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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

178. Verhandlungstag, 23.7.1965

 

Erneute Vernehmung des Zeugen Franz Ruprecht

 

Vorsitzender Richter:

beides gesagt habe, das gilt auch für den heutigen Termin.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich muß Ihre Personalien noch einmal feststellen. Sie heißen Franz mit Vornamen, Franz Ruprecht.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

52 werde ich jetzt im September. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie werden es. Also sind Sie noch 51?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

51 Jahre alt. Und von Beruf?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Kaufmann.

 

Vorsitzender Richter:

Kaufmann in Mannheim.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein, nicht in Mannheim. Ich bin in Mannheim als Arbeiter tätig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wo wohnen Sie?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Mannheim, Gartenstadt.

 

Vorsitzender Richter:

Also doch in Mannheim?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in Mannheim. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Verheiratet. Und mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten vorhin, Kaufmann von Beruf?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zur Zeit Arbeiter?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Ruprecht, die Verteidigung hat Sie noch einmal genannt, und zwar wegen der Person des Angeklagten Baretzki, den Sie ja gekannt haben.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist es richtig, daß Sie den Angeklagten Baretzki im Jahre 1944 öfter gesehen haben?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Kann es sein, daß Sie ihn täglich gesehen haben?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal etwas davon gehört, daß der Angeklagte Baretzki Gefangene in einen Löschwasserteich hineingetrieben hätte?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Davon haben Sie nichts gehört?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie überhaupt über dieses Vorkommnis nichts gehört? Wo waren Sie denn damals, in welchem Lager?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich war im Lager d, im Hauptlager.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager d.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Baretzki war dort?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Blockführer. Und hatten Sie dort eine Funktion?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich war der Kapo der Postpaketstelle. Jedes Paket, das vom Ausland ins Lager kam, kam durch meine Hände.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war diese Postpaketstelle? War die vorne im...

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Diese Postpaketstelle war im Block 23. Moment mal. Als das geschehen sollte, war die Postpaketstelle in Block 2.

 

Vorsitzender Richter:

In Block 2.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja. Die Postpaketstelle ist verlegt worden von Block 23 auf Block 2. Der Block 2 war der erste Block, als das Lager angefangen hat, beim Bassin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wenn ich es richtig mir vorstelle, war vor dem Zaun die Blockführerstube?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann kam der Zaun?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann kam zwischen dem Zaun und den ersten Blöcken ein ziemlicher Zwischenraum?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und dann kam doch, wenn ich nicht irre, gleich die Küche?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein, nein, die Küchen waren seitwärts gelegen.

 

Vorsitzender Richter:

Seitwärts gelagert.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und vor den Küchen der Löschwasserteich?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein, zwischen den Küchen.

 

Vorsitzender Richter:

Zwischen den Küchen.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Zwischen den Küchen, entlang des Weges.

 

Vorsitzender Richter:

Entlang des Weges.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihr Block 2 war da ganz in der Nähe dann?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, war der erste Block, so 15 Meter vom Teich.

 

Vorsitzender Richter:

Könnten Sie uns das vielleicht mal an der Karte gerade zeigen?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] 15 Meter vom Teich.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er noch gesagt, ja.

Also der Block d, das sehen Sie, wo das d steht. [Pause] Nein, in der Mitte. Da steht d, ja? Und da ist vor dem Zaun, wenn ich nicht irre, die Blockführerstube. In der Mitte oben. Da, jawohl, wo Sie eben mit dem Stock sind. Ja?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann ging man durch den Zaun durch, und dann waren links und rechts die Küchen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, Moment mal, ist das hier, ja?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das d steht etwas falsch, Herr... Ja, ganz recht, das und gegenüber die andere Küche.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Diese Küche stand hier, möchte ich annehmen. Und hier, vor dieser Küche, war ein Bassin. Und das war Block 2 [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Ruprecht, wenn Sie noch mal deuten wollten auf die Blockführerstube.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Einen Moment mal, ich möchte bloß sagen, Block a, gehört das auch dazu, da sind die [unverständlich], ja? Das ist b.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist b, ganz recht, bis dahin.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das ist c.

 

Vorsitzender Richter:

C bis dahin, bis zum Zaun.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Und das ist d.

 

Vorsitzender Richter:

Und das ist d, richtig.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Und das ist die Blockführerstube.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist die Blockführerstube.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Hier ist der Weg, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und von der Blockführerstube ging man durch den Zaun durch ins Lager. Und dann sehen Sie da so eine blaue Markierung, da, wo Sie eben sind mit dem Stock.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, das. Ja, ja. Ich glaube, es war ein bißchen größer.

 

Vorsitzender Richter:

Das dürfte das Löschwasserbecken gewesen sein.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, so ziemlich lang.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihr Block war?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das war dieser Block.

 

Vorsitzender Richter:

Das war dieser Block, so daß Sie also in unmittelbarer Nähe dieses Beckens gewesen sind?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Gewohnt habe ich auf Block 4. Der Appellplatz war hier. Also ich konnte genau

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber tagsüber waren Sie in dem Block 2 beschäftigt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

In Block 2 beschäftigt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war der Block 23, wo die Poststelle vorher war?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Moment mal. 1, 3, 5, 7, 9, 11, 13, 15, 17, 19, 21, 23, das war wohl hier.

 

Vorsitzender Richter:

Da etwa.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Wann ist sie denn auf Block 2 gekommen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wann ist die Poststelle verlegt worden von 23 auf 2?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Die ist Mitte 44 verlegt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Mitte 44?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mitte 44 wurde verlegt von dem Block 23 auf Block 2. Nun, dann wollen Sie bitte mal wieder Platz nehmen.

Haben Sie denn überhaupt niemals etwas davon gehört, daß, etwa von anderen, also nicht von Baretzki, von irgend jemandem diese Becken, diese Wasserbecken, benutzt worden sind, um Häftlinge da hineinzutreiben?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich habe selbst an so einem »Sport« einmal teilgenommen. Die Häftlinge wurden dort reingetrieben meistens nach »Sport«. Es war, so wie ich mich erinnern kann, meistens am Sonntag. Aber ich kann mich bloß an ein Mal erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

An einen Fall erinnern.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann mich nicht erinnern, daß da mehrmals die Häftlinge reingetrieben wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Also wir wollen mal bei diesem Fall bleiben, der Ihnen noch in Erinnerung ist. Da wurde »Sport« gemacht, und dann wurden alle, die an diesem sogenannten »Sport« teilnahmen, da hineingejagt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Zwei rein. Von der Paketstelle waren wir auch zehn Mann, weil von unserer Paketstelle einer geflüchtet ist. Zusammen sind damals fünf oder sechs Männer geflüchtet. Fünf hat man dann erschossen aufgefunden. Die wurden von einem Wachposten erschossen beim Fluchtversuch. Und alle Kapos, von denen die Häftlinge geflohen sind, sind dann zur Politischen Abteilung gerufen worden. Und ich wußte nicht, was mit uns geschehen sollte.

Jedenfalls an diesen Tag kam zu uns der Blockführer Weiss, den ich selbst auch gut kannte – in der Art war er ungefähr so wie der Herr Baretzki –, und hat Leute von der Paketstelle ausgesucht zum »Sport«. Also er konnte sozusagen alle Häftlinge von der Paketstelle zum »Sport« nehmen. »Sport« war immer eine gefährliche Sache, weil das ging auf Tod und Leben.

Aber der Blockführer Weiss hat mich gekannt, und ich habe ihm ein paar Zigaretten gegeben. Im Gespräch hat es sich so ergeben, daß er gesagt hat: »Also die Gesunden von euch«, wir waren damals 25 Häftlinge in der Paketstelle, »werden ›Sport‹ machen.« Und da haben wir uns, so zehn Mann, freiwillig zu dem »Sport« gemeldet. An diesem »Sport« haben damals vielleicht 100 Häftlinge teilgenommen. Ich kann mich nicht erinnern, aber ich nehme an, daß es vielleicht sonntags früh gewesen war.

Und als dann das Kommando, der »Sport« begann und das erste Mal Hinlegen war, da hat der Blockführer Weiss gesagt: »Die ersten zwei Reihen von der Paketstelle abtreten auf den Block!« Und da sind wir weg. Aber es war damals sehr heiß, und da sind wir baden gegangen in dem Bassin.

 

Vorsitzender Richter:

In das Bassin baden?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

In das Bassin, ja. Das Bassin war übrigens sehr tief, vielleicht sieben, acht, neun Meter tief.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, durften Sie das denn?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das nicht ausdrücklich verboten?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein, ich wußte nichts davon. Viele haben dort gebadet.

 

Vorsitzender Richter:

Also angesichts dieses Blockführers Weiss sind Sie in das Bassin baden gegangen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, die haben »Sport« getrieben. Und wir sind baden gegangen. Und dann, so in einer halben Stunde... Wir hatten ja übrigens keine Möglichkeit zu baden überhaupt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, das wissen wir.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Wir waren zufrieden, das wir mal in Wasser reingehen konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Und deshalb sind wir ganz erstaunt, daß so was möglich war.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Es war möglich. Nicht 42. Man muß die Zeit 41/42 nicht vergleichen mit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mit 44.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Mit 43 und 44. Die Verhältnisse haben sich viel gebessert. Ich nehme die Verhältnisse nach den Todeslisten. Wenn, sagen wir, 41/42 täglich bis 500 Menschen gestorben sind im Lager, so sind dann vielleicht zehn, zwölf, acht, manchmal auch kein Mensch gestorben am Tag. Also es war ein Beweis, daß die Verhältnisse in Lager sich stark gebessert haben.

Und nach einer halben Stunde, als wir gebadet sind, habe ich gesehen, daß die ersten Juden in Kleidern – meistens waren es Juden – ins Wasser reinkamen. Bekanntlich sind unter den Juden viele Nichtschwimmer, und es wären wahrscheinlich viele Leute dort ertrunken. Aber wir waren dort vielleicht 20 Personen, die schwimmen konnten. Und wenn die ins Wasser reinkamen, haben wir sie immer zurückgestoßen, weil wir auch nicht wollten, daß jemand dort ertrinkt – sonst könnten wir doch dort nicht baden. Und an diesem Tag kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß kein Mensch dort ertrunken ist.

Das war für die SS ein großes Gaudi. Ich kann Ihnen das nicht erklären. Die Verhältnisse im Lager sind nicht zu vergleichen mit irgend bekannten Verhältnissen, wie sie jetzt waren. Spaß war, sagen wir, wie ein Kapo oder ein Vorgesetzter sich drei Häftlinge hingestellt hat und den ersten so ins Gesicht schlug, daß er gleich alle drei umgeworfen hat. Das war bei denen Spaß, das war nichts Außergewöhnliches.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr

 

Zeuge Franz Ruprecht [unterbricht]:

Also ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß das nicht der Baretzki war, daß das der Blockführer Weiss war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war damals Weiss. Mich würde nun folgendes noch interessieren: Dieses Becken, wie war denn das beschaffen? Hatte das senkrechte Wände, oder war das wie ein Kegel nach oben

 

Zeuge Franz Ruprecht [unterbricht]:

Es war wie ein Kegel, aber so ziemlich abfallend. Das Wasser hat das schlüpfrig gemacht. Man konnte schwer aus diesem Becken rauskommen. Man mußte mit Hilfe von innen... Wenn jemand gut schwimmen konnte, konnte man den Mann – weil das Bassin war ziemlich voll – mit Hilfe vom Wasser aus mit Gewalt rausschieben. Wir hatten viel zu tun damals, nicht. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß damals kein Mensch ertrunken ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, Herr Ruprecht, Sie hatten Bedenken, daß da jemand ertrinken könnte, und dann konnten Sie nicht mehr baden, haben Sie vorhin gesagt.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist denn mal jemand ertrunken in diesem Bassin?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es nicht.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich glaube es kaum.

 

Vorsitzender Richter:

Glauben Sie, daß das der einzige Fall gewesen ist, wo überhaupt nach dem »Sport« die Häftlinge da in das Wasser getrieben worden sind? Oder kam das öfter vor?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Moment mal. So, wie ich mich erinnern kann, ist das Bassin ziemlich spät erstellt worden. Ich kann es gar nicht genau sagen. Jedenfalls in der Zeit, als das Bassin erstellt worden [+ ist], konnte da nicht zu viel passieren. Denn ich habe gesagt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Warum konnte da nicht so viel passieren?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, weil die Verhältnisse

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sich gebessert haben?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Zueinander [+ sich] gebessert haben. Die Menschen waren nicht mehr so steif. Viele Häftlinge haben schon Kontakt zur SS gehabt. Die waren auch nicht mehr so blutdürstig. Die Transporte, die zur Vergasung ankamen, wurden nicht mehr so genau selektiert. Es wurde eine große Anzahl, die [+ in] das Lager aufzunehmen gar nicht möglich war, ins Lager geschickt. Also sagen wir, ein Lager... Darf ich vielleicht an der Tafel zeigen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das Lager c. Das war das Lager b, das war ein tschechisches Lager. Das war das Lager c. Das Lager c ist erst im Mai 44 neu erstellt worden. Hier waren noch keine Küchen. Das Lager konnte höchstens 10.000 Menschen aufnehmen. Und in diesem Lager wurden von Selektionen ungarischer Juden 35.000 Frauen eingesperrt. Also sie kamen nicht zur Vergasung.

Sie können es sich nicht vorstellen, was es bedeutet hatte, 35.000 junge Menschen in diesem Lager aufzunehmen. Die hatten keine Küchen, die hatten keine Waschmöglichkeit, die durften den ganzen Tag nicht raus. Auf einem Block waren 1.500 junge Mädchen. Wenn Sie nach zwei, drei oder vier Tagen so einen Block betreten hätten, der Gestank hätte Sie umgeworfen.

Man hatte wahrscheinlich auf ein Wunder gewartet, daß die Leute irgendwie von diesen Lager rauskommen werden. Denn es wäre doch für die selektierenden Ärzte einfach gewesen, wenn die wirklich kein Mitleid [+ gehabt] hätten, daß sie die ganzen Menschen zur Vergasung schicken. Die haben das ganze Lager »Mexiko«... In »Mexiko« war ja das gleiche, war überhaupt kein Wasser.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wann »Mexiko« in Betrieb genommen worden ist?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

»Mexiko« ist ungefähr in der gleichen Zeit in Betrieb genommen worden wie Lager c.

Es ist nicht zu fassen, kein Mensch kann sich da eine richtige Vorstellung machen, was es bedeutet: auf einem Block 1.500 Häftlinge. Auf einer Pritsche, die normal für vier Personen bestimmt war – also da war es schon ziemlich eng [+ für] vier Personen –, da haben dort 15 Personen Platz genommen. Die konnten nicht liegen, die konnten bloß sitzen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann nehmen Sie mal bitte wieder Platz.

Sie haben also außer diesem einen Fall, den Sie uns eben geschildert haben, überhaupt nicht gehört oder erlebt, daß die Blockführer Menschen beim »Sport« in dieses Bassin hineingetrieben haben?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich habe es nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie es gehört vielleicht von anderen? Das spricht sich doch herum.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, es ist sehr lange her. Es ist möglich, daß ich so was gehört habe. Aber ich persönlich kann mich daran nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben uns eben geschildert, daß Sie diesen Blockführer Weiss auch recht gut gekannt hätten.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben eine Andeutung gemacht, daß er eine gewisse Ähnlichkeit in seinem Auftreten mit dem Baretzki gehabt hätte.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Worin bestand die Ähnlichkeit? War er gleich groß, oder war er in seinem Temperament ähnlich, oder wie?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Die waren nicht gleich groß, die waren verschieden. Der Weiss war ziemlich untersetzt, also ich möchte sagen, ein Metzgertyp. Und der Baretzki war so ein sportlicher Typ.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt haben Sie sich, glaube ich, versprochen. Wer war untersetzt und war ein Metzgertyp?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Der Weiss.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Baretzki war mehr ein sportlicher Typ?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Sportlicher, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn größer von den beiden?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Der Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Der Baretzki war der größere?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und worin bestand nun die Ähnlichkeit zwischen den beiden Leuten?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Die waren leicht erregbar.

 

Vorsitzender Richter:

Also im Temperament?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Im Temperament, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn Sie erregt waren, wie haben sie sich denn da gegeben?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Unter Menschen, die Leute töten, gibt es einen Unterschied. Es gibt Mörder, die ihr Opfer bis zum Tode prügeln. Es gibt Schläger, die [+ darauf] bedacht sind, eine große Zahl von Personen zu schlagen. Das war im Lager der Fall.

Der Baretzki war nicht ein Typ von einem Menschen, der ein Sadist war, daß er sich über den Tod des anderen gefreut hätte. Er war ein Flegel, möchte ich sagen, er war noch ein junger Mensch. Er konnte wohl Ohrfeigen verteilen, einen zweiten Häftling in den Arsch treten, aber zu töten...

Getötet haben ja alle. Denn die Leute, die zur Vergasung ausgelesen wurden, wurden ja auch getötet. Aber es waren keine persönlichen Mörder, es war eine höhere Gewalt. Baretzki war nicht ein persönlicher Mörder. Er konnte wohl Schläge verteilen, aber nicht so, daß er die Leute zu Krüppeln geschlagen hätte oder totgeschlagen hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sagen eben, sie haben alle getötet. Dann müßte ja auch der Baretzki Leute getötet haben. Wissen Sie etwas davon?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich habe nichts gehört. Übrigens, ich tue den Angeklagten Baretzki gar nicht als so üblen Menschen betrachten. Ich persönlich muß sagen, ich war zufrieden, daß solche Blockführer wie der Baretzki da waren. Denn das, was heute zur Verhandlung steht, das war einmalig in der Geschichte.

 

Vorsitzender Richter:

Das Lager meinen Sie?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das Lager. Das Gericht kann sich keine Vorstellung machen, was es bedeutet, auf einem Block 1.000 Menschen zu haben, hungrige Menschen. Es war unmöglich, daß diese Leute überleben konnten ohne Hilfe von auswärts. Die Lebensmittelrationen waren so knapp bemessen, daß jeder im Laufe der Zeit ein »Muselmann« werden mußte. In dieser hungrigen Menschengesellschaft eine Ordnung aufrechtzuerhalten ist ohne radikale Mittel unmöglich.

Ich selbst kam dann nach Buchenwald, also von Auschwitz kam ich nach Buchenwald. Und durch Zufall wäre ich auch Blockältester geworden. Ich bin aber Blockschreiber geworden, auf einem Block, wo normal 50 Personen Platz hätten, dort waren 450 eingesperrt. In einem Bett, wo normal Platz für eine Person war, haben drei, vier Personen geschlafen. Der Rest hat auf der Erde geschlafen. Die Leute haben sich das Brot unterm Kopf weggestohlen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, das haben wir nun gehört. Uns interessiert hier in erster Linie die Person des Angeklagten Baretzki. Sie also haben nie gesehen oder auch gehört, daß er einen Menschen totgeschlagen hätte?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich habe [+ das] nie gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Nie gehört. Wie können Sie aber dann sagen, er hat Menschen getötet?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich habe [+ das] nicht gesagt. Ich habe gesagt

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Herr Präsident, gestatten Sie, daß ich da gewisse Bedenken anmelde. Ich glaube, der Zeuge hat gesagt: »Umgebracht haben sie alle, denn es wurden ja auch Leute vergast.«

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt, das können Sie ja nachher klarstellen. Ich habe sehr genau gehört, was der Mann gesagt hat, und ich frage ihn deshalb: Sie haben gesagt, sie haben alle getötet, ja?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, die Leute, die zur Vergasung gingen.

 

Vorsitzender Richter:

Die zur Vergasung gingen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso hat der Baretzki etwas mit der Vergasung zu tun gehabt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Wenn Transporte ankamen, da wurden ja alle Blockführer, SS-Leute, als Wachmannschaften hingestellt. Die mußten ja die Leute, wenn die SS- Ärzte die Menschen selektiert haben, in die Vergasungskammer führen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie mal, wie war denn der Weiss? War der auch so wie der Baretzki?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

In der Art war er wie der Baretzki. Ich sehe da keinen Unterschied.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sehen keinen Unterschied?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mal, Herr Ruprecht, hatte der Weiss die Angewohnheit, sich öfter zu betrinken?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Ich war kein persönlicher Freund von Baretzki und auch nicht von Weiss. Ich konnte die Leute bloß von weitem beobachten. Die Blockführer haben meistens getrunken.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie mal gehört, daß der Weiss zum Beispiel in der Betrunkenheit etwas geäußert hat, daß er hier zum Beispiel zum Verbrecher geworden sei oder so was Ähnliches?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, ich kann mich nicht ganz genau erinnern, er hat jedenfalls gesagt: »Mutter, wenn du wüßtest, daß dein Sohn ein Mörder geworden ist.«

 

Vorsitzender Richter:

Wieso konnten Sie das feststellen. Sie sagen doch, Sie haben ihn nur von weitem gesehen und hatten mit ihm keinen näheren Konnex?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich war ja ein Funktionshäftling. Ich konnte in jeden Block rein.

 

Vorsitzender Richter:

Also das haben Sie mit eigenen Ohren gehört, daß der Weiss das gesagt hat?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das habe ich gehört. Ich wüßte nicht, war das auf dem Block? Ich kann Ihnen genau nicht erklären, es ist 20 Jahre [+ her]. Ich habe vieles gehört. Wenn Sie mich heute fragen, genau die Umstände, kann ich Ihnen das nicht erklären.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten, die beiden waren sehr temperamentvoll, der Baretzki und der Weiss, und in diesem Temperament haben sie sich geglichen, da waren sie sehr ähnlich.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War denn der Baretzki gefürchtet als Blockältester von den Häftlingen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Baretzki war kein Blockältester, war ein Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Blockführer, Verzeihung, ich habe mich versprochen. Also war er gefürchtet als Blockführer?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich möchte sagen, der Baretzki war gerne gesehen als Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Er war gerne gesehen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Gerne gesehen als Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Na!

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich persönlich habe ihn gerne gesehen als Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Sie persönlich?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die anderen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Und es waren viele... Ich möchte sagen, er war ein Mittler zwischen SS und Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun wundert es mich, daß Sie am 20. Juli 1960 bei der Polizei beziehungsweise bei der Sonderkommission der Staatsanwaltschaft gesagt haben: »Baretzki, SS-Rottenführer und Blockführer in Birkenau, Lager d, er war sehr gefürchtet, als Schläger bekannt.«1

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, es ist möglich... geschlagen... Moment mal. Ich habe gesagt, man kann nicht die Verhältnisse im Lager Auschwitz mit irgendwelchen Verhältnisse woanders vergleichen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Herr Ruprecht, das glaube ich Ihnen

 

Zeuge Franz Ruprecht [unterbricht]:

Also ich habe gesagt, der Baretzki hat Schläge verteilt, aber Baretzki hat nicht getötet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Ruprecht, wenn ein Blockführer als Mittler zwischen der SS und den Häftlingen auftrat, dann war das doch eigentlich nach der damaligen Meinung der Häftlinge und nach den damaligen Situationen schon ein gewisses Plus. Denn es soll ja auch Leute gegeben haben, die nicht Mittler zwischen SS und Häftlingen waren, sondern die im Gegenteil sich recht grausam und gemein an den Häftlingen betätigt haben. Wie kann man aber dann sagen, daß ein solcher Mittler gefürchtet war und als Schläger bekannt war?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich möchte Ihnen darauf eins antworten, ein Beispiel vorführen. Als ich im Lager ankam, wußte ich schon, was Lager Auschwitz bedeutet hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Bei der ersten Essenausgabe, Mittagessenausgabe, sind vielleicht 30 Liter oder 40 Liter Suppe übriggeblieben. Der Blockälteste von Block 11 in Auschwitz sagte: »Anstellen, es gibt Nachschlag.« Auf diesem Block waren circa 1.000 Häftlinge. Ich hatte ja auch Hunger, alle hatten Hunger. Aber die Häftlinge, die auf dem Block inhaftiert waren, die haben sich alle auf den Kessel gestürzt. Die haben den Kessel umgeworfen, die haben die Suppe mit der Zunge von der Erde abgeleckt. Der Blockälteste und die Stubenältesten, die haben zugeschlagen mit Knüppeln. Es war unmöglich, diese Leute von dieser Suppe auf der Erde wegzutreiben. Es waren manchmal Situationen, wo der Blockälteste gezwungen war dazu, zu schlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er Sie auch mal geschlagen, der Baretzki?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Er hat einmal geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Als ich noch auf Block 23 in der Paketstelle war, da mußte ich immer von Block 2 auf Block 23 den Hauptweg gehen. Und da wurde man so oft auf dem Weg angehalten, ein jeder wollte von mir was. Da habe ich manchmal den Weg entlang der Drähte genommen. Und da war es nicht erlaubt zu gehen. Das war gleich neben dem Zigeunerlager. Und plötzlich sah ich den Blockführer Baretzki. Und der hat schon da einen in den Hintern getreten und kam zu mir, eine Ohrfeige gegeben, ist weitergelaufen. Es war halt ein besonderer Mensch, nicht. Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch reagiert auch anders.

 

Vorsitzender Richter:

War er damals in Wut geraten?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Er war normal, wie er sonst war. Es hat ihm wahrscheinlich jemand von der Blockführerstube gesagt... Von der Blockführerstube konnte man sehen entlang der Drähte. Und da hat wahrscheinlich jemand gesehen, daß sich dort entlang der Drähte Menschen bewegen. Und da hat ihm wahrscheinlich jemand gesagt: »Baretzki, geh mal, mach mal da Ordnung!« Und der Baretzki selbstverständlich ist [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat er auch mit Ihnen Schnaps getrunken?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein, ich bin kein Trinker, ich habe in meinem Leben noch nicht getrunken.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Hat er mit anderen Häftlingen Schnaps getrunken?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Er hat getrunken.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Auch mit Häftlingen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Mit Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und war er dabei unberechenbar, das heißt, daß er eben noch Schnaps trinken konnte mit einem, um ihn dann im nächsten Augenblick zu verhauen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Baretzki, verzeihen Sie mir, daß ich das sage, er war ein sehr primitiver Mensch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Und er läßt sich auch leicht beeinflussen.

 

Vorsitzender Richter:

Er war unberechenbar, haben Sie mal in der letzten Verhandlung hier gesagt.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja. Ja, ist schon möglich.

 

Vorsitzender Richter:

»Er war unberechenbar. Er konnte in einem Moment mit einem Häftling Schnaps trinken, und im anderen Moment konnte er ihn schlagen.«

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war möglich?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Das war möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Aber als Schläger war er nicht bekannt? Oder doch? Sie haben das früher einmal gesagt.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Er hat geschlagen. Aber ich sagte, zwischen Schläger und Totschläger ist ein Unterschied. Er war kein Totschläger.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, uns kommt es ja hauptsächlich auf folgendes an: ob man den Baretzki mit dem Weiss verwechseln konnte, äußerlich.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Äußerlich konnte man die beiden Männer nicht verwechseln.

 

Vorsitzender Richter:

Äußerlich konnte man sie nicht verwechseln.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nur hatten sie in ihrem Wesen, in ihrem Temperament eine gewisse Ähnlichkeit. Ist das richtig?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Hüllen, haben Sie das im wesentlichen mitbekommen? So. Nun darf ich bitten, falls noch Fragen zu stellen sind von seiten des Gerichts... Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Ruprecht, folgende Fragen. Erstens: Haben die Blockführer in BIId öfters gewechselt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Ich kann Ihnen die Frage nicht genau beantworten. Jedenfalls viele Blockführer waren ziemlich lange dort.

 

Richter Hotz:

Viele Blockführer waren ziemlich lange dort. Wie viele waren es ungefähr?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich wüßte nicht, war für drei oder für vier Blocks ein Blockführer.

 

Richter Hotz:

Also etwa zehn bis zwölf Blockführer? Käme das hin, oder ist das zuviel gesagt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann genau nicht sagen.

 

Richter Hotz:

Können Sie nicht genau sagen.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, ich kann... das muß... die SS... wissen Sie, ich... Richter Hotz:

Ja. Gab es in BIId im Jahre 44 einen Blockführer Dobrovotzky?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Dobrowolski meinen Sie?

 

Richter Hotz:

Dobrovotzky?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann mich nicht erinnern. Es ist möglich, daß einer war. Ich kann mich nicht erinnern.

 

Richter Hotz:

Gab es einen Blockführer Koretzki? [Pause] Gab es einen Blockführer Barecki?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Baretzki meinen Sie?

 

Richter Hotz:

Barecki meine ich.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Barecki, nein, ich kann mich nicht erinnern. Die Namen, die sind den Menschen entflohen so viele Jahre nach...

 

Richter Hotz:

Ja. Hat Baretzki außer Deutsch noch eine andere Sprache gelegentlich gesprochen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Der Baretzki hat, so ist mir bekannt, gebrochen Polnisch gesprochen.

 

Richter Hotz:

Aha.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Bauernpolnisch sozusagen.

 

Richter Hotz:

Mehr ins Ukrainische hin?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann Ihnen das nicht sagen.

 

Richter Hotz:

Sie sprechen doch selbst Polnisch und können es beurteilen.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, wenn ich mit ihm sprechen möchte.

 

Richter Hotz:

Ja, von damals, nicht von heute, von damals.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich wüßte, es wurde einmal ein Häftling aufgehängt, zwei Häftlinge: ein junger Russe, er war 16 oder 17 Jahre alt, und ein 30jähriger. Und da hat der Baretzki Wache gestanden im Lager, mit einem Maschinengewehr. Das ganze Lager mußte sich vor den Aufgehängten versammeln, und das Urteil wurde gesprochen. Und nachdem die ganzen Häftlinge auseinandergingen, da hat der Baretzki gesagt: »Geht nach Hause!«— »Idzcie do domu«, — in polnischer Sprache. Also habe ich gesehen, der Baretzki sprach auch ein bissel...

 

Vorsitzender Richter:

Daß er ein Paar Brocken kann.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Richter Hotz:

Das war es.

 

Vorsitzender Richter:

Sind sonst noch Fragen von seiten... Bitte sehr.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Herr Zeuge, gab es in dem Lager BIId einen Blockführer, der durch seine O-Beine besonders aufgefallen ist?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Nach 20 Jahren kann man sich wohl schwer wegen O-Beinen erinnern.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Es wäre auch wahrscheinlich ein Zufall. Aber Sie wissen es nicht mehr?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Präsident, ich habe nur eine Frage eigentlich an das Gericht. Handelt es sich hier, wenn ich mich recht erinnere, um den Zeugen, der die Geschichte seiner wundersamen Errettung vor der Gaskammer erzählt hat? Wo plötzlich ein Mann gekommen ist und ihm gesagt hat: »Geh dorthin!«, und dann ist wieder jemand gekommen und hat ihm gesagt: »Geh dorthin!« Ist das derselbe Zeuge?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, ist derselbe. Das ist derselbe. Ja, für Sie kann das lächerlich erscheinen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das habe ich nicht gesagt.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, nach Ihrem Gesichtsausdruck könnte man es annehmen. Aber es ist tatsächlich so. Denn es war unmöglich, fast ein Jahr als ein »Muselmann« zu leben. Das kann jeder bestätigen. Ein »Muselmann« konnte drei Monate leben, aber nicht ein Jahr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, habe ich Sie richtig verstanden, wenn Sie zuerst vorhin bei der Geschichte mit dem Löschteich gesagt haben: »Meist nach dem ›Sport‹ wurden die Häftlinge in den Löschteich getrieben am Sonntag«, später aber dann nur erzählt haben von einer einzigen Geschichte, die Sie wahrscheinlich miterlebt haben? War das nun öfters, dieser Vorgang, war das sozusagen der Abschluß vom Sonntags-»Sport«, daß die Häftlinge dann in den Löschteich getrieben wurden, oder wie habe ich das zu verstehen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, Moment mal. Es ist nicht gesagt, daß der »Sport« jeden Sonntag stattgefunden hat.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nein, wenn »Sport«stattgefunden hat.

 

Zeuge Franz Ruprecht [unterbricht]:

Moment mal. Ich sage ja, daß das Bassin erst spät gebaut wurde. Es wurde erst gebaut, als das Lager schon fertig stand. Ich kann mir da gar nicht vorstellen, daß da Leute in den Feuerlöschteich getrieben worden sein konnten, wenn das Bassin überhaupt noch kein Wasser hatte und noch nicht fertig war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, ich weiß es nicht, aber Sie haben vorhin gesagt: »Meist nach dem ›Sport‹ wurden die Häftlinge in den Löschteich getrieben.«

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Es ist möglich, daß ich mich versprochen habe, es ist möglich. Ich kann mich bloß an ein einziges Mal erinnern, daß nach dem »Sport« Häftlinge in den Feuerlöschteich getrieben wurden. Es ist möglich, daß noch mehrmals »Sport« stattgefunden hat, wobei die Häftlinge dann ins Wasser getrieben wurden. Aber ich kann mich daran nicht erinnern.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, wann wurden Sie Kapo der Postpaketstelle?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Moment mal. Die Pakete wurden zugelassen Ende 42, im Dezember 42. Die Paketstelle wurde errichtet Ende Februar 1943. Es war ein Zufall, daß ich ein Kapo geworden bin. Denn von fünf Häftlingen, die dort am Anfang beschäftigt waren, fiel gerade die Wahl auf mich.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Waren Sie vorher bei einem anderen Kommando Kapo?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein, ich war ein »Muselmann«.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ah ja. Was hatten Sie denn für einen Winkel, Herr Zeuge?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich hatte einen roten Winkel.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sie hatten einen roten Winkel. Wann und wo sind Sie das erste Mal von deutschen Behörden verhaftet worden?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Am 5.4.41 in Bregenz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

In Bregenz?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie kamen Sie nach Bregenz, was hatten Sie dort...

 

Verteidiger Gerhardt:

Die Fragen sind alle beantwortet, Herr Vorsitzender, bei der ersten Vernehmung des Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Zeuge ist ja schon mal vernommen worden, und damals haben wir den ganzen Werdegang mit ihm besprochen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, sicherlich, Herr Vorsitzender. Aber ich glaube, daß da noch einige Ergänzungsfragen aufgrund der heutigen Aussage dieses Zeugen erforderlich sind.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Steinacker:

Dann sollen die Ergänzungsfragen gestellt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Sie sagten uns damals bei Ihrer letzten Vernehmung, daß Sie aus politischen Gründen verhaftet worden sind, ja? Was haben Sie denn speziell in Bregenz damals...

 

Verteidiger Gerhardt:

Auch diese Frage ist beantwortet, Herr Vorsitzender.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nein, die ist nicht beantwortet. Was hat denn der Zeuge damals gesagt?

 

Verteidiger Gerhardt:

Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig. Die Frage ist beantwortet.

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Sie ist nicht beantwortet.

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Dann bitte ich, das Protokoll nachzuschauen beziehungsweise die Tonbandaufnahmen.

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Sie ist gar nicht gestellt worden, die Frage.

 

Verteidiger Gerhardt:

Die Tonbandaufnahme wird ergeben, daß die Frage beantwortet ist.

 

Vorsitzender Richter:

Also ich kann mich im Augenblick nicht darauf erinnern, ob über Bregenz gesprochen worden ist. Aber was wünschen Sie denn nun festgestellt zu wissen? Der Mann hat gesagt, er hat einen roten Winkel gehabt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ja, das... sicher hat er das [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Und dann, wenn er einen roten Winkel gehabt hat, deutet das darauf hin, daß er aus politischen Gründen hingekommen ist.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sicher, ja, und das möchte ich gerne jetzt etwas näher klären.

 

Vorsitzender Richter:

Warum er aus politischen Gründen verhaftet worden ist?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na, es könnte ja auch sein, daß er einen anderen Winkel gehabt hat, Herr Vorsitzender. Und das will ich jetzt überprüfen, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie sich darüber streiten, dann müßte ich wegen dieser Dinge, die ja damals nicht so wichtig waren, versuchen, mir noch einmal die Aussage des Zeugen zu vergegenwärtigen. Aber ich meine, man sollte doch die Sache nicht komplizieren. Man kann doch dem Zeugen glauben, daß er aus politischen Gründen dahin gekommen ist. Warum soll man das denn nicht?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja sicher, kann man. Dann eine andere Frage, Herr Zeuge: Um diese Zeit, wie war es denn da bestellt mit der Verteilung der »Roten« und der »Grünen« auf die Kapo- und auf die Blockältestenstellen in Auschwitz?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Wir hatten ja keine Möglichkeit, uns den Winkel zu bestellen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ist klar. Was ich wissen wollte, Herr Zeuge, ist: Zu dieser Zeit, Anfang 1943, herrschten da noch die »Grünen« oder die »Roten« auf den Kapostellen? Sie wissen doch, es war ein Kampf in Auschwitz zwischen den »Grünen«

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und den »Roten« um die Kapostellen und um die Blockältesten- und Lagerältestenstellen. Wie würden Sie sagen, herrschten damals noch die »Grünen«?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Der Lagerälteste war ein gewisser Danisch, Franz, Nummer [11.182], ein grausamer Sadist. Der hatte das Recht, Blockälteste einzusetzen. Und die Kapos hatte ein Oberkapo meistens vorgeschlagen. Denn die Funktionshäftlinge haben ja nicht sozusagen die Häftlinge eingesetzt, [+ die] haben die Arbeitsführer und der Rapportführer eingesetzt. Es wurde bloß von den Häftlingen

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Bitte sprechen Sie ins Mikrofon, Herr Zeuge.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Von den Häftlinge vorgeschlagen, wer als Kapo und wer als Blockältester kommen sollte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und dieser grausame Lagerälteste, der hat

 

Zeuge Franz Ruprecht [unterbricht]:

Dieser grausame Lagerälteste hat meistens Berufsverbrecher als Blockälteste eingesetzt. Die Blockschreiber hatte der Rapportführer eingesetzt, Gork, Kazimierz, ich möchte sagen, meistens sehr moralische Menschen. Es wurde schon gedacht, daß, um die Verhältnisse auf den Blocks zu mildern, hat man neben einen Verbrecher, einen grünen Winkel, einen Blockältesten, einen roten Winkel, Blockschreiber, gegeben.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Also Sie meinen, es war damals etwa ausgeglichen zwischen Rot und Grün, ja?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Es war ausgeglichen. Aber immer mehr zu sagen hatten die »Grünen«. Sagen wir, in Buchenwald war es so, daß die politischen Häftlinge immer die Oberhand gehabt haben. In Auschwitz war es nie der Fall. Die grünen Winkel haben immer mehr zu sagen gehabt als die roten Winkel.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, richtig. Haben Sie vor Ihrer Verhaftung 1941 der Kommunistischen Partei oder einer sozialistischen Partei angehört oder etwa einer extrem nationalistisch-polnischen Partei? Sie sehen schon aus dieser Zusammenstellung, mir geht es gar nicht um KP oder eine nationalistische Partei. Ich will nur wissen, welcher Organisation haben Sie angehört, die Sie

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Jetzt widerspreche ich dieser Frage.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Zuerst lassen Sie mich ausreden – die Sie in Gegnerschaft brachte zu den Nationalsozialisten?

 

Verteidiger Laternser:

Jetzt widerspreche ich.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser, ich glaube, wir können uns dahin einigen, daß der Herr Rechtsanwalt Raabe wissen will: Aus welchen politischen Gründen sind Sie verhaftet worden?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Genau.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dieser Frage läßt sich [unverständlich]

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann jede Frage beantworten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aus welchen politischen Gründen sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Es waren keine richtig politischen Gründe. Ich möchte sagen, es waren moralische Gründe. Ich habe mich nicht zusammengerottet, um d en Nationalsozialismus abzuwehren. Dazu bin ich zu feige. Es ist nicht jedermanns Sache, einen Helden zu spielen. Ich habe nach dem Kriege gesehen, wie man in Lódz... Lódz war früher eine polnisch-jüdische deutsche Stadt. Lódz hat früher, vor dem Kriege, 700 .000 Einwohner gehabt. Die Juden sind nach dem Kriege, als die deutsche Besatzung kam, in Ghettos gelandet. Die Polen wurden zu Tausenden, meistens Sonntag früh, aus ihren Häusern rausgetrieben und nach Warschau oder in das Generalgouvernement gefahren. Es war fürchterlich. Im Winter, 20, 30 Grad Kälte, kleine Kinder, wurden ganze Straßenzüge von den Häusern geräumt und ins Verderben getrieben.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Verzeihung, Herr Zeuge, das ist alles klar, aber ich...

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich habe einen Bekannten getroffen, auch einen Volksdeutschen, der bei der SS war. Wir hatten doch keine Ahnung, was die SS ist und so. Wir haben doch in einer anderen Stadt gelebt, unter anderen moralischen Voraussetzungen. Es war noch ein anderes Recht als in Deutschland. Ich fragte den Mann: »Du bist bei der SS, du hast eine große Mütze und schöne Montur, schwarze Montur.« Ich wollte auch hingehen. Da guckte der mich mit großen Augen an und sagte zu mir: »Franz, tu das nicht. Auf Wiedersehen, ich bin ein Mörder.« Es genügte mir.

Durch einen Zufall habe ich dann ein Lager für Ausgesiedelte besucht. Ein Bekannter von mir, der vor dem Kriege nach Amerika ausgewandert war, hat geschrieben, ich soll ihm über seine Eltern berichten, was mit seinen Elte rn ist, seine Eltern schreiben nicht. Und ich erfuhr, daß er in einem Durchgangslager ist, daß von Lódz nach dem Generalgouvernement ausgesiedelt wird. Ich bin in das Lager hingegangen, es war himmelschreiend. Ich hatte den Mut gehabt, zu fliehen. Ich hatt e nicht den Mut gehabt, mich zusammenzurotten und gegen die Ordnung zu kämpfen. Es war unmöglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und warum sind Sie denn dann verhaftet worden?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Ich bin an der Grenze verhaftet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Wollten Sie fliehen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich wollte fliehen an die Schweizer Grenze. Ich wurde dann noch drei- oder viermal entlassen und wieder verhaftet. Im Gefängnis, ich wußte es nicht, war man zusammen mit anderen Häftlingen, circa 30 Häftlingen. Und da war ein Stubenältester, Ahrensee hat der geheißen. Wenn im Gefängnishof Häftlinge gefoltert wurden, da hat der mit ganzer Gewalt an die Tür geklopft und wollte auch an dieser Folterung teilnehmen. Er meinte, er könnte besser die Leute foltern als die SS, die dort war. Und ich hatte dem Mann gesagt: Ihr Verbrecher kamt hier nach Polen und mordet hier unschuldige Menschen und vernichtet die Wirtschaft und das Menschenzusammenleben, wodurch Hunderte Jahre hier Volksdeutsche und Polen und Juden zusammengewirkt haben. Und der war damals sehr aufgeregt. Ich wurde dann entlassen, aber nach zwei Tagen, aufgrund der Denunziation von diesem Häftling, wurde ich noch mal verhaftet und kam ins Konzentrationslager.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann hätte ich noch eine andere Frage. Herr Zeuge, der Herr Vorsitzende hatte Sie zu Beginn Ihrer Vernehmung gefragt, ob Sie etwas wüßten von dem Vorfall mit diesem Löschteich. Und dann haben Sie zunächst gesagt: »Nein.« Und dann haben Sie weiter gesagt: »Als das geschehen sein sollte, war unsere Postpaketstelle schon auf Block 2.« Woher wissen Sie denn, wann das geschehen sein sollte? Hier ist davon nicht gesprochen worden, Herr Zeuge.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, Moment mal, das weiß ich von den Pressenotizen. Übrigens war bei mir der Rechtsanwalt Gerhardt oder wie.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ach, der Herr

 

Zeuge Franz Ruprecht [unterbricht]:

Und der hat mich davon unterrichtet.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Der war bei Ihnen in Mannheim, ja?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

In Mannheim, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Wann war denn das?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann Ihnen genau nicht sagen, vielleicht vor drei Monaten.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Vor drei Monaten?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Oder noch früher. Ich wüßte nicht genau, ich habe keinen Terminkalender.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und was hat er Ihnen denn da alles gesagt, der Herr Rechtsanwalt Gerhardt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

So wie der Herr Vorsitzende hier hat er mich gefragt, genau das gleiche: ob ich mich an diese Zeit erinnern kann.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na, das reicht mir, Herr Vorsitzender. Vielen Dank.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst keine Fragen mehr? Von seiten des Rechtsanwalts Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja, zu diesen hämischen und dreckigen Bemerkungen des Herrn Nebenklägers

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich darf bitten, daß das ins Protokoll aufgenommen wird.

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Werde ich mir erlauben, zu gegebener Zeit noch einige Ausführungen zu machen. Wir sind ja nicht in der Sowjetzone.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Herr Rechtsanwalt Gerhardt, ich muß Sie zur Ordnung rufen, das ist keine Diktion, wie sie hier im Schwurgericht üblich ist.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, ist es richtig

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Ich darf bitten, daß das ins Protokoll aufgenommen wird gemäß 183 GVG.2

 

Verteidiger Gerhardt:

Daß er auch hämisch gelächelt hat, bitte ich dann auch in das Protokoll aufzunehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Gerhardt erklärte: »Ich muß diese hämischen und dreckigen Bemerkungen zurückweisen.« Herr Rechtsanwalt Raabe beantragte die Aufnahme dieser Bemerkung ins Protokoll, was hierdurch geschehen ist. Rechtsanwalt Gerhardt erklärte: »Ich bitte nunmehr festzustellen, daß Herr Rechtsanwalt Raabe hämisch gelächelt hat«, was hiermit geschehen ist.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und ich bitte ferner noch aufzunehmen, daß er, nachdem er diese Frage gestellt hat, erklärt hat: »Das reicht mir.«

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe hat nach der Bekundung des Zeugen, Rechtsanwalt Gerhardt habe ihn in Mannheim aufgesucht, erklärt: »Das reicht mir.« So.3

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, ist es richtig, daß ich Sie angeschrieben habe und in diesem Brief Sie gefragt habe, ob Sie jemals gehört oder gesehen haben, in Auschwitz, daß der Angeklagte Baretzki Häftlinge in ein Wasserbassin gestoßen haben soll?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Sie haben die Fragen gestellt

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Nein, ob ich Sie angeschrieben habe, ob ich Ihnen ein Brief gesandt habe und habe Sie in diesem Brief gefragt, ob der Angeklagte Baretzki Häftlinge in ein Wasserbassin gestoßen haben soll?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Herr Rechtsanwalt, Sie haben einen Brief geschrieben, aber ich

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja, gut, damit ist meine Frage ja beantwortet.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe so viel zu tun, daß ich mich nicht an jedes Wort, was ich heute schreibe... daß ich das vielleicht noch in einem halben Jahr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie haben einen Brief bekommen vom Rechtsanwalt Gerhardt?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Frage beantwortet. Nächste Frage.

 

Verteidiger Gerhardt:

Haben Sie mir dann zurückgeschrieben, das wäre alles nicht so einfach, ich möchte Sie einmal besuchen. Und haben Sie ferner in diesen Brief auch, in diesen Antwortbrief, reingeschrieben: »Der Baretzki hat das niemals getan«?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, das stimmt ganz genau.

 

Verteidiger Gerhardt:

Danke. Sie wurden vorhin schon mal gefragt, ob Sie sich daran entsinnen können, daß ein SS-Mann krumme oder O-Beine gehabt habe.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist es richtig, daß der SS-Mann Weiss krumme Beine hatte?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Es ist wohl richtig, aber ich kann es heute nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist wohl möglich, wollten Sie sagen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja, es ist wohl möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können es aber nicht sagen, ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sie hatten fernerhin auf eine Frage eines der Herren Richter erklärt, daß der Angeklagte ein etwas bäuerisches Polnisch gesprochen habe. Können Sie, um es vielleicht nach der anderen Richtung abzugrenzen, sagen, der Angeklagte hat kein gutes, kein fließendes Polnisch gesprochen?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

[Pause] Ich kann Ihnen auf diese Frage keine genaue Antwort geben, weil ich mit dem Mann keinen Kontakt habe. Ich habe mit dem Mann nie gesprochen.

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Nein, ich spreche jetzt von dem Angeklagten Baretzki. Ob der Angeklagte Baretzki fließend Polnisch gesprochen habe, diese Frage.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich glaube es nicht.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sie haben früher mal erklärt, bei einer Vernehmung, daß der Angeklagte Baretzki ein Schläger gewesen sei. Heute

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was, ein?

 

Verteidiger Gerhardt:

Ein Schläger gewesen sei.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Flegel?

 

Verteidiger Gerhardt:

Schläger, Schläger.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Schläger, so.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ein Schläger. [Pause] Sie haben heute möglicherweise bei Gericht einen Rückzieher getan, indem Sie sagten, er habe geschlagen. Wollen Sie, meine Frage jetzt, zum Ausdruck bringen, daß der Angeklagte Baretzki, wenn er geschlagen hat, jedesmal auch einen Grund dazu hatte, so wie Sie es vorhin, bei einem Vorfall, der sich mit Ihnen selbst befaßte, dargetan haben?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich widerspreche dieser Frage als suggestiv. Was der Zeuge sagen will, das hat er uns gesagt. Und was der Herr Rechtsanwalt hören will, das ist ja eine andere Frage. Ich bin der Ansicht, das ist eine suggestive Frage, und bitte, sie zurückzuweisen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Der Zeuge hat vorhin einen Vorgang geschildert, bei dem er selbst von dem Angeklagten Baretzki – ich führe das aus zur Begründung meiner Frage

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun, Herr Rechtsanwalt Raabe, dann wollen wir die Frage dahin präzisieren, daß man sagt: Wissen Sie, ob Baretzki auch grundlos geschlagen hat?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr. Das wird wohl den Sinn Ihrer Frage treffen.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Baretzki ließ sich leicht leiten. Wenn ihm ein Vorgesetzter gesagt hat: »Geh mal und guck mal, daß da Ordnung wird«, hat er es genau gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Also der Herr Rechtsanwalt Gerhardt will wissen... Unter dem Begriff Schläger versteht man einen Menschen, der aus Freude am Schlagen schlägt. Und da will er wissen von Ihnen, ob er so ein Schläger war, der grundlos aus lauter Freude am Mißhandeln geschlagen hat?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sie sagten, der Angeklagte Baretzki sei unberechenbar gewesen. Ich bitte um Verzeihung, wenn die folgende Frage bereits beantwortet sein sollte. War es auch so oder stimmt es, daß der SS-Sturmmann Weiss ebenfalls unberechenbar war?

 

Vorsitzender Richter:

Er hat gesagt, die Temperamente beider Leute glichen sich, sie waren sehr aufgeregt und waren leicht erregbar.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, ist es zutreffend, oder können Sie sich daran entsinnen, daß Sie bei Ihrer Vernehmung, die vorhin schon mal angeführt worden ist, auf Blatt 6.181 der Akte, damals folgendes gesagt haben über die Person des SS-Manns Weiss. Ich lese Ihnen das mal vor und frage Sie sodann, ob das zutreffend ist: »Weiss, SS-Rottenführer und Blockführer in Birkenau, Lager d. Weiss war oft betrunken, er war unberechenbar. In der Trunkenheit sagte er oft, er sei ein Verbrecher geworden. «4

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das habe ich wörtlich vorgehalten.

 

Verteidiger Gerhardt:

Jawohl. Was ich eben vorgelesen habe, ist das zutreffend, haben Sie das damals gesagt?

 

Vorsitzender Richter:

Das habe ich schon gefragt. Die Frage ist beantwortet. Genau das habe ich gefragt.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, dann habe ich keine Frage mehr, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Von seiten der Verteidigung, im übrigen von seiten der Angeklagten? Baretzki, haben Sie noch den Zeugen was zu fragen? Nein.

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Zeuge, eine Frage. Haben Sie gesehen, daß ich krumme Beine habe, oder habe ich keine krummen Beine?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich wüßte, daß Sie gerade Beine haben.

 

Angeklagter Baretzki:

Dann muß ich mich hier mal hinstellen, daß ich krumme Säbelbeine habe. Ich kann hier die Hosen ausziehen, wenn Sie wollen.

 

Vorsitzender Richter:

Also. Der Herr Zeuge hat uns diese Frage auch schon beantwortet. Er hat gesagt: »Nach 20 Jahren kann ich das nicht mehr genau wissen.«

 

Angeklagter Baretzki:

Aber Herr Vorsitzender, darf ich mal was reinsagen? Sie können sich doch selber überzeugen, daß ich keine krummen Beine habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das haben wir auch schon erwogen.

Nun, Herr Zeuge, das, was Sie gesagt haben, ist das alles wahr?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Es ist wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Würden Sie das auch wieder beschwören?

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Ich würde es beschwören.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie bereit, das, was Sie gesagt haben, und die Richtigkeit dessen, was Sie gesagt haben, zu versichern unter Bezugnahme auf den Eid, den Sie bereits hier geleistet haben? Das würde soviel bedeuten, als ob Sie erneut geschworen hätten.

 

Zeuge Franz Ruprecht:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Zeuge versichert die Richtigkeit seiner Aussagen unter Bezugnahme auf den bereits von ihm geleisteten Eid. Gegen die Entlassung des Zeugen ist nichts einzuwenden. Der Zeuge wird im allseitigen Einverständnis sämtlicher Prozeßbeteiligten entlassen. Ich danke schön, Sie können gehen.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 20.07.1960 in Mannheim, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 36, Bl. 6.179.

2. GVG § 183:»Wird eine strafbare Handlung in der Sitzung begangen, so hat das Gericht den Tatbestand festzustellen und der zuständigen Behörde das darüber aufgenommene Protokoll mitzuteilen. In geeigneten Fällen ist die vorläufige Festnahme des Täters zu verfügen.«.

3. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 23.07.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 113, Bl. 1.605.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 20.07.1960 in Mannheim, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 36, Bl. 6.181.

 

 
 
 
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