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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

112. Verhandlungstag, 16.11.1964

 

Vernehmung des Zeugen Paul Pajor

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Pajor, sind Sie in der Lage, in deutscher Sprache auszusagen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich werde versuchen, Herr Präsident. Und wenn mir vielleicht etwas nicht mehr einfällt, dann werde ich den Herrn Dolmetscher bitten, mir auszuhelfen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wollen wir es so machen. Es geht anscheinend ganz gut. Herr Pajor, Sie sind ebenfalls in Auschwitz gewesen. Und ich möchte Sie bitten, uns zunächst einmal zu sagen, wann Sie dorthin gekommen sind und wie es überhaupt gekommen ist, daß Sie dorthin verbracht worden sind.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich bin in Auschwitz angekommen am 4. Juni 1944 in der Nacht. Ich bin nach Auschwitz geschleppt worden mit einem Zug von dem Ghetto Szilágysomlyó, Şimleul Silvaniec heißt das jetzt auf rumänisch. Ich war in diesem Ghetto nur eine Woche lang, weil ich auch in diesem Bezirk sogenannte — kényszermunka

 

Dolmetscher Dienesch:

Zwangsarbeit.

 

Zeuge Paul Pajor:

Zwangsarbeit gemacht habe. Zwangsarbeit heißt, daß ich dort bei der Apotheke einberufen war in der Armee, diese Apotheke geführt habe als Zwangsarbeiter. Von dieser Apotheke wurde ich ins Ghetto geschleppt. Vom Ghetto sind wir angekommen, wie ich gesagt habe, am 4. Juni 1944, abends. Das war ein Sonntagabend. [...] 4. Juni in der Nacht. Also dann war es so gegen zwölf Uhr, ungefähr. Sicher weiß ich es nicht, weil ich hatte keine Uhr. Dann sind wir aus dem Waggon herausgestiegen und die Frauen und Kinder vorne, die Männer hinten geblieben. Es war eine...

 

Vorsitzender Richter:

Ein Durcheinander.

 

Zeuge Paul Pajor:

Durcheinander, ja. Nun, jeder wollte bei seiner Familie bleiben. Ich war nicht mit meiner Familie. Meine Familie war aus Oradea, Großwardein, weggeschleppt worden. Ich, als Zwangsarbeiter, war ungefähr 100 Kilometer weit weg von Oradea. Ich bin mit einem anderen Zug gekommen. Also ich war allein.

Bevor wir ausgestiegen sind, waren dort Häftlinge, wie ich später erfuhr, die immer gesagt haben, kleine Kinder sollen mit alten Frauen gehen, junge Frauen allein. Man hat uns [+ zu] je fünf gestellt, die Männer, je fünf in eine Reihe. Die Frauen und Kinder sind vor, die Männer sind geblieben. Und auf einmal sehe ich jemanden, ich glaube, einen Offizier, wie ich erkannt habe. Der zeigte immer mit den Händen rechts, links, rechts, links. Als ich mich ihm näherte, war vor mir ein alter Mann aus Salau, aus einer anderen kleinen Stadt. Und als ich mich dem Offizier näherte, der diese Selektion gemacht hatte – wie ich später erfuhr, heißt das Selektion –, habe ich ihn sofort erkannt. Aber ich habe nicht gewußt, daß er es sicher ist. Es wäre mir unglaublich gewesen, daß er es ist.

Den Offizier habe ich gekannt. Als ich mich näherte, hat er mich ungarisch angesprochen. Und zwar hat er folgende Worte gesagt, und folgende habe ich geantwortet: »Sind Sie nicht ein Apotheker?« Sage ich: »Jawohl, ich bin ein Apotheker.« »Sie sind, nicht wahr, aus Großwardein.« Er hat nicht »Oradea« gesagt, ungarisch, Nagyvárad, hat er es gesagt. Sage ich: »Ja.« Da hat er mit dem Kopf so gemacht und ganz leise gesagt: »Ja, am Ecke.« Aber das hat so ausgeschaut, als ob er es nicht zu mir gesagt hätte, sondern sich selbst, daß er...

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zu sich selbst gesprochen hat.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja. Dann hat er mir gezeigt, ich soll nach rechts gehen, also von mir rechts, zwischen diese Gruppe. Ich habe nicht gewußt, was für eine Gruppe das ist. Dann habe ich erfahren, daß diese Gruppe zur Arbeit geht. [Öfter] habe ich den Offizier nicht gesehen. Ich blieb in Auschwitz vier Tage. Nach vier Tagen wurden wir in einem Transport nach Oberschlesien geführt, mit dem Zug, und dort habe ich gearbeitet und bin weiter an verschiedene Orte gekommen zum Arbeiten.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, wer war dieser Offizier, der

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Dieser Offizier war Doktor Victor Capesius.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Victor Capesius. Und wieso wußten Sie das?

 

Zeuge Paul Pajor:

Weil erstens er mich angesprochen hat, ich habe ihn erkannt. Und noch wichtiger ist zu sagen: Ich habe diesen Offizier ein paar Jahre zuvor kennengelernt, und zwar vor 1940. Dieser Offizier war ein erster Propagandist der Firma Bayer. Und als erster Propagandist ist er immer zu uns in diese Stadt gekommen und war mehrmals in meiner damaligen Apotheke gewesen. Und sehr freundlich haben wir uns unterhalten. Er hat immer erklärt, was für Artikel diese Artikel sind, die er jetzt propagieren muß, nämlich die schlecht gehen. Außerdem hat sein Chauffeur immer die Auslage von Bayer-Präparaten gemacht. Und außerdem hat er immer gesagt: »Na, ich lasse Ihnen hinten etwas Packpapier aus von Bayer, dann müssen Sie nicht Geld dafür ausgeben.«

Dieser Offizier, dieser Herr, dieser Kollege Doktor Capesius also war mehrmals bei uns. Wir haben immer nur von Arznei gesprochen und uns gut unterhalten. Als er mich ungarisch angesprochen hat, wußte ich sicher, daß er es ist.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat Sie nicht etwa rumänisch, sondern ungarisch angesprochen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nur ungarisch gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Nur ungarisch hat er gesprochen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Gar kein Wort Rumänisch, nur Ungarisch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind also mit den anderen Männern ins Lager gekommen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er für Worte gebraucht, die er so mehr zu sich selbst als zu Ihnen gesagt hat?

 

Dolmetscher Dienesch:

Milyen szavakat mondott ő? Tessék még egyszer ismételni, mit mondott

 

Zeuge Paul Pajor:

Als ich im Lager war, hat er mich so angesprochen: »Sie sind ein Apotheker, nicht wahr.« Sonst nichts. Er hat nur das gesagt, sonst haben wir nichts gesprochen miteinander, nicht ein Wort. Er hat nur gesagt, gehen Sie rechts. Er hat nicht »rechts« gesagt, sondern gezeigt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber vorher hatten Sie noch etwas gesagt, was er mehr zu sich selbst als zu Ihnen gesagt habe.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn das?

 

Zeuge Paul Pajor:

Das war das Wort »am Ecke«.

 

Vorsitzender Richter:

»Am Ecke«?

 

Zeuge Paul Pajor:

»Am Ecke«.

 

Vorsitzender Richter:

Auf ungarisch

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Wahrscheinlich hat er sich daran erinnert, wo diese Apotheke ist, wo ich gearbeitet habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Eckhaus war.

 

Zeuge Paul Pajor:

Das bei einer Apotheke war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Aber das war nicht zu mir geredet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Stimmt es denn, daß diese Apotheke ein Eckhaus war, in dem

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Also man kann sagen ja, stimmt. Es war ein großer Platz dort. Und dort haben die Elektrischen gehalten, also es war eine sogenannte Elektrischen-Station dort. Also man kann sagen, daß es eine Ecke war. Trotz dem, daß noch weiter in eine Richtung Häuser waren. Aber doch war es eine Ecke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, mit Ihnen sind etwa wie viele Gefangene transportiert worden?

 

Zeuge Paul Pajor:

Wie viele es in diesem Zug waren, das weiß ich nicht genau. In diesem Waggon waren ungefähr 70 bis 80 Personen, Kinder, Frauen und Männer.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie viele Waggons ungefähr Ihr Zug

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Sehr schwer, furchtbar schwer, besonders die Kinder haben den ganzen Weg geweint. Sie hatten kein Wasser und kein Brot. Einmal haben wir ein Brot gekriegt in Kaschau. Das haben wir verteilt zwischen den Kindern. Und das Wasser, das wir bekommen haben, haben auch die Kinder bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich meine, wie viele Waggons hat der Zug etwa gehabt?

 

Zeuge Paul Pajor:

Also ich glaube, so gegen 40, 50 Waggons.

 

Vorsitzender Richter:

Meinen Sie.

 

Zeuge Paul Pajor:

So gegen 40. Sicher kann ich es nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, welche Familien mit Ihnen dorthin transportiert worden sind?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, ich habe viele Familien kennengelernt, auch im Ghetto. Also es war eine Familie Simon Vasa, der war der Schwiegersohn von dem Doktor, wo ich gearbeitet habe, mit Frau. War der Doktor Friedmann, ein Arzt mit Frau. War ein gewisser Kelemen, Apotheker, und seine Tochter, die Frau war schon gestorben gewesen. War dort auch eine Familie Samuel. Und eine Familie Doktor Székely, der war ein Rechtsanwalt aus Şimleul Silvaniec. Samuel war eine Familie auch aus Şimleul Silvaniec. Das sind diese Leute, die ich im Ghetto kennengelernt habe, nicht diese Leute, die aus Großwardein waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Samuel, Kelemen. Dann hatten Sie

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Doktor Székely.

 

Vorsitzender Richter:

Székely.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, und die Frau.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Frau. Das war ein Rechtsanwalt?

 

Zeuge Paul Pajor:

Rechtsanwalt, ja. Alle stammten aus Szilágysomlyó.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die sind mit. Und noch ein Goldglanz?

 

Zeuge Paul Pajor:

Alle. Ein Goldglanz, ja. Ein junger Mann. Und diese Familie Goldglanz hatte einen Schwiegersohn, der ein guter Kollege von mir war, ein Apotheker. Also es waren er, die Frau, glaube ich, noch eine Tochter. Sicher weiß ich es nicht. So ungefähr. Die waren mit mir zusammen. Davon ist niemand zurückgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Davon ist niemand zurückgekommen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Niemand. Niemand zurückgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob die damals auf die andere Seite geschickt worden sind, also auf Ihre linke Seite?

 

Zeuge Paul Pajor:

Außer Doktor Székely, der stark genug war, sind alle nach links geschickt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Alle nach links geschickt worden. Und wie viele ungefähr sind mit Ihnen nach rechts geschickt worden zur Arbeit?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nach rechts geschickt. Also das Ende weiß ich nicht, weil am Anfang wir waren dort ungefähr 100 oder 150 Personen. Also nicht von diesem Zug alle, von wo sie waren, weiß ich nicht. Aber als es ungefähr 200 Personen waren, hat man uns zum Bad geführt. [...] Aber es war noch nicht fertig.

 

Vorsitzender Richter:

Es war nicht fertig. Hinter Ihnen können noch mehr ausgesucht worden sein?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, wahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Wahrscheinlich, ja. [Pause] Ich habe an den Zeugen keine Fragen mehr. Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Pajor, in welchem Gesundheitszustand waren Sie damals?

 

Zeuge Paul Pajor:

In welchem Zustand, also körperlichem Zustand?

 

Richter Hotz:

Ja, ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich wog ungefähr 80 Kilogramm.

 

Richter Hotz:

Als Sie hinkamen, meine ich. [...]

 

Zeuge Paul Pajor:

Gut. Sehr gut.

 

Richter Hotz:

Dann sagten Sie eben, es seien alle außer Doktor Seligmann1, alle, die Sie da genannt haben, nach links geschickt worden.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Richter Hotz:

Haben Sie das selbst gesehen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, selbst gesehen. Nein, selbst gesehen habe ich nur den Simon, der vor mir war. Die anderen habe ich nicht gesehen.

 

Richter Hotz:

Und woher wissen Sie, daß die nach links geschickt worden sind?

 

Zeuge Paul Pajor:

Von den Familien, die zurückgekommen sind. Nicht von diesen Familien, die mit mir waren, sondern [von anderen Mitgliedern] der Familien, die nach Hause gekommen sind, einigen, und die erzählt haben, daß sie nicht zurückgekommen sind. Zum Beispiel diese Familie Goldglanz weiß ich von der Frau des Apothekers, der auch dortgeblieben ist, aber nicht mit diesem Zug gekommen ist. Aber die Frau hat mir erzählt, daß die ganze Familie dortgeblieben ist. Der Székely ist auch nicht nach Hause gekommen, trotz dem, daß er zur Arbeit gekommen ist. Niemand ist nach Hause gekommen.

 

Richter Hotz:

Also können Sie an sich

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Der Székely war in Arbeit, aber die Familie nein. Vollständig.

 

Richter Hotz:

Sie können aus den Erzählungen der Zurückgekommenen sagen

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Aus der Erzählung, ja, ja

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Augenblickchen bitte.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, bitte schön.

 

Richter Hotz:

Damit wir uns verstehen: Sie können sagen, daß diese anderen nicht zurückgekommen sind, aber wo sie geblieben sind, wissen Sie konkret nicht?

 

Zeuge Paul Pajor:

Wo sie geblieben sind, weiß ich nur daher, was sie erzählt haben.

 

Richter Hotz:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich habe persönlich nur den Simon gesehen, daß er nach links geschickt worden war von Doktor Capesius.

 

Richter Hotz:

Haben Sie denn noch einen anderen SS-Führer gesehen, der die gleiche Tätigkeit ausübte wie Doktor Capesius?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein, in dem Augenblick nein. Sie sind dort mehr hin und her gelaufen, aber gemacht haben sie [+ es] nicht.

 

Richter Hotz:

Dann noch eine Frage. Sie sagten zu Eingang, es sei zwölf Uhr gewesen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ungefähr.

 

Richter Hotz:

War das Nacht oder am Tage?

 

Vorsitzender Richter:

Nachts, nachts.

 

Zeuge Paul Pajor:

In der Nacht um zwölf Uhr.

 

Richter Hotz:

Jawohl, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Eine Frage nur: Bekamen Sie eine Häftlingsnummer?

 

Zeuge Paul Pajor:

Dort es war, daß sie mir eine Häftlingsnummer geben werden nach vier Tagen. Aber in einem Augenblick sind wir in einen Waggon, also in einen Zug geführt worden von diesem Block, wo wir vier Tage waren, ich glaube, man hat gesagt, Zigeunerlager, so heißt es. Ich weiß nicht, ich kannte mich nicht aus, weil wir nur vier Tage dort waren. Und deswegen ist der, der uns tätowieren wollte, nicht gekommen, weil wir gegen zwei Uhr [+ auf Transport kamen]. Aber ich habe eine Nummer bekommen, auch dort und auch in Flossenbürg, wo ich war, aber nicht an den Händen, sondern hier. Das war

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Welche Nummer hatten Sie in Auschwitz bekommen?

 

Zeuge Paul Pajor:

In Auschwitz gar keine. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Zeuge Paul Pajor:

Diese Nummer habe ich zufälligerweise bei mir.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Von Flossenbürg?

 

Zeuge Paul Pajor:

Von Flossenbürg, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Pajor, sind Sie noch in der Nacht ausgeladen worden, oder haben Sie dort stehen müssen bis

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Nein, wir sind in der Nacht ausgeladen worden.

 

Staatsanwalt Kügler:

In der Nacht ausgeladen worden. Und dann habe ich noch eine Frage. Können Sie irgend etwas darüber sagen, ob sich Doktor Capesius freiwillig gemeldet hat zur Waffen-SS?

 

Zeuge Paul Pajor:

Genau kann ich das nicht sagen. Ein Kollege von ihm und von mir hat mir erzählt, daß er sich freiwillig gemeldet hat.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber Sie selbst haben

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Nein, nur das weiß ich, was man mir erzählt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond? Herr Rechtsanwalt Raabe? Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Zeuge, grade zu diesem letzten Punkt zunächst. Welcher Kollege hat Ihnen gesagt, daß sich Doktor Capesius freiwillig gemeldet hat?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, der mit ihm beim Militär war, und der heißt Garbács, Józef. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Und wo lebt der?

 

Zeuge Paul Pajor:

Er lebt in Oradea. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Wann hat er Ihnen das gesagt?

 

Zeuge Paul Pajor:

Das hat er mir jetzt gesagt, zufälligerweise. Er ist bei dieser Firma. Das ist eine Apothekerfirma, also staatlich. Und er arbeitet im Zentrum. Und ich habe erzählt, daß ich nach Frankfurt fahren werde zu diesem Prozeß. Dann hat er mir das erzählt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, also kürzlich hat er Ihnen das

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Kürzlich, das war vor ein paar Monaten.

 

Verteidiger Laternser:

Vor ein paar Monaten hat er Ihnen das erzählt.

 

Zeuge Paul Pajor:

Vor ein paar Monaten.

 

Verteidiger Laternser:

Und hat er gesagt auch, woher er das wisse, daß sich Doktor Capesius freiwillig gemeldet hat? War er dabei, wie er sich

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Er war dabei. Sie waren zusammen. Beim Militär waren sie zusammen. Und man hat gefragt beim Militär: »Wer will weiter in der rumänischen Armee bleiben?« Im Krieg war das schon. »Oder wer will nach Deutschland gehen, in die deutsche Armee?« Er ist geblieben, der Garbács. Aber der Doktor Capesius ist nach Deutschland gekommen.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Pajor, würden Sie mal so liebenswürdig sein und an die Karte gehen, die hier an der Wand hängt, um zu zeigen, wo der Transport eingelaufen ist, nach welcher Seite Sie ausgestiegen sind?

 

Zeuge Paul Pajor:

Also wir sind nach links ausgestiegen.

 

Verteidiger Laternser:

Sehen Sie mal, da ist die Karte. Versuchen Sie doch mal, sich da zurechtzufinden.

 

Zeuge Paul Pajor:

Na, bitte schön. Das ist

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich bitte, den Zeugen zunächst zu fragen, ob er sich überhaupt an der Karte orientieren kann. Er war nur vier Tage in Auschwitz.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender, das wäre dann das erste Mal, daß das gefragt wird. Das soll ja gerade der Versuch sein.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Zeuge, würden Sie mal sehen, da unten links ist ein braunes Gebäude. Das soll das Einfahrtsgebäude

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Ja, hier ist

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Unten, ganz unten, noch weiter unten. Da, sehen Sie, da ist ein Gebäude. Das ist das Tor, durch das die Eisenbahngleise durchgeführt worden sind.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, das war in der Nacht. Sehen konnte ich es nicht, aber erinnern kann ich

 

Vorsitzender Richter:

Erinnern können Sie sich noch.

 

Zeuge Paul Pajor:

Daß wir nach links gegangen sind. Der Perron war hier.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie mal weiterfahren wollten, da nach oben. Da sind braune Striche, gelbe Striche. Das sollen die Eisenbahngleise sein.

 

Zeuge Paul Pajor:

Diese?

 

Vorsitzender Richter:

Das da, jawohl.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sehen Sie, da sind vier Gleise nebeneinander.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns sagen – Sie sind ja bei der Nacht hingekommen –, auf welchem Gleis Sie ausgeladen worden sind?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich weiß nur noch, die linke Seite kann es gewesen sein, weil sofort war ein Perron.

 

Vorsitzender Richter:

War ein Perron. Und rechts von dem Perron, waren da auch noch Gleisanlagen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Rechts haben wir überhaupt nichts sehen können. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Herr Zeuge

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

In der Nacht war ich hier. Etwas habe ich vergessen zu sagen, etwas ist uns aufgefallen: eine große Flamme, ein riesig großer Rauch und ein Geruch, den ich nie im Leben vergessen kann, diesen Geruch.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren diese Flammen? Wo haben Sie die

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Vor... weit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vor Ihnen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Vor uns, ja. Geradeaus. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Herr Zeuge, Sie sind also dann nach links ausgestiegen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Nach links ausgestiegen.

 

Verteidiger Laternser:

Und Sie sagten, wenn ich Sie eben richtig verstanden habe, daß da ein Perron gewesen sei.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, so ein Perron ist [+ da] gewesen.

 

Verteidiger Laternser:

Was verstehen Sie unter Perron?

 

Zeuge Paul Pajor:

Unter Perron? Das war aus Zement gemacht.

 

Verteidiger Laternser:

Aus Zement. Wie breit etwa, Herr Zeuge? Nur schätzungsweise.

 

Zeuge Paul Pajor:

Schätzungsweise ungefähr drei, vier Meter. So ungefähr. So wie ich das gesehen habe damals.

 

Verteidiger Laternser:

Nun mußten Sie also aus den Waggons aussteigen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Und Sie sagten vorhin auf die Frage des Herrn Vorsitzenden, oder vielmehr der Herr Vorsitzende sagte, daß da ein ziemliches Durcheinander gewesen sei.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, ja.

 

Verteidiger Laternser:

Das läßt sich vorstellen. Waren da viele SS-Leute?

 

Zeuge Paul Pajor:

Waren. Hin und her sind die, die haben die Leute in die Reihe [+ gestellt]. Und außerdem waren auch SS-Leute dort, als die Waggons aufgemacht worden waren.

 

Verteidiger Laternser:

Können Sie etwa schätzen, wie viele SS-Leute da waren? Ungefähr nur.

 

Zeuge Paul Pajor:

Viele waren nicht dabei. Ungefähr zehn. Mehr habe ich nicht gesehen. Vielleicht waren es mehr, aber gesehen habe

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Gesehen glauben Sie zehn zu haben.

 

Zeuge Paul Pajor:

Würde ich glauben, nur

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Und haben Sie damals [...] unterscheiden können zwischen Mannschaften und Offizieren?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kann sich der Zeuge wieder setzen, Herr Rechtsanwalt? Er ist nicht der Gesündeste.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, das liegt ja doch nicht in meiner Entscheidung.

 

Vorsitzender Richter:

Setzen kann er sich natürlich. Setzen Sie sich wieder.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich konnte nicht, aber ich habe gesehen, der Doktor Capesius, der hatte einen Schirm, also war gut angezogen. Ich glaubte sicher, er sei Offizier [unverständlich]

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Sicher ein Offizier.

 

Verteidiger Laternser:

Aber wie viele Offiziere sich unter den SS-Leuten befunden haben, die Sie gesehen haben

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Verteidiger Laternser:

Das können Sie nicht sagen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein. Ob überhaupt ein Offizier dabei war oder nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Sie sagten dann, daß Sie befragt worden seien durch diesen Offizier, den Sie glauben als Doktor Capesius erkannt zu haben

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Nein, sicher weiß ich es.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ja, sie sagten es.

 

Zeuge Paul Pajor:

Sicher, habe ich gesagt.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Sagten Sie, daß Sie befragt worden seien: »Sind Sie nicht Apotheker?« und daß Sie dann ja geantwortet haben. »Sind Sie aus Oradea?« wurde noch gefragt, da sagten Sie: »Ja.« Nun sagten Sie dann weiter, er habe dann etwas so für sich oder zu sich

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Ja, so hat er gemacht, gelacht hat er und mit dem Kopf so gemacht und etwas gesagt: »Am Ecke.« Aber nicht zu mir, sondern ich habe es gehört. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Haben Sie das damals übrigens, diese letzte Bemerkung, auch in Ihrem Brief an den Herrn Untersuchungsrichter geschrieben?2

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein. Nein, nein.

 

Verteidiger Laternser:

Warum nicht?

 

Zeuge Paul Pajor:

Weil ich vergessen habe, das so zu schreiben. Nämlich ich hatte es überhaupt nicht nötig, weil die Worte, die er gesagt hatte, waren auf ungarisch. Und als er mich fragte, ob ich Apotheker bin, blieb kein Zweifel, daß er es war.

 

Verteidiger Laternser:

Ich hatte Sie ja jetzt in dem Zusammenhang gefragt, warum Sie es nicht geschrieben haben damals.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er schon beantwortet.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich habe nicht geschrieben, weil ich es vergessen habe.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ja gut, Sie sagten ja eben, Sie hätten es...

 

Zeuge Paul Pajor:

Vielleicht ist es mir später eingefallen. Es sind schon 20 Jahre vergangen.

 

Verteidiger Laternser:

Nun folgendes: Auf die Frage des Herrn Vorsitzenden vorhin, ob denn Ihre Apotheke damals an der Ecke gelegen habe, sagten Sie: »Ja.«

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ich fand, daß das nicht so ganz sicher war, wie Sie es sagten.

 

Zeuge Paul Pajor:

Sicher weiß ich es.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Würden Sie mal vielleicht aufzeichnen, wie das Haus liegt und wo die Apotheke liegt.

 

Zeuge Paul Pajor:

Dort ist keine Apotheke mehr. [Pause] Das war die Ecke. Hier ist ein Platz. So. [Pause] Hier war die Apotheke. Hier war noch ein Haus, ein einziges Haus, ein großes Haus, und es war hier ein Platz, ein großer Platz. Das ist die Straße. Aus dieser Richtung, aus der Richtung von Klausenburg, ist er gekommen, hier immer stehengeblieben. Also immer, das kann ich nicht sagen, weil ich habe nicht gewußt, daß

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Würden Sie mal die Apotheke einzeichnen, so räumlich?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja. Apotheke. Hier waren Geschäfte, und hier ist ein großer Platz. Die Eisenbahnen sind hier stehengeblieben.3

 

Verteidiger Laternser:

Nun, Herr Zeuge, würden Sie bitte mal

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Das war ein [unverständlich] Ecke, das hat immer Ecke geheißen. Ecke.

 

Verteidiger Laternser:

Aber wo ist denn die Ecke?

 

Zeuge Paul Pajor:

Die Ecke ist hier und hier. Beide Ecken, das ist

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ist das eine Ecke?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, so hat es geheißen. »Am Ecke«, habe ich immer gesagt.

 

Verteidiger Laternser:

Ah, Sie haben [unverständlich]

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Und die Bevölkerung hat auch so gesagt. Am Ecke. Die [unverständlich]

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Lief hier grade weiter die Front, oder macht die hier eine Einbuchtung?

 

Zeuge Paul Pajor:

Eine kleine Einbuchtung hat es gemacht.

 

Verteidiger Laternser:

Wie etwa, wenig?

 

Zeuge Paul Pajor:

Wenig, einen Meter ungefähr. [...] Hier ist eine Brücke. [...] Hier ist ein großer Platz.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, würden Sie doch mal das ungarische Wort uns sagen, was er damals gebraucht hat. [...]

 

Zeuge Paul Pajor:

Maga ugyebár egy gyógyszerész, maga ugye gyógyszerész, vagy ugyebár — ganz dasselbe — ugye gyógyszerész.

 

Dolmetscher Dienesch:

»Nicht wahr, Sie sind ein Apotheker.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Habe ich geantwortet: »Jawohl.«— »Igen, az vagyok.« »Ugyebár nagyváradi.«— Dann habe ich gesagt: »Jawohl.« Da hat er so mit dem Kopf gemacht und gelacht noch. Und dann hat er leise gemacht: »A sarkon, a sarkon.« Aber nicht zu mir.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? »Sarkon«, was heißt das?

 

Zeuge Paul Pajor:

Am Ecke.

 

Dolmetscher Dienesch:

Am Eck.

 

Vorsitzender Richter:

Am Eck, ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Hat er gesagt sehr gemütlich, kann ich sagen, also nicht geschrien. Dann hat er mir gezeigt: »Gehen Sie dorthin.«

 

Vorsitzender Richter:

[unverständlich] Halteplatz für Fahrzeuge.

 

Zeuge Paul Pajor:

»Gehen Sie dorthin.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gut

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Nun, Herr Zeuge

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

»Zu dieser Gruppe.«

 

Verteidiger Laternser:

Sie waren, wie Sie vorhin sagten, nur vier Tage in Auschwitz.

 

Zeuge Paul Pajor:

Vier Tage nur. [...]

 

Verteidiger Laternser:

War es übrigens da dunkel, oder war es hell beleuchtet, als Sie ankamen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Beleuchtet war es, nicht dunkel. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Haben Sie in den vier Tagen, in denen Sie in Auschwitz waren, den Doktor Capesius noch mal gesehen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein. Nie. Nie in meinem Leben nach

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Nie in Ihrem Leben. Keine weiteren Fragen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Von diesem Tag an nicht mehr.

 

Verteidiger Steinacker:

Eine Frage. Herr Zeuge, Sie haben geschildert, daß der Doktor Capesius gefragt hat: »Sind Sie nicht Apotheker?« als Sie an ihm

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Gefragt? Also nicht gefragt. Er hat gefragt und geantwortet.

 

Verteidiger Steinacker:

Und geantwortet.

 

Zeuge Paul Pajor:

Es war beides

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Sich die Frage, die er gestellt hat, selbst beantwortet. Kann man so sagen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, er hat sie beantwortet.

 

Verteidiger Steinacker:

Als Sie sich ihm näherten, können Sie sich erinnern, ob vorher gerufen worden ist, Ärzte und Apotheker möchten sich melden?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie das nicht gehört?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein, nicht gehört.

 

Verteidiger Steinacker:

Oder können Sie sich nicht erinnern?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein, ich habe das nicht gehört.

 

Verteidiger Steinacker:

Was war der Herr, der nach Ihrer Darstellung als einziger, weil er vor Ihnen war, nach links geschickt worden ist, der Herr Simon oder wie er hieß?

 

Zeuge Paul Pajor:

Herr Simon, ein alter Herr war er, 70 Jahre alt.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, von Beruf?

 

Zeuge Paul Pajor:

Von Beruf war er ein Pensionär. Er war eigentlich nicht Arzt

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Auch nicht Apotheker

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Der Schwiegersohn war Arzt, der Schwiegersohn, mit dem ich in diesem Dorf zusammen war, wo ich gearbeitet habe als Zwangsarbeiter.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, danke schön.

 

Zeuge Paul Pajor:

Der Schwiegersohn war nur Arzt. Er war Beamter und in Pension.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, mit welchem Transportmittel sind Sie von Auschwitz nach Flossenbürg verbracht worden?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist beantwortet.

 

Zeuge Paul Pajor:

Mit welchem Transport?

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Das heißt, von diesem Ghetto?

 

Verteidiger Gerhardt:

Nein, Sie sind ja doch nach vier Tagen von Auschwitz wieder weggekommen nach Flossenbürg. Sind Sie mit der Bahn weggebracht worden oder mit dem Lkw?

 

Zeuge Paul Pajor:

Mit der Bahn.

 

Verteidiger Gerhardt:

Mit der Bahn. Vom Auschwitzer Bahnhof oder hier von Birkenau, was Sie eben angezeigt haben?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ich kann es Ihnen nicht sicher sagen. Es scheint mir, daß etwas ganz anderes gewesen war, als ich angekommen bin. So ist es mir eingefallen. Ob wir dort waren in Birkenau oder Auschwitz, das weiß ich nicht. Angekommen sind wir in Birkenau, das weiß ich sicher.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und ob Sie von dem gleichen Bahnhof wieder weggekommen sind, das wissen Sie nicht mehr? Das ist Ihnen nicht mehr bekannt?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ob wir vom gleichen Bahnhof, also von den gleichen Gleisen weiterbefördert wurden, das weiß ich nicht genau.

 

Verteidiger Gerhardt:

Mit wie vielen Häftlingen kamen Sie damals weg von Auschwitz?

 

Zeuge Paul Pajor:

Von Auschwitz nach vier Tagen nach Ober-Wüstegiersdorf.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wie viele Häftlinge waren Sie damals, die Sie von Birkenau wieder wegkamen nach Flossenbürg?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nicht nach Flossenbürg, nach Ober-Wüstegiersdorf, nach Schlesien. Später war Flossenbürg.

 

Verteidiger Gerhardt:

Mit wie vielen anderen Mithäftlingen sind Sie weggekommen von dort, von Birkenau?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ein Zug war voll.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ein Zug voll.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ein Zug voll, aber bei Ober-Wüstegiersdorf hat man von dem Zug drei, vier Waggons in eine andere Richtung

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Waren das alles neu angekommene Häftlinge oder Häftlinge, die erst kurze Zeit dort waren?

 

Zeuge Paul Pajor:

Nein, alle waren neu angekommen, und das Lager war auch ein neues Lager.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ich weiß nicht, Herr Zeuge, ob Sie meine Frage verstanden haben. Die Häftlinge, die mit Ihnen von Birkenau oder von Auschwitz wieder wegkamen nach vier Tagen

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Die waren alle neue Häftlinge.

 

Verteidiger Gerhardt:

Waren das die Häftlinge, die mit Ihnen nach Birkenau gekommen waren?

 

Zeuge Paul Pajor:

Mit mir oder mit anderen

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

So. Danke.

 

Zeuge Paul Pajor:

Mit anderen Zügen gekommen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Angeklagter Capesius:

[Pause] Die Apotheke Pajor ist mir bekannt gewesen. An den Herrn Pajor kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Aber nachdem ich in der Apotheke war, werde ich ihn auch besucht haben und mit ihm gesprochen haben, denn ich habe ja mit jedem gesprochen. Auf der Rampe in der Nacht bin ich nie gewesen, und dieses Wochenende auch nicht.

Aber eine einzige konkrete Frage, wo ich vielleicht das Gegenteil beweisen kann, ist der Herr Garbács, Józef, mit dem ich beim Militär gewesen sein soll und wo ich mich dann freiwillig herausgemeldet hätte aus den Anwesenden. Ich war nie mit Herrn Garbács, Józef, beim Militär. Ich habe das genau festgelegt und habe das Soldbuch der rumänischen Armee und der Waffen-SS. Und es ist daraus klar ersichtlich, wo und wann ich war. Der Herr Garbács, Józef, war jedenfalls nicht mit mir beim Militär.

Ich war beim Militär vom Sommer 41, als der Rußlandfeldzug begann, ein Jahr lang in Cerna Vodă an der Donaubrücke und habe dort ein Spital als Apotheker betreut. Nachher war ich uk gestellt. Dadurch daß ich auch zwei Geschwister verloren hatte im Krieg, galt meine uk-Stellung eigentlich als sicher. Es gelang aber dem leitenden Herrn von Bayer, Doktor Gustav Sonntag, für sich diese uk- Stellung zu ergattern und mir die uk-Stellung zu entziehen. Dieses sind Sachen, die bekannt sind, und notfalls sind auch Zeugen dafür da. Es stimmt also diese ganze Geschichte mit Garbács, Józef, auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie denn den Garbács, Józef?

 

Angeklagter Capesius:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Den kennen Sie gar nicht.

 

Angeklagter Capesius:

Nein. Aber meine Kollegen, die mit mir beim Militär waren, die kenne ich.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Capesius, uns kommt es drauf an, ob Sie auf der Rampe in Birkenau die ankommenden Menschen eingeteilt haben in solche, die in die Gaskammern gehen sollten, und in solche, die eben noch ins Lager kommen sollten. Und Sie haben ja hier selbst gehört, daß nun schon Zeugen da waren, die Sie genau kannten von früher. Und was der Zeuge uns hier nun gesagt hat, das würde doch zu einer Identifizierung ausreichen. Nämlich: Sie hatten ja den Mann angesprochen, wie er uns erzählt. Sie haben ihn gefragt, ob er aus Oradea sei. Er hat das beantwortet. Sie haben noch etwas zu sich selbst gemurmelt. Ob das der Zeuge richtig verstanden hat oder nicht, ist im Augenblick nicht so sehr wichtig. Aber was er uns hier gesagt hat, ist auch durchaus plausibel. Kurz und gut, dieser Zeuge sagt: »Ich habe gar keinen Zweifel, daß es sich hier um Doktor Capesius gehandelt hat.« Das sagt der Zeuge.

 

Angeklagter Capesius:

Das mag plausibel klingen. Aber mich hat man ja in Rumänien schon seit 46 verfolgt wegen meiner Waffen-SS-Zugehörigkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Also es gibt nur zwei Möglichkeiten

 

Angeklagter Capesius [unterbricht]:

Ich war jedenfalls nicht auf der Rampe und habe ihn nicht selektiert und habe nie selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen ja, daß wir in diesen Tagen noch mehrere Zeugen über dasselbe Thema verhören werden, nicht.

 

Angeklagter Capesius:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie meinen. Herr Zeuge, Sie wollten

 

Zeuge Paul Pajor [unterbricht]:

Darf ich antworten?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, wenn Sie wollen.

 

Zeuge Paul Pajor:

Was mir Garbács erzählt hat, das ist eine Erzählung. Ich bin dafür nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Verantwortlich.

 

Zeuge Paul Pajor:

Verantwortlich. Ich habe gesagt, daß ich es so gehört habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Garbács hat auch andere Sachen noch erzählt. Aber das hat nichts zu tun mit dieser Geschichte. Gar nichts zu tun. Deswegen habe ich nichts darüber gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Paul Pajor:

Mir hat Garbács gesagt, sie seien auch auf der Universität Kollegen gewesen. Ob es wahr ist oder nicht, das weiß ich nicht. Ich habe was anderes gesagt. Aber eins ist sicher, der Doktor Capesius stand vier, fünf Meter vor mir, und hat mich ungarisch angesprochen und mich selektiert. Ich kann nicht sagen vielleicht. Wenn andere dort gewesen wären, vielleicht könnte es anders herauskommen. Aber daß er selektiert hat, das ist sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist sicher.

 

Zeuge Paul Pajor:

Das ist hundertprozentig sicher.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da täuschen Sie sich nicht.

 

Zeuge Paul Pajor:

Das kann ich in meinem Leben nicht vergessen. Das kann man nicht vergessen. Übrigens darf ich sagen, daß 46 ein Journalist von uns ein Buch geschrieben hat. In diesem Buch stand diese Geschichte, wie ich sie dem Journalisten erzählt habe, als etwas Interessantes, weil das kommt sehr selten vor im Leben, solche...

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zufälle.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, Zufälle. Was für ein Zufall das war. Und das hat er in dem 46 herausgegebenen Buch geschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Niedergelegt schon.

 

Zeuge Paul Pajor:

Niedergelegt. Ja, in ein paar Zeilen.

 

Vorsitzender Richter:

Nachdem Sie es ihm erzählt hatten.

 

Zeuge Paul Pajor:

Nachdem ich das als eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Kuriosum erzählt.

 

Zeuge Paul Pajor:

Ein sehr großes Kuriosum war das, ein Zufall.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Verteidiger Laternser:

Wie heißt das Buch?

 

Zeuge Paul Pajor:

Katona Béla: Várad a viharban. — Ungarisch.

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Dolmetscher Dienesch:

Várad im Sturm von Katona Béla.

 

Zeuge Paul Pajor:

Várad, das heißt Großwardein.

 

Dolmetscher Dienesch:

Das ist die Abkürzung von Nagyvárad, nicht wahr. »Nagy« heißt groß, »Várad« ist ein Eigenname.

 

Zeuge Paul Pajor:

Oradea.

 

Verteidiger Laternser:

Und wo ist das Buch erschienen?

 

Zeuge Paul Pajor:

Dort ist es erschienen, aber

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

In Bukarest oder wo?

 

Zeuge Paul Pajor:

Im Westen, glaube ich, es ist nicht interessant für

 

Dolmetscher Dienesch [unterbricht]:

Nem, hol jelent meg ez a könyv? Hol?

 

Zeuge Paul Pajor:

In Oradea.

 

Dolmetscher Dienesch:

In Nagyvárad erschienen.

 

Zeuge Paul Pajor:

1946-ban.

 

Dolmetscher Dienesch:

1946. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind von den Angeklagten, keine Erklärungen mehr gewünscht werden: Herr Zeuge, können Sie mit gutem Gewissen das beschwören, was Sie uns gesagt haben?

 

Zeuge Paul Pajor:

Ja, ja, ja.

 

– Schnitt –

 

1. Phonetisch geschrieben; gemeint ist Székely.

2. Vgl. die beiden Schreiben des Zeugen Pajor vom 20.11.1962 an Untersuchungsrichter IV, Heinz Düx, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 76, Bl. 14.195-14.196.

3. Vgl. Skizze des Zeugen Pajor, Anlage 1 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 16.11.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 104.

 

 
 
 
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