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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

68. Verhandlungstag, 23.7.1964

 

Vernehmung des Zeugen Marek Montag

 

Vorsitzender Richter:

des Gerichts. Als Sie nach Birkenau kamen, fand da eine Selektion statt, oder sind Sie unmittelbar ins Lager eingeliefert worden?

 

Zeuge Marek Montag:

Ins Lager. Ohne Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Ohne Selektion. Wie viele Menschen sind ungefähr mit Ihnen zusammen gekommen?

 

Zeuge Marek Montag:

Entschuldigen Sie bitte, wir sind doch durch eine Selektion gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Doch durch eine Selektion.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Menschen sind ungefähr, schätzungsweise mit Ihnen

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Über 3.000.

 

Vorsitzender Richter:

Über 3.000.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie kamen woher?

 

Zeuge Marek Montag:

Aus Krakau, vom Gefängnis aus. [...]

 

Vorsitzender Richter:

In Krakau. Sie sagen, es waren also über 3.000 Menschen. Wo wurden Sie ausgeladen?

 

Zeuge Marek Montag:

In Birkenau auf einer Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Auf der Rampe in Birkenau. War die damals schon fertig?

 

Zeuge Marek Montag:

Nein, das war die Alte Rampe. [...]

 

Vorsitzender Richter:

War die schon im Lager Birkenau oder noch vor dem Lager?

 

Zeuge Marek Montag:

Nein, nein, außerhalb des Lagers.

 

Vorsitzender Richter:

Außerhalb des Lagers Birkenau. Und wie spielte sich diese Selektion ab, die Sie da durchgemacht haben?

 

Zeuge Marek Montag:

Wir sind durch einen Block durchgegangen, glaube ich. Man hat uns angeschaut.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie noch eine Erinnerung, wer daran sich beteiligt hat? Nein, haben Sie keine Erinnerung mehr.

 

Zeuge Marek Montag:

Ich habe die Leute damals nicht gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch später noch Selektionen im Lager erlebt?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat die durchgeführt?

 

Zeuge Marek Montag:

Ärzte. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie noch Namen von diesen Ärzten? Meinten Sie nicht mal, es seien Doktor Mengele und Doktor Thilo gewesen?

 

Zeuge Marek Montag:

Thilo habe ich gekannt. Bei der Evakuierung in 1944 war auch eine Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer führte die durch?

 

Zeuge Marek Montag:

Ich glaube, Doktor Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glaubten, Doktor Mengele, Sie wissen es aber nicht mehr genau. Nun, wissen Sie auch, daß Selektionen ohne Beisein des Arztes nur von SS-Leuten durchgeführt worden sind?

 

Zeuge Marek Montag:

Auch.

 

Vorsitzender Richter:

Und was waren das für Selektionen, solche im Lager?

 

Zeuge Marek Montag:

Im Lager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager. Und wer hat die durchgeführt, wissen Sie das noch? Das wissen Sie auch nicht. Nun, Herr Montag, können Sie sich noch erinnern an den Angeklagten Baretzki?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist es richtig, daß Baretzki Ihnen schon einmal gegenübergestellt worden ist?1

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist er Ihnen damals allein gegenübergestellt worden oder mit mehreren anderen

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Mit mehreren.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mit mehreren zusammen.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja, zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn damals erkannt aus

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Gleich erkannt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aus dieser Reihe von Männern, die Ihnen vorgeführt worden ist? Sie kennen ihn. Und wieso kennen Sie ihn gerade, und wie haben Sie ihn erlebt?

 

Zeuge Marek Montag:

Ich war in Birkenau im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im d-Lager?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Marek Montag:

Und da war er Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Er war dort Blockführer.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Ihrem Block oder von...

 

Zeuge Marek Montag:

Er hat [+ den] Rapport abends um sechs

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat den Rapport entgegengenommen. Ja. Und nun, bitte?

 

Zeuge Marek Montag:

Nun, er war dort bekannt, der Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Weil er was war?

 

Zeuge Marek Montag:

Er war bekannt als Schläger.

 

Vorsitzender Richter:

Als Schläger.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Marek Montag:

Also er war bekannt als Mörder, als Schläger im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, und was haben Sie von ihm erlebt?

 

Zeuge Marek Montag:

Also manches Mal auch Schläge bekommen. Ich war bei...

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben von ihm auch Schläge bekommen?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch einmal erlebt, daß er einen Menschen totgeschlagen oder totgeschossen hat?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Erzählen Sie uns das bitte.

 

Zeuge Marek Montag:

Das war 1944. Da sind die Transporte angekommen aus Litzmannstadt. Und da hat er einen Transport durchgeführt zwischen d-Lager und c-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns das vielleicht mal an der Karte zeigen, wenn Sie es können? Stehen Sie bitte mal auf, gehen Sie mal hin. Da ist ein Stock, den Sie benutzen können.

Sie sehen auf dieser Karte links ein Lager a und b. Das soll das nachmalige Frauenlager gewesen sein. Und zwischen diesen a und b, bei BI, und den anderen a bis f, bei BII, da zieht sich eine braune Linie hindurch, das ist die spätere Eisenbahnrampe. Können Sie sich in die Situation hineinversetzen? [Pause] Wo ist der Cugini eigentlich? [Pause] Herr Staatsanwalt, wenn Sie schon die Liebenswürdigkeit haben, würden Sie ihm vielleicht mal das d-Lager zeigen, wo er drin war? Nehmen Sie doch mal selbst den Stock in die Hand, Herr Zeuge, und zeigen Sie uns das einmal, wo die Leute durchgeführt worden sind. Sie sagten, zwischen d-Lager und c-Lager, ja?

 

Zeuge Marek Montag:

[unverständlich] Straßen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ist das die Straße, die zur »Sauna« ging, Herr Zeuge?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Links ist die »Sauna«.

 

Zeuge Marek Montag:

[Pause] [unverständlich] d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie weiter hingeführt worden?

 

Zeuge Marek Montag:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Und Sie waren im d-Lager?

 

Zeuge Marek Montag:

Im d-Lager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Sie sagten also, da sei ein Transport durchgeführt worden?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und, weiter?

 

Zeuge Marek Montag:

Und da waren wir gerade, haben wir den Transport angesehen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Würden Sie ein bißchen ins Mikrofon sprechen, damit wir das auch hören, ja.

 

Zeuge Marek Montag:

Also das war ein Transport, [+ der] in [+ die] Gaskammer geführt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Marek Montag:

Nun, darum, weil das waren gemischt, Männer, Frauen.

 

Vorsitzender Richter:

Es war gemischt, Männer und Frauen.

 

Zeuge Marek Montag:

Frauen, ja. Und da hat eine Frau von dem Transport ihren Bruder gerufen, wie sich herausgestellt hat. Sie hat ihren Bruder

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wo war der Bruder?

 

Zeuge Marek Montag:

Im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im d-Lager, wo Sie auch waren. Wo standen Sie denn im d-Lager?

 

Zeuge Marek Montag:

Nicht weit von dem elektrischen Draht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht weit vom elektrischen Draht und konnten unmittelbar auf diesen Weg sehen, der von der »Sauna« daherkam.

 

Zeuge Marek Montag:

Das war entfernt vielleicht drei Meter oder vier Meter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da hat eine Frau nach ihrem Bruder gerufen.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie den Bruder?

 

Zeuge Marek Montag:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Der war auch bei Ihnen im d-Lager?

 

Zeuge Marek Montag:

Im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

D?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie, daß das der Bruder von der Frau war?

 

Zeuge Marek Montag:

Die haben es dann erzählt dort.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es dann erzählt.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sie hat ihn gerufen. Was geschah nun?

 

Zeuge Marek Montag:

Und da hat er sie herausgeholt von der Reihe und hat sie erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer, der Baretzki?

 

Zeuge Marek Montag:

Der Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Der Baretzki hat sie herausgeholt und hat sie erschossen.

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

[unverständlich] erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er erst nach dem Bruder gerufen?

 

Zeuge Marek Montag:

Der ist ausgerissen, der Bruder, also in seinem Block, wo er war.

 

Vorsitzender Richter:

Warum ist er ausgerissen?

 

Zeuge Marek Montag:

Er hat Angst gehabt auch.

 

Vorsitzender Richter:

Angst gehabt.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nachdem die Frau ihn angerufen hatte, ist er sofort weggegangen?

 

Zeuge Marek Montag:

Weggegangen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann hat der Baretzki die Frau herausgerufen aus diesem Zug.

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Und erschossen. Ja, hat sie herausgeschleppt und erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin hat er sie denn geschossen?

 

Zeuge Marek Montag:

Auf der Lagerstraße.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich meine, hat er sie in den Rücken geschossen, ins Genick geschossen oder

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Ja, wir sind doch alle ausgerissen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind auch ausgerissen.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wissen Sie, daß die Frau tot war?

 

Zeuge Marek Montag:

Nun, wir haben [+ es] gesehen da. Man hat sie weggeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Man hat sie weggetragen.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wann war das ungefähr? Sie sagten 44, ja?

 

Zeuge Marek Montag:

44.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wissen sie noch, ob es im Frühjahr oder im Sommer oder im Herbst war?

 

Zeuge Marek Montag:

Nun, damals, als der Transport aus Litzmannstadt angekommen ist. Ich glaube, das war im Frühjahr.2

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wäre im Frühjahr gewesen. Wissen Sie noch von weiteren Tötungen, die der Angeklagte Baretzki vorgenommen hat?

 

Zeuge Marek Montag:

Weitere, die waren gewesen. Ich war damals in den Krematorien. Wir sollten das Krematorium sprengen. [Pause] Dann ist er auch mit seinem Fahrrad dort im ganzen Lager herumgefahren, und man hat auch erzählt, daß der Baretzki viele erschossen hat. Aber das habe ich ja nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen.

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Das hat niemand gesehen, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben nur gehört, daß ein Häftlings- »Sonderkommando« das Krematorium hat sprengen wollen.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja, nun mehrere.

 

Vorsitzender Richter:

Mehrere, was heißt mehrere?

 

Zeuge Marek Montag:

Also sie sollten damals einen Aufstand3 machen. Sie sollten die Krematorien sprengen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Krematorien sprengen, ja. Und das ist nicht gelungen.

 

Zeuge Marek Montag:

Es wurde verraten. Zwei Stunden [vorher] ist das verraten worden. Und man hat das ganze Kommando erschossen, »Sonderkommando«. Aber die sind geflüchtet im Lager. Und damals haben wir auch gesehen, wie der Baretzki hat [unverständlich].

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie gesehen, den Baretzki? Wo haben Sie ihn gesehen?

 

Zeuge Marek Montag:

Also außerhalb dem d-Lager, wo [+ sie] mit den Fahrrädern herumgefahren sind, um zu suchen diese

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo waren Sie denn damals?

 

Zeuge Marek Montag:

Im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im d-Lager.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie konnten durch das d-Lager

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Durch den Draht, ja, alles.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hinaussehen und haben ihn gesehen, wie er auf dem Fahrrad herumgefahren ist und gesucht hat. Und hat er da eine Waffe dabeigehabt?

 

Zeuge Marek Montag:

Einen Karabiner.

 

Vorsitzender Richter:

Einen Karabiner. Und haben Sie auch gesehen, daß er mit diesem Karabiner geschossen hat?

 

Zeuge Marek Montag:

Nein, das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht sehen. Und wie war es abends bei dem Appell?

 

Zeuge Marek Montag:

Ach, da haben sie auch noch geschossen damals. Aber das haben wir nicht gesehen, [...] wo das passiert ist und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben abends auch geschossen?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar außerhalb des Appellplatzes?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja, außerhalb des Lagers d.

 

Vorsitzender Richter:

Außerhalb des Lagers. Nun, sagen Sie, haben denn beim Appell verschiedene Häftlinge gefehlt?

 

Zeuge Marek Montag:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gefehlt?

 

Zeuge Marek Montag:

Das war ein »Sonderkommando«. Die haben einen extra Block gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben extra einen Block gehabt, das ist richtig, ja. Hat man denn beim Appell erzählt, er habe Leute erschossen bei dieser Gelegenheit?

 

Zeuge Marek Montag:

Man hat es erzählt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Man hat es erzählt?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja. Es waren doch die Außenkommandos, die gearbeitet haben. Die sind zurückgekehrt.

 

Vorsitzender Richter:

Die Außenkommandos, die kamen zurück und haben beim Appell erzählt, Baretzki habe von den Flüchtenden einzelne erschossen.

 

Zeuge Marek Montag:

Auch erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten des Gerichts noch Fragen?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Herr Staatsanwalt, bitte schön.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, Sie haben bei Ihrer Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft4 ausgesagt, Sie hätten den Vorgang aus einer Entfernung von sieben Metern beobachtet. Heute sprechen Sie von drei Metern. Was ist nun richtig?

 

Zeuge Marek Montag:

Ich habe ja nicht die Meter gemessen. Vielleicht waren es vier

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Darf ich klarstellen, Herr Rechtsanwalt. Er hat gesagt, drei, vier Meter.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Drei bis vier Meter, ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja. Damals sagte er, circa sieben Meter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, circa.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, Sie haben es nicht gemessen. Sie haben nun weiter damals ausgesagt, daß Sie, nachdem Sie den Schuß gehört haben, sofort ausgerückt sind, also auf ihren Block zurück. Heute sagen Sie, Sie hätten beobachtet, wie die Frau weggetragen worden sei. Jetzt frage ich Sie: Wie können Sie das beobachtet haben, wenn Sie sofort auf Ihren Block geflüchtet sind?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja, das hat gedauert dann, bis man die Frau weggeführt hat, weggetragen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist da mittlerweile der Transport weggeführt gewesen?

 

Zeuge Marek Montag:

Weggeführt worden, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Frau blieb allein liegen?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und als die weggeführt waren, sind Sie wieder herausgekommen

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Da sind wir wiederheraus, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben gesehen, daß die Frau weggetragen wurde.

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Dann noch eine Frage. Nach den seitherigen Erkenntnissen, glaube ich, geht das Gericht davon aus, daß diejenigen Transporte, die zur Vergasung bestimmt worden sind, unmittelbar zu den Krematorien geführt worden sind. Nun sagen Sie heute, daß dieser gemischte Transport aus Männern und Frauen durch diese Lagerstraße geführt worden sei und zur Vergasung bestimmt worden sei. Wie stehen Sie zu diesem Vorhalt?

 

Zeuge Marek Montag:

Es sind damals...

 

Verteidiger Gerhardt:

Oder ich kann Sie vielleicht mal so fragen: Haben Sie denn gesehen, daß die Leute in ein Krematorium geführt worden sind?

 

Zeuge Marek Montag:

Das hat niemand gesehen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Danke, keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, waren damals schon die Krematorien oben gebaut, diese vier oben?5

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren schon gebaut, ja?

 

Zeuge Marek Montag:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ist keine Frage mehr von seiten der Verteidigung? Wie ist es mit dem Angeklagten Baretzki. Haben Sie etwas zu sagen dazu?

 

Angeklagter Baretzki:

[Pause] Herr Vorsitzender, ich habe nie Leute begleitet zum Krematorium, ich habe auch nie eine Frau erschossen. Was der Herr Montag behauptet, das ist unwahr. Das ist genauso unwahr, wie er uns früher Meldungen gemacht hat. Die waren auch so, genauso unwahr wie jetzt auch.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Was war das mit den Meldungen? Das habe ich

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Genau wie der uns früher die Unwahrheit gesagt hat, uns gemeldet Häftlinge. Genauso tut er hier die Unwahrheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Häftlinge gemeldet?

 

Angeklagter Baretzki:

Der Herr Montag. Der Herr Montag war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie kennen ihn?

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl. Der Herr Montag war ein Blockschreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Marek Montag:

Das ist nicht wahr.

 

Angeklagter Baretzki:

Sie waren

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Stimmt es, waren Sie Blockschreiber?

 

Angeklagter Baretzki:

Sie waren kein Blockschreiber?

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Angeklagter Baretzki:

Haben Sie keinen blauen Tuchanzug getragen? Als Jude.

 

Zeuge Marek Montag:

Ist nicht wahr.

 

Angeklagter Baretzki:

Was werden Sie dazu sagen, wenn andere Häftlinge kommen werden und sagen, Sie haben einen Tuchanzug getragen, einen dunkelblauen Tuchanzug? [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hatten Sie die gestreifte Häftlingskleidung?

 

Zeuge Marek Montag:

Gestreifte Häftlingskleider, ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Der Mann war Blockschreiber im Block. Und der war der Briefträger von den Rapportführern. Mehr brauche ich ja nicht zu sagen.

 

Zeuge Marek Montag:

Ich war kein Rapportschreiber. Ist nicht wahr.

 

Angeklagter Baretzki:

Er war [der Briefträger vom] Rapportführer.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Montag, Sie müssen es wissen, und Sie müssen es beeiden.

 

Zeuge Marek Montag:

Ist nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn es so gewesen ist, sagen Sie es uns.

 

Zeuge Marek Montag:

Ist nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Ist ja für Sie weiter kein

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

[unverständlich] den Mann

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Ist nicht wahr.

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

[unverständlich]

 

Zeuge Marek Montag [unterbricht]:

Ist nicht wahr.

 

Angeklagter Baretzki:

Daß die Juden sich das gefallen lassen, das kann ich nicht verstehen.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt nehmen Sie bitte Platz. So, wenn keine Fragen mehr zu stellen sind, Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Marek Montag:

Jawohl, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

– Schnitt –

 

 

1. Gegenüberstellung am 13.05.1960 in der Untersuchungsanstalt Hammelsgasse, Frankfurt am Main. Vgl. Vermerk vom 13.05.1960, Staatsanwaltschaft b. LG Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 32, Bl. 5.534.

2. Das Ghetto Łódź wurde im August 1944 aufgelöst. Ab Mitte August 1944 trafen Transporte mit Juden aus Łódź in Auschwitz ein.

3. Aufstand des Sonderkommandos am 07.10.1944 in den Krematorien II und IV. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 898 ff.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 13.05.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 32, Bl. 5.535-5.536.

5. Die Krematorien IV und V wurden im März und im April 1943 in Betrieb genommen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 446, 459.

 

 
 
 
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