Logo Fritz Bauer Institut
 
Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

135. Verhandlungstag, 11.2.1965

 

Vernehmung des Zeugen Petro Mirčuk

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Mirčuk, Sie sind ebenfalls in dem Lager Auschwitz gewesen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns bitte sagen, wann Sie hingekommen sind?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie dort hingekommen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Am 20. Juli 42. Und ich blieb dort bis zu der Evakuierung am 19., 20. Januar 45.

 

Vorsitzender Richter:

Am 19. oder 29. Januar?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

19. oder 20., das...

 

Vorsitzender Richter:

19. oder 20. Januar.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

20. Das war in der Nacht, ja.

 

Vorsitzender Richter:

1945.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

45. [...]

 

Vorsitzender Richter:

45. Sagen Sie bitte, kennen Sie auch den heute hier vernommenen Doktor Vintonjak?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, wir wurden zusammen verhaftet, und wir waren dann zusammen in Auschwitz gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wann sind Sie denn verhaftet worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Am 15. September 41 in L’viv, Westukraine.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich war Abteilungsleiter der ukrainischen Regierung in der Ukraine gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also aus politischen Gründen.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Aus politischen Gründen, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch erst in dem Gefängnis in Krakau gesessen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, zehn Monate lang.

 

Vorsitzender Richter:

Zehn Monate lang.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ein paar Tage vorher in L’viv, und dann nach ein paar Tagen wurde ich nach Krakau in das Gefängnis Montelupich gebracht. Und dann nach zehn Monaten wurde ich in das KZ Auschwitz eingeliefert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wo kamen Sie in Auschwitz hin, wie Sie eingeliefert worden sind? Auf Block 11?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Auf Block 11, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange blieben Sie im Block 11?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ganz genau kann ich es nicht sagen, ein paar Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Ein paar Tage nur.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ein paar Tage.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann, wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Dann war es ein anderer Block, wahrscheinlich – an die Nummer kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr an die Nummer erinnern?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Da waren verschiedene.

 

Vorsitzender Richter:

Und, sagen Sie bitte, blieben Sie während der ganzen Zeit, die Sie in Auschwitz waren, immer im Stammlager?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Immer im Stammlager?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Immer im Stammlager.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie auch einmal krank, kamen Sie auch mal in den Krankenbau?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, ich war ein paar Tage im Krankenbau, nur ein paar Tage. Es war zu gefährlich, [+ dorthin] zu gehen, insbesondere im Jahre 42/43, da normalerweise, wenn ein Häftling nicht stehen konnte, er getötet wurde. Mit den Impfungen getötet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Deswegen, obschon ich eine sehr schwere Lungenfellentzündung gehabt hatte, war es besser für mich, weiterhin mit hohem Fieber zur Arbeit zu gehen und [bei] meinen Freunden zu sein, als ins Krankenhaus zu gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie waren also ein paar Tage dort. Waren Sie auch einmal im Arrest in Auschwitz?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie nicht. Und welche Nummer hatten Sie?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

49.734.

 

Vorsitzender Richter:

49.734.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, das habe ich tätowiert, und das steht hier.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Wir glauben es Ihnen schon. Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie waren also zunächst ein paar Tage in Block 11, wurden dann weiter hingeschickt. Und welchen Arbeitskommandos sind Sie zugeteilt worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Im Laufe der drei Jahre waren es sehr verschiedene. Anfangs wurde ich angewiesen, am Neubau zu arbeiten. Da wurde der zweite Stock an den Blocks 8, 9, 10 gebaut. Und wir waren verpflichtet, dort zu arbeiten. Während der Arbeit war es so, daß immer Laufschritt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Moment, wie lange haben Sie denn an diesen Blocks 8 bis 10 gebaut? Ungefähr?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ungefähr eine Woche. Dann kam ich zum Neubau. Das hieß Neubau, aber das war ein Unterkommando. Und wir haben außerhalb vom Lager gearbeitet. Da wurden die Scheunen gebaut.

 

Vorsitzender Richter:

Die Feldscheunen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Feldscheunen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Babice?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Babice, ja, stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann, wie diese Arbeit zu Ende war, kamen Sie nicht mehr in das Neubaukommando zurück?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, dann arbeitete ich als Straßenreiniger und dann als Kartoffelschäler und dann in der Bekleidungswerkstätte und dann, das war in der Desinfektionsabteilung, dann Wäscherei und zuletzt Schlachthaus, als Buchhalter im Schlachthaus. Drei Monate lang habe ich...

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie bitte, während Sie bei dem Neubaukommando waren, das waren ja nur einige Tage, sagten Sie?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, einige, vielleicht eine Woche.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Woche. Haben Sie in dieser Zeit einen Kapo gehabt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. Aber die Kapos kenne ich nicht den Namen nach, nur einen, das war Kowalsky. Und Oberkapo war Kral und Unterkapo Poczulski. Diese zwei kenne ich den Namen nach, weil die sich vorgestellt haben, gesagt haben, daß sie uns in ein paar Tagen erledigen werden. Und Unterkapo Kowalsky kenne ich dem Namen nach, da er als Reichsdeutscher galt, aber er war ein Pole. Er brauchte dringend einen Dolmetscher, und er hat mich als Dolmetscher gebraucht, und das hat mir viel geholfen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war Kowalsky.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Kowalski, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso haben Sie die Namen von den beiden anderen erfahren, Poczulski und Kral?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die haben ihn uns gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben es gesagt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, und die anderen Häftlinge haben uns gesagt, einer heißt Poczulski aus Przemyśl, und Oberkapo Kral, Ingenieur oder so was war er. Und er war Oberkapo für dieses ganze Kommando.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie für einen Winkel in Auschwitz?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Einen roten Winkel.

 

Vorsitzender Richter:

War diesem roten Winkel noch irgendein Buchstabe dazugefügt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, wir haben P bekommen. Es war uns nicht erlaubt, U zu haben. Uns wurde gesagt, daß die Ukrainer die Deutschen gern haben, und nur die ukrainischen Kommunisten sind gegen die Deutschen. Deswegen [war es uns] nicht erlaubt, U zu haben. Uns wurde P gegeben. Ich habe dagegen protestiert, ich wurde geschlagen, und mir wurde R gegeben, Russe. Ich habe auch dagegen protestiert, dann habe ich gesagt, daß ich zuletzt in Prag, Czechoslovakia, gelebt habe, und dann wurde mir C gegeben. Also dann hatte ich C gehabt, als Tscheche.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, diese Kapos, Unterkapos und Oberkapos, die Sie uns eben genannt haben, Kowalsky, Poczulski und Kral, was haben die denn für einen Winkel gehabt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Rote Winkel.

 

Vorsitzender Richter:

Rote Winkel. Alle drei?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Alle drei.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten die einen Buchstaben dabei?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, die waren Reichsdeutsche, und die Reichsdeutschen hatten keinen Buchstaben gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagten Sie doch, also Kowalsky hätte gar nicht Deutsch sprechen können, er hätte sich dazu eines Dolmetschers bedienen müssen.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Also war er doch offensichtlich kein Reichsdeutscher?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Doch, er war. Denn er stammte von den polnischen Gebieten, die dem Reich [einverleibt] wurden, und deswegen gilt er als Reichsdeutscher.

 

Vorsitzender Richter:

Gilt er als Reichsdeutscher.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, Warthegau oder so was.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie war es mit Poczulski und Kral?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Kral galt im Lager als Deutscher. Poczulski war ein Pole aus der Westukraine, er war Volksdeutscher. Aber die Volksdeutschen hatten auch keinen Buchstaben gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Auch keinen Buchstaben. Hatten die denn die Nummer auch tätowiert?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, ich glaube, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben es

 

Zeuge Petro Mirčuk [unterbricht]:

Ich bin nicht sicher, da ich [+ es] nicht kontrollieren konnte. Aber ich glaube, nicht. Die Reichsdeutschen [waren] nicht tätowiert.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten keine Tätowierung.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Keine Tätowierung. Nur die sogenannten Untermenschen hatten das bekommen. Die »Übermenschen« hatten das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun, sagen Sie bitte, in dieser Woche, die Sie mit dem Neubaukommando zusammen gearbeitet haben, haben Sie da denn diese Unterkapos und Oberkapos auch bei der Arbeit erlebt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. Kowalsky war in Beziehung zu meiner Person freundlich, denn er brauchte mich. Aber Poczulski hat uns schrecklich geschlagen, insbesondere Kral, der war verantwortlich für die Ermordung der zwei Brüder Bandera. Er hat uns alle schwer geschlagen. Und Poczulski hat zu Bandera gesagt: »Du bist Bandera, und ich bin pantera.1 Und in ein paar Tagen wirst du erledigt werden.« Dann wurde der jüngere Bruder totgeschlagen, und zwei Tage später kam der ältere Bruder. Anfangs waren beide auf derselben Liste, aber die SS hat angenommen, [daß es ein Fehler sei,] daß zwei mit demselben Namen drauf sind. Deswegen wurde erst nach zwei Tagen der zweite...

 

Vorsitzender Richter:

Herbeigebracht

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Herbeigebracht. Und dann, als der zweite nach zwei oder drei, ich glaube, nach zwei Tagen hergebracht wurde, dann wurde auch er von beiden, von Kral und Poczulski, [totgeschlagen]. Sie wurden den ganzen Tag hindurch [einer Tortur unterworfen], so daß sie abends nicht mehr gehen konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun wollen Sie uns mal das näher beschreiben. Also zunächst einmal: Die beiden Brüder hießen mit Vornamen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Der erste Vasyl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und der andere?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Und der andere Doktor Oleksa, Alex.

 

Vorsitzender Richter:

Alex. Haben Sie auch den Stepan Bandera kennengelernt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich war damals Mitglied derselben Organisation und während der polnischen Besatzung zusammen mit ihm. Er war Vorsitzender dieser Organisation, und ich habe mit ihm eng [zusammengearbeitet] während der polnischen Besatzung der Westukraine.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Stepan?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Stepan, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie ihn dann aus den Augen verloren, oder ist er mit Ihnen gekommen, auch nach Auschwitz?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, er wurde Anfang Juni 41 verhaftet, und er wurde ins KZ Sachsenhausen nach Berlin abtransportiert. Er war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also in dieser Zeit haben Sie ihn nicht mehr gesehen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Es blieben also noch Vasyl und Alex Bandera. Ist Vasyl mit Ihnen zusammen nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, an demselben Tag.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In demselben Transport?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Am selben Tag. Und der Alex ist, wie Sie uns eben gesagt haben, einige Tage später

 

Zeuge Petro Mirčuk [unterbricht]:

Einige Tage später.

 

Vorsitzender Richter:

War der Vasyl mit Ihnen zusammen in Block 11 untergebracht?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In demselben Raum auch?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im selben Raum haben Sie geschlafen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Menschen waren in diesem Raum etwa untergebracht?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das kann man...

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ungefähr? Ein paar Hundert.

 

Vorsitzender Richter:

Ein paar Hundert.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jedenfalls, wir haben zu vier Personen auf einem Bett geschlafen. Und das war noch nicht Platz genug. Und während der Nacht wurden die Ukrainer [aufgerufen] vorzugehen. Deswegen habe ich einen Platz unter den Betten genommen, so daß ich während der Nacht nicht gefunden werden konnte. Ich habe ganz unten geschlafen, unter den Betten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Unter dem Bett. Ja, und was wurde mit den anderen Ukrainern gemacht, die da vorgerufen wurden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die wurden während der Nacht wiederum geschlagen von den Blockältesten, Stubenältesten und den anderen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn Blockältester damals?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das kann ich nicht sagen. Ich kenne keinen Namen der Blockältesten, denn es war nicht möglich. Wir wurden immer der Nummer nach aufgerufen. Erlauben Sie, daß ich eine Episode nenne. Wenn wir einmal von der Arbeit zurückkamen und der Kapo meldete, daß soundso viele Mann zurückkommen, da wurde er, obschon er ein Deutscher war, geschlagen, ins Gesicht geschlagen. Denn, er wurde belehrt, wir sind keine Menschen, wir sind keine Leute, wir sind keine Männer, wir sind Nummern. Und deswegen müssen wir nur als Nummer angemeldet werden. Deswegen wußte ich, daß ich 49.734 bin, nicht mehr. Deswegen konnte ich nur [zufällig] wissen, daß einer Walter hieß oder Jan oder so.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, ist der Vasyl Bandera, der ja in dem gleichen Raum wie Sie schlief, damals auch vorgerufen worden, nachts?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und hat der in Ihrer Nähe geschlafen, oder war das ganz woanders in dem Raum? Konnten Sie ihn nachts beobachten?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, nachts konnte ich nichts beobachten. Ich war glücklich, daß mich niemand sieht.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte er denn seine Lagerstatt in Ihrer Nähe gehabt in diesem Raum?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Sie sind also dann mit dem Vasyl Bandera auch zusammen zur Arbeit ausgerückt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Arbeit fand, wie Sie sagten, in Block 8 bis 10 statt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht in 1 und 2?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Verzeihen Sie, umgekehrt. Die Nummern kamen von dieser Richtung. Jawohl, 11 war am Ende, und das waren 1, 2, 3. Also nicht die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wollen Sie uns das bitte mal an der Karte da vorn zeigen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. [Pause] Hier war eine Wäscherei, und wir haben an diesen zweien gearbeitet. Also richtig, das sind [+ Block] 1 und 2.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso kamen Sie dazu, zu sagen, es wären 8 bis 10?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich habe umgekehrt gezählt.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die waren die letzten in dieser Reihe. Hier war die Politische Abteilung und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Kommandantur, ja.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Und diese waren die zwei letzten. Und ich habe von dieser Richtung aus gezählt. Das war falsch. Das waren 1 und 2. Und wir waren in 11. Dann kam ich hier zu diesem, das war 21, hier, das war eine Baracke zwischen 20 und 21, und dann zum 22a. Und endlich [+ auf Block] 17.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, dann nehmen Sie mal wieder Platz. Sie sagten vorhin, Sie hätten den ersten Stock beziehungsweise den zweiten Stock aufgesetzt auf diese Bauten 1 und 2.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben die denn schon bestanden, das heißt, waren die schon eingeschossig vorhanden gewesen? Oder sind die auch erst aufgebaut worden ganz von unten her?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das glaube ich nicht. Ich glaube, der erste Stock war schon lange vorher fertig. Als wir gebracht wurden, kam die Arbeit an dem zweiten Stock in beiden Gebäuden, so daß wir die hölzerne Baracke dazu benützten, von einem zum anderen zu gehen über das Dach. Und meiner Meinung nach war der erste Stock schon lange vorher fertig.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie denn da gearbeitet, an diesen Blocks?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Wir haben gebaut. Ich persönlich mußte Sand von vorne dorthin bringen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ich meine, was war denn die Arbeit überhaupt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Arbeit?

 

Vorsitzender Richter:

Hat man nur aufgebaut?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Oder hat man auch Decken gezogen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Alles. Damals war das nur die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Hochbau.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Hochbau, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

An und für sich müßte doch schon eine Decke eingezogen gewesen sein, wenn der untere Stock vorher schon Bestand gehabt hätte.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich weiß nicht bestimmt, wie es war. Damals hatten wir nur damit zu tun. Ich konnte nicht beobachten und denken, wie das aussieht. Denn ich war nur mit dem Gedanken befaßt, wie den Schlägen zu entkommen. Und deswegen war es meine Pflicht, im Laufschritt Sand zu nehmen, ihn dorthin zu bringen, wiederum zu laufen, wiederum zu bringen. Und deswegen konnte ich nicht daran denken, was es eigentlich ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was hat denn der Vasyl Bandera für eine Arbeit gehabt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Dieselbe Arbeit. Ich konnte die anderen nicht beobachten, ich habe ihn nur ein paarmal laufen gesehen. Neben ihm waren immer Kral oder Poczulski, und die haben ihn ununterbrochen mit Peitschen geschlagen, so daß er solange hin und her lief, bis er umgefallen ist, ohnmächtig. Dann wurde er ins Krankenhaus abtransportiert. Und am nächsten Tag haben wir erfahren, daß er schon nicht mehr lebt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch etwas davon gehört, daß der Kral und der Poczulski diesen Vasyl Bandera in eine Wassertonne gesteckt haben?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, das habe ich gehört, und das habe ich auch in meinem Buch erwähnt. Im Jahre nach meiner Befreiung habe ich das beschrieben und in ukrainischer Sprache veröffentlicht, und hier ist das beschrieben. Oberkapo Kral wurde mit Namen erwähnt und Poczulski, beide, schon vor 15 Jahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die Namen kommen also nicht erst heute ans Licht, sondern schon damals habe ich die beiden Herren dem Namen nach genannt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, Sie haben uns eben gesagt: Ich konnte bei meiner Arbeit die anderen nicht beobachten, ich konnte nicht sehen, was der einzelne arbeitete und wie es vor sich ging. Sie haben nur gesehen, daß beim Vorbeilaufen dieser Vasyl Bandera Schläge bekommen hat von Kral und Poczulski. So war es doch?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Ihnen denn diese Geschichte mit der Wassertonne und mit dem Kral erzählt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Abends die anderen Kollegen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso konnten die das denn sehen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die waren wahrscheinlich zusammen mit ihm in demselben Unterkommando. Wir wurden auf die Unterkommandos verteilt, und ich gehörte dem Unterkommando an, welches zur Pflicht hatte, Sand zu bringen. Deswegen war ich aus dieser ukrainischen Gruppe wahrscheinlich der einzige in diesem Unterkommando.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Bandera, Vasyl, gehörte zum anderen Unterkommando, welches dort oben arbeitete, und mit ihm waren die anderen Ukrainer. Ich erinnere mich nicht mehr, wer. Jedenfalls habe ich abends gefragt: »Was geschah mit Vasyl?« Und die haben mir das erzählt. Und am nächsten Tag

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was haben Sie Ihnen denn erzählt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Als er so schrecklich geschlagen worden war, wurde er dort in ein Gefäß mit Wasser gesteckt. Und dann wurde mit Sand und Zement auf ihn geworfen. Und dann mußte er in Blut, Zement und Sand wiederum laufen, bis er zusammengebrochen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ist er am selben Tag von der Baustelle ins Krankenhaus gebracht worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja. Meiner Meinung nach war das derselbe Tag. Den nächsten Tag, so wie ich mich erinnere... Es ist sehr schwer, sich nach zwanzig Jahren zu erinnern, denn dort existierten für mich keine Unterschiede zwischen Nacht und Tag. Das war eine Hölle, wo man nicht unterscheiden konnte. Man konnte nicht zählen, wie lange wir da sind. Die erste Woche war eine Ewigkeit gewesen. Deswegen konnte ich nicht zählen, wie viele Tage ich eigentlich da bin.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie auch Appelle dort, in dem Block 11?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, morgens und abends. Wir mußten die Mützen abnehmen und stillgestanden stehen, und dabei wurden wir so ungefähr eine Stunde belehrt und geschlagen von allen Seiten. Und dann: Stillgestanden!

Wenn es regnete oder so mußten wir mit Mützen ab eine Stunde, zwei Stunden oder noch länger stillgestanden stehen. Die Linie mußte immer gerade sein. Und einer von den Blockältesten, Lagerältesten und die anderen Herren sind entlanggelaufen und [+ haben die Häftlinge] ins Gesicht geschlagen oder von hinten, so daß es nötig war, immer ein bißchen nach vorne oder nach hinten zu gehen, damit man nicht immer die Schläge kriegt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. An diesem Tag, an dem der Vasyl Bandera in diese Wassertonne gesteckt worden sein soll, war er da abends noch beim Appell?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich glaube nicht. Beim Appell konnte man nicht sehen. Denn, wie ich gesagt habe, jeder hat nur die Blockältesten und die anderen beobachtet. Ich habe nicht gesehen, wer neben mir steht.

Und das war nicht der Nummer nach oder so, sondern jeder nahm Platz, wo er konnte, nur nach den Blöcken. Ein Block zusammen, und es war kein Unterschied, wo er stand. So konnte ich nicht feststellen, wer noch lebendig ist und wer noch steht. Wenn einer nicht stehen konnte, dann mußte er daneben am Ende der Reihe liegen, bis er als Toter abtransportiert worden war.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie in dieser Nacht den Vasyl Bandera auch nicht mehr in Ihrer Unterkunft vorgefunden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und ob er am nächsten Morgen beim Appell da war, wissen Sie das?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich glaube nicht. Ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wir haben eben einen Zeugen gehabt, der uns erzählt hat, am nächsten Morgen habe der Vasyl Bandera noch dagestanden beim Appell. Da sei Kral gekommen und hätte ihn angefaßt und gesagt: »Ach, du kannst ja doch nicht mehr stehen, geschweige denn arbeiten. Auf, komm mit!« Und er hätte ihn an der Hand gefaßt und ihn in den Krankenblock gebracht.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das kann sein. Aber wie ich gesagt habe: Ich konnte die anderen nicht beobachten. Ich habe immer nur daran gedacht, mich irgendwo zu verstecken, daß ich nicht mehr geschlagen wurde.

Ich habe ihn persönlich nicht gesehen. Ich habe ihn persönlich nur am ersten Tag gesehen, wie er geschlagen wurde. Und dann habe ich ihn nicht gesehen, um so mehr, da ich in einem Unterkommando war. Und da war ich interessiert, dem Unterkapo Kowalsky bei der Übersetzung aus der polnischen in die deutsche und aus der deutschen in die polnische Sprache zu helfen, so daß er mich in Ruhe läßt und nicht schlägt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wann kam denn nun der Oleksa Bandera?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich glaube, zwei oder drei Tage später. Ich glaube, zwei.

 

Vorsitzender Richter:

War da der Vasyl schon tot?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da war er schon tot?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Da war er schon tot.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah nun mit dem Oleksa? Kam der auch in Ihr Kommando?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, zu demselben Kommando. Und dann hat eben Kral ihm gesagt: »Dein Bruder ist schon erledigt, und heute wirst du dasselbe durchleben.«

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das selbst gehört?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie selbst gehört?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei welcher Gelegenheit hat denn der Kral das gesagt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Morgens, während wir morgens zur Arbeit kamen. Wir wurden in eine Reihe gestellt und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Am Arbeitsplatz?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, nach dem Appell, da wurden die Arbeitskommandos formiert. Und dann hat Kral laut gerufen: »Wo ist der zweite Bandera?«

Dann haben wir gesehen, daß er dort ist. Er kam zu unserer Gruppe, und Kral und Poczulski haben ihn gebracht und haben gesagt: »Versuche nicht, zu entkommen. Du mußt hierher kommen. Dein Bruder ist schon erledigt, und heute«...

 

Vorsitzender Richter:

»Kommst du dran.«

 

Zeuge Petro Mirčuk:

»Kommst du an die Reihe.«

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah dann weiter?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Dann wurde er genauso wie sein Bruder geschlagen, und er wurde auf einen Wagen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Schubkarren?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Schubkarren, ja, gelegt und ist abends ins Krankenhaus abtransportiert worden.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem? Von Häftlingen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Von Häftlingen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie ihn wiedergesehen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nachher nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, was aus ihm geworden ist?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich habe gehört, daß er auch am nächsten Tage tot war. Ich habe nachher

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo »dort«? Im Krankenhaus?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Tot.

 

Vorsitzender Richter:

Tot war, tot war. Ja. Das haben Sie

 

Zeuge Petro Mirčuk [unterbricht]:

Es war so. Man konnte nicht leicht feststellen, wann einer gestorben war. Denn es war die Praxis so, daß die, die im Büro arbeiteten im Krankenhaus, die haben alle Toten in die Liste genommen und dann nach einer Woche oder nach einem Monat die Daten gegeben und geschrieben: »Wegen Fieber«, wegen so und so einer Krankheit.

Deswegen stimmten die offiziellen Daten nicht. Die offiziellen Daten sind ihnen viel später gegeben worden. Aber tatsächlich sind die beiden schon an den ersten Tagen gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

Aber wie, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein. Infolgedessen. Es ist möglich, daß sie noch eine Impfung während der Nacht bekommen haben oder daß sie zusätzlich geschlagen wurden. Das weiß ich nicht. Ich glaube, daß es genügte, denn als ich Oleksa zuletzt gesehen hatte, konnte er schon nicht mehr sprechen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Ihnen das erzählt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich habe ihn gesehen. Er konnte schon nicht mehr sprechen.

 

Vorsitzender Richter:

Bestehen Bedenken dagegen, daß der Zeuge aus seinem Buch, das er vor 15 Jahren geschrieben hat, wie er sagt, diese Stelle einmal vorliest? [Pause] Ich würde dann vorschlagen, daß er das mal vorlesen soll.

Es ergeht Beschluß: Im allseitigen Einverständnis sämtlicher Prozeßbeteiligter soll der Zeuge die auf den Vorfall der Brüder Bandera bezügliche Stelle in seinem Buch – wie heißt das Buch?2

 

Zeuge Petro Mirčuk:

»In den deutschen Todesmühlen«.3

 

Vorsitzender Richter:

»In den deutschen Todesmühlen« in deutscher Sprache vorlesen. Also Sie sollen es gleichzeitig übersetzen.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

»Oberkapo«

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Die Seitenzahl?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. Seite 41. [Pause] »Oberkapo Kral und Unterkapo Poczulski , ein Pole aus Przemyśl, haben sich sofort am ersten Tag, als wir dort eingeliefert wurden, auf unseren Kollegen Vasyl Bandera konzentriert. Sie haben ihn in den Block eingezogen und, voll mit Zemen t, mit seinem Anzug in ein Faß mit Wasser gesteckt und mit einem Besen sein Gesicht und seinen Kopf gereinigt. Nachher haben sie ihn wiederum an die Arbeit geschickt und ihm befohlen, mit dem«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Schubkarren.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

»Schubkarren zu laufen und Zement auf den oberen Stock zu bringen. Dann haben sie ihn wiederum zum Waschen gebracht.

Abends war er nur noch ein Schatten, aus einem Mann war nichts als ein Schatten geworden. Sein Gesicht, voller Blut und Schmutz, war nicht zu erkennen. Der Kopf war schrecklich geschlagen, und sein ganzer Anzug war voll Blut. Zurückgehen konnte er schon nicht mehr. Er wurde zum Lager gebracht und ins Krankenhaus eingeliefert, wo er bald ums Leben kam.«

 

Vorsitzender Richter:

Und von dem Oleksa?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, das ist eine andere Stelle. [Pause] Seite 52: »Ein paar Tage später wurde ins Lager Doktor Oleksa Bandera eingeliefert. Er wurde unserem Kommando angeschlossen. Hier hat er dasselbe Los gefunden wie früher sein Bruder Vasyl. Zwei Tage«, zwei Tage steht hier, »wurde er ununterbrochen torturiert von den Kapos und Vorarbeitern, bis er ohnmächtig geworden war und auf dem Rollkarren ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Von dort kehrten die beiden nie mehr zurück und blieben nicht mehr am Leben. Das geschah im Monat Juli 42. Die genauen [+ Todes]daten von beiden wurden in den offiziellen Listen für viel später angegeben, aber die sind falsch. Darüber, über die Daten, wann jemand starb, werde ich später sprechen.«

 

Vorsitzender Richter:

Also daß der Oleksa Bandera mit dem Schubkarren in bewußtlosem Zustand weggefahren worden ist, das haben Sie selbst noch gesehen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen von seiten des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Herr Zeuge, waren Sie auf Block 11 mit Ihrem Landsmann Doktor Vintonjak zusammen in einem Raum?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, aber ich habe ihn nicht gesehen, da ich, wie ich gesagt habe, nicht sehen konnte, was mit anderen vorgeht. Aber ich war in demselben Raum, denn wir wurden in denselben Block 11 eingeführt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Das ist richtig. Ich halte Ihnen vor: Der Zeuge Doktor Vintonjak hat vorhin erklärt, er sei mit Vasyl Bandera nicht in einem Raum gewesen. Vasyl sei in einem kleineren Raum auf Block 11 gewesen.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Am Block 11 war – Alle Blöcke waren so gebaut, daß der untere Block wahrscheinlich sechs Zimmer gehabt hat und der obere zwei Zimmer. Es war schon nachts, als wir dorthin gebracht wurden, deswegen konnte man nicht sehen, in welches Zimmer einer gesteckt worden war.

 

Staatsanwalt Wiese:

Schön. Haben Sie zusammen mit Doktor Vintonjak das Kommando Neubau verlassen, und sind Sie zusammen nach Babitz gekommen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja. Stimmt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Dann halte ich Ihnen vor: Doktor Vintonjak hat vorhin erklärt, er könne über das Schicksal des Doktor Oleksa Bandera nichts sagen, er wisse nicht, wann und wie er zu Tode gekommen ist. Und er hat, wenn ich es recht notiert habe, auch erklärt, Doktor Oleksa Bandera sei erst am 30. Juli nach Auschwitz gekommen. Das deckt sich nicht mit dem, was Sie gesagt haben.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Wir sind später nach Babitz gekommen. Wenigstens ich bin später [+ gekommen], ungefähr eine Woche habe ich dort gearbeitet.

 

Staatsanwalt Wiese:

Das sagt auch Doktor Vintonjak.

 

Richter Hotz:

Der sagt, vier bis fünf Tage.

 

Staatsanwalt Wiese:

Vier bis [+ fünf]. Ja, bitte.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ganz genau weiß ich es nicht. Jedenfalls war ich in dem Unterkommando Kowalsky, und deswegen weiß ich nicht genau, wann die anderen Ukrainer nach Babitz versetzt wurden. Ich jedenfalls wurde erst nach dem Tode von Oleksa Bandera [+ versetzt].

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja, ich bin nur erstaunt, weil Sie mir auf meine Frage hin bestätigt haben, daß Sie mit Doktor Vintonjak zusammen nach Babitz gekommen sind und Doktor Vintonjak aber von dem Schicksal des Doktor Oleksa Bandera nichts weiß.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ja, das kann

 

Staatsanwalt Wiese [unterbricht]:

Gut, weiter. Herr Zeuge, haben Sie eine Erklärung dafür, warum von der ersten Stunde an im Lager Auschwitz Kral und Poczulski so hinter den Gebrüdern Bandera her waren?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die Banderas hatten einen Bruder gehabt, welcher der Leiter der ukrainischen Untergrundbewegung in Polen gewesen war. Und er hat die Ermordung des polnischen Ministers Pieracki organisiert, welcher für die sogenannte Pazifizierung der ukrainischen Bevölkerung verantwortlich war.

Also die polizeilichen Methoden, die die Polen 1934 anwandten, führten dazu, daß die Untergrundbewegung beschlossen hat, als Strafe den polnischen Minister zu töten. Stepan Bandera hat das durchgeführt. Und dann, zwei Jahre später, 36, fand ein Prozeß in Krakau statt.

Stepan Bandera war allgemein bekannt. Er hat es abgelehnt, Polnisch zu sprechen. Statt sich zu verteidigen, hat er die polnische Regierung dafür angeklagt, daß Sie keine Rechte habe, in der Ukraine zu bleiben und ukrainische Bevölkerung zu morden. Und deswegen war der Name Stepan Bandera allgemein bekannt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Gut. Also [+ war das] praktisch eine Familienhaftung?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. Und diese, als Brüder, waren eben deswegen von diesen Herren

 

Staatsanwalt Wiese [unterbricht]:

Ist Ihnen bekannt geworden, wo Doktor Oleksa Bandera hergekommen ist? War er vorher in Krakau, oder wo ist er festgenommen worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Er studierte. Er hat seine Studien in Italien beendet

 

Staatsanwalt Wiese [unterbricht]:

Danke, es genügt mir, Herr Zeuge. Nun noch etwas anderes. Sie waren also lange Zeit im Stammlager. Kennen Sie noch SS-Leute?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Dem Namen nach nur einige.

 

Staatsanwalt Wiese:

Zum Beispiel?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Zum Beispiel Kaduk. Erst als dieser Prozeß begonnen hat, habe ich erfahren, daß es ein wirklicher Name ist. Ich habe immer geglaubt, daß es ein Schimpfname ist. Denn Kaduk bedeutet in schlesienpolnischer Sprache »ein Teufel«. Deswegen habe ich immer geglaubt, es sei ein Schimpfname. Und erst in einer amerikanischen Zeitung habe ich die Liste gesehen, und dann habe ich meiner Frau gesagt: »Schau doch, es ist ein richtiger Name!«

 

Staatsanwalt Wiese:

Können Sie irgendwelche konkreten Einzelhandlungen des Angeklagten Kaduk nennen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Er hat einen sehr schlechten Ruf gehabt. Eben deswegen habe ich immer geglaubt, daß es stimmt, daß er Kaduk heißt, daß er »ein Teufel« heißt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Aber sonst können Sie [+ nicht sagen], daß er jemanden totgeschlagen hat oder daß er in der Wäscherei selektiert hat oder

 

Zeuge Petro Mirčuk [unterbricht]:

Ich bin sehr viel auch von den SS-Leuten geschlagen worden. Aber das konnte man nicht wissen, was für Namen sie hatten. Einmal hatte ich um Erlaubnis gebeten, abtreten zu dürfen. Ich wurde geschlagen, da ich nur zwei Schritte vor dem SS- Mann gestanden habe und nicht drei Schritte. Aber das war mehr als unmöglich, den Herren zu fragen, wie er heißt. Denn in so einem Fall wäre ich totgeschlagen worden.

 

Staatsanwalt Wiese:

Nun ja, immerhin war Kaduk ja Rapportführer. Kannten Sie noch andere Namen, oder kennen Sie noch andere Namen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Am anderen Ende erinnere ich mich an den Namen Stark. Es wurde einmal darüber gesprochen, daß etwas Ungewöhnliches geschah: daß ein SS-Mann sich freiwillig an die Front gemeldet hat, da er die Umstände im KZ nicht vertragen kann. Das war so ein Gerücht damals.

 

Staatsanwalt Wiese:

Das Gerücht bringen Sie mit Stark in Verbindung?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl, mit Stark. Das wurde gesagt, daß ein junger Kerl mit dem Namen Stark das nicht vertragen kann. Und daß es doch auch unter den Deutschen solche gibt, die diese Hölle nicht vertragen können.

 

Staatsanwalt Wiese:

Schön. Noch andere Namen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Der andere Name, das ist ein Name aus der Politischen Abteilung. Momentan habe ich ihn vergessen. Leiter der Politischen Abteilung.

 

Staatsanwalt Wiese:

Grabner?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Grabner und der andere.

 

Staatsanwalt Wiese:

Wosnitza?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Staatsanwalt Wiese:

Boger?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Boger. Also Boger wurde von den Häftlingen als der Verfasser der Listen betrachtet, des sogenannten linken Flügels, also der Häftlinge, die nachher erschossen wurden. Es wurde immer behauptet, daß Boger dafür verantwortlich sei.

 

Staatsanwalt Wiese:

Kennen Sie den Schutzhaftlagerführer Hofmann?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ganz wenig. Den Namen habe ich gehört, aber in meinen Erinnerungen sind nur diese drei Namen geblieben.

 

Staatsanwalt Wiese:

Gut. Schönen Dank.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Bitte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Zeuge, wo war die Desinfektionsabteilung, bei der Sie tätig waren?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Die Desinfektionsabteilung war im Lager, ich kann es Ihnen zeigen, die letzte in der Reihe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ganz in der dritten, untersten Reihe?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Block 28?

 

Vorsitzender Richter:

Gehen Sie hin und zeigen Sie es uns.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zeigen Sie es.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. [Pause] Hier war die Bekleidungskammer. Und hier waren eine Wäscherei und diese Desinfektionsabteilungen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und worin hat die Arbeit bestanden, die Sie dort gemacht haben, bei der Desinfektionsabteilung?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

[Pause] Theoretisch war es so, daß die Häftlinge, die entlassen wurden, Anzüge und Wäsche zurückbekommen sollten. Deswegen mußte jeder neu Eingelieferte seine Wäsche und seinen Anzug in einen Papiersack stecken. Und dann wurde das desinfiziert mit trockener, hoher Temperatur. Ich arbeitete [+ die eine Woche] zwölf Stunden täglich, und die nächste Woche zwölf Stunden nachts.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen aus dieser Zeit noch der Name eines SS-Mannes, der dort die Aufsicht hatte, in Erinnerung?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sagt Ihnen der Name Breitwieser etwas?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Klehr?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, war bei diesen Mißhandlungen des Vasyl Bandera ein SS-Mann dabei?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. Er wurde als Rottenführer genannt. Aber den Namen habe ich nie erfahren. Er hat das alles gesehen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist er eingeschritten?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, gar nicht. Wir haben das nicht erwartet. Deswegen: Anfangs war das KZ-Lager dort in zwei Teile geteilt mit einer Mauer. Die erste und wahrscheinlich die zweite Woche, als ich dort war, war es in zwei Teile geteilt, so daß wir, wenn wir von Block 11 an die Arbeit geführt wurden, so herumgeführt wurden.

Und bei der Gelegenheit habe ich schon am ersten Tag eine Gruppe von Häftlingen gesehen – im ersten Moment wußte ich nicht, was das ist, denn die haben die sogenannten Verschallungen gehabt. Die Köpfe wurden rasiert, und die haben schrecklich wie die Kinder geschrien. Die wurden von der SS mit Hunden gejagt. Dann habe ich erfahren, daß es jüdische Mädchen waren.

Als ich gesehen habe, wie diese deutschen SS-Männer – und da waren auch Offiziere, und ich nehme an, daß die Offiziere eine höhere Ausbildung gehabt haben –, als ich also gesehen habe, daß die Deutschen mit höherer Ausbildung diese hilflosen Mädchen ins Gesicht schlagen, mit Füßen treten, mit Hunden jagen, da habe ich schon ein klares Bild darüber gehabt, was wir zu erwarten haben. Deswegen habe ich von den SS-Männern nie ein Eintreten für uns erwartet. Umgekehrt: Ich erwartete, daß er höchstens früher einem Kapo anordnen würde, das sogenannte Gnadenknie zu geben. Und zwar war das so: Wenn ein Häftling nicht mehr fähig war aufzustehen, dann hat der Kapo oder Oberkapo mit dem Knie auf seine Gurgel getreten oder mit dem Fuß und hat ihn auf diese Weise erledigt. Was wir also höchstens von den SS-Männern erwarten konnten, das war, daß sie befehlen: »Ende machen!«, dem Häftling ein Ende zu machen. Sonst nichts.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Mit wie vielen Mann von der Bandera-Gruppe sind Sie damals ins Lager gekommen? Wie stark war Ihre Gruppe?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

24 plus eins.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Also 25 Mann?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl. Das waren 24, und dann, zwei Tage oder drei Tage später Bandera, das heißt genau 24 plus eins.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha. Wer von den SS-Männern hat Ihre Gruppe besonders bewacht oder betreut? Sind Sie nicht zusammengehalten worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, in der Zeit nicht. Viel später, als wir schon alte Gefangene waren.

Es ist so: Wenn einer sie durchmacht, kann er schon in der Hölle auch wissen, wer ein Beelzebub ist. Und wenn einer ein kleiner Teufel war, dann konnten wir es schon so einrichten, daß wir ein Zimmer gehabt haben, in dem nur die Ukrainer gelebt haben. Aber das war viel, viel später, ich glaube, 43 oder 44, als auch die Deutschen schon gesehen haben, daß das Ende kommt. Und da hat sich schon viel geändert.

Damals war es nicht so. Jeder hat dort gelebt, wo er gearbeitet hat.

Nach der Auflösung, schon nach ein paar Wochen, blieben die anderen Kollegen noch in Babitz, und ich bin zur Bekleidungswerkstätte gekommen. Dann bin ich schon auf den Block 22a verlegt worden mit dem Kommando, so daß ich am Block 22a der einzige von dieser Gruppe war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sind Sie sicher, daß das so viel später war, daß die Bandera-Gruppe zusammen untergebracht wurde? War es nicht schon zu der Zeit, in der Stark da war? Und war nicht Stark Ihr Vorgesetzter gewesen?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich verstehe nicht Ihren Ausdruck »Vorgesetzter«. Wir haben keinen Vorgesetzten gehabt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat Stark nicht verfügt, wo Sie untergebracht wurden und wo Sie eingesetzt wurden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich glaube nicht. Das weiß ich nicht, aber ich glaube nicht. Ich konnte nicht alles wissen, aber ich glaube nicht. Das ist möglich, aber ich glaube nicht. Ich weiß nicht, warum es geschah. Da waren die anderen Kollegen. Jeder versuchte auf seine Weise, anderen zu helfen, so wie er es konnte. Es waren die anderen Kollegen, die das geschafft hatten, aber auf welche Weise, das weiß ich nicht.

Eine Änderung ist eingetreten damals während der Arbeit, als wir in dem Kommando Babitz gearbeitet haben. Da haben wir einen Wachmann gefunden, welcher ein Volksdeutscher aus der Bukowina gewesen war. Er fühlte sich halb als Deutscher, halb als Ukrainer. Und er hat sich einverstanden erklärt, unseren Brief an unser Komitee nach Krakau zu geben. Auf diese Weise haben wir die Nachricht geschickt, daß Oleksa Bandera tot ist.

Oleksa Bandera war italienischer Staatsbürger. Seine Frau war wahrscheinlich eine Familienangehörige von Ciano. Und Ciano hat – später habe ich das erfahren – offiziell die Reichskanzlei gefragt, wieso ein Italiener in Auschwitz ermordet wurde. Da wurde eine Untersuchung angeordnet, was geschehen ist, und dann wurden Kral und Poczulski verhaftet.

Das war die Zeit, als Poczulski und Kral während des Verhörs geschlagen wurden. Sonst war Kral genauso Herr des Lebens wie jeder SS-Angehörige. Er hatte lange Haare gehabt. Nur dann wurde er verhaftet, und eine Untersuchung wurde durchgeführt. Aber obwohl wir als Zeugen aussagten, daß Oleksa Bandera ermordet wurde, wurde offiziell – sozusagen offiziell – festgestellt, daß er an einer Krankheit gestorben war. Und Kral wurde freigelassen und arbeitete wiederum dort als Oberkapo.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist es nicht richtig, daß die SS schon alsbald nach dem Tod der Brüder Bandera eine Untersuchung von sich aus eingeleitet hat?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Meiner Meinung nach war das eben deswegen, was ich eben erklärt habe.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, Sie sagten, viel später erst.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, da hat er es

 

Zeuge Petro Mirčuk [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Viel später habe ich davon erfahren.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ach so.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Erst nach meiner Entlassung, als es möglich war, sich mit der Familie Oleksa Bandera in Verbindung zu setzen. Also [mein Wissen] darüber stammt aus späterer Zeit.

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ich verstehe Sie, das war ein Mißverständnis. Haben Sie damals gewußt, daß Kral wochenlang im Stehbunker war?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Ich glaube nicht, daß es wochenlang war. Ich glaube, das war tagelang. Ich glaube, das dauerte nur ein paar Tage. Denn schon nach ein paar Tagen haben wir gefürchtet, daß er uns dort schlagen würde. Wir hatten Glück, daß zusammen mit uns über 2.000 Franzosen eingeliefert worden waren. Und die haben auch darüber ihre [Meinung] geäußert, daß die Polen und die deutschen Häftlinge auch Teufel sind, auch Degenerierte sind, daß sie die anderen Häftlinge so ermorden. Deswegen hat Kral aus uns eine andere Gruppe, ein anderes Unterkommando, gebildet und nach Babitz geschickt.

Und da war ein polnischer Offizier. Er sollte uns dort erledigen. Aber als wir dort ankamen, kam der Offizier zu mir und hat mir erklärt, er sei ein Ukrainer. Er war aber ein Offizier der polnischen Armee. Niemand wüßte, daß er ein Ukrainer sei. Er würde uns nicht ermorden, aber niemand sonst darf es wissen.

Und deswegen wurden wir dort schon nicht so schrecklich geschlagen. Aber wir fürchteten, daß Kral dorthin kommen würde. Und deswegen – schon nach ein paar Tagen haben wir erfahren, daß Kral wiederum irgendwo frei ist. Ich glaube nicht, daß es wochenlang dauerte. Ein paar Tage, drei Tage, vier Tage.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wer von der SS hat die Untersuchung in diesem Fall geführt? Von wem sind Sie als Zeugen vernommen worden?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das war unmöglich zu wissen, denn wenn einer

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

War es die Politische Abteilung? War es der Kommandant, war es der Adjutant? Von welcher Seite? Das müssen Sie doch wissen.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollten eben gerade noch sagen: »Das war unmöglich zu erfahren, weil«? [...]

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Das war unmöglich zu erfahren, denn wie konnte ich nach den Namen fragen?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, der Herr Rechtsanwalt will auch etwas anderes von Ihnen wissen. Er will wissen, von welcher Seite her Sie vernommen worden seien. Zum Beispiel, ob von der Politischen Abteilung.

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Von der Politischen Abteilung. Ich wurde eines Tages in die Politische Abteilung geführt. Und da war ein Herr, und es standen zwei andere mit Knüppeln dabei. Und er hat mich gefragt, was ich weiß über die Ermordung der Brüder Bandera. Ich habe das erklärt, ich wurde abgeführt und Schluß. Wie die Namen der Herren waren, das durfte ich nicht fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Den Boger haben Sie gekannt?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Dem Namen nach, persönlich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Boger, den Namen habe ich gehört. Jawohl, ich glaube, das war damals Boger. Der Name war bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben Ihn persönlich nicht gekannt, und wissen deshalb nicht, ob er es gewesen ist?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Nein, nein. Ich kenne keinen von diesen Männern persönlich, so daß ich sie nicht identifizieren kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke schön. Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Raabe?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Laternser, Steinacker? Boger, sagen Sie mal, Sie wissen es doch ganz genau. Wollen Sie uns das nicht mal sagen, wie es gewesen ist?

 

Angeklagter Boger:

Ja, ich kann nicht mehr sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ich wurde eingeschaltet in die Ermittlungen, als sie bereits im Gange waren. Ich habe die Vernehmungen von Malorny als erster durchgeführt, Anfang Januar. Da habe ich im wesentlichen von Malorny das erfahren, was die ukrainischen Zeugen hier vorgetragen haben.

Und dann war ich dabei, wie Grabner den Kral vorführen ließ. Da geschah die üble Geschichte mit diesen Heringen. Mehr kann ich da nicht sagen. Grabner hat das alles von sich aus geführt. Ich war da nur mit eingeschaltet. Und ich glaube auch nicht, daß der Zeuge mich erkannt hat oder erkennen wird als den, der bei der ersten Vorführung [+ dabei war], wo er sicher von Grabner mit zwei anderen SS-Angehörigen vernommen wurde. Da war ich nicht dabei, als die Sache zur Untersuchung kam.

 

Vorsitzender Richter:

Aber als der Zeuge eben erzählte, da haben Sie so verständnisvoll genickt dazu. War denn das richtig, was er uns eben erzählt hat?

 

Angeklagter Boger:

Ich nehme an, mit Sicherheit ja, denn er hat mir wieder eine Kette geschlossen, wo bei mir bisher nur Vermutungen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Angeklagter Boger:

Ich kann nicht behaupten, daß Kral der Totschläger war, der die beiden totgeschlagen hat, aber daß er wesentlich und maßgeblich mit beteiligt war. Und ich vermute sogar, daß er den Auftrag von Grabner dazu bekommen hatte, die beiden Brüder Bandera totzuschlagen oder zu Tode zu bringen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja.

 

Richter Hotz:

War da eine Anfrage von der Reichskanzlei?

 

Vorsitzender Richter:

War da von der Reichskanzlei irgendwie mal eine Anfrage gekommen? Der Zeuge sagt doch hier

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Ich kann darüber [+ nichts sagen]. Das ist alles in Händen von Grabner geblieben. Ich glaube nicht, daß ein anderer Angehöriger der Politischen Abteilung außer Kirschner und Wosnitza davon was erfahren hat.

 

Vorsitzender Richter:

Na gut. Dann nehmen Sie Platz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Entschuldigung. Herr Boger, Sie sagten eben, da passierte diese Geschichte mit den Heringen. Ist das denn zutreffend gewesen

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Leider Gottes.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was der Kral damals geschildert hat, daß er diese Heringe essen mußte?

 

Angeklagter Boger:

Daß er die essen mußte. Mir wurde es übel. Herr Staatsanwalt, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Fische gegessen. Und ich würde es keinem Menschen zutrauen, wenn er etwas nicht mag oder – also wenn ich daran denke, wird es mir heute noch übel.

Das hat sich natürlich nicht in diesem Maße zugetragen, wie es Kral geschildert hat. Es waren vielleicht zwei Salzheringe. Und daß Kral auch nicht die ganze Zeit, als er im Block 11 war, im Stehbunker war, sondern nur einige Tage, daß er abgerichtet war auf diese Vernehmung, zu hungern, daß er sich dann darauf gestürzt hat und zwei, drei Heringe essen mußte und die auch gegessen hat, bitte ersparen Sie mir das, ich... [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind an den Zeugen und von den Angeklagten keine Erklärungen mehr gewünscht werden, dann ist der Zeuge zu vereidigen.

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Petro Mirčuk:

Jawohl.

 

– Schnitt –

 

 

1. »pantera«, polnisch, das ist: Panther.

2. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 11.02.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 108, Bl. 1.145.

3. Petro Mirčuk: U nimec'kych mlynach smerty. Spomyny z pobutu v nimec'kych tjurmach i konclaherach 1941-1945 (In den deutschen Todesmühlen. Erinnerungen an den Aufenthalt in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern 1941-1945). New York, London 1957.

 

 
 
 
Seitenanfang
Haftungsausschluss | Impressum
 
© 2011 Fritz Bauer Institut • Frankfurt am Main • Stiftung des bürgerlichen Rechts
Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
Copyright © 2011 Fritz Bauer Institut • Grüneburgplatz 1 • 60323 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 79 83 22 40 • Telefax: 0 69 79 83 22 41 • Email: info(at)fritz-bauer-institut.de
X
Titel
Testinfo
Testinfo
Bitte aktuelle Flash Version installieren
X