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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

76. Verhandlungstag, 13.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Helmut Pomreinke

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage] auf ein Tonband nehmen zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Pomreinke, Sie waren zunächst in der Nähe von Linz an der Donau angesiedelt und haben dort gearbeitet.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden wann zur Waffen-SS eingezogen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Am 21. oder 22. Februar...

 

Vorsitzender Richter:

1941.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

1941. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten sich nicht freiwillig gemeldet?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie Ihre Grundausbildung bekommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

In Dresden, in der Wildemann-Kaserne.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nach Auschwitz, ich glaube, 42 im Frühjahr oder im Herbst, das weiß ich nicht mehr so genau.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt, im Herbst 42 seien Sie nach Auschwitz gekommen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ich sage, ich weiß nicht mehr so genau.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Sie wissen nicht, das kann stimmen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie dort zunächst eingeteilt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich wurde zuerst zur III. Kompanie eingeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Zur Wachkompanie?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Zur Wachkompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Dienstgrad hatten Sie damals?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Schütze.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren Schütze.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Gewöhnlicher Soldat.

 

Vorsitzender Richter:

SS-Mann, ja?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie bei der Wachkompanie?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Da war ich [Pause] fast ein halbes Jahr.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer Vernehmung

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ein viertel bis ein halbes Jahr, so rum kann es sein.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Voriges Jahr gemeint, Sie wären circa drei Monate dort gewesen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, so ungefähr, viertel bis ein halbes Jahr, ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zwischen einem viertel und einem halben Jahr.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie da eingesetzt bei der Wachkompanie?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Meistens bei der Hauptwache, wir haben uns mit der IV. Kompanie immer abgelöst, einen Tag war die III. Kompanie dran und einen Tag die IV. Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren Sie da bei der äußeren Postenkette oder bei der inneren Postenkette?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, bei der inneren Postenkette, Hauptwache. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Das war die Hauptwache.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren Sie da auch auf Wachtürmen beschäftigt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

In der Hauptsache?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie da auch tagsüber oder nur nachts eingesetzt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Auf Hauptwache nur nachtsüber. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Tagsüber waren die Türme nicht besetzt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren tagsüber die Drähte elektrisch geladen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. [...] Aber nachts waren sie elektrisch geladen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nachts waren sie geladen.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie bei dieser Gelegenheit auch erlebt, daß Gefangene sich an diese geladenen Drähte dran geworfen haben, um auf diese Art und Weise den Tod zu suchen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, einmal.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mal erlebt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch erlebt, daß Leute erschossen wurden von den Wachtürmen aus?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht erlebt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sollten Sie selbst dabei tätig geworden sein, haben Sie unter Umständen das Recht, die Aussage zu verweigern.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben es nicht erlebt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, nachdem Sie also ein viertel bis ein halbes Jahr dort gewesen sind, da kamen Sie wohin?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Da wurde die Reiterstaffel aufgestellt in der Praga- Halle, und da kam ich da hin.

 

Vorsitzender Richter:

Was für eine Staffel war das?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Reitstaffel, Reiter, also wir bekamen Pferde. Und weil ich schon gleich von Anfang zur Kavallerie wollte, da war das die Möglichkeit für mich, daß ich wieder zu Pferden kam.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte die Reitstaffel für eine Aufgabe?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, zuerst haben wir mal eine längere Zeit Ausbildung mit den Tieren und so weiter gehabt. Bis die mal waren – das waren Remonten –, mußten wir sie einbrechen. Und zum Teil gingen auch wieder etliche fort, für die Offiziere und so weiter, die in die Garnisonen gekommen sind, als Offiziersreitpferde und so weiter. Und die anderen blieben dann nachher hier. Eines schönen Tages hat es geheißen, wir müssen auf Häftlingsbegleitung per Pferd. Na, dann ging das [...] alles gut und schön. Bloß tagsüber ging das nicht lange genug, weil die Pferde den ganzen Tag gesattelt waren. Und nur stillstehen oder mal zwei, drei Schritte hin und her, da bekamen die Pferde Druckbeulen und hatten sozusagen keinen Wert dann. Und dann wurde das aufgelöst wieder, kamen die Pferde fort.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie bei dieser Reiterstaffel?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Auch fast ein halbes Jahr.

 

Vorsitzender Richter:

Auch fast ein halbes Jahr. Nun ja. Sie sind hingekommen im Herbst 42, da wäre das also jetzt ungefähr im Herbst 43 gewesen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, kurz

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Dann kam ich zur Kraftfahrstaffel. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie da eingesetzt? [...] Wo standen Ihre Fahrzeuge?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Zuerst haben wir da gegenüber im Revier, wo das Krematorium war, den Kraftfahrzeugpark gehabt. Und der wurde dann zu klein, dann wurden wir rausgebracht in die Praga-Halle.Eben da, wo die Reitstaffel war, wurde ausgebaut, und kamen wir da raus, nur die Lkws. Die Pkws und die Sanitätsfahrzeuge blieben drin. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie gefahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich habe Lebensmittel gefahren und Kohle, was eben anfiel zu fahren. Verschieden. Ich mußte sozusagen Mädchen für alles spielen, wenn da ein Fahrer gebraucht wurde. Ich habe fast nie ein ständiges Fahrzeug gehabt, einmal dies, einmal jenes, meistens aber die Lebensmitteltransporte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und mit welchem Wagen wurden die Lebensmitteltransporte gefahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das war das Fahrzeug von Unterscharführer Gaar. Dann war noch ein kleiner, auch ein gewöhnlicher Soldat...

 

Vorsitzender Richter:

War das ein Anderthalbtonner?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ein größerer.

 

Vorsitzender Richter:

Größerer?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ein französischer Renault.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Renault.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Die Trambusse. Waren zwei Stück solche da. Der eine wurde zum Brotfahren verwendet, und der andere zum Schlachtvieh-Transportieren.

 

Vorsitzender Richter:

Fahren.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, weil sie sehr lang waren und breit.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie denn das Schlachtvieh abgeholt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ach, überall, wo es zusammengekauft worden ist, draußen auf der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Außerhalb der Großen Postenkette.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, Gleiwitz, Kattowitz und so weiter, wo es eben angeliefert wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Und die anderen Lebensmittel auch außerhalb der Postenkette?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Alles außerhalb, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wenn Sie außerhalb der Postenkette gefahren sind, mußten Sie da auch einen Fahrbefehl haben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn den Fahrbefehl unterschrieben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Damals hat Obersturmführer Mulka unterschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Obersturmführer Mulka unterschrieben.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn Sie innerhalb der Großen Postenkette gefahren sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Da brauchten wir keinen Fahrbefehl.

 

Vorsitzender Richter:

Da brauchten Sie keinen Fahrbefehl.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch schon mal schriftliche Fahrbefehle gehabt, die der Wiegand unterschrieben hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, am Anfang. Da war zum Beispiel, wenn so eine schnelle Fahrt irgendwohin gemacht werden mußte, daß ein Fahrzeug unterwegs liegengeblieben ist, zum Beispiel zum Abschleppen und so weiter, dann hat damals noch Hauptscharführer Wiegand unterschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Wiegand, was war der, war der

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Der war so eine Art Schirrmeister. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber im übrigen und insbesondere später hat der Adjutant Mulka

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Mußten alle von oben unterschrieben sein, von der Kommandantur aus.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn der Werkstattleiter in der Praga- Halle?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Oberscharführer Siebald. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie auch gefahren nach den Gaskammern? Auf diese Frage haben Sie das Recht, die Aussage zu verweigern.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, ich bin einmal eingeteilt worden und mußte ein Fahrzeug nehmen, das sonst mit beiden Stoffen lief, mit Methanol und mit Treibstoff, also mit Flaschengas. Erst mal habe ich die Flasche aufgedreht, aber die war leer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Und mit dem anderen Zeug wußte ich nicht, wie man umstellen muß den Motor, den Vergaser. Scheinbar mußte man irgendwas – eine Klappe reinmachen oder was, ich weiß auch nicht. Jedenfalls ist mir es hinterher erklärt worden, und da bin ich bewahrt worden einmal. Weil derjenige Fahrer – das war ein Samstag nachmittag – war nicht da, der hatte Ausgang, also Sonntagsurlaub.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie bleiben dabei, daß Sie tatsächlich niemals nach der Gaskammer gefahren sind.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie denn mal an der Rampe?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Mit welchem Fahrzeug?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Mit einem Lanz-Bulldog und zwei Kippanhängern. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und was wurde da verladen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Da wurden die Effekten, die Bekleidung und so weiter, was die Leute mitgebracht haben, auf den Anhänger geladen, und das ist zur Effektenkammer gebracht worden.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Ihnen dazu den Auftrag gegeben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, so genau kann ich das jetzt nicht mehr sagen, tagsüber wurde die Einteilung gemacht von Unterscharführer Gaar. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nun, der Gaar, der hat mal ausgesagt, Sie seien ständiger Fahrer gewesen für die Gaskammern.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt nicht?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sind bloß drei, vier gewesen. Das war der Hradil, der Adam, und Unterscharführer Vollrath ist von Anfang an mitgefahren und noch einer. Und Unterscharführer Vollrath als Kommandoführer der Kraftfahrzeuge mußte dann sämtliche Kraftfahrzeuge, die innerhalb der Große Postenkette fuhren, ab und zu kontrollieren. Dazu hatte man ein Fahrtenbuch, und das mußte unterschrieben werden.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Ihnen den Auftrag damals gegeben, in die Gaskammer zu fahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

In die Gaskammer bin ich nicht gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind nicht gefahren. Aber Sie haben doch einmal den Auftrag bekommen, hinzufahren, und haben uns eben erzählt, daß da ein Defekt am Wagen war, infolgedessen konnten Sie nicht hinfahren.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, damals war zufällig der Oberscharführer Siebald eingeteilt über den Sonntagsdienst, und der sagte: »Ich habe keine Leute da, mußt es halt du machen.«

 

Vorsitzender Richter:

Wie lang sind Sie denn geblieben in Auschwitz?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Bis 44 – aber ich weiß nicht, war es Frühjahr oder im Sommer schon –, da kamen wir weg. Weil ich unbedingt wegwollte. Ich habe nachher angefangen zu rambulieren und so, daß ich wegkam.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob es einmal zu einer Differenz zwischen Siebald und Vollrath gekommen ist wegen dieser Fahrten in die Gaskammer?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war da los?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Na ja, Gott. Oberscharführer Siebald hat gemeint: »Ich bin der Dienstälteste hier und«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer, ich? Er, der Siebald?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Der Siebald, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Und er müßte doch praktisch die Oberhand haben, weil er doch auch Werkstattleiter ist, müßte er doch auch wissen, was los ist. Und da haben die sich eben in die Wolle gekriegt, weil für die Fahrten und so weiter gab es immer Alkohol und Verpflegung, als Sonderrationen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Und wie es eben ist, die anderen, nachher wenn frei war, die konnten tun und lassen, was sie wollten, und wir mußten trotzdem den Dreck machen. Wir haben nix gekriegt dafür, praktisch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Also, da hat er sich aufgeregt, sagt er: »Meine Leute stehen hier, und ihr vier, ihr sauft euch den Balg voll, fangt an zu randalieren.« Nee, also in Zukunft möchte er das haben, um das einzuteilen, wie es richtig ist. Damit, wenn die Sachen schon herkommen, daß ein jeder auch was kriegt, nicht bloß die einen und die anderen nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und ist er denn dann auch selbst in die Gaskammern mitgefahren, der Siebald?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Er ist nie aus dem Hof rausgegangen. Er hatte die Werkstatt unter sich. Da wurden die Fahrzeuge auch von anderen Einheiten umgebaut auf Holzgas und so weiter, somit konnte er praktisch nicht fort.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer ist dann gefahren? Der Vollrath?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Der Vollrath ist gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Nun waren doch da oft mehrere Fahrzeuge an der Rampe, uns wurde mal hier die Zahl zehn oder 15 genannt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das war selten, da müssen schon irgendwie Doppeltransporte zusammengekommen sein; dann aber nur, um die Bekleidung wegzuschaffen. Das andere, die wurden ja fast alle im Fußmarsch herausgetrieben, praktisch gesagt. In die Lager oder wo sie hinkamen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich erinnern an einen Lkw-Fahrer Sabo?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Ja, wenn es der Jugoslawiendeutsche ist, ich glaube ja, dem Namen nach ja. So ein Kleiner ist das gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und können Sie sich entsinnen, daß sich einmal ein 23jähriger Lkw-Fahrer erschossen hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war denn da die Ursache?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Er hat Häftlinge geladen gehabt und hat einen Unfall gebaut.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin kamen die Häftlinge, die er geladen hatte?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Die sollten ins Lager kommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Lager kommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, die wurden, scheint es, von irgendeiner Außenstelle ins Lager geholt. Und da hat er einen Unfall gebaut, und der Wagen ist umgefallen und es sind, glaube ich, einer oder zwei tödlich verletzt worden dabei, und das konnte der Kerl nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Verwinden, und da hat er sich umgebracht.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Und da wurde angeordnet von Mulka aus, daß er verscharrt werden soll wie ein Hund, niemand sollte mitgehen.

 

Vorsitzender Richter:

Weil er sich erschossen hatte?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, Selbstmörder, die sind es nicht wert, beerdigt zu werden.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein Mann, der aus der Tschechoslowakei stammte?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Tschechoslowakei, ja.

 

Vorsitzender Richter:

War 23 Jahre alt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl. Ein großer, starker Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hat sich der Siebald den Häftlingen gegenüber benommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Er hat zu mir einmal gesagt, weil wir waren sehr gute Kameraden: »Verhalte dich so wie ich, dann wirst du nie Ärger kriegen mit diesen Leuten.«

 

Vorsitzender Richter:

Hat der Siebald gesagt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

War denn der den Leuten gegenüber anständig, oder hat er sich ihnen gegenüber schlechtbenommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, er war sehr gut und korrekt. Wenn irgendwo was zu verteilen war, unsere Lebensmittel, was wir überhatten – ich habe immer für mehr Leute gefaßt, wie ich praktisch hatte –, das haben wir immer für die ausgeteilt. Heute kamen die zehn dran, nächsten Tag kamen die anderen zehn dran, so daß wir das Essen immer gerecht verteilt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie denn den Adjutanten Mulka auch in der Fahrbereitschaft gesehen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ab und zu, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wo? Wie Sie noch am Krematorium waren, oder wie Sie nachher in der Praga-Halle waren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Wenn er Offizier vom Dienst jeweils hatte, kam er auch raus in die Praga-Halle.

 

Vorsitzender Richter:

Was hieß das, Offizier vom Dienst?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

OvD, also er war der Diensthabende über die Wachen und so weiter, hat die Wachen kontrolliert. Die Wachhabenden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat die Wachen kontrolliert.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Die Wachhabenden und ist die Wachen auch abgegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, hatte denn Mulka auch die Fahrbereitschaft zu überwachen, also nicht nur die Fahrbefehle auszustellen, sondern hat er dort auch Appelle abgenommen und so weiter?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das entzieht sich meiner Kenntnis. Drinnen vielleicht ja, bei den Pkws, aber bei uns draußen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Ihnen draußen nicht.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber er ist ab und zu mal hingekommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ab und zu ist er rausgefahren gekommen mit dem Pkw, aber sonst

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind Sie auch mal in das Stammlager Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Rein ins Lager?

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wie Sie da noch bei der Absperrung waren, haben Sie da gesehen, daß Mulka mal im Lager drin war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, auch nicht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer angeordnet hatte, daß die Lkws diese ankommenden Transporte teilweise in die Gaskammern fahren mußten?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das weiß ich nicht, es wurde bei uns angerufen, und dann heißt es: »Fertigmachen, Transport ist da.« Wer oder was

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Wußte keiner.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie aus Ihrer Zeit auch den Angeklagten Bednarek kennengelernt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

So vielleicht vom Sehen, ja, aber wie er geheißen hat, das [+ weiß ich nicht]. Ich kam nicht in Berührung mit den Leuten.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Angeklagten Hantl gekannt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Einen Sanitätsdienstgrad?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, wenn sich es um den Fahrer [+ handelt], der den Sanitätswagen gefahren hat, ich weiß ja nicht, ob das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, nein.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Der ist.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt:

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das ist jetzt 20 Jahre her. Also höchstens wenn der also ab und zu in Begleitung mitgefahren ist.

 

Vorsitzender Richter:

»Hantl war in Birkenau tätig, ich war sonntags manchmal mit ihm zusammen.« 1

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, Hantl

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie damals ausgesagt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ist das ein Fahrer von uns draußen?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Das war ein Sanitätsdienstgrad. Sie haben

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Wenn das der war, der sonst immer, wenn irgendein Sanitätswagen gebraucht wurde, als Begleitung, als Sanitäter mit dabei war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich weiß es bisher nicht, daß er

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Dann ja. Aber wie er mit dem Namen genau geheißen hat, daran kann ich mich nicht mehr so erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer Vernehmung am 5. August 1963 gesagt, Vorhalt von 16.367: [...] »Aus dem Kreise der Angeschuldigten ist mir außer Siebald nur Grönke bekannt. Er ging häufig zu Höß, befaßte sich mit Reparatur von dessen Sattelzeug« 2 und so weiter. Dann haben Sie [+ noch gesagt]: »Aus dem Kreise der Angeschuldigten des Verfahrens« 3 – 444 – »kenne ich folgende Personen: den erwähnten Mulka, zweitens Bednarek, drittens den SDG Hantl. Er war in Birkenau tätig. Ich war sonntags manchmal mit ihm zusammen. Welche Dinge er als SDG verrichtet, weiß ich nicht, er hat mit mir nicht darüber gesprochen.« 4

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, das ist der Sanitäter.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist das der, der immer

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Der hat mir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mitgefahren ist?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Sanka, ja?

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Mit dem Sanitätswagen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wohin gefahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, das weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht, wo sie sie hingefahren haben, ob sie die Leute ins Revier gebracht haben oder von wo nach wohin, das weiß ich auch nicht. Weil es war ja schon zum Schluß soweit, daß wir einer dem anderen nicht mehr sagen sollten: »Wo fährst du hin, wo können wir uns treffen?« oder was. Das wurde alles verboten, und wir durften gar nicht mehr richtig zusammenhalten oder irgendwie was besprechen und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, sind Sie auch einmal bestraft worden, dort?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar warum?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Weil ich einem Häftling Brot gegeben habe.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Sie denn da gemeldet?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Obersturmführer Mulka.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der hat Sie bestraft. Aber wer hat Sie denn an Mulka gemeldet?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Irgendeiner von der Politischen Abteilung. [...]

 

Vorsitzender Richter:

War es nicht ein Sanitäter?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, ich weiß nicht mehr genau. Ich habe nur die Bilder vorgelegt gekriegt und habe gesagt, der war es, der mich angezeigt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gesagt: »Die Nummer 42 ist ein Sanitäter. Er beobachtete von seinem Sanitätswagen aus einmal auf dem Gelände der Fahrbereitschaft, wie ich einem Häftling ein Stück Brot zusteckte. Er meldete das, und ich wurde mit drei Tagen bestraft.« 5

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Also war es keiner von der Politischen Abteilung?

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ich weiß nicht mehr, ich habe nur das Bild vorgelegt gekriegt. Ich habe gesagt, der war es, der mich gemeldet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber Sie erzählen doch dann weiter, er hätte Sie gemeldet, als er vom Sanitätskraftwagen aus das gesehen hätte.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, Sie müssen entschuldigen, ich war jetzt nicht mehr ganz bei der Sache da. Ich wußte auch nicht, war es schon voriges Jahr? Ich habe nur das Bild gezeigt bekommen, ich wußte nicht mehr, wer es war. War es einer von der Sanitätsabteilung oder von der Politischen Abteilung oder von wo er war. Ich habe nur nach dem Bild nachgesehen, es ist mir auch nicht gesagt worden, was. Ich habe nur gesagt, der ist es. Wie er heißt, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann hat Ihnen Mulka drei Tage Arrest auferlegt, ja?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo haben Sie die verbüßt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

In der Kommandantur unten. Da war eine Bunkerzelle.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, könnten Sie den Mann wiedererkennen, der Sie damals gemeldet hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Vielleicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte die Angeklagten, mal aufzustehen. Sagen Sie uns, wen Sie von diesen Angeklagten noch kennen. [...]

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Herr Mulka.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Mulka.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Vom Sehen aus kenne ich sie alle jetzt. So, aber nicht dem Namen nach. Gesehen habe ich sie alle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Können Sie uns den Sanitäter noch angeben, der Sie damals gemeldet hat? [Pause] Sie können ruhig dorthin gehen und können sich die Leute aus der Nähe ansehen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Da in der Mitte steht er, der zweite.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gehen Sie mal näher auf ihn zu, damit ich sehe, wen Sie meinen. Der zweite? Ja?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Der hat Sie damals gemeldet?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Genau kann ich nicht... Aber ich, das ist so lange Zeit her.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie meinen, er wäre es gewesen. Kennen Sie sonst noch jemanden?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Vom Sehen kenne ich sie fast alle, aber mit Namen?

 

Vorsitzender Richter:

Scherpe, würden Sie mal vortreten? Kennen Sie diesen Angeklagten?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, vom Sehen her. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Hat der etwas mit der Meldung zu tun?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Genau weiß ich nicht. Nein. Ich glaube nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Schön, dann nehmen Sie wieder Platz. Ja, Sie haben damals gesagt, Scherpe sei derjenige gewesen, der Sie denunziert hätte. Und heute meinen Sie, Hantl wäre es gewesen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ich sage, ich weiß nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie wissen es nicht mehr.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Den Namen weiß ich nicht genau, ich habe es nur gesagt, wie es mir erklärt worden ist. Auch wieder durch Oberscharführer Siebald ist es mir zugetragen worden, da sagte er: »Das kannst du nur dem und dem verdanken.«[...]

 

Vorsitzender Richter:

Und »dem und dem«, wie hat er den und den genannt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie noch eins: Wissen Sie, ob Hantl derjenige gewesen ist, der immer mit dem Sanitätswagen fuhr?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Er ist oft mitgefahren im Sanitätswagen, und dann war ja noch eine grüne Minna, haben wir immer gesagt. Mit der ist er als auch mitgefahren. Aber Weiteres weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Sind noch Fragen an den Zeugen zu stellen? Von seiten des Gerichts? Nicht mehr. Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Pomreinke, wenn ich von den Angaben ausgehe, die Sie nach der Zeit machen, ja, dann sind Sie erst im Sommer oder Herbst 1943 zur Fahrbereitschaft gekommen, zunächst zu den Pferden und dann zu den Lkws.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun ist aber der damalige Adjutant Mulka schon im März 1943 von Auschwitz weggekommen. Wenn Sie sich das vielleicht mal überlegen, wollen Sie dabei bleiben, daß es erst Herbst 1943 war, als Sie zur Fahrbereitschaft kamen? Das kann doch dann zeitlich nicht stimmen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Weiß nicht. Ich kann es nicht sagen, wann genau. Weil nach Zeit und so weiter kann man ja gar nicht gehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie meinen also

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Da war ich nur die Zeit über, wo wir die Typhusepidemie hatten und die Sperre hatten. Und in der Zeit war Mulka dagewesen, der Herr Mulka.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind Sie sicher, daß es der Mann war, den Sie da vorhin gezeigt haben und als Mulka bezeichnet haben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind Sie sicher, daß das der war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie waren mal auf der Rampe, sagten Sie, um dort Effekten wegzufahren.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo war denn diese Rampe?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Die war noch am Hauptgleis, ungefähr 100 bis 150 Meter vom Hauptgleis, wo es nach Kattowitz, Gleiwitz [+ ging], also die oberschlesische Strecke gefahren ist, ein Doppelgleis. Da nebenan war so ein Abstellgleis gemacht worden, von der Bundesbahn aus.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, danke schön. Dann sagten [...] Sie, daß der Adjutant, also Mulka, mit dem Pkw zur Fahrbereitschaft gekommen sei in die Praga-Halle.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie mir folgende Fragen beantworten: Was war das für ein Pkw, und wer hat den Pkw gefahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das war meistens ein Wanderer, weil den Kübelwagen hatte Obersturmbannführer Höß gehabt. Das war dem Obersturmbannführer seiner, der Mercedes-Kübelwagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kübelwagen von Mercedes, ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Den hatte der

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Den Allrad.

 

Staatsanwalt Kügler:

Den hatte der Kommandant?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und der Adjutant ist mit einem Wanderer gefahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Wanderer oder manchmal auch mit dem Audi, also auch Wanderer, aber Audi. Und wer den gefahren hat, wie der genau geheißen hat noch, weiß ich nicht mehr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ungefähr?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

War auch ein Jugoslawiendeutscher.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich ungefähr an den Klang des Namens noch erinnern?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie hat er ausgesehen, der Mann?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ach, so ein Kleinerer.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ein Kleinerer.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nicht so arg groß.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie alt war er damals ungefähr?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Der wird damals so 21, 22 gewesen sein, kann auch jünger gewesen sein. Ich weiß nicht genau.

 

Staatsanwalt Kügler:

[Pause] War ein bestimmtes Auto für den Adjutanten bestimmt, oder richtete sich das je nach dem, was frei war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Je nach dem, was da war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was an Pkws frei war.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Zwei liefen ja ständig für die Kommandantur, die andern Offiziere und was sonst noch benötigt wurde für Fahrten für die Kommandantur.

 

Staatsanwalt Kügler:

Als Sie die drei Tage Bau von Mulka zudiktiert bekamen, wie hat sich das denn abgespielt? Mußten Sie da in die Kommandantur gehen? Hat er Ihnen das selbst eröffnet?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, ich habe es von Untersturmführer Wiegand abends verlesen gekriegt und mußte dann nachher einrücken.

 

Staatsanwalt Kügler:

Woher wissen Sie nun, daß das von Mulka kam?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Weil es unterzeichnet war von ihm.

 

Staatsanwalt Kügler:

Es war von ihm unterzeichnet.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren Sie jemals in dem Kommandanturgebäude, das gegenüber von dem Haus von Höß gelegen hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie, wo der Adjutant sein Dienstzimmer hatte?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Genau nicht, aber ich habe einen Urlaubsschein gekriegt, und da wurde die Unterschrift draufgedrückt. Aber genau wo er es hatte, weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo er es hatte, wissen Sie nicht. Können Sie sich noch daran erinnern, wenn man da durchging, da waren ja verschiedene Dienstzimmer, ob da die Namen der Offiziere beziehungsweise der SS-Führer an der Tür gestanden haben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das kann ich nicht sagen, das weiß ich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich glaube nicht. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich erinnern, ob der Adjutant Mulka seinerzeit in Auschwitz eine Brille getragen hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Was war das für eine Brille? Können Sie die noch beschreiben? Wissen Sie, es gibt also randlose Brillen, Brillen mit Goldrand oder mit

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Zuerst hat er eine Dienstbrille gehabt, die war so zwei oder drei Tage lang eine Nickelbrille. Und dann hat er eine andere, so ein normales Gestell gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Keine Frage mehr, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Zeuge, ich möchte das doch noch mal mit Ihnen besprechen. Mir fällt auf: Am 21. Februar 41 sind Sie eingezogen worden und haben Ihre militärische Grundausbildung in Dresden bekommen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange dauerte denn diese Grundausbildung?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Bis 41, nachdem schon der Rußlandfeldzug begonnen hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Also nach dem Sommer?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wo kamen Sie denn dann von Dresden hin, nachdem Sie die Grundausbildung

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Dann kamen wir nach Breslau, wurden ...

 

Vorsitzender Richter:

Zusammengestellt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Zusammengestellt wieder und wurden wieder aufgeteilt nachher in einzelne Gruppen und kamen nach Gleiwitz auf den Flugplatz, auf einen Lehrgang für Flak und Scheinwerfer.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und das hat gedauert bis zum Herbst 42?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein. Nein, nein, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sondern?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Dann kamen wir nach Weimar-Buchenwald in die Ausbildungsabteilung als Ausbilder. Mußten wir nachher Rekruten ausbilden an den Geräten wieder.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Und von dort aus kamen wir wieder weg, sollten wir eigentlich an die Front kommen. Und ich war zuvor krank gewesen. Dann hat es geheißen: »Ja, Ihr kommt alle zur Genesungskompanie«, die die krank waren. Dann sind wir nach Kassel gekommen zur Genesungskompanie. Und da hat man nachher alles zusammengetan und: »Ab nach Auschwitz mit euch!«

 

Vorsitzender Richter:

Und das war Herbst 42?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wären drei Monate circa dort gewesen, sagten Sie in Ihrer früheren Vernehmung.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wären Sie da drei Monate auf dem Turm gewesen beziehungsweise bei der Wachkompanie. Und dann sagten Sie weiter: »Da ich ein Plattfußleiden hatte und zu Hause bereits das Steuern eines Lkws erlernt hatte, wurde ich von den Wacheinheiten zur Fahrbereitschaft versetzt.« 6 Sie haben also damals nicht gesagt, daß Sie zwischendurch bei dieser Reitereinheit gewesen sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Habe ich auch nicht angegeben gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Habe ich auch nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber das ist doch richtig, daß Sie dort waren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, ist es möglich, daß Sie schon im Frühjahr oder im Winter 42 auf 43 zu der Fahrbereitschaft gekommen sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Möglich ist es schon. Ich kann es genau nicht sagen, ich habe...

 

Vorsitzender Richter:

Denn der Herr Staatsanwalt hat Ihnen mit Recht eben vorgehalten

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ja, das schon [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Daß Mulka gar nicht mehr

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ich weiß nicht Zeit und Rang noch, weil ich mich damit nicht abgegeben habe weiters.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich habe von heute auf morgen gelebt, ich wollte nur weg da. Ich habe alles mögliche immer wieder versucht, aber es ging nicht. Kam man bloß von einem Haufen zum andern, Sie wissen es ja, wie es war. Wenn einer wo was ausgefressen hatte, also zum nächsten Haufen. Und da habe ich es natürlich wieder versucht. Ich wollte nämlich raus. Ich habe gesagt, wenn ich schon Soldat sein soll, dann will ich raus an die Front und nicht da...

 

Vorsitzender Richter:

In diesem Lager sein.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja. Und so waren noch mehrere. Aber da kam man eher woanders hin, aber nicht raus aus dem Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Pomreinke, ist es immer in Auschwitz so gewesen, daß für Fahrten innerhalb des Lagerbereichs ein schriftlicher Fahrbefehl nicht erforderlich war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Zu meiner Zeit, ja, war es immer so, daß man keinen brauchte innerhalb des Lagerbereiches.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich will Ihnen da mal folgendes vorhalten, und zwar – Herr Vorsitzender, das ist aus Anlageband 2c – den Standortbefehl 7 aus dem Jahre 1944 vom 14.2.44. Und da heißt es unter Ziffer 12, Herr Zeuge: »Um eine genaue Kontrolle über sämtliche Pkw-Fahrten, auch der kleinen Fahrten innerhalb des Lagerbereichs, zu gewähren, ist in jedem Fall die übliche Kraftfahrzeuganforderung herzureichen. Pkw-Fahrten innerhalb des Lagerbereiches ohne Fahrbefehl des SS-Standortältesten sind verboten.« 7 Wenn ich Ihnen das jetzt vorhalte, fällt Ihnen da vielleicht ein, daß sich in der Spätzeit dann etwas geändert hat bei diesen Anordnungen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das weiß ich nicht. Also nur Pkw. Das ist ja nur für Pkws gewesen, aber für Lkws nicht. Die Lkws hatten ein Fahrtenbuch dabei, und da mußte man, wenn man seine Fahrt erledigt hatte, da von demjenigen die Unterschrift haben, weiters gar nichts. In dem Buch. Da waren die Rubriken, zum Beispiel: Heute Essen gefahren, Abteilung sowieso, also Kommando soundso. Und da bin ich zu dem Wachhabenden dann hingegangen, also zu dem Postenführer, sage ich: »Du, komm, unterschreibe mir, daß ich hier war, daß ich mein Essen abgeliefert habe.« Abends hat nachher alles wieder abgegeben werden müssen, die Bücher, auf der Schreibstube, es ist abgezeichnet worden, und erledigt war das.

Das Fahrtenbuch war zur Kontrolle, damit abends jeder nachweisen konnte, was er heut getan hat. Nicht daß es heißt: »Ja, dich hat man heut den ganzen Tag nicht gesehen. Wo bist denn wieder rumgelungert?« Oder: »Wo hast du denn wieder eine Schwarzfahrt gemacht?« Angenommen, man sei nebenrausgefahren ohne Fahrbefehl. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wer hat denn das Fahrtenbuch dann überprüft?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Vorerst war es Oberscharführer Siebald, unser Werkstattleiter. Der hat das in Verwahrung genommen. Ob das von oben runter kontrolliert worden ist oder nicht, das weiß ich nicht, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber jedenfalls, wir mußten das so machen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Ist Ihnen bekannt, daß Wiegand alle Anweisungen für seine Tätigkeit von dem Angeklagten Mulka erhielt, solange Mulka da war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das kann schon sein. Ich weiß nicht, ob er selbständig oder eigenmächtig gehandelt hat. Das entzieht sich meiner Kenntnis, das weiß ich nicht genau.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann eine letzte Frage. Sie sagten vorhin, daß der Angeklagte Mulka seinerzeit angeordnet hat, Sie gebrauchten die Worte, daß dieser junge SS-Mann »verscharrt werde wie ein Hund« und daß »niemand mitgehen durfte«.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Können Sie das bitte genauer schildern? Und woher wissen Sie, daß damals diese Anordnung von Mulka kam?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Oberscharführer Siebald war sozusagen da in der Praga-Halle so wie unser Vater. Wenn wir irgendwas gehabt haben oder irgendwas ausgefressen hatten, zum Beispiel einen kleinen Unfall oder was, da ging man immer zu dem hin. Und der hat irgend immer danach geguckt, daß das so umgemeldet oder irgendwie auszubügeln war, ohne daß man es auf die obere Stelle melden mußte. Und wie grade eben der Fall da passiert ist, dann sagt er: »Mensch komm, ich brauche dich heut abend.« Sage ich: »Was ist denn los?«»Ja, der«– na, wie hat er noch schnell geheißen –, sagt er, »hat einen Unfall gebaut, und da müssen wir gucken, daß wir den großen Berliet aufgestellt kriegen wieder.«

 

Vorsitzender Richter:

Wie, daß wir den?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Den großen Berliet. Es war ein Berliet, ein Dreiachser. Ein großer Wagen war es.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

»Daß wir den wieder aufgestellt kriegen. Der liegt da am Graben« und so und so. »Ich habe schon einen weggeschickt, der die Häftlinge holt. Wir müssen gucken, daß wir ihn mit ein paar Seilen wieder aufgestellt kriegen. Wir nehmen noch den Magirus und den kleinen Mercedes, und dann schauen wir, daß wir nachkommen.« Dann sage ich: »Ja, ich habe doch aber UvD heute abend.«»Spielt keine Rolle«, sagt er, »die sollen mal heute abend ohne uns auskommen. Wir müssen machen, daß wir den Wagen so schnell wie möglich wieder herkriegen.«

Dann sind wir rausgefahren. Jetzt wurde da bekanntgegeben, daß der Mann nicht beerdigt wird, sondern er wird einfach auf dem Friedhof da in eine Ecke reingescharrt. Es darf niemand mit, nur ein Mann, der da rausfährt. Na, aber wir haben es uns nicht nehmen lassen, weil wir konnten es ja machen. Wir waren außerhalb des Lagers, uns kontrollierte niemand. Da waren wir doch – acht Mann – mitgefahren, im engsten Kreis. Somit daß wir ihn doch noch beerdigt haben, wie es sich gehört hat. Da haben wir auch noch ein paar Worte dazu sprechen können, ohne Aufmerksamkeit [+ zu erregen].

Beinahe wäre es auch noch schiefgegangen. Wie wir nämlich in den Hof reinfahren, ist natürlich der Wiegand gekommen. Und der war nämlich für strikte Befehlsausführung. Wenn da was angeordnet wurde von oben runter, da hat er mehr Angst wie Vaterlandsliebe gehabt. Das mußte durchgeführt werden auf Biegen und Brechen, nach seinem Maßstab. Und, wo wir waren? »Na ja, wir wollten mal sehen, ob wir nicht einen besseren Platz finden, wenn Not am Mann ist, daß wir die Fahrzeuge unterstellen können.« Na ja, hat er uns auch noch das abgenommen. Das war das Glück. Sonst hätte er uns tatsächlich noch auf frischer Tat ertappt, weil wir alle mit Stahlhelm und wie es sich gehört hat, angezogen waren.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Hatte Ihnen Siebald gesagt, daß die Anordnung, den Kameraden da zu verscharren, von Mulka käme?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sie ist von oben runter [+ gekommen], von wem aus konnte sie dann nur kommen? Entweder dann vom Obersturmbannführer Höß oder vom Adjutanten. Einer kann es nur angeordnet haben, von den zweien nur einer.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und Sie haben aber immer gehört, daß Mulka für die Fahrbereitschaft zuständig war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und daraus entnehmen Sie, daß auch dieser Befehl von Mulka gekommen sei?

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Von Mulka stammen kann.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, Sie haben sich eben bezogen auf den Kommandanturbefehl Nummer 7 aus 44?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Der ist in dem Anlageband auf Blatt 116 folgende abgeheftet. Ich weiß aber nicht, wo der Vorhalt steht, den Sie da eben gemacht haben.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ziffer 12.

 

Vorsitzender Richter:

Ziffer 12? In der Ziffer 12, da steht drin: »Anforderung von Unterkunftsgerät. Nochmals darauf hingewiesen, daß Anforderungen über Unterkunftsgerät nur an die Unterkunftskammer« und so weiter. »Reinhaltung«, »Unterkunftskammer«, »Monowitz«. »Es wird darauf hingewiesen, daß bei Versetzung der Kommandierenden« und so weiter und so weiter, »Wischtuch«, »Eßbesteck« und so weiter.8

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ist das der Standortbefehl vom 14.2.44?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, aber vom 19.6.44. Das ist allerdings Kommandantur III.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nein, also das ist ein Standortbefehl, was ich sage, ist ein Standortbefehl. Sie müssen unterscheiden zwischen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, ja, das weiß ich schon. Nun sagen Sie bitte, auf welcher Seite dieser Anlage soll er denn stehen?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wenn ich mich recht erinnere – ich habe das vor vielen Monaten durchgearbeitet –, sind die nicht durchgehend numeriert gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, eben nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und ich habe hier nur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber die Blattzahlen sind numeriert. In der Anlage

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Ja, ich habe hier leider nur eine ins Band diktierte Maschinenabschrift. Und ich kann es Ihnen auf Anhieb nicht sagen, ich werde es nachher gerne heraussuchen.

 

Vorsitzender Richter:

Denn sie sind alle durcheinander geheftet. Ich habe den Standortbefehl Nummer 19 und Nummer 21, aber was da nun

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Ich weiß, ich hatte damals auch große Schwierigkeiten. Ich kann es Ihnen leider jetzt auf Anhieb nicht sagen, ich müßte es mir gleich noch mal

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, wenn Sie es nachher mal raussuchen wollten.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Strodt?

 

Nebenklagevertreter Strodt:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Herr Rechtsanwalt Müller.

 

Verteidiger Müller:

Herr Zeuge, ich möchte noch einmal versuchen, den Zeitplan Ihres dienstlichen Einsatzes zu rekonstruieren. Sie sagten – das ist eine Wiederholung –, Sie seien am 21. oder 22. Februar 41 zur Waffen- SS eingezogen worden.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Sie sagten weiter, Sie seien bis etwa Sommer 41 zur Grundausbildung in Dresden gewesen, und dann seien Sie zur Ausbildung eines Flaklehrganges gekommen und danach nach Buchenwald, um dort Ihrerseits als Ausbilder tätig zu werden.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Können Sie sagen, wie lange Sie in Buchenwald waren? Denken Sie vielleicht mal an Ihren Geburtstag oder an Ihren Hochzeitstag, um da eine Abgrenzung zu finden.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, apropos Hochzeitstag: Herr Vorsitzender, dürfte ich an Herrn Mulka eine Frage stellen? [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, stellen Sie sie an mich, ich frage ihn dann. Stellen Sie die Frage an mich, ich frage ihn dann.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich möchte den Herrn Mulka fragen, wo meine Braut verblieben ist, die damals in Auschwitz war und [+ er] mir meine Hochzeitspapiere zerrissen hat, drei Tage, bevor ich heiraten wollte. Die Genehmigung erteilt nur SS Heinrich Himmler, und sonst hat hier niemand zu erteilen. Obwohl die Papiere vom Obersturmbannführer Höß und von meinem vorhergehenden Kompaniechef unterzeichnet waren, also jedenfalls, was ich eingereicht hatte, unterzeichnet war und genehmigt war, hat er sie zerrissen. Und ich möchte wissen, wo meine Braut verblieben ist.

 

Vorsitzender Richter:

Die Papiere hat er zerrissen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War da Ihre Braut zu ihm gegangen und hat ihm das

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Obwohl der Spieß gesagt hat: »Das ist doch genehmigt, die Heirat ist offiziell.«

 

Vorsitzender Richter:

Woher kann er denn wissen, wo Ihre Braut geblieben ist?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Weil sie zu ihm nachher in Dienst genommen worden ist oder irgendwas er mit ihr gemacht hat. Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, sie war dort auch angestellt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie was davon?

 

Angeklagter Mulka:

[Pause] Die Braut von dem Zeugen war

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Mehrmals

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Ja, das würde ich ja auch niemals getan haben, wenn jemand sich verheiraten wollte, dann würde auch keine Veranlassung

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, würde und würde. Haben Sie es getan, oder haben Sie es nicht getan?

 

Angeklagter Mulka:

Nein, nein, niemals. Völlig ausgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wissen Sie, daß er die Papiere zerrissen hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Weil er mich kommen ließ und mich noch angeschrieen hat: »Wo gibt es denn so was. Da könnte ein jeder Hottentotte kommen und heiraten wollen.«

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, daß er

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Und daheim ist alles gerichtet. Ich habe ein Telegramm abgeschickt, ich sollte einen Urlaubsschein kriegen für nach Hause zur Heirat. Und da werde ich auf die Schreibstube kommandiert und werde überfallen mit dem, und da – ritsch, ratsch, fertig, weg, aus.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrer Gegenwart hat er es zerrissen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrer Gegenwart?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

»Hier bestimme ich und kein anderer.« So.

 

Angeklagter Mulka:

Es entspricht auch nicht meiner Ausdrucksweise, so wie der Herr Zeuge sich jetzt ausdrückt. [Unruhe im Gerichtssaal]

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte um Ruhe. Ja, also daraus geht ja hervor, Mulka, daß Sie dort gewesen sein müssen, wie er dort war.

 

Angeklagter Mulka:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Angeklagter Mulka:

Aber wo der Zeuge zu der Zeit Dienst gemacht hat, das kann ich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also, Sie müssen ja offensichtlich sein Vorgesetzter gewesen sein.

 

Angeklagter Mulka:

Er sagt ja, er wäre im Herbst 43 zur Fahrbereitschaft gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und da waren Sie ja nicht mehr da.

 

Angeklagter Mulka:

Da war ich schon lange nicht mehr da.

 

Vorsitzender Richter:

Und da können Sie auch nicht sein Vorgesetzter gewesen sein.

 

Angeklagter Mulka:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also muß er entweder früher gekommen sein, oder Sie müssen später weggegangen sein.

 

Angeklagter Mulka:

Er ist unzweifelhaft früher gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Angeklagter Mulka:

Unzweifelhaft.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Aber er war Angehöriger, wie er ja hier angegeben hat, der 3. Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Mulka:

Und...

 

Vorsitzender Richter:

Die hatten Sie ja nicht

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Auf welche Weise nun diese

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie waren ja nicht Kompanieführer der 3. Kompanie.

 

Angeklagter Mulka:

Nein, nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Also kann er damals Sie nicht als Vorgesetzten gehabt haben.

 

Angeklagter Mulka:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Er kann Sie doch nur, wie er schildert, als Vorgesetzten gehabt haben in seiner Tätigkeit

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

In der Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Bei der Fahrbereitschaft.

 

Angeklagter Mulka:

Jawohl. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Also, nun kann eins nicht stimmen: Entweder war der Zeuge früher dort, oder Sie sind später weggekommen.

 

Angeklagter Mulka:

Nein, also ich bin bestimmt nicht später weggekommen, denn das ist ja aktenkundig. Das steht ja fest.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann Ihre Hochzeit festgesetzt war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Ich bin aus dem Lazarett gekommen, ich bin operiert worden am Blinddarm, und das war 42 im [Pause] März oder Februar, so rum muß es gewesen sein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie aber doch erst im Herbst 42 nach Auschwitz gekommen sein sollen

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

43 wollte ich sagen, entschuldigen Sie, 43.

 

Vorsitzender Richter:

Im?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

März oder im Februar.

 

Vorsitzender Richter:

Im Februar oder März 43.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Februar oder März, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da war Ihre Hochzeit festgesetzt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Herr Rechtsanwalt Doktor Müller, Sie können jetzt

 

Verteidiger Müller [unterbricht]:

Herr Zeuge, ist Ihnen bekannt, daß Ihre damalige Verlobte in dem Haushalt des Angeklagten Mulka tätig war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich habe zwei Briefe noch gekriegt, und nachher, als ich fortgekommen bin, habe ich keine Briefe mehr gekriegt von ihr. Und sie, scheint es, auch nicht, weil ich ja immer wieder dahin geschrieben habe. Entweder sind sie ihr nicht zugestellt worden, oder irgendwas hat da nicht gestimmt. Ich weiß nicht.

 

Verteidiger Müller:

Ich versuchte ja nur den Zeitkalender zu rekonstruieren. Ich war stehengeblieben bei der Feststellung, daß Sie Ausbilder in Buchenwald waren.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Und wie lange war das?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Ein dreiviertel Jahr vielleicht, ein halbes bis ein dreiviertel Jahr.

 

Verteidiger Müller:

Das wäre also vom Sommer 42 bis Frühjahr 43?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nicht ganz. Vor Weihnachten noch, also 42, bin ich dann weggekommen.

 

Verteidiger Müller:

Vor Weihnachten 42.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Wohin sind Sie da gekommen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Da sind wir nach – na, wie heißt das – Międzybrodzie oder wie das geheißen hat. So ein Erholungsheim war das.

 

Verteidiger Müller:

Also haben Sie Weihnachten 1942 in einem Erholungsheim verlebt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Und wieviel später sind Sie dann in Marsch gesetzt worden zu einer anderen Einheit?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das kann ich nicht mehr genau sagen. Ich weiß auch nicht mehr, wie und wann ich von da aus weggekommen bin. Ich sagte schon, mir ist Zeit und so was entfallen, weil ich einen Unfall hatte. Ich kann mich an Daten fast gar nicht mehr erinnern.

 

Verteidiger Müller:

Was für einen Unfall hatten Sie?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[+ Ich bin] verschüttet worden.

 

Verteidiger Müller:

Wann?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

An der Front draußen, 44.

 

Verteidiger Müller:

Haben Sie Erfahrungen, daß seitdem Ihr Erinnerungsvermögen in zeitlicher oder sachlicher Hinsicht gestört ist?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Manche Tage ja.

 

Verteidiger Müller:

Herr Zeuge, es ist sicher, daß Sie nach Eintreffen in Auschwitz eine gewisse Zeit bei der Wachkompanie waren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, das stimmt.

 

Verteidiger Müller:

Und daß es mindestens mehrere Monate waren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Zwei bis drei Monate.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Und es ist sicher, daß Sie Silvester 1942 noch im Genesungsheim waren, [...] von dem Sie vorhin sprachen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ja.

 

Verteidiger Müller:

Dann habe ich eine letzte Frage: Haben Sie mal einen solchen Kraftfahrzeugeinsatzbefehl gesehen? [...]

 

Vorsitzender Richter:

Einen Fahrbefehl meinen Sie.

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Einen Fahrbefehl, ja.

 

Verteidiger Müller:

Stand da der Verwendungszweck bezeichnet?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Meistens ja, für was für eine Fahrt.

 

Verteidiger Müller:

Und was war als Verwendungszweck auf den Kraftfahrbefehlen, an die Sie sich heute erinnern, angegeben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Für mich war nur

 

Verteidiger Müller [unterbricht]:

Nein, ich meine, was auf den Kraftfahrzeugbefehlen, an die Sie sich heute erinnern, angegeben war.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ich frage ja, ob für mich oder für andere?

 

Verteidiger Müller:

Für Sie.

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Für andere Fahrer?

 

Verteidiger Müller:

Nein, die Fahrbefehle für Sie oder für andere, die Sie gesehen haben, die Sie kennen, die Sie heute noch erinnern.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sie müssen mich schon richtig auch verstehen. Fahrbefehle für mich oder von einem anderen Fahrer, für den anderen Fahrer, für seine Fahrten?

 

Verteidiger Müller:

Gut, dann machen wir es in zwei Teilen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Den Fahrbefehl für meine Fahrt habe nur ich gekriegt, und ein zweiter Fahrer hat den nicht gesehen.

 

Verteidiger Müller:

Ja, nun wollte ich von Ihnen erfahren, welcher Verwendungszweck auf den Fahrbefehlen stand, die Sie hatten.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Denn was für mich war, da stand drauf entweder »Verpflegung fahren« oder stand drauf »Milchfahrt von, nach«, genau die Uhrzeit, Abfahrtszeit, nicht, und so weiter. Wenn man da war, mußte man die Ankunftszeit wieder eintragen, laut Tachoplättchen, wie es vorgeschrieben war.

 

Verteidiger Müller:

Und haben Sie auch tatsächlich dann Verpflegung oder Milch transportiert, oder waren das nur Scheinangaben auf diesen Fahrten?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Verteidiger Müller:

Sie sind sicher, daß Sie tatsächlich auf diesen

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Die Verpflegungsfahrzeuge wurden nicht zu Einsätzen genommen, zu keinem andern Zweck wie nur zum Verpflegung fahren.

 

Verteidiger Müller:

Danke vielmals, keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Müller:

Ich hätte doch noch eine Frage, Entschuldigung. Herr Zeuge, Sie sprachen davon, daß Ihnen von Wiegand dieser Arrestbefehl bekanntgegeben worden ist und daß Sie wissen, daß dieser Arrestbefehl angeordnet worden sei von dem hier angeklagten Mulka.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Da war ein Schriftstück, wenn ich Sie richtig verstanden habe.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Was war das für ein Schriftstück?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ein Schein, ein normaler Schein, wie es der Urteilsspruch also...

 

Verteidiger Müller:

Ein Arrestbefehl?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Haben Sie die Unterschrift selbst gesehen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Die hat da auf dem Tisch gelegen beim Herrn Wiegand.

 

Verteidiger Müller:

Haben Sie die Unterschrift von dem Angeklagten Mulka selbst gesehen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl. [...]

 

Verteidiger Müller:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, wo ist in Auschwitz I das Verpflegungslager gewesen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Auschwitz I war oben, wo der Bahngleisanschluß war. Zuvor waren es unsere Unterkünfte. Und unten drin war da das Verpflegungslager. Dann ist es rausgekommen, ist neu gebaut worden. Weiters weiß ich dann nicht mehr, ob es weiter hingekommen ist oder nicht. Lebensmittel auf Tagesbrot wurde jeden Tag frisch geholt von der Bäckerei. Und sonst war nachher die Küche hinten rum. Die hatten ihren Platz da wieder, da mußte man nämlich das Brot und die Sachen holen.

 

Verteidiger Eggert:

Entschuldigung, könnten Sie das an der Tafel hier mal zeigen?

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Das die Küche, die Ihnen vielleicht noch... Nein, da in der Mitte, das da, jawohl. Das ist die Küche.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das ist die Häftlingsküche hier gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ganz recht. [...] Und nun will der Herr Rechtsanwalt wissen, wo Ihr Verpflegungsdepot war.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Hier draußen waren wir. Und hier unten drin in dem Bau – das war ja praktisch eine Halle, noch mal so groß wie die hier und nur einmal in der Mitte abgeteilt – in dem einen Flügel lag die 3. Kompanie, und im andern Flügel [+ war] die 4. Kompanie untergebracht, zimmerweise abgestellt, mit Spinden und sonst verfügbaren Sachen, was man gehabt hat. Das war unten drin, hier. Später wurde hier ungefähr, hinten rum, die Küche gebaut, und da kam nachher ein Lager auch rein. Und, scheint es, hier vorne wurde auch noch mal ein neues Verpflegungslager gebaut. Ob das für alles zusammen war oder nur für die Wachmannschaften, das entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt?

 

Verteidiger Eggert:

Jawohl. Herr Zeuge, Sie haben vorhin erwähnt, daß Sie einen Urlaubsschein in der Kommandantur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Setzen Sie sich wieder hin, ja.

 

Verteidiger Eggert:

Abgeholt haben, der dort gestempelt worden ist, und zwar mit dem Namen des Angeklagten Mulka. Wer hat diesen Stempel auf den Urlaubsschein gesetzt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Das war der Büroschreiber. Der durfte nur im Notfall – weil meine Mutter wurde schwer krank, und ich habe ein Telegramm gekriegt, somit daß [+ ich] abends noch, weil ich von der Fahrt erst spät zurückgekommen bin, sofort losfahren konnte. Aber der Schein war nicht unterschrieben. Und da durfte nur der Stempel verwendet werden im Notfall, wenn der Adjutant nicht erreichbar war. Dann wurde der Stempel genommen.

 

Verteidiger Eggert:

Jawohl. Aus den Begleitumständen habe ich die Hoffnung, daß Sie mir genauer sagen können, wann das gewesen ist.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

[Pause] Am 26. Februar ist sie gestorben. Das war im Januar, nein, auch schon im Februar. Am 7., 8., so rum muß es gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Februar 1943?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

[Pause] Herr Zeuge, Sie haben sich vorhin über die Brille geäußert, die der Angeklagte Mulka seinerzeit getragen hat. Und Sie haben gesagt, in den ersten beiden Tagen sei es eine Nickelbrille gewesen.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Darf ich Sie fragen, weshalb Sie über diese Einzelheit, mit deren Befragung Sie doch heute gar nicht rechnen konnten, so genau unterrichtet sind?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Weil er da mit seiner neuen Schirmmütze und der Nickelbrille ausgesehen hat wie – na, wie soll man sagen –, wie ein Student, der das erste Mal aus dem Studentenheim rauskommt.

 

Verteidiger Eggert:

Sind Sie über diesen Teil der Angelegenheit schon mal in anderem Zusammenhang befragt worden?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Verteidiger Eggert:

Sie haben von der Brille noch nie etwas gehört?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Verteidiger Eggert:

Und Sie wissen, daß er nach zwei Tagen die Brille gewechselt hat?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Gut. Dann, Herr Zeuge, nachdem Sie die Sache mit Ihrer Braut... Bitte, ich muß also notfalls um einen Gerichtsbeschluß bitten, ob die Frage zulässig ist, aber ich muß das davor erläutern. Ich möchte den Zeugen fragen, ob er seinerzeit geschlechtskrank gewesen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Tja, Herr Rechtsanwalt, was soll das für einen Sinn haben, diese Frage zu stellen, die ja doch vielleicht nur dazu dient, um den Zeugen bloßzustellen?

 

Verteidiger Eggert:

Es kommt hier auf die Glaubwürdigkeit eines Zeugen an, der ganz offensichtlich eine persönliche Animosität gegen den Angeklagten Mulka hat, und zwar aus höchst persönlichen Gründen. Der Zeuge selbst hat diese Dinge vorhin, auf die ich von mir aus ohnehin gekommen wäre, mit in das Gespräch gebracht. Und wenn er Gründe hatte, nicht zu heiraten, dann können diese Gründe politischer, gesundheitlicher und sonstiger Art gewesen sein. Ich glaube also, daß es zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit des Zeugen auf diese Frage ankommt.

 

Vorsitzender Richter:

Das verstehe ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich widerspreche der Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ich widerspreche ebenfalls.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Dann bitte ich um Gerichtsbeschluß. Ich habe damit gerechnet, aber ich halte die Frage aufrecht. Und zwar zur Begründung kann ich mit einem Wort sagen, daß die fehlende Heiratserlaubnis höchst einfach auf diesem Grunde beruht haben kann.

 

Vorsitzender Richter:

Das kann ja möglich sein. Das kann ja möglich sein. Aber was soll uns das zur Erforschung der Wahrheit weiterführen? Der Zeuge hat ja nur gesagt: »Ich bin hinbestellt worden, und da hat mir der Angeklagte Mulka gesagt: ›Das kommt gar nicht in Frage, die Ermächtigung‹ oder ›die Genehmigung gibt nur der Reichsführer SS‹ und hat die Papiere genommen und hat sie durchgerissen.« So hat der Zeuge geschildert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Vorsitzender, dann darf ich es etwas temperamentvoller sagen. Der Zeuge hat vorhin gesagt: »Der Angeklagte Mulka hat seinerzeit den Befehl gegeben, daß mein Kamerad, der 23jährige anständige Mensch, der Selbstmord begangen hatte, wie ein Hund verscharrt wurde.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Der Zeuge hat dazu geschluchzt. Der Zeuge hat dann auf Vorhalte einräumen müssen, daß der Befehl von oben gekommen sei und hat schließlich gesagt, auf die Frage des Herrn Kollegen Raabe: »Das kam wohl vom Kommandanten oder vom Adjutanten.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Einen noch handfesteren Hinweis auf die Animosität kann ich wohl kaum bringen, und die Glaubwürdigkeit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso?

 

Verteidiger Eggert:

Des Angeklagten Mulka ist hier dadurch erschüttert worden, oder es ist versucht worden, sie zu erschüttern, indem man dem Angeklagten Mulka vorgehalten hat: »Der Zeuge erinnert sich genau daran, daß Sie selbst in seiner Gegenwart diese Heiratserlaubnis, oder was es gewesen ist, zerrissen haben.« Der Angeklagte hat das hier bestritten, und der Zeuge hat die Richtigkeit seiner Sachdarstellung hinterher noch einmal bekundet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Es kommt also drauf an, wem von beiden man mehr glauben kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und ob der Mann damals krank gewesen ist oder ob er nicht krank gewesen ist, das hat doch mit diesem Vorgang gar nichts zu tun.

 

Verteidiger Eggert:

Mittelbar nicht, aber mit der Frage seiner Glaubwürdigkeit. Er hat es ja hier so dargestellt, als sei der Mulka eigenmächtig hier vorgegangen, indem er gesagt hat – wörtlich wiederhole ich seine Einlassung: »Hier befehle nur ich, ausschließlich ich, und mit der Heirat, das kommt nicht in Frage« und hat den Schein zerrissen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und selbst wenn er nun zugibt, daß er damals krank gewesen sei, was soll denn das heißen? Das führt uns doch keinen Schritt weiter.

 

Verteidiger Eggert:

Daß er bei seiner Sachdarstellung den Angeklagten Mulka aus höchst persönlichen Gründen belastet hat. Natürlich nicht im Zusammenhang mit der Anklage und dem Eröffnungsschluß, darüber bin ich mir auch klar, aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ist mir nicht erfindlich. Also ich lasse die Frage nicht zu.

 

Verteidiger Eggert:

Gut, dann bitte ich um Gerichtsbeschluß.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dann kann das Gericht beschließen darüber. Noch eine Frage? Ja, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, Sie haben uns eben gerade gesagt, daß Ihre Mutter am 26. Februar 43 gestorben sei. Hatten Sie die Heiratserlaubnis bereits beantragt gehabt, bevor ihre Mutter

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Zunächst mal die Frage: Wie lange vorher war das ungefähr, daß Sie die Heiratspapiere ausgefüllt hatten?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nicht lang. Das hat nicht lang gedauert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nicht lange.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, weil dem vorhergehenden Kompaniechef, dem habe ich die Sachlage geschildert. Ich habe gesagt: »Ich kann nicht anders, ich muß jemand zur Entlastung meiner Mutter haben. Und ich sehe den einen Zweck, daß ich heiraten tue, und meine Frau kann nachher dableiben. «

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Das war also, als Sie noch bei der Wachkompanie waren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da haben Sie die Heiratspapiere beantragt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie lange kannten Sie zu diesem Zeitpunkt Ihre damalige Braut? Hatten Sie sie grade erst kennengelernt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, nein, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die kannten Sie schon

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Vom Lager aus, wo wir in Linz waren.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ach, die kannten Sie schon aus der Zeit, wie Sie beim Umsiedeln nach Linz ins Lager gekommen waren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sie ist eine Österreicherin.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und wie kam die nun nach Auschwitz?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich habe ihr geschrieben.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und was hat sie in Auschwitz getan, hat sie gearbeitet da?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, ich habe sie im Deutschen Haus untergebracht, habe ihr ein Zimmer gemietet. Und sie hat da gewohnt tagsüber, weil ich ja noch rausgehen konnte damals.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Tagsüber manchmal, manchmal auch nicht, je nachdem, wie der Dienst war. Und

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und wie lange hatten sie nun Ihre Braut in Auschwitz bei sich, bis zum Tod Ihrer Mutter?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Da war sie ja nachher nicht mehr da.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da war sie nicht mehr da?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein, die durfte sich ja ab dem Moment, als das erledigt war, nicht mehr da aufhalten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also waren vor dem Tod Ihrer Mutter, wie Sie sagen, vom Angeklagten Mulka die Papiere schon zerrissen worden?

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ja, ja, ja. Und ich habe dann nachher sofort meine anderen Papiere alle zusammen und wollte es einreichen noch und habe es auch soweit noch gebracht auf dem Standesamt, daß es noch weitergehen soll. Und ärztliche Untersuchungen sollten noch stattfinden und so weiter. Aber mittlerweile hat es geheißen, das macht sie oben in Hamburg nachher, wo sie sein soll. Und ich muß es hier machen. Und dann müssen Fotos gemacht werden und so weiter. Das muß eingeschickt werden alles, und somit, daß ein Zug um den andern [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, haben Sie denn nun sich ärztlich untersuchen lassen zu dem Zweck?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und das war beim Standortarzt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da war alles in Ordnung auf Ihrer Seite?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Alles. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und haben Sie auch sich fotografieren lassen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und haben Sie die Bogen noch mal ausgefüllt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Alles [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und wo haben Sie das abgegeben?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Auf dem Standesamt in Auschwitz. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und von Ihrer Braut haben Sie nachher nichts mehr gehört?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein. Zwei-, dreimal habe ich noch Post gekriegt. Und nachher, als ich weggekommen bin – schon noch in Auschwitz habe ich keine Post mehr gekriegt. Entweder sind ihr die Briefe nicht zugestellt worden oder irgendwas [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Was war denn Ihre Braut vorher von Beruf?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sie war Stenotypistin. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und stammte aus Österreich?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sie war im Lager als Sekretärin.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und Sie hatten also dann noch mal sich vom Standortarzt untersuchen lassen?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie waren gesund, war alles in Ordnung.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ich glaube, dann ist ja die Frage erledigt, die der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Können wir mal sehen. Herr Staatsanwalt, Sie wollten noch eine Frage stellen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Pomreinke, können Sie mir bitte den Namen Ihrer Braut nennen, wie sie damals hieß?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Mathilde Wirrer. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Wirrer. Und wußten Sie damals, daß Ihre Braut Hausgehilfin im Hause Mulka wurde?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und das wurde sie erst, nachdem sie nach Auschwitz gekommen war?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke, keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Naumann.

 

Verteidiger Naumann:

Herr Zeuge, der Angeklagte Hantl bestreitet entschieden, Sie irgendwann einmal irgendeines Umstandes halber gemeldet zu haben. Sie sagten doch vorhin, Siebald habe Ihnen den Mann gezeigt. [...] Und haben Sie nicht den Siebald dann nach dem Namen gefragt?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein. Das war sowieso erledigt. Was nützte es? Da rein mußte ich so und so. Was interessiert einen das, wer es gemacht hat oder was. Es war ja vorbei.

 

Verteidiger Naumann:

Na ja, das glaube ich nicht so bedenkenlos.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Was kann ich als Kleiner gegen den anfangen? Wenn es mal oben ist, das ist in die Akte eingetragen, fertig aus. Was soll ich dann nachher noch von dem wollen?

 

Verteidiger Naumann:

Herr Zeuge, gegenüber dem

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Nächstes Mal eine Tracht Prügel verabreichen, wenn man mal draußen ist, mal irgendwie, das rentiert sich auch nicht.

 

Verteidiger Naumann:

Die Häftlinge bekamen in Auschwitz kein Recht, das wissen wir. Aber innerhalb der SS war es ja nun doch anders.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Oh ja, bestimmt. Sie müssen es genau wissen, Sie waren ja da. Wir sind manchmal noch schlimmer behandelt worden wie die Häftlinge. Die Häftlinge hatten wenigstens ihre Nachtruhe. Und was haben wir gekriegt?

 

Verteidiger Naumann:

Na ja, darauf will ich Ihnen nicht antworten.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Na, sehen Sie.

 

Verteidiger Naumann:

Das scheint mir sehr, sehr an den Haaren herbeigezogen. Und aufgrund dieses einmaligen Sehens des Angeklagten Hantl haben Sie ihn heute nach 20 Jahren wiedererkannt, obwohl sich das Erscheinungsbild eines Menschen doch erheblich verändert in 20 Jahren?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Auf wen hin? Meinen Sie, auf den...

 

Verteidiger Naumann:

Sie sagen, Siebald hat Ihnen den Mann gezeigt.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ja.

 

Verteidiger Naumann:

Und Sie sagten vorhin eingangs Ihrer Aussage: »Hantl habe ich nicht gekannt.« So fingen Sie an. Also können Sie doch nur

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Dem Namen nach nicht so, aber dem Sehen nach. Wenn ich die Namen alle kennen müßte, ja was meinen Sie, da müßte man ja [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie kennen den Namen jedenfalls nicht, ja?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Verteidiger Naumann:

Wie oft haben Sie denn den Hantl damals gesehen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich widerspreche der Frage. Das führt auf ein ganz falsches Gleis. Der Zeuge hat gesagt, er kann es nicht sagen, ob es der Hantl war.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Ich habe nichts, ich behaupte nicht

 

Verteidiger Naumann [unterbricht]:

Wie oft haben Sie den [unverständlich] Dann formuliere ich um: Wie oft haben Sie den Mann, den Sie vorhin hier bezeichnet haben, damals in Auschwitz gesehen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Da hat er auch gesagt, er weiß es nicht, ob es der ist. Er kommt ihm nur bekannt vor.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Also haben Sie den Mann öfter gesehen in Auschwitz?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Gesehen habe [+ ich sie] dadurch, daß ich gefahren bin. Ist mir da mal begegnet, der eine ist mit dem Fahrrad gefahren, der andere hat ein Motorrad gehabt. Gesehen habe ich viele von denen, die auf der Kommandantur waren. Aber ich bin meiner Arbeit nachgegangen und habe mich um weiter nichts gekümmert.

 

Verteidiger Naumann:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage? Herr Rechtsanwalt Eggert?

 

Verteidiger Eggert:

Ich ziehe meine beanstandete Frage zurück im Hinblick darauf, daß sie inzwischen beantwortet ist. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Nehmen Sie es in das Protokoll auf.9 Noch von seiten der Angeklagten ein Vorhalt oder eine Frage? Nein?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kennt denn der Mulka Hintergründe für die Verweigerung der Heiratsgenehmigung [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Angeklagter Mulka, haben Sie uns keine Erklärung mehr abzugeben?

 

Angeklagter Mulka:

Nein, ich habe dazu nichts weiter zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie denn andere Gründe für die Verweigerung der Heiratsgenehmigung dieses Zeugen, oder?

 

Angeklagter Mulka:

Nein, ich kenne überhaupt keine Gründe für die Verweigerung einer Heiratsgenehmigung, weder in bezug auf diesen Zeugen noch auf sonst irgend jemanden.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und wieso kam es dann zu dieser Frage, die der Rechtsanwalt Eggert gestellt hat?

 

Verteidiger Eggert:

Die Informationen – ich darf da dem Angeklagten das abnehmen – zu dieser Frage stammen nicht von dem Angeklagten Mulka. Die habe ich von dritter Seite erhalten.

 

Vorsitzender Richter:

So. Ja, also. [...] Ja, Herr

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Ach, Entschuldigung. Ich hätte noch eine Frage an den Angeklagten Mulka.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte stellen Sie vielleicht die Frage an mich, daß ich ihn nachher befragen kann.

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Ich bin

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es ist

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Verzeihung, Herr Vorsitzender, ich bin bereit, Fragen des Herrn Rechtsanwalts Raabe zu beantworten.

 

Vorsitzender Richter:

So, bitte schön.

 

Angeklagter Mulka:

Ich habe nur Fragen von Herrn Professor Kaul abgelehnt.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also bitte schön, fragen Sie.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, Sie sagten eben, Herr Mulka, Sie wüßten überhaupt nichts von einer Verweigerung einer Heiratsgenehmigung.

 

Angeklagter Mulka:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nun haben Sie uns aber doch eben vorhin gesagt, daß die Braut dieses Zeugen bei Ihnen tätig war und dann später auch noch in Hamburg bei Ihnen tätig war.

 

Angeklagter Mulka:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und Sie haben also nicht etwa einen bestimmten Namen gesagt, sondern Sie haben ausdrücklich das Wort Braut gebraucht. Also Sie wußten doch offensichtlich, daß die beiden verlobt waren. Können Sie uns sagen, wie das auseinandergegangen ist?

 

Angeklagter Mulka:

Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß die damalige Braut des Zeugen sich in Auschwitz nicht mehr aufhalten durfte. Dazu bedurfte es der Genehmigung des Standortältesten. Und sie durfte sich dort weiterhin nicht aufhalten. Und da sie nun nicht mehr wußte, wohin, da habe ich sie nach Hamburg geschickt, denn wir konnten sie gut im Haushalt gebrauchen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, und warum durfte sie sich dort nicht weiter aufhalten?

 

Verteidiger Eggert:

Dieser Frage muß ich nun allerdings widersprechen. Das dürfte im übrigen wohl gerichtsbekannt sein.

 

Vorsitzender Richter:

Was dürfte gerichtsbekannt sein?

 

Verteidiger Eggert:

Daß eine Zivilperson nicht berechtigt war, sich ständig in Auschwitz aufzuhalten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, bisher durfte sie sich doch dort aufhalten. Also muß doch irgend etwas eingetreten sein – ich verstehe so die Frage des Rechtsanwalts Raabe –, das plötzlich die Erlaubnis zum Aufenthalt beendet hat oder ausgeschlossen hat.

 

Angeklagter Mulka:

Das war unzweifelhaft eine vorübergehende Genehmigung zum Aufenthalt dieses Fräulein Mathilde Wirrer in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso konnte sie diese Genehmigung bekommen? Und Sie hatten doch auch gleich gewußt, daß

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Nach Antrag beim Kommandanten, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nach Antrag beim Kommandanten hat sie die Genehmigung bekommen. Sie wußten auch, sie ist die Braut dieses Mannes. Und warum ist

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Das wußte ich. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Warum ist denn nun diese Braut nur bis zu diesem Zeitpunkt zugelassen gewesen, und von dem nächsten Zeitpunkt ab durfte sie nicht mehr dableiben?

 

Angeklagter Mulka:

Das kann ich nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Angeklagter Mulka:

Nein, das kann ich nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Also, was uns der Zeuge hier gesagt hat, klingt ja doch, wie Sie das wohl selbst empfinden werden, durchaus plausibel. Sie durfte solange bleiben, als man damit rechnete, daß sie die Frau dieses Mannes wurde. Und als diese Heiratsgenehmigung nicht erteilt wurde beziehungsweise die Heirat nicht vor sich gehen konnte – aus Gründen, die ich im Augenblick nicht beurteilen kann –, da durfte sie nicht mehr bleiben.

 

Angeklagter Mulka:

Davon ist mir überhaupt gar nichts bekannt, von einem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt?

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Heiratsantrag, der etwa durch mich zerrissen ist. Ich bin derartig familienverbunden. Es wäre mir wahrscheinlich eine Freude gewesen, wenn sich dort einer verheiratet hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt Raabe?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Mulka, apropos familienverbunden. Wie ist denn nun sonst Ihr Verhältnis zu Ihren Mitmenschen gewesen? Also, ist Ihnen dieser Fall bekannt mit diesem SS-Mann, der dort verscharrt werden sollte, ohne daß sich ein Mensch um ihn kümmern

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Nein, Herr Rechtsanwalt, der ist mir völlig unbekannt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ist Ihnen völlig

 

Angeklagter Mulka [unterbricht]:

Völlig. Ich habe nie davon gehört. Ich höre ihn heute zum ersten Mal. Und der Ausdruck, der dabei gefallen ist, der lag auch nicht in der Art, [wie ich mich nach außen gebe]. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Es dreht sich hier zunächst nicht um den Ausdruck, sondern es dreht sich darum, daß ein Mann in der Fahrbereitschaft, ein junger SS-Mann, weil er die Atmosphäre dort nicht mehr aushalten konnte, sich selbst umgebracht hat. Ist Ihnen ein solcher Fall bekannt?

 

Angeklagter Mulka:

Nein, der ist mir nicht bekannt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, hat sich dieser Fall wirklich abgespielt in der Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke, ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Jawohl.

 

Verteidiger Müller:

Die Verteidigung hat einen Antrag zu stellen. Ich meine, der Zeuge hat zugegeben, wenn ich richtig verstanden habe, daß er beauftragt war, 60 oder mehrere Häftlinge auf einem Propangaslastwagen zur Vergasung zu fahren, daß das nur nicht zur Durchführung kam. Die Häftlinge waren schon auf dem Lastwagen. Die Fahrt kam nicht zur Durchführung

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Nein, nein, nein, [+ Sie können] mir nichts Falsches vormachen wollen jetzt.

 

Verteidiger Müller:

Falsches mache ich Ihnen nicht vor.

 

Zeuge Helmut Pomreinke [unterbricht]:

Ich stand noch auf der Fahrbereitschaft, da hat es geheißen: »Holt den Lastwagen raus.«

 

Verteidiger Müller:

Und der Wagen war dann kaputt. Es war also nicht so, daß Häftlinge schon auf dem Wagen waren.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Nein.

 

Verteidiger Müller:

Aha, danke schön.

 

Zeuge Helmut Pomreinke:

Sie waren noch nicht einmal aus dem Hof draußen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 05.08.1963 in Öhringen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 85, Bl. 16.367.

2. Vgl. richterliche Vernehmung vom 05.08.1963 in Öhringen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 85, Bl. 16.367.

3. Ermittlungsverfahren 4 Js 444/59.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 05.08.1963 in Öhringen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 85, Bl. 16.367.

5. Vgl. richterliche Vernehmung vom 05.08.1963 in Öhringen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 85, Bl. 16.368.

6. Vgl. richterliche Vernehmung vom 05.08.1963 in Öhringen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 85, Bl. 16.365.

7. Vgl. Standort- und Kommandanturbefehle, S. 408.

8. Vgl. Standort- und Kommandanturbefehle, S. 461.

9. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 13.08.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 101, Bl. 591.

 

 
 
 
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