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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

92. Verhandlungstag, 24.9.1964

 

Vernehmung der Zeugin Paula Rosenberg

 

Vorsitzender Richter:

Frau Rosenberg, zunächst Ihre Personalien. Sie heißen mit Vornamen Paula.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind eine geborene Compart. Sie sind wie alt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

39 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind verheiratet?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnen in?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Berlin 113, Gudvangerstraße 37.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einen Beruf?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich bin von Beruf Kindergärtnerin und bin zur Zeit Hausfrau.

 

Vorsitzender Richter:

Hausfrau. Mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Rosenberg, Sie sind zusammen mit Ihrer Mutter und Ihrem Bruder in Berlin von der Gestapo verhaftet worden.1

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann das war?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, vielleicht darf ich hier erzählen, wie es zu der Verhaftung kam.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Im Mai 1942 errichteten die Faschisten auf dem Gelände des ehemaligen Lustgartens in Berlin eine Hetzausstellung gegen die Sowjetunion. Sie nannten sie »Sowjetparadies«. In dieser Ausstellung wurden die sowjetischen Freunde in einer unerhörten Art und Weise diffamiert.

Zum Glück gab es damals schon Freunde der Sowjetunion, die das nicht zuließen. Die antifaschistische Widerstandsgruppe Herbert Baum2 vernichtete diese Hetzausstellung und verbreitete die Wahrheit über die Sowjetunion. Für diese mutige Tat wurde der Kopf der Gruppe Baum, 26 Männer und eine Frau, hingerichtet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Frau Zeugin, uns interessiert ja nur, warum Sie verhaftet worden sind. Und Sie sind doch zweifellos verhaftet worden, weil Sie dem jüdischen Glauben angehörten, nicht?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, gestatten Sie mir bitte, daß ich das zu Ende erzähle, weil das im Zusammenhang mit meiner Aussage steht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bisher konnte ich das nicht feststellen. Nun, erzählen Sie mal weiter.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Der Kopf der Gruppe Baum, 26 Männer und eine Frau, wurde hingerichtet. Es wurde damals behauptet, fünf hätten diesen Brand gelegt, und für jeden wurden 250 weitere Widerstandskämpfer und Freunde der Sowjetunion abgeholt. Unter diesen 250 befand sich auch mein Vater.

14 Tage wußten wir überhaupt nicht, wo mein Vater verblieben war. Dann bekam meine Mutter eines Tages einen Brief, in dem stand, daß man sie in Kenntnis setzen möchte vom Ableben ihres Ehegatten und daß er im Mai, also am 29. Mai, mit den anderen 250 verstorben ist. Meine Mutter sagte damals: »Meinen Mann hat man mir genommen, meine Kinder, die lasse ich mir nicht nehmen.« Kurze Zeit danach wurden wir aus unserer Wohnung abgeholt, wurden

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, wann war das? Jetzt interessiert es uns. Wann war das gewesen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das war im Juni 42.

 

Vorsitzender Richter:

Am 19. Juni 42?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer wurde da abgeholt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Meine Mutter, mein Bruder und ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Mutter, Ihr Bruder und Sie.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar von wem wurden Sie abgeholt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Von der Gestapo.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wurde Ihnen gesagt, warum Sie abgeholt wurden?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Uns wurde gesagt, daß mein Vater ein Verräter war und daß wir aus diesem Grund wegkommen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Ist Ihnen nicht gesagt worden, daß Sie als Juden verhaftet worden seien?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, das ist uns nicht gesagt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kamen Sie denn hin?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Wir kamen in das Sammellager »Große Hamburger Straße«.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war da drin in dem Sammellager?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Dort waren die Angehörigen der Erschossenen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da nur Juden drin?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nur Juden waren in dem Lager.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und deshalb sind Sie auch von diesem Lager aus wohin gekommen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Am 19. Juni wurden wir von dort nach Theresienstadt transportiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also sind Sie doch damals verhaftet worden, weil Sie Juden waren, nicht?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind in Theresienstadt angekommen am?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Am 20. Juni.

 

Vorsitzender Richter:

1942.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

1942.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dort in Theresienstadt lernten Sie diese Anna Gerstel kennen, ja?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Ihrer 13 Jahre alten Tochter und haben sich dieser Frau näher angeschlossen.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, das war so: Wir waren in einem Gebäude zusammen untergebracht, in einem Raum. Und ich hatte mich mit der Tochter angefreundet, weil die ja fast in meinem Alter war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie kamen dann zusammen mit der Frau Anna Gerstel wann nach Auschwitz?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich möchte bitte dazu noch bemerken, daß auch der Vater, also der Herr Gerstel

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War auch dabei.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Auch dort war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie kamen dann zusammen wann nach Auschwitz?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ende 44.

 

Vorsitzender Richter:

Ende 44. Sie haben mal gesagt, Ende September oder Anfang Oktober.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das kann stimmen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Im Herbst, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar kamen Sie in Auschwitz in welches Lager?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns noch das Lager näher beschreiben, also was es für eine Bezeichnung gehabt hat?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, das kann ich nicht. Wir kamen in Birkenau an.

 

Vorsitzender Richter:

War das das sogenannte Theresienstädter Lager?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie zusammengeblieben in dem Lager, das heißt also Kinder, Mütter, Männer, Frauen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, als wir dort ankamen, da standen die SS-Offiziere über die Lagerstraße verteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie mit dem Zug angekommen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, mit dem Zug.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie ausgeladen worden?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Auf der Rampe in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

War die schon in Birkenau, die Rampe?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Lager Birkenau?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Im Lager nicht. Das kann ich nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sehen Sie mal, wenn Sie da an die Wand sehen, da sehen Sie eine große Karte. Und unten an der Karte sehen Sie ein braunrotes Gebäude, das ist das Eingangstor zum Lager Birkenau. Und durch dieses Tor da gehen Eisenbahnschienen durch. Und diese Eisenbahnschienen, die enden dann kurz vor den Krematorien.

Und nun wollte ich von Ihnen lediglich wissen, ob diese Rampe, das heißt diese Leitung zwischen den Baracken, in Birkenau selbst damals schon gewesen ist oder ob Sie noch vor dem Lager ausgeladen worden sind.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Wir waren so stark erregt, daß ich also das jetzt nicht mehr so genau sagen kann.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das heute nicht mehr genau wissen. Na schön. Also jedenfalls Sie wurden ausgeladen. Und wie groß war denn ungefähr Ihr Transport?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das waren sehr, sehr viele Menschen. Eine genaue Zahl

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sehr viele Menschen. Sie können uns nicht ungefähr eine Anhaltszahl nennen. Und wie viele Wagen waren es denn ungefähr, wie viele Eisenbahnwagen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Wie viele Eisenbahnwagen, das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie auch nicht.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich weiß nur, wir sind in einem Viehwaggon dort angekommen, und wir waren sehr eng in diesen Waggons zusammengepfercht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sind Sie also dort ausgeladen worden. Und nun wollten Sie grade erzählen, da standen auf dieser Straße oder auf diesem Platz neben den Eisenbahnwagen SS-Offiziere, ja?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie ging es dann weiter?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das war so: Wir hatten uns, wie ich vorhin schon gesagt hatte, mit der Familie Gerstel besonders zusammengetan im Lager. Und noch dazu, wo wir erfahren hatten, daß die Familie Gerstel Verwandte sind von einer Familie Dittner, mit der meine Mutter in Berlin schon befreundet war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Und wir wollten auch im Lager dort zusammenbleiben. Als wir aus den Zügen rausmußten, da haben wir uns aneinander gehalten. Ja, und da standen die SS so über der ganzen Lagerstraße verteilt, und sie machten nur eine Handbewegung, also rechts und links. Und das bedeutete entweder den Tod oder ins Lager selbst.

Meine Mutter sollte auf die andere Seite gehen, und da habe ich mich an sie geklammert und habe gerufen, ich möchte bei meiner Mutter bleiben. Da wurde ich durch einen SS-Offizier von ihrer Seite gerissen, bekam einen Faustschlag und wurde mit dem Fuß getreten – also mehrere [+ Schläge], nicht nur einen. Und mir wurde von einem SS-Offizier, der in unmittelbarer Nähe davon stand, nachher gesagt, der mich auch geschlagen hat dann: »Da kommst du auch noch hin.«

Wir gingen dann ins Lager und mußten uns dann entkleiden. Dann kamen mehrere SS-Offiziere durch den Raum, und ich sagte zu einem Häftling, zu einer Frau, die damit beschäftigt war, diese Sachen fortzuschaffen: »Wer ist das?« Weil das der Offizier war, der meine Mutter auf die andere Seite geschickt hat. Und mir wurde gesagt: »Das ist Capesius, der Apotheker.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Frau Zeugin, haben Sie diesen Offizier oder diesen Führer, den Sie als Doktor Capesius bezeichnet bekommen haben, später noch einmal gesehen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, den habe ich gesehen dort, wo wir uns ausziehen mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie sich ausziehen mußten. In der Baracke?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was tat er denn da?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, dort war er beschäftigt damit, mit anderen zu sprechen. Also was er von denen wollte, das habe ich nicht mitbekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er Sie angewiesen, irgend etwas zu tun? Hat er Ihnen etwas befohlen oder etwas zu Ihnen gesprochen oder so?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, mich persönlich nicht. Er sprach mit anderen. Ich habe ihn nur wiedererkannt. Das Gesicht habe ich mir eingeprägt. Der meine Mutter von mir gerissen hat

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Und auch die Herta Gerstel von Ihrer Mutter getrennt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das derselbe, der Sie auch geschlagen, weggestoßen und getreten hat?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, das war er nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das war er nicht.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das derselbe, der geantwortet hat: »Da kommst du auch noch hin«?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, der zu mir gesagt hat: »Da kommst du auch noch hin«, der hat mich geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Der hat Sie geschlagen.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Und den habe ich bei einem der späteren Appelle im Lager wiedergesehen und habe ebenfalls von einem Häftling erfahren, wer das ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nämlich Höcker.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sagen Sie bitte, der Offizier, der zu Ihnen gesagt hat: »Da kommst du auch noch hin«, soll das jetzt Capesius gewesen sein oder Höcker?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Höcker.

 

Vorsitzender Richter:

Höcker soll das gewesen sein.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie heißt der Mann, den Sie eben genannt haben? Höcker?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Warum haben Sie bei Ihrer früheren Darstellung den Mann Nöcker genannt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, das muß ein Versehen der Schreibweise sein. Denn der Name, der war mir ja von Anfang an bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

So. Und dann sind Sie in das Lager Birkenau gekommen. Und wie lange waren Sie dort?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Dort war ich bis Anfang 45, also Ende 44, Anfang 45.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren Sie

 

Zeugin Paula Rosenberg [unterbricht]:

Aber vielleicht... Ich hatte in der Erregung etwas vergessen, was für mich der schrecklichste Eindruck war, als ich in das Lager Birkenau kam. Wir sind aus dem Zug ausgestiegen, schon, wie ich vorhin geschildert habe, daß wir voneinander getrennt wurden, und gingen dann ins Lager. Plötzlich kam ein Auto angefahren mit einem SS-Offizier, und der Reifen platzte an dem Auto. Und wir mußten dieses Auto schieben. Also Sie wissen ja, daß eine Blocksperre war, wenn Transporte ankamen, und daß kein Häftling diese Baracke verlassen durfte. Aber ein Häftling stand vor der Baracke. Da stand ein Strauch vor dieser Baracke und dahinter eine Frau, ein Häftling. Und sie zeigte uns wie ein Tier – also ob wir was zu essen hätten. Eine Kameradin, die noch eine Konserve aus dem Zug mitgenommen hatte, die warf ihr das zu. Der SS-Mann, der hat nicht gesehen, wer das geworfen hat, aber daß der Häftling was aufgenommen hat. Er zog seinen Revolver und schoß auf diese Frau, ja, er traf sie mitten ins Gesicht, und sie stürzte blutüberströmt zusammen.

Das war mein erster, also der zweite schreckliche Eindruck nach dem Aussuchen zu den Selektionen. Ich hatte sehr große Angst, ich war ja damals noch fast ein Kind, und das war mein erster Eindruck. Und ich muß sagen, im Lager selbst habe ich so viel Schreckliches gesehen, was man also kaum beschreiben kann. Ich war auch Augenzeuge davon, wie viele, viele Menschen für die Vergasung ausgesucht wurden. Denn es waren fast täglich Appelle, und jeder Appell war praktisch damit verbunden, daß für die Selektion ausgesucht wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat das gemacht?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Die SS.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht, wer das im einzelnen war.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie dann auch auf dem Block 10 im Stammlager?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja. An mir wurden Experimente vorgenommen, und ich bin dadurch seit 1945 nicht mehr arbeitsfähig.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mal, Frau Rosenberg, hatten Sie sich das, was Sie heute hier aussagen wollten, aufgeschrieben vorher?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Hat es Ihnen jemand anders aufgeschrieben?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, das hat mir niemand aufgeschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie das nicht auswendig gelernt, was Sie heute sagen wollten?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, wie kommen Sie darauf, Herr Vorsitzender?

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Also wir hatten so den Eindruck.

 

Zeugin Paula Rosenberg [unterbricht]:

Denn das ist ja schreckliche Tatsache, das habe ich ja erlebt. Und das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, schön. Ich habe keine Frage mehr an die Zeugin.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das vergißt man nicht.

 

Richter Perseke:

Frau Zeugin, mir ist noch nicht ganz klargeworden, was die beiden, die Sie genannt haben, Capesius und Höcker, auf der Rampe gemacht haben.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Wollen Sie das bitte noch mal wiederholen. Was hat Capesius gemacht, zunächst, oder der Mann, der Ihnen später als Capesius bezeichnet worden ist?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Er hat ausgesucht, wer ins Lager geht und wer ins Gas geht.

 

Richter Perseke:

[Pause] Und wer hat Sie von Ihrer Mutter weggerissen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Höcker.

 

Richter Perseke:

Das war Höcker? Und wer hat Ihnen Höcker oder den Mann, der Sie weggerissen hat, als Höcker bezeichnet?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das waren Kameraden. Ich habe vorhin gesagt, daß ich ihn bei einem der Appelle wiedergesehen habe, daß ich einen [der Häftlinge] gefragt habe, wer das ist, die schon längere Zeit im Lager waren. Und die haben mir gesagt, wer das ist.

 

Richter Perseke:

Also bei einem Appell ist Höcker dabeigewesen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, sie kamen durchs Lager und haben ja die Appelle abgenommen, nicht.

 

Richter Perseke:

Also Höcker hat im Lager einen Appell abgenommen, sagen Sie?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Ja?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie, was Höcker für eine Stellung im Lager gehabt hat?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, er war der Adjutant.

 

Richter Perseke:

Er war der Adjutant. War es denn üblich, daß der Adjutant Appelle abgenommen hat im Lager?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, aber es gab manchmal Situationen, wo der eine oder andere dabei war.

 

Richter Perseke:

Und in welchem Lagerabschnitt war das, dieser Appell?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

In Birkenau.

 

Richter Perseke:

In Birkenau.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie nicht mehr den Lagerabschnitt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Richter Perseke:

Da gab es also verschiedene Abschnitte, a, b, c, d, e.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Richter Perseke:

Das wissen Sie nicht mehr. Und in welchem Zeitraum war das nach Ihrer Ankunft auf der Rampe?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

[Pause] Na, also es haben sich dort solche Szenen abgespielt, daß man keine genaue Zeit...

 

Richter Perseke:

Ja, aber so ungefähr, war es nach ein paar Tagen oder nach ein paar Wochen oder nach ein paar Monaten, daß Sie in dieser

 

Zeugin Paula Rosenberg [unterbricht]:

Wegen diesem Appell?

 

Richter Perseke:

Ja, dieser Appell, wo Ihnen der Offizier als Höcker bezeichnet worden ist.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das waren Tage danach.

 

Richter Perseke:

Das waren Tage danach.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Und Capesius ist Ihnen, wenn ich Sie richtig verstanden habe, unmittelbar nach der Selektion in einer Baracke, wo Sie sich entkleiden mußten, als Capesius bezeichnet worden?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Ist das richtig?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das ist richtig.

 

Richter Perseke:

Und wer hat Ihnen den Namen Capesius gesagt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ein Häftling, eine Frau.

 

Richter Perseke:

Eine Frau?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Richter Perseke:

Ist die mit Ihnen in dem Transport gekommen, oder was hatte die für eine Funktion?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, Sie war schon längere Zeit im Lager Birkenau, und Sie hatte dort die Aufgabe, die Kleidungsstücke dort mit wegzuschaffen.

 

Richter Perseke:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Noch Fragen des Gerichts? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten vorhin, Sie seien weggekommen aus Auschwitz Ende 44 oder Anfang 45.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wo kamen Sie denn da hin?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Da kam ich ins SS-Zwangsarbeitslager nach Freiberg in Sachsen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da kamen Sie nach Freiberg in Sachsen.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und als Sie da wegkamen, aus welchem Lagerabschnitt sind Sie weggekommen? Sie sagten ja vorhin dem Herrn Vorsitzenden, Sie seien auch in Block 10 gewesen. Von wo aus kamen Sie weg aus Auschwitz?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich kam nachher von Birkenau weg.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Von Birkenau aus.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und können Sie sich erinnern, wann und wie lange Sie im Stammlager waren?

 

Vorsitzender Richter:

Also in Block 10.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In Block 10, ja.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das handelte sich um Wochen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wochen, meinen Sie.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da waren Sie von Birkenau dorthin gekommen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und dann

 

Zeugin Paula Rosenberg [unterbricht]:

Und kam dann wieder nach Birkenau zurück.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber in welchem Lagerabschnitt Sie damals waren, wissen Sie nicht mehr?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie in der Zeit, in der Sie in Birkenau waren, gearbeitet?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Gearbeitet haben Sie nie?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, wie lange Sie insgesamt in Birkenau waren?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Also ich kam im Herbst dorthin, Herbst 44.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herbst 44. Sie sagten vorhin, September, vielleicht auch Oktober.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja. Und bin dann eben bis Anfang 45 dort gewesen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten vorhin, [+ Sie seien bis] Ende 44 oder Anfang 45 dort gewesen, ja.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ende 44, Anfang 45, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da waren Sie einige Wochen in Block 10?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und gearbeitet haben Sie nie?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, gearbeitet habe ich dort nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie außer diesen beiden SS-Führern, die Sie genannt haben, sonst irgend jemand im Lager kennengelernt, mit dem Sie in nähere Berührung kamen? Ich denke vor allen Dingen an die Leute, die für das, was in Block 10 geschah, verantwortlich waren. Können Sie uns da irgendeinen Namen nennen, oder kennen Sie da niemand?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, da kenne ich niemand.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie von niemand erfahren, wie er heißt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nicht. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe keine Fragen, danke sehr.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sagen Sie, Frau Rosenberg, Ihre Mutter, welchen Glauben, welche Konfession hatte die?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Sie war Jüdin.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie war Volljüdin?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Also war Ihre ganze Familie volljüdisch.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Meine ganze Familie war

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ihr Vater war auch Jude.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, mein Vater auch.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Auch meine Angehörigen, wo der überwiegende Teil auch

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich möchte noch mal darauf zurückkommen: Sie schilderten die Zusammenhänge Ihrer Festnahme und sahen Sie darin, daß Ihr Vater erschossen wurde im Zusammenhang mit dieser Beseitigung der Ausstellung, damals im [unverständlich] war das wohl gewesen, nicht.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß nicht, Herr Rechtsanwalt, ob Sie das nicht falsch verstanden haben. Sie hat gesagt: Zunächst wurde dieses Komplott erschossen, und dann wurden für jeden einzelnen soundso viel andere verhaftet, nicht?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, der Kopf der Gruppe Baum wurde hingerichtet. Das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber da war der Vater nicht dabei.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern der Vater war nachher bei den anderen dabei, die

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Hingerichtet wurden.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

250 weitere Antifaschisten.

 

Vorsitzender Richter:

Sie weiß nicht, wie der Vater zu Tode gekommen ist. Sie hat lediglich die Nachricht bekommen.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, entschuldigen Sie, ich weiß, wie mein Vater zu Tode gekommen ist. Das erfuhren wir nicht bei der schriftlichen Benachrichtigung meiner Mutter. Sondern in Theresienstadt wurden wir in der Magdeburger Kaserne auf dem Hof zusammengenommen, alle Angehörigen von den Erschossenen, und dort wurde uns in einer scheußlichen Art und Weise mitgeteilt, daß unsere Angehörigen nach Lichterfelde transportiert wurden und daß sie dort ihr eigenes Grab schaufeln mußten und einen Genickschuß bekamen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Frau Rosenberg, der Herr Vorsitzende hat Sie, berechtigterweise, darauf hingewiesen und auch gefragt, daß in der »Großen Hamburger Straße« ja zunächst die Menschen, die jüdischen Menschen zusammengefaßt wurden, die ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wegen weggebracht wurden. Während Sie es so darstellten, als ob Sie wegen des Zusammenhangs mit Ihrem Vater weggebracht wurden.

Das möchte ich noch einmal [+ aufgreifen]. Natürlich muß uns das auffallen, die wir wissen, daß im allgemeinen in der »Großen Hamburger Straße« diese sogenannten Judentransporte – ich möchte diesen Ausdruck nicht [+ benutzen] –, diese Transporte jüdischer Menschen [+ zusammengestellt wurden], die dann nach Theresienstadt oder in die anderen Lager gekommen waren. Aber Sie stellten es zu Anfang und auch hinsichtlich der Schilderung dieser Ausstellung und der Beseitigung der Ausstellung so dar, als ob Ihre Festnahme beziehungsweise die Festnahme Ihrer Mutter – wie alt waren Sie denn damals?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich war sechzehneinhalb, knapp 17 Jahre.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie waren also noch nicht 17. Daß also die Festnahme Ihrer Mutter und von Ihnen im Zusammenhang stand mit dieser Ausstellung und mit den Maßnahmen der Gestapo, unmittelbar und mittelbar. Das möchte ich aufklären. Sind denn mit Ihnen zusammen damals in der »Hamburger Straße« auch andere Menschen gewesen oder nur diejenigen, deren Angehörige im Zusammenhang mit der Ausstellung erschossen wurden?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, das waren alles jüdische Menschen, die aber aufgrund dieser Sache weggekommen sind. Also zwei deutsche Transporte von diesen Erschossenen kamen nach Theresienstadt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Und jetzt hören wir erst in dem Zusammenhang, daß Sie in Theresienstadt bei der Ankunft in der Magdeburger Kaserne zusammengeholt wurden. Und da wurde noch mal Bezug genommen auf diese Vorgänge der Ausstellung?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, ich habe vorhin gesagt, daß meine Mutter hier ein Schreiben erhalten hatte, wo ihr mitgeteilt wurde, daß mein Vater mit den anderen 250 verstorben ist. Aber in Theresienstadt selbst bei diesem Zusammennehmen wurde uns mitgeteilt, wie mein Vater ums Leben gekommen ist.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Und Sie meinen, daß also die Festnahme, Ihre Verbringung nach Theresienstadt nur zurückzuführen ist auf die Tatsache, daß Ihr Vater in diesem Zusammenhang erschossen wurde?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, also wir wußten, daß wir als Juden sowieso wegkommen würden. Aber das war eine Tatsache, dadurch kamen wir eben früher weg.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha, und deswegen haben Sie das hier geschildert. Ich möchte nun folgendes von Ihnen wissen: Sie waren also von Herbst 44 bis wann 45?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ende 44, Anfang 45.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Anfang Januar 45 im Lager in Auschwitz. Der Herr Ersatzrichter hat Sie schon danach gefragt. Sie kennen keinen anderen Namen der SS-Angehörigen, die in dieser Zeit mit Ihnen zu tun gehabt haben?

 

Verteidiger Steinacker:

Ich widerspreche der Frage, die ist beantwortet durch den Ergänzungsrichter.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe weitere Fragen daran anzuknüpfen. Es ist überhaupt

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Ist beantwortet. Es spielt doch gar keine Rolle, ist doch beantwortet.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ach Gott, es spielt eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Ergänzungsrichter hat lediglich gefragt, ob sie in Block 10 andere Leute kennengelernt hat, die sie uns mit Namen noch nennen könnte. Diese Frage geht weiter, sie geht dahin, ob sie überhaupt noch andere Namen von SS-Leuten kenne. Infolgedessen muß die Frage zugelassen

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Und es schließt sich dann die nächste Frage an, wenn ich das zur Begründung sagen darf: Warum kennen Sie dann nur die beiden Namen? Sie sind also von Herbst 44 bis Januar 45, Sie sind immerhin vier Monate in Auschwitz gewesen. Wir werden dann noch etwas Näheres hören, wo Sie gewesen sind. Ich hoffe, daß Sie uns das etwas näher sagen werden.

Aber ich möchte gerne wissen: Wenn Sie keinen anderen Namen wissen – deswegen habe ich zwangsläufig, das läßt sich ja gar nicht vermeiden, die Frage gestellt –, warum kennen Sie dann nur diese beiden Namen, und warum kennen Sie keine anderen Namen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Für mich war das Schrecklichste, daß meine Mutter von mir getrennt wurde. Und dieser Mann, der das getan hat, also da war ich sehr stark interessiert daran, zu wissen, wer das war. Und darum habe ich auch einen Häftling gefragt, und mir wurde der Name genannt. Und noch dazu, wo ich ihn kurze Zeit danach in dieser Baracke wieder gesehen habe. Und der andere, der mich von meiner Mutter weggerissen hat, das war ja auch ganz kurz danach. Dadurch waren mir diese beiden besonders bekannt, nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gut. Sie sind nach Block 10 gleich gebracht worden?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, nicht gleich.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sondern?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Sondern nach kurzer Zeit, wo ich in Birkenau war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und was geschah da mit Ihnen? Was war in diesem Block?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Dort wurden Versuche an mir gemacht und

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Wer machte die Versuche?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ein SS-Arzt. Aber wer das war, weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wurde der Name nicht genannt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, ich habe nachher einen Namen gehört. Aber das weiß ich nicht genau, und darum kann ich das auch nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und was für Versuche wurden da mit Ihnen gemacht? Sprechen Sie bitte zum Gericht und ins Mikrofon.

 

Zeugin Paula Rosenberg [unterbricht]:

Ja, ich bin gespritzt worden und geschnitten worden. Mein ganzes Bein ist kaputt dadurch, und ich bin seit 45 dadurch nicht

 

– Schnitt –

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Aber nach einer gewissen Zeit mußte ich ja dann wieder gehen, weil ich ja dann von dort ins Lager Birkenau zurückkam. Und dann mußte ich ja wieder laufen, nicht, so schwer und so schmerzhaft wie das war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wie lange waren Sie denn in dieser Experimentierbaracke?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Einige Wochen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Einige Wochen.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wer hat Sie denn dazu ausgewählt? Wie geschah denn die Auswahl? Wann geschah die Auswahl?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Bei einem der Appelle, die täglich stattfinden, wurde ich ausgesucht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von wem?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Von einem SS-Offizier.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und wann das gewesen war nach Ihrer Ankunft, können Sie uns das sagen? Ist da lange Zeit vergangen oder kurze Zeit vergangen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Na, das können drei, vier Wochen gewesen sein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sprechen Sie bitte ins Mikrofon.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Das können drei, vier Wochen gewesen sein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Drei bis vier Wochen nach Ihrer Ankunft wurden Sie ausgewählt.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wie lange blieben Sie in der Experimentierbaracke?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Dort auch ungefähr so eine Zeit, und dann kam ich wieder zurück.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Dann kamen Sie wieder in Ihre Unterkunft zurück?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und in Ihrer Unterkunft brauchten Sie nicht zu arbeiten?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, ich habe während der ganzen Zeit in Birkenau nicht gearbeitet.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Weil Sie ausgesucht waren für diese Versuche?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, auch die anderen, die mit mir von Theresienstadt dorthin gekommen waren, die haben alle in Birkenau nicht gearbeitet.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich danke, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage. Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Frau Rosenberg, hatten Sie eine Häftlingsnummer?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein, das waren zwei Transporte, die nach Birkenau kamen, die keine Nummern eintätowiert bekamen. Und nachher habe ich gehört, daß diese zwei Transporte sowieso für die Vergasung bestimmt waren. Aber das ist nicht geschehen, und wir sind ja nachher auch weiter auf Arbeitstransport gekommen. Ich kam dann ins SS-Zwangsarbeitslager nach Freiberg in Sachsen.

 

Verteidiger Stolting II:

Wie wurden Sie denn dann bei einem Appell aufgerufen? Mit dem Namen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Nein.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich wurde aufgefordert vorzutreten. Also wir mußten vor der Baracke Appell stehen, und ich wurde aufgefordert vorzutreten.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, wie geschah denn das? Was hat man da zu Ihnen gesagt?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Wir hatten ja eine Häftlingsnummer schon in Theresienstadt

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Sie hatten also doch eine Häftlingsnummer?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Wie bitte?

 

Verteidiger Stolting II:

Sie hatten doch eine Häftlingsnummer.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, aber keine eintätowierte.

 

Verteidiger Stolting II:

Danach habe ich nicht gefragt. Ich habe Sie gefragt, ob Sie eine Häftlingsnummer hatten, da haben Sie gesagt: Nein. Also jetzt frage ich Sie noch mal. Hatten Sie eine Häftlingsnummer?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie noch, welche Häftlingsnummer das war?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

94.000 und etwas war das. Ich habe

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht mehr genau? Haben Sie das nicht bei Ihren Entschädigungsanträgen angegeben?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ich habe eine Nummer, die steht auf dem Ausweis, den ich nach der Befreiung erhalten habe. Aber die habe ich nicht im Kopf.

 

Verteidiger Stolting II:

Die haben Sie nicht im Kopf.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Danke sehr. Ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist sonst noch eine Frage zu stellen von seiten der Verteidigung? Haben die Angeklagten eine Erklärung abzugeben oder eine Frage zu stellen? Angeklagter Höcker.

 

Angeklagter Höcker:

[unverständlich] erklären, daß die unrichtig sind.

 

Vorsitzender Richter:

Daß sie unrichtig sind.

 

Angeklagter Höcker:

Nicht zutreffend.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sonst sind keine Erklärungen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte.

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Meine Angaben sind nicht unrichtig. Ich habe nicht erwartet hier von seiten des Angeklagten, daß er zugibt, was er gemacht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind, dann ist die Zeugin zu beeidigen. Bitte? Werden Anträge gestellt zur Beeidigung? Sie ist

 

Verteidiger Eggert [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich widerspreche. Entschuldigung.

 

Verteidiger Laternser:

Sagen Sie mal

 

Zeugin Paula Rosenberg [unterbricht]:

Bitte.

 

Verteidiger Laternser:

Welcher Angeklagter war denn das, der eben was erklärt hat?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Dem Aussehen nach habe ich ihn nicht wiedererkannt. Aber man darf ja nicht vergessen, wie viele Jahre das her sind. Und damals in der SS-Uniform und so weiter haben sie ja anders ausgesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt. [Pause] Werden Anträge gestellt bezüglich der Beeidigung? Herr Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Ich widerspreche der Vereidigung dieser Zeugin. Die formellen Voraussetzungen sind erfüllt, da die Zeugin mindestens eine nahe Angehörige in Auschwitz verloren hat. Zur materiellen Frage wird bemerkt, daß die Zeugin sich ausschließlich auf die Namen grade zweier hier angeklagter Personen besinnen kann, während sie sonst weder über die Lagerabschnitte noch über die Einzelheiten der Rampe, noch über irgendwelche zeitlichen oder persönlichen oder örtlichen Verhältnisse nähere Angaben machen kann. Das dürfte hinreichende Veranlassung sein, diese Zeugin in Ihrem eigenen Interesse unbeeidigt zu lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach 61, 2? Sonst werden keine Erklärungen mehr abgegeben. Dann nehmen Sie

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich] Antrag. Ich bitte, die Zeugin zu beeidigen. Die zweiten Darlegungen sind völlig unzureichend, um als Begründung für die Nichtbeeidigung zu dienen. Die Tatsache, daß die Zeugin Angehörige verloren hat, sollte dem nicht entgegenstehen. Wir haben eine große Anzahl von Zeugen bislang gehört, die in gleicher Weise nahe Angehörige verloren haben und hier beeidigt worden sind. Ich bitte, deswegen hier nicht eine Ausnahme zu machen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann nehmen Sie bitte einstweilen mal hinten Platz. Sie wollten noch was sagen?

 

Zeugin Paula Rosenberg:

Ja, ich wollte nur sagen, daß ich sehr viele Angehörige verloren habe, sämtliche Tanten und Cousinen und Onkel sind alle auf diese fürchterliche Art und Weise ums Leben gekommen. Und ich selbst habe auch von anderen Kameraden gesehen, wie Angehörige und wie viele Kameraden selbst ums Leben gekommen sind. Und ich muß sagen, ich finde das empörend, daß der Angeklagte hier das so für null und nichtig erklärt. Das ist so furchtbar gewesen, also ich weiß nicht, dieser Eindruck, der...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, jetzt nehmen Sie bitte mal dahinten Platz. Wir wollen den nächsten Zeugen erst mal hören. Nachher werden wir entscheiden3

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. die notarielle Erklärung der Zeugin Rosenberg vom 28.01.1964, Anlage zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.01.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

2. Der Brandanschlag auf die Ausstellung war am 08.05.1942. Vgl. Lexikon des deutschen Widerstands. Hrsg. von Wolfgang Benz und Walter H. Pehle. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1994, S. 225 ff.

3. Die Zeugin Rosenberg blieb gemäß § 61, Ziffer 2 Strafprozeßordnung »als Angehörige von Verletzten unvereidigt«. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom vom 24.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 720.

 

 
 
 
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