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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

26. Verhandlungstag, 13.3.1964

 

Vernehmung der Zeugin Maryla Rosenthal

 

Vorsitzender Richter:

Frau Rosenthal, Sie sollen hier als Zeugin vernommen werden. [Pause] Es ist menschlich erklärlich, daß Sie sehr ungern an diese Zeit zurückdenken, die hier wiederum in diesem Prozeß auftaucht. Aber wir müssen Sie trotzdem bitten, Ihr Gedächtnis anzustrengen und uns alles zu sagen, was Sie von dieser Zeit noch wissen. Sie müssen nach gesetzlicher Vorschrift auf Ihre Aussage hin beeidigt werden. Und Ihr Eid bezieht sich auch darauf, daß Sie nichts verschwiegen haben. Ich muß Sie deshalb noch mal bitten, uns alles zu sagen, selbst dann, wenn Ihnen die Aussage schwerfallen sollte, selbst dann, wenn Sie lieber über diese Dinge schweigen würden. Ich muß es Ihnen aber sagen im Interesse der Wahrheitserforschung und möchte Sie bitten, Ihre Pflichten hier ganz besonders ernst zu nehmen. Es ist meine Pflicht, Sie hinzuweisen auf die Bedeutung des Eides und Sie hinzuweisen auf die Strafen, die auf Meineid angedroht sind.

Wenn Sie nichts dagegen haben, wollen wir Ihre Aussage auf ein Tonband aufnehmen. Allerdings nicht zur Veröffentlichung, sondern nur für das Gericht, damit wir sie, die Aussage, nicht nachzuschreiben brauchen, sondern damit wir eine Gedächtnisstütze haben. Nur für das Gericht. Sind Sie damit einverstanden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun darf ich Sie zunächst um Ihre Personalien bitten. Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Maryla.

 

Vorsitzender Richter:

Maryla. Rosenthal?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind wie alt, Frau Rosenthal?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

55.

 

Vorsitzender Richter:

55 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich bin verheiratet, aber ich stehe jetzt in Scheidung.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie sind noch nicht geschieden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Noch nicht, aber das soll jeden Tag ausgesprochen werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also sind Sie noch verheiratet.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich lebe getrennt von meinem Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Verheiratet. Wenn Sie wollen, können wir aufnehmen: »Getrennt lebend.«

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einen Beruf?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ich bin Sekretärin.

 

Vorsitzender Richter:

Sekretärin. Wohnhaft in?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Zürich.

 

Vorsitzender Richter:

In Zürich. Sind Sie verwandt oder verschwägert mit einem der Angeklagten hier?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Soll ich Ihnen und muß ich Ihnen die Liste der Angeklagten vorlesen, oder ist es nicht nötig?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich glaube, es ist nicht nötig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind mit keinem der in Auschwitz zur Bewachung

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Nein. Ganz bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist ein ehemaliger Blockführer dabei namens Bednarek, den kennen Sie wohl. Oder sind Sie auch nicht [unverständlich]

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Nein, ich kenne ihn nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie nicht.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht verwandt und nicht verschwägert. Sie sind eine geborene Obstfeld?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Frau Zeugin, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie uns ganz kurz schildern würden, wann Sie ins Lager gekommen sind, wo Sie sich aufgehalten haben im Lager, welche Aufgaben Sie hatten, welche Arbeiten Sie verrichtet haben und ob Sie in dieser Zeit irgendwelche Dinge beobachtet hatten, die namentlich auch den Angeklagten Boger betreffen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Also, ich kam ins Lager Auschwitz im Juli 42. Ich wurde zuerst einem Kommando zugeteilt, wo ich Sand schütten mußte, und zwar mit einer sehr schweren Schaufel auf eine Fuhre. Dieser Aufgabe war ich gar nicht gewachsen. Der Aufseher war ein Volksdeutscher, ein Oberschlesier, der dementsprechend, weil ich eben die Arbeit nicht gut gemacht habe, mich mit Schimpfworten beworfen hat und auch mit der Schaufel geschlagen. Ich habe auch bei ihm einige polnische Worte gehört, die ich natürlich verstanden habe. Der Weg zu der Arbeit hat in einer Richtung eine halbe Stunde gedauert. Wir waren ohne Schuhe und ohne Kopfbedeckung, die Haare wurden geschoren. Ich konnte nie barfuß laufen, ich war das auch nicht gewöhnt. Es war ein steiniger Weg. Meine Füße, meine Beine waren sehr schnell geschwollen und wund. Das waren natürlich die ersten Voraussetzungen für die Gaskammer. [Pause]

Nach einigen Tagen, ich stand Appell – wir standen, Zehntausende, Aberzehntausende Frauen. Es wurde rausgerufen, man suchte eine Frau, die Fremdsprachen kennt, darunter auch Tschechisch. Ich wollte mich gar nicht melden, weil ich Tschechisch nicht kann. Daraufhin hat mich eine andere, auch eine Polin, dazu bewogen. Ich habe mich gemeldet, natürlich ohne zu wissen, wohin ich komme.

Ich wurde zuerst in die »Sauna« gebracht, dort gebadet und bekam Schuhe und ein neues Kleid und eine Kopfbedeckung, eine weiße Haube. Dann wurde ich in ein Büro gebracht, wo mir – das waren, glaube ich, Herr Wosnitza und Herr Pyschny, die beiden – gesagt haben: »Was Sie hier sehen und hören, das haben Sie nicht gesehen und nicht gehört, sonst bezahlen Sie das mit Ihrem Leben.« Ich wurde dann in eine Schreibstube gebracht. Ich glaube, wir waren 16 Frauen und der Kamphus. Dort hat man nur Totenbescheinigungen geschrieben.

Also, ich war ganz benommen. Ich konnte das gar nicht verarbeiten, wo ich mich befinde und was das überhaupt ist. Ich kann mich nicht entsinnen, wie lange ich dort gearbeitet habe. Eines Tages erschien Herr Boger in der Schreibstube und hat mich von dort rausgenommen. Er hat eine Schreiberin und eine Dolmetscherin gesucht. Ich bin also zu ihm gekommen und habe alle Vernehmungen – das waren immer politische Häftlinge, auch Flucht und so wichtige Sachen – protokolliert und gedolmetscht.

Die Häftlinge waren natürlich sehr scheu, und manche wollten gar nicht aussagen oder ganz knapp. Herr Boger hat sich nicht zurückgehalten, Ohrfeigen ihnen auszuteilen, auch hat er sie mit seinen hohen Stiefeln gestoßen. Dann ist er ganz nahe zu ihnen gekommen, ganz zum Gesicht, [+ hat sie] mit seinen Blicken durchbohrt. Und wenn er absolut nicht sprechen wollte, hat er gesagt: »Jetzt kommst du aber zu der ›Sprechmaschine‹.« Und dann sind die beiden rausgegangen. Ich kann mich nicht entsinnen, ob es eine Stunde, ob es zwei Stunden waren, die er dort bei der »Sprechmaschine« war. Jedenfalls wurde der Häftling auf einer Bahre zurückgetragen. Ich habe ihn nicht mehr erkannt, nach dieser Stunde oder nach diesen zwei Stunden. Er hat nicht mehr wie ein Mensch ausgesehen. Er konnte nicht stehen, er konnte nicht reden, ich dachte, das ist schon ein toter Mensch. [Pause]

Zu mir war Herr Boger sehr menschlich und sehr anständig. Er hat zum Beispiel sein Kochgeschirr von der Kantine gebracht, hat nur einen Löffel weggenommen, und dann sagte er mir: »Maryla, bitte gehen Sie das Kochgeschirr saubermachen.« Das hieß natürlich, daß ich das auch essen kann. Offiziell durfte ich es nicht essen. Ich habe dann meine zwei Freundinnen reingerufen, wir sind auf die Toilette gegangen. Dort haben wir uns eingeschlossen und gegessen. Auch hat mir Herr Boger von Birkenau eine warme Jacke gebracht, Schuhe gebracht. Also, er war sehr menschlich zu mir als seiner Mitarbeiterin.

Einige Male hat er sich geäußert: »Ich habe nichts gegen Juden. Ich hasse die Polacken, die verfluchten Polacken.« Das war seine Redensart. [Pause] Man hat natürlich gewußt, wenn Herr Boger ins Männerlager ging, daß dort ein Massaker stattfindet. Gesehen habe ich es nicht, denn ich war immer im Büro. Aber da hat sich so vieles herumgesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Sie sind dann geblieben dort bis zum 18. Januar 1945 und sind dann nach Ravensbrück gekommen und sind dann noch an Typhus erkrankt.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Ich hatte Hungertyphus in Ravensbrück. Wir hatten de facto nichts zu essen, aber das Stückchen Brot, das wir hatten, konnte ich überhaupt nicht mehr schlucken. [...] Und ich bin leider auch damit rausgekommen vom Lager. Meine Speicheldrüsen sind nicht in Ordnung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich möchte jetzt sogar, wenn es geht, Wasser trinken. Wenn ich bitten darf.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt? Bitte schön, Sie bekommen ein Glas Wasser geholt. Nun, Frau Zeugin, wollen wir uns doch mit Ihrer Tätigkeit bei dem Herrn Boger noch einmal ein bißchen näher befassen. Sie haben uns eben geschildert, daß der Angeklagte Boger Ihnen persönlich gegenüber niemals zu Beanstandungen Anlaß gegeben hat.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Niemals, niemals.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er Ihnen persönlich im Gegenteil manches Gute getan hat, was er strenggenommen nach seinen Vorschriften nicht hätte tun dürfen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja. Genau so.

 

Vorsitzender Richter:

Nun aber haben Sie andererseits erlebt diese Vernehmungen. Da haben Sie von einer »Sprechmaschine« gesprochen. Haben Sie diese »Sprechmaschine« einmal gesehen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Einmal im Vorübergehen, wie ich zu der grünen Baracke ging, ich kann mich kaum daran erinnern, aber ich habe durchs Fenster irgendein Gestell gesehen. Beschreiben könnte ich es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns vielleicht einmal auf dieser Karte zeigen, wo Sie Ihr Büro hatten, wo Sie geschlafen haben und wo Sie glauben, daß Sie diese Maschine da gesehen haben sollen. [Pause] Also wenn Sie vor dieser Karte stehen, da ist in der Mitte der Küchenbau. Und links, da soll die Politische [Abteilung] ihren Sitz gehabt haben. Sie waren doch im Stammlager Auschwitz, nicht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja [unverständlich] Baracken?

 

Vorsitzender Richter:

Das sind alles Baracken, diese Häuser. Und zwar sind rechts in diesen Baracken die Krankenbaracken, Baracke 20 und so weiter, wo die männlichen Kranken

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, das waren keine Baracken, sondern das waren diese steinernen Bauten.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

[unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, das lag außerhalb des Stammlagers, nicht. [...] Ich glaube, das ist ein...

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

[unverständlich] Birkenau [unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nein, hier

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ich kann das nicht erkennen, diese Baracken da. Das ist vielleicht Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Birkenau ist rechts, diese große Karte, die rechts von Ihnen ist. Das ist Birkenau. Und das hier ist das Stammlager Auschwitz. Und diese einzelnen Gebäude sind Steinbauten, wie der Herr Staatsanwalt mit Recht sagt. [...] Können Sie uns noch sagen, wo Ihr Büro war oder wo die Politische Abteilung

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Im Parterre in der Kommandantur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wo war das hier auf der Karte?

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

[unverständlich] rechts, wenn Sie reingekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo es hier auf der Karte zu sehen ist?

 

Staatsanwalt Vogel:

[Pause] Darf ich vielleicht mal behilflich sein?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das Lagertor mit der Überschrift »Arbeit macht frei«[unverständlich]

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Das war doch der Eingang zum Männerlager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

»Arbeit macht frei«. Bin ich nur angekommen [unverständlich] »Arbeit macht frei«. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Und hier war das Krematorium, das alte Krematorium.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja [unverständlich] Baracke gearbeitet, aber meistens in der Kommandantur, in dem Steinbau [unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel:

Da war der Lagerzaun und außerhalb vom Zaun die drei Gebäude [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann nehmen Sie bitte wieder hier Platz, wenn Sie es nicht mehr genau wissen. Sie haben also keine Erinnerung mehr an diese Einrichtung, die Sie uns eben mit »Sprechmaschine« geschildert haben. Wissen Sie, ob man in Kreisen der Häftlinge für diese »Sprechmaschine« auch noch einen anderen Ausdruck gehabt hat?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, das war die »Schaukel«, »Boger-Schaukel« genannt. [...] Herr Boger sagte zu den Häftlingen immer »Sprechmaschine«. »Du kommst zur ›Sprechmaschine‹, dann wirst Du schon reden.«

 

Vorsitzender Richter:

Und wie oft haben Sie das erlebt, daß ein Zeuge oder ein Mann, der vernommen werden sollte, zu dieser »Sprechmaschine« hingeführt wurde?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Zwei- oder dreimal. [...] Und es war doch nicht immer der Fall. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber in diesen Fällen ist er dann meistens auf der Tragbahre wieder zurückgebracht worden und war so zerschlagen, daß Sie gesagt haben: Ich hielt ihn schon für halbwegs tot.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ich habe ihn nicht mehr erkannt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. »Ich habe ihn nicht mehr erkannt.« War das Gesicht so zerschlagen auch?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Überhaupt, das war schon kein Mensch mehr. Er war nicht mehr zu erkennen nach dieser einen oder zwei Stunden.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was aus den Leuten geworden ist, was die für ein weiteres Schicksal hatten?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wo sind die dann hingebracht worden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Das weiß ich nicht. Ich war immer im Zimmer. Ich war bei den Vernehmungen im Zimmer.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, können Sie sich noch dran erinnern, daß eine Lilli Tofler einmal verhaftet worden ist?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Oh ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo kam die denn her, diese Lilli Tofler?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Die Lilli Tofler, sie war in der Politischen Abteilung eine Zeitlang. Und dann, glaube ich, war sie in Rajsko in der Landwirtschaft. So genau kann ich mich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wir haben, ich glaube, den Namen doch gehört von dem

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja. Aber die Lilli Tofler hatte einen Verehrer, einen Häftling. Manche Mädchen haben das gewagt, also die haben sich Briefe geschrieben und mal was zugeschickt bekommen von diesen Häftlingen. Und einmal ist ein SS-Mann gestorben, und man hat einen Kranz geschickt in die Kommandantur. Ein Häftling hat ihn gebracht. Und dieser eben, der Verehrer von Lilli Tofler, hat dort reingesteckt einen Brief für sie.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Dieser Brief ist rausgefallen im Korridor der Kommandantur und wurde von Herrn Grabner gefunden. Herr Grabner hat ihn natürlich zu Herrn Boger gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Warum?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Weil Herr Boger hatte alle solche Vernehmungen. Er war der Wichtigste dort sozusagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Herr Grabner selbst, hat der keine

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Nein, das weiß ich nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat der keine Vernehmungen gemacht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Einmal habe ich ihn bei uns gesehen, beim Adjutanten von Piłsudski, wie er den geschlagen hat, Herr Grabner. Aber daß er Vernehmungen gemacht hat, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Denn ich war bei Herrn Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Also jedenfalls ist diese Vernehmung dem Herrn Boger übergeben worden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Und sie ist also zu uns gekommen. Entsinnen kann ich mich nicht, ob sie was gesprochen hat oder nicht. Das weiß ich nicht mehr. Allerdings hat Herr Boger dann zu mir gesagt: »Die Lilli Tofler ist leider verloren, weil eben Grabner den Brief gefunden hat. Wäre es anders, vielleicht könnte ich sie retten.«[...] Und dann habe ich gehört, sie wurde in den Bunker gebracht, in den berüchtigten Bunker 11. Und dann haben wir gehört, sie wurde erschossen. Wir haben sie nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben sie nicht mehr gesehen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es auch nur vom Hörensagen, daß sie erschossen worden sein soll.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte der Angeklagte Boger im Lager Auschwitz unter den Häftlingen einen besonderen Namen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Man hat ihn genannt »Der Teufel von Birkenau«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Warum gerade »Der Teufel von Birkenau«?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, Birkenau und Auschwitz, das war dasselbe. [...] Das war in einer Entfernung von, ich weiß nicht, zwei Kilometern oder so. Auschwitz war das Stammlager.

 

Vorsitzender Richter:

Richtig.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Und das war Birkenau, das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, ich wollte nur wissen, ob er vielleicht in Birkenau besonders viel angestellt hat, daß die Leute gerade darauf kamen, ihn den »Teufel von Birkenau« zu nennen, nicht den »Teufel von Auschwitz«.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, da kann ich mich nicht äußern.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, was dort war, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber das haben Sie noch in Erinnerung, daß diese Rede so war.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja. »Teufel von Birkenau«, das war sein Zuname.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten vorhin, in zwei oder drei Fällen hätten Sie erlebt, daß er diese Leute da an der »Schaukel« so mißhandelt hätte, beziehungsweise Sie hätten die Leute nachher wieder gesehen, wenn sie zurückgekommen wären. Und wissen Sie noch, um welche Häftlinge es sich handelte?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

War es im einen Fall ein polnischer Häftling?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich glaube, das waren fast immer polnische Häftlinge, politische Häftlinge.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie glauben, es waren fast immer

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dann weiter gesagt, Sie wären damals so ergriffen gewesen durch den Anblick dieses vernichteten Menschen, daß Sie hätten laut aufweinen müssen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ich habe nicht nur einmal geheult, aber Herr Boger sagte mir: »Hier müssen Sie persönliche Gefühle ausschalten.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann haben Sie noch einen weiteren Fall geschildert, [...] wo ebenfalls ein Häftling so zugerichtet worden sein soll, daß nach Ihrer Meinung – wie Sie damals ausgesagt haben – dieser Häftling gar nicht mit dem Leben davongekommen sein dürfte.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, so einen Eindruck hatte ich ganz bestimmt, weil er so ausgesehen hat. Ich dachte, vielleicht lebt er noch eine Stunde, vielleicht zwei Stunden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Diesen Eindruck hatten Sie damals?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, diesen Eindruck hatte ich.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch ab und zu entsetzliche Schreie von Häftlingen gehört?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Oh ja, das habe ich auch gehört. Sie schrien »Jesus!«. Das waren meistens polnische. Sie wurden gefoltert. Aber das kann ich nicht sagen, ob das gerade von Herrn Boger war. Denn es waren auch ein Herr Broch und Herr Lachmann, [...] die haben auch gefoltert.

 

Vorsitzender Richter:

Wie war der andere Name? Broad?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Broch und Herr Broad. [...] Aber der Herr Lachmann war grausam genug. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Also den Herrn Lachmann, den kennen wir nicht, und das können wir jetzt im Augenblick nicht

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Und ein Herr Broch, das war ein großer Schläger. Ein robuster, großer Mann. Das war ein bekannter Schläger. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Also dieser Herr Broch ist nicht identisch mit dem Herrn Broad?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, haben Sie auch schon einmal etwas gehört davon oder gesehen, daß auf Veranlassung von oder durch den Angeklagten Boger direkt Leute erschossen worden sind?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ob ich das gesehen habe?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Gesehen nein. Sehen konnte ich das nicht. Das hat sich doch abgespielt im Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Im Männerlager?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Das konnte ich nicht sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Also bei der Vernehmung eventuell ist niemand erschossen worden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. Nein. [...] Absolut nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Absolut nicht.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. In meiner Gegenwart nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ist denn in Ihrer Gegenwart ein Mensch so geschlagen worden, daß sie annehmen mußten, daß er nicht mehr mit dem Leben davonkommt?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, nein, das habe ich auch nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist denn überhaupt in Ihrer Gegenwart geschlagen worden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Oh ja. Ja, geohrfeigt. Geohrfeigt und mit den Stiefeln getreten und gestoßen.

 

Vorsitzender Richter:

Gestoßen, geohrfeigt

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja, und so zum Gesicht ganz nahe gekommen. Der war schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Furchterregend.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ganz verwirrt davon.

 

Vorsitzender Richter:

Und das geschah jeweils durch den Angeklagten Boger?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nicht jedes Mal. [...] Das kann ich nicht behaupten.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern da war auch dieser

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Wenn ein Häftling nicht aussagen wollte [...] oder wenn er nach dem Begriff von Herrn Boger was sehr Schlimmes getan hat und er mußte von ihm rausbekommen, was das war, dann war er auch schlimm. Er hat sogar einmal zu mir gesagt, wie ich so geheult habe: »Hier müssen Sie persönliche Gefühle ausschalten.« Und: »Ich bekomme auch einen Auftrag von RSHA, die Vernehmung durchzuführen. Auf welche Art und Weise ich das mache, geht sie nichts an. Ich muß zu meinem Ziel kommen.« Ich habe das so quasi als Entschuldigung empfunden oder so.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, können Sie sich erinnern, daß ein polnischer Häftling namens Borek einmal gefaßt worden ist? Dann erzählen Sie uns das bitte.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja, ja. Der Borek, das war ein junger Pole. Angeblich hat er Radio gehört und Nachrichten aus dem Lager geschmuggelt. Er wurde zu Herrn Boger gebracht. Der wollte aber kein Wort aussagen. Also so wie die Wand nicht antwortet, hat er nicht geantwortet. Herr Boger sagte zu mir auf deutsch, und ich mußte dolmetschen: »Sagen Sie ihm doch, er möchte doch was aussagen in dieser Sache.« Ich habe Herrn Borek gesagt: »Herr Borek, Sie wissen gar nicht, was auf dem Spiel steht. Es geht um Ihr Leben. Sagen Sie doch aus.« Nein, es war nichts zu machen. Dieser Borek – hat man dann gewußt – wurde erschossen oder aufgehängt, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Hat denn der Angeklagte Boger bei diesem Borek auch diese »Schaukel« angewandt und diese Folter angewandt?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Das weiß ich nicht, und das glaube ich sogar nicht. Er hat ihn gar nicht malträtiert. [...] Es war einfach nichts aus ihm rauszubekommen. Er hat nicht den Mund geöffnet.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, ich meine, in solchen Fällen war doch, wie Sie uns geschildert haben, der Angeklagte Boger sehr hart, nicht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, bei Borek nein. [...] Ich erinnere mich. Er hat ihn nicht mißhandelt.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht geschlagen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer früheren Vernehmung ausgesagt, es sei dann dieser Borek im Lager öffentlich aufgehängt worden.1

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, das hat sich rumgesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das hat sich herumgesprochen. Sie selbst können nicht sagen

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Nein, ich kann das nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie, wer und wann das gewesen ist. Ja. [Pause] Nun haben Sie einmal ausgesagt, am 10. Dezember 1959, vor dem Herrn Staatsanwalt Kügler: »Ich habe das, was ich dort gesehen und gehört habe, nicht fassen und nicht verarbeiten können. Dies mag ein Grund dafür sein, daß ich heute nicht mehr in der Lage bin, besondere Einzelheiten, die mir damals vielleicht bekanntgeworden sind, wiederzugeben.« 2

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So haben Sie damals gesagt.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Im Jahre 59?

 

Vorsitzender Richter:

59. Können Sie inzwischen aufgrund Ihres Gedächtnisses noch etwas mehr sagen, als was Sie uns bisher gesagt haben? Oder können Sie sich wirklich auf sonst nichts mehr erinnern?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich müßte nachdenken. Ich weiß nicht, was sonst zu erzählen wäre.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Waren Sie selbst einmal acht bis neun Monate im Zigeunerlager?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum waren Sie dort, und bei wem waren Sie dort, und was haben Sie dort gemacht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Oh ja. Das war folgende Geschichte: Wir hatten eine Kapo, die hat Spitzeldienste geleistet für die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie hieß die? [...]

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Edith.

 

Vorsitzender Richter:

Also Edith mit Vornamen, damit wir sie nur nachher identifizieren können.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Edith. Die war Kapo der Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was hatte die für Aufgaben?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Sie? Was für Aufgaben sie hatte?

 

Vorsitzender Richter:

Als Kapo.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Na ja, sie ist vorne gegangen, hat das ganze Kommando geführt, hat alle möglichen Befehle gegeben, hat uns bewacht. Und zu den Slowakinnen hat sie gehalten, aber die Polen konnte sie nicht dulden.

 

Vorsitzender Richter:

Was war sie denn für eine Landsmännin?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Eine Slowakin.

 

Vorsitzender Richter:

Sie war eine Slowakin?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Mich konnte sie nicht dulden. Weil erstens habe ich Sprachen gekonnt. Und sie war von Beruf, glaube ich, eine Schneiderin, und ich habe richtige Qualifikationen gehabt. Dann war sie sehr häßlich und wollte sich an mir rächen. Und sie hat mir eine Meldung gemacht, ohne irgendwelchen Grund. Eine Meldung, daß ich nicht richtig Staub abwische. Es war nämlich eine Zeit im Lager, in der wir, bevor wir die Büroarbeit angefangen haben, auch Staub abwischen mußten in dem Zimmer. Also, sie machte mir so eine Meldung. Diese Meldung hat dazu geführt, daß man in eine Strafkompanie versetzt wurde. Und was eine Strafkompanie war, hat jeder gewußt. Mehr wie drei Tage würde ich dort wahrscheinlich nicht aushalten.

Eines Tages bin ich nicht ausgerückt mit dem Kommando vom Stabsgebäude. Ich wußte nicht, was das bedeuten soll. Ich habe durch andere, die doch zweimal am Tag ins Stabsgebäude zurückkamen, erfahren: Die Edith hat dort erzählt, ich sei krank. Was natürlich nicht gestimmt hat. Sie wollte natürlich nicht, daß das zur Kenntnis von Herrn Hauptscharführer Westphal kommt. Zu dieser Zeit war Herr Boger, ich glaube, zu irgendeinem Offizierskursus geschickt worden oder so was. Genau weiß ich das nicht. Und ich wurde dann überstellt zu Herrn Hauptscharführer Westphal, der zwar dem Rang nach höher war, aber ihm das Wasser nicht reichen konnte. Er hatte nicht solche wichtigen Vernehmungen wie Herr Boger. Also, ich bin geblieben im Stabsgebäude, ganz verzweifelt. Wie das zustande kam, weiß ich nicht. Herr Boger ist gerade zurückgekommen. Er war bei Herrn Westphal, hat wahrscheinlich davon erfahren, und die beiden Herren – also der Herr Boger und Herr Westphal – haben es durchgesetzt bei der Lagerältesten Drechsler, daß ich nicht in die Strafkompanie gehe. Also sozusagen die beiden haben mir das Leben gerettet, kann ich behaupten. Ich wurde dann ins Zigeunerlager in die Politische Abteilung überstellt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war dort der

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Zeitweise war es auch Herr Boger, dann Herr Lachmann. Es war dort, glaube ich, auch Herr Broad, aber ich habe nicht mit ihm gearbeitet. Und ein kleiner Unterscharführer Hoffmann. Dort hat man auch genauso Vernehmungen gemacht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nun, können Sie sich noch entsinnen, wie in diesem Zigeunerlager vergast wurde?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ach, daran kann ich mich nicht ganz genau erinnern. Aber ich weiß noch, einmal in der Nacht – wann es war, kann ich nicht sagen. Wir waren immer drei jüdische Frauen von der Politischen Abteilung. Mitten in der Nacht haben wir was Furchtbares gehört: Schreie und ein Jammern und Flüche. Aber ich kann mich eben nicht entsinnen, ich habe schon nachgedacht: Wie hat das Zigeunerlager am nächsten Tag ausgesehen? Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Am nächsten Tag haben wir gehört, das ganze Zigeunerlager wurde vergast. Und das waren eben das Jammern und diese Schreie und diese Flüche inmitten der Nacht. Ja, da waren wir ganz erschüttert. Die ganze Nacht haben wir nicht geschlafen, und dann haben wir gehört, das war die Vergasung vom Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben vorhin wiederholt den Namen Broad genannt. Was wissen Sie von ihm?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich habe nie mit ihm gearbeitet. [...] Da kann ich mich gar nicht äußern.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man von ihm auch so eine schlechte Meinung gehabt wie von dem Angeklagten Boger?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. Nein. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie überhaupt etwas von ihm gehört, was er getan hat und was er nicht getan hat?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

[Pause] Da kann ich mich gar nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da können Sie sich auf nichts erinnern.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sind vom Gericht noch Fragen zu stellen?

 

Richter Perseke:

Ja, ich habe eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Richter Perseke:

Sie sagten eingangs, wenn ich Sie richtig verstanden habe, daß Sie das Protokoll geführt hätten. Habe ich Sie da richtig verstanden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Dort im Lager? Ja.

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Sie haben gedolmetscht und haben Protokoll geführt.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Richter Perseke:

Wurde denn bei den Vernehmungen Protokoll geführt?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Vielleicht habe ich mich unrichtig ausgedrückt. Ich habe protokolliert, das heißt, Herr Boger hat gefragt den Häftling. Der Häftling hat geantwortet, und dann wurde es geschrieben.

 

Richter Perseke:

Also Sie haben das schriftlich festgehalten?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja.

 

Richter Perseke:

Mit der Schreibmaschine geschrieben?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Satz nach Satz. [...] Manchmal habe ich auch stenographiert, aber meistens direkt in die Maschine. Satz nach Satz, so war das.

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Satz nach Satz diktiert. Und wurde das den Häftlingen danach noch mal vorgelesen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja. Es wurde vorgelesen, oder er hat selbst gelesen. Und dann hat er unterschrieben.

 

Richter Perseke:

War bei diesen Vernehmungen der Herr Boger allein, oder waren da auch noch andere SS-Leute dabei?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, nein, er war allein.

 

Richter Perseke:

Er war allein.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Er, ich als Protokollantin und der Häftling. Nur einmal war die Sache mit dem Adjutanten von Piłsudski, da ist Herr Grabner dazugekommen. Dann [unverständlich] da hatte er einen Schlüsselbund, enorm groß. Und da hat er so herumgefuchtelt an seinem Gesicht, hat ihn ga nz verrückt gemacht. Und geschlagen wurde er auch. Jetzt kann ich mich nicht erinnern, ob Herr Boger dabei geholfen hat. Da kann ich mich nicht erinnern. Aber von Herrn Grabner weiß ich es ganz genau.

 

Richter Perseke:

Und sind Sie sicher, daß der Angeklagte Boger nur zwei- bis dreimal etwa zur »Sprechmaschine« mit einem Häftling gegangen ist? [...] Oder kann es möglich sein, daß er auch öfter zur »Sprechmaschine«

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja, das könnte sein, aber ich kann mich nicht entsinnen. Auch

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Sie haben heute nur in Erinnerung, daß er zwei- bis dreimal

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja, das, was ich gesehen habe. Es waren doch nach mir noch andere, die mit Herrn... Ich habe am längsten mit ihm gearbeitet.

 

Richter Perseke:

Wie lange haben Sie denn mit ihm zusammen gearbeitet?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Circa zwei Jahre, glaube ich. [...]

 

Richter Perseke:

Und nach Ihrer heutigen Erinnerung können Sie nur noch von zwei bis drei Fällen sagen, daß er zur »Sprechmaschine« gegangen ist.

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja, ja, soweit ich mich erinnere, ja.

 

Richter Perseke:

Aber Sie können nicht ausschließen, daß es öfter vorgekommen ist?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich kann mich nicht entsinnen. [...]

 

Richter Hotz:

Frau Rosenthal, haben Sie nur für den Angeklagten Boger gedolmetscht und geschrieben oder auch für andere Mitglieder der Politischen Abteilung?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Auch für andere.

 

Richter Hotz:

Und wenn Sie für Herrn Boger geschrieben und gedolmetscht haben, hat es sich dabei gehandelt ausschließlich um die Vernehmung von polnischen Gefangenen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Meistens ja. Weil, Juden waren das nicht. [...]

 

Richter Hotz:

Meistens polnische Gefangene.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Denn meistens waren das polnische politische Häftlinge, die in der Freiheit sich in der Untergrundbewegung betätigt haben oder so. Oder andere Häftlinge, die eine Flucht unternommen haben und dann wieder zurückgebracht wurden. Da war eine Vernehmung.

 

Richter Hotz:

Ja, danke.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie überhaupt nichts von Erschießungen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

[Pause] Also

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie sagten vorhin, die Erschießungen sind im Männerlager vorgekommen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie davon?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Man hat davon gesprochen. An der SchwarzenWand.

 

Vorsitzender Richter:

An der Schwarzen Wand?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, es wurden Häftlinge erschossen. Es wurden doch so viele erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Wurden so viele erschossen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Davon hat man auch gesprochen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Natürlich hat man davon gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Und hat man auch gesagt, warum diese Leute erschossen worden sind?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Entweder war es nach Vernehmungen, entweder waren sie politisch verdächtig oder – ich weiß nicht. Es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie einmal gesehen, daß man von Berlin aus einen Befehl gehabt hat, die Leute zu erschießen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Daran kann ich mich auch nicht genau entsinnen. Ich glaube, es sind gekommen solche roten Bogen. Dort war die Exekution [unverständlich].

 

Vorsitzender Richter:

Angeordnet.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Aber ich kann mich auch nicht so erinnern. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diese Erschießungen in allen Fällen von Berlin mit diesen roten Bogen angeordnet worden waren oder ob das nur manchmal gewesen ist?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich glaube, daß alles vom RSHA gekommen ist, von Berlin. Ich glaube so. [...] Zu den Vernehmungen, denn die Häftlinge wurden doch vernommen. Und dann wurde das wahrscheinlich nach Berlin geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagen »wahrscheinlich«.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich glaube, wahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es selbst nicht gemacht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. Nein. Da weiß ich jetzt nicht. Da

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage des Gerichts? Keine Frage mehr? Keine Frage mehr? Bitte, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Frau Rosenthal, ist Ihnen noch der Ausdruck in Erinnerung »Verschärfte Vernehmungen«? [...]

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, davon weiß ich nichts.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich darf Ihnen vorhalten: Sie haben protokolliert bei Vernehmungen schlechthin. Der Häftling wurde vorgeführt, wurde vernommen, und Sie haben Protokoll geführt.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es war nun hier verschiedentlich schon die Rede davon, daß in Fällen, wo die Häftlinge nicht von sich aus etwas aussagen wollten oder wo der Vernehmende glaubte, sie würden nicht die Wahrheit sagen, eine »Verschärfte Vernehmung« durchgeführt wurde, das heißt die Häftlinge wurden geohrfeigt, geprügelt, mißhandelt. Haben Sie bei solchen Vernehmungen oder nach solchen Mißhandlungen auch Vernehmungen protokolliert?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

[Pause] Ich habe bereits gesagt, ich habe gesehen, daß sie wurden geohrfeigt und gestoßen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und getreten.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und getreten.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Das habe ich gesehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und in Fällen, wo auch diese Mittel nicht zum Ziel kamen, wurden die Häftlinge zur »Sprechmaschine« gebracht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, ja. Also, ich habe das zwei- oder dreimal so

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja, und wurden die Häftlinge nach dieser Mißhandlung auf der »Schaukel« dann ebenfalls noch einmal vernommen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Na, die waren eben nicht vernehmungsfähig.

 

Staatsanwalt Vogel:

Die waren nicht mehr vernehmungsfähig?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein, nein, die waren so zugerichtet, die waren nicht vernehmungsfähig.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also zu einer Vernehmung nach dieser Bekanntschaft mit der »Schaukel« ist es dann überhaupt nicht mehr gekommen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Dann möchte ich Ihnen noch vorhalten: Bei Ihrer allerersten Vernehmung im Februar 1959, auf Blatt 514 der Akten, haben Sie erklärt: »Meiner Beobachtung nach hat Boger fast ausschließlich diese sogenannte Sprechmaschine bei Häftlingen angewendet. Ich kann mich auch weiter daran entsinnen, daß wir entsetzliche Schreie von Häftlingen hörten, die auf dieser ›Schaukel‹ von Boger bearbeitet wurden.« 3

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ist vorgehalten worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Rechtsanwalt, gestatten Sie, daß ich gleichwohl den Vorhalt mache. Nach dieser Formulierung scheint es zumindest in Ihrer damaligen Erinnerung so gewesen zu sein, daß es mehr als nur zwei oder drei Fälle waren. Sonst hätten Sie kaum damals etwas Derartiges erklären können.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich kann mich

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Können Sie sich beim besten Willen heute nicht mehr genauer entsinnen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ich kann mich jetzt nicht genau entsinnen. Ich bin doch mal in die grüne Baracke gegangen, Akten holen oder so. Da habe ich furchtbare Schreie gehört, dort, in der Baracke. Aber das war nicht während der Vernehmung. Sagen wir, ich mußte Akten holen oder so was, kann ich mich heute auch nicht entsinnen, was das war, weswegen ich in die Baracke geschickt wurde. Und wie ich dann in den Korridor kam, da hörte ich furchtbare Schreie und Jammern.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie etwas darüber sagen, oder können Sie das erklären, wie es damals zu dieser Aussage gekommen ist, daß Boger fast ausschließlich diese »Sprechmaschine« benutzt hat? Das heißt also zum mindesten ständig oder öfters, jedenfalls mehr als zwei- bis dreimal. Oder wissen Sie da heute nichts mehr?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ob er sie ständig benutzt hat, das weiß ich nicht. Da kann ich mich auch nicht äußern. Denn es waren doch Vernehmungen, wo das gar nicht nötig war. Es waren doch Häftlinge, die ausgesagt haben. Da war die »Sprechmaschine« nicht nötig. Das hat er benutzt nur in Fällen, wo Herr Boger glaubte, daß der Häftling nicht sprechen will oder daß er lügt. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie oft war das der Fall?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] zum vierten Mal gefragt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, es ist mir unverständlich, daß die Zeugin früher – und das möchte ich nochmals vorhalten und damit auch zum Schluß meiner Befragung kommen, Herr Verteidiger – gesagt hat, er hat ausschließlich diese »Sprechmaschine« benutzt. Und heute sagt sie noch, zwei- bis dreimal. Ich glaube, Sie können mir ruhig gestatten, daß ich

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ausschließlich, das

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Herr Staatsanwalt, es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Frau Zeugin, es hat vielleicht folgendes Mißverständnis

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ja, das glaube ich nicht, daß ich das sagen konnte, daß er ausschließlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein. Es ist vielleicht so gemeint gewesen von Ihnen: Er war der einzige von allen Vernehmenden, der diese »Schaukel« benutzt hat. Die anderen haben die »Schaukel« überhaupt nicht benutzt.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Wahrscheinlich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, dann ist das geklärt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Denn Sie haben damals gesagt: »Meiner Beobachtung nach hat Boger fast ausschließlich«, das heißt mit Ausnahme, die anderen waren ausgeschlossen, die anderen Vernehmenden, nicht daß er bei jeder

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja eben, soll das heißen, daß allein Boger die »Schaukel« benutzt hat, oder?

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Vorsitzender, es heißt weiter, was vorgehalten, glaube ich, werden sollte, und zwar auf Seite 514: »Nur hinsichtlich Lachmann kann es sein, daß auch dieser die ›Schaukel‹ bei Häftlingen anwendete.« 4 Das ist der Zusammenhang.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Schön. Noch eine Frage, Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Wissen Sie heute noch etwas darüber zu sagen, ob nur Boger die »Schaukel« benutzt hat? Wollten Sie das damals zum Ausdruck bringen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, es war bekannt, daß Herr Boger die »Schaukel«benutzt hat, ja.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Gut, danke schön. Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, haben Sie vorher schon ein sehr schlechtes Gedächtnis gehabt, oder haben Sie im Lager nervliche oder Gedächtnisschäden erlitten?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Natürlich. Natürlich habe ich jetzt nicht so ein gutes Gedächtnis, wie ich vor dem Lager hatte. Aber das, was sich mir eingeprägt hat, was ich im Kopf habe, das weiß ich ganz genau.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Zu wieviel Prozent sind Sie denn erwerbsgeschädigt nach den Entschädigungsbestimmungen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Was ist das, wie heißt das?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben doch wahrscheinlich Entschädigung bekommen – Gesundheitsschaden – für das, was Sie durchgemacht haben. Wie hoch ist da der Grad Ihrer Erwerbsminderung festgesetzt worden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Meine Erwerbsminderung ist 50 Prozent. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sind da nervliche Schäden oder körperliche Schäden?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Vom Lager habe ich das, daß ich zum Beispiel Angst habe, mit dem Aufzug zu fahren, weil ich immer das Gefühl habe, ich komme nicht raus, ich werde eingeschlossen. Und dann, sagen wir, in einem Kaffeehaus auf einer Toilette schließe ich mich auch nicht ein. Und letztens zum Beispiel hat mich ein Arzt geschickt zum Röntgen, da war der Arzt im elften Stock. Gehen konnte ich nicht in den elften Stock, ich mußte meine Freundin bitten, daß sie mit mir fährt. Es war überhaupt nicht auszudenken, daß ich in den Lift reinkomme, weil ich immer das Gefühl habe, die Angst, die furchtbare Angst habe, daß ich nicht rauskomme.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sagen Sie, Frau Zeugin, haben Sie heute hier in diesem Saal, bei diesen Aussagen hier, in Gegenwart von Herrn Boger, auch Angst?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. Wie ich reingekommen bin, da hat mir furchtbar das Herz geklopft. Ich konnte mich kaum beherrschen. Aber jetzt hat sich das gelegt. Ich war einfach aufgeregt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Herr Rechtsanwalt Ormond möchte wissen, ob die Gegenwart des Angeklagten Boger Sie irgendwie verwirrt oder ob Sie wünschen, daß wir ihn solange heraustun, solange Sie Aussagen machen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein. Nein, absolut nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Daß Sie vielleicht uns etwas noch sagen könnten, wenn er nicht dabei wäre. Absolut nicht?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, hat der Angeklagte Boger oder haben andere Angehörige der Politischen Abteilung, die Sie gekannt haben, an den Selektionen teilgenommen? [Pause] Verstehen Sie meine Frage?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Die Häftlinge an den Selektionen?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nein, ob der Angeklagte Boger oder andere SS- Leute der Politischen Abteilung, für die Sie geschrieben haben, an den Selektionen auf der Rampe teilgenommen haben.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Das kann ich nicht sagen, denn ich war im Büro. Ich kann nicht wissen, ob Herr Boger zur Rampe ging. Aber es hat sich das rumgesprochen, daß die SS-Männer zur Rampe gingen und bei den Selektionen waren. Das hat sich rumgesprochen. Ich habe es nicht mit meinen Augen gesehen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nein. Aber es könnte ja sein, daß Sie beim Diktat gewesen sind, bei dem einen oder dem anderen von der Politischen Abteilung, und daß dann ein Transport angekündigt wurde, daß das Diktat unterbrochen wurde und der Betreffende dann Rampendienst gemacht hat. Erinnern Sie sich an solche Vorfälle?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Also Herr Boger hat sich nicht nur einmal entfernt vom Büro auf seinem Motorrad. Aber er hat uns doch nicht erzählt, wohin er geht. Und ich habe auch nicht gefragt. Ich konnte nicht wissen, wohin. Er hat viele Male sich entfernt, hat unterbrochen zum Beispiel eine Vernehmung und ist auf seinem Motorrad weggefahren. Aber ich wußte nicht, wohin.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe eine letzte Frage an Sie: Haben Sie Angehörige in Auschwitz, nahe Angehörige, verloren?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ob direkt in Auschwitz oder in Treblinka – aber natürlich.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wen?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Meine Geschwister, meine Mutter [Pause] und viele.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Auch Ihren Verlobten, Ihren damaligen? [...]

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Ja, das habe ich auch. Da war ich fünf Tage vor der Trauung. Er war kein Jude. Die Trauung war angemeldet, da wurde ich in seiner Wohnung mit ihm zusammen von der Gestapo gefaßt. Und es ist eben zu der Trauung nicht gekommen. Er ist vom Lager nicht zurückgekommen. Er war auch vorübergehend in Auschwitz, er wurde dann nach Mauthausen gebracht und dann vom Felsen runtergeschmissen. Das haben mir seine Eltern erzählt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe keine Frage, Herr Vorsitzender, danke.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine einzige Frage. Frau Zeugin, können Sie uns sagen – es ist natürlich schwer –, wann der Herr Boger bei dem Offizierslehrgang gewesen ist?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Wann konnte das sein? Also im Jahre 44 war ich im Zigeunerlager. Das muß, glaube ich, im Jahre 43 gewesen sein. Denn

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Herbst? Sommer? Große Begriffe.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Weiß ich nicht. Ich weiß nur, ich bin dann gekommen zum Hauptscharführer Westphal. Aber wahrscheinlich war das im Jahre 43. Denn 44 war ich schon im Zigeunerlager und habe auch eine kurze Zeit für Herrn Boger dort gearbeitet. Ich kann mich auch nicht entsinnen, was wieder dort war, warum er aufgehört hat. Ich habe auch eine Zeitlang mit Herrn Lachmann gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Kann es vielleicht Ende 43 bis zum Februar 44 gewesen sein?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja, das könnte sein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wäre möglich, ja. [...]

 

Verteidiger Aschenauer:

Ansonsten nur eine Anregung: Vielleicht wäre es der Zeugin möglich, eine Skizze über die Räumlichkeiten beziehungsweise die grüne Baracke im Zusammenhang mit den Büroräumen des Herrn Boger zu machen. Denn ich glaube, daß wir in der nächsten Zeit diese Räumlichkeiten brauchen würden.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Also von Zeichnen kann keine Rede sein, weil ich nicht zeichnen kann.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ja, ja, Sie brauchen nicht zeichnen, sondern

 

Zeugin Maryla Rosenthal [unterbricht]:

Ich kann nicht zeichnen. Ich kann nichts dafür, aber ich kann nicht zeichnen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun, Herr Rechtsanwalt Aschenauer, wie wäre es, wenn der Angeklagte Boger eine solche Zeichnung herstellen würde, und die Zeugin würde sich dazu äußern, ob sie stimmt?

 

Verteidiger Aschenauer:

Einverstanden, es wäre eine Lösung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Sind sonst noch Fragen zu stellen, a) von der Verteidigung, b) von den Angeklagten? Wollen Sie etwas dazu sagen? Nichts sagen. Frau Zeugin, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ja. Ich habe die Wahrheit gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben die Wahrheit gesagt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Zuerst die Skizze. [...] Vielleicht wenn wir unterbrechen auf eine kurze Zeit.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Ach, überhaupt, ich orientiere mich schlecht in Zeichnungen. Sie haben gesehen, ich konnte mich nicht orientieren dort in dieser.

 

Vorsitzender Richter:

Weiß ich, habe ich gesehen.

 

Zeugin Maryla Rosenthal:

Also mit Zeichnen bin ich ganz

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Nun also, wenn Sie wünschen, Herr Doktor Aschenauer, wollen wir es trotzdem probieren.

 

Verteidiger Aschenauer:

Machen wir den Versuch.

 

Vorsitzender Richter:

Machen wir den Versuch.

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Wir können auch unterbrechen.

 

Vorsitzender Richter:

Dann soll der Angeklagte Boger jetzt diese Zeichnung herstellen, und wenn es soweit ist, sagen Sie mir dann Bescheid. Wir machen vorläufig bis fünf Minuten nach halb zwölf eine Pause.5

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 22.02.1959 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 4, Bl. 515.

2. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 10.12.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 20, Bl. 3.183.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 22.02.1959 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 4, Bl. 514.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 22.02.1959 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 4, Bl. 514.

5. Vgl. die beiden Skizzen des Angeklagten Boger, Anlage 2 und 3 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 13.03.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96.

 

 
 
 
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