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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
"Strafsache gegen Mulka u.a.", 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

103. Verhandlungstag, 22.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Helmut Pomreinke

 

Vorsitzender Richter:

bei Ihrer Vernehmung erzählt, daß Ihnen der Angeklagte Mulka bekannt ist. Und Sie haben uns auch erzählt, daß Sie eine persönliche Unterredung mit dem Angeklagten Mulka gehabt haben und daß diese Unterredung, wenn ich nicht sehr irre, sich auf Ihre bevorstehende Heirat und auf Ihre Heiratspapiere bezog.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Pomreinke, in der Zwischenzeit sind neue Beschuldigungen gegen den Angeklagten Mulka erhoben worden, und deshalb mußten wir Sie noch einmal hierher laden.

Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Pomreinke, ist Ihnen in Erinnerung, daß Sie einmal vom Stammlager Auschwitz I nach diesem Fischgut Harmense mit einem Pferdewagen gefahren sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann schildern Sie uns doch bitte einmal, wann das war und wieso Sie dazu kamen, mit diesem Wagen zu fahren, und ob sich auf dieser Fahrt etwas ereignete.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ich weiß nicht, was sich da ereignet haben soll.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war es denn?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, es kann so 42 gewesen sein. Da ist ein Außenkommando aufgestellt worden, um die Fischteiche zu reparieren und instand zu halten und, so scheint es, auch zu fischen. Ich weiß nicht, was da alles noch war. Und da wurden wir mit einem Pferdefuhrwerk natürlich rausgeschafft, also die Sachen vor allen Dingen, die man mitnehmen mußte, wurden da mit rausgefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob das Pferdfuhrwerk ein oder zwei Pferde gehabt hat? [...]

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob es sich vielleicht um die Zeit im August 1942 oder im September 1942 gehandelt haben kann?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie auch nicht mehr.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Jedenfalls können Sie sich erinnern, daß Sie mit dem Pferdewagen da hinausbefördert worden sind und daß Sie da auch einige persönliche Habseligkeiten [+ dabeihatten].

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren vermutlich verpackt in irgendwelchen

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Zeltplanen oder Koffern.

 

Vorsitzender Richter:

Koffern oder so was.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Koffer, was man so halt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Was man so hatte. Und wissen Sie noch, wer Sie damals mitgenommen hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, ich weiß nicht, wer. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen sie, ob es der SS-Mann Thran gewesen ist?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Kann möglich sein, ich weiß nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Kann mich nicht genau erinnern daran.

 

Vorsitzender Richter:

Können sich nicht mehr genau dran erinnern. Wissen Sie, ob und eventuell wie viele Häftlinge auf diesem Wagen noch gewesen sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sechs, sieben vielleicht, ich weiß nicht. Es können weniger, es können auch mehr gewesen sein. Ich kann mich da nicht mehr entsinnen. Ich weiß nur, daß das war, aber ich habe keine Erinnerung daran, wie viele es waren.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, ob auf dieser Fahrt von irgend jemandem Häftlinge erschossen worden sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich weiß nicht, ich kann mich nicht so erinnern. Kann sein. Ich weiß nicht, ich habe da nicht so geachtet drauf, auf das. Ich kann mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ob das möglich sein kann. Kann möglich sein, aber auch nicht. Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Also ich will Ihnen sagen, es dreht sich hier um einen ganz einprägsamen Fall. Es wird behauptet, Sie seien mit dem Pferdewagen nach Harmense gefahren, und unterwegs seien Sie einem Kommando begegnet von Häftlingen in Begleitung von SS- Leuten. Und diese Häftlinge hätten Strohsäcke getragen oder zu einem bestimmten Platz geschleppt, um sie dort auszuleeren.

In diesem Augenblick wäre Ihnen ein Auto entgegengekommen. Aus diesem Auto sei ein höherer SS-Führer, etwa ein Obersturmführer, herausgestiegen und hätte zunächst mit den Wachmannschaften und den Häftlingen geschimpft, weil sie diese Strohsäcke dahin gebracht hätten. Und dann hätte er plötzlich seine Pistole gezogen und hätte erst den einen Häftling, dann den anderen Häftling, dann einen dritten Häftling aus einer Gruppe von etwa 30 bis 40 Häftlingen totgeschossen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Herr Vorsitzender, so leid es mir tut, wenn ich es bejahe, kann ich nicht... Ich muß mich auf meinen Eid beziehen. Ich kann halt nicht ja sagen, und ich weiß von nichts. Ich kann mich nicht erinnern darauf.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, also Herr Pomreinke [unverständlich]

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Nicht daß ich jemand in Schutz nehmen will oder irgendwie. Ich kann mich nicht darauf erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt überlegen Sie doch mal

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Beim besten Willen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Die Sache muß doch

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ich weiß nur, daß ich noch da rausgefahren bin und vielleicht so acht oder 14 Tage draußen war, daß ich abgelöst worden bin als einzelner von da draußen. Aber mir ist da weiteres, überhaupt vom Ganzen, alles nicht mehr so erinnerlich.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn es passiert wäre, müßte doch dieser Vorfall für Sie ganz besonders eindrucksvoll und

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Schon, ja, aber ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einprägsam gewesen sein. Denn überlegen Sie doch einmal, die Häftlinge, die da die Strohsäcke getragen und hingeschleppt haben, die konnten ja nur das tun, was man von ihnen verlangt hatte. Die sind ja nicht auf den Gedanken gekommen, Strohsäcke in der Gegend herumzutragen. Sondern die sind eben befohlen worden und sind bewacht worden, sind dahin geführt worden.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn nun jemand kommt und diese Menschen, meinetwegen wegen der Dummheit des Befehls, der ihnen gegeben worden ist, erschießt, dann ist das doch so ein außerordentlich starkes Unrecht und so eine unbegreifliche Dummheit

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das ist ja klar, ist mir verständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Daß doch jedem auffallen muß, wenn ein Mensch hier erschossen wird für etwas, was er weder sich ausgedacht hat noch was er zu verantworten hat, sondern der nur das tut, was ein anderer, der diesen Befehl sich ausgedacht hat, ihm befohlen hat. Wenn der nun darunter leiden soll und auch noch totgeschossen wird deshalb

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ist ja klar.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das etwas derartig Widersinniges und Schreckliches, daß das doch eigentlich einem Menschen in Erinnerung bleiben muß.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sehen Sie, das ist ja das. Wir waren lauter wehrlose Leute, wir mußten ja mit den Karabinern da die bewachen oder was. Da dachte ja keiner dran auszureißen oder zwei. Ich habe da nie irgendwie [unverständlich] gehabt oder

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also vom Ausreißen war da gar keine Rede in diesem Augenblick. Sondern es war die Rede davon, daß sich angeblich dieser SS-Führer geärgert haben soll darüber, daß die Leute hier, was weiß ich, verseuchte Matratzen in der Gegend herumgetragen haben, ihn eventuell sogar noch gestreift haben damit, und er soll sie deshalb totgeschossen haben.

Also das ist doch etwas, das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Bei der Fülle der schrecklichen Anblicke, die Auschwitz sicherlich geboten hat, ist mir eine solche Situation so unfaßbar, daß ich mir vorstellen könnte, daß das eigentlich einem Menschen im Gedächtnis bleiben müßte.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das ist ja klar. Aber ich sage Ihnen ehrlich, ich weiß nicht, es ist mir nicht denkbar, daß auf dem Weg irgend [+ etwas] passiert sein soll. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß die Leute da Strohsäcke oder irgendwas [+ getragen haben] sollen. Ich müßte lügen, wenn ich sagen würde: Ja, das habe ich gesehen. Ich kann mich nicht erinnern und habe auch nicht gesehen, daß so was war. Es kann möglich sein, daß es vorgekommen ist. Aber es ist mir nicht in Erinnerung.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie denn den Zeugen Rybka?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

So ein großer Häftling war mit dabei aus der Tschechei von Troppau, ja. Dem habe ich Lebensmittel geholt, Verpflegung von seinen Eltern.

 

Vorsitzender Richter:

Na. Herr Staatsanwalt, sind noch Fragen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind Sie öfters da rausgefahren, oder war das nur einmal, Herr Pomreinke?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Einmal, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nur einmal?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie da die Pferde gelenkt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Da hat ein anderer die Pferde gelenkt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jedenfalls wird der, der da verantwortlich war für die Fischerei wahrscheinlich auch

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Also Sie haben die Pferde nicht gelenkt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich glaube nicht. Wenn ich als Bewachung dabei war, kann ich nicht gefahren sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das der Grund, daß Sie die Bewachung hatten der Häftlinge?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie selbst hatten in Harmense nichts zu suchen, Sie sind nur als Bewachung mitgefahren, oder wie war das?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, nein, nein. Das war ein abkommandiertes Kommando.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aha.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das kam nicht mehr ins Lager, und auch die Soldaten kamen nicht mehr in die Kaserne. Die blieben da draußen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren sie dann in Harmense stationiert?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ich glaube acht, 14 Tage, so was, war ich da draußen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie da draußen mal irgendwelche Offiziere vom Lager gesehen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was machten die denn da draußen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Die kamen kontrollieren, ob man auf Wache steht. Zum Beispiel durfte man nicht sitzen. Man sollte ständig stehen. Aber wir wurden von allen Seiten immer besser beschützt als wir die beschützt haben. Die haben auf uns aufgepaßt, wo wir praktisch auf sie aufpassen sollten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie auch gesehen, ob die Offiziere da sich Fische haben geben lassen? Daran können Sie sich nicht erinnern?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Kann möglich sein, daß vielleicht der Rottenführer, der da war, daß der ihnen gegeben hat. Aber das war dann außerhalb.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich an den Thran noch erinnern? Ist Ihnen das ein Begriff?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Vielleicht, wenn ich ihn sehen würde, ja, aber ich kann

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wissen Sie, aus welcher Gegend er stammte?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Keine Ahnung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen einer namens Martin noch in Erinnerung von dort? Wissen Sie nicht. Nein. Ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Nebenkläger.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Vorsitzender, darf ich anregen, eine Gegenüberstellung mit Rybka vorzunehmen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das wird sowieso erfolgen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Doktor Müller.

 

Verteidiger Müller:

Eine Frage, Herr Pomreinke: Wann sind Sie nach Auschwitz gekommen? Nach meinen Notizen war das Herbst. Welchen Jahres?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Keine Ahnung, 42, so was, muß es gewesen sein.

 

Verteidiger Müller:

Können Sie etwa den Monat angeben, wo Sie nach Auschwitz

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Nein.

 

Verteidiger Müller:

Können Sie nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Frühjahr oder Herbst, hat er gesagt. [Pause] Das stimmt aber nicht [unverständlich] [Pause]

Herr Pomreinke, ich muß zunächst noch mal Ihre Personalien hören, damit ich vergleichen kann, ob sie die gleichen sind, wie Sie sie damals angegeben haben, das heißt ob Sie eventuell älter geworden sind oder ob Sie noch gleich alt sind. Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Helmut Pomreinke.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie alt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Geboren 16.9.20. Am 16. September 44 Jahre alt.

 

Vorsitzender Richter:

44 Jahre alt. Sie sind verheiratet.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was sind Sie von Beruf?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Kraftfahrer.

 

Vorsitzender Richter:

Kraftfahrer. Wohnhaft in?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Pfedelbach.

 

Vorsitzender Richter:

Pfedelbach.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Friedhofstraße 92.

 

Vorsitzender Richter:

Friedhofstraße 92. Herr Pomreinke, wollen Sie das, was Sie gesagt haben, versichern unter Bezugnahme auf den bereits von Ihnen geleisteten Eid?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das gilt dann so, als ob Sie neu geschworen hätten.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nehmen Sie auf ins Protokoll. Und nun bitte ich, den Zeugen Rybka hereinzurufen. Wurde der schon beeidigt?

 

Richter Hotz:

Rybka? Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber den anderen?

 

- Schnitt -

 

 

 

 
 
 
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