochen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, freilich, er war lieb zu mir.

 

Vorsitzender Richter:

Er war lieb zu Ihnen. Nun, Frau Zeugin, wann haben Sie den Doktor Capesius dann wiedergesehen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe ihn dann wieder in Auschwitz gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Vorher nicht?

 

Zeugin Ella Salomon:

In Schäßburg habe ich ihn noch gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn noch gesehen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, selten. Ich habe ihn einmal in der Schwimmschule gesehen. Ich habe auch eine Fotografie von ihm. Wir sitzen dort zusammen mit der Frau Dekany, mit meinem Onkel, Doktor Mendel und ich, eine Kleine, wir sind dort zusammen. Ich habe die Fotografie nicht hier, ich habe sie zu Hause, wenn es Sie interessiert.1

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie ihn wieder in Auschwitz gesehen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Bei der Rampe habe ich ihn erblickt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wollen Sie uns mal den Vorgang schildern, wie Sie angekommen sind, wie Sie aussteigen mußten. Wer hat Sie aufgefordert auszusteigen? Und was mußten Sie dann tun? Wollen Sie uns das mal bitte schildern?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja. Unbekannte, grobe Stimmen haben uns aufgefordert: »Raus! Raus! In der Reihe stehen!« Und jemand, ich kenne ihn nicht, hat uns gesagt: »Wenn Sie vielleicht müde sind, steigen Sie ins Auto ein, denn dort führen wir Sie in Schonungsblöcke, dort werden Sie dann Ruhe haben.« Ich war furchtbar müde. Die Mädelchen haben mich zusammengedrückt. Und seelisch war ich auch sehr ermüdet, denn ich wollte ihnen Mut zusprechen. Ich wollte mit dem Auto fahren. Die Mutter, die war immer für Gymnastik, Luft und Gesundheit und Sport und sagte: »Du darfst nicht, komm zu Fuß.« Dann bin ich zu Fuß gegangen. Ich habe dort gestritten mit der Mutter.

Doktor Mengele ist auch aufmerksam darauf geworden und hat die Mutter gefragt, wie alt sie wäre. Wir haben aber im Waggon darüber gesprochen. Und Mutter hat gedacht, wenn wir vielleicht unser Alter annähern und unseren Generationsunterschied nicht sichtbar machen, unser wahres Alter nicht sagen, dann werden wir vielleicht zu derselben Arbeit eingeteilt. So sagte Mutter weniger, sie hat ein paar Jahre verleugnet. Dann hat der Mengele gesagt: »Dann lauf mit, lauf mit!« Und dann sind wir zusammen ins Arbeitslager – wir dachten, es wäre ein Arbeitslager – hineingegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist denn aus den Kindern von dem Doktor Berner geworden?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe die Kinder nie mehr gesehen. Doktor Berner hat uns eines Tages von dem Männerlager erblickt und hat uns das gezeigt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] War die Frau von dem Doktor Berner auch bei diesem Transport?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie war auch bei demselben Transport.

 

Vorsitzender Richter:

Die ist auch mitgegangen mit den Kindern?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nie mehr haben wir sie gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nie mehr haben Sie sie gesehen.

 

Zeugin Ella Salomon:

Und Berner hat uns schon ein paarmal geschrieben seitdem. Er ist seitdem nicht aus Rumänien gekommen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, man hat Sie also aufgefordert, in der Reihe zu stehen, sagten Sie. Hat man auch gesagt, daß Frauen und Kinder auf die eine Seite und die Männer auf die andere Seite gehen sollen?

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Ja, das auch, das auch. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und nun haben Sie gesagt, Sie haben den Doktor Capesius auf der Rampe gesehen. Wollen Sie uns doch bitte mal erzählen, was er dort getan hat.

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe ihn nicht tätig dort gesehen. Er stand an der Seite mit zwei Offizieren, über die ich später erfuhr, daß der eine unser Hauptarzt Doktor Mengele sei und der andere Doktor Klein aus Brasov, das heißt Kronstadt.

 

Vorsitzender Richter:

Kronstadt.

 

Zeugin Ella Salomon:

Mit diesen beiden stand er da, näherte sich nicht der Rampe, als ich angekommen bin.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Sie denn nun eingeteilt, wer dorthin gehen muß

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Doktor Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Mengele. Sie nannten eben noch den Namen des Doktor Klein. Hatte der Doktor Klein eine gewisse Ähnlichkeit mit Doktor Capesius?

 

Zeugin Ella Salomon:

Überhaupt keine.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Zeugin Ella Salomon:

Kleiner Mann, kleiner Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Kleiner als Doktor Capesius?

 

Zeugin Ella Salomon:

Viel kleiner.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das Gesicht?

 

Zeugin Ella Salomon:

Schmales Gesicht, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Schmales Gesicht, ja?

 

Zeugin Ella Salomon:

Kann mich gut an ihn noch [+ erinnern]. Ich würde ihn vielleicht erkennen, wenn er noch am Leben wäre.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, nachdem nun der Doktor Mengele zu Ihnen gesagt hat, Sie sollten mitlaufen, sind Sie auch ins Lager gekommen und sind dort dieser Prozedur unterworfen worden, Entkleiden und die Haare abscheren. Und Sie sind dann wohin gekommen, nachdem das beendet war?

 

Zeugin Ella Salomon:

In einen Block sind wir gekommen, in den 27. Block.

 

Vorsitzender Richter:

27. Block. Wissen Sie, ob das in Birkenau oder in dem Lager Auschwitz I, also im Stammlager, war?

 

Zeugin Ella Salomon:

In Birkenau war das.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau. Und wissen Sie noch, in welchem Lager es in Birkenau gewesen ist, wo Sie im 27. Block waren?

 

Zeugin Ella Salomon:

Wie das hieß, weiß ich überhaupt nicht. Frauenlager Birkenau, 27. Block.2

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Frauenlager. Haben Sie dort dann den Doktor Capesius noch einmal wiedergesehen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, ich habe ihn noch einmal wiedergesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wollen Sie uns schildern, bei welcher Gelegenheit das war?

 

Zeugin Ella Salomon:

Das war bei einem Appell. Bei einem Appell habe ich ihn noch mit Doktor Klein gesehen und mit dem Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein normaler Appell, oder hatte dieser Appell eine Besonderheit?

 

Zeugin Ella Salomon:

Das war ein normaler Appell, dann habe ich ihn erblickt, ein Zählappell. aber später hat mir dann Mutter gesagt, daß man »Ärztinnen antreten!« gerufen hat. Dann bin ich allein geblieben, dachte, ich sehe die Mutter nicht mehr wieder. Dann ist sie zurück in den Block gekommen und hat mir erzählt, sie habe eine Einteilung bekommen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Eine Einteilung bekommen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Als Blockärztin wird sie arbeiten, hat sie mir gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Als Blockärztin. Waren Sie damals noch keine Ärztin?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich bin keine Ärztin, Sprachprofessorin bin ich.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ach so, entschuldigen Sie.

 

Zeugin Ella Salomon:

Meine Mutter, sagte ich, hat mir erzählt, daß sie eine Einteilung bekommen hat, daß sie als Blockärztin tätig wird.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz recht. Frau Zeugin, die Mutter hat also diese Einteilung bekommen. Und haben Sie auch später einmal eine andere Einteilung bekommen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, ich habe auch eine Einteilung bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, was war das?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich war Stubendienst geworden in einer Häftlingsapotheke, lange nach der Ankunft.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange ungefähr war das?

 

Zeugin Ella Salomon:

Es war Ende Herbst, November kann es gewesen sein. Ich kann mich nicht genau erinnern. Es war lange nach der Ankunft.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wieso Sie dazu gekommen sind und wer das veranlaßt hat?

 

Zeugin Ella Salomon:

Der Apotheker Capesius hat es der Mutter versprochen. Er würde eine Häftlingsapotheke einrichten. »Dorthin werde ich Ihre Tochter einteilen«, hat er der Mutter gesagt. So geschah es.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch eine Magda Szabo gekannt?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, freilich.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatte die denn für eine Funktion?

 

Zeugin Ella Salomon:

Die war in der Küche. Sie hat uns einmal Kartoffeln von der Küche gebracht. Ich habe sie aber nur einmal im Lager gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War die auch aus Ihrem Heimatort?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie war aus Odorhei [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Aus Odorhei.

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, aber nicht mit demselben Transport. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Hat Sie Ihnen einmal etwas erzählt, die Magda Szabo, daß sie irgendwelche sogenannten Sportübungen hat machen müssen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie hat mir gesagt, sie hat eine Strafgymnastik machen müssen, weil ein Stück Margarine aus der Küche gefehlt hat. Sie hat sich beklagt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat sie in diesem Zusammenhang auch erzählt, wer das angeordnet hat und wer das befohlen hat?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie hat mir gesagt, das wäre ein SS-Mann gewesen, der hat gesagt: »Ich bin Capesius aus Siebenbürgen, in mir werdet ihr den Teufel kennenlernen.«

 

Vorsitzender Richter:

Und wann hat sie Ihnen das erzählt, Frau Zeugin?

 

Zeugin Ella Salomon:

Als sie mir die Kartoffeln gebracht hat. Ich weiß nicht, welcher Monat das gewesen sein könnte, denn sie ist mit einem Arbeitstransport weggekommen vom Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Aber jedenfalls war es in Birkenau?

 

Zeugin Ella Salomon:

Dort war es.

 

Vorsitzender Richter:

Dort war es, als Sie Ihnen das erzählt hat.

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Dort war es, wo Sie es mir erzählt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sie erzählt hat, der SS-Mann, der diese »Gymnastik« zur Strafe angeordnet hat, hat von sich gesagt: »Ich bin Doktor Capesius aus Siebenbürgen, und«

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

»Ihr werdet den Teufel jetzt kennenlernen.«

 

Vorsitzender Richter:

»Ihr werdet den Teufel jetzt kennenlernen.« Von wem sind Sie denn nun für die Apotheke ausgesucht worden? Von Doktor Capesius?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nein. Ein SS-Mann hat mich dorthin herein... Ich kann mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War es vielleicht Doktor Klein?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nicht er war das. Doktor Klein hat die Mutter gesucht. Aber wie ich in die Apotheke hereingekommen bin als Stubendienst, weiß ich nicht. Wer mich gefördert hat, wer mich hineingetan hat, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wurden Sie damals von Doktor Mengele untersucht?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nein, von Doktor Mengele wurde ich untersucht, als ich in seinen polnischen Block hineingeschickt wurde, später. [...] Dort habe ich dann keine von meinen Leuten, Rumänen, Ungarn, [+ getroffen], das waren mir ganz Fremde, da sind wir mit der Mutter hinübergeschickt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Warum mußten Sie in den polnischen Block gehen? Hatten Sie dort eine besondere Funktion?

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Ich wollte nicht gehen, man hat mich gerufen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und warum? Mußten Sie dort was Besonderes verrichten? Hatten Sie ein

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Ja, ich habe dort verschiedenes verrichtet. Ich habe dort Leichen getragen, und ich habe Klosett...

 

Vorsitzender Richter:

Gesäubert.

 

Zeugin Ella Salomon:

Gruben ausgeleert. Ist das verständlich?

 

Vorsitzender Richter:

Und dazu sind Sie vorher von Doktor Mengele untersucht worden?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, wir standen mit anderen zwei Frauen noch, Mutter, ich und noch [+ zwei].

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Mutter kam damals zur chirurgischen Abteilung oder irgendwohin?

 

Zeugin Ella Salomon:

Die Mutter, die arbeitete dort, sie bandagierte.

 

Vorsitzender Richter:

Bandagierte, Verband

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Sie hat einer polnischen Ärztin geholfen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Und Sie blieben dort im Lager bis wann?

 

Zeugin Ella Salomon:

Bis zum 18. Januar, bis zur Liquidierung des Lagers.

 

Vorsitzender Richter:

Und kamen dann in welche Lager?

 

Zeugin Ella Salomon:

Kamen dann nach Ravensbrück, nach Malchow, nach Taucha, dann wurde ich von der Mutter getrennt. In die Nähe von Leipzig. Noch in drei Städte kamen wir nach der Liquidierung des Lagers Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Kannten Sie eine Edith Tacacs?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, ich kenne sie.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war die her?

 

Zeugin Ella Salomon:

Jetzt wohnt sie in Tîrgu Mures. Ich weiß nicht, von wo sie kam. Ich kenne sie gut, sie ist auch irgendwie verwandt mit meinem Mann, die Edith Tacacs.

 

Vorsitzender Richter:

Hat die Frau Ihnen etwas erzählt?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, sie hat mir erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar was?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie hat mir von einem SS-Mann erzählt, der nach ihrer Schilderung ganz mit Doktor Capesius identisch sein muß, und der [ihren] Buben neben ihr bei der Rampe weggerissen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Frau Tacacs hat den Doktor Capesius nicht persönlich gekannt?

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Vorher nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nicht gekannt. Sie hat Ihnen nur eine Beschreibung geliefert.

 

Zeugin Ella Salomon:

Nur eine Beschreibung gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Und aus dieser Beschreibung haben Sie gefolgert, daß es der Doktor Capesius gewesen ist?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal erlebt, daß eine Frau sich versteckt hatte und zum Appell nicht antreten wollte?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, vor dem Appellstehen gab es Blockdurchsuchungen. Die SS-Leute kamen dann herein, suchten im Stroh, wo die Frauen immer probiert haben sich zu verstecken, die Schwangeren oder die an der Haut eine Wunde hatten. Sie wußten Bescheid, daß sie vom Zählappell ins Gas geführt worden wären. Und an einem Vormittag, an einem Morgen vor dem Zählappell, ist dieser SS-Mann Doktor Capesius dagewesen. Er stand neben mir, ganz nahe, mit einem langen Stock, suchte im Stroh und fand eine Frau, so eine Schwangere.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie waren? War das noch im Block

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Im 27. Block.

 

Vorsitzender Richter:

27. Block.

 

Zeugin Ella Salomon:

Nur ich bin irgendwie so bei der Seite geblieben. Überall habe ich mich geeilt, mit der Mutter zusammen herauszugehen. Und jetzt war ich etwas dortgeblieben und habe ihn tätig bei der Sache gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er mit dem Stock gekommen ist und hat in dem Stroh gesucht.

 

Zeugin Ella Salomon:

Gesucht und eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und hat eine Frau gefunden.

 

Zeugin Ella Salomon:

Gefunden und herausgejagt mit dem Stock. Zum Zählappell.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah mit dieser Frau?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe sie nie mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wurde denn bei diesem Appell selektiert?

 

Zeugin Ella Salomon:

Bei jedem Appell wurden die Schwachen selektiert. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat es bei diesem Appell getan?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Ich habe ihn nur suchen sehen, herausjagen mit dem Stock. Später habe ich die Frau dann nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gar keine Zweifel, daß das Doktor Capesius war?

 

Zeugin Ella Salomon:

Gar keine.

 

Vorsitzender Richter:

Denn es ist für uns zunächst folgende Frage: Doktor Capesius war doch Apotheker. Und er hatte ja an und für sich seine Aufgabe in der Apotheke zu erfüllen. Wir können uns vorläufig noch keine Vorstellung darüber machen, was er denn dort auf dem 27. Block zu tun hatte.

 

Zeugin Ella Salomon:

Er ist hereingekommen, hin, hat die Frau vom Stroh herausgesucht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da können Sie sich in der Person nicht irren, daß das vielleicht der Doktor Klein gewesen ist oder

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Aber Klein hatte dem Capesius nicht geähnelt, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es ist gar kein Zweifel, daß es der Doktor Capesius

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Gar kein Zweifel.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr.

 

Richter Perseke:

Sie sagten vorhin, daß Doktor Capesius einmal mit dem Doktor Klein und dem Doktor Mengele zusammen zu einem normalen Zählappell gekommen sei. Können Sie uns sagen, was Doktor Capesius bei diesem Zählappell gemacht hat?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nichts hat er gemacht, er ist mit dem Stab gekommen, drei habe ich wieder erblickt. Er hat nichts gemacht.

 

Richter Perseke:

Er hat also nur dabeigestanden?

 

Zeugin Ella Salomon:

Er ist dabeigestanden, auch die andern zwei sind nur dabeigestanden.

 

Richter Perseke:

Und hat Ihnen diese Magda Szabo, als sie Ihnen berichtet hat, daß Doktor Capesius mit ihr Strafgymnastik gemacht hat, auch noch nähere Einzelheiten geschildert, wie diese Strafgymnastik ausgesehen hat?

 

Zeugin Ella Salomon:

Das hat sie mir nur zu Hause erzählt.

 

Richter Perseke:

Zu Hause in der Heimat nach

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

In der Heimat nach der Befreiung.

 

Richter Perseke:

Im Lager hat sie es noch nicht erzählt?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie hat nur sehr, wie sagt man das, — panaszkodott — geklagt. Beklagt hat sie sich

 

Richter Perseke:

Sie hat sich beklagt.

 

Zeugin Ella Salomon:

Was für ein schreckliches Erlebnis sie durchleben mußte.

 

Richter Perseke:

Und was hat sie Ihnen in der Heimat darüber erzählt?

 

Zeugin Ella Salomon:

Dann hat sie mir schon Einzelheiten erzählt.

 

Richter Perseke:

Können Sie uns das mal mitteilen, was sie Ihnen da erzählt hat?

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie haben ein paar schwere Steine [tragen] müssen, die Steine immer herauf- und herumheben und dabei laufen, eine nach der anderen laufen mußten sie, so daß eine auf die andere getreten ist. Sie ist gefallen, es hat sehr weh getan. Wieder: »Weiter, weiter!« Die Steine herauf und herunter.

 

Richter Perseke:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Frau Zeugin, Ihre Häftlingsnummer hätte ich gern gewußt.

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich kann sie nicht auswendig. 25.383.

 

Vorsitzender Richter:

A? [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön. Ohne A.

 

Zeugin Ella Salomon:

Mit A, mit A. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Können Sie sich erinnern, wann Sie den Doktor Capesius in der Schwimmschule gesehen haben? In welchem Jahr das war?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nach der Szene in dem Ordinationszimmer meines Vaters, wissen Sie, nachher.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, sicher, das nahm ich auch an. In welchem Jahr?

 

Zeugin Ella Salomon:

Aber lange bevor wir in Auschwitz angekommen sind.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wann wird es ungefähr gewesen sein?

 

Zeugin Ella Salomon:

35, 36, vor 40.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also vor 40?

 

Zeugin Ella Salomon:

Vor 40.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie meinen, so 35?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nehmen Sie nur: ungefähr vor 40.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ungefähr, ja. Und das Bild, was Sie zu Hause noch haben, ist das aus der Schwimmschule oder von

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Ist aus der Schwimmschule, das Bild ist bei mir zu Hause.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie alt waren Sie da drauf ungefähr?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das können wir ja ausrechnen, wie alt Sie ungefähr waren.

 

Zeugin Ella Salomon:

Zwölf, 13 Jahre alt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das sagten Sie [unverständlich]

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

1923. Ja, das ist dann 32, wenn ich 13 Jahre alt war, dann

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Auf dem Bild in der Schwimmschule, älter waren Sie da noch nicht?

 

Zeugin Ella Salomon:

Älter als?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Als 13 [unverständlich]

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Nein, nein, ich war nicht älter. Und ich bin 20 geboren. Also so stimmt das, vor 40.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann noch eine weitere Frage: Sie sagten, es hätte eine ganze Weile gedauert, bis Sie dann Reinigerin in der Apotheke geworden wären.

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, eine ganze Weile.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Was haben Sie nun in der Zwischenzeit gearbeitet? Stubendienst hieß das ja damals.

 

Zeugin Ella Salomon:

Dort in der Apotheke? In der Zwischenzeit?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was haben Sie denn da gearbeitet?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nichts habe ich gearbeitet.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da waren Sie so im Lager?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe Zählappell gestanden jeden Tag, wieder zurück in den Block bin ich gegangen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber zur Arbeit gingen Sie da nicht, in der Zeit?

 

Zeugin Ella Salomon:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Zeugin Ella Salomon:

Überhaupt nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Als Sie uns schilderten, Frau Zeugin, daß Sie zur Häftlingsapotheke kamen, da gebrauchten Sie die Wendung: »Wer mich gefördert hat, weiß ich nicht.« Nun weiß ich nicht, ob Sie sich der Bedeutung des Wortes »gefördert« ganz sicher sind.

 

Zeugin Ella Salomon:

Bestimmt nicht, denn ich [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Das hat also den Sinn, daß einem etwas Gutes geschieht. Ist es denn für Sie eine Erleichterung gewesen, als Sie in die Häftlingsapotheke kamen? Hatten Sie es besser dort?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, in der Häftlingsapotheke bin ich nicht mehr Zählappell gestanden, habe aber folgendes gearbeitet: Ich habe den Fußboden von der Apotheke aufgewischt. Ich habe weiße Kittel ohne Waschmittel zwischen den zwei Blocks auf der Lagerstraße gewaschen, und ich habe um die Reinlichkeit auch des Personals mich gekümmert. Ich war verantwortlich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun würde ich gerne von Ihnen noch wissen, in dem Waggon, in dem Sie nach Auschwitz fuhren, sagten Sie, waren ungefähr 75 bis 80 Personen.

 

Zeugin Ella Salomon:

Bis 80.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich daran erinnern, ob die Menschen das so ausgestanden haben oder ob da etwas Besonderes passiert ist auf dieser Fahrt? [...]

 

Zeugin Ella Salomon:

Dort ist manches schon passiert.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist es richtig, daß – wie Sie einmal vor dem Untersuchungsrichter3 aussagten – auf dieser Fahrt zwei Frauen irrsinnig geworden sind?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja, sie sind. Man hat Urin getrunken, zwei Frauen sind irrsinnig geworden, gestorben sind dann beide. Und beim Ausladen unseres Waggons fielen sie auf den Boden dort bei der Rampe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie während der Fahrt Wasser oder Verpflegung bekommen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Die Kinder haben Wasser bekommen. Ich habe auch den kleinen Zwillingen Wasser geben können. Wir haben nicht getrunken, ich habe nicht getrunken.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie versucht haben, Wasser zu bekommen? Haben Sie dafür etwas hergegeben?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ach, alles hätten diese [+ Leute dafür gegeben]. Nicht Geld, die goldenen Zähne haben sich diese Menschen im Waggon herausgezogen, damit sie Wasser kriegen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wem haben sie das zu geben versucht?

 

Zeugin Ella Salomon:

Einem Soldaten, der auf uns aufgepaßt hat.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, eine Frage: Sie haben vorhin erklärt, Sie seien in der Apotheke Stubendienst geworden. In welcher Zeit haben Sie denn dann die Leichentransporte zu machen gehabt?

 

Zeugin Ella Salomon:

Im polnischen Lager.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und wie lange mußten Sie das ungefähr machen? [...]

 

Zeugin Ella Salomon:

Nicht sehr lange, nicht lange. Eine Woche, zehn Tage, weil es nur noch ganz wenig Zeit bis zur Liquidierung des Lagers war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren das nur Frauenleichen oder auch Männer.

 

Zeugin Ella Salomon:

Nur Männerleichen waren es. Ich kann mich so erinnern, es waren nur Männerleichen. Ich habe sie mit einer Tschechoslowakin getragen, einer Lehrerin, ich den Kopf, sie die Füße.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, ich habe nur noch eine Frage: Was ist Ihr Beruf? Sie sagten, Professorin, Sie

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Sprachprofessorin, ich unterrichte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

An einer Schule?

 

Zeugin Ella Salomon:

An einer Schule.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut, vielen Dank. Keine Frage.

 

Verteidiger Laternser:

Frau Zeugin, an was für einer Schule?

 

Zeugin Ella Salomon:

An einer pädagogischen Schule.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, entspricht das den hiesigen Volksschulen oder Mittelschulen oder höheren Schulen?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich probiere es Ihnen klarzumachen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Ist nicht so wichtig.

 

Zeugin Ella Salomon:

Meine Schüler kommen nach der Matura und haben drei Jahre zu lernen, damit sie Volksschullehrer werden und von der ersten Klasse bis in die vierte lehren können. Verstehen Sie?

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und für welche Sprache unterrichten Sie?

 

Zeugin Ella Salomon:

Für rumänische Sprache.

 

Verteidiger Laternser:

Für Rumänisch, ja. Nun habe ich nur noch eine Frage, einen Punkt. Sie sagten, [Pause] daß Fräulein Szabo Ihnen gesagt habe, daß ein SS-Mann mit ihr und anderen »Sport« getrieben habe

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Mit dem Küchendienst.

 

Verteidiger Laternser:

Weil da eine Margarine gefehlt habe. Und daß dieser betreffende SS-Mann gesagt habe: »Ich bin Doktor Capesius aus Siebenbürgen, und in mir werdet ihr den Teufel kennenlernen.« Darf ich mal fragen: In welcher Sprache ist das gesagt worden?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich kann mich nicht erinnern, aber wir haben Ungarisch gesprochen meistens. Aber es kann ja sein, daß sie mir das deutsch gesagt hat. Aber meistens, so zwischen uns, haben wir ja die Muttersprache benutzt, um uns zu verständigen.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ach so. Ja nein. Ja gut, wie Sie gesprochen haben. Nun meine ich: In welcher Sprache hat dieser SS-Mann, der sich als Capesius bezeichnet hat, diesen Ausspruch getan?

 

Zeugin Ella Salomon:

Deutsch. Deutsch, deutsch, deutsch.

 

Verteidiger Laternser:

In Deutsch?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich glaube, so hat sie mir gesagt, deutsch.

 

Verteidiger Laternser:

Nun darf ich Ihnen mal vorhalten, bei Ihrer Vernehmung – jedenfalls ist es so aufgenommen worden – haben Sie gesagt, daß Ihnen das Fräulein Szabo gesagt habe, daß der Betreffende dabei in ungarischer Sprache gerufen hat.4

 

Zeugin Ella Salomon:

Sie hat mir es auf ungarisch erzählt. Die Magda hat es mir

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Gut, aber ich spreche jetzt nicht darüber, wie Sie sich unterhalten haben.

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Ich verstehe. Wie der SS-Mann es gesagt hat.

 

Verteidiger Laternser:

Wie der SS-Mann gesagt hat. Wissen Sie das, was sie Ihnen darüber gesagt hat?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich weiß nicht, ich habe es schon gesagt.

 

Verteidiger Laternser:

In welcher Sprache?

 

Zeugin Ella Salomon:

Wenn ich es dort gesagt habe, daß er Ungarisch geredet hat. Er hat ja viel Ungarisch geredet, mit der Mutter hat er auch Ungarisch geredet. Er kann ja gut Ungarisch.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ja nun, wir wollen jetzt bei diesem Ereignis bleiben.

 

Zeugin Ella Salomon:

Wie ich es in Wien gesagt habe, das war so spontan. Jetzt, beim Nachfragen, bin ich nicht sicher, in welcher Sprache er es gesagt hat.

 

Verteidiger Laternser:

Denn Sie sagten damals in Wien, daß es in ungarischer Sprache

 

Zeugin Ella Salomon [unterbricht]:

Daß er es ungarisch gesagt hat.

 

Verteidiger Laternser:

Nun darf ich Ihnen vorhalten, daß das Fräulein Szabo gesagt hat, daß es in Deutsch gesagt worden sei.

 

Zeugin Ella Salomon:

Mir ist es nicht wichtig, in welcher Sprache.

 

Verteidiger Laternser:

Dieses Ereignis könnte in seiner Tragweite wichtig sein, und dann kommt es auch mal auf Einzelheiten an. Also Sie wissen es nicht?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Darf ich mal eine Zwischenfrage stellen? Frau Zeugin, hat Ihnen denn Fräulein Szabo überhaupt gesagt: »Das hat er uns in Ungarisch oder in Deutsch zugerufen«? Meines Erachtens war das doch gar kein Grund, daß sie Ihnen das gesagt hat.

 

Zeugin Ella Salomon:

In ihrem Kummer ist sie zu mir gekommen und hat sich beklagt: »Schau, was ich noch erleben mußte.« Also in welcher Sprache? Würde das so wichtig sein?

 

Vorsitzender Richter:

Ja eben, ich kann mir vorstellen, daß das Fräulein Szabo Ihnen überhaupt nicht gesagt hat, in welcher Sprache das der Doktor Capesius gesagt haben soll.

 

Zeugin Ella Salomon:

Oh, sie hat über die Sprache nichts gesagt. Sie hat über den Inhalt geredet.

 

Vorsitzender Richter:

Eben, eben.

 

Zeugin Ella Salomon:

Sprache. Sie können doch mir nicht

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Nun gut. Frau Zeugin, bitte, wenn Sie jetzt sagen, über die Sprache sei nicht gesprochen worden, warum haben Sie denn dann bei Ihrer Vernehmung in Wien gesagt, Doktor Capesius habe dabei in ungarischer Sprache gerufen? Da mußten Sie doch eine Veranlassung gehabt haben, das zu sagen. Es ist doch so aufgenommen worden. Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, Sie haben eben über die Frau Szabo eine Bekundung gemacht, daß sie Ihnen etwas erzählt hat über dieses »Sportmachen«. Können Sie sich daran erinnern, daß Doktor Capesius gemeinsam mit Doktor Mengele in der Zeit, wo Sie in Birkenau waren, mehrmals bei Ihnen war?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ich habe ihn nicht oft gesehen. Ich habe ihn wenig in Birkenau gesehen.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie haben ihn wenig gesehen.

 

Zeugin Ella Salomon:

Wenig.

 

Verteidiger Steinacker:

Hat er sich bei dieser Gelegenheit mit Ihnen und Ihrer Frau Mutter unterhalten? In Birkenau?

 

Zeugin Ella Salomon:

Unterhalten? Wie meinen Sie? Uns angesprochen?

 

Verteidiger Steinacker:

Gesprochen.

 

Zeugin Ella Salomon:

In der Apotheke, als er einmal hereingekommen ist, hat er mich so angeblickt, ob es mir gutgeht, so etwas.

 

Verteidiger Steinacker:

In der Apotheke, ja.

 

Zeugin Ella Salomon:

In der Apotheke. In Birkenau.

 

Verteidiger Steinacker:

Gemeinsam mit Doktor Mengele.

 

Zeugin Ella Salomon:

Nein, nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich halte Ihnen das vor, weil die Frau Szabo das gesagt hat. Können sich nicht daran erinnern, an so eine Begebenheit?

 

Zeugin Ella Salomon:

Mengele, Capesius, uns ansprechend? Das kann ich nicht sagen.

 

Verteidiger Steinacker:

Können sich nicht erinnern? Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung sind keine Fragen mehr. Von seiten der Angeklagten? Bitte schön.

 

Angeklagter Capesius:

Zu den Punkten, die sowieso schon bei der Mutter erwähnt worden sind, habe ich nichts anderes zu sagen als die vorige Einlassung. Zu dem Fall Tacacs, wo einer mit einem Gummiknüppel geschlagen hat, das bin ich sicher nicht gewesen. Dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was war da gewesen? Da habe ich gar nichts davon gehört.

 

Angeklagter Capesius [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Tacacs hat...

 

Angeklagter Capesius:

Die Tacacs...

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen, Doktor Capesius.

 

Angeklagter Capesius:

Später, ja.

 

– Schnitt –

 

Angeklagter Capesius:

Am Morgen mit langem Stock oder auch zu anderer Zeit habe ich in keinem Stroh gesucht. Es stimmt auch nicht, daß ich »Sport« gemacht habe. Das würde auch niemand ernstlich annehmen, daß ich das war. Und ich habe auch niemanden aus dem Block herausgestellt. Das Foto aus Schäßburg dürfte von 1929 bis 31 stammen, weil ich damals in der Apotheke war. Das ist die einzige Zeit, wo ich in Schäßburg war.

 

Verteidiger Steinacker:

Vielleicht, Herr Vorsitzender, darf ich mir die Anregung erlauben, daß Sie die Zeugin veranlassen, weil sie gesagt hat, sie hat das Bild noch zu Hause, uns das Bild zuzusenden?

 

Vorsitzender Richter:

Würden sie das tun?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Dann sind Sie so liebenswürdig.

Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind: Sie haben eben gehört, der Angeklagte Capesius hat bestritten, a) daß er auf der Rampe war, b) daß er in dem Lager da nach Frauen gesucht hat, die sich im Block versteckt hätten, c) daß er eine Frau herausgeschickt hätte zum Appellplatz. Also kurz und gut, er hat das alles bestritten und hat gesagt, er wäre das nicht gewesen. Er hätte auch keinen »Sport« mit den Leuten getrieben und so weiter. Sie bleiben bei Ihrer Aussage?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wollen Sie auch mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Ella Salomon:

Ja bitte.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Die Zeuginnen Böhm und Salomon übersandten mit Schreiben vom 09.12.1964 an die Staatsanwaltschaft die erwähnte Fotografie. Vgl. Sonderheft Capesius.

2. BIIc.

3. Kommissarische Vernehmung vom 24.05.1962 in Wien, in Anwesenheit von Untersuchungsrichter Düx, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.506.

4. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 24.05.1962 in Wien, in Anwesenheit von Untersuchungsrichter Düx, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.508.

 

 
 
 
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