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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

96. Verhandlungstag, 2.10.1964

 

Vernehmung der Zeugin Sarah Nebel

 

Vorsitzender Richter:

Frau Nebel, Sie wohnen in?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Jerusalem.

 

Vorsitzender Richter:

Jerusalem-Baka. Und Sie sind verheiratet?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Nebel, wollen Sie uns bitte zunächst einmal erzählen, wo Ihr Geburtsland ist?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Das war Ungarn. Siebenbürgen.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welcher Stadt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Bistritz. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Bis zu welchem Jahr haben Sie dort gewohnt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

In Bistritz habe ich bis 44 gewohnt.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 1944. Und waren Sie damals schon verheiratet?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein, ich war nicht verheiratet.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren nicht verheiratet. Haben Sie damals mit Ihren Eltern dort gewohnt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat Ihr Vater für ein Gewerbe gehabt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Mühlenbesitzer.

 

Vorsitzender Richter:

Mühlenbesitzer. Haben Sie in dieser Zeit Gelegenheit gehabt, den Doktor Capesius kennenzulernen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Doktor Capesius kenne ich noch aus Bukarest. Ich habe dort gelebt von 35 bis 38.

 

Vorsitzender Richter:

35 bis 38 waren Sie in Bukarest.

 

Zeugin Sarah Nebel:

War ich in Bukarest.

 

Vorsitzender Richter:

Erzählen Sie uns doch bitte mal, aus welchem Anlaß Sie dort waren und auf welche Weise Sie den Doktor Capesius kennengelernt haben.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich habe dort gelebt in Bukarest, Stradela Swinto Spiridon hieß die Straße, 5. Doktor Capesius wohnte im zweiten Stock, und ich wohnte im Parterre. Ich war im Hause des Herrn Roda, Leo Roda, Emma und Leo Roda. Der Herr war blind, und ich war seine Gesellschafterin.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Doktor Capesius hat im zweiten Stock desselben Hauses gewohnt.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar in den Jahren 35 bis 38.

 

Zeugin Sarah Nebel:

So beiläufig bis 38.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War er die ganze Zeit dort?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich kann mich nicht so genau erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht so genau. Aber einige Jahre haben Sie zusammen in diesem Haus gelebt.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wußten also nicht nur seinen Namen, sondern haben auch gar keinen Irrtum in seiner Person gehabt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn also vom Ansehen und dem Namen nach gekannt.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja, ich habe auch manches Mal mit ihm gesprochen und auch mit seiner Gattin. [...]

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was er damals für eine Beschäftigung gehabt hat?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Er war bei der Bayer-Industrie, Vertreter der Bayer- Werke.

 

Vorsitzender Richter:

Vertreter der Bayer-Werke. Und dann sind Sie wieder zurückgegangen 38 nach

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

Ja, weil meine Mutter war krank, und ich bin zurück nach Bistritz.

 

Vorsitzender Richter:

Zu den Eltern gegangen nach Bistritz.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Zu den Eltern.

 

Vorsitzender Richter:

Bis 44, sagten Sie.

 

Zeugin Sarah Nebel:

44.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah 44?

 

Zeugin Sarah Nebel:

44, Anfang Mai, wurden wir aus den Wohnungen geholt auf einen Berg, wo einige Baracken standen. Nicht alle hatten wir eine Behausung. Wir waren draußen. Dort waren wir bis Ende Mai.

 

Vorsitzender Richter:

1944?

 

Zeugin Sarah Nebel:

1944. Am 31. Mai wurden wir einwaggoniert in Viehwaggons, und man führte uns – drei Tage sind wir gefahren – bis Auschwitz. Am 3. Juni, Sonnabend, in der Nacht sind wir in Auschwitz angelangt.

 

Vorsitzender Richter:

Am 3. Juni 1944.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und jetzt erzählen Sie uns bitte einmal, wie Sie dort angekommen sind und wo Sie ausgeladen wurden und was sich da abgespielt hat.

 

Zeugin Sarah Nebel:

In Auschwitz sind wir angelangt, da wurden die Waggons geöffnet, wir wurden herausgeschleppt. Die Frauen wurden auf einer Seite, die Männer auf der anderen Seite in Fünferreihen aufgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Moment mal, bitte. Können Sie uns noch sagen, wo der Zug ausgeladen worden ist? Vor dem Lager, in dem Lager, am Bahnhof in Auschwitz oder wo?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich glaube, das war Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Birkenau.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich war dort nur drei Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ist der Zug eingefahren mitten in ein Lager hinein? Waren links und rechts Baracken, oder war da freies Feld oder was?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Es war sehr hell. Es war sehr beleuchtet.

 

Vorsitzender Richter:

Sehr beleuchtet. War es mitten in der Nacht?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Mitten in der Nacht. Es war Samstag in der Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, als der Zug hielt, wer hat Sie aufgefordert auszusteigen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Es waren dort sehr viele SS-Soldaten, und es waren viele Häftlinge in gestreiften Anzügen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Sie aufgefordert haben auszusteigen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Auszusteigen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man Ihnen auch gesagt, was Sie mit Ihrem Gepäck machen sollten?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Die haben gesagt, wir sollen das Gepäck drinnen lassen, denn wir bekommen es am nächsten Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Daraufhin sind Sie also ausgestiegen. Und wer hat Ihnen nun gesagt, wo Sie sich aufstellen sollten?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Das waren einige Soldaten und die Häftlinge in gestreiften Anzügen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und zwar was hat man Ihnen gesagt? Männer auf diese Seite, Frauen und Kinder

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

[unverständlich] Frauen auf der andern Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Frauen und Kinder auf die andere Seite?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nachdem Sie sich nun aufgestellt hatten, hat man Ihnen dann gesagt, Sie möchten sich nun in Bewegung setzen, nach vorn gehen, oder wie?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja, nach vorne gehen. Wir kamen bis zur Rampe. An der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was verstehen Sie unter der Rampe, Frau Zeugin?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Dort, wo man uns dann teilte, die Jüngeren und die Älteren. Die älteren Frauen mit Kindern wurden sofort auf die andere Seite geschickt, zur Gaskammer. Und die Jüngeren wurden zur Arbeit ausgewählt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer machte das?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Da stand ein Offizier, ich erkannte ihn sofort, das war Doktor Capesius.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

[+ Wer] war denn noch dabei?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Eine Schwester, drei Brüder, mein Vater.

 

Vorsitzender Richter:

Die Mutter lebte nicht mehr?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Die Mutter lebte nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo kamen der Vater und die drei Brüder hin?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ein Bruder ist nach Hause gekommen, er lebt in Israel. Aber zwei Brüder, eine Schwester und alle Kinder wurden sofort vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Auch die Brüder?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Auch die Brüder. Zwei Brüder und eine Schwester.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Vater?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Der Vater auch, natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie haben mit ihm nicht gesprochen, mit dem Doktor Capesius?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein. Ich hatte keinen Mut mehr, zu ihm zu sprechen.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich habe gesehen, er hat mich nicht erkannt, er war überhaupt nicht überrascht. Ich wollte aber dann zurück. Ich sagte einer Freundin: »Ich muß zurück, ich muß mit ihm sprechen. Ich will ihn bitten, er soll mich zu meiner Familie zurücklassen.« Ich dachte, ein Bekannter, er wird mich doch zurücklassen, er wird mir helfen. Und da wollte ich zurück.

 

Da stand vor mir ein deutscher Soldat mit Gewehr, ich sprach ihn an: »Sagen Sie bitte, ist das nicht der Doktor Capesius?« Der Soldat machte große Augen und sagte: »Doch, das ist der Apotheker Doktor Capesius. Aber woher kennen Sie ihn?« Ich sagte ihm: »Ich kenne ihn noch aus Rumänien.«

Aber dann konnte ich nicht mehr zurück, denn es kamen viele Frauen. Wir wurden nach vorne geschickt in das Bad, wo wir uns auskleiden mußten. Die Haare wurden uns geschnitten. Wir bekamen dort andere Sachen. Dann führte man uns in eine Baracke, sehr viele Frauen, wo wir keinen Platz hatten, weder zum Sitzen noch zum Liegen. Da waren wir drei Tage und drei Nächte.

 

Dann holte man uns heraus. Wir wurden in eine andere Baracke geführt, wo wir Arbeitskleider bekamen. Dann wurden wir einwaggoniert und nach Lettland geschickt, nach Riga. Von Riga – dort waren wir einige Wochen – schickte man uns nach Dundanga. Das war ein Wald, wo wir Bäume fällen mußten. Da waren wir wieder einige

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo ist dieser Wald Dundanga?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Das war in Lettland.

 

Vorsitzender Richter:

In Lettland.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nach Riga.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Riga.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das in der Richtung nach Wesenberg zu oder nach Osten zu noch?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich kann mich nicht genau

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein. Von Dundanga, da wurden wir Anfang August wieder weggeschickt, und zwar gingen wir zu Fuß bis Goldingen. Da gingen wir drei Wochen. In Goldingen wurden wir wieder einwaggoniert, nach Stutthof gebracht. Dort waren wir wieder einige Tage, das war ein Vernichtungslager. Es war fürchterlich. Wir wurden wieder einwaggoniert und nach Leipzig gebracht.

 

In Leipzig haben wir in der Fabrik ATG bei Schönau gearbeitet. Wir haben Flugzeuge gebaut. Dort haben wir bis Januar gearbeitet, Januar 1945. Von dort schickte man uns wieder nach Baalberge. In Baalberge haben wir Bunker gebaut. Dort waren wir dann wieder bis Februar 45. Dann holte man uns zurück nach Leipzig. Da war aber keine Arbeit mehr, denn die Fabrik war inzwischen bombardiert. Wir waren dort bis Mitte März, dann wurden wir wieder versammelt. Wir gingen dann wieder zu Fuß, einige Wochen, bis zum 24. April 45. Wir wurden von den Amerikanern befreit in Wurzen. Ich habe hier auch ein Zeugnis. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, es würde mich interessieren, haben Sie den Doktor Capesius noch einmal im Lager Auschwitz gesehen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein, ich war nur drei Tage dort. Aber ich begegnete Doktor Capesius im Sommer 39. Da war er mit seiner Gattin zusammen, wir haben uns sehr freundlich begrüßt, da war ein sehr schöner Park. Wir gingen hin. Da stand ein Gewerbeverein, so hieß dieses Gebäude. Wir gingen zu dritt auf die Terrasse, wir haben sogar zusammen Bier getrunken. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wo war das, in?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Bistritz, in meiner Heimatstadt. Aber in Auschwitz habe ich ihn nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr gesehen. Herr Rechtsanwalt Ormond, Sie haben die Zeugin benannt, haben Sie noch eine Frage?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage. Herr Rechtsanwalt Raabe?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat das Gericht noch Fragen? Die Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, können Sie sich daran erinnern, wo Sie Pfingsten 1944 waren?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Wir waren in unserem Ghetto auf dieser Burg.

 

Verteidiger Steinacker:

Das war also noch in Siebenbürgen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie das Pfingstfest noch in Siebenbürgen erlebt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja. Das war Sonntag, Montag, und Mittwoch in der Nacht wurden wir einwaggoniert.

 

Verteidiger Steinacker:

Erst danach, ja. Waren in dem Transport nur Personen aus Ihrer Heimat, aus Bistritz?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Auch aus der Umgebung. Wir waren dort 8.000.

 

Verteidiger Steinacker:

8.000 Personen.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Aus welcher Umgebung, aus welchen Städten?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Dort waren Dörfer.

 

Verteidiger Steinacker:

Dörfer.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Die Stadt war Bistritz.

 

Verteidiger Steinacker:

Bistritz war die nächste größere Stadt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Als Sie den Soldaten auf der Rampe gefragt haben, nachdem der Vorgang der Selektion, den Sie geschildert haben, schon vorbei war: »Ist das nicht der Doktor Capesius?«– können Sie sagen, was der Soldat für eine Uniform anhatte? Ob das ein Wachposten war oder ein Offizier?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Es war kein Offizier, das war ein einfacher Soldat mit einer kleinen Mütze ohne Schild.

 

Verteidiger Steinacker:

Ohne?

 

Vorsitzender Richter:

Schild.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ohne Schild. Eine Mütze.

 

Verteidiger Steinacker:

Was für eine Mütze?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Eine grade Mütze. Nicht so wie die Offiziere.

 

Verteidiger Steinacker:

Ein Käppi?

 

Zeugin Sarah Nebel:

So wie ein Käppchen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ohne Mütze.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, ohne Schirm.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ohne [unverständlich] Schirm.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Ohne Schirm, das habe ich verstanden.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein, eine Kappe mit Schirm, das trug Doktor Capesius. Das war eine Offiziersmütze.

 

Verteidiger Steinacker:

Eine Kappe mit Schirm

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

Ja, aber der Soldat hatte [+ eine] ohne Schild, eine einfache Kappe.

 

Verteidiger Steinacker:

Also so ein Käppi, ja?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja. Und er hatte ein Gewehr. Die mußten uns begleiten ins Bad.

 

Verteidiger Steinacker:

Ach, die begleiteten Sie ins Bad.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Dieser Soldat hat das zu Ihnen gesagt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Er hat gesagt: »Doktor Capesius, das ist der Apotheker aus Rumänien«?

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Nein.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Das hat er nicht gesagt. Ich habe das gesagt. Denn er hat sich gewundert.

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Ah, Sie haben ihm den Vorhalt gemacht.

 

Zeugin Sarah Nebel:

»Woher kennen Sie ihn?«

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, das haben Sie gesagt.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Das habe ich so verstanden.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Da habe ich ihm gesagt: »Ich kenne ihn aus Rumänien.«

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie gesagt: »Er ist Apotheker«? Oder hat er das gesagt?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Er hat das gesagt. Ich habe

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Er hat gesagt: »Er ist Apotheker.«

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich habe nur so gefragt: »Sagen Sie bitte, ist das der Doktor Capesius?« Der Soldat machte große Augen und sagte: »Doch, das ist der Apotheker Doktor Capesius.«

 

Verteidiger Steinacker:

Der Apotheker.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung. Doktor Capesius, haben Sie noch eine Frage oder eine Erklärung abzugeben?

 

Angeklagter Capesius:

[Pause] Das Wohnen, das stimmt. Ich habe dort gewohnt, zwar nicht die ganzen Jahre, aber das ist ja nicht wichtig bei der Sache. Ich habe auch den Hausherrn Leo Roda gekannt und wahrscheinlich auch seine Gesellschafterin.

 

Aber die Schilderung vom Sommer 39 in Bistritz mit meiner Frau zusammen, die ist nicht existent. Und ich bin nie in der Nacht auf der Rampe gewesen, das habe ich schon öfter gesagt. Ich bin nur während der Dienstzeit der Apotheke auf die Rampe gefahren und nicht zu dem Zweck der Selektionen. Daß meine Landsleute nun schon in x Exemplaren das behauptet haben, das ist deshalb keine Bestätigung. Außerdem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, bestimmt nicht, im Gegenteil. Sie haben nicht bestätigt, daß Sie keine Selektionen gemacht haben, sondern im Gegenteil, Sie haben gesagt, Sie hätten Selektionen gemacht.

 

Angeklagter Capesius:

Das weiß ich. Aber das ist keine Bestätigung, daß ich das wirklich getan habe, denn es ist in Rumänien ja darüber eine Art Komplott geschmiedet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Die Zeugin kommt aus Israel, Herr Angeklagter.

 

Angeklagter Capesius:

Die Zeugin hat ihre Verbindungen sicher mit Rumänien.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Überhaupt keine Verbindungen. Ich habe niemanden

 

Angeklagter Capesius [unterbricht]:

Ja, also ich habe Sie jedenfalls nicht selektiert, weil ich nicht selektiert habe.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Doktor Capesius hat selektiert. Ich habe ihn sofort erkannt. Ich habe mich sogar sehr gefreut, ich wollte ihn ansprechen. Aber da er so kalt fragte: »Wie alt bist du?«, da hatte ich schon keinen Mut zu antworten und keinen Mut, ihn zu bitten, er soll mich zurücklassen zu meiner Familie.

 

Verteidiger Steinacker:

Entschuldigung, ich habe doch noch eine Frage. Frau Zeugin, Sie haben geschildert, daß auf der Rampe verschiedene SS-Soldaten gestanden hätten und Sie nach vorne gehen mußten, da haben Sie einen Offizier gesehen und haben in ihm den Doktor Capesius erkannt. Meine Frage

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

An der Rampe.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, ja. Bitte?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nur an der Rampe war der Doktor Capesius.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, ja. Dann darf ich Sie mal bitten, an die Tafel zu gehen und zu zeigen, was Sie unter der Rampe verstehen. Was ist eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt, ich verspreche mir gar nichts davon. Die Zeugin hat gesagt: »Wir sind mitten in der Nacht dorthin gekommen. Ich weiß überhaupt noch nicht, ob überhaupt links und rechts Baracken gestanden haben. Die Stelle, wo wir angekommen sind, die war zwar hell erleuchtet, aber sonst kann ich mich dort«... Sie hat mir noch nicht einmal sagen können, ob sie überhaupt im Lager ausgeladen worden sind oder vor dem Lager.

 

Verteidiger Steinacker:

Das habe ich natürlich auch gehört, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Also deshalb verspreche ich mir gar nichts. Aber wenn Sie wollen.

 

Verteidiger Steinacker:

Aber weil sie immer redet von der Rampe, Herr Vorsitzender: Nach unserm bisherigen Wissen wird doch die Rampe als das bezeichnet, was unten bei dem Tor beginnt.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Aber an der Rampe, das konnte ich nicht zeigen. Ich kann es nicht, weil ich bin noch meinem Vater nachgelaufen. Mein Vater war krank, ich wollte ihm was geben, ich hatte bei mir was, und da hat er sich verabschiedet. Er wußte, daß er mich nicht mehr wiedersehen wird. Da habe ich nicht beobachten können, wo ich bin.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, das glaube ich Ihnen. Nur weil Sie gesagt haben, »an der Rampe, da habe ich den Doktor Capesius gesehen«, deshalb möchte ich

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

Ich habe ihn sofort erkannt.

 

Verteidiger Steinacker:

Jawohl. Ich möchte deshalb von Ihnen wissen, was Sie unter der Rampe verstehen.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Unter der Rampe verstehe ich soviel, daß er dort selektierte. Er schickte nach rechts und schickte nach links.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, ich bitte um Entschuldigung, ich weiß, daß es also für Sie furchtbar ist, wenn Sie diese Situation hier noch mal schildern sollen. Aber das ist keine Antwort auf meine Frage, mit der ich gefragt habe, was Sie unter der Rampe verstehen. Sie haben jetzt nur geschildert, was eine Person gemacht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt, ich glaube, wir müssen der Zeugin mal helfen. Frau Zeugin, wir verstehen unter der Rampe das Stück, das neben den Gleisen herläuft.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also vom Ende des Zugs bis zum Anfang des Zugs ist rechts ein Stück Weg, würde ich mal sagen, ein Weg getreten, und das ist für uns die Rampe. Für Sie scheint der Begriff Rampe etwas anderes zu sein. Was verstehen Sie denn unter Rampe? Verstehen Sie [+ darunter] auch diesen Streifen Weg, der neben den Gleisen herläuft?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Wir wurden dort aufgestellt, und dann wurden wir nach vorne geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da, wo Sie aufgestellt wurden, war das auch schon Rampe?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Das war noch keine Rampe, weil wir waren doch viele.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Und bis wir zur Rampe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war noch keine Rampe. Und wann fing denn die Rampe an?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Vor mir waren schon sehr viele Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Also verstehen Sie denn unter der Rampe vielleicht die Stelle, wo die Leute standen, die sie eingewiesen haben nach links und rechts?

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

Nach rechts, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist für Sie die Rampe?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Die Rampe, und dort stand Doktor Capesius.

 

Vorsitzender Richter:

Dadurch das Mißverständnis.

 

Verteidiger Steinacker:

War das ein erhöhtes Podest?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ich kann mich nicht erinnern.

 

Verteidiger Steinacker:

War das erhöht? War dieser Standplatz erhöht, oder war der auf der gleichen Ebene, wie Sie marschierten?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Als ich angekommen bin, da sah ich den SS-Offizier dort stehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mal bitte, Frau Zeugin, wer hat Ihnen denn diesen Begriff Rampe überhaupt erklärt? Sie sprechen heute von der Rampe. Wer hat Ihnen denn gesagt, was eine Rampe ist?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Wir wußten, daß das die Rampe ist.

 

Vorsitzender Richter:

Woher wußten Sie das?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Weil dort wurden wir doch verteilt, dort wurden wir doch auf eine Seite und auf die andere Seite geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Das wird sich wohl kaum klären lassen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, das wird sich nicht klären lassen. Frau Zeugin, Sie haben dort den Doktor Capesius gesehen. Haben Sie außer den SS-Soldaten und Herrn Doktor Capesius noch andere SS-Offiziere gesehen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein, es war nur Doktor Capesius dort.

 

Verteidiger Steinacker:

Der dort stand.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nur einer, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Andere haben Sie nicht gesehen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Nein, es waren nur Soldaten, die uns dann ins Bad begleiteten.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, das ist wieder ein späterer Vorgang. Sie waren ja bei den Frauen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Und Sie haben vorhin geschildert, die Männer waren gesondert.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Hat denn der eine Männer und Frauen selektiert?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Zuerst kamen die Frauen an die Reihe.

 

Vorsitzender Richter:

So daß sie das andere nicht sehen konnte.

 

Verteidiger Steinacker:

Die Männer blieben noch hinten stehen?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Die waren auf einer anderen Seite hingestellt.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja eben, deshalb. Sie haben vorhin geschildert, in zwei Gruppen beim Aussteigen.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Auf der einen Seite die Frauen, auf der anderen Seite die Männer. Und dann sind Sie aufgefordert worden, nach vorne zu gehen bis zu demjenigen, der selektierte. Und nun möchte ich von Ihnen wissen: Sind die Männer zuerst selektiert worden, oder blieben die stehen, oder sind die Frauen zuerst

 

Zeugin Sarah Nebel [unterbricht]:

Die blieben stehen. Wir sind zuerst, die Frauen sind zuerst

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Die Frauen zuerst.

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Der ganze Zug der Frauen ging also erst an dem Selektierenden vorbei?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, was Sie uns gesagt haben, können Sie das mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Sarah Nebel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Werden Anträge zur Vereidigung gestellt?

 

– Schnitt –

 

 

 
 
 
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