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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

99. Verhandlungstag, 9.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Artur Radvanský

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre] Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl, natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Radvanský, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Artur.

 

Vorsitzender Richter:

Artur. Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich wurde 1921 geboren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da sind Sie jetzt wie alt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

43, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen wir sagen, 42, ja? Sie werden erst im November 43.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

42 Jahre alt. Sie sind verheiratet?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie für einen Beruf?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich bin Chemiker.

 

Vorsitzender Richter:

Chemiker. Sind Sie verwandt oder verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und wo wohnen Sie?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich wohne in Lysolaje bei Prag.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Prag. Herr Radvanský, Sie sind ebenfalls in Auschwitz gewesen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns sagen, wann Sie verhaftet worden sind und aus welchem Grunde?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich wurde am 30. August 1939 verhaftet bei einer »Aktion« gegen Studenten und gegen die Intelligenz, zusammen mit meinem Vater. Wir kamen schon am 15. Oktober nach Buchenwald. Mein Vater starb binnen sechs Wochen. Über Buchenwald sind wir nach Ravensbrück, Sachsenhausen, und ungefähr im September oder im Oktober 42 bin ich nach Auschwitz gekommen, von Sachsenhausen aus.

 

Vorsitzender Richter:

Im Oktober oder September, sagten Sie, 1942. Und sind dort wie lang geblieben?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Als ich nach Auschwitz kam, gab es eine Selektion von Doktor Entress. Ich kam nach Buna. Dort war ich vielleicht drei Wochen. Dann habe ich hintereinander Fleckfieber und Bauchtyphus bekommen. Meine Kameraden haben mich in einem Heizkanal versteckt, weil damals angeordnet war, daß alle, die Fleckfieber gehabt haben, ins Krematorium gebracht werden mußten. Deswegen haben mich meine Kameraden versteckt.

Ich kam dann ins Hauptlager, das heißt nach Auschwitz, weil ich starke Kopfschmerzen gehabt habe. Ich habe Stirnhöhlenvereiterung gehabt, und man wollte eine Röntgenaufnahme von meinem Kopf machen. Ich kam auf Block 20.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das, Herr Zeuge?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war ungefähr Anfang 43, glaube ich, oder Ende. Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Ende 42, Anfang 43.

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

42, Anfang 43 kam ich auf Block 20. Dort habe ich das erste Mal den Angeklagten Klehr gesehen. Ich war noch zweimal bei einer Selektion, die damals... Vorsitzender Richter:

Vorgenommen wurde.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Von Entress. Und da war das erste Mal der Klehr dabei. Dann hat man mich, weil ich eine Verletzung noch von Ravensbrück gehabt habe und meine Kameraden Angst gehabt haben, daß ich bei der dritten Selektion nicht mehr durchkomme, auf Block 21 verlegt. Und dort hat mich ein deutscher Kamerad namens Martini zum Hilfspfleger gemacht. Ich habe dann ungefähr zwei Monate beim Entlausungskommando gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Herr Zeuge. Also 42/43 kamen Sie auf Block 20. Wann sind Sie auf Block 21 gekommen? War das auch in dem Winter?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das hat 14 Tage, höchstens drei Wochen gedauert.

 

Vorsitzender Richter:

Also Anfang 43. Und wann kamen Sie zu dem Entlausungskommando?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das kann im Februar gewesen sein, Februar 43. Da war ich nur eine kurze Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Nur kurze Zeit.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Vielleicht sechs Wochen. Denn im Frühling 43 wurden Reiniger fürs Kommando SS-Revier gesucht. Und ich wurde dann wieder mit Hilfe eines Kameraden namens Ludwig Wörl ins Kommando SS-Revier geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also wohl im März/April 43.

 

Zeuge Artur Radvanský:

März/April. Eher März als April. Ich weiß es wieder.

 

Vorsitzender Richter:

Eher März als April. Da kamen Sie ins SS-Revier und blieben dort wie lange?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bis zum Ende, bis zum 17. Januar 45. [...] Im SS-Revier arbeitete ich erst als Reiniger auf den Krankenstuben der Kranken. Dann habe ich im Führerbad gearbeitet. Und nach einer kurzen Zeit, ungefähr drei, vier Wochen, hat mich der damalige Standortarzt – den Namen weiß ich nicht mehr, Wirt oder Wirths, das müssen Sie entschuldigen, ich kann mich nicht mehr erinnern – zu seinem persönlichen Diener, oder wie man es sagt, ernannt.

Und binnen kurzer Zeit habe ich festgestellt, daß sich unter der Obhut der Mediziner ein Apparat befindet, der sich mit systematischer Vernichtung von Menschen beschäftigt.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr, als Sie zu Doktor Wirths kamen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war Mai.

 

Vorsitzender Richter:

Im Mai 43.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Im Mai 43, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und blieben Sie bei ihm bis zum Schluß?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bis zum Schluß. Bei meiner Arbeit habe ich Gelegenheit gehabt, das ganze System des Lagerarztes zu...

 

Vorsitzender Richter:

Studieren.

 

Dolmetscher Jarolim:

Kennenzulernen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Kennenzulernen. Dem Standortarzt unterstanden sämtliche Lagerärzte, die SS-Zahnstation und die SS-Apotheke. Ich glaube, daß ich sagen kann, daß ich beim Sturmbannführer Wirths, beim Standortarzt, Material gesehen habe, das vielleicht kein anderer Häftling gesehen hat. Er war ziemlich vergeßlich und hat auf dem Tisch streng geheime Sachen liegenlassen. Das waren Berichte, das waren geheime Briefe. Ich kann mich ganz gut erinnern, daß sie von Berlin-Oranienburg gekommen sind. Die waren unterschrieben von Lolling und von Pohl. Ich weiß nicht, wie ihr Titel war, ich kann mich erinnern: Reichssanitätsdienstführer oder irgendwie. Bitte, das weiß ich nicht mehr. Es sind damals — bylo oznámeno?

 

Dolmetscher Jarolim:

Es wurde damals bekanntgemacht.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Es wurde mit den Briefen bekanntgemacht, daß Transporte kommen aus Frankreich, Belgien, Holland, Ungarn, Griechenland, aus Theresienstadt und aus Polen. Ich habe noch nie gelesen oder gehört, daß irgendwo geschrieben wurde, daß Transporte der kriegsgefangenen Alliierten nach Auschwitz gingen. Darüber hat man überhaupt nie geschrieben, nie etwas gesagt. Aber ich habe es selbst gesehen auf dem Telegramm — bylo napsáno

 

Dolmetscher Jarolim:

Aufgeschrieben.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Aufgeschrieben, daß Transporte der Kriegsgefangenen, Engländer und Franzosen, ankommen werden irgendwo nach Auschwitz ins Lager. Woher sie kamen, weiß ich nicht. Ich glaube, daß es sehr wichtig war. Denn nach den meisten der Telegramme gab es immer eine Ärzteberatung, wo der Standortarzt — rozkazy

 

Dolmetscher Jarolim:

Befahl.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wo er Befehl gegeben hat, was man jetzt tun soll und wie sie sich benehmen sollen. Mir ist es gelungen, ein paarmal hinter der Tür zuzuhören.

Ich habe beim Standortarzt auf dem Schreibtisch unter einer Glasplatte ein Verzeichnis gesehen, auf welchem alle Ärzte standen, die Dienst auf der Rampe und im Krematorium gehabt haben. Die Liste ist dann nicht mehr auf dem Schreibtisch gewesen, sie war im Schreibtisch. Und ich habe mir einen Schlüssel besorgt vom Schreibtisch des Sturmbannführers. Und es ist mir gelungen, den Schreibtisch zu öffnen und zu lesen, was da gestanden hat. Ich kann mich ganz gut erinnern an folgende Namen – ich werde zuerst die Angeklagten nennen: Capesius, Frank, Schatz, Lucas, Kitt, Rohde, Entress, Klein, [Pause] Mengele, den darf ich nicht vergessen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie sagten, daß auch Besprechungen stattgefunden haben, bei denen Doktor Wirths den übrigen Ärzten Verhaltensmaßregeln gegeben habe für ihren Dienst bei Ankunft der Transporte.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was waren das für Verhaltensmaßregeln? Was hat er von ihnen verlangt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das waren nicht — rozkazy

 

Dolmetscher Jarolim:

Befehle.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Befehle, daß die Transporte mit »Sonderbehandlung« behandelt werden sollen. Das heißt, man hat ihnen immer gesagt, wie viele Menschen

 

– Schnitt –

 

Zeuge Artur Radvanský:

Notfall es wenig Häftlingsärzte im Lager gab. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben also diesen Befehl gelesen, wonach die Ärzte, die Sie uns eben genannt haben, bei der Vergasung beziehungsweise bei der Ankunft auf der Rampe zugegen sein sollten. Nicht?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie sonst noch für Befehle gelesen, insbesondere über sogenannte Sonderbehandlung?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wie soll ich es Ihnen sagen, ich weiß nicht. Man hat immer eine Zahl gegeben, wie viele Menschen. Das heißt, es waren zweierlei Befehle. Es waren Befehle über die Transporte, die angekommen sind. Und es waren Befehle über sogenannte Sonderbehandlung der Häftlinge, die schon im Lager waren.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager waren. Und was stand denn da drin, bei diesen Befehlen über Häftlinge, die schon im Lager waren?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nur eine Anzahl, wie viele man selektieren soll.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Anzahl – oder auch Nummern oder Namen oder sonstwie?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Namen habe ich nie gesehen. Ich habe nur die Anzahl gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Die umgebracht werden sollten?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, können Sie uns ungefähr den Wortlaut eines solchen Befehls sagen? Denn er ist mir im Augenblick nicht recht vorstellbar.

 

Dolmetscher Jarolim:

Znení, slovosled.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Rozumím, rozumím. [...]

 

Dolmetscher Jarolim:

Reknete též slovosled takového hlášení, cili takové poznámky, která byla na stole.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Já se u? na ten slovosled [+ nepamatuji]. — Ich erinnere mich nicht mehr auf das.

 

Vorsitzender Richter:

Sie erinnern sich nicht mehr an den genauen Wortlaut.

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Nein, nein, nicht mehr auf den genauen Wortlaut. Das war so schrecklich. Die Zahl hat sich bei tausend immer bewegt. Daß sie vergast werden sollen. Manchmal ist es mir gelungen, es meinen Kameraden zu sagen. Und man hat meistens die Jugendlichen irgendwie versteckt. Das war nämlich im Stammlager. Die Verhältnisse in Birkenau habe ich nie gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wenn Sie auch den Wortlaut dieser Telegramme nicht mehr kennen, aber hat denn etwa dringestanden: Es sind im Lager Auschwitz, meinetwegen, 1.000 Häftlinge »sonderzubehandeln«.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl, so in ungefähr stand es da drin.

 

Vorsitzender Richter:

So ungefähr?

 

Richter Perseke:

[unverständlich] Kategorien.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren da irgendwelche besonderen Kategorien genannt, also zum Beispiel Intellektuelle oder Arbeiter oder Juden oder Polen oder so etwas?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein. Es hat sich meistens nur um jüdische Häftlinge gehandelt.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum bekam nun der Arzt diesen Befehl zur »Sonderbehandlung«? Warum kam der nicht zur Kommandantur?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Všechno záviselo.

 

Dolmetscher Jarolim:

Es hat alles abgehangen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Es hat alles abgehangen von den Ärzten. Die haben die Leute ausgesucht. Ich war doch dreimal selbst bei der Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren dreimal selbst dabei, als Sie damals im Krankenbau lagen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das letzte Mal noch 1943 irgendwann im Herbst. Aber da ich am SS-Revier gearbeitet habe und die Ärzte mich gekannt haben, da haben sie das ganze Kommando zurückgeschickt, damit wir nicht zur Selektion gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, was geschah mit diesen Befehlen? Wurden die den übrigen Ärzten weitergegeben?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die Befehle wurden natürlich den Ärzten übergeben. Es ist mir nicht jedesmal gelungen zuzuhören. Aber ich weiß davon, denn es gab eine Liste [+ mit denjenigen], die Dienst gehabt haben – ich spreche nur von den Zugängen auf der Rampe. Oft kam es vor, daß ein Transport während des Tages gekommen ist. Und da ist schnell von der Schreibstube ein SS-Mann gekommen und hat gesucht: »Wo ist denn der Doktor Fischer« und der und der. »Wo ist denn der? Er soll sofort wegfahren.« Und die Sankas standen vor dem SS-Revier, und er ist weggefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Zur Rampe. [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Zur Rampe nach Birkenau, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Und wir haben oft die Ärzte, die bei uns gearbeitet haben und oben waren, gesehen, wie sie die Gasmaske genommen haben und ins Auto gestiegen und weggefahren sind. Ich kann mich an eines gut erinnern. Der Fahrer vom Standortarzt war ein Volksdeutscher, ich glaube, aus Kroatien. [...] Und er war einmal besoffen und hat uns gesagt, daß er mit dem Chef und mit anderen Ärzten nach Birkenau fährt. Zur Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, diese »Sonderbehandlung« im Lager, jetzt mal nicht an der Rampe, sondern im Lager: Wem wurden diese Befehle denn weitergegeben bei den Dienstbesprechungen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die haben meiner Ansicht nach – ich war doch nicht immer dabei – die Ärzte vom Standortarzt bekommen oder von seinem Vertreter.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Ärzte?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die ich genannt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, mir fällt nämlich auf, daß Sie bei Ihrer Vernehmung am 25.11.1963 vor dem Stadtgericht in Prag folgendes ausgesagt haben: »Diese Befehle von Lolling und Pohl übergab Doktor Wirths bei den sogenannten Kommandantenbesprechungen seinen untergeordneten Ärzten, von denen ich mich an folgende Namen erinnere: Doktor Mengele, Doktor Entress, Kitt, Doktor Rohde, Doktor Kremer, der irgendwo aus Czernowitz her war. Und ich erinnere mich an ihn hauptsächlich deshalb, weil er an demselben Tag wie ich, das heißt am 24.11., geboren wurde.« 1

Unter dieser Aufzählung der Ärzte befindet sich keiner der Namen der hier Angeklagten, während Sie heute die hier angeklagten Ärzte, Zahnärzte und den Apotheker namentlich zuerst genannt haben.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, das war so: Ich habe in der Zeitung gelesen, daß Zeugen gegen SS-Angehörige aus Auschwitz gesucht werden. Ich habe das Namensverzeichnis der Leute nicht gewußt, bevor ich meine Aussage abgegeben habe. Ich konnte den Namen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie konnten den Namen gar nicht kennen, ja.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, das Verzeichnis der Angeklagten habe ich nicht gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht gewußt, ja.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich war auf einer Dienstreise. Ich war nicht in Prag. Und ich habe außerhalb von Prag gearbeitet eine Zeitlang.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wenn Sie die Namen jetzt erst durch die Zeitung erfahren haben, wieso wissen Sie, daß diese Angeklagten dabeigewesen sind, wenn Doktor Wirths diese Befehle aus Berlin weitergab?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe sie doch gesehen, wie sie zur Beratung gegangen sind. Ich war doch Putzer, ich habe sie doch gesehen. Ich habe ihnen noch Wasser gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wußten Sie damals, wie die Leute hießen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und warum haben Sie dann diese Namen, die Ihnen doch bekannt waren, bei Ihrer Vernehmung in Prag nicht genannt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wissen Sie, mich regt es sehr auf, über Angelegenheiten, die mit dem KZ zu tun haben, zu sprechen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das glaube ich Ihnen schon. Aber Sie haben doch diese Namen, die Sie da stehen haben, der Reihe nach heute wiederholt. Nur haben Sie heute an den Anfang gestellt die Namen der hier angeklagten Ärzte, die Ihnen – wie Sie uns eben sagen – zwar auch damals bekannt waren, die Sie aber damals nicht aufgeführt haben, und zwar keinen einzigen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das ist wahr. Man vergißt die Namen. Und erst wenn man über die Sache so nachdenkt, da...

 

Dolmetscher Jarolim:

Kommt es ins Gedächtnis zurück.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Da kommen die Sachen zurück ins Gedächtnis.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben uns dann erzählt von den Selektionen. Und zwar haben Sie zunächst gesagt, Sie wären zweimal bei Selektionen dabeigewesen. Die erste war im?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die erste war gleich nach meiner Ankunft aus Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wo war diese Selektion?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die war vor Block 6 im Stammlager.

 

Vorsitzender Richter:

Vor Block 6 im Stammlager. Und die zweite?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die zweite, die war auf dem Block 20.

 

Vorsitzender Richter:

Im Jahr 1943.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das kann gewesen sein im Januar 43.

 

Vorsitzender Richter:

Januar 43. Nun, wer hat denn diese Selektionen seinerzeit geleitet?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Also das erste Mal war es der Doktor Entress. Am Block 20 war es wieder der Entress. Und das zweite Mal war auch der SDG Klehr dabei. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber außerdem auch noch ein Arzt.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Außerdem noch ein Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war der Arzt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Doktor Entress.

 

Vorsitzender Richter:

Beim zweiten Mal?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Beim zweiten Mal.

 

Vorsitzender Richter:

Irren Sie sich da nicht? Daß es das erste Mal vielleicht Doktor Entress

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Entress ist ein hoher, großer

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und das zweite Mal der Doktor Fischer war?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die waren sehr ähnlich. Beide haben Augengläser getragen. Aber ich glaube eher, daß es Doktor Entress war.

 

Vorsitzender Richter:

War außer dem Doktor Entress noch ein zweiter Arzt dabei?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, damals nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben bei Ihrer Vernehmung in Prag gesagt: »Dann war ich bei der Selektierung im Jahre 1943 zugegen, als Fischer«

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Ja, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

»Noch mit einem weiteren Arzt, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, die Selektierung vornahm. Und da das ganze [...] SS-Revierkommando diesen Arzt aus persönlichem Kontakt kannte, schickte er das ganze SS-Kommando des Reviers fort.« 2

 

Zeuge Artur Radvanský:

Auf den Block, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war 43?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war Ende 43, Herbst 43. Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie arbeiteten als Pfleger im Häftlingskrankenbau 21.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Erst mal als Hilfspfleger. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Als Hilfspfleger. Haben Sie in diesem Block keine Selektion erlebt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe Selektionen erlebt auf diesem Block.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Wer hat denn die durchgeführt? [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Manchmal haben sie die Ärzte durchgeführt, und manchmal haben sie die Sanitätsdienstgrade durchgeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Ohne Ärzte?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ohne Ärzte.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie da noch einen Sanitätsdienstgrad in Erinnerung, der diese Selektionen durchgeführt hat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich kann mich an die Namen im ganzen nicht mehr gut erinnern. Klehr war dabei auf Block 20, das habe ich gesagt. Aber bei Block 21 kann ich mich nicht mehr erinnern, ob es Klehr oder noch ein anderer war. Sie sind zwar in der Schreibstube gesessen, aber wie ihr Name war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kannten Sie Klehr von Person und mit Namen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Klehr, das war eine gefürchtete Figur bei uns in

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und warum?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Warum? Man hat gewußt, daß Klehr die Menschen »abspritzt«.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat man sich erzählt? [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das hat man sich erzählt. Ich kann mich auch erinnern, daß ich Anfang 43 einen Arzt gesucht habe. Das war ein Kinderarzt, der war Professor aus Prag. Ich habe ihn aber von zu Hause aus nicht gekannt. Professor...

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Epstein?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Epstein. Er war mit mir auf Block 21, auf der anderen Stube. Ich habe ihn gesucht, angeblich sollte er auf Block 20 gegangen sein. Und ich bin über den Hof gegangen, in den Korridor nach links eingebogen und sah

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Block?

 

Zeuge Artur Radvanský:

20.

 

Vorsitzender Richter:

20. War es im Erdgeschoß oder im ersten Stock? Parterre?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl, im Parterre.

 

Dolmetscher Jarolim:

Im Erdgeschoß. [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Links, wo man reinging, vom Hof links.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Hof gesehen links.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Vom Hof gesehen links im Gang, das heißt von der Lagerstraße

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Geradeaus über die Hälfte weg.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wie man die Treppe hochgeht, zur rechten Seite war dort Klehr im weißen Mantel, eine Spritze in der Hand. Und ich habe gesehen, daß er bei der Arbeit ist. Denn rechts über...

 

Vorsitzender Richter:

Den Flur.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Den Flur lagen tote Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Raum befand sich denn Klehr, als Sie das gesehen haben?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Links, ich glaube, das war die erste — první místnost.

 

Dolmetscher Jarolim:

Der erste Raum.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Der erste Raum links, gleich beim Eingang. Der erste oder zweite. Ich glaube, eher der erste Raum links beim Eingang. Von mir aus gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein Waschraum?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, er war nicht im Waschraum. Aber die Toten lagen im Waschraum.

 

Vorsitzender Richter:

Und da stand die Tür auf?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die Tür war nicht zu, die war geöffnet.

 

Vorsitzender Richter:

Halb auf. [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Halb auf.

 

Dolmetscher Jarolim:

Pootevrené.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren da noch mehr Häftlinge da?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ein polnischer Häftling war dabei. Den Namen kenne ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Einer?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Einer.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren noch Häftlinge da, die auch getötet werden sollten? Andere, die noch nicht getötet waren?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die standen in einem anderen Raum.

 

Vorsitzender Richter:

In einem anderen Raum.

 

Zeuge Artur Radvanský:

In einem Raum. Ich habe Gespräche gehört, aber wie viele dort waren? Das waren so — to bylo tak strašné.

 

Dolmetscher Jarolim:

Es war so fürchterlich.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Es war so furchtbar. Ich bin weggelaufen, da ich Angst gehabt habe, wenn mich der Klehr sieht, daß er mich auch »abspritzt«.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob dieser Flur abgeteilt war durch irgend etwas, also dieser Teil, wo Klehr drin war, gegenüber dem übrigen Teil des Flurs?

 

Dolmetscher Jarolim:

Jestli byla ta místnost, kde byl Klehr, oddelená od ostatních místností?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war so ein... Ich kann nicht richtig... Sie meinen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War es eine Tür, oder war das

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Eine Türe war dort.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Tür war da.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Da war die Tür, da war der Gang, und dort, da nebenan, war der Waschraum.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie denken jetzt an die Tür, die das Zimmer abgeschlossen hat. Ich denke jetzt an einen Abschluß im Flur selbst. Der Flur war doch lang.

 

Dolmetscher Jarolim:

Ta predsín byla prece dlouhá.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Räume, von denen Sie eben sprechen, die waren doch am Ende des Flurs.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagen, das erste Zimmer links, das erste Zimmer rechts. Und dann kam doch noch ein langer Flur. Konnte man durch diesen langen Flur durchsehen? Oder war da irgendwo eine Tür oder irgendein Hindernis, [wo] Sie nicht durchsehen konnten?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich bin der Meinung, daß es frei war. Aber ich kann es nicht mehr richtig sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es nicht mehr.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Auf Block 20 habe ich nie gewohnt. Ich habe nur auf Block 21 gewohnt. Dort war ich ein paarmal gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie nun Klehr gesehen haben – Sie sagten, bei der Arbeit –, was haben Sie denn in diesem Augenblick gesehen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Eine Spritze in der Hand.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Spritze. Wie groß war denn die Spritze ungefähr?

 

Zeuge Artur Radvanský:

50 bis 100 Kubikzentimeter.

 

Vorsitzender Richter:

50 bis 100 Kubikzentimeter. Und was hatte der Klehr denn für eine Kleidung an?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Einen weißen Mantel.

 

Vorsitzender Richter:

Einen weißen Mantel. Und wo befand sich denn der Mensch, den er töten wollte?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Der saß auf einem höheren Hocker.

 

Vorsitzender Richter:

Er saß auf einem Hocker. Saß er mit dem Gesicht dem Klehr zugewandt oder mit dem Gesicht dem Klehr abgewandt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Zu ihm.

 

Vorsitzender Richter:

Zu ihm. Und war der Oberkörper entblößt, oder war er ganz nackt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ganz nackt.

 

Vorsitzender Richter:

Er war ganz nackt. Und wie Sie nun da gesehen haben, war das der Moment, in dem der Klehr diese Spritze bei diesem Menschen eingestochen hat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Kdy to [vpíchnul,] ano?

 

Dolmetscher Jarolim:

Ano. Jestli jste tedy prímo videl, [+ jak] tuto stríkacku zapíchl.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wie soll ich sagen, das mußte kurz vorher gewesen sein. Denn die Hand war so...

 

Vorsitzender Richter:

Die Hand war bereits an dem Menschen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war nur so ein Augenblick. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Augenblick, wo er hineinstach, wo waren denn da die Arme dieses Häftlings?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Unten. So waren die.

 

Vorsitzender Richter:

Unten. Und von wo aus hat er denn gestochen? Von vorn und ins Herz oder von der Seite oder wohin?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Von vorne.

 

Vorsitzender Richter:

Von vorne. [...] In die Herzgegend?

 

Zeuge Artur Radvanský:

In die Herzgegend, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In die Herzgegend. [Pause] Herr Zeuge, Sie haben bei Ihrer Vernehmung in Prag gesagt: »Ich sah damals durch die offene Tür in den Waschraum und sah folgendes Bild: Der polnische Häftling zog die Injektion auf, die Klehr den entkleideten Häftlingen ins Herz stach. Ich hörte gerade den Augenblick, als Klehr im weißen Mantel die Injektion stach und der Häftling zu Boden stürzte. In der Ecke lagen zehn Leichen.« 3

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war so: In der Ecke lagen die. Im Waschraum lagen die Toten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also zunächst, Herr Zeuge: Zwischen dem Waschraum und dem Raum, wo Klehr sich befand, lag der Flur.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Es können also die Leichen – wenn Sie im Waschraum lagen – entweder sich nicht in dem Raum befunden haben, in dem Klehr sich befand, oder Klehr kann sich nicht in dem anderen Raum befunden haben, sondern er muß sich im Waschraum befunden haben.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Klehr war nicht im Waschraum.

 

Vorsitzender Richter:

Er war nicht im Waschraum. Lagen denn in dem Zimmer, in dem Klehr sich befand, die Leichen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sondern?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Sie lagen im Waschraum.

 

Vorsitzender Richter:

Im Waschraum. Zweitens: Heute sagen Sie, als Sie in das Zimmer sehen konnten, hatte Klehr grade die Spritze angesetzt, um sie bei diesem Menschen hineinzugeben.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Anzusetzen, ja. Und wie ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und damals sagten Sie: Ein Häftling hat die Injektion aufgezogen. Klehr hat dann die Injektion ins Herz gegeben, und ich sah grade den Augenblick, als dieser Einstich vorgenommen wurde und der Häftling zu Boden stürzte.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Also noch einmal: Ich sah den Augenblick. Ich bitte, noch einmal...

 

Vorsitzender Richter:

Ich soll es noch mal vorlesen. Sie haben damals gesagt: »Ich sah damals durch die offene Tür in den Waschraum und sah folgendes Bild: Der polnische Häftling zog die Injektion auf, die Klehr dem entkleideten Häftling ins Herz stach. Ich hörte gerade den Augenblick, als Klehr im weißen Mantel die Injektion stach und der Häftling zu Boden stürzte. In der Ecke des Raumes lagen etwa zehn Leichen.« 4

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das ist nicht genau beschrieben. Also das war so: Er hat mit zwei Injektionen bei ihm gearbeitet. Der polnische Häftling hat eine Injektion...

 

Vorsitzender Richter:

Aufgezogen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Aufgezogen und da also bereit gemacht. Und mit der zweiten hat er gearbeitet. Gesehen habe ich das, wie er...

 

Vorsitzender Richter:

Einstach?

 

Dolmetscher Jarolim:

Eingestochen hat.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wie er einstach, ja. Und ich bin gleich weg. Und dann habe ich gehört, wie ein Körper runterfällt. Dann bin ich weg. Wie ein Körper runterfällt.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, zunächst einmal: Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie länger als einen ganz kurzen Augenblick

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Augenblick, stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Da einen Blick hineingeworfen haben. Denn Sie brachten sich ja in Todesgefahr, indem Sie das gesehen haben.

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

In Todesgefahr, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Allein das Sehen genügte ja schon, daß es Ihnen genauso ging.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie also einen geringen Augenblick gesehen haben, dann müssen Sie doch gesehen haben, ob sich diese Szene im Waschraum abspielte oder in einem anderen Raum. Heute sagen Sie, nicht im Waschraum. Damals haben Sie gesagt, im Waschraum. Heute sagen Sie: Die Leichen lagen nicht in demselben Raum, sondern im Waschraum, wo der Klehr nicht war. Damals haben Sie gesagt: In der Ecke dieses Raumes, in dem der Klehr arbeitete, lagen zehn Leichen.

Also die Darstellung von heute weicht in starken Punkten ab von Ihrer früheren Darstellung. Haben Sie in der Zwischenzeit, das heißt seit Ihrer Vernehmung in Prag am 25.11.1963 [bis] heute, irgendwo noch eine andere Schilderung dieses Vorgangs gelesen oder gehört?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, ich habe über die Sachen nur alleine nachgedacht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja, ich möchte zunächst einmal die Vernehmung unterbrechen und eine Pause einlegen bis um

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, haben Sie auch einmal gesehen, daß die Ärzte auf der Rampe Dienst getan haben?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich war niemals in Birkenau. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diese Ärzte, wenn sie zu der Rampe gingen, auch die Gasmaske mitgenommen haben?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe oft gesehen, wenn ein Transport während des Tages gekommen ist, das heißt, wenn wir auf der Arbeitsstelle waren, daß die Ärzte mit dem Sanka weggefahren sind und oft auch die Gasmaske getragen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie bei dieser Gelegenheit alle Ärzte gesehen, die Sie uns aufgeführt haben, auch den Doktor Frank, mit der Gasmaske?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Den Doktor Frank habe ich sehr oft gesehen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sehr oft gesehen. Auch wenn er mit der Gasmaske weggegangen ist?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe ihn nicht jedesmal mit der Gasmaske wegfahren sehen, das ist wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Doktor Lucas gekannt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, den Doktor Lucas habe ich nicht gekannt. Ich habe aber beim Standortarzt Berichte gelesen, die unterschrieben waren mit dem Namen Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Daß der Doktor Lucas in dem Lager war, das wissen wir. Wir möchten nur wissen, ob Sie Doktor Lucas persönlich gekannt haben und ob Sie insbesondere irgendwelche Wahrnehmungen gemacht haben, daß er sich ebenfalls an der Rampe bei Selektionen beteiligt hat.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe seinen Namen auf der Liste gelesen, die beim Standortarzt auf dem Schreibtisch und später im Schreibtisch gelegen ist. Es könnte ungefähr bis Ende 43/Anfang 44 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ende 43, meinten Sie?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Anfang 44 eher.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 44. [Pause] Aber außer, daß Sie seinen Namen auf der Liste gelesen haben oder daß Sie Berichte gelesen haben, die er unterschrieben hat, ist Ihnen nichts von ihm bekannt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, bei Ihrer Vernehmung in Prag hatten Sie auch den Namen Klehr genannt. Sie haben uns ja heute schon von Klehr berichtet, was Sie von ihm gesehen haben. Wissen Sie, ob Klehr sich sonst noch beteiligt hat an irgendwelchen Dingen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Klehr war der Chef der sogenannten Desinfektoren, das heißt derjenigen SS-Leute, die Dienst im Krematorium gehabt haben und die Gas ins Krematorium reingeworfen haben. Die nannte man Desinfektoren.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Chef dieser Leute?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl, eine Zeitlang.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob er sich auch selbst daran beteiligt hat? [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bitte?

 

Dolmetscher Jarolim:

Jestli se toho sám zúcastnil?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich war natürlich nie dabei, aber ich habe oft gesehen, wie er auch die Gasmaske [...] bei sich gehabt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn auch mit der Gasmaske mit dem Sanka wegfahren sehen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe ihn sogar ins SS-Revier kommen sehen und habe ihm oft, wenn er vom Dienst gekommen ist, noch ein Bad gemacht. Ich war doch sogenannter Bademeister im Führerbad und im Truppenbad.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihm Bäder gemacht.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bäder gemacht, wenn er vom Dienst gekommen ist. Einmal habe ich eine Ohrfeige von ihm bekommen, weil ich ihm seinen Rasierapparat nicht gut saubergemacht habe.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ob er da von der Gaskammer kam, das wissen Sie natürlich nicht.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch den Hantl gekannt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Vom Namen her. Ich erinnere mich, daß er eine Zeitlang auf dem Block 21 auf der Schreibstube Dienst gehabt hat. Aber persönlich bin ich mit ihm nie in Berührung gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nannte er sich damals schon Hantl?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die Häftlinge haben mir gesagt, daß er früher einen anderen Namen gehabt hat, der hat irgendwie tschechisch oder polnisch — znel.

 

Dolmetscher Jarolim:

Polnisch oder tschechisch geklungen.

 

Vorsitzender Richter:

Szewczyk.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Szewczyk. Das haben mir die Häftlinge gesagt, das habe ich selbst nicht gewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo das Zyklon B aufbewahrt war?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das Zyklon B war im — ve sklepe.

 

Dolmetscher Jarolim:

Im Keller.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war im Keller von dem Gebäude, wo das SS-Revier war. Einmal haben wir sogar die Kisten oben ins Magazin, wo die SS-Apotheke war, getragen. Aber meistens war es neben dem SS-Revier im Alten Krematorium — uskladneno.

 

Dolmetscher Jarolim:

Eingelagert.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Eingelagert.

 

Vorsitzender Richter:

Im sogenannten Magazin?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Magazin, ano.

 

Dolmetscher Jarolim:

Takzvaný Magazin?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Man nannte es Magazin.

 

Vorsitzender Richter:

Da war es eingelagert. Wieso wissen Sie das? Haben Sie das dort stehen sehen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das Gebäude, wo das SS-Revier war, hat oben einen Boden, das war zweistöckig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

První patro a nahore bylo

 

Dolmetscher Jarolim:

Druhé patro.

 

Vorsitzender Richter:

Der Dachboden.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Der Dachboden. Und von oben haben wir ins Krematorium reingesehen. Und wir haben gesehen, wie man mit Wagen reingefahren ist und die Kisten rausgetragen hat.

 

Vorsitzender Richter:

War das Gas in Kisten?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war in Holzkisten. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch den Apotheker gekannt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Den Apotheker Doktor Capesius habe ich gekannt. Früher war der Leiter der Apotheker so ein alter Herr, ich glaube, Doktor [Krömer] hieß er. Ich weiß es nicht mehr, Sturmbannführer oder was. Den habe ich nur eine kurze Zeit erlebt, ungefähr vier, fünf Monate. Und dann ist Doktor Capesius gekommen. Meiner Ansicht nach war er erst Hauptsturmführer. Und dann war er Sturmbannführer wie unser Standortarzt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Hat der Doktor Capesius auch an den Selektionen teilgenommen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ganz bestimmt, weil er auf der Liste gestanden hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er etwas mit dem Zyklon B zu tun gehabt hat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Als Leiter der Apotheker unterstand ihm das Magazin mit dem Gas Zyklon B. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er sich auch persönlich da irgendwie dran zu schaffen gemacht hat oder ob er da irgendwas zu tun gehabt hatte?

 

Dolmetscher Jarolim:

Víte, jestli s [+ tím] mel osobne co delat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

S cím?

 

Dolmetscher Jarolim:

S tím Zyklonem?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Als Chef der SS-Apotheke hat er doch unter sich die Leitung gehabt der ganzen SS-Apotheke, und er hat doch die — zásoby.

 

Dolmetscher Jarolim:

Die Vorräte.

 

Zeuge Artur Radvanský:

War für die Vorräte verantwortlich.

 

Vorsitzender Richter:

Nun wollte ich nur wissen, ob Sie ihn gesehen haben, wie er mit diesem Zyklongas irgendwas zu tun gehabt hat.

 

Dolmetscher Jarolim:

Jestli s tím Zyklonem mel co delat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Also daß er alleine was

 

Dolmetscher Jarolim:

Manipuloval.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Selbst manipuliert hat, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Sie haben ausgesagt: »Und ich sah den Genannten häufig mit der Gasmaske ausgerüstet, als er das Aufladen des Zyklons beaufsichtigte und nach Birkenau abfuhr.« 5

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe ihn gesehen, wie er mit dem Wagen und dem Sanka mit der Gasmaske weggefahren ist. [...] Und vorher hat man das Auto vollgeladen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie wollen folgendes sagen, wenn ich Sie recht verstehe: Diese Tätigkeit, die Sie hier bei Ihrer früheren Vernehmung geschildert haben, die bezog sich auf den Sanka, in den das Giftgas eingeladen wurde und mit dem er nachher wegfuhr bei ankommenden Transporten.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, wenn er Dienst gehabt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht etwa auf das Abladen und Aufladen des Zyklons, was Sie uns grade eben erzählt haben, was im Magazin passiert ist.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie wollen also mit aller Bestimmtheit sagen, daß Sie gesehen haben, wie Doktor Capesius dieses Zyklon B in einen Sanka einladen ließ und dann mit der Gasmaske zusammen mit diesem Sanka weggefahren ist.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie mit eigenen Augen gesehen?

 

Dolmetscher Jarolim:

To jste videl na vlastní oci?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Gesehen, gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sagen Sie, was haben Sie von Boger gehört?

 

Dolmetscher Jarolim:

Co jste slyšel o Bogerovi?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Von Boger habe ich gehört, daß er der größte Schläger aus der Politischen Abteilung war.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem haben Sie das gehört?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Von den Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie nicht mehr, von welchem Häftling Sie das gehört haben?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war doch allgemein bekannt. Manche jüdischen Häftlinge haben ihn »Malche Muwes« genannt. Das heißt...

 

Vorsitzender Richter:

Der schleichende Tod.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Der Tod, ja. Er ist mit dem Fahrrad gefahren im Lager, und wir haben gewußt, wenn er zum Block 11 gefahren ist, daß es Erschießungen geben wird.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können sich aber nicht mehr entsinnen, daß Ihnen jemand etwas erzählt hat, was in Block 11 dort geschehen ist?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Auf den Namen? [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, auf den Namen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ganz bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Ihnen denn das erzählt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Na, Häftlinge, die in Block 11 waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Kapo dort auch?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jakob.

 

Vorsitzender Richter:

Der Jakob?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Oder Max, wie er hieß. Ich weiß es nicht ganz bestimmt. Max oder Jakob.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das würde mich jetzt mal interessieren, ob Sie das noch wissen, wie der heißt. Haben Sie den mal selbst gesehen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Selbst gesehen, das war so ein 120 Kilo schwerer Mann

 

Dolmetscher Jarolim:

Großer, starker

 

Zeuge Artur Radvanský:

Großer, starker Mann gewesen. [Man nannte ihn] Max oder Jakob, das weiß ich nicht mehr bestimmt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, ob Doktor Schatz auch auf die Rampe gefahren ist?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Doktor Schatz war auf der Liste aufgeschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Auf der Liste aufgeschrieben. Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Folgende Frage: Kannten Sie auch den Doktor Klein?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Er hieß, glaube ich, Artur Klein, oder? Ich weiß nicht, wie der richtig hieß, aber er ist am 24.11. geboren. Und er hat mir einmal gratuliert. Ich habe ihn in meiner Aussage König genannt oder irgendwie. Aber das hat nicht gestimmt. Das war Klein. Er stammte irgendwo aus Czernowitz oder irgend von dort. Er hat sehr gut Ungarisch und Rumänisch gesprochen.

 

Richter Hotz:

Stand dieser Doktor Klein auch auf der Liste?

 

Zeuge Artur Radvanský:

War auf der Liste oben. Ganz bestimmt.

 

Richter Hotz:

Ist Ihnen mal etwas davon bekanntgeworden, daß Doktor Capesius diesen Doktor Klein gebeten hätte, für ihn den Rampendienst zu machen, daß Sie ein solches Gespräch gehört hätten?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, das habe ich nie gehört. Aber ich möchte wohl sagen, es war nicht so einfach, den Dienst irgendwie umzuwerfen. Ja, ich war einmal Zeuge, wie Untersturmführer Kitt – ich weiß nicht, ob es damals Fischer oder Entress war – gebeten hat, den Dienst mit ihm zu...

 

Dolmetscher Jarolim:

Tauschen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Tauschen. Ich weiß nur, daß sie zum Spieß gegangen sind – das war Hauptscharführer Ontl – und daß es eine Zeitlang, ich weiß nicht, ob ein oder zwei Tage, gedauert hat, bis ich gesehen habe, daß auf der Liste der Name gestrichen wurde und die Namen umgeändert wurden. An das erinnere ich mich ganz genau.

 

Richter Hotz:

Ist Ihnen etwas darüber bekanntgeworden, etwa weil Sie das zufällig mit angehört hätten, daß Doktor Capesius, nachdem er auf dieser Liste auch eingeteilt war, mit dem Standortarzt Doktor Wirths eine Auseinandersetzung hatte wegen dieser Einteilung?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich glaube das nicht. Denn Doktor Wirths war ein sehr energischer Mensch, und er hat keine...

 

Dolmetscher Jarolim:

Keine Widerrede geduldet.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Keine Widerrede geduldet. [...]

 

Richter Hotz:

Ja, um so eher könnte eine Auseinandersetzung zustande gekommen sein, wenn jemand dieser eingeteilten Zahnärzte oder Apotheker sagt: Ich mache das nicht. Ich bin kein Arzt, ich mache das nicht.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jeder ist vor ihm — stál.

 

Dolmetscher Jarolim:

Stand vor ihm stramm.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Stand vor ihm stramm. Ich war nie dabei, aber das ist meine Meinung.

 

Richter Hotz:

Jawohl. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Schildern Sie uns mal bitte, wie der Doktor Klein aussah.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Doktor Klein konnte damals so 50, 55 Jahre alt gewesen sein, hatte eine...

 

Vorsitzender Richter:

Narbe?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nicht.

 

Dolmetscher Jarolim:

Pleš?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Pleš.

 

Dolmetscher Jarolim:

Glatze.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Eine Glatze gehabt, und er hat so ausgesehen – bitte entschuldigen Sie den Ausdruck – wie ein gemütlicher Bauer oder ein gemütlicher Mensch. Er hat so langsam gesprochen mit einem typischen ungarischen Dialekt

 

Dolmetscher Jarolim:

Akzent.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wie die Ungarn deutsch sprechen.

 

Vorsitzender Richter:

War er groß?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein. Ich war damals kleiner, aber...

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren kleiner als er?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Damals war ich kleiner als er, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

War er dick oder dünn?

 

Dolmetscher Jarolim:

Byl tlustý?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, er war so...

 

Dolmetscher Jarolim:

Strední. — Mittelmäßig.

 

Zeuge Artur Radvanský:

So mittelmäßig.

 

Vorsitzender Richter:

Mittelmäßig. Konnte man ihn leicht mit dem Doktor Capesius verwechseln?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nicht. Ganz bestimmt nicht. Der Doktor Capesius hat viele Haare gehabt und war ein bissel grau...

 

Dolmetscher Jarolim:

Grauhaarig.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Grauhaarig und ziemlich breit.

 

Vorsitzender Richter:

Meistens haben die Männer ja Mützen getragen, wenn sie außerhalb des Reviers waren.

 

Zeuge Artur Radvanský:

In der SS-Apotheke nie.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, in der Apotheke nicht, aber draußen im Lager.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Da habe ich ihn nie gesehen, im Lager. Ich habe ihn nur in der SS-Apotheke gesehen. Alle Ärzte habe ich nur im Bereich des Gebäudes gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn sie also eine Mütze aufhatten, und man konnte ihren Haarwuchs nicht näher feststellen, konnte man sie dann verwechseln?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, ich glaube nicht. Denn Capesius war meiner Ansicht nach [+ noch] einmal so breit wie Klein. [...] — Silne jší byl.

 

Dolmetscher Jarolim:

Er war stärker, kräftiger.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ganz bestimmt der Kräftigere.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr. Ist von seiten des Gerichts noch etwas zu fragen? Von seiten der Staatsanwaltschaft? Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben bei Ihrer Vernehmung vor dem Richter in der Tschechoslowakei die Besprechungen bei Doktor Wirths als »Kommandantenbesprechungen« 6 bezeichnet. Ist das der offizielle Ausdruck, oder ist das so übersetzt worden?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, ich habe mich schlecht ausgedrückt. Das waren sogenannte Ärzteberatungen. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Es hat also niemand von der Kommandantur an diesen Beratungen teilgenommen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich kann mich nicht erinnern, daß jemand dort war bei Ärzteberatungen. Daß die Offiziere von der Kommandantur gekommen sind, das weiß ich. Aber auf den Namen kann ich mich nicht erinnern. Es sind Offiziere gekommen, sagen wir, von der Lagerverwaltung. Aber wie sie hießen, da kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren die Dienstbesprechungen beim Standortarzt regelmäßig? Jede Woche, an einem bestimmten Tag oder alle 14 Tage oder wie?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wie ich mich erinnern kann, waren sie ziemlich regelmäßig mindestens zweimal im Monat. Aber manchmal auch öfter.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Erinnern Sie sich an eine Dienstbesprechung, die vor dem Eintreffen der großen Ungarn-Transporte bei Doktor Wirths erfolgt ist?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Zur Zeit der Ungarn-Transporte waren die Besprechungen sehr oft.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Erinnern Sie sich daran, daß vor den Ungarn- Transporten eine Änderung in der Einteilung der zum Rampendienst vorgesehenen Sanitätsführer vorgenommen wurde? Erinnern Sie sich daran, daß vor den Ungarn-Transporten eine besondere Dienstbesprechung war und daß an dieser Dienstbesprechung auch Apotheker und Zahnärzte teilnahmen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, natürlich, da waren alle dabei. Bei den Ärztebesprechungen waren immer alle dabei. Alle, die dem Standortarzt unterstanden, waren dabei. Ich habe ihnen doch oft Wasser gebracht. Trinken habe ich ihnen noch reingebracht. Sie haben mich gerufen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben die Apotheker und die Zahnärzte vor den Ungarn-Transporten auch am Rampendienst teilgenommen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Vor den Ungarn-Transporten? [...]

 

Dolmetscher Jarolim:

Pred [madarskými] transporty.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Rozumím.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich will Sie so fragen, Herr Zeuge: Wissen Sie etwas von einer besonderen Dienstbesprechung, in der in dieser Hinsicht eine Änderung vorgenommen wurde?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht. Sie haben über Doktor Capesius relativ ausführliche Angaben gemacht. Wissen Sie etwas von Versuchen, die Doktor Capesius vorgenommen hat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja. Doktor Capesius hat so ein kleines Labor gehabt. Da arbeitete ein Ungar – ob er nur ein Chemiker war oder ein Arzt war, weiß ich nicht. Und er hat dort eine – damals habe ich noch nicht gewußt, wie man im Deutschen sagt – Bürette gehabt und hat was

 

Dolmetscher Jarolim [unterbricht]:

Was, eine?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bürette. — Na titrat.

 

Dolmetscher Jarolim:

Ach, eine Pipette.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nicht Pipette, Bürette.

 

Dolmetscher Jarolim:

Bürette. Zur Titration.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, zur Titration. Und die Häftlinge, die dort gearbeitet haben, die haben mir gesagt, daß Capesius Versuche gemacht hat mit — narkotickými prostredky.

 

Dolmetscher Jarolim:

Mit Narkotisierungsmitteln.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Mit Narkotisierungsmitteln, und man hat es Evipan genannt oder wie.

 

Dolmetscher Jarolim:

Evipan hat man es genannt.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Und sie haben auch gesagt – ich habe es nicht selber gesehen –, daß man es den Häftlingen in Getränken gegeben hat.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie etwas davon, ob solche Versuche einen tödlichen Ausgang in einigen Fällen gehabt haben? [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Dazu kann ich nichts sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, gab es einen Truppenarzt oder mehrere Truppenärzte in Auschwitz? [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Der Truppenarzt, das war Doktor Fischer. Das war der Stellvertreter von Sturmbannführer Wirths. Und manchmal haben dort auch andere Ärzte Dienst gehabt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Als Truppenarzt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Als Truppenärzte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie, ob Doktor Lucas Truppenarzt war? [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, Doktor Lucas nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wollen Sie das mit Bestimmtheit sagen, oder wollen Sie sagen, Sie wissen es nur nicht?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl. Eher war dort Rohde, bevor er weggefahren ist. Dann habe ich eine Zeit auch Untersturmführer Kitt dort gesehen, aber Lucas nie. Sonst hätte ich ihn persönlich gekannt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist der Truppenarzt auch eingeteilt worden zum Rampendienst? Stand er auch auf dieser Liste?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke, keine weitere Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sagen Sie, Herr Zeuge, Sie sprachen von Befehlen, die aus Berlin beziehungsweise Oranienburg kamen, bezüglich der »Sonderbehandlung«. Waren diese Befehle direkt an den Standortarzt gerichtet?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Direkt an den SS-Standortarzt Doktor Wirths.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Oder waren die Befehle erst an die Kommandantur gerichtet und gingen dann erst an den Standortarzt?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Meiner Ansicht nach direkt an den Standortarzt. Aber es gab Befehle – von wo sie gekommen sind, weiß ich nicht genau –, die befohlen haben, daß die Häftlinge, die schon im Lager waren, mit »Sonderbehandlung« behandelt werden sollten. Die sind...

 

Dolmetscher Jarolim:

Die sind über die Kommandantur

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Die sind über die Kommandantur rübergekommen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wenn ich Sie also recht verstehe, unterscheidet sich das: Die Transporte, die gleich direkt zur Vergasung kamen, da kamen die Befehle und die Ankündigungen direkt an den Standortarzt.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und die Befehle, die sich darauf bezogen, daß Häftlinge ermordet werden sollten, die kamen von der Kommandantur?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Meistens kamen die von der Kommandantur.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

In welcher Form kamen die von der Kommandantur? Schriftlich?

 

Dolmetscher Jarolim:

V jaké forme, písemne?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Písemne. — Schriftlich, schriftlich.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schriftlich. Können Sie uns ungefähr sagen – nicht den genauen Inhalt –, wie solche Befehle aussahen?

 

Dolmetscher Jarolim:

Mužete nám ríci, jak takovéto rozkazy vypadaly?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Já nevím.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie waren schriftlich.

 

Dolmetscher Jarolim:

Byly uloženy písemne?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Die ich gesehen habe, die waren schriftlich. Also es sind mit »Sonderbehandlung« soundso viele Häftlinge zu behandeln.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Den Text – das tut mir leid

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Habe ich auch nicht von Ihnen verlangt. Ich möchte nur gern wissen, wie waren die unterschrieben? Können Sie sich daran erinnern?

 

Dolmetscher Jarolim:

Jak byly podepsány?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war unlesbar. Aber der Stempel »Kommandantur« war drauf.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gut. Aber darunter stand doch wahrscheinlich, unter der unlesbaren Unterschrift, eine Dienstbezeichnung. Können Sie sich daran erinnern?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wissen Sie, das war so schrecklich, Herr Vorsitzender, für mich, denn...

 

Vorsitzender Richter:

Daß Sie das nicht genau untersucht haben. Also er kann sich nicht mehr erinnern.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Er kann sich nicht mehr erinnern.

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Ich kann mich nicht mehr erinnern.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe eine ganz andere Frage noch. Herr Zeuge, Sie erwähnten, daß Sie gelesen haben, daß Zeugen gesucht wurden.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bitte?

 

Dolmetscher Jarolim:

Vy jste cetl, že jsou hledáni svedkové.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, in der Zeitung.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

In welcher Zeitung war das?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das habe ich in, wie heißt das, »Hlas [unverständlich] « gelesen, das ist eine...

 

Dolmetscher Jarolim:

Zeitschrift.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Eine Zeitschrift der Verteidigten, der...

 

Dolmetscher Jarolim:

Der Überlebenden?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Der, wie heißt es, VVN? Ich weiß nicht mehr

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Verfolgten des Naziregimes, der Opfer des Faschismus.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Bei uns nennt man es anders, aber das ist das.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Also es ist eine tschechische Zeitschrift gewesen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Eine tschechische Zeitschrift gewesen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und wer suchte diese Zeugen?

 

Dolmetscher Jarolim:

Kdo hledal [+ tyto] svedky?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich möchte es bitte lieber tschechisch sagen.

 

Dolmetscher Jarolim:

Ja, bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Richtig, ja.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Svaz protifaši stických bojovníku vyzval vezne, kterí byli v koncentracním tábore v Osvetimi, aby se dostavili k soudu v Praze 2.

 

Dolmetscher Jarolim:

Der Verband der antifaschistischen Kämpfer hat die Häftlinge, die in Konzentrationslagern in Auschwitz waren, aufgefordert, daß sie zum Gericht in Prag 2 kommen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

A tam byli vyslýcháni.

 

Dolmetscher Jarolim:

Und [+ sie] wurden dort verhört beziehungsweise haben dort ausgesagt.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Já si nepamatuji to jméno, nejaká paní doktorka to byla.

 

Dolmetscher Jarolim:

Ich kann mich an den Namen der Verhörenden nicht erinnern. Frau Doktor wurde sie tituliert.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nun, das ist ja unterschrieben auch bei Ihnen. Doktor Malokowa, nicht.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Malokowa, ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön. Was haben Sie aufgrund der Aufforderung getan? Sind Sie direkt zum Gericht gegangen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich bin direkt zu Doktor Malokowa gegangen. Die hat mir so ein Namensverzeichnis gegeben. Und ich habe es schnell...

 

Dolmetscher Jarolim:

Durchgelesen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Durchgelesen. Und dann habe ich gesprochen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Haben Sie, bevor Sie zum Gericht gegangen sind, mit irgend jemandem Ihre Aussage besprochen?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, ich erinnere mich, ich habe damals in Náchod gearbeitet. Das ist ungefähr 150 Kilometer von Prag entfernt. Ich bin ins Labor gekommen, um irgendwelche Sachen zu erledigen, und dann hat mir meine Frau einen Brief übergeben. Und ich bin dann zu der Frau Doktor gegangen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön. Ich danke, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Die Verteidigung. Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Zeuge, Sie sagten vorhin, daß Sie sich an Doktor Klein deswegen so gut erinnern könnten, weil Sie am selben Tag Geburtstag hatten.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Irren Sie sich da nicht?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, ganz bestimmt nicht. Er hat mir selbst gratuliert.

 

Verteidiger Laternser:

Ah so. Herr Zeuge, ich frage Sie noch mal. Überlegen Sie, ob Sie sich nicht irren.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, ganz bestimmt nicht. Weil ich an demselben Tag Geburtstag gehabt habe, hat er sich sehr freundlich mir gegenüber...

 

Dolmetscher Jarolim:

Benommen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Benommen. Sehr freundlich, er hat mich Artur genannt. Das kann man mit dem Benehmen anderer SS-Männern überhaupt nicht...

 

Dolmetscher Jarolim:

Nicht vergleichen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Vergleichen.

 

Verteidiger Laternser:

Hat denn noch jemand am gleichen Tage mit Ihnen Geburtstag gehabt, also den Sie kannten, meine ich natürlich?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nicht. Nun, sehen Sie, Sie irren sich anscheinend doch. Entweder haben Sie sich damals bei der Vernehmung geirrt oder heute.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er schon gesagt, der Zeuge. Er hat das schon gesagt. Er hätte ihn damals mit König verwechselt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, und hier steht Kremer.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Kremer.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Oder Kremer.

 

Verteidiger Laternser:

Sie schreiben hier, »von denen ich mich an folgende Namen erinnern [+ kann] «, dann: »Mengele, Entress, Kitt, Rohde, Kremer, der irgendwo aus Czernowitz her war. Und ich erinnere mich an ihn hauptsächlich deshalb, weil er an demselben Tag wie ich, das heißt am 24.11., geboren wurde.« 7

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich habe es schon erklärt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Es ist bereits erörtert worden. Ich widerspreche diesem Vorhalt und der Frage.

 

Verteidiger Laternser:

Ist ja schon durchgeführt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Der Zeuge hat eindeutig erklärt, daß er sich bei der Vernehmung geirrt hat. Das ist eindeutig erörtert worden hier in der

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Es ist ja schon beantwortet.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich sehe nicht ein, wieso es erneut erörtert werden soll.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage zu stellen?

 

Verteidiger Steinacker:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Zeuge, wann erging in der tschechischen VVN-Zeitung, wie Sie sie bezeichnet haben, oder dem Verband der Antifaschistischen Kämpfer, der Aufruf?

 

Dolmetscher Jarolim:

Kdy to bylo?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war schon vielleicht ein halbes Jahr, bevor ich bei der Frau Doktor war.

 

Verteidiger Steinacker:

Ein halbes Jahr, bevor Sie

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Ich weiß es nicht genau, aber ich nehme an, bestimmt ein paar Monate. — Já jsem mel výcitky svedomí.

 

Dolmetscher Jarolim:

Prosím?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Já jsem mel výcitky svedomí.

 

Dolmetscher Jarolim:

Aha, er hatte Gewissensbisse.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich hatte Gewissensbisse, da ich noch nicht da war.

 

Dolmetscher Jarolim:

Daß er noch nicht bei der Frau Doktor Malokowa war.

 

Verteidiger Steinacker:

Da das ein halbes Jahr vor Ihrer Vernehmung in Prag war, war es also noch im Jahr 1963?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das kann ich nicht mehr wissen, ich war

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Na ja, weil Sie doch vernommen worden sind in Prag am 25.11.1963.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Das war vielleicht ein halbes Jahr früher, als ich es gelesen habe.

 

Verteidiger Steinacker:

Vorher haben Sie nirgends eine Aufforderung erhalten?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Dann darf ich Ihnen einen Vorhalt machen: Wie erklären Sie sich die Mitteilung des ehemaligen Generalsekretärs des Auschwitz-Komitees, Herrn Langbein – Blatt 4.117 bis 4.119 der Akten, Band 24 –, daß Sie in der Lage seien zu bezeugen, daß Doktor Capesius während der »Ungarn-Aktion« bei den Selektionen an der Rampe tätig war?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Co ríkal, prosím, já tomu nerozumím. — Noch einmal, bitte. Ich habe es nicht richtig verstanden.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich mache Ihnen folgenden Vorhalt: Sie haben auf meine Frage, ob Sie zu einem früheren Zeitpunkt schon eine Aufforderung erhalten haben

 

Dolmetscher Jarolim [unterbricht]:

Darf ich das mal übersetzen?

 

Verteidiger Steinacker:

Bitte.

 

Dolmetscher Jarolim:

Jestli jste dostal [+ ji?] dríve [vyzvání], abyste se hlásil, abyste vypovídal.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Já si nemohu vzpomenout.

 

Dolmetscher Jarolim:

Ich kann mich nicht erinnern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, das ist eine der Fragen, wo meines Erachtens der Herr Verteidiger darauf hingewiesen werden müßte, daß es so nicht geht. Denn der Verteidiger hätte fragen müssen, nach meiner Auffassung: Haben Sie von diesem tschechischen Komitee vorher schon einmal eine Aufforderung erhalten?

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er gefragt.

 

Verteidiger Steinacker:

Habe ich gefragt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein, sondern er hat gefragt: »Haben Sie schon mal eine Aufforderung erhalten?« Es ist doch ganz natürlich, daß der Zeuge jetzt im Rahmen der Vernehmung an dieses tschechische Komitee denkt. Dann sagt er also: »Nein.« Und dann wird ihm vorgehalten, daß der Herr Langbein mal

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich widerspreche diesen Ausführungen. Das ist der Versuch zu erklären, an was der Zeuge bei seiner Bekundung gedacht hat. Ich habe ihn gefragt, ob er vorher eine Aufforderung erhalten hat. Da kann er ja sagen, er hat von dem tschechischen Komitee oder er hat von jemand anders eine Aufforderung erhalten. Es ist mir ja egal, wo er sie herhat. Ich will ja nur wissen, ob er eine erhalten hat. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also der Zeuge hat gesagt: »Nein.«

 

Zeuge Artur Radvanský:

Wenn ich richtig verstehe, verlangt man von mir, daß ich sagen soll, ob mich jemand aufgefordert hat.

 

Vorsitzender Richter:

Also fragen Sie den Zeugen noch einmal, ob er vor der Aufforderung, von der er vorhin gesprochen hat, schon einmal von irgendeiner Seite aufgefordert worden ist, sich zu melden wegen seiner Erlebnisse in Auschwitz.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jestli jsem byl nekým požádán, jo?

 

Dolmetscher Jarolim:

Tedy, jestli jste predtím dostal pozvání

 

Zeuge Artur Radvanský:

K soudu

 

Dolmetscher Jarolim:

Z jiné strany než ze strany Antifašistických bojovníku. [...]

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ne, nedostal.

 

Dolmetscher Jarolim:

Er hat keine Aufforderung bekommen.

 

Verteidiger Steinacker:

Keine Aufforderung erhalten. Gut. Dann frage ich Sie weiter: Wie erklären Sie sich eine Mitteilung des früheren Generalsekretärs des Internationalen Auschwitz-Komitees, Herrn Langbein, aus dem Jahre – Augenblick – 1960, in der Herr Langbein mitteilt: »Der ehemalige Häftling Artur Radvanský kann bezeugen, daß Doktor Capesius während der ›Ungarn-Aktion‹ bei den Selektionen an der Rampe tätig war.« 8

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Dieser Frage widerspreche ich, Herr Direktor.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ich widerspreche.

 

Verteidiger Steinacker:

Bitte. Dann bitte ich um Gerichtsbeschluß.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Dieser Frage widerspreche ich, denn der Zeuge kann hier nicht sagen

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, dürfen wir der Reihe nach prozedieren? Erst der Staatsanwalt.

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Ich mache einen Vorhalt aus Blatt 4.119.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ich widerspreche der Frage aus folgendem Grund: Es ist die Rede davon, ob der Zeuge eine Aufforderung erhalten hat. Und dann wird ihm ein Schreiben des Herrn Langbein vorgehalten, und zwar mit der Begründung: Was Sie eben gesagt haben, das kann also nicht richtig sein, denn der Herr Langbein teilt ja mit... Dann bitte ich, den Zeugen zunächst zu fragen, ob er sich ohne Aufforderung an Herrn Langbein gewandt hat. Das geht ja aus dem Schreiben

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Herr Direktor, ich widerspreche der Frage ganz einfach aus folgendem Grunde: Die Frage ist formuliert worden: »Wie erklären Sie sich«. Der Zeuge hat hier keine Erklärungen abzugeben, was er meint und was er glaubt. Der Zeuge ist über Tatsachen zu befragen. Die Frage, wie der Zeuge sich erklärt, warum Herr Langbein einen Brief an eine dritte Stelle geschrieben hat, kann nicht einer Befragung unterliegen. Der Zeuge ist über Tatsachen zu hören, die er gesehen und gehört hat. Die erste Tatsache, die er gefragt wurde: »Ist an Sie jemand herangetreten?« hat er verneint.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nun, da muß der Herr Verteidiger eben Herrn Langbein fragen oder sonstwen, wenn er auf diese Ergründung Wert legen wird. In dieser Form ist der Zeuge nicht verpflichtet und nicht genötigt zu antworten. Deswegen widerspreche ich der Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul, der Zeuge hatte die Frage beantwortet, daß die erste Aufforderung, die er bekommen hat, seinerzeit von Polen aus gekommen ist.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein, von der Zeitung.

 

Vorsitzender Richter:

Von der Tschechei aus gekommen ist, richtig. Und nun stellt der Rechtsanwalt Steinacker fest, daß aber der Herr Langbein von dem Internationalen Auschwitz-Komitee bereits vorher, nämlich am 5. Februar 1960, Kenntnis gehabt hat von diesem Wissen des Zeugen Radvanský.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Langbein weiß mit Rücksicht auf seine Funktionstätigkeit innerhalb des

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Jetzt lassen Sie doch bitte mal

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Was der Herr Langbein weiß, ist doch völlig uninteressant.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einen Augenblick, meine Herren. Lassen Sie mich doch wenigstens zu Ende sprechen. Und da hält ihm der Rechtsanwalt Steinacker diesen Brief des Herrn Langbein vor und sagt, ob er vielleicht vorher doch schon bei einem Komitee

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ja sehen Sie, Herr Direktor

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Das ist doch der Sinn der Frage.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sehen Sie, Herr Direktor, das hat er eben nicht gefragt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das wollte er aber doch, und deshalb bringe ich es doch dahin, wo er das wollte.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ach so. Aha. Nun, also schön. Wenn also die Befragung nun noch extra strafprozessual von Ihnen fertig gemacht werden soll, dann bin ich damit einverstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Na, dann sind wir ja alle einig.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist ja wunderbar.

 

Vorsitzender Richter:

Also

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Ich will antworten. Es ist meine private Tragödie: Meine Frau hat auf der Politischen Abteilung gearbeitet und hat Schizophrenie. Und jetzt weiß ich schon, was da los war. Sie hat vielleicht einen Brief bekommen, und sie hat Angst gehabt um mich. Es kam vielleicht ein Brief. Aber sie hat mir den Brief nie gezeigt, denn danach wurde sie ins Irrenhaus gebracht. Ich habe überhaupt nicht sagen können, daß ich hier in Frankfurt bin.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie meinen, Herr Zeuge, wenn ich Sie richtig verstehe, daß diese Mitteilung vielleicht von Ihrer Frau gegeben worden ist.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Meine Frau hat mir den Brief vielleicht nicht [+ gegeben]. Ich weiß nicht, ob was gekommen ist, aber ich nehme an, das war 1960. Sie ist seit 56 krank und ist jedes Jahr für ein halbes Jahr in der Irrenanstalt, weil sie Schizophrenie hat. Damals habe ich schon geglaubt, daß sie nicht mehr zurückkommen wird.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es muß anscheinend mit der Frau zusammenhängen.

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Sie hat auf der Politischen Abteilung beim Kamphus gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe das letzte nicht verstanden. Sie war bei der Politischen Abteilung?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl, sie war drei Jahre in Auschwitz und hat bei Kamphus gearbeitet. Ich habe überhaupt nicht sagen dürfen, daß ein Prozeß in Frankfurt ist. Sie könnte noch mehr [erklären] als alle anderen. Sie kennt den Boger, Kirschner, alle, die dort zusammen waren. Aber ich darf ihr nichts sagen. Ich darf ihr nicht sagen, daß ein...

 

Dolmetscher Jarolim:

Prozeß stattfindet.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Prozeß stattfindet. Das macht sie sonst ganz fertig.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, ich habe keine Frage mehr an den Zeugen mit Rücksicht darauf, daß der Zeuge so sehr erschüttert ist. Ich bitte aber das Gericht, noch das Schreiben des Herrn Untersuchungsrichters – Blatt 11.136 in Band 60 – zum Gegenstand der Verhandlung zu machen. Aus diesem Schreiben ergibt sich, daß Herr Radvanský mitgeteilt hat, er könne darüber etwas bekunden. Ich bitte, diesen Brief zum Gegenstand der Verhandlung zu machen durch Verlesen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] 11.136, ein Brief des Untersuchungsrichters, Landgericht Frankfurt am Main vom 12.1.1962. Herrn Jaroslav Voleynik. »Sehr geehrter Herr Voleynik, in der Auschwitz-Angelegenheit darf ich mich erneut an Sie wenden. Ein gewisser Artur Radvanský, Prag, kann sich nach einem Schreiben des früheren Generalsekretärs des Internationalen Auschwitz-Komitees, Herrn Langbein, insofern über Capesius äußern, als dieser während der ›Ungarn-Aktion‹ bei der Selektion auf der Rampe tätig geworden ist. Es wäre mir sehr daran gelegen, wenn Sie veranlassen könnten, daß Radvanský sein Wissen über diese Vorgänge in einem richterlichen Protokoll niederlegte. Selbstverständlich können bei dieser Gelegenheit auch solche Verbrechen zu Protokoll gebracht werden, die Radvanský eventuell in bezug auf andere Angeschuldigte bekannt sind. Mit freundlichen Grüßen, Doktor Düx« 9 Nun, Herr Rechtsanwalt Steinacker, das ist ja nun die selbstverständliche Folge aus dem Brief des Herr Langbein von 1960.

 

Verteidiger Steinacker:

Selbstverständlich. Ich wollte ja nur den Zusammenhang hergestellt sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Vorsitzender, ich habe doch noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Radvanský, kannten Sie Herrn Langbein im Lager?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Natürlich, das war doch mein Mitarbeiter.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Waren Sie mit Herrn Langbein befreundet?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Langbein, das war nicht nur ein Kamerad, der war wie mein Vater.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Radvanský, nun sind Sie gefragt worden, ob Sie aufgefordert worden sind, Aussagen zu machen. Ich will Sie jetzt anders fragen: Haben Sie nicht mal nach dem Krieg mit Ihrem Freund Langbein korrespondiert?

 

Zeuge Artur Radvanský:

48 war Herr Langbein in Prag. Da habe ich das letzte Mal mit ihm gesprochen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, und da haben Sie ihn also gesehen und haben sich mit ihm unterhalten, ja?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Natürlich.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön, ich habe keine weitere Frage. Das ist ja an sich nicht so schwierig zu begreifen, das Ganze.

 

Vorsitzender Richter:

Meine Herren, Kommentare können nachher abgegeben werden, wenn wir am Plädoyer sind. Sind keine Fragen mehr von der Verteidigung? Von den Angeklagten selbst? Keine Erklärungen mehr gewünscht?

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Dolmetscher Jarolim:

Mužete prísahat?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ja, aber ich möchte noch was sagen. Darf ich bitte reden?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeuge Artur Radvanský:

[Pause] Ich habe mich erinnert, als ich den Angeklagten Broad gesehen habe, daß ich bei ihm bei der Vernehmung war. Das war Anfang 43. — Broad si me pozval.

 

Dolmetscher Jarolim:

Er hat mich auch vorgeladen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Hat mich vorgeladen, weil ich angeblich aus Ravensbrück meiner Mutter einen illegalen Brief nach Prag geschickt haben soll. Meine Mutter hat nie in Prag gelebt. Bevor sie nach Majdanek oder nach Treblinka gekommen ist – ich weiß nicht, wohin –, hat sie fortwährend in Ostrau gelebt. Ich erinnere mich an das deswegen, weil das Entree, wie ich auf die Politische Abteilung gekommen bin, war ein ziemlich...

 

Dolmetscher Jarolim:

Unerfreuliches.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Unerfreuliches. Vor mir wurde ein Häftling vom Bunker vernommen. Man hat ihn vom Bunker gebracht. Das war ein polnischer Kamerad. Ich weiß nicht, wie er hieß. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Ich stand mit dem — celem ke zdi.

 

Dolmetscher Jarolim:

Ich stand mit der Stirn zur Wand.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Zur Wand neben der Tür. Die Politische Abteilung war früher dort, wo die SS-Zahnstation war, links unten. Und ich hörte Schläge, ich hörte...

 

Dolmetscher Jarolim:

Krik, — Schreie.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Schreie. Und dann zog jemand, wer auch immer es war, den Häftling raus, und ein paar Minuten danach rief eine Schreiberin meinen Namen aus. Und daß der Broad den — vyslýchal.

 

Dolmetscher Jarolim:

Den verhört hat.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Verhört hat, erfuhr ich danach, weil er sich die Hände nicht gewaschen, sondern schon

 

Dolmetscher Jarolim [unterbricht]:

Abgetrocknet hat.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Abgetrocknet hat, und er hat gesagt: »Der Schweinehund hat mich schmutzig gemacht.« Und ich hatte Angst, daß man mich genauso behandelt wie den Polen. Deswegen ist es mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe zwar ein paar Ohrfeigen bekommen, aber bin

 

Dolmetscher Jarolim:

Sonst gut davongekommen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Sonst gut davongekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob dieser Häftling, den man da hinausgetragen hat, tot war?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Man hat ihn ins Lager führen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Tragen müssen.

 

Dolmetscher Jarolim:

Man hat ihn

 

Zeuge Artur Radvanský [unterbricht]:

Tragen, tragen.

 

Dolmetscher Jarolim:

Fahren.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Fahren müssen.

 

Dolmetscher Jarolim:

Fahren müssen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Auf der Tragbahre.

 

Dolmetscher Jarolim:

Auf der Tragbahre tragen müssen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Was mit ihm geschehen ist, habe ich nie erfahren.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Ich war damals auf Block 21. Und zum Doktor Frank möchte ich noch sagen: Ich habe zwei Kameraden gehabt, neben denen ich gelegen bin. Das war ein Franzose, Katz, und ein slowakischer Häftling, Feldmann. Wir waren zusammen in einer Stube mit dem Kommando der SS-Zahnstation. Die sind nach Birkenau geschickt worden und haben dort gearbeitet und im Krematorium gearbeitet, denn einmal oder zweimal kamen sie zu uns, also ins Gebäude vom SS-Revier, und haben uns erzählt, daß sie von den...

 

Dolmetscher Jarolim:

Leichen.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Vergasten, von den Leichen das Gold...

 

Vorsitzender Richter:

Abgenommen haben.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Taviti, taviti. [...]

 

Dolmetscher Jarolim:

Geschmolzen haben.

 

Zeuge Artur Radvanský:

Geschmolzen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Wollten Sie noch was sagen, Broad?

 

Angeklagter Broad:

Nein danke, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Dann sind Sie zu beeidigen. Sie können das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Artur Radvanský:

Jawohl.

 

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.108.

2. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.108 f.

3. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.109.

4. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.109.

5. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.111.

6. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.108.

7. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.108.

8. Vgl. Schreiben von Hermann Langbein vom 05.02.1960 an die Staatsanwaltschaft b. LG Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 24, Bl. 4.119.

9. Vgl. Schreiben von Untersuchungsrichter Düx, LG Frankfurt am Main, vom 21.01.1961 an Herrn Jaroslav Voleynik, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 60, Bl. 11.136.

 

 
 
 
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