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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

98. Verhandlungstag, 8.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Dov Paisikovic

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden], daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, Sie sind im Jahr 1944 verhaftet worden.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Mai.

 

Vorsitzender Richter:

Im Mai 1944.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aus welchen Gründen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Aus Karpato-Rußland.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Nicht von wo. — Nor wos is gewejn di sibe, az ir sejt gekumen in dos KZ Auschwitz?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Als Jude.

 

Vorsitzender Richter:

Als Jude. Mit Ihnen zusammen sind welche Menschen verhaftet worden und nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die ganze Familie.

 

Vorsitzender Richter:

Bestehend aus?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Acht Kinder und die Eltern.

 

Vorsitzender Richter:

Vater, Mutter und

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Und acht Geschwister.

 

Vorsitzender Richter:

Und acht Geschwister. Oder waren es sieben Geschwister und Sie dabei als achter?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich als achter, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie als achter. Überlebt hat diese Haft nur wer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich und mein Bruder.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Bruder und Sie. Und alle übrigen Familienangehörigen sind

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Vernichtet.

 

Vorsitzender Richter:

In Auschwitz geblieben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Nummer hatten Sie?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

A-3.076.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie kamen in Ihrem Transport woher?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Fun wo sejt ir gekumen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Fun Ghetto Munkács.

 

Vorsitzender Richter:

Von dem Ghetto Munkács. Wo liegt das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Karpato-Rußland.

 

Vorsitzender Richter:

Wo?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Karpato-Ukraine.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, in der Karpato-Ukraine. Sagen Sie bitte, wie groß war der Transport, mit dem Sie gekommen sind, etwa?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

3.000 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

3.000 Menschen. Und wurden Sie mit einem Zug transportiert?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo ist der Zug in Auschwitz eingefahren? Wo wurden Sie ausgeladen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

An der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für eine Rampe? War das eine Rampe in Birkenau?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau, die mitten im Lager lag?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Menschen ungefähr wurden aus diesem Transport ausgewählt, die ins Lager kommen sollten?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ungefähr 40 Prozent.

 

Vorsitzender Richter:

Wieviel Prozent?

 

Dolmetscher Grünblatt:

40 Prozent.

 

Vorsitzender Richter:

40 Prozent. Ja. Also drei mal vier sind – na, 40 Prozent, das wären ja 1.200 Mann gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit den Frauen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Frauen. Denn Sie haben mal gesagt, es seien nur etwa 500 Personen für die Verbringung ins Lager ausgewählt gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es gibt auch [welche, wo es weniger waren.] Bei mir waren es ungefähr 40 Prozent. So was. Ich habe nie gezählt, aber ich denke, das war soviel.

 

Vorsitzender Richter:

Was sagt er?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Der Zeuge erklärt, von seinem Transport waren es 40 Prozent. Aus anderen Transporten waren es Gruppen zu 500.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Haben Sie irgendeinen festen Anhaltspunkt dafür, daß die übrigen Menschen sofort in die Gaskammern verbracht wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar welchen Anhaltspunkt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich selbst habe [dort] gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie gearbeitet?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im »Sonderkommando«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind aber doch nicht bei der Ankunft schon im »Sonderkommando« gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, als ich angekommen bin, habe ich nicht gewußt, was es ist.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie es nicht gewußt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es nur hinterher sich so gedacht, weil Sie das erlebt haben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, ich habe das nicht... Dann nachher ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nachher ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nachher.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann zunächst gekommen in welchen Lagerabschnitt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

C-Lagerabschnitt.

 

Vorsitzender Richter:

C-Lager. Wo war denn der? Können Sie uns den einmal zeigen auf der Karte?1

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ah, da. Richtig. Und wie lange waren Sie dort, bis Sie wieder weggebracht wurden? Bleiben Sie noch mal an der Karte, wir können vielleicht noch mehr von Ihnen gezeigt bekommen. Wie lange waren Sie dort, bis Sie aus diesem c-Lager wieder herauskamen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Zwei Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Zwei Tage. Und wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ausgewählt in einen Transport.

 

Vorsitzender Richter:

Wie war das? Bitte ins Mikrofon sprechen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ausgewählt in einen Transport, wieder in

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zum Transport wieder ausgewählt. Und kamen Sie auch auf Transport?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, ins Krematorium, zu der Arbeit.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also nach zwei oder drei Tagen kamen Sie schon ins Krematorium?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Als Arbeiter.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Sie ausgewählt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war Hauptscharführer Moll dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Moll.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und auch andere SS.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Personen wurden damals etwa ausgewählt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

250 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

250 Mann. Und sagen Sie bitte, wo wurden Sie dann untergebracht?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Wo hot ir gewojnt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

An den ersten Tagen haben wir gewohnt in Block 13 in d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im d-Lager, Block 13.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dann bin ich rübergeschickt worden ins Krematorium I.

 

Vorsitzender Richter:

Krematorium I.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie dort auch gewohnt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auch gewohnt.

 

Vorsitzender Richter:

Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. [Pause]

Wissen Sie, Herr Zeuge, warum man damals plötzlich 250 Menschen brauchte für dieses Krematorium? Waren denn die Leute, die bisher dort gearbeitet hatten, nicht mehr dort?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, sie waren dort.

 

Vorsitzender Richter:

War das zuwenig, mußten mehr Leute angefordert werden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wie ich es nachher verstanden habe, [wurden] die Transporte stärker, es sind viele Transporte gekommen. Und die Leute haben nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Ausgereicht.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ausgereicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie kamen in das Krematorium I oder in ein anderes Krematorium?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Krematorium I war ich ungefähr acht Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Krematorium II.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie blieben dann wie lange in Krematorium II?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bis das Krematorium existiert hat.

 

Vorsitzender Richter:

Bis das Krematorium?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Aufgelöst wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Aufgelöst wurde. Und wann war das ungefähr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war Ende Oktober.

 

Vorsitzender Richter:

Ende Oktober 1944.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

44. Ungefähr. Oder Anfang November, so was ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum wurde das aufgelöst?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war kein Transport mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Also das war Krematorium I, da waren Sie einige Tage. Acht Tage.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr. Und dann kamen Sie nach II.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da waren Sie dann bis 1944 im November, Oktober oder November. [Pause] Wo haben Sie denn dann geschlafen in dieser Zeit, als Sie im Krematorium II waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Am krematorium in di beuden.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Auf einem Dachboden des Krematoriums II.

 

Vorsitzender Richter:

Auf dem Dachboden des Krematoriums II.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war der Leiter dieses Krematoriums?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Unterscharführer Steinberg.

 

Vorsitzender Richter:

Unterscharführer Steinberg. Und was hat Moll da für eine Rolle gespielt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Er war Hauptscharführer über alle Krematorien.

 

Vorsitzender Richter:

Für alle Krematorien.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch einmal in dem sogenannten Bunker V gearbeitet?2

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war denn der?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Der Bunker V war mehr [außerhalb] vom Lager, im Wald.

 

Vorsitzender Richter:

Im Wald, nach dem Wald zu. Und was war das für ein Haus? War das ein früheres Bauernhaus?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, gedeckt mit Stroh.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Stroh gedeckt, ein früheres Bauernhaus. Was mußten Sie dort machen? Das war doch eigentlich, soviel ich bisher gehört habe, kein Krematorium, sondern eigentlich nur eine Gaskammer, wo die Leute vergast wurden.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber unter einem Krematorium versteht man doch einen Raum, wo Leichen verbrannt werden.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Als wir angekommen sind, in den ersten Tagen, wurden wir ausgewählt von den 250 Mann. Es sind 150 Mann am [+ Krematorium] III, IV geblieben, und wir, 100 Mann, sind weitergegangen bis Bunker V.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Bunker V.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. So hat man das dort [genannt].

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dort haben Sie

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Dort sind wir angekommen an dem Bauernhaus. Von vorne haben wir nichts gesehen. Und Hauptscharführer Moll ist mit einem Motorrad gekommen und sagte: »Hier werdet ihr zu fressen haben, aber ihr werdet da arbeiten müssen.« Sind wir rüber [auf] die andere Seite wieder. Und dort haben wir eine Gehenna gesehen.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Die Hölle.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Eine gehena oif der welt.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar was haben Sie gesehen? Was lag da?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dort haben wir Gräben in der Länge von ungefähr 30 Metern gesehen. Und in den Gräben [hat] Holz gebrannt mit so Brennstoffmaterial.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Benzin?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht Benzin, anderem...

 

Vorsitzender Richter:

Brennmaterial?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Brennmaterial.

 

Vorsitzender Richter:

Holz?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Holz und auch andere, Benzin, nicht Benzin. — Neft oder gaz.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Neft oder Petroleum.

 

Vorsitzender Richter:

Und Petroleum.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war nicht Petroleum. Es war was anderes.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kerosin.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, er sagt, nicht Benzin. Na ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht Benzin.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Kerosin.

 

Vorsitzender Richter:

Kerosin. Sagen Sie mal, Herr Zeuge, was ist eigentlich Ihre Muttersprache?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Jiddisch.

 

Vorsitzender Richter:

Jiddisch. Nun, Sie sind also dort zunächst zum Bunker V gekommen und hatten dort welche Aufgabe?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Leichen zu den Gräben schleppen.

 

Vorsitzender Richter:

Zu den Gräben schleppen. Und dann?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und dann waren andere, die haben sie reingeworfen in die Gräben.

 

Vorsitzender Richter:

Andere haben das gemacht.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Andere, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in den Gräben wurden die Leichen verbrannt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Verbrannt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, wo kamen Sie denn abends hin, wenn Sie fertig waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Am ersten Tag abends sind wir ins d-Lager gekommen, Block 26.

 

Vorsitzender Richter:

26.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, so denke ich. Nicht sicher, aber ich denke so. Dort hat man uns tätowiert.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat man Sie?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Nummer tätowiert.

 

Vorsitzender Richter:

Tätowiert, ja. Und dann?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Von dort sind wir in Block 13 gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

In Block 13.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da blieben Sie so lange, bis Sie nachher zunächst nach dem Krematorium I und dann nach II überführt wurden.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie, von den Menschen, die mit Ihnen zusammen da gekommen sind, haben die das alle mitmachen können? Oder sind da verschiedene gewesen, denen das zu grausam war, daß sie das nicht ertragen konnten?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es waren von uns viele, die selbst in die Grube, in das Feuer gesprungen sind.

 

Vorsitzender Richter:

In das Feuer gesprungen sind?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von sich aus?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Von sich aus.

 

Vorsitzender Richter:

Aus lauter Verzweiflung über das, was sie gesehen hatten?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie haben also dort im Krematorium I, nachher in II gelebt. Und was hatten Sie dort für eine Aufgabe?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Also das [hing davon ab], wieviel Arbeit es war. Wenn nicht viel Arbeit war, war ich Stubendienst. Und wenn mehr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was haben Sie getan, wenn viel Arbeit war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Alle Arbeit, [die es dort gab,] habe ich gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Habe von der Gaskammer rausgenommen, war im Auskleidungsraum, ich war bei den Öfen. Ich habe die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie haben die Leute aus den Gaskammern genommen. Sie waren bei den Öfen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, und habe die Asche auch vielmal rausgeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Alle Arbeiten, was es [gab] dorten, habe...

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren Sie auch dabei, wenn die Transporte angekommen sind und in diese sogenannten Entkleidungsräume geführt wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dort war ich vielmal.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn nun die Leute in diese Räume gebracht, wo sie sich auskleiden mußten?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

SS-Posten.

 

Vorsitzender Richter:

SS-Posten. Und was hatten die Häftlinge dabei zu tun?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Häftlinge haben gewartet, bis sie ausgekleidet waren. Nachher haben sie die Kleider rausgenommen, den Auskleidungsraum gereinigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, hatten Sie nicht auch die Aufgabe, die Leute zu beruhigen und ihnen zu sagen, sie würden hier nur gereinigt und gebraust und so weiter?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das hat die SS gemacht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Die SS hat das gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dann die Kleider herausgeholt, oder Sie mußten an den Öfen arbeiten?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es waren verschiedene Zeiten. In dieser Zeit, wenn der Transport war, war ich vielmal im Auskleidungsraum. Vielmal war das, daß man bei den Öfen sein mußte. Das war nicht dieselbe Sache. Die Leute waren nicht eingeteilt. Der mußte nur dort arbeiten, und der andere mußte dort nur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun erzählen Sie doch mal, was Sie so für Arbeiten insgesamt gemacht haben. Mal da, mal dort.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Auskleidungsraum habe ich vielmal die Kleider rausgetragen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herausgetragen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Kleider zu den Maschinen. Die Maschinen waren schon bereit, weil es mußten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Waren schon angefahren.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es mußten die anderen an die Reihe kommen. Die Kleider mußten schnell herausgenommen sein. Und nachher, wenn das Vergasen fertig war, habe ich auch die Leichen zu der Winde geschleppt. Dorten war eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zu der Winde, also zum Aufzug.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Zu dem Aufzug

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Aufzug, ja.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Für die Krematorien.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war unter der Erde, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, haben Sie auch gesehen, wenn diese Vergasungen vorgenommen wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wenn?

 

Vorsitzender Richter:

Wenn die Vergasungen vorgenommen wurden, wenn die Leute

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen. Was geschah denn da? Wie wurde denn das gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit jedem Transport ist ein Wagen vom Roten Kreuz angekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit einem großen Roten-Kreuz-Zeichen [auf] beiden Seiten. Dort ist immer ein Doktor gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Doktor immer.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Und darin, in dem Auto, war das Zyklon.

 

Vorsitzender Richter:

Und im Auto war auch das Zyklon.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das Zyklon B.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weil ich gesehen habe, das Zyklon wurde von dort rausgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wenn man das Zyklon rausgenommen [hat aus] dem Roten-Kreuz-Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Rausgenommen hat aus dem Roten-Kreuz-Wagen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch Namen von Ärzten oder von Leuten, die mit diesem Roten-Kreuz-Wagen gekommen sind?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Namen weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, bei Ihnen war auch ein Kapo Mietek.3

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Kaminski?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie hieß der Oberkapo?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wie er heißt?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Kaminski und Mietek. Mietek war der Oberkapo. Kapo war Kaminski.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie wissen also nicht mehr, wer da gekommen ist und wer das Zyklon B nachher in diese Gaskammern hineingeschüttet hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einen Namen kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Namen kennen Sie keine. Wie viele Menschen wurden denn da ungefähr in die Gaskammer hineingeführt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ungefähr 3.000.

 

Vorsitzender Richter:

In eine Gaskammer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Auf einmal?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Was heißt »auf einmal«?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wurden die zusammen hineingeführt oder in verschiedenen Abteilungen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, nein, nein. Nicht zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht zusammen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele gingen denn auf einmal hinein?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ungefähr so eine [Menge] ging auf einmal rein.

 

Vorsitzender Richter:

3.000 auf

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Aber die Leute sind nicht mit einmal dorten hinein. Der Auskleidungsraum hat nicht auf einmal so viele aufnehmen können. Man hat [+ sie] immer dort ausgekleidet.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Und was geschah mit denen, die schon hineingegangen waren in die Gaskammer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die haben gewartet, bis die anderen fertig waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, die haben solange gewartet.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange dauerte das denn, bis eine solche Gaskammer vollgefüllt war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es kann sein zwei Stunden.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat man denn den Leuten gesagt, was mit ihnen geschehen sollte?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Daß sie in das Bad gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sollen ins Bad gehen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben die das auch geglaubt? Oder haben die sich dagegen gewehrt, und kam es zu Streitereien oder zu irgendwelchen...

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es [gab] auch Fälle von [+ Leuten, die] was gewußt haben. Aber meistenteils haben sie nichts gewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und gab es auch Leute, die nicht hineingehen wollten und die sich gewehrt haben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die hat man mit Kräften reingeworfen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Kräften hineingeworfen. Also mit Gewalt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit Gewalt.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn die nun da drin waren, mußten sie ja doch spätestens in diesem Augenblick gemerkt haben, daß hier nicht gebadet wurde. Oder haben die es immer noch nicht gemerkt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, dort drin waren die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Duschen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Solche Duschen.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Duschen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war so gemacht, wenn ein [Mensch] dort reinkommt, so weiß er nicht, daß dort eine Gaskammer ist. Es war so [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War denn in dieser Gaskammer nicht noch ein Geruch von dem Gas, das vorher dort ausgebreitet worden ist?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, es war eine Entlüftung dorten mit [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Entlüftung mit einem elektrischen

 

Dolmetscher Grünblatt [unterbricht]:

Elektrischen Ventilator.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, nein, nein. Nicht Ventilator.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Nein?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das [+ war] in den Wänden. Von draußen war kein Ventilator.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Sondern?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Dings war keiner, nur in den Wänden. Hier an den Seiten von den Wänden waren die Ventilatoren.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Die Ventilatoren waren eingebaut in den Seitenwänden der Gaskammer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und haben diese Ventilatoren diesen Gasgeruch herausgetrieben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wenn diese Gaskammern voll mit Menschen angefüllt waren, dann begann die Vergasung?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dann hat die SS geschlossen das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

SS.

 

Vorsitzender Richter:

SS hat die Gaskammern verschlossen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Verschlossen. Und sind oben rauf, von draußen sind sie rauf. Und dorten waren zwei

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Stutzen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Solche Stutzen, einer weit vom zweiten. Und dort hat man reingeworfen das Zyklon.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das Zyklon.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und das war nachher zugedeckt mit einem [Deckel].

 

Vorsitzender Richter:

Mit einem Deckel zugedeckt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit einem Betondeckel zugedeckt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, ob der Arzt die ganze Zeit dabei war, solange die Menschen in den Gaskammern drin waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Der Arzt hat den Befehl gegeben, die Gaskammer zu öffnen.

 

Vorsitzender Richter:

Zu öffnen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange dauerte das ungefähr, bis dieser Befehl kam, nachdem die Gaskammern vorher verschlossen waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das [kam darauf an], wie viele Menschen drin waren. Wenn es mehrere Menschen waren, wenn es vollgestopft war, dann [ging] das schneller. Dann waren sie schneller tot. Wenn das weniger Leute [+ waren], hat das längere Zeit gedauert.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war das ungefähr, die längere Zeit? Äußerstenfalls.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Längere Zeit – es konnte auch bis 20 Minuten [dauern].

 

Vorsitzender Richter:

Und die kürzere Zeit?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Kürzere Zeit – fünf, sechs, sieben Minuten.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann wurden die Gaskammern geöffnet?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Geöffnet, und die Entlüftung [wurde] bald angemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie: »Der Arzt hat den Befehl gegeben.« Hat der Arzt sich zunächst vergewissert, ob die Leute tot waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Hob ech nicht farstanden.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Hat der Arzt zuerst geprüft, ob alle schon tot sind?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, er hat nicht prüfen dürfen. Es war an der Tür

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ein Fenster.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

War ein Fenster, und [+ durch] das Fenster hat er reingeschaut.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und hat er eine Gasmaske dabeigehabt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Von der Seite nein.

 

Vorsitzender Richter:

Der Arzt nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, er hat nicht gedurft, weil er

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat nur gesehen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Er war nicht in der Gaskammer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und hatte er gar keine Gasmaske dabei, oder doch?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Gasmaske hat der gehabt, der das Gas hineingeschüttet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Der es reingeschüttet hat.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber der Arzt nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Der Arzt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kam es auch vor, daß Menschen nicht tot waren nach diesem Vergasen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es waren viele solche Fälle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was geschah mit den Menschen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die wurden erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Die wurden erschossen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat das gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

SS.

 

Vorsitzender Richter:

SS. Sie kennen von dieser SS außer dem Moll niemanden mehr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Am Namen nein.

 

Vorsitzender Richter:

Am Namen nicht.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Am Namen kenne ich den Steinberg.

 

Vorsitzender Richter:

Den Steinberg.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und es war einer, den wir Holländer gerufen haben. Ob es sein richtiger Name war, weiß ich nicht. Und es war auch einer, den man »Der Rote« gerufen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hat man ihn gerufen?

 

Dolmetscher Grünblatt:

»Der Rote«.

 

Vorsitzender Richter:

Noch mal.

 

Dolmetscher Grünblatt:

»Der Rote«.

 

Vorsitzender Richter:

»Der Rote«?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Er war so ganz rot [im] Gesicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, wenn nun die Menschen herausgezogen wurden, haben Sie auch erlebt, daß Kinder noch am Leben waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht erlebt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Menschen, die dann herausgezogen wurden, was geschah mit denen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die haben wir auf die Winde gelegt und raufgeführt in die Höhe zu den Öfen.

 

Vorsitzender Richter:

In die Öfen, ja. Sagen Sie, Sie haben einmal erzählt, der sogenannte Holländer, der doch ein SS-Mann war, der hätte einen Stern getragen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einen Stern? Was heißt »einen Stern«?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Einen Stern. — A stern.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Aha.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dem Untersuchungsrichter haben Sie gesagt: »Der auch erwähnte Steinberg war Leiter des Krematoriums II. Weiter erinnere ich mich noch an den SS-Mann Holländer. Dieser trug einen Stern. Holländer war an Erschießungsaktionen beteiligt.« 4

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was soll der für einen Stern [+ getragen haben]? Ach so, ja, ich verstehe. Also keinen Judenstern, sondern einen Stern auf der Schulterklappe. Ja? Hatten Sie das so gemeint?

 

Richter Perseke:

Oder auf dem Spiegel.

 

Vorsitzender Richter:

Auf dem Spiegel?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auf dem Spiegel, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so. Die Menschen wurden also dann hinaufgeführt, sagten Sie, ans Krematorium, und dort wurden die Leichen verbrannt. Haben Sie auch erlebt, daß in dem Krematorium Menschen erschossen wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Ich habe das vielmal erlebt.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie vielmals erlebt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was waren denn das für Menschen, die da hingeführt wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es waren Häftlinge.

 

Vorsitzender Richter:

Aus dem Lager?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Aus dem Lager. Es waren auch Zivile.

 

Vorsitzender Richter:

Auch Zivile? Die nicht im Lager waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die nicht im Lager waren. Es waren auch Russen, Gefangene.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Menschen waren denn das, die da jeweils erschossen wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war vielmal nicht dieselbe Zahl.

 

Vorsitzender Richter:

Unterschiedlich, ja?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr von wieviel bis wieviel?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ungefähr bis 100 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 100 Mann etwa. Und wissen Sie, wer das gemacht hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die SS hat das gemacht. Das hat meistenteils der Holländer gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Der Holländer.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und der Unterscharführer Steinberg.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Steinberg.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war noch einer, aber seinen Namen erinnere ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wo der Raum war, wo die Menschen erschossen wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bei den Öfen.

 

Vorsitzender Richter:

Also da war doch erst die Kammer oder dieser Raum, wo die Leute sich ausgekleidet haben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, das war nicht unten in der Auskleidungskammer. Das war bei den Öfen, in der Höhe.

 

Vorsitzender Richter:

Bei den Öfen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also im ersten Stock. Oder wenigstens erdgleich, will ich sagen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das andere war ja unter der Erde.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war bei den Öfen, also über der Erde?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Über der Erde.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele SS-Leute hatten denn jeweils Dienst in diesen Krematorien?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Zwei, drei.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie auch mal erlebt, daß kleine Kinder in den Vergasungsraum noch hineingebracht worden sind, wenn der schon voll war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, die Kinder hat man geworfen, über die Köpfe oben.

 

Vorsitzender Richter:

Über die Köpfe weg geworfen? Haben Sie auch mal erlebt, daß Kinder anders umgebracht wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auch.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat man mit ihnen gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es waren Fälle, daß ein SS-Mann nimmt das Kind von der Mutter und gibt ihm ein zuker, ein Bonbon. Wie heißt das?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Er hat es getätschelt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, ein Bonbon.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Ah, er hat ihm ein Bonbon gegeben.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und er hat das Kind an den Händen genommen. Und unter der Mutter Augen hat er das an die Wand geklappt.

 

Vorsitzender Richter:

Vor den Augen der Mutter?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Vor den Augen der Mutter.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und wenn nun die Leute angekommen sind von den Transporten, wie sind die denn ausgeladen worden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

An der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Von der Rampe kamen sie mit Lastwagen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit Lastwagen kamen nur die, die nicht gehen konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Die nicht gehen konnten.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Alte.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sind die denn von den Wagen abgeladen worden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Sie wurden], wie heißt das, ausgekippt. Es war die Maschine, die auskippt, ausschüttet.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Die Leute wurden von den Lastwagen ausgeschüttet mit einem Kipper.

 

Vorsitzender Richter:

Abgekippt, ja.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Mit einer Kipperplattform.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wenn nun Leute sich da festhielten an den Wagen, was geschah denn dann?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Hat man in die Hände geschossen.

 

Vorsitzender Richter:

In die Hände geschossen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war denn das, der da geschossen hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

SS.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, wer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Namen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Namen nicht. War der Moll da auch dabei?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Er war vielmal dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Der war immer dabei. [Pause]

Haben Sie bei diesem »Sonderkommando« auch den Filip Müller getroffen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welcher Zeit war er denn dort?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Sommer.

 

Vorsitzender Richter:

Neunzehnhundert?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

44.

 

Vorsitzender Richter:

44. Sie sind ja dort gewesen vom Mai 1944, nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind in dieser Zeit, als Sie dort waren, auch einmal Häftlinge von dem »Sonderkommando« umgebracht worden, getötet worden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Verstehe ich nicht.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Hat men derharget di menschn von di »Sonderkommandos« in der Zeit, wo ir dort gearbejtet habt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Von dem Krematorium, wo wir gearbeitet haben, hat man [+ das] nie gemacht. Man hat [+ das] gemacht im Krematorium von Bunker V, und von III, IV hat man 200 Häftlinge in Auschwitz getötet.

 

Vorsitzender Richter:

Von III, IV und vom Bunkerkommando V.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und Bunker V, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da hat man 200 Häftlinge in Auschwitz

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

In Auschwitz getötet.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war denn das ungefähr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war [Pause] ungefähr im August, denke ich. Juli, August, ich weiß nicht genau.5

 

Vorsitzender Richter:

Im August. Und war in dieser Zeit die »Ungarn- Aktion« schon beendet?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, das war schon nach der »ungarischen Aktion«.

 

Vorsitzender Richter:

Da kamen keine ungarischen Juden mehr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und war das vielleicht der Grund, weshalb man diese Menschen getötet hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wie?

 

Vorsitzender Richter:

War das der Grund, weshalb man diese Menschen getötet hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Da war [nicht mehr] so viel Arbeit, [+ da] hat man sie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie waren überflüssig geworden.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Überflüssig, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie man sie getötet hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe nur gehört, daß man sie in Auschwitz im Stammlager getötet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Auch mit Gas?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auch mit Gas.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wo man sie getötet hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wie heißt das? Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das heißt.

 

Vorsitzender Richter:

In der Effektenkammer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In der Effektenkammer. Richtig, ja.6

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, konnten Sie denn bei diesen vielen Menschen mit den Öfen im Krematorium alle Leichen verbrennen? Oder waren das nicht zu viele, daß die Verbrennungsöfen das gar nicht schafften?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es waren Zeiten, [in denen] es viele Transporte [gab], und wir haben die Leichen in der Höhe bei den Öfen [auf Haufen legen] müssen, damit die Gaskammer frei wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und kam es auch vor, daß die Leichen so viele waren, daß die Öfen das gar nicht mehr schafften? Daß Sie die Menschen gar nicht verbrennen konnten in den Öfen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, es war vielmal

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was hat man denn dann gemacht mit den Leichen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Leichen waren nachher angeschwollen, sehr...

 

Vorsitzender Richter:

Hat man auch Leichen in Gruben verbrannt oder begraben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Krematorium II hat man keine Leichen in Gruben verbrannt.

 

Vorsitzender Richter:

Keine?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und im Krematorium IV?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie aber nicht selbst gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, nur gehört von den anderen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich erinnern, daß mal ein Aufstand im Krematorium stattfand?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Oktober.

 

Vorsitzender Richter:

Im Oktober?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren Sie damals, in welchem Krematorium?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In II.

 

Vorsitzender Richter:

In II. Und war auch im Krematorium II ein Aufstand?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war denn der, in welchem Krematorium?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

III, IV.

 

Vorsitzender Richter:

In III und IV. Hatten Sie nicht auch den Plan, dort einen Aufstand zu machen, im Krematorium II? [...]

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war ein Plan.

 

Vorsitzender Richter:

Es war ein Plan. Und hatte man Ihnen nicht auch schon Waffen besorgt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Jo, mir hobn schojn jo gehat wafn.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe es nicht verstanden.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Die haben Waffen besessen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Waffen besessen. Und was hatten Sie insbesondere für Waffen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Granaten.

 

Vorsitzender Richter:

Handgranaten?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Und Pulver, das man in

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und Pulver. Und warum haben Sie sich damals an diesem Aufstand nicht beteiligt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weil der Aufstand rasch gekommen ist. Sie sollten warten, bis wir in II, im Krematorium II, das Zeichen geben mit Feuer. Und sie haben nicht gewartet in III, IV, so daß II sich nicht daran beteiligt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Das habe ich nicht verstanden.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Der Aufstand im Krematorium II ist gescheitert deshalb, weil die Leute in Krematorium III und IV zu früh mit dem Aufstand begonnen haben, ohne das Feuerzeichen von Krematorium II abzuwarten.

 

Vorsitzender Richter:

Was geschah denn nun bei dem Aufstand? Wie hat der sich denn abgespielt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich bin mittags, so wir waren Stubendienst, ins Lager, ins d-Lager, Essen holen gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und ich bin gefahren auf der anderen Seite von Krematorium III, IV zu dem Krematorium II. In III, IV haben wir eine Kanne am Hof stehenlassen und sind ins Krematorium II gegangen. Am Weg von Krematorium II, in der Nähe, wo der Weg war zum Bunker V, dort war eine Postenstelle. Der Posten hat angefangen zu schießen.

 

Vorsitzender Richter:

Auf wen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht auf uns. Und so haben wir uns umgeschaut. Da haben wir gesehen, daß es Feuer gibt von Krematorium III. Hat der Posten, der mit uns war, [+ gesagt], wir müssen schnell ins Krematorium II laufen. Sowie wir in den Hof vom Krematorium reingekommen sind, hat man uns bald mit Maschinengewehr, SS

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Umstellt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Arum geringlt.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Umstellt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Umstellt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann? Was haben Sie dann gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dann ist viel SS gekommen, und sie haben [uns antreten geheißen.]

 

Vorsitzender Richter:

Wohin?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Hof.

 

Vorsitzender Richter:

In den Hof.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Wir sind [angetreten], bei uns waren die ganzen Häftlinge am Platz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Sie haben uns in ein Zimmer – wie heißt das –, wo man hat probiert die Körper...

 

Dolmetscher Grünblatt:

Sezierzimmer.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sezierraum.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Sezierzimmer. [+ Da] hat man uns reingesetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Alle die Leute. 83 Mann waren wir.

 

Vorsitzender Richter:

83 Mann.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun hatten Sie doch Ihre Eierhandgranaten dabei.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn damit gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wir sind dort gesessen bis spät. Später habe ich den SS, der bei der Türe war, gebeten, er soll mich Decken holen lassen für die Nacht, zum Schlafen dort. Hat er mich raufgelassen, hat man wieder die Granaten [versteckt] an einem Platz.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sie wieder versteckt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und sie sind dort geblieben bis zum Aufsprengen des Krematoriums.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist Ihnen da etwas geschehen damals, bei diesem Aufstand? Sind da Menschen von ihnen erschossen worden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einer [wurde] totgeschlagen, ein Häftling von uns. Er hat die Gummiräder...

 

Vorsitzender Richter:

Ein Fahrrad

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Ein Fahrrad

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durchgeschnitten die Pneus.

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Die Gummiräder durchgeschnitten von einem SS.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie, die übrigen Häftlinge, die in den Krematorien gearbeitet haben, also III und IV, sind von denen welche getötet worden, erschossen worden damals?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Häftlinge [wurden] alle erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Alle erschossen. Wie das vor sich gegangen ist, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie da eingesperrt waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, ich weiß nicht. Wir haben ja nicht gewußt, was überhaupt los ist.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wußten gar nicht, was los ist.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Konnten Sie sich nicht denken, daß dieser Aufstand da losgegangen war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, das dachten Sie nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah denn mit den Leichen dieser Häftlinge, die da erschossen worden sind?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Am Abend sind SS-Offiziere von der Politischen Abteilung gekommen und auch der Lagerführer. Und er hat uns gebeten, wir sollen, 30 Mann, ins Krematorium I gehen, arbeiten. Das wollten wir nicht, weil wir gewußt haben, daß

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es Ihre Kameraden waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es in Krematorium I Kameraden gibt. Und sie wollten uns schießen, ja, zu

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ach, Sie haben Angst gehabt, daß Sie selbst erschossen werden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Schießen, ja. Nachher haben sie geschworen für uns.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Sie haben geschworen.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben sie?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Sie haben geschworen für uns.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Wer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die SS.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Die SS haben bei denen einen Schwur geleistet.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Daß sie uns nicht töten. Wir sollten arbeiten gehen.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Daß man sie nicht tötet.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, sie haben geschworen, daß sie Sie nicht umbringen wollten.

 

Dolmetscher Grünblatt [unterbricht]:

Daß man sie nicht töten würde. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie verstanden, Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sind denn damals auch Häftlinge geflohen bei diesem Aufstand?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Was heißt »geflohen«?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Sind Menschen geflüchtet?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Von [+ den Krematorien] III, IV und I sind alle weggelaufen.

 

Vorsitzender Richter:

Von I und von III und IV.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

III und IV.

 

Vorsitzender Richter:

Na, III und IV sind ja doch, wie Sie sagten, zum großen Teil erschossen gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Auf der Flucht oder vordem sie weggelaufen sind? Oder nachher?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war am Platz. Das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war am Platz, es war auch draußen.

 

Vorsitzender Richter:

Als nun die russische Armee näherkam, was haben Sie denn da gemacht? Sind Sie da einfach weggelaufen aus dem Krematorium?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein. Als die russische Armee nähergekommen ist, sind wir in das Abbruchkommando überführt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Abbruchkommando. Und zwar was haben Sie abgebrochen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das Krematorium I und Krematorium II.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und als diese Arbeit zu Ende war, was hat man da mit Ihnen gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dann war schon die [Evakuierung].

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie da vorher gefragt worden, wer im »Sonderkommando« tätig war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wann vorher?

 

Vorsitzender Richter:

Vor der Evakuierung.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gefragt worden. Nun, wie ist es denn mit Ihrem Vater gewesen? Hat der damals noch gelebt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, mein Vater war mit mir zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann ist er denn gestorben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Ebensee.7

 

Vorsitzender Richter:

In Ebensee. Sie sind dann evakuiert worden. Und zwar sind Sie zu Fuß gegangen bis wohin?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bis Breslau, denke ich, hat das geheißen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, Sie wissen es nicht genau.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich denke, daß das Breslau war.

 

Vorsitzender Richter:

Sie denken, es wäre Breslau gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war an der Grenze von der Tschechoslowakei und Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Und von dort wurden Sie dann mit der Bahn zunächst nach Mauthausen befördert und dann nach Ebensee?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sondern?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich nach Melk.8 Mein Vater nach Ebensee.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, Sie nach Melk.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Und von Melk bin ich nach Ebensee gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Haben Sie in Ihrer Zeit auch den Angeklagten Kaduk kennengelernt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe ihn kennengelernt bei der Küche im Lager d.

 

Vorsitzender Richter:

Bei der Küche. Was hat er dort gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe zufällig gesehen, wie ein Häftling neben ihm vorbeigeht. Und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie ein Häftling neben ihm ging?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Und er hat die Mütze nicht runter...

 

Vorsitzender Richter:

Gezogen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Gezogen. Da hat er den Häftling angefaßt und ihm den Kopf in ein Faß voll Wasser reingesteckt.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war denn das ungefähr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war im Sommer. Ich weiß die Zeit nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer 44?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

44.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war denn das, wie Sie ihn gesehen haben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bei der Küche im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im d-Lager bei der Küche.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie damals schon untergebracht im Krematorium I?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, im Krematorium II.

 

Vorsitzender Richter:

Im Krematorium II. Entschuldigen Sie, ja. Wieso kannten Sie Kaduk, daß Sie wissen, daß er das gewesen ist?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe seinen Namen gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Von den Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Von den Häftlingen. Haben Sie den Namen schon vorher gehört gehabt, oder haben Sie ihn erst nachträglich gehört?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Im Lager habe ich seinen Namen gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich will nur wissen, ob Sie schon gewußt haben, wer Kaduk war, vordem Sie das gesehen haben mit dem Häftling, dem er den Kopf ins Wasser gesteckt hat.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, das habe ich nicht gewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie es nicht gewußt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie sich aufgrund dieses Vorfalls erkundigt, wer das war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dos hob ich gefrejgt shojn.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er gesagt?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Was hat er gesagt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich hob gefrejgt.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Er hat gefragt.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat gefragt. Als Sie das gesehen haben, da im Sommer 44 an der Küche, da haben Sie gefragt, wer das war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Habe ich einen anderen Häftling gefragt.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat Ihnen gesagt, das war Kaduk?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Eigenname Kaduk von Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Kaduk von Auschwitz?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was das für ein Mann war, der Kaduk, was er für eine Funktion gehabt hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Sonst haben Sie den Kaduk nicht mehr gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Das Gericht, keine Fragen mehr? Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist es einmal vorgekommen, daß eine Gruppe von Menschen, die in den Gaskammern war, lange, lange warten mußte, weil das Zyklon B nicht da war oder nicht genug Zyklon B da war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war ein Fall, die Leute waren schon in der Gaskammer. Und man hat das Zyklon, eine Büchse, zu dem Dach gebracht, und eine zweite Büchse war nicht [+ da]. War dorten ein Arzt, und der Arzt fragt den Chauffeur: »Wo hast du die andere?« Sagt er: »Ich habe nur eine gebracht.« Hat er ihn angeschrien und ihm gesagt: »Du mußt [aus] Auschwitz noch eine Büchse bringen.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wie lange hat das gedauert, bis die Leute alle tot waren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In dieser Zeit?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das hat [längere] Zeit gedauert, bis sie tot waren und bis man die andere Büchse gebracht hat, weil die Tore waren schon verschlossen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Wie lange hat der ganze Vorgang gedauert? Können Sie es zeitlich angeben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, nicht genau.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nicht genau. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Als Sie zum Kommando kamen, da wollten Sie zunächst die Leichen zu viert wegtragen. Und was hat man Ihnen da für einen Befehl gegeben, wie das gemacht werden soll?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Bei dem Anfang der Tätigkeit in dem Krematorium II — hot men ajch gegebn a bafel, az men sol di tojtn.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, Herr Rechtsanwalt Ormond, Sie meinen eben Krematorium V.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Oh ja, das kann sein, am Anfang im Bunker V. Ganz richtig.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Wenn ir zejt gewejn in bunker V iz gewejn a bafel, az vir man soln aweg trogn di tojte.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Kein Befehl.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Sondern?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das haben wir selbst gemacht, daß wir zu vier Mann einen Mann genommen haben. Und [+ da] ist ein SS gekommen und hat uns geschlagen, sagt er: »Ein Mann schleppt einen Mann!«

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und haben Sie zum Schleppen irgend etwas bekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, wir haben einen Spazierstock gekriegt. Und er hat uns gezeigt, wie man das machen soll.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und wie?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Den Spazierstock hängt man an unter den Hals. Und so schleppt man das.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, wissen Sie, in welchem Krematorium das tschechische Familienlager vergast worden ist? In welcher Gaskammer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das erinnere ich nicht genau. Aber ich denke, in Krematorium III, IV.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie etwas Näheres darüber, wie das vor sich gegangen ist?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das hat [+ man] mit Maschinen dorthin geführt. Das habe ich nicht gesehen, nur gehört.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was haben Sie davon gehört?

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie bitte ins Mikrofon sprechen, damit wir Sie auch hören können.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Das habe ich] immer nur gehört. An einem Tag, so nachmittags eine Stunde, hatten die das ganze Familienlager im tschechischen Lager ins Krematorium weggenommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie etwas Näheres gehört, wie das vor sich gegangen ist?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Pause] Also normal, denke ich. Ich weiß nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie etwas über die Vergasung des Zigeunerlagers?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, das war dieselbe »Aktion«. Die hat man in III, IV vergast. Das ist sicher.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Also nicht bei Ihnen, wo Sie gearbeitet haben dort.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bei uns war ein Teil, aber sehr wenig.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, in den Krematorien I und II, wie viele Leichen konnten zur gleichen Zeit verbrannt werden?

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge hat gesagt, 3.000 in einer Gaskammer.

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ja, vergast.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und wie viele Leichen Vergaster konnten zur gleichen Zeit in den Öfen von Krematorium I und II verbrannt werden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Da muß man schon rechnen. Das heißt, ungefähr 3.000 in 24 Stunden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Verbrannt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Verbrannt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie waren, wie ich gehört habe, schon einmal, bevor Sie als Zeuge benannt wurden, hier in der Verhandlung gewesen. Haben Sie bei dieser Gelegenheit irgendwelche unter den Angeklagten wiedererkannt?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Beim Verhör in Frankfurt — far dem heintikn tag, hot ir schojn fun dise [unverständlich] gesejn? Welchn hot er erkant?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Pause] Den da dort.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gehen Sie mal hin, deuten Sie mal auf ihn.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

[Pause] Und wer ist das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

An der Küche?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wen erkennen Sie noch? Vielleicht sollen sich die Angeklagten erheben. Er weiß ja nicht, wer Verteidiger und wer Angeklagter ist, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. [Pause] Den ersten? Wer ist denn das? Wissen Sie nicht. [Pause] Diesen, ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Wen?

 

Vorsitzender Richter:

Capesius.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Pause] Er war Arzt, denke ich.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Arzt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Arzt, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Er sagt, er war Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat er jetzt den Stark erkannt oder den Dylewski?

 

– Schnitt –

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Den zweiten.

 

Vorsitzender Richter:

War es der zweite?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Der zweite.

 

Vorsitzender Richter:

Welchen haben Sie erkannt? Gehen Sie doch noch mal hin, damit wir es genau wissen. Ich meine, ich hätte vorhin gesagt, der erste. Oder war es der zweite? Ich weiß es nicht, wen Sie erkannt haben.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Den anderen?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also dann ist das ein Irrtum. Jedenfalls der zweite. Dann nehmen Sie wieder Platz. Was haben Sie von diesem Mann im Gedächtnis?9

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Er ist vielmal in den Hof vom Krematorium gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Krematorium gekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei welcher Gelegenheit? Was hat er dort gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich kann mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Da können Sie sich nicht erinnern.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

War er bei Vergasungen zugegen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es kann sein.

 

Vorsitzender Richter:

Es könnte sein. Sie wissen es aber nicht mehr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Weiß] ich nicht mehr so.

 

Vorsitzender Richter:

Oder war er bei Erschießungen zugegen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einzelheiten [weiß] ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr. Dann haben Sie hier den Angeklagten mit dem blauen Anzug erkannt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, den haben wir oftmals gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie gesagt, das war ein Arzt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ein Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

In welcher Angelegenheit haben Sie ihn denn gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ihn habe ich gesehen einmal mit dem Roten-Kreuz- Wagen. Wenn es nur eine Büchse war, hat er, der Arzt, noch einmal den Wagen geschickt: Noch eine Büchse.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn ich Sie recht verstehe: Es war einmal eine Vergasung, und da war nur eine Büchse Gas da, und die hat nicht ausgereicht. Und da hat er Befehl gegeben, daß noch eine zweite Büchse geholt werden sollte.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie ganz genau?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da können Sie sich nicht irren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, bei ihm nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Seinen Namen kennen Sie nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender, ich glaube, Sie haben den Vorhalt etwas anders gemacht, als er zunächst gesagt hatte. Würden Sie ihn das bitte noch mal schildern lassen. Er soll es mal mit eigenen Worten schildern, und nicht Sie.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Schildern Sie bitte noch mal, was Sie von diesem Mann gesehen haben.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Der Mann ist einmal ins Krematorium gekommen mit dem Roten-Kreuz-Wagen. Und [+ sie] sind rüber [auf] die andere Seite, wo die Gaskammer war. Sie warfen die [+ von der] anderen Seite, nicht wo [unverständlich] warfen die von unten. Der Mann sagte so: »Wo ist die Büchse? Wo ist das Zyklon?« Der Chauffeur bringt eine Büchse. Sagt er: »Wo ist die zweite?« Sagt er: »Ich habe nur eine gebracht.« Hat er ihn [angeschrien] und ihn geschickt, noch einmal [eine] Büchse zu holen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, Herr Rechtsanwalt, ich hatte den Zeugen ganz richtig verstanden.

 

Verteidiger Laternser:

Ich hatte einen anderen Eindruck, Herr Vorsitzender [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr. Ja. Und damals, als er da war und nach der zweiten Büchse geschickt hat, waren da die Menschen schon in der Gaskammer, daß sie vergast wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Menschen waren in der Gaskammer, noch nicht vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren noch nicht vergast?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sollten vergast werden.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Vergast werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ist er da allein gekommen mit dem Rotkreuzwagen, mit dem Chauffeur, oder waren da noch andere dabei?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Es war unsere SS dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ihre SS?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja. Und es waren die SS, die den Transport begleitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Die den Transport begleitet haben.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, aber die waren nicht bei der Gaskammer dort.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren nicht bei der Gaskammer.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war denn bei der Gaskammer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Der Mann und unser Unterscharführer, Steinberg.

 

Vorsitzender Richter:

Der Steinberg und der Chauffeur.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Und der Chauffeur.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren also zu dritt. Drei.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Drei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer hat denn das Gas dann in die Gaskammern hineingeworfen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Die Gasmaske hat der Unterscharführer Steinberg gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Steinberg. War das am Tag, oder war das bei der Nacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Am Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Am Tag. Bei Kaduk haben Sie uns geschildert, daß er diesen Menschen in der Küche mit dem Kopf ins Wasser gehalten hat, bis er tot war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn wiedererkannt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt haben Sie weiterhin erkannt einen Herrn, von dem Sie sagten, das sei ein Arzt gewesen. Da, dieser Angeklagte, der eben die Hand hochhebt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie bei ihm gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe ihn häufig in das Krematorium reinkommen sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Bei welcher Gelegenheit?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit dem Transport.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Transport?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah dann? Haben Sie ihn weiter beobachten können? Haben Sie beobachtet, was er weiter tat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie hier einen Angeklagten gesehen, von dem Sie sagten, das sei ein Zahnarzt gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie von ihm gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ihn habe ich vielmal gesehen. Er ist gekommen, die Zähne abnehmen und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wegbringen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das Gold wegbringen. Es waren bei uns zwei Häftlinge, die haben Gold geschmolzen – heißt es »geschmolzen«?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Ja, ja. Ist richtig.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Richtig. Die haben Gold geschmolzen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das Gold hat er abgeholt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, das haben die Zahnärzte gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn auch mal gesehen, daß er mit einem Transport gekommen ist?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Den da?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mit einem Transport ins Lager?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ins Krematorium?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe ihn sehr viele Male im Krematorium gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie haben eben auf meine Frage geantwortet: »Ich habe ihn sehr viele Male im Krematorium gesehen, wenn er dort Gold abgeholt hat, was dort geschmolzen worden ist.«

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun frage ich Sie: Haben Sie ihn auch einmal gesehen im Krematorium, wenn ein Transport kam, der vergast werden sollte?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, habe ich ihn gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn auch gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er da eine Gasmaske dabeigehabt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Daran kann ich mich] nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

War das am Tag oder bei der Nacht, wenn Sie

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Am Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Am Tag. Und was hat er da gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Habe ich nicht bemerkt.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht bemerkt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wäre es möglich, daß er an dem Tag auch nach diesem Gold da gegangen ist, was da geschmolzen war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Warum nicht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weil das Gold hat man einmal in der Woche rausgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal in der Woche.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da ist er gekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mehrmals.

 

Vorsitzender Richter:

Mehrmals.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar immer mit einem Transport?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht immer. Einmal so und einmal so. Das habe ich nicht bemerkt, wievielmal [+ er] dorten war.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben ihn mehr als einmal mit einem Transport kommen sehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Mehr als einmal.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie nicht sagen, was er dann gemacht hat? Oder wissen Sie, daß er dann die Vergasung geleitet hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, das habe ich nicht mehr bemerkt.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht mehr bemerkt. Dann haben Sie weiterhin diesen Angeklagten gesehen und haben gesagt, das sei auch ein Zahnarzt gewesen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Richter Perseke:

Nein, ein Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Arzt, haben Sie gesagt. Ein Arzt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ein Arzt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Daran kann ich mich] nicht erinnern, was er gemacht hat. Das Gesicht, seines, ist mir sehr, sehr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das Gesicht ist Ihnen bekannt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Sehr bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie können sich auf Einzelheiten nicht mehr erinnern.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, überhaupt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er mit einem Transport gekommen ist oder ob er so gekommen ist, vielleicht auch das Gold holen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. [...] Dann haben Sie noch gesehen da vorn den mit der Brille und haben gesagt, das sei ein höherer Offizier gewesen. Oder?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein. In Begleitung [von] höheren Offizieren war er dort.

 

Dolmetscher Grünblatt:

Er war in Begleitung von höheren Offizieren in das Krematorium gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

In Begleitung von höheren Offizieren. Wissen Sie, bei welcher Gelegenheit die dorthin gekommen sind?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bei den Transporten meistenteils. Wenn die Transporte angekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Waren denn da immer höhere Offiziere dabei?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Immer ein höherer Offizier von ihm.

 

Vorsitzender Richter:

Immer ein höherer Offizier dabei.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein Arzt, der höhere Offizier, oder?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und mit diesem höheren Offizier ist er damals gekommen? Ja?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was er dort getan hat, können Sie uns das sagen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Aber Sie können sich bestimmt darauf erinnern, daß er mit einem höheren Offizier dorthin gekommen ist, wenn ein Transport ankam und in die Gaskammern kam?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht immer.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht immer.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht immer, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben ihn gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe ihn vielmal gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Vielmals?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War er selbst ein Offizier?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auch.

 

Vorsitzender Richter:

Er war auch einer?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Auch Offizier.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Höcker.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] höherer Offizier.

 

Vorsitzender Richter:

War er ein höherer Offizier?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Was heißt »ein höherer«? Ich kenne keine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dienstgrade.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber Sie haben uns gerade eben gesagt: »Es kam immer ein höherer Offizier dahin.« Oder: »Er war in Gesellschaft eines höheren Offiziers.« Was verstehen Sie darunter?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Er hat gegrüßt für jenen. Er hat salutiert für

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vor dem anderen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Dem anderen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] So. Herr Rechtsanwalt Ormond, würden Sie Ihre Fragen fortsetzen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

[unverständlich] Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben keine mehr.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Scherpe [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ach, Scherpe fehlt noch. Jawohl. Da haben Sie noch dahinten einen erkannt mit einer Brille. Was hat er gemacht?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Daran kann ich mich] nicht erinnern. Aber das Gesicht, seines, ist mir sehr...

 

Vorsitzender Richter:

Bekannt.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob dieses Gesicht Ihnen bekannt ist vom Lager Auschwitz I oder von Birkenau?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Ich kann mich] nicht mehr erinnern. Im Lager Auschwitz war ich überhaupt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Waren Sie einmal im Krankenbau?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Auschwitz?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und in Birkenau?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Birkenau, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Birkenau war da, wo das Krematorium war.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ich meine, ob Sie auch einmal krank waren und in den Krankenbau gekommen sind?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. [Pause] Also Sie haben hier den zweiten Angeklagten zu erkennen geglaubt. Dieser Angeklagte heißt Stark. Der war aber in der Zeit, als Sie dorthin gekommen sind, gar nicht mehr im Lager.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

[Pause] Sein Gesicht ist mir sehr bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Na, nehmen Sie wieder Platz. Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, der Häftling, der von Kaduk in den Wasserbottich gesteckt wurde, war der tot anschließend? Oder hat er ihn dann wieder rausgelassen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich denke, daß er tot war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie es gesehen, daß er tot war?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann eine weitere Frage. Herr Zeuge, waren Sie in letzter Zeit in Auschwitz?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einen Tag. Wann in letzter Zeit?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wann war denn das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nach dem Krieg oder in...

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wann Sie das letzte Mal in Auschwitz waren.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich war vor zwei Monaten ungefähr in Auschwitz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Vor zwei Monaten. Was war denn der Anlaß für diese Reise?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe dort mein Tagebuch begraben und bin dorthin gefahren, das Tagebuch zu suchen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Sind Sie damals auf dieser Reise von einem Reporter der Illustrierten »Revue« begleitet worden?10

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Herr Zeuge, kennen Sie den Artikel, den dieser Reporter über Ihre Reise geschrieben hat in der Illustrierten »Revue«?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, ich habe ihn einmal gelesen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Da heißt es, in diesem Artikel, daß Sie auch den Angeklagten Doktor Capesius erkannt hätten, wie er Zyklon zum Krematorium gebracht hat. Nun frage ich Sie: Wie erklären Sie sich, daß in diesem Artikel der Name Capesius steht, den Sie uns ja heute nicht nennen konnten? Sie haben uns hier einen Mann gezeigt, aber Sie konnten uns den Namen nicht nennen. Wie erklären Sie sich das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Den Namen habe ich der »Revue« nicht gesagt. Den Angeklagten kenne ich sehr gut von früher.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wenn Sie mir 1.000 Menschen bringen, erkenne ich ihn auch.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Also Sie haben, wie Sie einmal hier im Verhandlungssaal waren, einen Mann erkannt – ist das der Mann, den Sie uns vorhin auch gezeigt haben, letzte Reihe, hinten links außen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und Sie haben gesagt damals

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Einen Moment. Welchen zeigen Sie mir?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na ja, also zeigen Sie mir mal den, den Sie dem Reporter gezeigt haben.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wann?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Er soll den Mann zeigen, von dem der Journalist in der Illustrierten »Revue« geschrieben hat.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Den da.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Gehen Sie bitte noch mal hin. Ich konnte das nicht

 

Zeuge Dov Paisikovic [unterbricht]:

Der erste da

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was hat er für einen Anzug an?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einen blauen Anzug.

 

Vorsitzender Richter:

Einen blauen Anzug.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und Sie haben also den Namen Capesius diesem Reporter nicht gesagt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön, ich habe keine weitere Frage.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe keine Fragen.

 

Verteidiger Laternser:

[Pause] Herr Zeuge, Sie haben auf die Frage des Vorsitzenden, was dieser Angeklagte, den Sie bezeichnet haben, getan habe, erklärt, daß Sie ihn einmal im Krematorium gesehen haben. Er sei mit dem Rote-Kreuz-Wagen gekommen. Können Sie das bitte...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ach so.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er gesagt.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Sie sagten dann weiter, daß nur eine Büchse dagewesen sei und er dann den Befehl gegeben habe, eine zweite Büchse zu holen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Haben Sie das genau so dem Reporter von der »Revue« geschildert?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Rechtsanwalt, entschuldigen Sie bitte, ich will nichts bemängeln. Ich will nur sagen, ich habe den Zeugen so verstanden, daß er gesagt hat, er hat den Angeklagten oft gesehen. Einmal hat er ihn gesehen, als diese Geschichte mit der Zyklon-B-Büchse passiert ist.

 

Verteidiger Laternser:

Nein, ich glaube, ich habe es so in Erinnerung, daß er ihn einmal gesehen hat.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nur einmal oder oft?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Oftmals. Einmal habe ich ihn gesehen bei dem Zufall, [über den] ich gesprochen habe.

 

Verteidiger Laternser:

Darf ich mal fragen, wie die Notizen...

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Einmal.

 

Verteidiger Laternser:

Einmal, ja. Ich habe auch einmal.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Häufig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gut. Herr Rechtsanwalt, ich glaube aber, es könnte insofern ein Mißverständnis vorliegen, als der Zeuge gesagt hat: »Einmal war es mit der Büchse.« Aber ich hatte auch den Eindruck, daß er vorher gesagt hat, er hat ihn verschiedene Male gesehen, und einmal war die Sache mit der Büchse.

 

Verteidiger Laternser:

Nein, Herr Vorsitzender, das trifft nicht zu.

 

Vorsitzender Richter:

Nun wollen wir ihn doch noch mal fragen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Na ja, der Wert der Antwort ist ja jetzt natürlich etwas abgemindert.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich möchte nur darauf aufmerksam machen: Er sagte eben, er würde ihn unter Tausenden wiedererkennen. Ich meine, das wird wahrscheinlich nicht von einem einzigen Mal...

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Also, Herr Zeuge, fragen wir Sie doch noch einmal: Wie oft haben Sie den Angeklagten mit dem blauen Anzug gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Vielmal.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einmal oder mehrere Male?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Vielmal.

 

Vorsitzender Richter:

Vielmals. Und das mit der Büchse hat sich wie oft abgespielt?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Einmal.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal. So. Bitte schön, weiter.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Sie waren dann, wie Sie schon sagten, vor zwei Monaten hier mal in dieser Verhandlung?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, vor einem Jahr.

 

Verteidiger Laternser:

Bitte?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In Auschwitz war ich.

 

Verteidiger Laternser:

In Auschwitz. Und waren Sie schon einmal hier in der Gerichtsverhandlung?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich widerspreche der Frage. Die Frage ist beantwortet.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe gefragt, wann er in der Gerichtsverhandlung war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein, Sie haben gefragt, ob er in der Gerichtsverhandlung war. Die Frage ist beantwortet. Deswegen widerspreche ich der Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Also fragt der Rechtsanwalt Laternser, wann er in der Verhandlung war.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Wann er in der Verhandlung war. Wann war das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wie?

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie mit dem Reporter hier in der Verhandlung waren.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich war einmal hier in der Pause.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das war an einem Montag. Das war vor zwei Monaten ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Etwa vor zwei Monaten.

 

Verteidiger Laternser:

Sie sagten, daß Sie in der Pause hier...

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Also nicht während der Verhandlung?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nun, darf ich Ihnen mal ein Bild [+ zeigen]. Sie sind ja hier im Saal fotografiert, von oben hier.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weiß ich.

 

Verteidiger Laternser:

Sehen Sie sich das Bild doch mal an.11

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ist das während der Pause?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ich werde es dem Gericht dann vorlegen. Sie haben also der Verhandlung, der laufenden Verhandlung, nicht zugehört?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nun gut. Und dieser Reporter ist dann mit Ihnen nach Auschwitz gefahren?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und was haben Sie für diesen Artikel bekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nichts.

 

Verteidiger Laternser:

Nichts bekommen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Wollen Sie das tatsächlich hier aussagen, daß Sie für den Artikel nichts bekommen haben?

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich widerspreche diesem Vorhalt. Wenn der Zeuge erklärt hat, daß er nichts bekommen hat, ist es eine grobe Ungehörigkeit, zum zweitenmal zu fragen, ob er das aufrechterhalten will.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt, bitte nicht gleich mit diesen...

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Loz im fregn.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nicht gleich, Herr Vorsitzender, ich höre mir das schon eine ganze Weile mit an.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Zeuge, Sie bleiben dabei, daß Sie nichts bekommen haben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein. Sie haben gezahlt meine Luftkarte von Tel Aviv nach Warschau.

 

Vorsitzender Richter:

Flugkarte.

 

Verteidiger Laternser:

Also haben Sie doch etwas bekommen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nicht ich.

 

Verteidiger Laternser:

Wenn Sie die Flugkarte bezahlt bekommen haben, dann haben Sie doch etwas bekommen.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe nichts bekommen. Sie haben die Ausgaben gezahlt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also der Zeuge sagt, er hat darüber hinaus kein bares Geld bekommen.

 

Verteidiger Laternser:

Nun, vor Ihrer Vernehmung draußen auf dem Gang, hat Sie da jemand angesprochen, ein Herr Niedzielak?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Weiß ich nicht, wer das ist.

 

Verteidiger Laternser:

Ohne daß Sie Namen kennen – hat Sie jemand angesprochen draußen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe viele Bekannte hier. [unverständlich] Müller, Radvanský.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, gut, die sind ja mit Ihnen zusammen geladen hier.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Nun, ich meine, ob Sie von einem Herrn angesprochen worden sind, der Sie über Ihre Aussage befragt hat?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich schlage vor, daß wir das abkürzen. Der Herr sitzt ja da in der ersten Reihe. Der kann notfalls aufstehen und der Zeuge sich umdrehen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, sehen Sie sich doch mal diesen Herrn an.

 

Vorsitzender Richter:

Niedzielak, wollen Sie mal aufstehen? Ja. Drehen Sie sich mal rum. Ob Sie mit diesem Herrn gesprochen haben.

 

Verteidiger Laternser:

Hat Sie dieser Herr angesprochen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich habe ihn gesehen, angesprochen nicht.

 

Verteidiger Laternser:

Angesprochen hat er Sie nicht.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein. So habe ich ihn vielmal gesehen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Haben Sie ihn auch beim letzten Besuch gesehen, als Sie hier waren und hier im Saal fotografiert wurden?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ihn?

 

Verteidiger Laternser:

Ja.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Nicht. Ich habe jetzt keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Herr Rechtsanwalt Adolph.

 

Verteidiger Adolph:

Herr Paisikovic, dieser Vorfall bei der Küche im Lager d – haben Sie danach den Kaduk noch öfters gesehen, diesen Herrn? Haben Sie verstanden?

 

Dolmetscher Grünblatt:

Nochdem wos hot zich zugetragn in der kich, mit dem Kaduk, hot ir dem man nochamol gesejn in dem lagr?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Vieleicht jo, 'ch hob nicht bamerkt.

 

Verteidiger Adolph:

Wie stellen Sie sich zu dem Vorhalt, daß der Angeklagte Kaduk im Sommer 1944 niemals im Birkenauer Lager war?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich widerspreche dieser Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Na, Sie können höchstens sagen, daß es der Kaduk behauptet.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Erstens das und zweitens, daß er nicht dienstlich dort tätig war. Auch der Zeuge hat ja gesagt, dieser Mann sei ihm vorgestellt worden als der Kaduk von Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Adolph:

Diesen Zusatz hatte ich allerdings nicht gehört.

 

Staatsanwalt Vogel:

Dann empfehle ich Ihnen, doch etwas besser aufzupassen.

 

Vorsitzender Richter:

Na also

 

Verteidiger Adolph [unterbricht]:

Es wurde gesagt, daß er ihm vorgestellt worden sei als Kaduk. Mit dem Zusatz »von Auschwitz«, diesen Zusatz habe ich nicht gehört.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ist gefallen.

 

Verteidiger Adolph:

Haben Sie sich davon überzeugt, daß dieser Mann gestorben sei.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Daß der Mann?

 

Verteidiger Adolph:

Den er angeblich in den

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wasserbottich rein

 

Verteidiger Adolph [unterbricht]:

Bottich, in diesen Kübel, in dieses Faß, Genaueres ist ja nicht zum Ausdruck

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Frage ist beantwortet. Der Zeuge hat auf die Frage des Staatsanwalts oder des Rechtsanwalts Raabe geantwortet: »Ich meine, er sei tot gewesen.«

 

Verteidiger Adolph:

Ja. Er sagt, er denkt es, er sei tot gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Er denkt es. Schön.

 

Verteidiger Adolph:

Sie haben in einem anderen Zusammenhang gesagt, er sei totgeschlagen worden. Ist er nun totgeschlagen worden, oder ist er ertränkt worden? Oder war er überhaupt tot?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich widerspreche der Frage in der Form. Der Herr Rechtsanwalt mag angeben, woraus er diesen Vorhalt macht, in welchem Zusammenhang das geschehen sein soll.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich habe also keine Kenntnis davon, daß der Zeuge gesagt haben soll, der Kaduk habe den Mann totgeschlagen.

 

Verteidiger Adolph:

Während der Identifizierung hat der Zeuge Paisikovic auf den Angeklagten Kaduk gedeutet und hat gesagt: »Das ist der, der den Mann bei Küche d totgeschlagen hat.«

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Das habe ich gehört.

 

Verteidiger Adolph:

Das hat er gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gehört? Ja, also wir haben das nicht gehört. Aber schön.

Der Herr Rechtsanwalt sagt, Sie hätten vorhin den Angeklagten Kaduk gesehen und hätten gesagt: »Das ist der Mann, der an der Küche den Häftling totgeschlagen hat.«

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nun, wenn der Mann mit dem Kopf im Wasser geblieben ist, dann mußte er tot sein, und die Füße hängen runter. Da denke ich, daß er nicht mehr leben kann.

 

Verteidiger Adolph:

Hat er also nicht geschlagen?

 

Vorsitzender Richter:

Er hätte nicht geschlagen, sondern nur ins Wasser runtergedrückt. Ja?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So war es.

 

Verteidiger Adolph:

Sind Sie länger bei diesem Vorfall stehengeblieben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Bis ich was zu essen gekriegt habe für die Krematorien II und I.

 

Verteidiger Adolph:

War das in der Küche oder davor?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

In?

 

Verteidiger Adolph:

In der Küche oder davor?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Vor der Küche.

 

Verteidiger Adolph:

Vor der Küche. Keine weitere Frage. Danke.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich möchte dem Gericht den Artikel vorlegen, insbesondere das Bild, aus dem sich ergibt

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Das ist doch eine Fotomontage.

 

Verteidiger Steinacker:

Das behaupten Sie. Woher wissen Sie das? Waren Sie dabei?

 

Verteidiger Laternser:

Das ist eine aus der Luft gegriffene Behauptung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also diese Aufnahme ist gemacht bei Beginn der Verhandlung. Denn das Gericht und die Angeklagten und alle

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Sind gerade im Begriff reinzukommen.

 

Vorsitzender Richter:

Prozeßbeteiligten stehen noch.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Es war in der Pause.

 

Verteidiger Laternser:

Die Pause war doch zu Ende.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Direktor, dieses Bild durfte einmal offiziell gemacht werden, daß das Gericht steht. Dieses Bild ist ein offizielles Bild, daß das Gericht steht. Das ist einmal hier zu Beginn der Verhandlung gemacht worden. Und jeder, der ein wenig Ahnung hat von diesen Dingen, sieht auf den ersten Blick, daß das eine Fotomontage ist. Notfalls kann ja der Bildredakteur dieser Zeitung gehört werden.

 

Verteidiger Laternser:

Ach, mit Fotomontagen scheint sich also Herr Kaul ziemlich gut auszukennen. Das ist ja so eine übliche Methode da drüben.

 

Vorsitzender Richter:

Meine Herren, ich bitte erstens mal, nicht zu lachen. Zweitens, Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser, politische Bemerkungen wünsche ich nicht hier in diesem Prozeß.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender, dann müssen Sie aber diese Bemerkungen auch Herrn Kaul untersagen. Ich muß doch meine Antwort geben.

 

Vorsitzender Richter:

Der Herr Kaul hat lediglich gesagt

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich meine jetzt nicht diese Angelegenheit.

 

Vorsitzender Richter:

Es handele sich um eine Fotomontage. Sonst hat er gar nichts gesagt.

 

Verteidiger Laternser:

Ich meine jetzt nicht diesen Fall, sondern bei anderer Gelegenheit. Dann bitte ich, nach den gleichen

 

Vorsitzender Richter:

Also dann sagen Sie das bei anderer Gelegenheit, wenn es nötig ist.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, dann bitte ich, nach gleichen Regeln zu verfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ist noch eine Frage an den Zeugen zu stellen?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, Herr Vorsitzender, es dürfte sich ja sehr leicht klären lassen, dieses Problem. Herr Paisikovic, Sie haben uns vorhin gesagt, daß Sie nur in der Pause hier waren. War es vielleicht so, daß Sie in der Pause hier waren und daß dieses Bild noch am Anfang beim Hereinkommen des Gerichts gemacht wurde und Sie dann den Verhandlungssaal verlassen haben? Wollten Sie das vorhin sagen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wenn das Gericht aufgestanden ist, wenn der

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich widerspreche dieser Frage. Die ist eine reine suggestive Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, er will ja doch eben gerade erzählen. »Das Gericht ist aufgestanden« und?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das Gericht ist aufgestanden. In dem Moment war ich schon an der Türe, rauszugehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war an der Tür, rauszugehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich.

 

Vorsitzender Richter:

Sie?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also waren Sie doch im Saal, während das Gericht drin war.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Wenn da Leute aufgestanden sind, wenn das Gericht aufgestanden ist, die Leute im Gericht.

 

Vorsitzender Richter:

Aufgestanden, weil das Gericht gekommen ist oder weil das Gericht weggegangen ist?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Gekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Gekommen ist. Und da sind Sie hinausgegangen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Da wurde also noch die Aufnahme gemacht, und dann sind Sie rausgegangen, ja?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja, die Aufnahme, das war eine Sekunde – ich weiß nicht, wie man es nennt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Danke schön.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, kann ich das Gericht daran erinnern, daß der Zeuge gesagt hat, er war vor etwa zwei Monaten in Auschwitz und etwa zu dieser gleichen Zeit hier im Verhandlungssaal. Zur gleichen Zeit etwa hat sich hier im Gerichtssaal die Sache mit dem Fotografen abgespielt. Ich möchte das nur in das Gedächtnis des Gerichts zurückrufen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß es, Herr Rechtsanwalt Steinacker. Und diesem Fotografen war aufgegeben worden, diesen Film zu vernichten und nicht zu veröffentlichen.

 

Verteidiger Steinacker:

So ist es.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Aber ich bin dahin informiert, daß er zwei Apparate gehabt hat. [...] Und ich meine, da geschieht ja, was will, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ist sonst noch eine Frage zu stellen? Kaduk.

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Vorsitzender, ich möchte eine kurze Erklärung abgeben. Ich hatte in Auschwitz in Birkenau nichts zu tun gehabt. Ich war nur im Stammlager in Auschwitz gewesen. Der Zeuge kann mich ja gar nicht kennen, da ich keinen Dienst gemacht habe.

 

Vorsitzender Richter:

Na, dann nehmen Sie wieder Platz. Wenn keine Fragen mehr sind – bitte schön, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Zeuge, haben Sie den Mann dort hinten in dem blauen Anzug, den Doktor Capesius, auch unten in dem Entkleidungsraum gesehen?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich daran erinnern?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Nein, er denkt das nicht. Er hat ihn nicht gesehen dort unten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Können Sie sich daran erinnern, ob Sie dort den Angeklagten, den Sie auch als Arzt bezeichnet haben, zwischen den Schildern 23 und 15, ob Sie diesen Angeklagten im Entkleidungsraum gesehen haben?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Welchen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Hier in der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der mit der Brille.

 

Staatsanwalt Kügler:

Heben Sie doch mal die Hand.

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Das kann er sich nicht erinnern, wo er hat [unverständlich] in Auskleidungskammer.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das können Sie sich nicht erinnern. Danke, ich habe dann keine weitere Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind, werden zur Beeidigung Anträge gestellt? Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ich kann.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können es?

 

Zeuge Dov Paisikovic:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

 

 

 

1. Das Lager BIIc wurde von Juni 1944 bis November 1944 als Durchgangs- bzw. Depotlager hauptsächlich für Jüdinnen aus Ungarn genutzt. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. I, S. 116.

2. Das sogenannte Weiße Haus, auch Bunker 2 genannt.

3. Mieczysław Morawa.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 24.10.1963 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 18.098.

5. Am 23.09.1944 wurden 200 Häftlinge des »Sonderkommandos« von Birkenau ins Stammlager verbracht und in einem Gebäude vergast, das bislang ausschließlich zur Desinfektion von Kleidung verwendet worden war. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 886.

6. Die Häftlinge wurden in der im Bereich der Magazine »Kanada I« gelegenen Entwesungskammer getötet. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. III, S. 222.

7. Nebenlager des Konzentrationslager Mauthausen.

8. Nebenlager des Konzentrationslager Mauthausen.

9. »Der Zeuge Paisikovic erkannte die folgenden Angeklagten: Stark; ›den, der totgeschlagen an der Küche‹, Kaduk; ›der war Arzt‹, Dr. Capesius; ›war auch Arzt‹, Dr. Lucas; ›den kenne ich auch, war Arzt‹, Dr. Schatz, ›ist viel gekommen in Krematorium, war Zahnarzt, hat mit den Zähnen zu tun gehabt‹; ›den kenne ich auch‹, Scherpe; ›er ist gekommen mit höheren Offizieren‹, Höcker; ›der war auch Arzt‹, Dr. Frank.« Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 08.10.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 103, Bl. 780.

10. Vgl. den Artikel »Wiedersehen mit der Hölle« von Paul Trunk über die Reise des Zeugen Paisikovic nach Auschwitz, in: Revue, Nr. 37, 13.09.1964.

11. Siehe das Foto in: Revue, Nr. 37, 13.09.1964, S. 44.

 

 
 
 
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