Logo Fritz Bauer Institut
 
Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

120. Verhandlungstag, 10.12.1964

 

Vernehmung der Zeugin Cäcilie Neideck

 

Vorsitzender Richter:

Auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, ich habe nichts dagegen einzuwenden.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe hier ein ärztliches Zeugnis überreicht bekommen, nach dem Sie von etwas angegriffener Gesundheit sind. Sie müssen uns sagen, wenn Sie irgendwie von uns überfordert werden, damit wir Rücksicht nehmen können auf Sie.

Frau Neideck, Sie waren Krankenschwester auch in dem Lager Ravensbrück?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie denn dahin gekommen?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ich bin 1937 verhaftet worden, im März, vor dem Sondergericht abgeurteilt, ein Jahr, neun Monate Strafe. Ich war Jungsozialistin, verbotenerweise.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Und da habe ich meine Strafe [abgesessen], zehn Tage im Anschluß im Präsidium. Und dann habe ich gedacht, ich werde entlassen, nicht. Und nun traf das gerade zufälligerweise auf einen Sonntag. Und dann wurde mir dort gesagt: »Ja, Sie müssen noch die Nacht hierbleiben. Sie müssen unterschreiben, damit Sie sich nicht irgend wieder politisch betätigen verbotenerweise.« Na, und ich habe das eingesehen, habe mich schon gefreut auf meine Freiheit. Und am Montag dann kam ich zum Erkennungsdienst und so weiter. Und da hieß es auch: Das ist eine Routinesache. Fingerabdruck und Erkennungsdienst, das ist so gang und gäbe. Ja, aber von diesem einen Montag an wurden es dann zehn Tage. Und inzwischen kam ich auch zu ärztlicher Untersuchung. Und bei einer von diesen braunen Schwestern da war irgendwie so eine ärztliche Dienststelle. Und dann habe ich zufällig gesehen, wie der zuständige Arzt dann schrieb: »Transportfähig für das Konzentrationslager«. Nun wußte ich es ja. Da bekam ich den ersten Nervenzusammenbruch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da kamen Sie als Häftling nach Ravensbrück.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das ungefähr?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Im Januar 1940.

 

Vorsitzender Richter:

Im Januar 1940. Und wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Bis Anfang 44, also bis April 44.

 

Vorsitzender Richter:

Januar 1940 bis April 1944. Und wo kamen Sie dann hin, wurden Sie dann entlassen?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, dann wurde ein Transport aufgestellt. Bis zu dem Zeitpunkt war ich Krankenpflegerin im Revier, nicht ganz bis 43, also drei Jahre. Und dann bin ich da unschön aufgefallen, weil ich – ich kann es sagen – gestohlen habe für den Block 11. Das war der Jüdinnenblock, und die hatten Revierverbot. Die Armen haben mir so leid getan, und da habe ich die Taschen vollgesteckt. Das ist 99mal gutgegangen. Und dann bin ich doch einmal erwischt worden, wie ich zum Block 11 ging, von einer Wiener Aufseherin. Putziger hieß sie. Und da war die Herrlichkeit vorbei als Krankenpflegerin.

Acht Tage durfte ich noch im Krankenrevier bleiben, und dann Strafrapport, nicht. Acht Wochen habe ich Schläge gekriegt auf einem Bock und acht Wochen Dunkelhaft, bei jedem vierten Tag warmem Essen. Und am 28. Januar kam ich aus dem Zellenbau heraus und dann in den Strafblock. »Lagerkommando« hat man gesagt. Ja, und auf unbestimmte Zeiten. Von Januar bis Februar war ich dann zwei Monate drin. Und dann wurde bei uns im Strafblock ein Transport aufgestellt, und zwar fünf Deutsche. Da waren noch eine Kollegin aus dem Krankenrevier, also eine Häftlingspflegerin, die im Strafblock war, und drei andere deutsche Häftlinge und 45 Zigeunerinnen. Also es war an für sich ein kleiner Transport, der aufgestellt wurde. Und dann sind wir nach Auschwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie auch noch in Auschwitz.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, aber nur kurze Zeit. Und dann kam ich nach Ravensbrück zurück mit einem Transport.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Neideck, aus Ihrer Zeit in Ravensbrück – haben Sie dort den Doktor Lucas kennengelernt?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, aber das war zu dem Zeitpunkt, als ich von Auschwitz zurückkam

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieder zurückkamen.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Dann kam ich zunächst, weil das Lager inzwischen, in dieser kurzen Zeit, wo ich im Auschwitzer Lager war, dann so überfüllt war, weil Hunderte und Tausende von Auschwitz nach Ravensbrück zurückgingen. Große Transporte. Es hieß, Auschwitz soll geräumt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war denn das?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Also ich selbst bin schon im Oktober zurückgekommen, und ob es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im Oktober 1944?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

44.

 

Vorsitzender Richter:

Oktober 1944 zurück nach Auschwitz.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja. Nach Ravensbrück.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Ravensbrück, verzeihen Sie bitte. Und Sie haben dann in Ravensbrück wieder gepflegt im Krankenbau?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, am Anfang nicht. Ungefähr zwei bis drei Monate, das weiß ich nicht ganz genau, wurde ich in einem großen Zelt untergebracht mit ungarischen Jüdinnen und habe [+ diese Zeit] da verbringen müssen, weil die Blocks überfüllt waren. Und meine alten Kameradinnen von Block 1, die haben auch nicht viel für mich tun können, weil tatsächlich alles...

Ich kannte das Lager ja nun ganz genau. Und ich war auch befreundet mit dieser sogenannten Lagerpolizei. Und die haben mich manchmal aus dem Zelt rausgeschleust, und dann bin ich zum Block 1. Das war der politische Block, auf dem ich vorher gelegen hatte. Na, dann konnte ich mich dort satt essen, auch manchmal gründlich waschen – wir hatten da keine Toilette im Zelt und gar nichts, keine Waschmöglichkeiten. Da konnte ich mich ein bißchen menschlich herrichten, bekam hin und wieder von Kameradinnen frische Wäsche. Und dann habe ich doch, im Januar, dann wieder auf Block 1 zurückdürfen. Haben die so lange

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und Block 1, sagten Sie, wäre der politische Block gewesen?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, in Ravensbrück.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren doch Krankenpflegerin, denke ich.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, aber wir haben ja nicht im Krankenrevier geschlafen.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, Sie haben auf Block 1 geschlafen

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und waren im Krankenrevier tätig.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war im Januar 1945, ja?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja. Und dann hat die Lagerälteste, Bertel Teege, eine Berlinerin, dafür gesorgt, daß ich wieder ins Krankenrevier kam. Aber nicht, wo ich vorher tätig war, auf Revier 2, sondern auf Block 10, dem Tuberkulose-Block.

 

Vorsitzender Richter:

Auf Block 10, dem Tuberkulose-Block.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, und da

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und da haben Sie Doktor Lucas kennengelernt?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War der schon längere Zeit dort? Oder haben Sie eine Ahnung, wann er hingekommen ist?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie hinkamen, war er dort?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja. Doch, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [unverständlich]

 

Richter Hotz:

Wie Sie zurück nach Ravensbrück kam.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben den Doktor Lucas vermutlich erst kennengelernt, wie Sie auf Block 10 gekommen sind.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Vorher kannten Sie ihn vermutlich nicht.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun, Frau Zeugin, wollen Sie uns doch bitte mal von dem Doktor Lucas etwas erzählen. War er dort der verantwortliche Arzt für den Block 10?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, im großen und ganzen war ihm der Block 10 unterstellt. Allerdings waren da andere Ärzte, die ein bißchen mehr zu sagen [+ hatten] oder mehr sagen wollten: Doktor Trommer, Doktor Treite. Und der Doktor Trommer war Standortarzt da. Treite, da waren ja zig Ärzte. Aber eben für Block 10 war Doktor Lucas, soviel ich mich erinnern kann, zuständig. Er war ständig bei uns. Er hat auch anderes zu tun gehabt, aber wenn wir ihn gebraucht haben, haben wir ihn dort nach Block 10 geholt, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Frau Zeugin, wie hat er sich denn dort geführt? Hat er denn für seine Kranken etwas getan, oder hat er sie vernichtet oder zu vernichten versucht, oder hat er sie liegenlassen? Wie hat er sich denn aufgeführt?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Also, ich war über acht Jahre inhaftiert, und ich kann mit ganz reinem Gewissen sagen, Doktor Lucas war der einzige Arzt, der nicht nur Arzt, sondern auch Mensch uns gegenüber war. Er war damals noch jung, vielleicht Ende 20, Anfang 30. Aber für uns Häftlinge und auch für uns Junge – damals war ich ja auch noch Anfang 20 oder Mitte 20 – oder für die alten Pflegerinnen, die 40/50 waren, für uns war er Bruder und Vater und Kamerad und Freund zugleich. Wenn wir Doktor Lucas nicht gehabt hätten, dann wären hundert oder noch tausend andere Häftlinge kaputtgegangen.

Wir bekamen eine neue NSV-Schwester dort, Schwester Martha. Und die hat in Zusammenarbeit mit Oberschwester Marschall, Elisabeth Marschall, hat die uns weißes Pulver gebracht. Und zwar Beruhigungspulver sollte das sein. Und wir haben dieses weiße Pulver nichtsahnend – wir Krankenpflegerinnen sollten soundso viel geben, Teelöffel, und Nachtrinken und so weiter, nur für diese ganz schwerkranken Häftlinge. Wir haben das gemacht, nicht. Und dann haben wir doch mit Erschrecken feststellen müssen, daß dieses Pulver Tötungspulver war. Wenn das gleich getötet hätte, dann wäre es vielleicht doch noch, so traurig das klingt, menschlich verständlich gewesen. Wenn man einschlafen tut oder was. Aber diese Frauen, die bekamen stundenlang nachts oder tagsüber große Krämpfe. Es kam Blut aus Augen, Nase und Mund und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Also es war mit andern Worten Gift.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja. Und unsre Ärztin, das war eine Häftlingsärztin, eine Französin, Louise le Porz, vor lauter Schreck ist die zur Oberschwester Marschall gelaufen und sagt: »Sie haben da bestimmt was Verkehrtes, Sie haben sich irgendwie geirrt in dem weißen Pulver. So und so verhalten sich meine Pfleglinge.« Und: »Ich muß das unbedingt Doktor Lucas sagen.« Und da hat sie gegen Strafe, gegen Arreststrafe, gedroht: »Wenn Sie Doktor Lucas davon sagen, dann werden Sie eingesperrt und kriegen Schläge« und so weiter. Die kam ganz fertig an. Sagt Sie zu mir – ich wurde im Lager Cilka gerufen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Das hatte sich so eingebürgert, nicht, durch die vielen Ausländerinnen und so. Das war ein langer Name, Cäcilie, und mich kennen die Kameraden nur unter Cilka. Da war Sie ganz nervös und aufgeregt. Sagt Sie: »Mensch Cilka, was soll ich bloß machen?« Ich sage: »Ach, einfach dem Doktor Lucas sagen, der ist immer so nett.« Aber ich kannte ihn da noch weniger. Und dann sagt sie: »Meinst du, sollen wir das riskieren?« Ich sage: »Bleibt uns nichts übrig.« Und dann hat sie sich doch ein Herz genommen und hat gesagt, Herr Doktor Lucas, so und so verhält sich das. Und Herr Doktor Lucas ist ganz weiß geworden. Sagt er: »So. Gut, daß Sie mir das sagen.«

Und das in Hunderten von Fällen, nicht in drei, vier, fünf oder zehn Fällen, in Hunderten von Fällen war das so. Ob wir wollten oder nicht, wir mußten das weiße Pulver geben. Wir haben allerdings, wenn wir keine Aufsicht hatten – daß hinter unserem Rücken eine stand –, haben wir das weiße Pulver überhaupt nicht gegeben. Und wenn das sein mußte, daß wir zwangsweise, in Gegenwart von Doktor Treite oder Trommer, das Pulver geben mußten, dann haben wir hinter dem Rücken von den andern Ärzten oder NSV-Schwestern gleich Herrn Doktor Lucas benachrichtigt, und er hat gleich Gegengift gegeben. Und da sind Kameraden, die heute noch leben. Dadurch sind viele gerettet worden.

Dieser Arzt, ich kann es ja sagen, der hat, das weiß ich ganz genau, in seiner SS-Apotheke gestohlen, kann man sagen. Er hat Sachen rausgenommen wie Lebertran, überhaupt Stärkungsmittel, Calcium und so weiter und hat uns kranken Häftlingen das gebracht. Und dann aus seiner eigenen Tasche, von seinem eigenen Geld hat er Weißbrot, Zucker und Fett gekauft und hat das ins Lager geschleust und hat das den Ärmsten der Armen da gegeben, die wirklich nicht mehr weiter konnten, die wirklich nur noch Skelette waren. Das hat er gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Also ich kann nichts Schlechtes sagen. Also, im ganzen Lager war er so beliebt. Und er wurde immer von den andern Ärzten so: »Ach, was bist du schon hier im Lager«, als wenn er gar nicht für voll genommen wurde, nur weil er zu uns Häftlingen hielt. Er war immer Einzelgänger im Lager, immer für sich ist er gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, kam es dadurch auch zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Schwester Marschall, wie Sie sagten?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja. Es kann Februar gewesen sein, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war ich dann auch nicht mehr lange im Revier, sondern kam dann anschließend in eine Munitionsfabrik nach Magdeburg. Und nach Doktor Lucas, da hatten wir alle keinen Spaß mehr an unserer Pflegetätigkeit. Uns fehlte irgendwie ein Halt.

Und da kam es eines Tages zu einer ganz großen Auseinandersetzung mit dem Standortarzt Doktor Trommer, Percy Treite und Oberschwester Marschall und Doktor Lucas. Also [+ es ist] ein großer Streit gewesen, wir waren da ganz fertig. Und zwar sollte Doktor Lucas – Das war all die Jahre, wie ich in Ravensbrück war, daß da Selektionen stattfanden. Und ich war im Krankenrevier und weiß das nun aus bestimmter Quelle. Und in dieser Zeit, wo ich Doktor Lucas kennengelernt hatte, der hat sich immer geweigert. Und dann sollte ein ganz großer Transport evakuiert werden, und zwar auf einem Schiff, ich glaube, auf der »Gustloff«. Ich weiß nicht, jedenfalls sollten die angeblich nach Dänemark

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Evakuiert werden. Und Doktor Lucas sagte uns: »Da stimmt was nicht, wer weiß, wohin die evakuiert werden sollen.« Und er hat immer wieder gesagt: »Die Schweinereien mache ich nicht mit.« Und eben an diesem Tag, da war so ein Durcheinander, weil es hieß, die Russen, die sind im Anmarsch. Und da war so eine nervöse Stimmung. Und dann sind diese ganzen Ärzte, dieses Ärzteteam ist an Herrn Doktor Lucas herangetreten und hat ihn zu Selektionen heranziehen wollen. Und da hat er sich strikt geweigert. Da hat er gesagt: »Nein, ich bin hier Arzt und weiter nix. Ich bin hier kein Menschenschinder.« So, also wörtlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Hat er gesagt. Nee, nicht wörtlich, sinngemäß.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dem Sinne nach, ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

»Die Schweinerei mache ich nicht mit. Es gibt hier genug Schweinereien, die ich hier schon mit ansehen muß und unter Umständen dulden muß. Ich mache das nicht, ich weigere mich.« Da kam es zu einer großen Auseinandersetzung. Doktor Lucas mußte seinen Koffer am selben Tag packen, wurde irgendwohin strafversetzt. Wohin, wissen wir nicht. Wir haben uns oft die Köpfe zerbrochen, wohin er gekommen ist. Aber wir wußten [+ es nicht], woher auch. Uns hat es niemand gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch ungefähr, wann das war?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

O weh. [Pause] Na, vier Wochen auf alle Fälle vor... Februar/März wird das gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Hatten die anderen Pflegerinnen oder Gefangenen denselben Eindruck von Doktor Lucas?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Glaube ich, ja. Wir waren den Tag so fertig, wir haben nix gegessen, wir haben tagelang noch gesprochen. Wir waren ganz verzweifelt, als Doktor Lucas weg war. Alle, ohne Ausnahme, nicht bloß wir vom Block 10.

Innerhalb dieses Blocks 10 war ein Stübchen abgegrenzt, dazu haben wir volkstümlicherweise Idiotenstübchen gesagt, und zwar kamen da die Geisteskranken rein. Und auch das hat er betreut. Und er hat nur den Kopf geschüttelt, wie Doktor Lucas das gesehen hat. Und als Doktor Lucas bei uns war, da waren wir so fröhlich. Also wirklich, da haben wir wieder das Lachen gelernt nach vielen Jahren Gefangenschaft. Er hat uns so aufgemuntert. Und vor allen Dingen auch, was unsere Pflegearbeit anbetraf.

Wir mußten das Idiotenstübchen mit Brettern vernageln und Gitter [+ anbringen], und dann kein Heizofen drin, gar nichts. Und dann hieß es: »Ach, die sind sowieso reif für den Schornstein. Es ist besser, die Ratten fressen die auf.« So ungefähr, das war gang und gäbe. Und wenn wir was hatten, wir haben Doktor Lucas immer alles anvertraut. Und dann, heimlich, haben wir die Bretter vom Fenster entfernt und das Gitter weggemacht, haben wir einen Heizofen heimlich, still und leise hereingestellt, und Doktor Lucas hat uns immer wieder geholfen.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage von seiten des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Frau Zeugin, wann war das ungefähr, daß Sie Doktor Lucas kennengelernt haben?

 

Vorsitzender Richter:

Das hat Sie bereits gesagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zeitlich hat Sie es, glaube ich, nicht präzisiert.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, so Anfang 45 herum war das.

 

Staatsanwalt Kügler:

Anfang 45

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Meinen Sie. Januar 45?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Anfang Januar muß es gewesen sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren Sie dabei, als die Frau Doktor Le Porz dem Herrn Doktor Lucas die Geschichte mit dem weißen Pulver erzählt hat? Waren Sie selbst da zugegen?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat Ihnen die Frau Le Porz erzählt, oder wer?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, ich habe selbst das weiße Pulver austeilen müssen. Sonst brauchten wir

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Aber Sie sagten doch, daß die Frau Doktor Le Porz dem Doktor Lucas das gesagt habe. Woher wissen Sie das?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, nein, die Häftlinge, also diese kranken Kameradinnen, die das weiße Pulver bekamen, die bekamen diese Anfälle und so weiter.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Und wir wußten nicht, weil es hieß, es ist ein Beruhigungspulver

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, das haben Sie uns erzählt

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Und

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ich möchte nun folgendes wissen, Frau Zeugin.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben uns gesagt, daß die Frau Doktor Le Porz den Doktor Lucas darauf aufmerksam gemacht hätte.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja, aber erst, nachdem sie Rücksprache mit Oberschwester Elisabeth Marschall genommen hatte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, woher wissen Sie denn, daß die Frau Doktor Le Porz mit Doktor Lucas gesprochen hat?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

In meiner Gegenwart.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das wollte ich Sie

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Da waren noch zwei Häftlinge zugegen. Also zwei

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Doktor Lucas, Frau Doktor Le Porz

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und noch zwei Häftlinge.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Eine Edith Hanke und eine Erna Göbel.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Als es um die Evakuierung der Häftlinge ging auf dieses Schiff, wie Sie meinten

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Ja, »Gustloff«, glaube ich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sagten Sie, Doktor Lucas habe gesagt, die Schweinerei mache er nicht mit.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie das selbst gehört, oder ist Ihnen das

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Habe ich selbst gehört.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie selbst gehört, in seiner Gegenwart.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von wann bis wann waren Sie denn in Auschwitz?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nicht lange, drei Monate ungefähr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Drei Monate. Und können Sie ungefähr die Zeit noch angeben?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Wir waren vier Wochen, fast vier Wochen unterwegs. Bis zum 2. Oktober.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von wann?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Moment mal. Ich war genau drei Monate und vier Tage in Auschwitz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also schon im August sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo waren Sie denn dort? Im Stammlager oder in Birkenau oder einem andern

 

Zeugin Cäcilie Neideck [unterbricht]:

Nein, im Stammlager.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im Stammlager.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich noch an den Block erinnern?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ich war im Sonderblock.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber welche Nummer der Block gehabt hat, wissen Sie nicht.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, das war B. An und für sich BI, BII und so weiter. Birkenau war

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Also Birkenau, nicht das Stammlager?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, im Stammlager, in einem Sonderblock. Das waren Küchen

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Meinen Sie das Stammlager in Birkenau?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, im Hauptgebäude. Birkenau, das waren ja rassisch Verfolgte. Ich war ja politisch verfolgt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Können Sie sich noch an den Eingang erinnern: »Arbeit macht frei«?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wenn Sie davorstehen, wo befand sich da Ihr Block? Rechts oder links?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Links aus

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Links.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren dort nur Frauen?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, bei uns waren Häftlinge. Ich war ja im Krankenrevier auch da. Kamen Männerhäftlinge, vorwiegend waren da Zigeunerinnen. Ich war ja in der Sterilisationsabteilung untergebracht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ist Ihnen bekannt, welche Sanitätsdienstgrade hier in diesem Prozeß angeklagt sind?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, ich weiß es zwar aus Zeitungen

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Aber ich kann da nichts Genaues

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sie können sich aus Ihrer Zeit an einen dieser Sanitätsdienstgrade nicht erinnern.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ich kenne es nur aus Zeitungen. Aber ich kann das nicht sagen, daß ich das selbst miterlebt habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, danke schön.

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Bitte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten des Herrn Rechtsanwalts Aschenauer?

 

Verteidiger Aschenauer:

Nein, keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Will der Herr Doktor Lucas selbst eine Erklärung abgeben?

 

Angeklagter Lucas:

Nein, nicht weiter, als daß die Zeugin bis zum Prozeßbeginn [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn keine Erklärungen mehr abgegeben, keine Fragen mehr gestellt werden: Frau Zeugin, können Sie das mit gutem Gewissen beschwören, was Sie gesagt haben?

 

Zeugin Cäcilie Neideck:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 
 
 
Seitenanfang
Haftungsausschluss | Impressum
 
© 2011 Fritz Bauer Institut • Frankfurt am Main • Stiftung des bürgerlichen Rechts
Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
Copyright © 2011 Fritz Bauer Institut • Grüneburgplatz 1 • 60323 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 79 83 22 40 • Telefax: 0 69 79 83 22 41 • Email: info(at)fritz-bauer-institut.de
X
Titel
Testinfo
Testinfo
Bitte aktuelle Flash Version installieren
X