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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

89. Verhandlungstag, 14.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Christian Pfauth

 

Zeuge Christian Pfauth:

Habe ich nichts dagegen.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts dagegen.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Pfauth, um Ihren Lebenslauf kurz zu rekapitulieren: Sie sind 33 oder 34 bei der NSDAP und gleichzeitig auch bei der Allgemeinen SS eingetreten.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei der Allgemeinen SS welchen Dienstgrad erreicht?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Rottenführer.

 

Vorsitzender Richter:

Rottenführer. Und wann wurden Sie zur Waffen-SS eingezogen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

39.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang September.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Kamen nach Berlin-Lichterfelde zur Grundausbildung.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann wurden Sie nach Dachau verlegt.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Da wurde die T-Division aufgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und machten dann

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Den Westfeldzug mit.

 

Vorsitzender Richter:

Den Westfeldzug mit.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wann wurden Sie nach Auschwitz überstellt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also nach dem Westfeldzug kamen wir kurze Zeit nach Südfrankreich hinunter, und dann wurden verschiedene – weshalb und warum, wissen wir heute noch nicht – zum Ersatzbataillon nach Breslau überstellt. Und dann, es kann Anfang 41 gewesen sein, daß wir nach Auschwitz kamen. Also ich kann es so genau

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Anfang 41.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl, Anfang

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie viele waren Sie da, die dahin gekommen sind?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele sind damals hingekommen? Wie viele?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, da werden wir vielleicht 50 gewesen sein. Es können auch mehr gewesen sein, das weiß ich nicht mehr so genau.

 

Vorsitzender Richter:

Also 50 bis 100?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie dort eingeteilt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

In der Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

In der Fahrbereitschaft.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wurden Sie nicht erst zur Wacheinheit zugeteilt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein. Ich habe wohl eine Nacht dort geschlafen, weil ich wußte ja nicht wohin. Es hat ja keiner von uns überhaupt gewußt, was das bedeuten soll.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ihre Kameraden, die mit Ihnen gekommen sind, kamen aber zur Wacheinheit?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die kamen dorthin, Sie aber als Kraftfahrsachverständiger, Sie kamen sofort zur Fahrbereitschaft.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden Sie auch befördert?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Zum Unteroffizier.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Unterscharführer.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie dann noch einmal befördert worden bis zum Ende Krieges?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Wie lang sind Sie in Auschwitz geblieben?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also bis vielleicht Mitte 43. Da bin ich wegen meiner Gehirnverletzung entlassen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie für eine Verletzung?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Angeblich einen Unfall, allerdings ich weiß bis heute nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen nichts davon.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, ich weiß auch nicht, wie ich in ein Lazarett kam. Ich weiß also nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damals auf einem Motorrad gefahren?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatten vermutlich einen Unfall?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also angeblich, vermutlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und infolgedessen eine Erinnerungslosigkeit an diese Zeit. Von wann ab können Sie sich wieder entsinnen an die Vorgänge?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ich weiß selber noch, wo ich weggefahren bin, und mehr weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Mehr wissen Sie nicht.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das war etwa im August 43?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, es kann auch einen Monat später gewesen sein, ich...

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Christian Pfauth:

So genau kann ich es nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie waren also zwei Jahre etwa oder zweieinhalb Jahre

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Ja, ein halbes Jahr war ich im Lazarett, beinahe.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Unfall?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl, nach dem Unfall.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Unfall.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Moment. Und da Sie nun im August 43 weggekommen sind, lag da der Unfall schon Anfang 43? Oder sind Sie erst im August 43 ins Lazarett gekommen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, der Unfall war 42, glaube ich, wenn ich mich besinnen kann. Ich glaube, das war 42 schon.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, 42 schon?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ich glaube, 42, ja. Also ich kann es nicht genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und Sie sind dann aus der Waffen-SS entlassen worden?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann ebenfalls von den Amerikanern ausgeliefert worden nach Polen.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben ein Strafverfahren über sich ergehen lassen. Und sind wie verurteilt worden?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Zu 15 Jahren. Wegen Parteizugehörigkeit, Allgemeiner SS, Waffen-SS und Fahrbereitschaft.1 Und dann habe ich mal einem Lehrling eine Ohrfeige gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Einem Lehrling eine Ohrfeige gegeben?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und das hieß: wegen Mißhandlung eines polnischen Häftlings?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie 15 Jahre bekommen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie bei Ihrer Verhandlung einen Pflichtverteidiger?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, es war wohl ein Pflichtverteidiger, aber was wollte der in einem solchen Staat schon sagen? Er konnte ja nicht gegen den Staat arbeiten. Das war nicht möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er mit Ihnen einmal die Sache besprochen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, grundsätzlich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wann haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Wo ich zum Termin kam.

 

Vorsitzender Richter:

Wo Sie zum Termin kamen.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er da zu Ihnen gesagt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

»Ich bin Ihr Verteidiger.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und hat er noch etwas anderes gesagt, ob er Ihnen helfen wolle oder

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Nein, der hat eigentlich gar nicht viel geäußert.

 

Vorsitzender Richter:

So. Und wurde die Verteidigung in deutscher oder in polnischer Sprache geführt? Die Verhandlung.

 

Zeuge Christian Pfauth:

In polnischer.

 

Vorsitzender Richter:

In polnischer Sprache?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatten Sie auch einen Dolmetscher?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, ein Dolmetscher war hier.

 

Vorsitzender Richter:

Der war da?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie also auch gehört bei der Urteilsverkündung, weshalb Sie verurteilt worden sind?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, wie ich schon sagte, wegen Parteizugehörigkeit, Allgemeiner SS, Waffen-SS

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat das der Dolmetscher ins Deutsche übertragen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Hat der Dolmetscher ins Deutsche übersetzt. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war im Mai 48?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, ich glaube. Ja, ja, im Mai 48 war das.

 

Vorsitzender Richter:

Und im Jahr 56 wurden Sie entlassen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Was haben Sie denn bei der Fahrbereitschaft für ein Amt gehabt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also die Personenwagenabteilung. [...] Die Wagen reparieren. Und da habe ich auch Probefahrten gemacht und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Die Personenwagenabteilung. Waren Sie da Werkstattleiter?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war der Leiter der Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Hauptscharführer Wiegand.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem wurde der vertreten?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Vom Herrn Oberscharführer Heger.

 

Vorsitzender Richter:

Von Heger.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also ich glaube das, ja. Ich meine, der war stellvertretender Fahrdienstleiter.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wer die Leitung hatte von der gesamten Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, das war nur der Hauptscharführer Wiegand, sonst war keiner da. Ich wüßte keinen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob die Kommandantur etwas mit der Fahrbereitschaft zu tun hatte oder der Adjutant?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja. Also soweit man Fahrbefehle brauchte, mußten die ja von der Kommandantur unterschrieben werden.

 

Vorsitzender Richter:

Die Fahrbefehle mußten von der Kommandantur unterschrieben werden?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat die unterschrieben?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja also normal, wie es bei jeder Einheit ist, entweder der Kommandeur oder sein Adjutant. Also das ist bei jeder Einheit so gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch solche Fahrbefehle gesehen, die der Adjutant Mulka unterschrieben hat?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Das will ich nicht behaupten. Bestimmt werden es wenige Fahrer gewesen sein, die überhaupt darauf gesehen haben, wer den Fahrbefehl unterschrieben hat. Und normalerweise hatten die, sagen wir, Dienststellen, die ein Fahrzeug brauchten, die Fahrbefehle selbst dort angefordert. Ja, das war meistens so der Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie, wissen Sie auch, daß Fahrzeuge eingesetzt worden sind zu Fahrten von ankommenden Häftlingen in die Gaskammern?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl, davon weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wissen Sie das? Haben Sie das erzählt bekommen, oder haben Sie die Befehle selbst bekommen, oder wie?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Die Fahrer haben es doch erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Die Fahrer haben es Ihnen erzählt.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie selbst sind nicht hingefahren?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, nicht einmal.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht einmal.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie die Sankas gefahren, oder sind Sankas von Ihnen fortgeschickt worden auf bestimmte Befehle hin?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Früher, bis... Nein, ich habe ja mit der Fahrzeugeinteilung überhaupt nichts zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn eigentlich Ihre Tätigkeit als Werkstattleiter?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ich bin den ganzen Tag im blauen Anzug rumgerannt, um die Fahrzeuge zu reparieren. Das war meine Aufgabe.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und die Sankas haben Sie nicht betreut?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, die waren auch dabei. Doch, die habe ich auch repariert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob diese Sankas auch die Ärzte abgeholt haben, wenn die auf die Rampe fahren mußten?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also ich glaube ja. Aber ich glaube bestimmt, daß die Ärzte mitgegangen [+ sind]. Also ich will es nicht beschwören, aber ich glaube also...

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben es schon.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob bei dieser Gelegenheit auch dieses Giftgas, das sogenannte Zyklon B, in den Gasbüchsen mitgeführt worden ist?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, also ich glaube, die sind bestimmt nicht [+ mitgeführt worden]. Das kann nicht in der Fahrbereitschaft gelagert gewesen sein. Das glaube ich bestimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In der Fahrbereitschaft nicht gelagert.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sonst hätte ich bestimmt einmal was davon gehört. Also das ist unmöglich, das halte ich für ausgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. In Ihrer Nähe oder in der Nähe der Fahrbereitschaft stand ja das sogenannte Alte Krematorium.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie da erlebt, daß da irgendwelche »Aktionen« vorgekommen sind, daß Leute dort erschossen oder vergast worden sind?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also da habe ich nichts gesehen. Wo ich das erste Mal überhaupt das Ding gesehen habe, wußte ich ja gar nicht, was das ist. Ich habe das noch nicht gesehen gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und haben Sie dann im Laufe der Zeit etwas davon gehört oder gesehen, was da

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Gehört habe ich wohl, aber gesehen – das durfte ich ja gar nicht sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben Sie gehört davon?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also daß dort Leute vergast werden.

 

Vorsitzender Richter:

Daß dort Leute vergast worden sind?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, in welchem Jahr das ungefähr war?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Das ist wahnsinnig schwer zu sagen. Ob das 42 war? Also das kann ich wirklich nicht mehr genau sagen, wann das war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie den Adjutanten Mulka gekannt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ich habe ihn gekannt. Ob ich ihn aber heute noch kennen würde, weiß ich nicht. Das ist über 20 Jahre zurück. Ich habe ihn bestimmt [+ gekannt]. Er hat einen Pkw gehabt, und da habe ich ihn auch gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn gekannt, und er hat selbst einen Pkw gehabt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Kam er da auch ab und zu in Ihre Werkstatt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Bestimmt, wenn er Kleinigkeiten hatte, oder zum Tanken kam er auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Glauben Sie, daß es der Vertreter des Kommandanten war?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Der Adjutant war er bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Ja, Adjutant war er.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War er in seiner Eigenschaft auch Vertreter des Kommandanten?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja das will ich nicht sagen. Aber normalerweise sagt man, der Stellvertreter vom Kommandanten ist der Adjutant.

 

Vorsitzender Richter:

Adjutant.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, durften Sie ohne Fahrbefehl überhaupt irgendwelche Fahrzeuge fahren?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also normalerweise ging es ja nicht. Aber wenn ich eine Probefahrt gemacht hätte – was denken Sie, wenn ich da jedesmal auf die Kommandantur rauf wäre und auf den Fahrbefehl gewartet hätte. Na, da hätte ich [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, also das waren Probefahrten, aber sonst, wenn irgendwelche Fahrten

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Jawohl. Wenn ich Ersatzteile geholt habe, wir hatten im HKB Ersatzteile, da mußte ich einen Fahrbefehl haben.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn Sie innerhalb der Postenkette geblieben sind, der Großen Postenkette, mußten Sie da auch einen Fahrbefehl haben?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Da habe ich eigentlich leider nie ein Fahrzeug probiert, weil da konnte ich ja gar kein Auto probieren. Ich mußte raus auf die Straße, daß ich habe fahren können mit dem Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ein bißchen langsamer sprechen, wir hören das schlecht. Also innerhalb der Großen Postenkette war was?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Da konnte ich ja gar kein Fahrzeug ausprobieren.

 

Vorsitzender Richter:

Da konnten Sie kein Fahrzeug ausprobieren?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein. Da mußte ich schon raus auf die freie Straße.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Nun, wissen Sie denn, wie es bei Fahrten innerhalb der Großen Postenkette gewesen ist?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie es war bei Fahrten innerhalb der Großen Postenkette?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, das kann ich leider nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Wissen Sie etwas davon, ob Wagen abgestellt worden sind zur Fahrt von Häftlingen von der Rampe nach den Gaskammern?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also es sind bestimmt welche abgestellt worden. Habe ich ja gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gehört?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sicher

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von den Fahrern?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, von den Fahrern.

 

Vorsitzender Richter:

Und mußten für diese Fahrten auch schriftliche Fahrbefehle vorliegen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Also da kann ich nicht garantieren dafür.

 

Vorsitzender Richter:

Wie ging es denn nun, wenn ein Transport eintraf, wer wurde denn da bei der Fahrbereitschaft benachrichtigt und von wem?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Der Chef sowie der Hauptscharführer Wiegand.

 

Vorsitzender Richter:

Der Hauptscharführer Wiegand.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem wurde der benachrichtigt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja das kann ich leider nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das können Sie nicht sagen.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Wiegand mußte dann dafür sorgen, daß die Fahrzeuge auf die Rampe kamen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und eventuell der Heger, wenn der Wiegand nicht da war?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, dann war es der Stellvertreter. Dann wird es wohl der gemacht haben.

 

Vorsitzender Richter:

Obwohl die Lkws ja nicht bei Ihnen bei der Fahrbereitschaft standen, sondern in der Praga-Halle?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber trotzdem bekam der Wiegand Bescheid gesagt, und der hat dann das übrige veranlaßt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, so ist auch wohl normal.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Er hat ja dann Aushilfen [unverständlich] gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie den Angeklagten Boger gekannt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Wieso, persönlich?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, er hat ein Motorrad gehabt, und da kam er eben, das Motorrad zu reparieren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, was er dort für ein Amt hatte?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Das habe ich gehört, daß er bei der Politischen Abteilung war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Haben Sie auch gehört, wie er sich dabei geführt haben soll?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Solange ich dort war, habe ich weniger gehört, aber später habe ich gehört. Als ich dort war, habe ich eigentlich weniger davon gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager haben Sie wenig von ihm gehört?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Wenig von ihm gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wieso haben Sie später was gehört von

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Das habe ich in der Gefangenschaft erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

In der Gefangenschaft?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Polen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem haben Sie das erfahren, von Häftlingen oder von SS-Leuten?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja wissen Sie, das kann man nicht sagen. Da ist man nicht schlau daraus geworden, da ist man mit soviel Menschen zusammengekommen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie sind mit so vielen Menschen zusammengekommen.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, da konnte man das also nicht unterscheiden, das war schwer.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie damals gehört?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Da habe ich halt den Namen Boger schon mal gehört. Aber wie oder was, das weiß ich bis heute eigentlich nicht, was das eigentlich war.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie was davon gehört, daß er bei Vernehmungen sehr grausam gewesen sein soll?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, das habe ich in der Gefangenschaft auch gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie in der Gefangenschaft gehört. Ich habe keine Frage mehr an den Zeugen. Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sagten, daß der Herr Wiegand benachrichtigt worden sei, wenn Transporte angekommen sind. Waren Sie da einmal dabei, als das geschehen ist?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein. Aber er hat da, sagen wir, einen Telefonisten gehabt. Und er war da, sagen wir, nicht immer in seinem Büro. Dann ist der Telefonist umhergerannt und hat ihn gesucht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und hat ihn gesucht.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sicher, da hat man es doch gehört.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und wußten Sie, daß das im Zusammenhang mit einer Transportankunft war?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Bestimmt war das so.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bestimmt war das so. Kann es auch so gewesen sein, oder wissen Sie etwas davon, ob derjenige, der in der Praga-Halle zuständig war, benachrichtigt worden ist?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Das kann ich leider nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das können Sie nicht sagen.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Jedenfalls die Wagen, das sagten Sie schon, die auf die Rampe fuhren, die waren in der Praga-Halle.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Die waren dort. Die Lkws waren alle also in der Praga-Halle untergebracht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, danke schön.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Herr Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Pfauth, Sie sagten vorhin auf die Frage des Herrn Vorsitzenden: »Der Adjutant Mulka hatte bestimmt einen Wagen.«

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Was meinen Sie damit? Erstens einmal: Meinen Sie damit einen Privatwagen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, einen Dienstwagen.

 

Verteidiger Stolting II:

Einen Dienstwagen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

Verteidiger Stolting II:

Was war denn das für ein Dienstwagen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Das war so ein kleiner Simca.

 

Verteidiger Stolting II:

Bitte?

 

Zeuge Christian Pfauth:

So ein kleiner Simca. Das Auto interessiert mich besonders, daher weiß ich das noch.

 

Verteidiger Stolting II:

Ein kleiner Simca.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ein kleiner Simca. Da haben wir damals vielleicht zwölf so Krüppel bekommen, wo man nur Ärger hatte damit.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich habe das letzte nicht verstanden.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Da haben wir damals zehn oder zwölf

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben zwölf Stück bekommen, mit denen sie nur Sorge hatten.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, und war da also ein besonderer Wagen für ihn abgestellt?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, ach wo.

 

Verteidiger Stolting II:

Sie sagen, Sie haben zehn oder zwölf gehabt.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ja, da hat doch jeder von den Offizieren so einen kleinen Pkw gehabt, oder viele.

 

Verteidiger Stolting II:

Jeder von den Offizieren?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nicht alle, aber viele. Da haben wir mal zwölf Stück auf einmal bekommen.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, und von den zwölf auf einmal, war da einer bestimmt nur für den Adjutanten Mulka?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Ob er für ihn bestimmt war, das weiß ich wieder nicht. Aber gefahren ist er mit dem.

 

Verteidiger Stolting II:

Also das wissen Sie nicht, ob er einen bestimmten Wagen

 

Zeuge Christian Pfauth [unterbricht]:

Nein, ob er direkt für ihn bestimmt war, das kann ich nicht [+ sagen]. Aber gefahren ist er mit einem.

 

Verteidiger Stolting II:

Sie sagen, Sie haben ihn mit einem Wagen fahren sehen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Sicher. So ein kleiner Simca war das.

 

Verteidiger Stolting II:

Mit einem kleinen Simca fahren sehen. Das wollen Sie sagen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Das war er bestimmt, ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Können Sie sich auch noch daran erinnern, wo Sie ihn damit haben fahren sehen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Na, habe ihn [+ gesehen], wenn er reinkam und hat etwas machen lassen oder getankt.

 

Verteidiger Stolting II:

Also ich kann keinen Ton verstehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn er reinkam, hat er getankt.

 

Zeuge Christian Pfauth:

Getankt. Oder wenn etwas kaputt war, dann.

 

Vorsitzender Richter:

Oder wenn was kaputt war, hat er es reparieren lassen.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie ihn auch außerhalb dieser Werkstatt gesehen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Danke sehr, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ist er öfter mit dem gleichen Wagen gefahren, oder hat er jeweils einen anderen Wagen bekommen?

 

Zeuge Christian Pfauth:

Nein, ich nehme an, daß er bestimmt immer denselben schon gehabt hat. Ist anzunehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Keine Frage mehr von seiten der Angeklagten, keine Erklärungen mehr abzugeben? Dann nehmen Sie bitte einstweilen hinten Platz. Ich rufe Sie dann nachher wieder vor.2

 

Zeuge Christian Pfauth:

Jawohl.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. Aleksander Lasik: Die Verfolgung, Verurteilung und Bestrafung der Mitglieder der SS-Truppe des KL Auschwitz. Verfahren, Fragen zu Schuld und Verantwortung, in: Hefte von Auschwitz 21, 2000, S. 280.

2. Der Zeuge Pfauth wurde vereidigt. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 14.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 694.

 

 
 
 
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