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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

89. Verhandlungstag, 14.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Karl Morla

 

Vorsitzender Richter:

Armverletzung und waren am 10.9.39 wieder entlassen?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wegen der Armverletzung.

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind dann am 31.3.41 erneut und diesmal zum Wachsturmbann nach Auschwitz eingezogen worden.

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Weil Sie nicht wach- und exerzierfähig waren und keine Fronttauglichkeit hatten, kamen Sie zur Verwaltung, zur Kommandanturverwaltung.

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie sind in Auschwitz geblieben bis zum 19. Januar 45?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind dann nach der Kapitulation im Februar 46 nach Polen ausgeliefert worden?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind am 22.12.47 zu zwölf Jahren schweren Kerkers verurteilt worden?1

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Weshalb?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja weshalb? Das hat man mir nicht gesagt. Ich habe kein Urteil gesehen. Ein Mitangeklagter, das war ein Jugoslawe, der hat mir das...

 

Vorsitzender Richter:

Übersetzt?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, nicht deutlich übersetzt. Er sagte, weil ich dort in Auschwitz Dienst getan habe und in einer verbrecherischen Organisation [+ war].

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie wieder entlassen worden?

 

Zeuge Karl Morla:

Im Mai 1956 durfte ich wieder in die Heimat zurück.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie sind am 31.3.41 nach Auschwitz einberufen worden. Ihre militärische Ausbildung hat wie lang gedauert?

 

Zeuge Karl Morla:

Das kann ich nicht mehr genau sagen, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt, ungefähr drei Wochen.

 

Zeuge Karl Morla:

Das kann drei bis vier Wochen gewesen sein. Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Dann wurde Ihre Untauglichkeit für Wachdienst, Exerzierdienst und Front festgesetzt.

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, hauptsächlich wegen meinen Augen, gell, ich konnte nicht sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Moment. Herr Rechtsanwalt Doktor Steinacker, ist der Assessor Amthor amtlich Bestellter für den Herrn Doktor Laternser? Haben Sie das ins Protokoll aufgenommen? Ja.

Da wurde dann Ihre Untauglichkeit zum Wach- und Exerzierdienst festgestellt, und Sie kamen in die Verwaltung.

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Solange Sie nicht in der Verwaltung waren, wurden Sie da zum Wachdienst herangezogen?

 

Zeuge Karl Morla:

Ich habe Wachdienst gemacht, ich weiß aber nicht mehr, wie lange, Herr Vorsitzender. Das kann ich nicht mehr sagen. Aufgrund der furchtbaren Erlebnisse in Polen ist mir vieles entschwunden. Aber ich weiß, daß ich mich damals meldete, weil ich minus acht in meiner Brille habe, daß ich nachts nichts sehe und daß es aufgrund dessen zwecklos ist, daß ich da eingesetzt werde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben mal bei Ihrer Vernehmung vor der Sonderkommission der Staatsanwaltschaft gesagt, Sie wären während Ihrer Zugehörigkeit zum Wachsturmbann nicht zum Wachdienst eingeteilt worden.2

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, das kann sein. Ich habe ein- oder zweimal mit zur Wache gehen müssen, und das war nachts. Das fällt mir jetzt wieder ein, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, daß in dieser Zeit Leute »auf der Flucht« erschossen worden sind oder daß es überhaupt irgendwelche Fluchten gab damals, als Sie eingesetzt waren?

 

Zeuge Karl Morla:

Das kann ich mich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht entsinnen.

 

Zeuge Karl Morla:

Das ist auch nicht der Fall gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht der Fall gewesen?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun kamen Sie zur Kommandantur, und was hatten Sie für eine Aufgabe?

 

Zeuge Karl Morla:

Ich kam zur Standortverwaltung, und zwar in die Geldverwaltung.

 

Vorsitzender Richter:

Standortverwaltung. Die Standortverwaltung war nicht mit der Kommandantur gleich?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja das kann ich nicht sagen. Es gab eine Kommandantur, und es gab eine Standortverwaltung.

 

Vorsitzender Richter:

Und gab eine Standortverwaltung. Und die Standortverwaltung, die hatte auch die Häftlingsgeldverwaltung?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und da kamen Sie hin?

 

Zeuge Karl Morla:

Und da kam ich hin, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie da zu tun?

 

Zeuge Karl Morla:

Ich hatte da eine Kartei gehabt unter anderem, also es waren ja mehrere Leute dort. Da wurden die eingehenden Beträge der Häftlinge auf die Karteikarten verbucht. Und die Häftlinge bekamen monatlich oder alle 14 Tage, das weiß ich auch nicht mehr, Geld ausbezahlt, damit sie sich etwas kaufen konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das heißt, das Geld wurde nicht ausgezahlt, sondern sie bekamen Gutscheine.

 

Zeuge Karl Morla:

Oder Gutscheine, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und mit diesen Gutscheinen konnten Sie nachher irgendwelche Dinge kaufen.

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte weiter: Sind Sie in dieser Eigenschaft auch mit auf der Rampe in Birkenau gewesen?

 

Zeuge Karl Morla:

Wir mußten schon mal raus. Man hat uns gesagt, daß wir verantwortlich für das Gepäck sind, daß das nicht wegkommt.

 

Vorsitzender Richter:

Ist denn viel gestohlen worden dort?

 

Zeuge Karl Morla:

Daß kann ich nicht sagen, ob da was gestohlen worden ist oder nicht. Daß das Gepäck ordnungsgemäß aufgeladen wurde. Und dann kamen wir wieder nach Hause. Das habe ich aber nicht lange durchgehalten, weil ich mich da weggemeldet habe. Erstens mal wegen meiner Gesundheit, und das hat mich angeekelt.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie denn hingekommen, wenn die Leute schon weggeführt worden waren, daß nur noch das Gepäck dalag, oder waren da die ankommenden Menschen auch noch auf der Rampe?

 

Zeuge Karl Morla:

Tja, das kann ich auch nicht genau sagen. Ich weiß nur noch, daß das Gepäck dort lag. Also die Menschen waren meistens weg gewesen, in den überwiegenden Fällen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal erlebt, daß sogenannte Selektionen stattgefunden haben, das heißt, daß Menschen ausgewählt wurden nach der einen oder anderen Seite?

 

Zeuge Karl Morla:

Herr Vorsitzender, damit habe ich nichts zu tun gehabt, und das habe ich auch nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen.

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Angeklagten Boger gekannt?

 

Zeuge Karl Morla:

Der Angeklagte Boger war mir insofern bekannt, daß er in der Politischen Abteilung war. Was er für eine Funktion hatte, das kann ich Ihnen nicht sagen, da habe ich mich nicht drum gekümmert.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn persönlich gekannt?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie nachher, nach Ihrem Abtransport nach Polen, noch von ihm gehört?

 

Zeuge Karl Morla:

[Pause] Das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie nicht gehört, daß die Bedingungen Ihres Transportes besonders verschärft worden sind?

 

Zeuge Karl Morla:

Ach so, ja. Das stimmt, ja. Wir haben einen furchtbaren Transport gehabt nach Polen. Wir mußten uns bei 20 Grad Kälte nackig ausziehen, wurden dann vier Tage transportiert. Das muß wohl aufgrund dessen gewesen sein, daß Herr Boger – ich weiß nicht, ob das stimmt – vom Transport weg sein soll.

 

Vorsitzender Richter:

Geflüchtet sein?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja. Das kann ich aber nicht genau sagen. Das weiß ich nicht. Ich habe das nur gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie hatten also da eine sehr üble Transportierung nach Polen. Sie sagten, bei 20 Grad Kälte ohne Kleider und ohne Stroh sind Sie da in diesen Wagen transportiert worden.

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, Sie wissen es besser als ich, Herr Angeklagter

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja so haben Sie es ausgesagt.

 

Zeuge Karl Morla:

Habe ich es ausgesagt, das kann sein, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei.

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, ja. Das war schon so, ja. Überhaupt das Ganze war furchtbar. Ich leide heute noch furchtbar darunter.

 

Vorsitzender Richter:

So war Ihre Aussage, die Sie gemacht haben am 4. April 61. Kennen Sie sonst einen der Angeklagten? Ob Sie sonst einen der Angeklagten

 

Zeuge Karl Morla [unterbricht]:

Ja, ich weiß nicht, um wen es sich da handeln sollte. Wir sind...

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie noch nicht einmal gelesen von diesem Prozeß?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja sicher habe ich gelesen, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie den Adjutanten Mulka?

 

Zeuge Karl Morla:

Adjutant Mulka, der Name ist mir bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber sonst wissen Sie nichts von ihm?

 

Zeuge Karl Morla:

Ich habe mit Herrn Mulka nichts zu tun

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Kennen Sie Höcker?

 

Zeuge Karl Morla:

Höcker habe ich überhaupt nicht gekannt, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Stark?

 

Zeuge Karl Morla:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Dylewski?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Broad?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Schoberth?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein, weiß ich auch nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Schlage?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann?

 

Zeuge Karl Morla:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kaduk?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Baretzki?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Breitwieser?

 

Zeuge Karl Morla:

Herrn Breitwieser habe ich schon mal gesehen im Lager, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas von ihm?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein. Ich weiß nur, daß Breitwieser ein netter Kerl gewesen ist. Und was er gemacht hat, das weiß ich nicht. Was für eine Funktion er hatte, das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie Doktor Lucas?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Frank?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein, kann ich mich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Schatz?

 

Zeuge Karl Morla:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Capesius?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Klehr?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Scherpe?

 

Zeuge Karl Morla:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Hantl?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein, ist mir auch nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Bednarek?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Frage mehr.

 

Richter Hotz:

Herr Morla, ich habe einige Fragen zu Ihrem Prozeß in Krakau.

 

Zeuge Karl Morla:

Ja.

 

Richter Hotz:

Die Verhandlung oder Verurteilung erfolgte am 22.12.1947, ist das richtig?

 

Zeuge Karl Morla:

Das kann ich Ihnen nicht mehr sagen, das weiß ich nicht. Das kann ich nicht mehr genau sagen.

 

Richter Hotz:

Wie viele Angeklagte sind an diesem Tag verurteilt worden?

 

Zeuge Karl Morla:

An diesem Tag, Sie meinen wohl, in dem Prozeß, wo ich verurteilt

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Als Sie auch verurteilt wurden.

 

Zeuge Karl Morla:

Das weiß ich auch nicht, da waren...

 

Richter Hotz:

Ist bei der Verhandlung ein Dolmetscher anwesend gewesen?

 

Zeuge Karl Morla:

Fünf oder sechs. Nein.

 

Richter Hotz:

Kein Dolmetscher?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein.

 

Richter Hotz:

Sind Sie selbst in dieser öffentlichen Verhandlung, der Gerichtssitzung, zur Sache vernommen worden?

 

Zeuge Karl Morla:

Auch nicht. Es ist lediglich so gewesen, als ich in den Verhandlungsraum hineinkam, da kam ein Herr und sagte: »Ich bin Ihr Verteidiger«, den ich vorher nicht gesehen hatte. Er sagte – das kann ich auch nicht mehr sagen, ich weiß nicht mehr, wie das gewesen ist –, er könnte für mich nichts tun oder so was Ähnliches. Ich habe ja so vieles vergessen durch die Leiden, die ich durchstehen mußte.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, haben Sie den Angeklagten Boger nicht im Lager auch einmal gesehen? Im Lager Auschwitz?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, auf der Straße, das könnte sein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn auch mal in dem Lager Zuffenhausen gesehen?

 

Zeuge Karl Morla:

In Zuffenhausen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? [Pause] Ja?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, ja, ja, das kann ich mich entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er ein Motorrad gefahren hat?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, das kann ich mich auch entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie gehört, wie er sich im Lager aufgeführt haben soll?

 

Zeuge Karl Morla:

Herr Vorsitzender, das kann ich Ihnen nicht sagen. Das weiß ich nicht. Kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben einmal am 12.10.1959 gesagt, Vorhalt aus 2.364: »Ich hatte auch gehört, daß es ein großer Rowdy gewesen sein soll. Einzelheiten kann ich aber nicht sagen.«3 Stimmt das?

 

Zeuge Karl Morla:

Das weiß ich nicht mehr, ob ich das angegeben habe.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht mehr. Herr Staatsanwalt, sind noch Fragen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sagten, daß Sie auf der Rampe eingesetzt waren bei der Überwachung des »Sonderkommandos«, was die Wertsachen und das Gepäck übernommen hat.

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind Sie da vorher belehrt worden, was der Sinn und der Zweck Ihrer Tätigkeit ist?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl, Herr Staatsanwalt. Wir sind belehrt worden darüber, daß wir das Gepäck zu beaufsichtigen haben. Es sei, wie war das noch mal, Reichseigentum.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also auf deutsch ist dort auf der Rampe eine Enteignung vor sich gegangen.

 

Zeuge Karl Morla:

Das kann sein, ja. Ich weiß

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das weiß der Zeuge nicht, das ist ein Rechtsbegriff, Herr Staatsanwalt. Das könnte

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, es kann ja möglich sein, daß dem Zeugen das gesagt worden ist, daß dort auf der Rampe die Habe der Juden enteignet wird.

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, es wurde gesagt, das ist beschlagnahmtes Gut, Reichseigentum.

 

Staatsanwalt Kügler:

Mit der Ankunft auf der Rampe, ja?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Wie soll ich das verstehen: »Es ist beschlagnahmtes Gut, freies Eigentum«?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Reichseigentum.

 

Vorsitzender Richter:

Reichseigentum?

 

Zeuge Karl Morla:

Reichseigentum.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, gut.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was ist Ihnen über die Verwertung dieser Sachen bekannt?

 

Zeuge Karl Morla:

Diese Sachen wurden in Hallen gefahren, transportiert.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind sie auch von Auschwitz wegtransportiert worden zum Teil?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja. Sind auch von Auschwitz wegtransportiert worden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zum Beispiel nach Berlin?

 

Zeuge Karl Morla:

Berlin, jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was ist nach Berlin transportiert worden?

 

Zeuge Karl Morla:

Das sind meistens Wertsachen gewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also Uhren oder Ringe oder was?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was? Ringe, Uhren?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Noch was?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja, sonst die Wertsachen im allgemeinen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wertsachen im allgemeinen. Haben Sie solche Transporte mal begleitet?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl, da mußte ich ein- oder zweimal mit. Und das habe ich deshalb gemacht, weil ich in Berlin einen Bekannten hatte. Der hat mir immer drei Tage Sonderurlaub gegeben, daß ich zu meiner schwerkranken Frau nach Hause durfte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, das freut mich, daß Sie diese Gelegenheit damals hatten. Mich interessiert, wo sind die Wertsachen hingebracht worden?

 

Zeuge Karl Morla:

Zum Wirtschafts-Verwaltungshauptamt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also in Berlin-Oranienburg?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie noch, zu wem dort?

 

Zeuge Karl Morla:

Herr Staatsanwalt, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe den Transport nicht geleitet gehabt. Ich weiß nicht, ich kann das nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist in Ihrer Abteilung Buch über diese Wertgegenstände geführt worden?

 

Zeuge Karl Morla:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wer hat das gemacht?

 

Zeuge Karl Morla:

Da ist ein Buchhalter, ein spezieller Buchhalter, von Berlin gekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie noch, wie der hieß?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja Herr Staatsanwalt, das kann ich wirklich nicht, das ist mir alles

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ist einmal darüber gesprochen worden, welchen Wert diese Gegenstände hatten, also wollen wir mal sagen, was da in einem Jahr an Wertsachen angefallen ist oder in zwei Jahren oder wie auch immer?

 

Zeuge Karl Morla:

Nein, in meiner Gegenwart nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was ist darüber gesprochen worden? Hat man sich da mal drüber unterhalten inoffiziell, ob das Millionenwerte waren?

 

Zeuge Karl Morla:

Ja Herr Staatsanwalt, das kann ich nicht sagen. Unterhalten konnte man sich ja überhaupt nicht, das war zu gefährlich.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Ich habe keine Frage mehr.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidiger? Keine Fragen mehr. Von seiten der Angeklagten? Keine Frage. Anträge zur Beeidigung? Nicht gestellt.

Dann nehmen Sie bitte mal Platz. Wir werden nachher darüber entscheiden4

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. Aleksander Lasik: Die Verfolgung, Verurteilung und Bestrafung der Mitglieder der SS-Truppe des KL Auschwitz. Verfahren, Fragen zu Schuld und Verantwortung, in: Hefte von Auschwitz 21, 2000, S. 277.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.04.1961 in Bad Neuenahr, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.270.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 12.10.1959 in Bad Neuenahr, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 15, Bl. 2.364.

4. Der Zeuge Morla wurde vereidigt. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 14.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 694.

 

 
 
 
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