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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

139. Verhandlungstag, 25.2.1965

 

Vernehmung des Zeugen Hans Paschke

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit] einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ich verstehe das nicht. Was besagt denn das?

 

Vorsitzender Richter:

Daß das, was Sie jetzt aussagen werden, auf ein Tonband [+ aufgenommen wird]. Sie wissen doch, was ein Tonband ist, ja? Das ist also so eine Art Grammophonplatte. Ja?

 

Zeuge Hans Paschke:

Aber warum und zu welchem Zweck?

 

Vorsitzender Richter:

Damit das Gericht bei seiner Beratung Ihre Aussage wörtlich hat und

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Na ja, das sollen Sie ruhig tun.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Zwecke der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts.

Herr Paschke, es dreht sich also bei Ihnen darum, daß Sie den Angeklagten Schlage kennen.

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl, den kenne ich.

 

Vorsitzender Richter:

Woher kennen Sie ihn denn?

 

Zeuge Hans Paschke:

Den kenne ich von Auschwitz. Schon früher habe ich den gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren auch in Auschwitz?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sind Sie denn nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Wir sind mit dem Schlage, den kenne ich schon eher als von Auschwitz, von einer Feldeinheit nach Auschwitz abkommandiert worden.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Sie waren bei welcher Feldeinheit zusammen mit Schlage?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, das liegt schon soviel Jahre zurück. Ein Regiment, Totenkopfregiment, aber die Zahl oder die Bezeichnung weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Also ein Totenkopfregiment.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie denn eingezogen worden?

 

Zeuge Hans Paschke:

Zu Ausbruch des Krieges.

 

Vorsitzender Richter:

1939?

 

Zeuge Hans Paschke:

39, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wohin?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nach Breslau.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Breslau. Und waren Sie vorher schon mal Soldat gewesen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind also als Rekrut eingezogen worden?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dort ausgebildet worden?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange sind Sie denn dort ausgebildet worden?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ich habe so gut wie gar keine Ausbildung gehabt. Ich bin damals in der Küche gelandet, weil ich nebenberuflich noch ein bißchen Fleischer bin.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind in der Küche gelandet, aber haben doch trotzdem sicherlich eine gewisse militärische Ausbildung.

 

Zeuge Hans Paschke:

Na ja, eine kleine Grundausbildung vielleicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie denn in Breslau?

 

Zeuge Hans Paschke:

Das entzieht sich meiner Kenntnis. Wir sind damals weggekommen nach Südostpreußen, nach Płock oder wie das geheißen hat. Nach dem Polenkrieg muß das gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Płock?

 

Zeuge Hans Paschke:

Płock, das Lager an der Weichsel.

 

Vorsitzender Richter:

An der Weichsel, ja. Sie meinten, nach Kriegsausbruch. Meinen Sie damit den Krieg mit Rußland?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein, nach dem ersten Krieg, nach dem Polenkrieg.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Polenkrieg?

 

Zeuge Hans Paschke:

Polenkrieg, wollen wir so sagen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also noch im Jahr 1939?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein, das muß schon 40 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange waren Sie denn dort?

 

Zeuge Hans Paschke:

Bis wir in Marsch gesetzt wurden mit einer ganzen Menge – über die Zahl bin ich mir ungewiß –, 30, 35 Mann nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn in Płock gemacht? Waren Sie da auch in der Küche?

 

Zeuge Hans Paschke:

Da war ich in der Küche. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie denn nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Ende 40 oder Anfang 41.

 

Vorsitzender Richter:

Ende 40 oder Anfang 41. Sind Sie direkt von Płock nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und war der Schlage da auch dabei?

 

Zeuge Hans Paschke:

Da habe ich den Schlage schon kennengelernt, in Płock.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da haben Sie den Schlage kennengelernt. Und waren Sie unterwegs auch mal in Czestochowa?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind direkt von Płock nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 41 oder Ende 40. Wo sind Sie denn nun in Auschwitz gelandet?

 

Zeuge Hans Paschke:

Bei einer Kompanie als Furier. Ich weiß nicht mehr, war es die 3. oder 5. Kompanie? Die Kompanien sind dauernd durcheinandergewürfelt worden, neu zusammengestellt, wieder umgruppiert. Die Kompanienummer oder -zahl kann ich nicht angeben. Ich glaube, es war die 3. Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

3. oder 5. Kompanie. Sie meinen, es wäre doch die 3. gewesen, aber Sie können es nicht mehr genau sagen. Als Furier.

 

Zeuge Hans Paschke:

Als Furier.

 

Vorsitzender Richter:

Und was ist denn der Schlage geworden?

 

Zeuge Hans Paschke:

Schlage war bei mir im Furierraum eine Zeitlang, und dann kam er weg.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Zeitlang im Furierraum.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie waren der Furier? Was hatten Sie denn für einen Dienstgrad?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ich war Unteroffizier, also

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Unterscharführer.

 

Zeuge Hans Paschke:

Unterscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Schlage?

 

Zeuge Hans Paschke:

Aufgrund dieser – na, wie sagt man – Planstelle, nicht wahr, bin ich das erst dort geworden.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie dort Unterscharführer geworden. Und was war der Schlage?

 

Zeuge Hans Paschke:

Den Dienstgrad weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr. Aber er war Ihnen unterstellt? Denn Sie sagten: »Er war bei mir im Furierraum.«

 

Zeuge Hans Paschke:

Hilfsfurier.

 

Vorsitzender Richter:

Hilfsfurier?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange war er denn bei Ihnen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, kann ich auch keine Zeit angeben, wie lange.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie keine Zeit angeben. Können Sie sich noch an das Weihnachtsfest erinnern, 1941 auf 42? War er da noch bei Ihnen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Liegt eine lange Zeit zurück.

 

Vorsitzender Richter:

Oder an Ihren Geburtstag 1941. Hat da der Schlage mit Ihnen gefeiert?

 

Zeuge Hans Paschke:

Kann ich auch nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht. Also eine Zeitlang war er bei Ihnen, dann ist er weggekommen.

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo ist er denn hingekommen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, weiß ich nicht. Er ist abkommandiert worden, wollen wir mal sagen, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn dann nicht mehr gesehen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ab und zu mal begegnet, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie da nicht mit ihm gesprochen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie sich denn böse?

 

Zeuge Hans Paschke:

Böse nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und warum haben Sie denn dann nicht gesprochen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ach ja, gesprochen schon. Freilich haben wir ein paar Worte gewechselt mal zusammen, aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber da ist doch das erste, was man bei so einer Gelegenheit zu fragen pflegt: »Na, wo bist du denn jetzt eigentlich?«

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, an ein Kommando gekommen, ein Außenkommando, wie sie die Kommandos nannten. Weiß ich ja nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er Ihnen gesagt damals, er wäre im Außenkommando?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal weiter, was wissen Sie sonst noch vom Schlage?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, da weiß ich nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst wissen Sie nichts?

 

Zeuge Hans Paschke:

Schlage war – so Mensch zu Mensch. Wir haben uns gut verstanden, solange wir zusammen gewesen sind und uns gekannt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Sie wissen auch nichts davon, daß Schlage einmal krank geworden ist?

 

Zeuge Hans Paschke:

Krank. Er hat, glaube ich, mal im Lazarett gelegen.

 

Vorsitzender Richter:

Und woher wollen Sie das erfahren haben?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ich glaube, er hat mal im Lazarett gelegen, aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer hat Ihnen denn das gesagt?

 

Zeuge Hans Paschke:

Muß mir einer erzählt haben von den anderen Kameraden oder wer, ich weiß nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Seit wann wissen Sie denn das? Damals schon, als Sie im Lager waren in Auschwitz?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, ja. Der Schlage, der ist mal weg gewesen im Lazarett. Aber wann, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Warum ist er denn ins Lazarett gekommen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie lange er im Lazarett war?

 

Zeuge Hans Paschke:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. [Pause] Waren Sie mal dort, im Lazarett?

 

Zeuge Hans Paschke:

Schlage – ja, habe ich den besucht, habe ich ihn nicht besucht? Das kann ich nicht für wahr aussagen. Auch eine Zeit, wenn ich ihn besucht hätte, wüßte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie ein Ehepaar Mokros?1

 

Zeuge Hans Paschke:

Mokros. [Pause] Der Name ist mir bekannt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer soll denn das gewesen sein?

 

Zeuge Hans Paschke:

[Pause] Der Name ist mir bekannt. Mokros, Mokros.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wo sollen die denn gewesen sein?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, die müssen aus der oberschlesischen Gegend gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind aus welcher Gegend?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ich bin aus Niederschlesien.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind aus Niederschlesien. Und haben Sie die von früher her gekannt, die Mokros?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein, nein. Mokros, der Name ist mir bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Oder haben Sie die vielleicht durch Schlage kennengelernt?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, das kann möglich sein. Das kann möglich sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr. Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Paschke, Sie sagen, Sie sind nach Breslau eingezogen worden und kamen dann nach Płock.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hatten Sie den Schlage in Płock erst kennengelernt, oder war der auch in Breslau schon bei Ihnen?

 

Zeuge Hans Paschke:

Nein, in Płock.

 

Staatsanwalt Vogel:

Da können Sie sich noch gut erinnern?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, von da aus sind wir, wie ich eben schon gesagt habe

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Mit dieser Gruppe von 30 bis 35

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Ja, 25 oder 30, zahlenmäßig will ich das nicht festhalten.

 

Staatsanwalt Vogel:

Unmittelbar von Płock nach Auschwitz

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Nach Auschwitz versetzt worden oder kommandiert worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und Sie sind sicher, daß das um die Jahreswende 40/41 war?

 

Zeuge Hans Paschke:

Kann ich auch keine Zeit angeben. Ende 40 oder Anfang 41. Das liegt schon so viele Jahre zurück jetzt, 25 Jahre. Wo soll man da alles noch im Kopf behalten, nicht?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, ich habe Sie ja nicht als Zeugen benannt dafür. Was war das für eine Einheit in Płock?

 

Zeuge Hans Paschke:

Totenkopfregiment nannte sich das. Aber welche Nummer und welche Bezeichnung es hatte, kann ich nicht mehr angeben.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das eine Polizeieinheit oder

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Feldeinheit.

 

Staatsanwalt Vogel:

Eine Feldeinheit der SS oder eine Feldeinheit der Polizei?

 

Zeuge Hans Paschke:

Eine unterstellte SS-Einheit muß das gewesen sein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Was war das in Breslau für eine Einheit, wo Sie

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Auch Totenkopfeinheit.

 

Staatsanwalt Vogel:

Auch Totenkopf.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also es war dasselbe in Płock wie in Breslau?

 

Zeuge Hans Paschke:

Wo ich einberufen worden bin in Breslau.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Fertig.

 

Verteidiger Fertig:

Herr Paschke, Sie sagten, Sie könnten nicht mehr angeben, bis wann der Angeklagte Schlage bei Ihnen Hilfsfurier war. Können Sie vielleicht noch sagen, wie lange er Hilfsfurier bei Ihnen war, etwa ein Vierteljahr oder ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr?

 

Zeuge Hans Paschke:

Das habe ich ja eben schon betont. Das liegt eine lange Zeit zurück. Ob das nun Monate waren oder ein Vierteljahr oder ein halbes Jahr, an eine Zeit will ich mich nicht binden. Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Bürger, keine Fragen mehr? Der Angeklagte Schlage, haben Sie noch eine Frage zu stellen oder eine Erklärung abzugeben?

 

Angeklagter Schlage:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ist sonst von seiten der Verteidigung oder – Klehr?

 

Angeklagter Klehr:

Herr Präsident, ich hätte zwei Fragen an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ist das richtig, daß wir im Jahre 42 auf Weihnachtsurlaub waren und ich bei Ihrem Vater noch eine Pute oder eine Gans zu Weihnachten gekauft habe?

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie den Angeklagten Klehr überhaupt?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Woher kennen Sie ihn?

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Kenne ich als Heimatfreund und als Landsmann, mehr als von Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Als Landsmann und als?

 

Zeuge Hans Paschke [unterbricht]:

Landsmann und als Heimatfreund.

 

Vorsitzender Richter:

Als Heimatfreund, ja.

 

Zeuge Hans Paschke:

Weil er auch Schlesier ist.

 

Vorsitzender Richter:

Er ist auch Schlesier, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Präsident, ich war mit dem Zeugen zusammen in der Reiter-SS von 33 an.

 

Vorsitzender Richter:

So. Stimmt das?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl. Ich bin im Stahlhelm gewesen. Das kann ich mit ruhigem Gewissen sagen. Stahlhelm wurde an die Wand gedrückt. Mein Vater war Landwirt, und wir hatten Pferde. Und da wurde eine Reiter- SS aufgezogen, nicht wahr. Und da habe ich die Sache mitgemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da war der Klehr auch dabei.

 

Zeuge Hans Paschke:

War der Klehr auch dabei. Der hatte sogar ein Leihpferd gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo Sie an Weihnachten 42 gewesen sind?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, das ist wieder so eine Frage. 42. Heute schreiben wir 65.

 

Vorsitzender Richter:

Richtig.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ob ich da in Auschwitz war oder in Urlaub war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Hans Paschke:

Kann ich nicht mit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie, ob Sie mal zusammen mit dem Klehr auf Urlaub gefahren sind?

 

Zeuge Hans Paschke:

Ist genauso eine Sache. Kann ich auch nicht behaupten.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie auch nicht behaupten.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ich war dann noch zu Ihnen nach Mondschütz gekommen, zu Ihrem Vater auf die Wirtschaft. Und da hat mir Ihr Vater eine Weihnachtsgans verkauft.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Da müssen Sie sich doch erinnern können.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Diese Art von Fragen, das sind Suggestivfragen.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Staatsanwalt, die Frage

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

So können Sie nicht fragen, Herr Klehr.

 

Angeklagter Klehr:

Die Frage ist doch berechtigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Klehr, Sie verstehen das nicht. Sie haben das Wort »doch« gebraucht. Das dürften Sie nicht sagen, sondern Sie

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Ach ja, ich bin ja auch [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sie sollten sagen: Ist es richtig, daß ich bei Ihrem Vater gewesen bin und der mir eine Weihnachtsgans geschenkt hat? Das können Sie fragen, das wollen Sie auch fragen.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ja, das soll er auch ruhig. Aber wenn ich das sagen soll: Der hat ihm eine verkauft oder hat ihm eine geschenkt, dann müßte ich lügen.

 

Vorsitzender Richter:

Er weiß es nicht.

 

Zeuge Hans Paschke:

Ich kann mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage?

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ist es richtig, daß ich 42 an Weihnachten Unterscharführer gewesen bin?

 

Zeuge Hans Paschke:

Das habe ich nicht verstanden. Was war das?

 

Angeklagter Klehr:

Ist es richtig, daß ich Weihnachten 42 Unterscharführer gewesen war?

 

Vorsitzender Richter:

Daß Sie gewesen sind? Na ja, das wird er wohl kaum wissen. Wissen Sie, wann er Unterscharführer gewesen ist, wann er Oberscharführer gewesen ist oder was?

 

Zeuge Hans Paschke:

Weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Angeklagter Klehr:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Die übrigen Angeklagten, keine Fragen und keine Erklärungen mehr? Gegen die Vereidigung des Zeugen ist wohl nichts einzuwenden? Dann muß der Zeuge beeidigt werden.

Können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Hans Paschke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. Beweisantrag von Verteidiger Bürger vom 08.02.1965, Anlage 1 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 12.02.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 108.

 

 
 
 
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