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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

96. Verhandlungstag, 2.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Alex Rosenstock

 

Vorsitzender Richter:

Daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts. Herr Rosenstock, Sie waren in Auschwitz. Wann sind Sie denn hingekommen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Im März 42. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Im März 1942. Können Sie uns ganz kurz sagen, wieso das gekommen ist? Wo sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich bin geflüchtet von Polen nach der Slowakei. Ich wurde verhaftet in der Slowakei. Ich wurde mit dem bald ersten Transport nach Auschwitz geschickt im Jahre 42.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch ungefähr den Monat?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war Ende März 42.1

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie viele Menschen ungefähr diesem Transport angehört haben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

1.000 Personen.

 

Vorsitzender Richter:

1.000 Personen. Und wissen Sie, wo dieser Transport ausgeladen worden ist?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Der ganze Transport ist ins Lager gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber doch sicher vor dem Lager ausgeladen worden.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Vor dem Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nicht selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht selektiert.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann wohin gekommen, auf welchen Block?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auf Block 18.

 

Vorsitzender Richter:

Block 18.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auschwitz I.

 

Vorsitzender Richter:

Auschwitz I. Und wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Bis Juni 42.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Juni 42. Und wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Birkenau. Wohin?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Block 15.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welches Lager in Birkenau?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

BII1.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Darf ich es zeigen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn Sie wollen, ja. [Pause] Nein, nein, Sie sind schon richtig, Herr Zeuge. Ja. [Pause] Ah, da oben. Ja, BIb.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

BIb.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie lange blieben Sie dort?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Drei Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Dann bin ich auf den Block 12 gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Block 12. Auch BIb?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

BIb.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange waren Sie dort?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Bis Frühjahr 43.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr 43. Und wo sind Sie dann hingekommen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auf Block 31.

 

Vorsitzender Richter:

Auf?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

In BIId. Das ist hier, bitte. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange blieben Sie dort?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Bis zum 18 Januar 45.

 

Vorsitzender Richter:

Also bis zur Auflösung des Lagers.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann wollen Sie bitte wieder Platz nehmen. Herr Zeuge, womit sind Sie beschäftigt worden in dieser Zeit? Was haben Sie arbeiten müssen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe alle schwarzen Arbeiten gemacht bis zum Jahr 43 im Frühjahr, [+ von da an] habe ich in der Zahnstation gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr 1943, das heißt also, wie Sie auf den Block 12 kamen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auf dem Block 12 noch nicht. Da habe ich nur als Hilfspfleger gearbeitet. Damals sollte man gründen die Zahnstation.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich wurde ausgewählt durch Untersturmführer Rohde und Herrn Teuber, Zahnarzt. [...] Ich sollte dort als Dentist arbeiten. Die Zahnstation wurde noch nicht gebildet. Habe ich als Hilfspfleger geholfen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und als dann die Zahnstation gebildet wurde, wann war das?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war im März 43.

 

Vorsitzender Richter:

März 43, da waren Sie also auch auf Block 12.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, das war schon Block 31.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, richtig, jawohl. Auf Block 31, da kamen Sie dann in die Zahnstation. Würden Sie uns zunächst sagen, wo diese Zahnstation war, wo Sie gearbeitet haben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich möchte Sie bitten, mir die Frage genauer zu stellen. Im Block wieviel, an welcher Stelle?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also zunächst

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Auf welchem Platz?

 

Vorsitzender Richter:

Ob das in Auschwitz I oder Auschwitz II war?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, die Zahnstation war in BIId, Stammlager, in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das ist in Birkenau gewesen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie eben sagten: im Stammlager. Also in Birkenau BIId, dort war die Zahnstation

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Die Zahnstation.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welchem

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Auf Block 31.

 

Vorsitzender Richter:

Wo Sie auch gewohnt haben.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Dort, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind also nicht etwa in die Zahnstation gekommen in Auschwitz I, ins Zahnrevier oder SS-Zahnstation, da waren Sie nicht.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern Sie waren nur in BIId. Wer war der Leiter dieser Zahnstation?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Doktor Frank.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Frank. War der dort ausschließlich beschäftigt, oder war er noch woanders tätig?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Er hatte auch Nebenzahnstationen. Im Frauenlager war eine kleine Zahnstation. Im Familienlager, im tschechischen, war auch eine kleine Zahnstation. Und eine gewisse Zeit war eine kleine Zahnstation in Lager c2, dem ungarischen Lager, Frauenlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun nehme ich an, daß doch die Häftlinge wohl ausschließlich von Häftlingszahnärzten

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Von Häftlingen, nur von Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Nur von Häftlingszahnärzten behandelt wurden.Was hatte er da überhaupt zu tun dann dort noch?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Er pflegte zu kommen einmal in der Woche, das war jeden Dienstag. Es hieß – das heißt für Arztvormelder – ich soll ihm vorbereiten Häftlinge, vorweisen, ob die Prothesen benötigen oder nicht. Er kam immer zwei, drei Minuten. Ist immer weg. Die Zahnstation hat sich alleine geführt. Wir haben alleine gesorgt für unser Material, und wir haben sie alleine aufgebaut.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie, wissen Sie, ob Doktor Frank auch etwas zu tun gehabt hat mit dem Gold, was da von den Leichen entfernt worden ist?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe oft gesehen, wenn ich Doktor Frank zum Rote-Kreuz-Wagen begleitet habe, Kisten mit Goldzähnen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren diese Kisten offen, daß Sie das sehen konnten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Sie waren offen.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren offen. Haben Sie reingesehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe reingesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch gesehen, daß Doktor Frank auf der Rampe irgendwelche Selektionen durchgeführt hat?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wollen Sie uns mal näher erzählen, wieso Sie dorthin gekommen sind, von wo aus Sie es gesehen haben und was er getan hat?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war bei den Ungarn-Transporten im Jahre 44. Ich kann nicht feststellen genau, ob es war Juni, Juli. Aber in den Sommermonaten. Ich habe ihn circa fünfmal gesehen selektieren bei Tag und einmal bei Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie denn da?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich war im Waschraum.

 

Vorsitzender Richter:

Im Waschraum Ihrer Baracke 31.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nicht in Baracke 31. Es waren zwei Blocks Waschräume im Lager. Das war vor dem Block 31. Darf ich es Ihnen zeigen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön. Moment, Herr Zeuge, sind Sie da richtig?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

D, d.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Entschuldigen Sie, ja, da.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also der letzte Block vor der Bahnrampe.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte der ein Fenster nach der Bahnrampe zu?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie konnten Sie dann nach der Bahnrampe sehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

[Pause] Hier war eine Tür. Da war von einer Seite eine Tür, und von der zweiten Seite war eine Tür. Durch diese Tür habe ich es gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun erzählen Sie näher. Bei diesen Selektionen, die Sie beobachtet haben, hat da der Eisenbahnzug noch dagestanden?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Hat noch dagestanden. Hat der Eisenbahnzug zwischen Ihnen und den Menschen gestanden, oder war er links, und die Menschen standen rechts?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Die Menschen standen vor dem Zug. Das war immer eine Frage, wie der Transport gekommen ist. [...] Es waren drei Gleise auf der Rampe. Wie nach dem Transport ist der Zug angekommen. Auf dem ersten Gleis, wenn er ist gekommen, konnte ich es nicht sehen. Wenn er ist auf dem zweiten Gleis gekommen, konnte ich es sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und beim dritten auch.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Transporte, die Sie haben ankommen sehen, die standen auf welchem Gleis?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auf dem zweiten.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Transporte sind fünfmal bei Tag und einmal bei Nacht angekommen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich gebe diese Zahl lieber niedriger an, ich will es nicht aufblasen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollen nicht übertreiben, aber Sie sagen, das ist die Mindestzahl, an die Sie sich erinnern. War die Rampe bei Nacht beleuchtet?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und erzählen Sie nun, von wann ab Sie Ihre Beobachtungen gemacht haben, ob Sie die ganze Zeit gesehen haben oder nur einen Augenblick?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, ich habe die Beobachtungen gemacht. Ich habe mich vorbereitet zu einer Flucht. Ich wollte mir Material sammeln über alles, mit dem ich in Kontakt war. Die Flucht ist nicht gelungen. Ich habe angefangen, mir verschiedene Skizzen zu machen. Leider habe ich sie nicht. Also ich habe es genau beobachtet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wollen Sie jetzt mal erzählen, was Sie beobachtet haben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Also wenn der Zug angekommen ist, hat man lassen die Leute aussteigen, die Bagage weglegen vor dem Zug, gruppenweise. Die Frauen und Kinder separat und die Männer separat. Es waren manchmal vier in einer Reihe, es waren manchmal fünf in einer Reihe. Bei den Frauen ist gestanden ein SS-Offizier, und auch bei den Männern ist gestanden ein SS-Offizier. Man hat sie lassen durchgehen. Hat man gesehen, daß jemand noch rüstig ist, hat man ihn an der Seite...

 

Vorsitzender Richter:

Treten lassen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Weggelassen. Das war der Zugang ins Lager. Den Rest hat man weggeschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wie viele Angehörige der SS waren ungefähr bei dieser Gelegenheit da draußen auf der Rampe?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Zuerst waren Posten, viele Posten. Es konnten sein zwei bis drei Offiziere und ein paar Unteroffiziere oder Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren unter diesen Führern auch Ärzte?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele? Einer oder mehrere?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Es war manchmal, da waren es zwei. Und es war manchmal, daß nur einer mit dem Lagerführer zusammen es durchgeführt hat.

 

Vorsitzender Richter:

War der Lagerführer immer dabei?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Fast immer. Der Lagerführer oder der Lagerkommandant, aber nicht immer.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war damals Kommandant?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

In dieser Zeit war Kramer Kommandant. Und Lagerführer war Schwarzhuber.

 

Vorsitzender Richter:

Schwarzhuber. Haben Sie die Ärzte, die dabei waren, erkannt?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Mit denen ich zu tun hatte, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wer war das zum Beispiel?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Mengele, Thilo, Doktor Frank, eine gewisse Zeit Klein. Ich will nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie haben eben wieder den Doktor Frank genannt, und den kannten Sie ja, weil Sie ja immer mit ihm zusammen arbeiteten. Da besteht kein Zweifel und kein Irrtum, daß das der Doktor Frank war.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Denn es war ja Ihr Chef gewissermaßen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagten Sie eben, die Männer waren auf der einen Seite, Frauen und Kinder auf der anderen Seite. Wer hat das veranlaßt, daß die Leute sich so aufstellten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Die, welche die Selektion durchgeführt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich nehme an, die Selektion ist doch wohl erst dann durchgeführt worden, nachdem die Leute schon

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Es waren dort Unteroffiziere, Blockführer, Posten, die haben alles auseinandergetrieben und Befehle erlassen, daß sich die Frauen separat stellen und die Männer separat stellen. Wenn die schon in der Reihe gestanden sind, war alles ordnungsgemäß, die Pakete waren schon alle auf der Stelle, dann sind die Ärzte dazugekommen, und die haben angefangen zu selektieren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ist es dann so gewesen, daß diese Häftlinge nach vorn gegangen sind und vorn der Arzt stand und hat dann die auseinandergehen lassen? Oder war es so, daß der Arzt durch die Reihen gegangen ist und hat sie da selektiert?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, die Häftlinge sind vorgegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind vorgegangen. Und vorn stand der Arzt

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Vorn stand der Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, wie viele von diesen ankommenden Leuten ins Lager gekommen sind und wie viele nicht? Ungefähr, ich meine

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Das war individuell, bis zehn Prozent.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zehn Prozent etwa. Und haben Sie gesehen, daß der Doktor Frank in diesen Fällen die Bestimmung getroffen hat?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hat er das gemacht? Hat er das gesagt oder hat er gedeutet?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, mit der Hand gedeutet.

 

Vorsitzender Richter:

So. [Pause] Herr Rechtsanwalt Ormond, Sie haben den Zeugen benannt, hatten Sie noch eine Frage?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Können Sie sich erinnern, auch Doktor Schatz gekannt zu haben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Doktor Schatz kam gelegentlich zusammen mit Doktor Frank zu uns in die Zahnstation, sogar zwei-, dreimal ist er alleine gekommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie Doktor Schatz auch auf der Rampe gesehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe ihn einmal gesehen auf der Rampe, aber ich habe ihn nicht gesehen selektieren.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

War das eine Mal, wo Sie Doktor Schatz gesehen haben, daß er mit einem anderen Arzt oder gar mit Doktor Frank zusammen war?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Mit Doktor Frank zusammen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben vorhin gesagt, Sie haben manchmal zwei Ärzte auf der Rampe gesehen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben da beide Ärzte sich in die Arbeit geteilt? Oder hat nur einer selektiert und der andere dabeigestanden, zugesehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Wenn es zwei Reihen waren, haben beide selektiert.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Konnten Sie beobachten, daß in den Fällen, in denen zwei Ärzte Dienst taten, die Transporte stärker waren als 1.000 Mann? Daß es sich da also um große Transporte gehandelt hat, etwa 2.000 Mann oder so?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Es waren solche Transporte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aber Sie konnten nicht unterscheiden, ob zwei Ärzte nach der Routine zugezogen wurden, wenn die Transporte besonders stark waren?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich kann das nicht beantworten.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Darf ich das übersetzen? Ich glaube nicht, daß er es so richtig

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Verstanden hat, bitte sehr.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy pan zrozumial o co chodzi? Nie wydaje mi sie. Pan powiada, ze bylo czasami 2 lekarzy, i ze wtedy kiedy byly w 2 szeregach, wtedy selekcjonowalo 2 lekarzy. Pytanie jest: czy w tych wypadkach, kiedy bylo 2 lekarzy widac bylo, ze to byl wiekszy transport, wiecej niz 1000 ludzi czy nie? Czy to zalezalo ilosc lekarzy od ilosci ludzi w transporcie czy nie?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Czasami zalezalo.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Manchmal hing es von der Stärke des Transports ab, ob es zwei Ärzte, ob es einer gewesen ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nächste Frage: Haben Sie in dem Sanka, in diesem Sanitätskraftwagen, in dem die Kisten mit den Goldzähnen standen, auch Doktor Schatz gesehen oder nur Doktor Frank?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auch Doktor Schatz.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nächste Frage: Erinnern Sie sich an einen Vorgang mit einer Damenuhr?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja. Eines Tages ist Doktor Frank gekommen, um die Zahnstation zu inspizieren. Auf dem Schreibtisch ist eine Damenuhr gelegen, eine Hänge-Damenuhr, eine Hals-Damenuhr. Er fragte: »Was ist das?« Da ich Angst hatte, ich könnte bestraft werden, habe ich ihm gesagt: »Sie können sich das nehmen.« Hat er danke gesagt und hat es genommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, wissen Sie in groben Zügen, wer hier angeklagt ist, kennen Sie einen der Angeklagten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Außer Doktor Frank und Doktor Schatz. [Pause] Können Sie das?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Bitte?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

[Pause] Einen Moment, es wird die Beleuchtung anders gestellt werden, weil Sie da nicht recht sehen können.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Baretzki. Und Bednarek. Baretzki und Bednarek.

 

Vorsitzender Richter:

Baretzki ist Ihnen bekannt.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sonst noch jemanden erkannt?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und Bednarek, sagten Sie.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Und Bednarek.

 

Vorsitzender Richter:

Und Bednarek.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Zunächst Baretzki. Inwiefern ist Ihnen Baretzki bekanntgeworden?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Er war Blockführer bei uns im Lager. War besonders tüchtig [bei] schwachen Häftlingen. Hat viel »Sport« getrieben mit denen. Hatte einen speziellen Schlag, einen Ellenbogenschlag. Das hat er immer trainiert an den Häftlingen. Ich war einmal zugegen. [Pause] Wenn die Arbeitskommandos einmal rausgegangen sind vom Lager, hat man noch einmal befohlen, einen Zählappell zu machen, wer ist nicht ausgerückt zu der Arbeit. Es hat sich irgendwo ein jüdischer Häftling versteckt, in der Latrine. Man hat ihn gefunden, und ich bin dazugekommen, wie Baretzki ihn geschlagen hat – mit einem Gehstock auf den Kopf.

 

Vorsitzender Richter:

Was ist mit dem Häftling geschehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe nach einer Stunde unseren Ambulanzarzt Doktor Eichmann geschickt, er soll schauen, was zu machen ist. Hat er gesagt: »Es ist schon nicht mehr was zu machen.«

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Der Häftling war tot?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie selbst einmal erlebt, welche Wirkung diese Spezialschläge von Baretzki hatten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich verstehe die Frage nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie selbst einmal beobachtet, welche Wirkung dieser Spezialschlag von Baretzki auf die Mißhandelten hatte?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Es genügte für jeden Häftling, daß er den ersten Schlag bekommen hatte, daß er schon physisch zusammengebrochen war. Und wenn er physisch schwach war, weiß ich nicht, ob man hat ihn schon reingelassen hat in den Block. Da ist er schon liegengeblieben. Und das war schon auch so wie die Todesstrafe.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wollen Sie damit sagen, daß der Spezialschlag bei schwachen Häftlingen, also bei »Muselmännern«, den Tod herbeigeführt hat?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war ein Grund [dafür].

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die Frage ist nicht ganz richtig beantwortet worden. Zunächst einmal, wenn ich noch mal dazwischenfragen dürfte: Sie haben gesagt, der Schlag war mit dem Ellbogen, ja? Er hat ihn nicht etwa mit der Hand geschlagen oder mit dem Handrücken?

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Das, was ich habe gesehen, war mit dem Ellenbogen. Das ist

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wohin? In die Magengegend, oder wohin hat er geschlagen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, ins Gesicht, das, was ich gesehen habe. Ich bleibe dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch ungefähr, wann das gewesen ist?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Was bitte, Herr Vorsitzender?

 

Vorsitzender Richter:

Das zunächst, mit dem Stock.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

[Pause] Das könnte Sommer 44 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer 44. Und damals hat ja der Arzt festgestellt

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Unser Häftlingsarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Der Häftlingsarzt, es war nichts mehr mit ihm zu machen. Er war tot. Das hat Sie ja der Herr Ormond bereits gefragt. Und nun waren Sie grade beim Erzählen, bei dieser anderen Sache, wo er die Häftlinge mit dem Ellbogen

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Wenn er einen Häftling so gefaßt hat, hat er seinen Spezialschlag ausgeübt, mit dem Ellenbogen.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun hatte der Herr Rechtsanwalt Ormond gefragt, ob diese Leute sofort tot waren.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, das war nur ein Grund, eventuell.

 

Vorsitzender Richter:

Gab es denn auch Häftlinge, die davongekommen sind, die später wieder in die Baracke gekommen sind nach einem solchen Schlag?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich kann [+ das] nicht beantworten. Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht. Diejenigen, die liegengeblieben sind vor der Baracke, was geschah mit denen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war schon eine private Angelegenheit des Blockältesten.

 

Vorsitzender Richter:

Der hat sie vermutlich holen lassen und hat sie in die Baracke gelegt, um sie durchzubringen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und ob welche davon gestorben sind?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das kann ich Ihnen nicht beantworten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Kann er nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Vorsitzender, ich bin nicht Nebenkläger im Fall Bednarek, würde deshalb darum bitten, daß Sie bezüglich dieses Angeklagten selbst die Fragen stellen. Ich habe keine weiteren Fragen, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Keine Fragen mehr, Herr Raabe. Zunächst möchte ich dann wegen Bednarek noch fragen. Sie haben gesagt, Sie erkennen den Angeklagten Bednarek.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso erkennen Sie ihn, und was haben Sie mit ihm

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Wir waren zusammen im Lager. Er war Blockältester in der Strafkompanie.

 

Vorsitzender Richter:

In der Strafkompanie. Waren Sie auch in der Strafkompanie?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber die Strafkompanie war in demselben Lager.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Demselben Lager.

 

Vorsitzender Richter:

D nämlich.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

D, Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Block 11. Und was haben Sie von ihm erlebt?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich kann gegen Bednarek nichts sagen, weil ich habe nichts gesehen, ich habe nur gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie gehört?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe gehört, bei der »Aktion« vom tschechischen Familienlager, wo man alle reichsdeutschen Kapos und Blockältesten zusammengerufen hat, sie sollen mithelfen, den Transport auf die Autos aufzuladen, war er einer von diesen, von den ersten.

Ich muß dabei bemerken, daß sich ein reichdeutscher Oberkapo gefunden hat, ein gewisser Hans Röhrig, und er hat verweigert, er wollte das nicht mitmachen. Schwarzhuber hat ihn zu sich gerufen, hat ihn gefragt: »Warum machst du es nicht mit?« Sagt er: »Ich bin kein Henker nicht.« Er war ein bevorzugter Häftling. Zur Strafe hat man ihm die Haare abschneiden lassen, und [damit war] die ganze Geschichte, glaube ich, abgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollen also damit sagen, wenn man sich wirklich dagegen

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Ich kann auch einen zweiten Fall bemerken. Als ich in Auschwitz war im Jahre 42, habe ich auf einem Kommando Faulgasanlage 1 gearbeitet. Dann haben wir jeden Tag mindestens vier Tote von 20 Mann ins Lager gebracht. Wie ging das vor sich? Der Kommandoführer hat die Mütze geschmissen, hat den Häftling laufen lassen nach der Mütze, hat ihn erschossen, und es hat geheißen: »Auf der Flucht erschossen.«

Ich bin von diesem Kommando davongelaufen. Ich bin rüber in ein zweites Kommando, es hat auch Faulgasanlage geheißen, aber Faulgasanlage 2. Dort war ein reichsdeutscher Kapo, ein schwarzer Winkel, ein gewisser Herrmann, Nummer 20.000, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie weiter. Wir sind rausgegangen, also dieselbe Prozedur, da sagte der Kapo: »Nein, ihr geht nicht nach dieser Mütze. Ich werde sie holen.« Und er ist alleine gegangen. So hat er nicht zugelassen, daß man uns etwas macht. Das heißt, daß alles

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und nach ihm ist nicht geschossen worden?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nach ihm ist nicht geschossen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Das heißt, wenn jemand etwas tun wollte

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Das ist eine individuelle Charaktersache.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie erlebt, ob Bednarek bei dieser Räumung des sogenannten Familienlagers sich selbst irgendwie betätigt hat?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, ich kann mehr über Bednarek nicht sagen. Man hat mich nur gefragt, wen kenne ich da von den Angeklagten. Also so, wie ich mit Bednarek zweieinhalb Jahre in einem Lager war, mußte ich doch sagen, daß ich das Gesicht kenne.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber Sie können sonst über seine Tätigkeit und sein Verhalten nichts sagen.

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Tätigkeit nichts aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Laternser. Ach, Sie wollten auch noch eine Frage [+ stellen]. Einen Moment vielleicht, bitte schön.

 

Staatsanwalt Wiese:

Herr Zeuge, welche Entfernung war zwischen der Tür des Waschblocks bis zu der Stelle, wo Sie Doktor Frank auf der Rampe gesehen haben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Wir können es ausmessen. Ich kann das nicht genau beurteilen, jedenfalls bei Tag kann man es gut sehen.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja, etwa, was schätzen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War es so lang, wie dieser Saal hier ist?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich will mich da nicht verwickeln in eine ungenaue Sache. [Pause] An die sechzig Meter.

 

Staatsanwalt Wiese:

Sechzig Meter etwa.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Etwa. Ich kann das nicht

 

Staatsanwalt Wiese [unterbricht]:

Ist klar.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich will nicht.

 

Staatsanwalt Wiese:

Haben Sie beobachtet, wie die Häftlinge, die für die Gaskammern bestimmt waren, wegtransportiert worden sind?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, ich habe in einem Fall gesehen, wie Doktor Frank mitgefahren ist mit dem Sanitätswagen nach dem Transport.

 

Staatsanwalt Wiese:

Und wie sind die Häftlinge hingekommen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Die Häftlinge sind damals zu Fuß gegangen.

 

Staatsanwalt Wiese:

Haben Sie auch Lastkraftwagen auf der Rampe gesehen? [...]

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl, [unverständlich] das hing von der Größe des Transports ab.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Zu welcher Tageszeit war es, daß Sie die Transporte auf der Rampe beobachtet haben, wo Doktor Frank da war?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Auf diese Frage muß ich Ihnen antworten, daß in dieser Zeit im Sommer bei Tag und bei Nacht die Transporte gegangen sind.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja eben, und darauf möchte ich gern anspielen. War es sehr früh am Morgen, zur Mittagsstunde?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war jedenfalls Mittag, Nachmittag. Ich will da nichts reindrehen mit den Stunden genau, aber jedenfalls war es Nachmittag, Vorabend bestimmt nicht.

 

Staatsanwalt Wiese:

Schön. Sie sagten vorhin, Sie hätten Doktor Frank zu dem Roten-Kreuz-Wagen begleitet, wo Sie die Kisten mit den Goldzähnen gesehen haben. Wo war dieser Rote-Kreuz-Wagen, wo stand er?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Vor unserem Ambulanzblock.

 

Staatsanwalt Wiese:

Sie sind in dem Wagen selbst nicht mitgefahren, Sie haben nur Doktor Frank begleitet.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe ihn begleitet bis zu dem Wagen.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke schön, ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Zeuge, haben Sie die Transportzüge einfahren sehen auf die Rampe?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und könnten Sie etwa mal an der Karte zeigen, wo das Ende des Zuges stand, nachdem er gehalten hatte?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Einmal ist der Zug bis hierher gekommen.

 

Verteidiger Laternser:

Ich meine das Ende des Zuges.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das Ende des Zuges ist hier. Ja, ja. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Nachdem der Zuge gehalten hatte, wo stand dann das Ende?

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Da ist er reingekommen, hier war das Ende. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Nun, wissen Sie, wo die eigentliche Rampe war?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja selbstverständlich.

 

Verteidiger Laternser:

Würden Sie die mal zeigen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, das ist die Rampe.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, gut. Und, wir wollen es mal den Platz zum Aussteigen nennen

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Die Holzplattform.

 

Verteidiger Laternser:

Ah, das in der Mitte?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, müßte dann das Ende des Zuges nicht bis dahin vorgezogen sein?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das ist abhängig von der Größe des Transports und [+ davon], wie viele Waggons gekommen sind.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Nun, ich frage Sie: Wo stand, wenn Sie also das Einfahren beobachtet hatten, normalerweise das Ende des Zuges?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe bis zum Ende genau nicht gesehen. Aber ich habe die Züge sogar bis hier gesehen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und wie viele Waggons hatten diese Züge? Etwa, ich meine, ich will nichts

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Wenn ein Transport 1.000 Menschen gebracht hat, hat er zehn, elf Waggons gehabt. Wenn er mehr hatte, hatte er mehr Waggons.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und nun, Sie haben ja gesagt, Sie hätten die Züge nur auf den Gleisen zwei und drei gesehen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe diese Züge auch auf dem ersten Gleis gesehen, aber damals habe ich nicht gesehen, wie man selektiert.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und dann stiegen also die Leute, die Opfer, nach rechts aus, nicht wahr?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Gut. Bei dem Aussteigen, blieben die dann vor dem Wagen stehen, oder wurden die Ausgestiegenen auf gewisse Plätze zunächst dirigiert? Sie sagten ja, daß gerufen wurde oder geschrien wurde, also Männer einerseits und Frauen andererseits mit den Kindern. Wo standen jetzt, nachdem ausgestiegen war, diese Reihen Männer und Frauen? Würden Sie das mal an der Karte zeigen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Die Männer sind meistens auf der rechten Seite gestanden und die Frauen beim Zug hier.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Nun gut. Und die setzten sich dann auf Befehl in Bewegung, ja?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war individuell für jeden Transport, wenn Sie mich fragen, die Transporte, die ich gesehen habe.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Also dann wurde befohlen, dann setzten die sich in Bewegung, ja?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Gut. Und in welche Richtung? Das ist an sich ja klar.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, ja. In jene Richtung.

 

Verteidiger Laternser:

Nach oben.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, ja.

 

Verteidiger Laternser:

Und wo standen nun die Offiziere, an denen sie vorbeigehen mußten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Hier vorne, vor dem Transport.

 

Verteidiger Laternser:

Aha, ja. Nun gut. Würden Sie es mal [Pause] zeigen, wo nach Ihrer Erinnerung diese Offiziere dann standen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war abhängig davon, wo der Transport angefangen hatte.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Nun zeigen Sie es doch mal, wo es normalerweise Ihrer Erinnerung nach...

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Also stellen Sie sich vor, da ist der Anfang vom Transport. Dann ist da der Offizier gestanden.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und das wäre also dann ein Transport mit wie vielen Wagen gewesen, etwa? Also ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sagt er ja. Mit zehn Wagen, sagt er, normalerweise.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ja. Gut. Nun, Herr Zeuge, wenn ein Transport zehn Wagen gehabt haben sollte, dann müßte der Zug aber nach meiner Schätzung wohl etwas weiter nach oben stehen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Herr Verteidiger, das ist alles individuell. Da sind manchmal auch zwei Züge gekommen, und wie die Rampe war belastet.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Nun, zwei Züge, wo standen die dann? Einer auf Gleis eins oder einer auf zwei und drei?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Es konnte stehen auf eins, zwei, es konnte stehen auf zwei und drei. Man hat abgewartet, bis ein Transport abgeladen wurde, und nachher hat man wieder abgeladen.

 

Verteidiger Laternser:

Haben Sie denn das Ankommen und die Behandlung der Transporte häufig gesehen?

 

Vorsitzender Richter:

Er sagt, fünfmal bei Tag und einmal in der Nacht.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ja, ja, er sagt, als Frank dabei war, Herr Vorsitzender. Haben Sie das häufig gesehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, wir haben da gelebt dabei.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, würden Sie noch mal den Bau zeigen, also den Block 31?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das ist e, das ist d, das ist mein Block 31. Ich will Ihnen betonen noch...

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Entschuldigen Sie bitte.

 

Verteidiger Laternser:

Sie sagten vorhin

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

D, d.

 

Verteidiger Laternser:

BIId.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ah hier, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist, ja.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das war. In dieser Baracke richtig war ein Fenster da im ganzen Lager. Und das Fenster war in der Zahnstation.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Nun sagten Sie aber vorhin, wenn ich Sie richtig verstanden habe, Sie hätten aus der Tür gesehen

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Vom Waschraum, nicht von der Baracke, habe ich gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

So, dann habe ich mich geirrt. Würden Sie mal zeigen, wo der Waschraum war?

 

Vorsitzender Richter:

Hat er doch schon gezeigt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ja. Nun, Herr Vorsitzender, ich...

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Da.

 

Vorsitzender Richter:

Da.

 

Verteidiger Laternser:

Ach so, Waschraum. Das ist ja ein verschiedenes Gebäude. Da bin ich im Irrtum gewesen. Vom Waschraum. Aber zum Waschraum selbst konnten Sie ja nicht raussehen, nicht, sondern zur Tür doch?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, warum? Die Tür war offen. Ich konnte es ruhig sehen.

 

Verteidiger Laternser:

Zur Tür rausgesehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, ich konnte es ganz ruhig sehen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Gut. Ich habe keine weiteren Fragen mehr.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Zeuge, Sie haben geschildert, daß Sie gesehen haben, wie mit dem Roten-Kreuz-Wagen Kisten mit Goldzähnen abtransportiert wurden.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie haben aber auf die Frage des Herrn Staatsanwalts Wiese gesagt, daß Sie nur Herrn Doktor Frank bis an den Wagen begleitet haben.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Stimmt.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie die Kisten selbst reintransportiert?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie in den Wagen reingeguckt?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Reingeguckt.

 

Verteidiger Steinacker:

In den Wagen reingeguckt?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Reingeguckt, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Und das waren Goldzähne?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich bin von Beruf. Extrahierte Goldzähne mit Zähnen mit Blut.

 

Verteidiger Steinacker:

Mit Zähnen mit Blut?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Mit Blut.

 

Verteidiger Steinacker:

Wo kamen die her?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das weiß ich nicht, aber ich vermute, vom Krematorium.

 

Verteidiger Steinacker:

Vom Krematorium?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Verteidiger Steinacker:

Waren das keine Goldplatten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, das waren Goldzähne, frische Goldzähne, extrahierte Zähne.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist Ihnen bekannt, daß das Gold von den Zähnen eingeschmolzen wurde?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, im Krematorium I war ein Schmelzzimmer.

 

Verteidiger Steinacker:

Sonst nicht?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Früher hat man es in Auschwitz gemacht.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, früher in Auschwitz, und wo hat man es dann gemacht?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Im Krematorium I, im Schmelzzimmer. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

Es gab also ein besonderes Schmelzzimmer?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Verteidiger Steinacker:

War das schon im Jahr 1944 der Fall? [...]

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, es war schon. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

Wie erklären Sie sich dann, wenn es ein besonderes Schmelzzimmer gab, daß dort die Goldzähne, wie Sie eben gesagt haben, noch mit Blut beschmiert waren?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Schauen Sie her, die Ambulanz ist gekommen aus der Richtung von Krematorium III und IV.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie das verfolgt?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Sie fragen mich [unverständlich] ich will Ihnen antworten.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja. Ja, bitte.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Also die Krematorien III und IV, ja. Das ist der Weg ins Lager. Der Ambulanzwagen ist da gekommen zu mir. Doktor Frank ist ausgestiegen, hat die Zahnstation besucht. [Pause] Nach dem Besuch habe ich ihn begleitet bis zur Ambulanz. Er hat sich neben den Fahrer gesetzt, es ist immer irgendwie noch ein SDG mitgefahren oder mitgegangen, der ist drinnen reingegangen. Ich habe die Tür aufgemacht, und ich habe dort Kisten gesehen mit Goldzähnen.

 

Verteidiger Steinacker:

Bitte?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe dort Kisten mit Goldzähnen gesehen.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie haben ja vorhin schon gesagt, Sie haben reingeguckt.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie haben also Goldplatten nicht gesehen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nicht gesehen, nur extrahierte Goldzähne.

 

Verteidiger Steinacker:

Extrahierte Goldzähne.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ich hätte noch etwas zu fragen. [Pause] Können Sie noch weiter zuhören, oder sollen wir eine Pause einlegen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein, nein, ich höre weiter zu.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, haben Sie auch gesehen, wohin die Häftlinge geführt oder gefahren worden sind, die nicht ins Lager kamen?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

In Richtung Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob die begleitet worden sind von irgendwelchen Leuten?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich verstehe die Frage nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ob diese Häftlinge von SS-Leuten begleitet worden sind.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy tym ludziom, którzy szli do krematorium towarzyszyl ktos? Czy byli esesmani przy tym?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Esesmani byli. — Jawohl.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Die SS-Männer waren dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob der Doktor Frank mit zum Krematorium gefahren ist?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe vorher betont, daß ich einmal Doktor Frank mit dem Ambulanzwagen hinter dem Transport herfahren gesehen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gewiß, das habe ich gehört. Nur ist mir nicht klar, ob Sie damit den Transport gemeint haben, der in die Gaskammer

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Den Transport, der in die Gaskammer ging.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen? [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Welche Häftlingsnummer haben Sie denn?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

32.194.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

32.194. Danke sehr.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Anwälte keine Fragen mehr. Doktor Frank.

 

Angeklagter Frank:

Ich möchte zu den Anschuldigungen folgendes sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie ans Mikrofon gehen, ja?

 

Angeklagter Frank:

Erstens einmal: Auf der Rampe war ich zwar draußen, aber selektiert habe ich nie. Zweitens: Ich war niemals gemeinschaftlich mit Doktor Schatz draußen. Drittens: Die Sache mit dem Gold in den Kisten ist unmöglich, denn diese Zähne sind bei den Leichen im Krematorium extrahiert worden und kamen in den Schmelzraum. Und von uns wurden bloß im Anfang, wie ich schon gesagt habe, die eingeschmolzenen, ungefähr so großen...

 

Vorsitzender Richter:

Barren.

 

Angeklagter Frank:

Goldbarren in Empfang genommen, die ich auf die Verwaltung gebracht habe und die später aber dann auf meine Veranlassung hin direkt auf die [Verwaltung] gekommen sind. Außerdem bin ich im Lager jeden Dienstag gewesen, und zwar mit meinem Motorrad. Es müßte sich

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Ist nicht wahr.

 

Angeklagter Frank:

Der Zeuge erinnern können.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nicht wahr.

 

Angeklagter Frank:

Mit dem Sanka, kann ich mich nie erinnern, daß ich im Lager war. Ich bin überhaupt nicht mit dem Sanka gefahren. Und wenn der Zeuge sagt, daß ich zum Krematorium gefahren bin, so ist es durchaus möglich, denn ich habe mich ja um die beiden Häftlinge, die das Gold geschmolzen haben draußen, auch hie und dort kümmern müssen und bin deswegen zu denen raus. Die Sache mit der Uhr, da kann ich mich nicht dran erinnern. Wenn es so ist, ist es durchaus möglich, daß er sie mir gegeben hat, und ich habe sie reingebracht und habe sie abgeliefert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich weiß aber nicht, Herr Doktor Frank, ob Sie den Zeugen richtig verstanden haben. Der Zeuge hat gesagt, daß Sie hinter einem ankommenden Transport ins Krematorium gefahren sind.

 

Angeklagter Frank:

Das halte ich für ausgeschlossen. Denn ich bin ja

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also, Herr Doktor Frank, »halte ich für ausgeschlossen« ist meines Erachtens da keine Antwort. Wenn Sie auch nur einmal mit ins Krematorium gefahren wären, müßte Ihnen das eigentlich heute in ganz bestimmter Erinnerung sein.

 

Angeklagter Frank:

Herr Vorsitzender, im Krematorium war ja diese Schmelzanlage. Das ist möglich, daß ich einmal mit hingefahren bin, um in die Schmelzanlage zu gehen, um nicht extra rausfahren zu müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber doch nicht in dem Augenblick, wo dort Vergasungen stattfanden.

 

Angeklagter Frank:

Die Vergasungen fanden ja nicht in dem Krematorium statt, sondern in dem Vergasungskeller. Das Krematorium war nebendran.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Darf ich was sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, Herr Zeuge.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe noch nie Doktor Frank mit einem Motorrad ins Lager reinfahren gesehen. Wir waren zusammen von 43 bis Herbst 44. Nie habe ich Doktor Frank auf einem Motorrad reinfahren gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern, wie kam er denn an?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nur mit dem Ambulanzwagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nur mit dem Ambulanzwagen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Jawohl.

 

Angeklagter Frank:

Das stimmt nicht. Ich bin immer mit dem Motorrad gefahren.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich beschwöre es.

 

Angeklagter Frank:

Die Herren von der Fahrbereitschaft können das ja auch sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Dann nehmen Sie wieder Platz. Wenn keine Fragen mehr

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ein Vorhalt.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Vorhalt, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie hatten vorhin gesagt, Sie seien im März nach Auschwitz gekommen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

März/April.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ist auch April möglich?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, es kann sein. Ich bin jetzt nicht so ganz

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Danke schön, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Hundert Prozent.

 

Vorsitzender Richter:

Werden Anträge zur Beeidigung gestellt? Nein. Halt, Baretzki wollte noch etwas sagen.

 

Angeklagter Baretzki:

Wo der Herr Zeuge gesagt hat hier, daß ich einen totgeschlagen habe, das ist nicht wahr. Das trifft nicht zu, Herr Vorsitzender.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nein. Also ich werde dem Herrn Baretzki das noch ein bissel erklären.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Der Herr Baretzki ist zu mir am zweiten Tage gekommen, einen Zahn extrahieren. Nach diesem Fall, der Baretzki. Stimmt es?

 

Angeklagter Baretzki:

Daß Sie mir einen Zahn gemacht haben?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Nicht gemacht, extrahiert.

 

Vorsitzender Richter:

Rausziehen.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ich habe ihn frakturiert, nicht extrahiert.

 

Angeklagter Baretzki:

Er hat mir einen Zahn gemacht, das stimmt.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja, das war am zweiten Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gemacht. Einen Zahn gezogen.

 

Angeklagter Baretzki:

So einen Stift hat er mir reingelegt.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Zur Behandlung ist er gekommen am zweiten Tag nach diesem Fall.

 

Angeklagter Baretzki:

Wie soll ich das besser erklären. Ich hatte einen schlechten Zahn hier vorne. Und da war ich im SS-Revier, habe ich das gemacht, die haben da dran gemengt. Und da haben Sie zu mir gesagt: »Kommen Sie, ich mache Ihnen das besser als die SS-Zahnärzte.«

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Das ist jetzt nicht wichtig, wie besser

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Hat mir so einen Stift da hereingelegt [unverständlich]

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Aber das war am zweiten Tag.

 

Angeklagter Baretzki:

Aber nicht herausgezogen. Haben Sie so einen Stiftzahn

 

Zeuge Alex Rosenstock [unterbricht]:

Es kann sein. Jedenfalls erinnere ich mich, er war als Patient am zweiten Tag bei mir in der Zahnstation erschienen.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie mal dieses Bild ansehen, Herr Zeuge, und würden Sie mal sehen, ob Sie eine Person auf diesem Bild erkennen? [Pause]

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Baretzki. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Herr Joschko, ich habe dem Zeugen das Bild gezeigt, das Sie kennen.

 

Verteidiger Joschko:

Ja, ich kenne es.

 

Vorsitzender Richter:

Und er hat die an dem rechten Rand des Bildes gezeigte Person als Baretzki erkannt. [Pause] Schreiben Sie bitte ins Protokoll: Dem Zeugen wurde das bei dem Protokoll befindliche Bild, in Klammern: Negativ 2249, vorgezeigt, worauf er erklärte: »Der am rechten Rand dieses Bildes abgebildete Mann ist Baretzki.« 3

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Mit dem Stock

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich verstehe nicht.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Mit dem Stock

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Nach seiner Meinung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja, was heißt »nach seiner Meinung«? Er hat das doch gesagt.

 

Richter Hotz:

»Das ist Baretzki.«

 

Vorsitzender Richter:

»Das ist Baretzki«, hat er gesagt. Nicht: nach seiner Meinung.

 

Verteidiger Joschko:

Hat er eine solche Mütze getragen, wie Sie da abgebildet ist?

 

Vorsitzender Richter:

Ob Baretzki auch so eine Skimütze getragen hat.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Ja. Ja, das ist Baretzki mit dem Gehstock.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also der am Rand Stehende da.

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Mit dem Gehstock.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Gehstock. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gehört, Baretzki? Ist auch nicht wahr?

 

Angeklagter Baretzki:

Das bin ich nicht, Herr Vorsitzender, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das sind Sie nicht.

 

Angeklagter Baretzki:

Ich meine, das ist ja festzustellen, ob ich das bin oder nicht. Ich meine, es gibt ja so Institute, wo man das feststellen kann, ob das ein Bild [+ von mir] ist oder nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte? Wie meinen Sie?

 

Angeklagter Baretzki:

Das kann man doch feststellen, ob ich das bin auf dem Bild oder nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Zeuge sagt ja, er stellt es fest.

 

Angeklagter Baretzki:

Der Zeuge. Aber ich meine, es gibt ja so Institute dafür, die das feststellen können, ob das ein Bild ist oder sonst was.

 

Vorsitzender Richter:

Durch einen Bildsachverständigen?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja. Ich habe noch Bilder von der Zeit auch, die kann ich dagegen geben.

 

Vorsitzender Richter:

Na, dann zeigen Sie uns die Bilder mal. Da lassen Sie uns gelegentlich solche Bilder einmal vorführen, nicht.

 

Angeklagter Baretzki:

Da habe ich ja noch von, also...

 

Vorsitzender Richter:

Wo Sie auch in dieser Mütze fotografiert sind?

 

Angeklagter Baretzki:

Nein, Zivilbilder aus dem Jahre 40. So eine Mütze habe ich niemals besessen. Vom Jahre 40/41 Bilder.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, das, was Sie gesagt haben, können Sie mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Alex Rosenstock:

Beschwören.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

– Schnitt –

 

 

1. Der Zeuge Rosenstock kam Czech zufolge am 23.04.1942 in Auschwitz an. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 201.

2. BIIc.

3. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 02.10.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 103, Bl. 759.

 

 
 
 
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