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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

89. Verhandlungstag, 14.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Erich Rönisch

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband aufnehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ohne weiteres.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rönisch, Sie sind geboren in Gottesberg, Kreis Waldenburg, haben die Volksschule besucht, anschließend die Realschule in Waldenburg und das Pädagogium in Lähn bis zur Obersekundareife.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt. Dann sind Sie in die kaufmännische Lehre gegangen. Sie waren zeitweilig in den USA als Volontär.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dann nach Ihrer Rückkehr Kaufmann gewesen bis zu Ihrer Einberufung in die Waffen-SS. Im Jahre 1930 traten Sie der NSDAP bei, 1932 der SA. Stimmt das?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei der Allgemeinen SS sind Sie nicht gewesen?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aus der SA sind Sie 1934 wieder ausgetreten?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was war die Veranlassung dazu?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja, der Druck, die Zeitbeschränkung, die man mir auferlegt hatte. Ich wollte meinen Sonntag für mich haben.

 

Vorsitzender Richter:

Im Jahr 33 sind Sie Blockleiter geworden und später Zellenleiter in Berlin und Blankenfelde?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann wurden Sie eingezogen zur Waffen-SS?

 

Zeuge Erich Rönisch:

1940, den Monat kann ich nicht mehr sagen. Es könnte Mai gewesen sein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es könnte Mai gewesen sein. Und zwar wohin?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Erst nach Kielce zu den Reitern, und dann bin ich versetzt worden nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar war das im Winter 1940/41.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Es muß im Winter gewesen sein, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Im Winter 40/41 nach Auschwitz zur Kommandantur. Und sind dort zunächst hingekommen zu welcher Kompanie?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ich weiß nicht, Josten war der Kompanieführer. Da war ich aber nur ein paar Tage, weil ich ins Krankenlager mußte. Also ich zog mir eine Erkältung zu. Und vom Krankenlager aus wurde ich nachher zurückversetzt zur Kompanie. Innerhalb von zwei Tagen landete ich im Führerheim.

 

Vorsitzender Richter:

Also zunächst waren Sie in einer Wachkompanie.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Vorgesehen zur Ausbildung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, in der Ausbildungskompanie. Und da, sagen Sie, waren Sie nur einige Tage. Wo haben Sie denn Ihre militärische Ausbildung überhaupt bekommen?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ach, kaum. Ich war in Kielce und war als Reiter untauglich. Ich war da beim Schwadronenzug zum Schluß, und dann hat man mich abgeschoben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind dann, wie Sie eben sagen, krank geworden, und als Sie entlassen wurden, kamen Sie ins Führerheim als was?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Als Leiter des Führerheims zum Aufbau. Das Führerheim war ganz neu, und ich mußte das aufbauen mit einem Kameraden, der mir zugeteilt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Was mußten Sie aufbauen?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Die Räume mußten hergestellt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie waren Ordonanz dort, nicht?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ich war Ordonanz und mußte sorgen [...]Die Truppenkantinen als solche, die ja versorgt werden mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Wem haben sie unterstanden, als Sie im Führerheim...

 

Zeuge Erich Rönisch:

Direkt eigentlich dem Kommandanten beziehungsweise dem Adjutanten dann.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer damals Adjutant war?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja, es gab mehrere. Ich könnte Ihnen einige sagen: Frommhagen...

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie Mulka erlebt dort?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja, sogar sehr gut.

 

Vorsitzender Richter:

Und war das Ihr Vorgesetzter?

 

Zeuge Erich Rönisch:

War praktisch mein Vorgesetzter. Ich mußte seine Anordnungen dann ausführen, wenn ich welche bekam. Das war aber so, daß ich kaum welche bekam von ihm.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch das Stammlager einmal besichtigt oder wenigstens betreten?

 

Zeuge Erich Rönisch:

War für mich ja vollkommen uninteressant, weil ich ja außerhalb vom Lager war. Und betreten durfte ich es ja nur, soweit ich zur Kommandantur mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Ich will nicht wissen, ob es für Sie interessant war, sondern ob Sie es betreten haben.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es überhaupt nicht betreten?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Die Gefangenenlager nicht, nur die Kommandantur und die umliegenden Gebäude, zum Beispiel die Verpflegungsabteilung und die Unterkunftsabteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Die Kommandantur lag ja außerhalb des Stammlagers, nicht?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Außerhalb des Stammlagers? [...] Schutzhaftlagers, meinen Sie?

 

Vorsitzender Richter:

Schutzhaftlagers, ja.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja, ja, es war niemals im Schutzhaftlager die Kommandantur, auf keinen Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, eben.

 

Zeuge Erich Rönisch:

War außerhalb, sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Also waren Sie auch niemals im Schutzhaftlager?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Niemals im Schutzhaftlager. Da habe ich ja nichts zu suchen gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wissen auch sonst über die Tätigkeit von Mulka wenig, oder?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja. Sofern ich sie kenne, kenne ich sie nur in dem persönlichen Konnex als Adjutant im Offizierskasino. Da war gerade die Übergangszeit, als ich das Waffen-SS-Haus übernehmen mußte, und dann als Leiter des Hauses der Waffen-SS insofern, wenn er mir Vorschriften machte über Zimmervergebung an Kameraden und so weiter oder an Zivilisten. Ich mußte ja auch Zivilisten da unterbringen.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren Sie einmal bei ihm im Dienstzimmer, beim Herrn Mulka?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Im Adjutantenzimmer?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Oh ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob an dem Eingang irgendeine Beschriftung war, die dieses Zimmer als Adjutantenzimmer kennzeichnete?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ja, es könnte »Adjutant«, es könnte auch »Obersturmführer« drangestanden haben, mit dem Namen. Aber das ist mir so nebensächlich, daß man nicht drauf geachtet hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht genau. Wissen Sie, ob Mulka damals eine Brille getragen hat?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Das kann ich nicht mehr genau sagen. Also das ist mir vollkommen entgangen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht mehr. Wissen Sie, ob er irgendwelche Schwierigkeiten einmal gehabt hat, politischer Art?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Oh ja. Ich weiß noch, einmal im Führerheim, als wenn er mir das Herz ausgeschüttet hätte, sagte er immer: »Ich habe von dem ganzen Kram die Nase voll.« Und: »Ich möchte am liebsten nach Hause« und so weiter. So ähnlich hat er sich geäußert. Jedenfalls war er politisch scheinbar doch nicht so eingestellt, wie man es vielleicht von einem SS- Führer erwartete. Ich hatte gemerkt, daß der Mann gewisse Hemmungen hatte und irgendwie deprimiert war. Das hat er mich so oft merken lassen. Scheinbar auch infolge seiner nicht ganz [+ guten] gesundheitlichen Lage, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, das interessiert uns weniger als ein Verfahren, was er angeblich gehabt haben soll.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ein Verfahren?

 

Vorsitzender Richter:

Es soll ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden sein.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Ich habe wohl davon erfahren, daß er versetzt worden ist oder versetzt werden sollte. Ob das nun mit seiner Einstellung oder irgendwie was damit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Erich Rönisch:

Konnte ich nicht wissen. Ich wußte nur, daß irgendwie was mit ihm war. Dann war plötzlich ein neuer Adjutant da. Wie der hieß, kann ich nicht mehr genau erinnern. Wenn Sie mir den Namen sagen, könnte ich ihn vielleicht bestätigen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe an den Zeugen keine Frage mehr. Sind noch Fragen zu stellen von seiten des Gerichts, von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie mal gehört, daß der Herr Mulka verhaftet worden sei in Auschwitz?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Verhaftet? Also das könnte ich mir nicht vorstellen. Warum?

 

Staatsanwalt Kügler:

Darüber ist auch nicht gesprochen worden?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Nein. Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, kennen Sie das Haus 7?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Haus 7? Das ist das SS-Haus, wo die Frauen der SSler wohl einkaufen gingen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Das war nur ein Einkaufshaus, ja? Keine Gaststätte oder?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Einkaufshaus für die Ehefrauen der

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

In Auschwitz?

 

Zeuge Erich Rönisch:

In Auschwitz, aber außerhalb des Lagers.

 

Verteidiger Gerhardt:

Also nur zum Einkauf?

 

Zeuge Erich Rönisch:

Nur zum Einkaufen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Sind sonst noch Fragen zu stellen von der Verteidigung? Von den Angeklagten? Angeklagter Mulka, haben Sie keine Frage, keine Erklärung? Wie ist es mit der Beeidigung des Zeugen? Besteht kein Hinderungsgrund?

 

– Schnitt –

 

 

 
 
 
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