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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

31. Verhandlungstag, 26.3.1964

 

Vernehmung des Zeugen Walter Petzold

 

Vorsitzender Richter:

[unverständlich] Herr Petzold, darf ich zunächst um Ihre Personalien bitten. Sie heißen mit Vornamen Walter?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich bin 59 Jahre alt.

 

Vorsitzender Richter:

59 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich bin Bundesbeamter.

 

Vorsitzender Richter:

Bundesbeamter. Sie wohnen wo?

 

Zeuge Walter Petzold:

In Berlin 42. Totilastraße 18a.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie verwandt oder verschwägert mit einem der Angeklagten?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Herr Petzold, würden Sie uns zunächst einmal ganz kurz schildern, wieso Sie überhaupt nach Auschwitz gekommen sind? Es handelte sich damals, wenn ich nicht irre, um eine Schrift, die Sie herausgegeben haben, und zwar über den Reichstagsbrand, nicht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Ich bin am 11. März 1933 verhaftet worden und bin am 5. Mai 1945 durch amerikanische Truppen in Mauthausen befreit worden. Ich bin zuvor zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, bin anschließend nach Sachsenhausen gekommen, war vier Jahre in Sachsenhausen, im Anschluß bis zum 30. Januar 1941 in Neuengamme und bin am 30. Januar 1941 nach Auschwitz gekommen. Und ich bin am 16. Januar 1945 nach Mauthausen gekommen, bis zum 5. Mai 1945. [...] Also mithin 146 Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wollen Sie uns einmal sagen, wo Sie dort hingekommen sind und was Sie

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Zunächst habe ich in Auschwitz auf der Kammer gearbeitet, bin anschließend am 30. Juli 1942 in die Strafkompanie nach Birkenau gekommen, bin im Anschluß an diesen Strafkompanie-Aufenthalt nach Buna gekommen, bin im Anschluß, ich glaube am 18. August 1943, nach dem Hauptlager in den Bunker gekommen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wie lang?

 

Zeuge Walter Petzold:

Schätzungsweise bis Mitte September.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Im Anschluß daran bin ich Kohlenfahrer geworden, arbeitete im Kohlenkommando, und wiederum im Anschluß wurde ich in dem sogenannten Monopolgebäude als Buchhalter beschäftigt, bin dann später in der SS-Standortverwaltung beschäftigt gewesen bis zum 3. Juli 1944, und bin dann wieder in den Bunker gekommen, und im Anschluß an diesen Bunkeraufenthalt sollte ich am 20. Juli 1944, also an dem Tage des Anschlags auf Hitler, entlassen werden.

Ich bin dann zur Kammer gegangen, um mir frische Wäsche zu holen, und in diesem Moment kam das Gerücht, daß ein Attentat auf Hitler versucht worden ist und so weiter. Als ich die Kammer verlassen wollte, mit einem Hemd und einer Unterhose unterm Arm, fuhr der Wachtmeister aus dem Bunker mit dem Fahrrad durch das Lager und schrie, daß er mich schon lange suchen würde. Ich müßte wieder in den Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Das war am 20. Juli?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das war am 20. Juli 1944. Ich bin dann wieder in den Bunker gekommen, meine Kameraden, die noch in der Zelle verblieben waren, haben natürlich mich angestaunt wie einen Geist, als ich wieder zurückkam. Ich bin dann im Bunker geblieben bis – das kann ich jetzt nicht ganz genau sagen – Anfang September und bin im Anschluß daran aus dem Bunker sofort auf einen Lastwagen verladen und nach Sosnowitz verbracht worden.

In Sosnowitz war ich bis zum 16. Januar 1945 und bin dann auf dem Fußmarsch bei 28 Grad Kälte bis nach Troppau gebracht worden mit den übrigen Lagerinsassen, und von da wurden wir verladen und nach Mauthausen verbracht. Wenn ich nicht irre, sind wir dort am 2. Februar 1945 angekommen. Ich erinnere mich dessen so genau, weil einen Tag zuvor oder zwei Tage zuvor ein großer Ausbruchsversuch in Mauthausen stattgefunden hat. Also dort war ich dann bis zum 5. Mai 1945, als die Amerikaner kamen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Sie waren also zweimal in dem Bunker in Auschwitz.

 

Zeuge Walter Petzold:

In Auschwitz? Ach, ich war wohl mehrmals im Bunker, ganz genau kann ich das nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber diese beiden Male haben Sie uns eben geschildert, nicht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Diese beiden Male war es bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nämlich einmal am 18.8.43 bis Mitte September und einmal vom 20.7.44 bis Anfang September.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, vom 3. Juli. Ich war ursprünglich am 3. Juli eingesperrt worden, sollte am 20. herauskommen und bin am gleichen Tag wieder in den Bunker gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Erneut wieder reingekommen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl, ist klar. Nun, sagen Sie uns bitte, haben Sie eine Ahnung, wie damals der Bunkerverwalter und der Arrestaufseher hieß?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, das kann ich nicht sagen, wie er hieß. Ich kenne ihn aber, wenn ich ihn sehe.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie ihn sehen, würden Sie ihn kennen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann hätte ich eine weitere Frage: Wer hat Sie in den Bunker gebracht, und warum sind Sie in den Bunker gekommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich bin am 3. Juli in den Bunker gekommen, weil ich einen Brief an eine polnische Studentin geschrieben habe. Dieser Brief ist erwischt worden, und ich bin aufgrund dessen in den Bunker gekommen. Und in den Bunker hat mich der damalige, was weiß ich, zweite oder dritte Lagerführer gebracht, der mich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie hieß er?

 

Zeuge Walter Petzold:

Hössler. [...] Das war zu einem Zeitpunkt, als 30.000 Häftlinge zum Appell angetreten waren. Da wurde ich durchgeführt nach dem Bunker, also daß mich jeder gesehen haben muß, damals. Und wenn jemand in den Bunker gekommen ist, dann kursierten ja natürlich eine ganze Reihe von Gerüchten, also die Aussicht war ja auch sehr gering, aus dem Auschwitzer Bunker wieder rauszukommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie von der Politischen Abteilung damals vernommen worden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem? [...]

 

Zeuge Walter Petzold:

Wosnitza.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie dabei auch mißhandelt worden? [...]

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie auch auf der sogenannten Schaukel gewesen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Auf der »Schaukel« war ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie nicht. Hat er Sie mit Stöcken oder mit Ochsenziemern und so was geschlagen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, der hat da ein paar jüngere SS-Leute gehabt, die mich durchgeprügelt haben. Im übrigen bin ich von Buna schon gekommen vollkommen kaputtgeschlagen. Also daß mich meine nächsten Kameraden nicht erkannt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie in Buna so geschlagen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Also dort waren erst einmal drei Gestapo-Leute vom Buna-Werk, dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie, wie die hießen? [...]

 

Zeuge Walter Petzold:

Das weiß ich nicht, das weiß ich nicht. Das waren Zivilisten, die mich vom Werk ab verhaftet hatten und mit dem Motorrad und Beiwagen ins Lager fuhren, also nach Buna.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Monowitz?

 

Zeuge Walter Petzold:

Monowitz, ja. Und dann haben mich verprügelt ein Ober- oder Hauptscharführer Taute und ein Unterscharführer Hoffmann. Dann war noch ein Hauptscharführer der Politischen Abteilung mit einem polnischen Namen – ich komme jetzt im Moment nicht darauf – und dann, wie gesagt, diese drei und dann der Lagerführer Schöttl, der mich erschießen wollte in der Vernehmungsbaracke in Buna.

 

Vorsitzender Richter:

Stand denn in diesem Brief irgend etwas von politischer Bedeutung drin?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, in Buna hatte ich wieder eine andere Anklage. Der Brief, also der geht auf den 3. Juli 1944 zurück. Diese erste Schilderung war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und das andere war vom 18.8.43.

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das war in Buna?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war da der Anlaß?

 

Zeuge Walter Petzold:

Da bin ich angeklagt worden, Verbindung mit polnischen und holländischen Offizieren und Verbindung mit einer ausländischen Nachrichtenzentrale gehabt zu haben. Da war die Anklage schon ein Todesurteil.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie auch von dem Angeklagten Boger vernommen worden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie überhaupt etwas von den Vernehmungsmethoden oder von den Taten des Angeklagten Boger?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich weiß insoweit etwas, als einer meiner Kameraden von Boger vernommen worden ist, und zwar der Kamerad Windmüller, der in meinem Kommando in Buna arbeitete, der zum gleichen Zeitpunkt im Bunker war und den ich im Anschluß mit Hilfe des Gefängniskalfaktors nach der Vernehmung noch sehen konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Es mag charakteristisch sein, ich habe versucht, ihm etwas in seine Zelle hineinzugeben, und zwar nichts zu essen, sondern den Goetheschen »Faust«. [...] Und ich habe den Windmüller gesehen, als er in der Ecke lag in der Zelle auf einem Häufchen Stroh. Und als er mich hörte, stand er auf, ließ die Hose herunterfallen und sagte zu mir: »So sehe ich aus.« Er drehte sich dabei noch einmal um, und er hat mir gegenüber zwei Worte gesagt, und zwar folgende: »Kein Wort.« Windmüller hatte einen Hoden, der war so lang, bis ans Knie. Sein Hinterteil war eine breiige Masse, so kann man das sagen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] War der Windmüller noch in dem Bunker, wie Sie herausgekommen sind?

 

Zeuge Walter Petzold:

[Pause] Ich glaube ja. Er ist wohl, glaube ich, ein oder zwei Tage später gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

Gestorben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Oder erschossen worden. Ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe von dem Bunkerkalfaktor dann später nur eben die Nachricht bekommen – weil ich mich darum gekümmert habe –, daß er tot sei.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war der Bunkerkalfaktor?

 

Zeuge Walter Petzold:

Wir nannten ihn nur »der dicke Jakob«.

 

Vorsitzender Richter:

Jakob, ja. Ja, wieso sind Sie in die Zelle von dem Windmüller hineingekommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Wenn der Bunkerkalfaktor die Zellen aufschloß zur Essenausgabe, dann schloß er gleich immer mehrere Zellen auf. Und ich bin bei dieser Gelegenheit herausgeschlüpft und bin schnell zwei Zellen weiter gelaufen und habe die Windmüllersche Zelle, die offenstand, gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wußten Sie, daß der Windmüller in dieser Zelle saß?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wußten Sie das?

 

Zeuge Walter Petzold:

Weil ich den beobachtet habe, als er zur Vernehmung ging. Ich hatte ein ganz winziges Loch in der Zellentür, und wenn ich da herausgesehen habe, konnte ich immer beobachten, wer zur Vernehmung geht und wann er wiederkommt.

 

Vorsitzender Richter:

Und er lag auf einem Häufchen Stroh in der Ecke, hat die Hose herunterfallen lassen und hat gesagt: »So sehe ich aus.«[...] Sie sagen also, er war ganz elend und hat gesagt: »Kein Wort.«

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das sollte heißen, er hat nichts zugegeben.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja. Nun, die Tatsache, daß Windmüller in meinem Kommando gearbeitet hatte, ließ darauf schließen, daß er auch in meiner Angelegenheit gefragt wird. Und dabei hat er mir versichert, daß er kein Wort gesagt hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ob er vernommen worden ist, das kann ich nicht sagen, in meiner Sache. Aber gewöhnlich war es so, daß der Häftling, der zur Politischen Abteilung zur Vernehmung kam, auch über seine nächste Umgebung vernommen wurde. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Also das wird wohl dieselbe Sache sein, in der auch der Zeuge Posener vernommen worden ist damals?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Zum Zeitpunkt, als ich in den Bunker eingeliefert wurde, schätzungsweise zwölf oder 14 Tage später kamen Windmüller und, ich glaube, noch zwei auch in den Bunker; alle aus dem Kommando, in dem ich gearbeitet hatte. Jetzt lag natürlich die Befürchtung nahe, daß sie in meinem Zusammenhang irgendwie verhaftet worden waren.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist das, was Sie von Windmüller und von dem Angeklagten Boger wissen. Was wissen Sie von dem Angeklagten Breitwieser?

 

Zeuge Walter Petzold:

Breitwieser – hier geht es um die erste damals in Auschwitz durchgeführte Vergasung. Breitwieser ist früher Kammerchef gewesen auf der Häftlingsbekleidungskammer, wurde dann, als die Entwesung im Hauptlager durchgeführt wurde, zum Entweser, oder – wie soll ich sagen – er war derjenige SS-Mann, der zuerst mit dem Giftgas vertraut gemacht wurde, und zwar, wenn ich nicht irre, durch die Zivilangestellten der Firma Tesch und Stabenow, die diese erste Entwesung einmal durchgeführt haben im Hauptlager.1

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und zwar wurde dieses Entwesungsgift, also dieses Gasgift, zunächst bezogen für Entwesungen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Für Entwesungen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wissen, wie das hieß und was das war?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeuge Walter Petzold:

Zyklon B.

 

Vorsitzender Richter:

Zyklon B. Von Tesch und Stabenow.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sagen, der Breitwieser ist in der Behandlung dieses Giftgases ausgebildet worden.

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie aus eigener Wissenschaft.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er Ihnen das erzählt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, er wurde ja abgelöst dann von der Kammer und sollte wohl dann das Entwesungskommando übernehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Nun, was wissen Sie von dieser ersten Vergasungsaktion?

 

Zeuge Walter Petzold:

Also während der ersten Vergasungsaktion sind tagelang vorher Vorbereitungen getroffen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Walter Petzold:

Es kann September/Oktober 41 gewesen sein. Also auf dieses Datum kann ich mich nicht ganz genau festlegen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt, Sommer 41, also Sommer bis Herbst

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja, Sommer begannen die Entwesungen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich erinnere mich deshalb genau an diese Entwesungen, weil alle Blöcke dann verlegt wurden, und ich bin während dieser Zeit, als die Entwesung so ziemlich vorüber war, wegen einer Gelbsucht im Revier gelegen und konnte im Revier gar nicht untergebracht werden und mußte dann in einem der Blöcke untergebracht werden, die nur als Notunterkunft für das Revier vorgesehen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war im Sommer und

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Im Sommer 41.

 

Vorsitzender Richter:

Da begannen die Entwesungen, und dann, sagten Sie, im September oder Oktober 1941, da soll sich die erste Vergasung vorbereitet haben.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar was geschah da?

 

Zeuge Walter Petzold:

Da wurden erst einmal umfangreiche Vorbereitungen im Bunker getroffen. Im Anschluß wurde – wenn ich nicht irre, am gleichen Tag, als diese Vergasung stieg – frühmorgens der Krankenbau leergemacht. Das heißt, es wurden eine ganze Reihe von Häftlingen aus dem Krankenbau in den Bunker verlegt, und zwar nur mit Hemd und Unterhose bekleidet. Und wenn ich nicht irre, bekamen sie auch noch ein Handtuch.

Bis dahin kursierten nur Vermutungen im Lager. Abends wurde eine strenge Blocksperre angeordnet, es durfte also von einem ganz bestimmten Zeitpunkt an kein Häftling mehr den Block verlassen. Und abends – den Zeitpunkt kann ich nicht ganz genau angeben, es kann abends um halb zehn gewesen sein – kam ein Trupp von schätzungsweise 850 Kriegsgefangenen, die ebenfalls in den Bunker gebracht wurden. Der Bunker wurde im Anschluß, nachdem die Kriegsgefangenen in den Bunker hineingeprügelt wurden, luftdicht gemacht; das heißt, er war schon zuvor luftdicht gemacht, man hatte aber einige Klappen offengelassen, wo nachher Zyklon B hineingeschüttet wurde. Ich habe das bei meiner staatsanwaltschaftlichen Vernehmung2 schon geschildert, daß ich diese Angelegenheit beobachten konnte aus dem Giebelzimmer in der Bekleidungskammer. Wie gesagt, es war strenge Blocksperre angeordnet, so daß die wenigsten der Häftlinge irgendwie etwas davon sehen konnten. Also hören konnten sie es bestimmt, nachdem dieser Trupp durch das Kasernentor beziehungsweise durch das Lagertor und über den Lagerplatz geprügelt worden war.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja, und die sind durchgeprügelt worden und sind dann in den Bunker auch eingesperrt worden.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie so liebenswürdig und gehen mal vor an die Tafel und zeigen uns mal, wo der Block 11 war, wo die Bekleidungskammer war und von wo aus Sie etwas gesehen haben. [Pause] Das ist die Bekleidungskammer gewesen, und das ist der Bunker gewesen. Wollen Sie noch mal die Bekleidungskammer zeigen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Das da. Nun sehen Sie doch, daß zwischen dieser Bekleidungskammer und dem Bunker noch ein weiterer Block steht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War der damals auch schon da?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das war ja eine Wäscherei. Die stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und dieser Bau hier, der stand wohl, aber er war noch nicht aufgestockt. [...] Vorsitzender Richter:

Und wo hatten Sie

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Hier in diesem Giebel.

 

Vorsitzender Richter:

Im Giebel, und zwar oben? Im ersten Obergeschoß

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein, noch eine Etage über dem ersten Stock.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ah, im Dachgeschoß.

 

Zeuge Walter Petzold:

In dem Giebel. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und konnten Sie da über diesen noch nicht aufgestockten Bau hinwegsehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, aber sehr leicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wohin ging da Ihr Blick?

 

Zeuge Walter Petzold:

Hierher.

 

Vorsitzender Richter:

Dahin.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, hier ist der Eingang vom Bunker gewesen, hier ging eine Treppe hoch, und über dieser Tür war eine Glühbirne.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Wir haben auch wiederholt von diesem Block – nicht nur ich allein – tagsüber von hier aus hier rübersehen können auf diesen Platz. Hier arbeitete eine Zeitlang die Strafkompanie, und dort wurden die Angehörigen der Strafkompanie umgelegt wie die Hasen. Es gab natürlich auch ganze Trupps, hier hinten war eine Postenkette. Also ich will damit nur gesagt haben, daß man sehr leicht hier rüberschauen konnte, wenn man in den ersten Stock ging. Wir haben hier oft beobachtet, daß Angehörige der Strafkompanie in corpore über die Postenkette liefen und sich absichtlich abknallen ließen, weil sie einfach nicht mehr weitermachen konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun kommen Sie bitte wieder hierher zurück. Ja, die Blocknummern waren damals dieselben. Also das war der Block 11, das war der Strafblock, und Ihr Block, in dem Sie saßen, war der

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

27.

 

Vorsitzender Richter:

27, ja. Und nun erzählten Sie, daß es gewesen sein soll im September oder Oktober 41, wo abends diese Kriegsgefangenen durch das Lager getrieben worden sind.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, um wieviel Uhr war es ungefähr, um welche Stunde?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich sagte schon erst, schätzungsweise gegen halb zehn.

 

Vorsitzender Richter:

Nun war es ja um diese Zeit gegen halb zehn schon dunkel.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja. Ich hatte das Gefühl, daß man die Dunkelheit abgewartet hat. Denn es handelte sich hierbei erstmals um Versuche praktisch an Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Frage: War denn die Lagerstraße beleuchtet, wo die Leute durchgetrieben wurden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, die war beleuchtet. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Waren damals keine Fliegerschutzmaßnahmen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Es waren insofern Schutzmaßnahmen, als eine außerordentliche Lagersperre angeordnet war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, diese Lagersperre war ja wohl angeordnet worden, damit die Insassen des Lagers nichts gewußt haben und nichts gesehen haben von den Vorkommnissen dort.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ich frage jetzt, ob nicht damals Verdunkelung angeordnet war, mit Rücksicht auf die Luftgefahr?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich habe den Kriegsbeginn im Osten erlebt in Auschwitz. Ich kann mich nicht ganz genau festlegen, ich glaube aber, während der ersten Wochen war absolute Verdunkelung. Diese Verdunkelung wurde aber sofort aufgehoben, als die Front im stürmischen Vormarsch in Rußland begriffen war. Während wir in Hamburg eine totale Verdunkelung hatten wegen der Luftangriffe. In Hamburg sind wir später dann nach Auschwitz transportiert worden, und ich erinnere mich ganz deutlich, daß der Bahnhof in Gleiwitz taghell erleuchtet war. Das kam uns vor

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie im Märchen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Wir waren so was gar nicht mehr gewöhnt. Und aus diesem Grunde war natürlich Auschwitz auch erleuchtet. [...] Aber ich darf noch sagen, es kann gewesen sein, daß man an diesem Tag die Beleuchtung etwas abgedämmt hatte, zumindest im Lager. Ich glaube, es durfte in den Lagerunterkünften auch kein Licht gebrannt werden. Aber das kann ich nicht mit Bestimmtheit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber die Beleuchtung war hell genug, daß Sie sehen konnten, daß da diese Russen dahergetrieben worden sind, das konnten Sie mit Bestimmtheit sehen?

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja, ja, ja. Das konnte ich mit Bestimmtheit sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie konnten auch sehen, daß sie über die Treppe von dem Block 11 hinaufgebracht wurden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Denn da war, wie Sie uns eben sagten, eine Glühbirne angebracht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl. Über der Treppe war eine Glühbirne, die wurde auch nicht ausgeschaltet. [...] Und es war der Block 11 ja auch beleuchtet. Denn es ist ja völlig unmöglich, daß man eine derartige Menschenmasse plötzlich in diesen Bunker hineintreibt, der gar nicht beleuchtet ist. Da hätte es das größte Tohuwabohu gegeben. Und wenn ich nicht irre, blieb sogar diese Außenbeleuchtung brennen bis drei Tage nach dieser Vergasung. Denn

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Konnte keiner an den Schalter, um sie auszuschalten.

 

Zeuge Walter Petzold:

Weil keiner herankonnte in den Block 11 hinein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun wurden also diese Unglücklichen dahin transportiert oder hingejagt. Und was geschah denn dann mit ihnen? Oder was haben Sie dann beobachtet?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, es wurden bis zum letzten Mann alle hineingetrieben, und nachher wurde dieses Gas hineingeschüttet, verklebt, und dann ging alles nach Hause. Dann war der Fall ausgestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Nun geht das ein bißchen schnell, wie Sie das schildern. Wir hätten das gern ein bißchen im einzelnen gehört. Also zunächst: Wer hat Gas hineingeschüttet, wo hat er Gas hineingeschüttet und wann?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe nur zwei Leute gesehen, die sich mit dem Gas beschäftigt haben und die dieses Gas hineingeschüttet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nämlich wen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Der eine davon war Breitwieser.

 

Vorsitzender Richter:

Das war Ihr Chef, gewissermaßen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl, der frühere.

 

Vorsitzender Richter:

Der frühere Chef von der Bekleidungskammer.

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war inzwischen Chef der Bekleidungskammer geworden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Sein Kollege, Augenblick, [Pause] Reichenbacher. [...] Ein junger Mann, Unterscharführer, glaube ich, aus Wiener Neustadt. Also ein österreichischer SS-Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Also jedenfalls Ihr früherer Chef Breitwieser, der war bestimmt da in diesem Hof?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den im Hof gesehen oder wo?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und woraus schließen Sie, daß er mit Gas umgegangen ist?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nicht nur, daß er der erste SS-Mann gewesen ist, der durch diese Firma ausgebildet wurde, also das heißt im Umgang mit diesem Gas.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Und ich habe später dann auch mich mit meinen Kameraden darüber unterhalten, und wir haben gemeinsam eine merkwürdige Veränderung nach diesem Tag an Breitwieser beobachten können. Ich hatte das Gefühl, daß er furchtbar mitgenommen davon war.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er also seelisch bedrückt war.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie auch positive Beobachtungen gemacht? Also zum Beispiel, daß er mit einer Gasmaske umgeben war oder daß er Gasbüchsen in der Hand gehabt hat oder so etwas?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, er hatte die Gasmaske erst umgehängt.

 

Vorsitzender Richter:

Wann?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bevor diese Prozedur begann, bevor

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, haben Sie denn schon dorthin geschaut, bevor die Russen überhaupt da hineingetrieben worden sind?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich hatte mir – um das Geschehen beobachten zu können – einen Platz gesucht, um die ganze Angelegenheit beobachten zu können.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun interessiert mich nur folgendes: Im allgemeinen pflegt man doch etwas erst zu beobachten, wenn man weiß, daß da sich jetzt etwas abspielt. Wußten Sie denn schon, vordem die Russen dorthin getrieben worden sind

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja, aber natürlich. Ich habe ja das schon geschildert, daß Tage zuvor schon Aufregung im Lager war, die sich bis zur Siedehitze steigerte, als die Häftlinge aus dem Krankenbau in den Bunker gebracht wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Und merkwürdigerweise handelte es sich dort um Häftlinge, deren Rückkehr unerwünscht war. Also es wurden, wenn ich nicht irre, auch gesunde Häftlinge...

 

Vorsitzender Richter:

Da reingesperrt.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, das mag gewesen sein. Das ist aber doch schon Tage vorher gewesen. Wieso wußten Sie an diesem Abend, daß sich nun etwas ereignen würde und daß

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Dadurch, daß eine vollkommene Blocksperre angeordnet war. Also niemand durfte [...] die Unterkunft verlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Unterkunft verlassen und so weiter. Und das hat Sie dazu veranlaßt, oben am Giebelfenster herauszusehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie dann immer den Hof von Block 11 im Auge gehabt, oder haben Sie auch mal woanders hingesehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe auch die Lagerstraße entlang gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch die Lagerstraße.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie haben Sie da Ihren früheren Chef Breitwieser gesehen und beobachtet?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich konnte ihn deshalb beobachten, weil ich ja freie Sicht hatte. Und nachdem alles hineingetrieben war, war der Hof ja beinahe leer. Es standen nur die Funktionäre auf diesem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wie weit war das ungefähr entfernt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, wie weit kann das gewesen sein? Schätzungsweise 60 Meter.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lang war denn so ein Block?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das kann ich nicht ganz genau sagen. Schätzungsweise 40 Meter.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also Sie meinen, etwa 60 Meter wäre das entfernt gewesen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun muß man ja immer bedenken, es war dunkel an dem Abend, nicht? Die Lagerstraße war beleuchtet, über dem Eingang zu dem Block 11 brannte eine elektrische Birne.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War es so hell erleuchtet, daß Sie ganz zweifelsfrei den Breitwieser gesehen haben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Also nicht nur, daß man im täglichen Umgang mit der betreffenden Person alle seine Bewegungen kannte und natürlich auch die Gestalt, habe ich ihn ganz klar erkannt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn ganz klar erkannt in dem Hof?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also da ist kein Zweifel dran?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Und dann haben Sie jetzt gesagt, er hätte sich eine Gasmaske umgehängt. Wann hat er sich die Gasmaske umgehängt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Na, er kam schon mit umgehängter Gasmaske ins Lager. Und er lief auch ansonsten zumeist, wenn er, was weiß ich, mit Entwesungsarbeiten beschäftigt war, mit einer Gasmaske umgeschnallt herum

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mit einer Gasmaskenbüchse wohl.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, mit der Büchse.

 

Vorsitzender Richter:

Weil er ja bei diesen Entwesungsarbeiten da gearbeitet hat

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Diese Gasmaske benötigte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und er kam also an und hatte auch wieder die Gasmaskenbüchse umgehängt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie nun weiter mit ihm beobachtet? Was hat er dann gemacht da drin in dem Hof?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, im einzelnen kann ich das nicht schildern. Ich weiß nur, daß er sich an den Einwurfluken beschäftigt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Wo waren die Einwurfluken?

 

Zeuge Walter Petzold:

Auf der [Pause] Seite zum Hof hin. Ob auf der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auf der Seite zum Hof.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ob auf der anderen Seite, also in Richtung auf die Mauer auch noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die war Ihnen ja abgewandt. Da konnten Sie ja nicht hingucken

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Das konnte ich nicht sehen. Das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also auf der Seite nach dem Hof, da waren Einwurfluken.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo gingen die denn hin, in den Keller?

 

Zeuge Walter Petzold:

In den Keller, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie sahen die denn aus?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das waren Kellerfenster. Praktisch Kellerfenster.

 

Vorsitzender Richter:

Kellerfenster? Ja

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja, die mit Blechen versehen waren, mit durchlöcherten Blechen, wie Zinkblech, nicht. Und sämtliche Fenster waren mit Pappe verklebt. Man hat nur einige wohl offengelassen, die dann auch verklebt wurden, nachdem das Gas eingeströmt war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und haben Sie das alles von Ihrem Block 27 aus gesehen, oder waren Sie mal dort und haben sich das nachher noch mal angeguckt oder vorher?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich bin nachher auf diesen Hof geholt worden. Und zwar als eine ganze Reihe von Häftlingen beauftragt war, die Toten aus dem Keller zu holen. Und zwar war ich deshalb da, weil

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Weil Sie die Kleider sicherstellen sollten.

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Sie sollten die Kleider sicherstellen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich sollte beurteilen, ob die Kleider noch verwertet werden können. Da die Leichen aber derartig schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durch die Vergasung mazeriert waren, und da war das nicht mehr zu machen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun frage ich Sie: Damals, wie Sie hingekommen sind, da haben Sie das alles beobachtet mit den verklebten Fenstern? Oder war das schon in der Nacht zum

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Das war schon in der Nacht. Und ich habe sie dann später auch noch gesehen. Ich habe mich beim zweiten Mal nur ganz kurz aufgehalten auf dem Hof und bin sofort wieder gegangen, weil ich mich übergeben mußte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wegen des scheußlichen Anblicks und Geruchs.

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Wegen des scheußlichen Gestanks, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie, konnten Sie wirklich in der Nacht auf 60 Meter Entfernung sehen, ob die Fenster verklebt waren? Und ob da Zinkbleche angebracht waren? Und ob das durchlöchertes Zinkblech war? Und all die Einzelheiten aus 60 Meter Entfernung?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich glaube, daß ich zuvor schon am Tage die Arbeiten beobachtet habe, die dort durchgeführt wurden, von der Kammer aus. Denn wir waren ja alle neugierig, was dort geschehen könnte.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was dort vor sich ging.

 

Zeuge Walter Petzold:

Davon hatte natürlich niemand eine Ahnung, daß abends noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Man Vergasungen vornehmen sollte.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, daß abends noch ein Trupp von Russen kommt, das wußte niemand. Wir wußten aber, daß – ich kann es nicht mehr ganz genau sagen, die Zahl – aber wahrscheinlich an die 200 oder kurz über 200 Häftlinge aus dem Lager dort in den Bunker gebracht worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Aus dem Krankenbau.

 

Zeuge Walter Petzold:

Aus dem Krankenbau und auch aus dem Lager geholt.

 

Vorsitzender Richter:

Und aus dem Lager geholt, ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie soll ich mir das vorstellen mit dem durchlöcherten Zinkblech, durch das das Gas geschüttet worden ist?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, diese Frage kann ich heute auch nicht klären. Ich vermute, daß man irgendwelche Manipulationen getroffen hatte, um das Gas dort hineinzumachen, daß man solche Luken geöffnet hatte, die nachher nur zu verkleben waren, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und was haben Sie nun gesehen mit dem Breitwieser, was der gemacht hat?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe gesehen, daß er an diesen Luken hantierte.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er hantierte.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ob er Gas

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

der Breitwieser eine solche Gasmaske aufgesetzt hat? Oder haben

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Also den Zeitpunkt des Aufsetzens habe ich nicht gesehen, ich habe aber gesehen, daß er mit einer

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nicht gesehen. Nun wissen Sie doch selbst, wenn ein Mensch eine Gasmaske aufhat, daß er dann schlecht zu erkennen ist, nicht? Es sei denn, man kennt seine Gestalt und seine Eigenheiten so genau

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Man kennt – natürlich, das sagte ich ja schon – im täglichen Umgang nicht nur die Gestalt, sondern auch die Bewegungen des Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie sind nicht im Zweifel darüber, daß der Breitwieser, obwohl er eine Gasmaske aufhatte, sich da unter diesen Leuten befunden hat und daß er auch hantiert hat mit dieser Gasmaske auf dem Kopf?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist ganz sicher für Sie?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das ist ganz sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Gesehen, haben Sie eben gesagt, daß er das Gas reingeschüttet hat, das haben Sie nicht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es nicht sehen können, daß er dieses Gas hineingeschüttet hat.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können nur sagen, er hat hantiert mit noch anderen zusammen, die sämtlich Gasmasken aufhatten. Und

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich habe nur zwei Leute gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nur zwei Leute?

 

Zeuge Walter Petzold:

Mit Gasmasken.

 

Vorsitzender Richter:

Nur zwei Leute mit Gasmasken.

 

Zeuge Walter Petzold:

Und die damalige SS-Lagerprominenz, die stand in...

 

Vorsitzender Richter:

Geziemender Entfernung.

 

Zeuge Walter Petzold:

In ziemlicher Entfernung, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben also gesehen, daß einer dieser beiden, der die Gasmasken aufhatte, der Breitwieser war?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie ferner gesehen, daß nach wenigen Tagen oder Stunden – ich weiß jetzt nicht, wie lange das gedauert hat – die Leute dort oder die Menschen als Leichen aus dem Keller herausgezerrt worden sind?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Ich darf dazu noch folgendes sagen: Es war Vorschrift, daß die entwesten Räume – also Vorschrift von der Firma Tesch und Stabenow – 72 Stunden unter Gas stehen mußten. Dann mußte eine ganz bestimmte Zeit verstrichen sein, ehe die Räume geöffnet werden können. Wenn ich nicht irre, war der Block 11 drei Tage unter Gas und wurde dann 24 Stunden oder noch länger entlüftet. Und dann wurden erst

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Häftlinge

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Auch die Häftlinge

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Leichen herausgeschafft

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Hineingebracht, mit Gasmasken versehen, die diese Leutchen herausholten, die dann auf den Hof gelegt wurden. Und dort waren zu meiner Zeit, also zu dem Zeitpunkt, als ich dorthin gerufen wurde, um zu begutachten, ob die Kleidungsstücke noch benötigt werden oder benutzt werden können, Zahnärzte am Werkeln, die dort die Goldarbeiten vornahmen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Goldarbeiten herausgeholt haben.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Also, wie gesagt, mein Besuch auf diesem Hof, nachdem die Leute auf dem Hof lagen, dauerte nur ganz kurze Zeit, einfach deshalb, weil ich den pestilenzartigen Gestank nicht ertragen konnte und mich übergeben mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Es würde mich dann noch eins interessieren. Sie haben einmal darüber einen Bericht3 gemacht, nicht, in Mauthausen?

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Also bekannt ist ja, daß wir in Mauthausen von der amerikanischen Armee befreit worden sind und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und da haben Sie Bericht an die amerikanische Armee gemacht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich wurde dazu aufgefordert durch einen amerikanischen Oberst, Seydel hieß er, Seydel mit y. Und ich habe mir damals natürlich gar nichts dabei gedacht, obwohl die Häftlinge mehrfach aufgefordert wurden, Berichte anzufertigen, die über das Geschehen in den Konzentrationslagern berichteten. Wenn ich nicht irre, war dieser Seydel irgendwie ein Geschichtslehrer oder irgend etwas im Zivilberuf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun haben Sie da in diesem Bericht geschrieben: »Die hier aufgezeichneten Ereignisse berichten über den Anfang der Massenvernichtung von Häftlingen in Auschwitz, die später in allen deutschen KZs durchgeführt wurden. Die damalige deutsche Presse, die täglich die Genfer Konvention im Munde führte, hat hierüber nie berichtet. Sie dementierte aber, wenn ausländische Zeitungen nur leise Andeutungen machten, und sprach von ungeheuren Lügen jüdischer Drahtzieher.« 4 Wieso wissen Sie das? Haben Sie da in Auschwitz so viele Zeitungen zur Verfügung gehabt?

 

Zeuge Walter Petzold:

In Auschwitz? Ja, wir waren in der Lage, Zeitungen zu lesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Walter Petzold:

Wir haben früher sogar in Sachsenhausen den Völkischen Beobachter und andere – was weiß ich – gratis geliefert bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie geliefert bekommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Und vor dem Kriege waren die Häftlinge sogar in der Lage, mit dem Geld, das sie geschickt bekamen, Zeitungen zu kaufen.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeuge Walter Petzold:

Denn die damalige NS-Führung, die hatte Interesse daran, die Schutzhäftlinge in ihrem Sinne zu beeinflussen.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl. Nun hätte ich keine Fragen mehr zu stellen.

 

Richter Perseke:

Eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Richter Perseke:

Haben Sie vor der Vergasung ein Gespräch belauscht zwischen zwei SS-Männern?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Einmal war Grabner, der Leiter der Politischen Abteilung – das war, bevor diese Vergasung stattgefunden hat – in der Bekleidungskammer. Grabner dürfte ja bekannt sein. Und einmal bin ich vor in die Verwaltung gekommen. Da traf ich auch Grabner und Breitwieser in einem Zimmer in der SS-Standortverwaltung. Dieses Zimmer war abgetrennt durch eine Glaswand. Im hinteren Zimmer saß der Leiter der Abteilung – Bekleidung, glaube ich, nannte sich das –, ein Oberscharführer Schlupper, der mich wiederholt dorthin bestellte, wenn irgendwelche besonderen Bekleidungsfragen zur Debatte standen. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und was haben Sie da gehört?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nun, gehört habe ich nichts, denn es wurde sehr leise gesprochen, nicht. Ich hatte aber die Vermutung, daß über ganz besondere Aufgaben gesprochen wird.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Walter Petzold:

Denn Grabner war dafür bekannt, für Überraschungen im Lager zu sorgen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Sie haben einmal anders ausgesagt, und zwar hatten Sie einmal gesagt von dieser Unterredung beziehungsweise von diesem Gespräch: »Diese Kenntnis wurde mir zuteil durch ein abgelauschtes Gespräch zwischen meinem damaligen Chef, dem Unterscharführer Breitwieser, der die erste Vergasung vornehmen sollte und auch entsprechend ausgebildet war, und dem Leiter der Politischen Abteilung, SS-Untersturmführer Grabner. Das Gespräch wurde im Nebenzimmer des Arbeitsraumes, in dem ich tätig war, geführt und konnte von mir mitgehört werden, da die Trennwand aus mattiertem Glas bestand. Nach dem Inhalt des Gesprächs sollten abends gegen 21 Uhr rund 1.000 russische Kriegsgefangene eintreffen, die sämtlich im Bunker des Blocks 11 untergebracht und vergast werden sollten. Außerdem ging aus dem Gespräch hervor, daß alle Vorbereitungen für die Vernichtung der unglücklichen Opfer beendet waren und auch die zu verwendenden Gasmengen bereitstanden, die, sofern alle Gefangenen im Bunker untergebracht waren, durch eigens hierfür angebrachte Fensterklappen eingeworfen werden sollten. Nach dem Einwurf sollten dann nur noch die Verbindungstüren luftdicht abgeschlossen werden, um ein Abziehen des Gases zu verhindern.« 5 Das heißt also doch auf Deutsch, daß Sie damals bei Ihrer Vernehmung, und zwar auf Blatt 5.309, eine recht eingehende Schilderung geben konnten. Und heute sagen Sie, ich

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nein, das war nicht die Vernehmung, das war der Bericht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Oder das war der Bericht, na schön. Also jedenfalls in diesem Bericht konnten Sie eine ganz eingehende Schilderung geben, und heute sagen Sie: »Nein, Bestimmtes konnte ich überhaupt nicht hören, denn ich«

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Also erst mal konnte ich gar nicht vermuten, daß abends Kriegsgefangene kommen.

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Zeuge Walter Petzold:

Dieser Bericht mag sich insoweit ergänzen, als tatsächlich abends Kriegsgefangene eintrafen und so weiter. Auf jeden Fall wußte ich, daß irgendwelche Dinge bevorstehen und daß alles geplant und vorbereitet war.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Petzold, was Sie uns heute gesagt haben auf die Frage des Herrn Berichterstatters war doch das: »Ich konnte das Gespräch zwischen Grabner und Breitwieser nicht verstehen, denn es wurde sehr leise gesprochen. Ich habe nur entnommen oder geschlossen, daß es sich um etwas sehr Wichtiges«

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Das im Zusammenhang mit dem Geschehen stehen sollte, das am Abend durchgeführt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie geschlossen oder geglaubt, aber Sie haben gesagt, heute gesagt, Sie konnten nichts verstehen. Damals haben Sie aber doch genau die ganze Sache, die sich nachher abgespielt haben soll, doch schon als vorher gehört geschildert.

 

Zeuge Walter Petzold:

Das mag sein, daß ich in dem Bericht an die Amerikaner einige Dinge vielleicht durcheinander geworfen habe. Es ist heute auch schon wieder mehr als 18 Jahre her, als dieser Bericht entstanden ist. Also ich weiß selbst nicht mehr heute im einzelnen, was ich damals geschrieben habe. Das ist gar nicht möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist nicht mehr möglich. Aber für uns ist es natürlich sehr wichtig, ob wir glauben können, daß Sie vorher schon in allen Einzelheiten und in allen Details unterrichtet waren, denn Sie haben hier geschrieben: »Der strenge Befehl, daß kein Häftling die Unterkunft zu verlassen hatte, steigerte die Neugierde. Niemand im Lager, außer dem Schreiber dieser Zeilen, hatte eine genaue Kenntnis von den Dingen, die da kommen sollten.« 6 Und jetzt kommt das mit dem abgelauschten Gespräch, das ich Ihnen vorhin vorgelesen habe, nicht? Der die erste Vergasung vornehmen sollte und auch entsprechend ausgebildet war, der hatte mit Grabner dieses Gespräch. Und in diesem Gespräch wurde von mir mitgehört, da die Trennwände aus mattiertem Glas waren, daß abends gegen 21 Uhr 1.000 russische Kriegsgefangene eintreffen sollten.7 Heute haben Sie gesagt: »Selbstverständlich konnte ich das nicht wissen, das habe ich auch nicht gewußt.« Also Sie wußten es nicht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich wußte, daß Kriegsgefangene kommen, die Zahl konnte ich nicht wissen. Und ich wußte auch, daß inzwischen tagsüber gegen 200 Häftlinge aus dem Lager in den Bunker gekommen waren. [...] Es kann sein, daß ich Einzelheiten über einen Kriegsgefangenentransport noch mitgekriegt habe, denn es waren ja zuvor schon Kriegsgefangenentransporte gekommen, die aber nicht vergast worden waren.

 

Vorsitzender Richter:

Zu Beginn Ihrer Vernehmung haben Sie gesagt: »Es war bekannt, daß da irgendwas vorbereitet wurde. Es war auch bekannt, daß 200 Menschen aus dem Lager da reingeschafft wurden, aber bekannt war nicht, daß abends Kriegsgefangene kommen sollten. Das konnte niemand wissen.« Haben Sie zu Beginn Ihrer heutigen Vernehmung uns hier gesagt.

 

Zeuge Walter Petzold:

[Pause] Ich habe gesagt, daß 200 Menschen in den Bunker gekommen waren und daß abends gegen neun, halb zehn – also ich schätze diese Zeit, ich kann mich da nicht festlegen – [...] Kriegsgefangene gekommen sind, die in den Bunker gebracht worden waren.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl, und hatten vorher gesagt: »Das mit den Vorbereitungen und mit den 200 Häftlingen, das wußte ich, aber daß abends Kriegsgefangene kommen würden, die dann noch reingetrieben würden, das konnte ich und konnte niemand wissen.« Haben Sie heute morgen hier gesagt.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, natürlich konnte das niemand wissen. Aber ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber hier sagen Sie doch, Sie hätten es gewußt, denn Sie hätten das Gespräch zwischen dem Grabner und dem Breitwieser belauscht. Also das muß anscheinend doch ein Irrtum sein. Jedenfalls heute haben Sie gesagt, Sie hätten dieses Gespräch nicht verstanden.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nicht in Einzelheiten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nicht in Einzelheiten verstanden. Noch eine Frage? [...]

 

Verteidiger Zarnack [unterbricht]:

Herr Landgerichtsdirektor, ich bitte, dem Zeugen nun jetzt doch das Protokoll vorzuhalten, Seite 9.204 von 61.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich nehme an, Sie meinen den zweitletzten Absatz auf dieser Seite?

 

Verteidiger Zarnack:

Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.

 

Vorsitzender Richter:

»Auf das in meinem Bericht Blatt 5.313 geschilderte Gespräch zwischen Breitwieser und Grabner kann ich mich heute nicht mehr erinnern«, haben Sie damals schon gesagt, und zwar am 15.6.618. Ja, schön. Noch eine Frage, bitte schön?

 

Richter Perseke:

Wissen Sie, wie viele Personen da vergast worden sind in dem Bunker 11?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte?

 

Richter Perseke:

Wissen Sie etwas über die Anzahl der vergasten Personen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich schätze – wissen Sie, man hat ein ganz bestimmtes Schätzgefühl, wenn man ständig in einer Masse lebt und wenn man ständig Kommandos abschätzen kann. Und mir war ja bekannt, daß wohl um die 200 schon im Bunker saßen, als die Russen da reinkamen. Und daß es wohl so bei 1.000 Menschen gewesen sein müssen

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Sie haben früher mal genaue Zahlen genannt, und zwar etwas über 1.000.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, etwas über 1.000.

 

Richter Perseke:

Ja, kann das stimmen und

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Es kann sein, es kann auch etwas unter 1.000 gewesen sein.

 

Richter Perseke:

Also um die 1.000 herum?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Richter Perseke:

Haben Sie noch eine Erinnerung, wie viele Zellen in dem Bunker drin waren?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich glaube, bloß 28, wenn ich nicht irre. Ich weiß es nicht mehr ganz genau.

 

Richter Perseke:

28 Zellen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Richter Perseke:

Und haben Sie eine Vorstellung, wie viele Menschen in eine Zelle hineingehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, wenn die Häftlinge darin stehen, gehen eine ganze Menge rein.

 

Richter Perseke:

Sie kennen ja die Größe, Sie waren ja selbst wohl mal drin gewesen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Ich habe beispielsweise mit sieben Personen auf der Erde gelegen, und – wir mußten quer liegen – dann bestand keine Möglichkeit mehr, daß sich einer umdrehen konnte, sondern da wurde auf Kommando umgedreht. Da konnten sich also nur alle sieben umdrehen, nach links oder nach rechts.

 

Richter Perseke:

Im Liegen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Im Liegen, ja.

 

Richter Perseke:

Aber im Stehen gingen natürlich erheblich mehr rein.

 

Zeuge Walter Petzold:

Im Stehen gingen natürlich wesentlich mehr rein. Wie viele Menschen in einen solchen Raum hineingehen – also wenn man natürlich die Vorräume und so weiter, die Korridore in dem Bunker mit in Rechnung stellt, dann gehen schon eine Unmenge Menschen rein. Ich habe beispielsweise festgestellt in einen der Blocks, in deren Keller die Leichen eines ganzen Winters untergebracht waren, daß es unwahrscheinlich war, wie viele Menschen dort drin waren, die dann ausgeladen und in Massengräbern beigesetzt worden waren.

 

Richter Perseke:

Keine Fragen mehr.

 

Richter Hotz:

Herr Petzold, waren Sie in Block 27 untergebracht, oder waren Sie dort nur beschäftigt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich war dort beschäftigt und untergebracht.

 

Richter Hotz:

Und untergebracht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Und zwar deshalb – ich lag zuvor in Block 24 und [...]

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Die Gründe interessieren im Augenblick nicht. Sie waren auch untergebracht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich war auch untergebracht, und zwar deshalb, weil in diesem Block einmal ein Brand ausgebrochen war, und der mußte dann besetzt werden.

 

Richter Hotz:

Bestanden für Sie Schwierigkeiten, oben an die Dachluke zu kommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein.

 

Richter Hotz:

Gar nicht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein. Das war ein Dachfenster auf dem Giebel, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal drin war. Es war noch nicht ausgebaut.

 

Richter Hotz:

Jawohl, danke schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Petzold.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Den Bericht, auf den vorhin schon hingewiesen wurde, den haben Sie in Mauthausen gemacht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Mauthausen, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Unter welchen Bedingungen und in welcher Zeitspanne konnten Sie den Bericht abfassen? Wurden Sie bedrängt oder

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Ich wurde nicht bedrängt, und mir wurden auch keine Vorteile versprochen, denn die Verpflegung war nach unserer Befreiung in Mauthausen gut.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und war Ihnen gesagt worden, wenn der Bericht fertig ist, werden Sie entlassen oder

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ach, keine Spur! Wir waren ja frei zu diesem Zeitpunkt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren frei.

 

Zeuge Walter Petzold:

Wir waren frei, ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren frei? Und konnten Sie da in Ruhe den Bericht noch [unverständlich]

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Oder wurden Sie gestört oder unterbrochen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Na ja. Ich bin seinerzeit in Mauthausen zum Mitglied des deutschen Komitees gewählt worden und hatte natürlich da auch Beschäftigung mit den Lagerinsassen, mit Heimtransporten und Versorgung der Kranken etc.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber solange Sie daran schrieben, waren Sie auch räumlich ungestört? [...]

 

Zeuge Walter Petzold:

Räumlich ungestört. Ich konnte das abends machen auf einige Stunden, oder ich konnte es natürlich auch tagsüber machen, nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Darf ich davon ausgehen, daß das, was diesen Vorfall der Vergasung im Block 11 betrifft, nur ein Teil Ihres Gesamtberichtes war?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie damals sich in Ruhe an die Dinge zurückerinnern können?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich habe mich in Ruhe an diese Dinge zurückerinnern können.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wieviel später wurden Sie zum ersten Mal wieder auf diese Dinge angesprochen? Bei der Vernehmung, bei der Voruntersuchung?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, das mag fünfzehn Jahre später gewesen sein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Rund fünfzehn Jahre später?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren inzwischen wieder in Ihren Beruf zurückgekehrt und waren auch umgezogen nach Berlin?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und hatten sich mit den Dingen noch befaßt oder nicht mehr befaßt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, ich hatte natürlich ein ganz bestimmtes Interesse daran, endlich einmal davon loszukommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also Sie hatten innerlich von den Dingen Abstand genommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe den Versuch gemacht, den ich heute noch mache, von diesen Dingen Abstand zu bekommen. Wie schwierig das ist, das kann ja nur jemand beurteilen, der es selbst erlebt hat.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wenn ich Ihnen nun sage, daß Sie unabhängig von dem Gespräch, das Sie geschildert haben, von dem Sie heute dem Herrn Berichterstatter gesagt haben: »Alles konnte man da nicht hören, vielmehr sprachen die leise«, wenn ich Ihnen nun vorhalte, daß Sie unabhängig davon an einer anderen Stelle des Berichts geschildert haben, es waren insgesamt 1.078 Menschen, nämlich 850 russische Gefangene, 220 Menschen aus dem Krankenbau und acht Lagerinsassen, also zusammen 1.078.9

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wenn Sie [+ sich] nun zurückerinnern an die Zeit, in der Sie den Bericht verfaßten. Können Sie sich vorstellen, daß Sie sich diese Zahlen aus den Fingern gesogen haben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

So daß Sie damals noch eine ganz bestimmte Vorstellung hatten, daß es so viel gewesen sein kann?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Und zwar diese Information, die kann von den Männern stammen, die im Krematorium arbeiteten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dem einen polnischen Arzt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein, da war kein polnischer Arzt. Es bestand damals nur ein Krematorium. Damals bestand nur ein Krematorium

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Das alte.

 

Zeuge Walter Petzold:

Das alte, ja, das ein ehemaliger polnischer Bunker gewesen ist.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Am Rande des Lagereingangs.

 

Zeuge Walter Petzold:

Am Rande des Lagereingangs. Hier bestand ja dann die große Schwierigkeit, diese Leute zu verbrennen, und zwar deshalb, weil man einfach nicht in der Lage war, die Leute zu entkleiden. Später hat man das einfacher gemacht, die Leute wurden nackend ausgezogen und wurden dann in die Gaskammer geführt. Das große Problem bei der ersten Vergasung war das, daß die Verbrennung mit Kleidern stattfinden mußte. Und da hat es ganz große Schwierigkeiten gegeben im Krematorium. Ich gebe der Möglichkeit Raum, daß ich seinerzeit die entsprechenden genauen Zahlen aus dem Krematorium bekommen habe. Ich selbst aber habe in Auschwitz etwas eingeführt: Ich habe auf der Bekleidungskammer eine Kartei angelegt, wo durch ganz bestimmte Kennzeichen festgelegt war, wer ist erschlagen, wer ist erschossen, wer ist erhängt worden und so weiter. Und zwar war das möglich, weil die Sachen immer wieder zur Kammer zurückkommen mußten. Denn jedes Kleidungsstück hatte ja eine Nummer, woran man dann feststellen konnte, was mit dem Betreffenden geschehen war. Und ich hatte aus diesem Grunde natürlich auch eine Menge Bekannte, die vor den gleichen Fragen standen, entweder im Krankenbau oder im Krematorium. Heute kann ich das nicht mehr sagen, es sind 23 Jahre vergangen, wie ich diese Zahlen genau bekommen habe.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie sind ja heute in verantwortlicher Stellung bei der Bundesversicherungsanstalt tätig

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein, bin ich nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nicht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wurde mal gesagt.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber als Beamter sind Sie tätig? [unverständlich]

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja, ich bin aber nicht bei der Bundesversicherungsanstalt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber jedenfalls gewöhnt, exakt zu arbeiten?

 

Zeuge Walter Petzold:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie können uns unter Ihrem Eid versichern, daß Sie, wenn Sie damals im Bericht diese Zahlen aufgenommen haben, Unterlagen hatten, daß man Ihnen Zahlen genannt hatte und daß Sie davon ausgehen durften, daß

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Daß diese Zahlen richtig waren.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Richtig sind.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wenn Sie nun damals geschrieben haben bezüglich des Gesprächs zwischen dem Grabner und dem Breitwieser, daß Sie bestimmte Dinge gehört haben, geben Sie nun Ihrem damals schriftlich niedergelegten Wissen den Vorzug oder Ihrer heutigen Erinnerungslosigkeit?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich gebe meiner staatsanwaltschaftlichen Vernehmung den Vorzug, bei der ich geäußert habe das, was ich heute gesagt habe.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was Sie heute gesagt haben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie glauben Sie denn, daß Sie dann dazu kamen, in dem Bericht mehr zu schreiben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nun, ich habe an sich nicht mehr geschrieben. Ich habe nicht mehr geschrieben. Ich habe auch nicht weniger geschrieben

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ich empfinde das als ein Mehr. Der Herr Vorsitzende hat Ihnen schon vorgelesen, Sie sagten damals: »Diese Kenntnis wurde mir zuteil durch ein abgelauschtes Gespräch zwischen meinem damaligen Chef, dem SS-Unterscharführer Breitwieser, der die erste Vergasung vornehmen sollte und auch entsprechend ausgebildet war, und dem Leiter der Politischen Abteilung, SS-Untersturmführer Grabner.« 10 [unverständlich]

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Das mag damals mehr Kombination gewesen sein, weil ich die mehrfachen Unterredungen zwischen Grabner und Breitwieser erlebt habe. Und nachdem das nun Wirklichkeit geworden war, habe ich das in meinem Bericht ja übrigens auch

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Aber das Erkennen auf dem Hof und das Hantieren?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das ist sicher.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das ist keine Kombination, sondern sicheres Erkennen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das ist ein sicheres Erkennen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Absolut sicheres Erkennen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Absolut.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke, ich habe keine Fragen mehr.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich hätte zunächst eine Frage an den Angeklagten Schlage: Können Sie sich an den Zeugen erinnern aus Ihrer früheren Tätigkeit her?

 

Angeklagter Schlage:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Petzold, kennen Sie diesen Mann?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wer ist das?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das ist der Mann, der im Bunker, wenn ich nicht irre, als Unterscharführer tätig war, auch während meines letzten Bunkeraufenthalts.

 

Staatsanwalt Vogel:

Auch noch während des letzten Bunkeraufenthalts?

 

Zeuge Walter Petzold:

Während des letzten

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Sie waren zweimal im Bunker, ich darf es Ihnen nur mal sagen oder vorhalten: einmal im August bis September 43 und dann Juli bis August 44.

 

Zeuge Walter Petzold:

Also jedenfalls im Juli, August 44 war er dort im Bunker tätig.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist das derselbe, der auch schon im August, September 43 dort war?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. 43 – nein, es kann sein, daß er

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Es kann sein, das wissen Sie heute nicht mehr genau.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber sicher ist, daß Sie ihn als Arrestaufseher während des Bunkeraufenthalts kennengelernt haben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, das ist sicher. Das ist sicher, das ist sicher.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, danke. Herr Schlage, Sie können sich wieder setzen. [Pause] Herr Petzold, bei Ihrer früheren Vernehmung hatten Sie mal erwähnt, daß Sie gelegentlich oder vielleicht sogar öfters auch beobachten konnten, wie der Angeklagte Boger »verschärfte Vernehmungen« durchgeführt hat.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie darüber noch etwas sagen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe das beobachten können von der Standortverwaltung aus, denn diese Vernehmungsbaracke stand schräg gegenüber der Standortverwaltung.

 

Staatsanwalt Vogel:

Eine Holzbaracke?

 

Zeuge Walter Petzold:

Eine Holzbaracke mit nicht normalen Fenstern, sondern ein wenig – ich kann es Ihnen auch zeigen auf der Karte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Beim Krematorium, ja?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte?

 

Staatsanwalt Vogel:

Bei dem Krematorium?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, hinter dem Krematorium.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hinter dem Krematorium.

 

Zeuge Walter Petzold:

Und es ist in einer schrägen Sicht von der Standortverwaltung ja zu sehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und was konnten Sie da insbesondere in Beziehung auf den Angeklagten Boger feststellen oder beobachten?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe gesehen, wie er geprügelt hat, und zwar hemdsärmelig.

 

Staatsanwalt Vogel:

Konnten Sie in die Baracke hineinsehen, durch das Fenster hineinsehen?

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja, ich konnte hineinsehen, ja, konnte hineinsehen von der Standortverwaltung aus.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie Häftlinge gesehen, bevor Sie zu Boger geführt wurden und nachdem Sie wieder aus der Baracke herauskamen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich habe den Windmüller gesehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Bitte?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe den Windmüller gesehen, der zwei Zellen neben mir lag, nicht wahr.

 

Staatsanwalt Vogel:

Den haben Sie im Bunker gesehen?

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich habe das auch, habe das

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Den haben Sie im Bunker in der Zelle gesehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber konnten Sie auch in dieser Baracke feststellen, wie die Häftlinge ausgesehen haben, wenn Sie von der Vernehmung zurückgekommen sind?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das habe ich wiederholt gesehen, wenn Sie nach dem Bunker kamen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wie war der Zustand?

 

Zeuge Walter Petzold:

Grauenerregend! Das waren keine Menschen mehr, sie waren zum Teil nur noch lebende Leichname, völlig zerschlagen. Ich habe es ja am eigenen Körper erfahren. Allerdings nicht auf der »Schaukel«, das möchte ich betonen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind ja auch nicht von Boger vernommen worden.

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind ja auch von Boger nicht vernommen

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein, ich bin von Boger nicht vernommen worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie sind Sie persönlich während Ihres Aufenthaltes in Auschwitz mit dem Angeklagten Breitwieser ausgekommen, insbesondere, als der noch Ihr Chef war?

 

Zeuge Walter Petzold:

Gut.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sind von ihm nicht mißhandelt worden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein. Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie heute noch irgendwelche

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich kann auch Breitwieser keine Mißhandlung vorwerfen. Ich glaube auch nicht, daß er irgend jemanden mißhandelt hat, also körperlich mißhandelt, einfach, weil er für meine Begriffe körperlich dazu gar nicht in der Lage war.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagen also, den Häftlingen gegenüber, soweit Ihnen das bekannt war, hat er sich immer korrekt verhalten.

 

Zeuge Walter Petzold:

Es gab natürlich kleine Differenzen, nicht wahr, die [unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Aber er war kein Schlägertyp?

 

Zeuge Walter Petzold:

Er war kein Schläger, nein, das war er nicht. Er war weder ein Schläger, noch hat er jemanden mißhandelt. Also, soweit

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Soweit es Ihnen bekannt ist.

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich das selbst übersehen konnte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber Sie sind sicher, daß von dieser sonstigen Einstellung Häftlingen gegenüber unabhängig der Angeklagte Breitwieser bei der Vergasungsaktion jedenfalls dabei war.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe das bei meiner Vernehmung ausgesagt. Ich habe das heute bestätigt, mehr kann ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist das richtig, daß Ihr ältester Bruder Ritterkreuzträger der deutschen Luftwaffe war?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und Ihr jüngster Bruder als SS-Angehöriger

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gefallen ist?

 

Zeuge Walter Petzold:

Kurt Petzold, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das im Lager bei der SS bekannt, und hat sich das Ihnen gegenüber irgendwie zu einer, na, sagen wir, humaneren Behandlung ausgewachsen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich weiß nicht

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Oder wurde darauf keine Rücksicht genommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das wurde von den SS-Leuten, die eben vielleicht auch ruhmsüchtig waren, so aufgenommen, als wäre das nun nacheifernswert, nicht wahr, nicht. Ob ich selbst dabei irgendwelche Vorteile gehabt habe, das kann ich nicht annehmen, denn sonst wäre ich ja nachträglich nicht noch in den Bunker gekommen, wäre mißhandelt worden und was weiß ich.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Sie waren von 1933 bis 1945 ununterbrochen inhaftiert?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist es richtig, daß Sie auch nach dem Kriegsende in Ostberlin verhaftet worden sind, weil Sie dort einige unfreundliche und kritische Bemerkungen im Zusammenhang mit einer Ausstellung über deutsche Konzentrationslager gemacht haben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie lange waren Sie dann noch in Haft?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bis zum 26.1.1950.

 

Staatsanwalt Vogel:

Bis 1950. Wann war die Verhaftung?

 

Zeuge Walter Petzold:

Vom 15. September 1948.

 

Staatsanwalt Vogel:

Darf ich aus diesem Vorfall, der zu Ihrer Verhaftung in Ostberlin geführt hat, schließen, daß Sie nicht nur ganz allgemein, sondern ganz besonders auch im Hinblick auf die Vorgänge in Konzentrationslagern auf jeden Fall und in jeder Situation gewillt sind, die Wahrheit zu sagen und nur die Wahrheit?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe Sie jetzt nicht richtig verstanden. Könnten Sie noch einmal

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ich sage, Sie sind damals verhaftet worden in Ostberlin, weil Sie kritische Äußerungen gemacht haben über eine Ausstellung über deutsche Konzentrationslager aus dem Dritten Reich.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben aber die Bemerkung gemacht, obwohl Sie gewärtig sein mußten – Sie kannten ja das System auch –, daß Ihnen das irgendwie schief ausgelegt wird

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein, ich kannte das System damals noch nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Damals noch nicht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein. Das war meine erste Berührung damit, denn ich lebte ja bis zum 15. September oder noch einige Tage darüber in Bayern, nicht wahr. Bin dann zu diesem Zeitpunkt nach Berlin zurückgegangen, und wahrscheinlich war der Verhaftungsgrund der, daß ich eine Zeitlang bei der amerikanischen Militärregierung beschäftigt gewesen war. In Zusammenhang mit dieser Bemerkung, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke, ich habe dann keine Fragen mehr.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Petzold, sind Sie seinerzeit nach dieser Vergasungsaktion allein oder mit einem SS-Mann zusammen zur Überprüfung des Zustandes der Bekleidungsstücke dorthin geschickt worden?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, ich bin allein gerufen worden. Und es ging in der Hauptsache... Sie meinten, als ich nachher auf den Gefängnishof gerufen wurde zur Feststellung, ob die Sachen noch verwertbar seien?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Es ging dabei auch in der Hauptsache um die Handtücher, die vom Häftlingslager den Lagerhäftlingen, die aus dem Krankenbau und aus dem Lager zum Bunker gebracht worden waren, ob man das noch irgendwie hätte verwerten können, nicht. Ansonsten wurden ja auch die russischen Uniformen und so weiter ausgezogen, die dann noch irgendwie der Verwertung zugeführt wurden. Also das war meine Aufgabe, die Möglichkeit der weiteren Verwertung der Sachen der Toten, die auf dem Hof lagen, festzustellen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren da teilweise schon Versuche gemacht worden, Uniformen auszuziehen, und Sie sollten nun diese Reste auch sich ansehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja. Diese Versuche waren gemacht worden, und zwar von den Häftlingen, die damit beauftragt waren, die Leichen herauszutragen. Und dabei hat man die Feststellung gemacht, bei dem Versuch, diese Leichen auszuziehen, daß das Fleisch gallertartig war und an den Sachen hängenblieb, so daß ein Ausziehen gar nicht mehr möglich war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wie Sie hinkamen, lagen die gesamten Leichen von der Vergasung noch dort? Oder waren die schon zum [unverständlich]

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein, nein, nein, noch nicht alle. Es war einfach der Hof vollgelegt, und die wurden dann mit Pferdewagen und mit diesen Panjewagen wegtransportiert zum Krematorium, nicht wahr. Das Krematorium hatte ja gar nicht so viel Fassungsvermögen, daß man nun alle auf einmal wegtransportieren konnte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie bei dieser Gelegenheit Breitwieser auch dort gesehen und etwa gesprochen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Wen?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Breitwieser.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat Breitwieser nach dieser Aktion einmal direkt oder indirekt oder andeutungsweise über diese ganze Angelegenheit gesprochen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein. Ich habe nur im Verein mit zwei weiteren Leuten von der Häftlingsbekleidungskammer die Feststellung getroffen, daß er entsetzlich niedergeschlagen war. Ich habe das Gefühl gehabt, daß er einen gequälten Eindruck machte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, ich habe nur noch eine Frage zur Person. Sie haben Abitur gemacht und haben auch studiert, nicht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und Sie sind jetzt Regierungsamtmann?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Bei einer Bundesbehörde in Berlin?

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut, ich habe keine Fragen mehr, danke.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, Sie haben geschildert, daß einige Tage, bevor es zu diesem bewußten Ereignis gekommen ist im Bunker, eine große Aufregung im Lager schon entstanden ist. Können Sie sich doch noch etwas genauer erinnern: Wie viele Tage vorher wurden die Kranken aus dem HKB in den Bunker gebracht?

 

Zeuge Walter Petzold:

An dem gleichen Tag, als diese Angelegenheit geschah.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Am gleichen Tag?

 

Zeuge Walter Petzold:

Am gleichen Tag, vormittags, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Waren unter den Ausgesonderten vom HKB sehr viele Schwerkranke?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es sind natürlich eine ganze Reihe von Leuten in den Bunker geführt und getragen worden.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und der Bunker war vorher schon im Lager zumindest als ein Schreckensblock doch bekannt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Walter Petzold:

In der ersten Zeit lagen im Bunker nur Juden. Dort war eine Judenunterkunft, und im Jahre 1941 hat man da ja Vergasungen – also das heißt vor dieser ersten Vergasung wurden sie zumeist totgeschlagen, nicht wahr. Und es gab einige von der Bewachung, die sich abends darüber freuten, wenn sie die Meldung machen konnten, das Lager ist »judenfrei«, nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe das sogar öfters gehört. Dieser Bunker, dieser Block 11 beherbergte in der ersten Zeit die Strafkompanie, und die Juden, die dem Lager zugeführt wurden, wurden ausnahmslos in die Strafkompanie verbracht, um dort einfach umgebracht zu werden, durch irgendwelche Methoden, erschlagen. Und die SS bediente sich da einer ganzen Reihe von Leuten, die dazu befugt waren

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Herr Zeuge, das genügt mir an sich. Also, er war jedenfalls schon als Schreckensbunker bekannt. Und es war doch also etwas absolut Unübliches, daß Schwerstkranke in diesen Schreckensbunker gebracht wurden.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Das war also der Grund für die Aufregung. Jetzt eine weitere Frage: Sie sagten, nach Ihrer Erinnerung wurden um 21.30 Uhr die russischen Kriegsgefangenen ins Lager getrieben.

 

Zeuge Walter Petzold:

Gegen neun Uhr, 21 bis 21.30 Uhr schätzungsweise.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Können Sie mir sagen: Wie fand die Anordnung der Blocksperre statt? Wurde das beim Abendappell

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Das wurde beim Abendappell bekanntgegeben.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Der war um wieviel Uhr? Um acht?

 

Zeuge Walter Petzold:

Um sechs Uhr. Und es war eine frühere Blocksperre als üblich angeordnet. Also schätzungsweise, wenn die allgemeine Blocksperre um neun Uhr begann, dann mußte um neun Uhr das Licht gelöscht werden und so weiter. Und an diesem Tage ist sie früher angeordnet worden, schätzungsweise eine Stunde oder noch länger. Ich weiß es nicht mehr ganz genau.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und dann haben Sie sich, weil Sie wußten, es ging etwas vor im Lager, auf Ihren Horch- oder Aussichtsposten begeben.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ja, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Jetzt noch eine letzte Frage: Sie haben also geschildert, daß Sie zwei Leute mit Gasmasken auf dem Hof gesehen haben und haben mit Sicherheit sagen können, daß der eine davon Breitwieser war. Schildern Sie bitte jetzt das Zusammenwirken dieser beiden Leute mit den Gasmasken auf dem Hof. Haben die sich gegenseitig unterstützt, oder hatten Sie das Gefühl, der eine gab das Kommando und der andere

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Nein! Ich weiß nicht, ob Sie sich überhaupt in eine solche Situation versetzen können, denn auf solche Einzelheiten, wie sie nun zusammenwirkten, habe ich natürlich nicht Obacht gegeben. Ich habe nur beide an den Luken, Fensterklappen oder wie man das bezeichnen möchte, hantieren sehen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Sie haben also beide an den Klappen hantieren sehen. Sie haben aber gesagt, daß Sie nicht genau wissen, ob jeder von beiden, das heißt also, ob auch der Angeklagte Breitwieser Gas hineingeworfen hat?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, das kann ich nicht...

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aber ist Ihrer Erinnerung nach das Handeln des einen wegzudenken gewesen? Wäre es möglich gewesen, daß sozusagen

 

Verteidiger Zarnack [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich wollte die Frage

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Darf ich bitte ausreden.

 

Verteidiger Zarnack [unterbricht]:

Beanstanden. Wir wollen von dem Zeugen Tatsachen hören und nicht Gefühle, Rechtserwägungen und dergleichen. Diese Art der Erwägungen rechtlicher Natur steht dem Herrn Nebenkläger im Plädoyer zu, aber nicht hier in der Befragung des Zeugen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nein, ich möchte erklären, was meine Frage genau bedeutet: Ob die Arbeit, die nach der Erinnerung dieses Zeugen die beiden Männer mit der Gasmaske auf dem Hof geleistet haben, ob das soviel war, daß sie beide dort auf diesem Hof anwesend sein mußten und die ganze Zeit beschäftigt waren. Das ist eine reine Tatsachenfrage.

 

Verteidiger Zarnack:

Herr Kollege, Sie haben ja gehört, was geschehen ist im Hof. Warum muß er es nochmal sagen?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, wir haben das alles schon aus dem Zeugen herausgefragt. Ich habe ihn gefragt, ob sie mit den Gasmasken schon hingekommen sind, wann sie die Gasmasken aufgesetzt haben. Das hat er nicht gemerkt. Er hat nur gemerkt, daß sie [+ sie] dann aufhatten und daß beide, und zwar nur zwei Leute, dort beschäftigt waren. Alles andere war im Hintergrund, und diese beiden Leute

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich habe nur zwei beobachtet [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben nur zwei beobachten können, natürlich. Und alle anderen waren in angemessener Entfernung, hat er gesagt. Und die hatten Gasmasken auf, und einer von diesen beiden war der Breitwieser. Die machten sich an den Kellerluken zu schaffen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und die waren die ganze Zeit beschäftigt, ja?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

So. Noch sonst jemand eine Frage? Niemand mehr?

 

Verteidiger Schallock:

Ja, noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Schallock.

 

Verteidiger Schallock:

Eine Frage zu Ihrer Bekundung, daß Sie von der Kommandantur – oder wo waren Sie beschäftigt? Bei der Standortverwaltung?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Schallock:

Daß Sie von der Standortverwaltung in die Vernehmungsbaracke sehen konnten.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Schallock:

Sie waren nach Ihrer Aussage im Juli 44 bei der Standortverwaltung.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Schallock:

Könnten Sie bitte zeigen auf der Karte, wieso es möglich war, von Ihrem Zimmer der Standortverwaltung in diese Baracke hineinzusehen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Tja. [Pause]

 

Verteidiger Schallock:

[unverständlich] Wo ist die Vernehmungsbaracke? [unverständlich] Vernehmungsbaracke [unverständlich] Sie meinen also, das Fenster des Vernehmungszimmers ging nach der Straße.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nun, es war kein normales Fenster, sondern ein etwa halbes Fenster, ähnlich wie ein Klappfenster, nicht mit zwei Flügeln.

 

Verteidiger Schallock:

Ein halbes Fenster?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Natürlich ein großes Fenster, aber nicht mit zwei Flügeln zu öffnen. [unverständlich]

 

Verteidiger Schallock:

Also es war jedenfalls ein Fenster, und ein Fenster, das auch zu öffnen war.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, ich schätze, daß es zu öffnen ging. Ich bin nicht da drin gewesen und habe es auch nicht gesehen.

 

Verteidiger Schallock:

Der Eingang zu dieser Vernehmungsbaracke muß dann also neben dem Fenster gewesen sein?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, der Eingang war von der Seite, und der Giebel stand in Richtung auf die Standortverwaltung zu, und zwar [...] nicht so, wie es dort aufgezeichnet ist, sondern diese Baracke stand etwas schräg. [unverständlich]

 

Verteidiger Schallock [unterbricht]:

Aber Sie konnten nur durch dieses Fenster am Giebel in die Vernehmungsbaracke hereinsehen? Nicht durch andere Fenster?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Schallock:

Sie sagen, Sie hätten den Angeklagten Boger da gesehen. Kannten Sie denn den Angeklagten Boger?

 

Zeuge Walter Petzold:

Aber natürlich.

 

Verteidiger Schallock:

Na, zunächst, hatten Sie doch

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich glaube, daß den Angeklagten Boger jeder gekannt hat im Lager.

 

Verteidiger Schallock:

Ich darf wiederholen, Sie sagten: »Ich glaube, daß er seinem Rufe nach von jedem gekannt wurde.« Aber Sie hatten doch unmittelbar mit dem Angeklagten Boger nichts zu tun.

 

Zeuge Walter Petzold:

Unmittelbar nicht, nein.

 

Verteidiger Schallock:

Nein. Sie sind niemals von ihm vernommen worden und auch niemals

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das hat der Zeuge alles schon gesagt, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Schallock:

Ja. Ich wiederhole: Ich halte es ihm ja vor. Ich möchte nur wissen, wieso er den Angeklagten Boger kennt. Er hat nämlich gesagt – auch das halte ich ihm vor: »Mit dem Angeklagten Boger bin ich nicht zusammengekommen.« Dann möchte ich wissen, woher Sie ihn kennen.

 

Zeuge Walter Petzold:

Herr Rechtsanwalt, ich habe Ihnen eben gesagt, den Angeklagten Boger hat so gut wie jeder im Lager gekannt, und im Lager waren einige tausend Häftlinge.

 

Verteidiger Schallock:

Ja, aber das ist doch nun keine Zeugenbekundung, wenn Sie sagen, den Angeklagten Boger hat jeder gekannt. Ich frage Sie, ob Sie ihn gekannt haben. Sie können doch nur sagen

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich habe ihn gekannt aus meiner Tätigkeit bei der Standortverwaltung, und ich habe ihn auch früher gekannt.

 

Verteidiger Schallock:

Und wo haben Sie ihn das erste Mal kennengelernt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Na, in Auschwitz.

 

Verteidiger Schallock:

Also wo, können Sie nicht sagen? »In Auschwitz«, natürlich, daß Sie ihn in Auschwitz kennengelernt haben. Ich frage Sie ja, wo Ihnen der Angeklagte Boger das erste Mal begegnet ist, wo er Ihnen aufgefallen ist, wieso Sie ihn überhaupt kennen. Ich meine, die Antwort, daß tausend Leute ihn kennen, ist doch noch nicht eine Antwort darauf, daß Sie ihn kennen. Sie sagen nur: »Ich kenne ihn, ich weiß aber nicht, woher ich ihn kenne.«[...]

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich habe doch nicht gesagt, ich weiß nicht, woher ich ihn kenne.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt, es ist doch nicht so gewesen, daß sich die Bewachungsmannschaften und die Politischen Abteilungsleute vorgestellt haben. Oder daß sie Schilder getragen haben, wir heißen so und so, sondern das wurde eben im Gespräch zwischen den Häftlingen ermittelt

 

Verteidiger Schallock [unterbricht]:

Zweifellos, Herr Landgerichtsdirektor

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»Der da fährt, das ist der Boger«, so ungefähr.

 

Verteidiger Schallock:

Ja, aber gerade daraus ergeben sich doch viele Mißverständnisse. Natürlich ist in diesen Lagern alles Gerücht, das ist klar. Aber ich möchte ja eben mehr als ein Gerücht wissen, nämlich die positive Tatsache, wieso Sie ihn kennen. Und das ist etwas anderes. Sie können sie nicht beantworten. Das kann ich verstehen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Bitte schön, ist sonst noch eine Frage? Herr Zarnack.

 

Verteidiger Zarnack:

Als Verteidiger des Angeklagten Breitwieser möchte ich auch einige Fragen stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Verteidiger Zarnack:

Herr Zeuge, Sie hatten uns vielleicht noch nicht genügend klar geschildert, wann die Unruhe im Lager entstand. Können Sie das jetzt noch sagen? Vor dem 9.10., dem Vergasungstage?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, zumindest ein oder zwei, oder es kann auch drei Tage zuvor gewesen sein.

 

Verteidiger Zarnack:

Sie sagten mal, drei Tage vorher.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, aus dem einfachen Grunde, weil natürlich im Krankenbau, der ja neben der Bekleidungskammer lag, Order erteilt war, diesen oder jenen Häftling herauszusuchen oder besonders anzuziehen oder zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig zu machen. Und so etwas geht nicht zu verheimlichen in einem Lager, wo eine derartige Menschenzusammenballung herrscht.

 

Verteidiger Zarnack:

Ich möchte schon die nächste Frage stellen: Was wurde verlegt, wer wurde verlegt, von wo?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte, ich habe die Frage nicht verstanden.

 

Verteidiger Zarnack:

Wer wurde verlegt? Aus welchem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt, auch diese Frage hat der Zeuge schon beantwortet. Er hat gesagt: »Es waren in erster Linie Leute aus dem Krankenbau, aber auch sonst kamen noch Leute aus dem Lager dazu.«

 

Verteidiger Zarnack:

Nein, Herr Landgerichtsdirektor, sehr wohl. Das ist aber nicht die Antwort auf meine Frage, sondern: Wurde der Block 11 geräumt für die Aktion?

 

Zeuge Walter Petzold:

Der Block 11, ja, der wurde geräumt.

 

Verteidiger Zarnack:

Der wurde geräumt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Der wurde zuvor geräumt, um ihn für die Vergasung vorzubereiten. Alle Bunkerhäftlinge sind in den nächstliegenden Bau gekommen.

 

Verteidiger Zarnack:

Jawohl. Also der ganze Bunker, Block 11, wurde geräumt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, wurde leer gemacht. Und aus diesem Grunde ergibt sich schon eine Aufregung.

 

Verteidiger Zarnack:

Ja, ja. Das ist schon richtig. Ich wollte bloß wissen, ob der Bunker geräumt wurde, der ganze Block?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Zarnack:

Und dann kamen eben die Insassen rein, die Sie schon geschildert haben?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Zarnack:

Die Vergasungsaktionen fanden alle im Keller statt unten?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Zarnack:

Danke schön. Sprechen Sie Russisch, Herr Zeuge?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nicht.

 

Verteidiger Zarnack:

Und dann, wer war noch auf dem Hof, zu Beginn zumindestens der Vergasung, außer Breitwieser? War Höß dabei?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich glaube, Höß kam erst später – also das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls war Grabner anwesend. Der damalige Lagerführer Fritzsch, oder wie er hieß, war anwesend und auch der Rapportführer Palitzsch.

 

Verteidiger Zarnack:

Hatten die auch alle Gasmasken bei sich?

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein.

 

Verteidiger Zarnack:

Trugen also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, nur die beiden, Breitwieser und der andere

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ob noch weitere Gasmasken getragen haben, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich persönlich habe einfach nur bei den beiden Leuten Gasmasken gesehen, die sich an den Klappen zu schaffen machten. Es kann sein, daß einer von der Politischen Abteilung, Paulsen – oder ich weiß nicht mehr, wie er hieß – Hansen, auch noch eine Gasmaske hatte.

 

Verteidiger Zarnack:

Hat er die aufgesetzt?

 

Zeuge Walter Petzold:

Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

 

Verteidiger Zarnack:

Wenn ich Sie weiter richtig verstanden habe, haben sich die beiden, also Breitwieser und der andere, immer nur auf dem Hof befunden? Also sie sind nicht ins Gebäude reingegangen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja, soweit ich das beobachten konnte. Hinter das Haus und die Rückwand konnte ich nicht schauen. Ich weiß auch nicht, ob auf der Seite des elektrischen Zauns oder der Mauer auch noch Luken vorhanden waren. Da bin ich nicht hingekommen, und das kann ich auch nicht behaupten.

 

Verteidiger Zarnack:

Nein, ich meinte jetzt, direkt durch die Tür in den Bunker reingegangen, das sind sie während der Aktion nicht? Soweit Sie es beobachtet

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Bitte?

 

Verteidiger Zarnack:

In den Bunker reingegangen während der Aktion, zu Beginn und während [+ der Aktion], sind sie nicht?

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Rechtsanwalt! Wie kann denn der Zeuge in den Bunker gehen, wenn der voll Gas ist?

 

Verteidiger Zarnack:

Nicht der Zeuge, der Angeklagte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die Angeklagten auch nicht.

 

Zeuge Walter Petzold:

Nein, nein, nein.

 

Verteidiger Zarnack [unterbricht]:

Auch nicht? Dann ist ja gut, ja. Und dann noch eine Frage: Sie haben uns heute erstmalig den Namen Reichenbacher als den Kameraden des Angeklagten Breitwieser, der mit ihm zusammengewirkt hat, genannt.

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja.

 

Verteidiger Zarnack:

Wie ist Ihnen die Erinnerung an den Namen Reichenbacher gekommen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Bitte?

 

Verteidiger Zarnack:

Wie ist Ihnen die Erinnerung an diesen Namen gekommen?

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge hat uns gesagt, daß dieser Reichenbacher der Nachfolger von dem Neubert gewesen sei.

 

Verteidiger Zarnack:

Dann muß ich mich irren.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Breitwieser gewesen sei. Der Nachfolger von dem Kleiderkammerbeherrscher Breitwieser.

 

Zeuge Walter Petzold:

Es waren zwei. Der eine war Breitwieser.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, darf ich den Herrn Verteidiger darauf aufmerksam machen, dieser Name ist auch schon genannt worden in der ersten Vernehmung auf Blatt 4.189, Rückseite der Akten.11

 

Verteidiger Zarnack:

Ja, immerhin zum Zeitpunkt Ihres Berichtes, Herr Zeuge, haben Sie den Namen nicht gewußt. Es war nicht der Nachfolger von ihm. Ich habe vorhin notiert – da muß ich falsch notiert haben –, er war mit ihm zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ich habe gefragt: »War der Breitwieser Ihr Chef?«, und da hat er gesagt: »Nein, damals war er nicht mehr mein Chef, sondern da war sein Nachfolger schon da.« Und da habe ich gesagt: »Wie hieß denn der Nachfolger?« Und da hat er gesagt: »Reichenbacher«. So war es.

 

Verteidiger Zarnack:

Da muß also ein gewaltiges Mißverständnis bei mir entstanden sein. Also ich bitte um Entschuldigung.

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Reichenbacher war schon zum Zeitpunkt des Breitwieser da.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, so genau kommt es ja gar nicht darauf an.

 

Zeuge Walter Petzold:

Beide arbeiteten zusammen. Ich glaube, Reichenbacher war rangjünger und wurde später dann erst Unterscharführer, nachdem Breitwieser nicht mehr bei der [unverständlich]

 

Verteidiger Zarnack [unterbricht]:

Und nun noch eine abschließende Frage, Herr Zeuge: Sie haben ja noch ein besonderes Erinnerungsmerkmal an Breitwieser jeweils bei Ihren Vernehmungen und auch Ihrem Bericht genannt, warum Sie Breitwieser so genau kennen und sich an ihn erinnern können: den Geburtstag. Können Sie dazu noch etwas sagen?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ich kann dazu etwas sagen. Zuvor möchte ich Ihnen, Herr Anwalt, folgendes sagen: Ich pflege Geburtsdaten mit denen meiner Familie in Verbindung zu bringen. Und ich war der Meinung, zumindest zum Zeitpunkt des Berichts, daß der Herr Breitwieser am 9. oder 10. August geboren sein müsse. Ich habe nämlich eine ganze Reihe von Verwandten, die, von meiner Großmutter angefangen, am 6., 7., 8., 9. und 10. August Geburtstag haben. Meine beiden Brüder waren der eine am 9., der andere am 10. geboren. Und ich habe einen Onkel, den ich mit dem – ich meine, vielleicht gehört das hier nicht her, das ist lachhaft, aber es ist so – in Verbindung gebracht habe.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

[unverständlich] Herr Zeuge.

 

Zeuge Walter Petzold:

Denn mein Onkel ist am 30. Juli geboren. Und heute weiß ich natürlich auch, daß Breitwieser am 30.7.1910 geboren ist.

 

Verteidiger Zarnack:

Ja, 31.7. Also damals hatten Sie sich dann geirrt, als Sie wiederholt angaben: Breitwieser, geboren am 9. August

 

Zeuge Walter Petzold [unterbricht]:

Ich habe das nicht wiederholt angegeben. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Also Herr Rechtsanwalt, ich glaube, das ist nicht wesentlich.

 

Verteidiger Zarnack:

Ich danke schön. [...] Die Befragung ist zu Ende.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön.

 

Verteidiger Fertig:

Herr Petzold, Sie sagten vorhin, daß Sie mit dem Angeklagten Breitwieser damals gut ausgekommen seien. Haben Sie sich mit ihm auch hin und wieder mal über Vorfälle im Lager unterhalten? [...] Denn Sie haben ja mit ihm zusammengearbeitet?

 

Zeuge Walter Petzold:

Ja. Nun, das kann wohl sein, wenn ich mich über solche Fragen mit ihm unterhalten habe, dann sind das nur

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Die Hamburger Handelsfirma Tesch und Stabenow war Lieferant für das Giftgas Zyklon B. Vgl. Jürgen Kalthoff, Martin Werner, Die Händler des Zyklon B. Tesch und Stabenow. Eine Firmengeschichte zwischen Hamburg und Auschwitz. Hamburg: VSA-Verlag, 1998.

2. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 03.02.1960 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 25, Bl. 4.189R f.

3. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.314.

4. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.314.

5. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.310.

6. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.310.

7. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.310.

8. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 15.06.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 51, Bl. 9.204.

9. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.311.

10. Bericht über die erste Vergasung von Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern (Mauthausen) 17.05.1945, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 31, Bl. 5.310.

11. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 03.02.1960 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 25, Bl. 4.189R.

 

 
 
 
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