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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

103. Verhandlungstag, 22.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Kurt May

 

Vorsitzender Richter:

Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor May, Sie kennen den Angeklagten Mulka.

 

Zeuge Kurt May:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Seit wann kennen Sie ihn, ungefähr?

 

Zeuge Kurt May:

Ja, seit Mitte des Krieges ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Seit Mitte des Krieges. Haben Sie vor Beendigung des Krieges von ihm irgendwelche Äußerungen gehört über seine Stellungnahme zu dem Nationalsozialismus und insbesondere zu den Vorgängen im Lager Auschwitz und zu seiner Stellung zur SS?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns das bitte sagen?

 

Zeuge Kurt May:

Ich war auf einer Dienstreise, ungefähr ein Jahr vor Stalingrad, es muß also Mitte 1942 gewesen sein, in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ein bißchen früher. Ja. Und?

 

Zeuge Kurt May:

Zur Inspektion. Da mußte ich von Berlin aus hinfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie zu inspizieren?

 

Zeuge Kurt May:

Ich war damals Chef des Amtes W IV. Das war das Wirtschaftsamt im Wirtschafts-Verwaltungshauptamt1. Und da mußte ich in den Deutschen Ausrüstungswerken, die ein Zweigwerk in Auschwitz hatten, Inspektion vornehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben Sie dabei erlebt? Und da haben Sie dabei den Angeklagten Mulka kennengelernt?

 

Zeuge Kurt May:

Dabei habe ich den Angeklagten Mulka kennengelernt, denn er war ja der Adjutant des Lagerchefs.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben Sie da bei ihm festgestellt? Hat er mit Ihnen sich damals unterhalten über dieses Lager und über seine Tätigkeit und so weiter?

 

Zeuge Kurt May:

Ja, ich habe mich zunächst bei ihm melden müssen, um meinen Besuch bei Höß durchführen zu können.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt May:

Er meldete mich dann bei Höß. Und später habe ich gemeinsam mit ihm die Lagerhallen inspiziert. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wo lagen die Lagerhallen?

 

Zeuge Kurt May:

Das waren so große Zeppelin-Hallen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wo waren die? Waren die

 

Zeuge Kurt May [unterbricht]:

In der Nähe des Lagers. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Aber außerhalb der engeren Postenkette, das heißt also außerhalb von Birkenau.

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben Sie dort gesehen außer den wirtschaftlichen Dingen, was die Menschen anbelangt, die dort waren?

 

Zeuge Kurt May:

Dort sind wir also gemeinsam durchgegangen durch die Hallen. Und auf dem Rückweg hat mir Mulka erzählt, daß er viele sportliche Ambitionen habe und die hier jetzt nicht mehr durchführen könne. Es sei an sich auch Krieg. Dann habe ich ihm gesagt, daß ich auch im Sport nicht grade ein unbekannter Mann war zur damaligen Zeit. Und so haben wir uns gefunden, und er sagte mir: »Also, mit Verlaub zu sagen, das ist hier zum Kotzen. Können Sie mich nicht nach Berlin abkommandieren?« Da habe ich gesagt: »Nein, es ist Krieg. Das kann ich nicht. Sie sind ja voll hier eingesetzt.« Er sagte dann, er habe sich schon lange überlegt und mit sich gekämpft, ob er um seinen Fronteinsatz bitten dürfe. Aber zuletzt habe er vor kurzem beim Lagerkommandanten dieserhalb Rücksprache genommen. Und der sei ihm über den Mund gefahren und habe gesagt, das komme gar nicht in Frage.

Und ich hatte dann aber auch Gelegenheit, die andere Seite zu hören. Und bei meinem Verabschiedungsbesuch, als ich das zweite Mal bei Höß war, am Tag darauf, da hat sich Höß geäußert, und ich habe ihn gefragt, ob er das Amt der Werksdirektoren übernehmen könne. Die Lagerkommandanten waren nämlich in Personalunion kurz zuvor von SS-Obergruppenführer Pohl zu Direktoren der einzelnen Werke ernannt worden. Und so wäre normalerweise Höß der Wirtschaftsleiter in Auschwitz geworden.

 

Vorsitzender Richter:

In den Ausbesserungswerken?

 

Zeuge Kurt May:

In den Ausrüstungswerken.

 

Vorsitzender Richter:

Ausrüstungswerken.

 

Zeuge Kurt May:

Deutsche Ausrüstungswerke hießen die damals. Und nun schien mir aber Höß – ich kam selbst von der Wirtschaft her – nicht gerade der Prototyp eines Wirtschafters, und Mulka hatte mir gesagt, daß er von Hamburg kommt und als Exportkaufmann in Hamburg tätig war. Und dann habe ich ihn gebeten, ob man nicht Mulka dieses Amt übertragen könne, ob er nicht sein Amt praktisch delegieren würde an Mulka.

Und dann sagte er: Darüber kann man sprechen. Ich selbst bin sowieso kein Stubenhengst. Diese Schreibereien und diese Geschichte, die liegt mir sowieso nicht. Und der Mulka, der ist auch kein richtiger SS-Führer. Der kommt von der Wehrmacht her, das ist ein Reaktionär. Es ist vielleicht ganz gut, wenn er auf dieses Abstellgeleise kommt. Dem Sinne nach, also ich kann nicht die einzelnen Worte wiedergeben. Aber der Sinn ist mir an sich noch sehr wohl in Erinnerung geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Hat Ihnen Mulka bei dieser Gelegenheit auch einmal etwas über seine Tätigkeit berichtet, was er eigentlich zu tun hatte und was eigentlich seines Amtes war?

 

Zeuge Kurt May:

Er sagte nur: »Der Betrieb hier ist zum Kotzen. Ich wäre glücklich und froh, wenn ich wieder an der Front wäre.« Und: »Können Sie mich nicht nach Berlin bringen, damit ich mich nach der Front melden kann? «

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das sagten Sie bereits. Haben Sie von ihm auch einmal gehört, warum es ihm dort so übel gewesen ist und warum er so das abgelehnt hat? Hat er Ihnen da Gründe angegeben, daß das, was er gesehen hat oder täglich sehen würde, daß ihm das unerträglich sei oder so?

 

Zeuge Kurt May:

Das waren unausgesprochene Worte, aber der Sinn war für mich eindeutig klar.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Einzelheiten hat er Ihnen nicht erzählt.

 

Zeuge Kurt May:

Einzelheiten hat er mir nicht erzählt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt Doktor Müller.

 

Verteidiger Müller:

Mir liegt ein Bericht vor von Ihnen, Herr May, über die Dienstreise vom 1. bis 8.6.42. Da wird Herr Mulka schon als Wirtschaftsbeauftragter bezeichnet. Ist diese Benennung auf Ihre Veranlassung geschehen?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Verteidiger Müller:

Hier heißt es: »Wirtschaftsbeauftragter SS-Obersturmbannführer Mulka.« Können Sie sagen aus Ihrer Erfahrung, wieviel Zeit etwa er für diese Aufgaben täglich aufwendete, wenn Sie den Zwölfstundentag nehmen?

 

Zeuge Kurt May:

Ja, also zunächst schätzungsweise mindestens die Hälfte.

 

Verteidiger Müller:

Der Arbeitszeit?

 

Zeuge Kurt May:

Das wird sich nachher im Lauf der Zeit gesteigert haben. Denn es sollten insgesamt noch vier Hallen gebaut werden, also von zwei auf sechs, wenn ich mich nicht täusche. Das Bauprogramm war ein sehr großes, und wenn ich da einen Vergleich ziehe: Ein Direktor der Industrie, den ich damit beauftragt hätte, der wäre bestimmt den ganzen Tag ausgelastet gewesen. Nun, als Soldat mußte er natürlich wahrscheinlich zwölf Stunden und mehr arbeiten dort.

 

Verteidiger Müller:

Für dieses Amt des Wirtschaftsbeauftragten?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein. Insgesamt.

 

Zeuge Kurt May [unterbricht]:

Insgesamt. [...]

 

Verteidiger Müller:

Aber Sie meinen, wenn man vom Zwölfstundentag ausgeht, dann sind sechs Stunden durch die Aufgabe eines Wirtschaftsbeauftragten in Anspruch genommen?

 

Zeuge Kurt May:

Im Anfang mindestens.

 

Verteidiger Müller:

Mindestens. Danke schön.

 

Zeuge Kurt May:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Gericht keine Fragen mehr. Doch, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie lange waren Sie tätig in der Dienststelle, wegen der Sie in Auschwitz waren? Den ganzen Krieg über?

 

Zeuge Kurt May:

Nicht den ganzen Krieg über.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie lange denn ungefähr?

 

Zeuge Kurt May:

[Pause] Insgesamt vielleicht ein starkes Jahr, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also Sommer 43 waren Sie noch tätig?

 

Zeuge Kurt May:

Ja, da bin ich dann abkommandiert worden ins Reichsluftfahrtministerium.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Zeuge Kurt May:

Und was machten Sie denn im Frühjahr 43, als Mulka nicht mehr da war? Wen beauftragten Sie dann in Auschwitz mit der Tätigkeit?

 

Zeuge Kurt May:

Da war ich schon nicht mehr da.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wann sind Sie weggegangen?

 

Zeuge Kurt May:

Ich bin ins Reichsluftfahrtministerium gekommen schätzungsweise Februar, März 1943.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

1943. Und wer war Ihr Nachfolger?

 

Zeuge Kurt May:

Sturmbannführer Opperbeck.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke.

 

Zeuge Kurt May:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie hatten den Rang eines Hauptsturmführers beziehungsweise SS-Sturmbannführers?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das ist richtig.

 

Zeuge Kurt May:

Hauptsturmführer und ganz zum Schluß [+ Sturmbannführer].

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie waren damals beim Wirtschafts-Verwaltungshauptamt im Amt W IV, stimmt das?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl. Ich war Chef W IV.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er grade gesagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Sie waren der Chef. Wie viele Häftlinge waren damals etwa in den DAW beschäftigt in Auschwitz? Kann es richtig sein, daß es 1.000 bis 2.000 waren?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen bekannt gewesen in Ihrem Amt, daß die Deutschen Ausrüstungswerke in Auschwitz auch bei dem Bau der Gaskammern mit tätig geworden sind?

 

Zeuge Kurt May:

Das waren nicht die Holzbetriebe, die mir unterstanden, das müßte die Bauabteilung gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Insofern könnten Sie auch die Aussage verweigern, wenn Sie darüber keine Aussagen machen würden.

 

Zeuge Kurt May:

Doch, die mache ich auf alle Fälle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte schön. Also, es unterstand ihm diese Abteilung nicht, sagt er.

 

Staatsanwalt Kügler:

Es unterstand Ihnen diese Abteilung nicht. Wie kann ich das verstehen? Waren diese DAW gespalten in sich oder?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann erklären Sie das bitte mal.

 

Zeuge Kurt May:

Ich hatte hauptsächlich den Holzsektor. Denn über die Deutsche Heimgestaltung wurde ich überhaupt dorthin berufen. Und dann gab es aber auch ein Amt Haushalt und Bauten, das Kammler2 unterstand.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gewiß.

 

Zeuge Kurt May:

Und der hat, wenn irgend etwas zu bauen war, die Bauten vorgenommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, sicher. Nun, der hat [+ für] die Krematorien die architektonische Gestaltung, die Planung [+ gemacht], wollen wir mal sagen, den Rohbau. Nun, wenn diese Krematorien fertig waren, dann mußte ja Verschiedenes hinein, beispielsweise die Türen für die Gaskammern und dergleichen. Die sind, wie wir es schriftlich haben, von den Deutschen Ausrüstungswerken in Auschwitz gemacht worden. Ist Ihnen davon etwas bekannt geworden?

 

Zeuge Kurt May:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen nichts bekannt geworden.

 

Zeuge Kurt May:

Nein. Also von Türen nicht. Waren die aus Holz oder aus Stahl?

 

Staatsanwalt Kügler:

Das weiß ich nicht.

 

Zeuge Kurt May:

Ich auch nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Kurt May:

Denn wenn sie aus Stahl waren, dann sind sie bestimmt nicht vom Holzbetrieb gemacht worden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Was haben aber dann die Deutschen Ausrüstungswerke damit zu tun gehabt in Auschwitz?

 

Zeuge Kurt May:

Die hatten ja auch eigene Werke.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, dann sagen Sie mir doch bitte, wie konnten Sie, wenn Sie nur für den Holzsektor zuständig waren, den Angeklagten Mulka für die gesamten Deutschen Ausrüstungswerke dort einsetzen? Oder war auch er nur für den Holzsektor zuständig?

 

Zeuge Kurt May:

Er war für den Holzsektor [+ zuständig] und für einen gewissen Metallsektor, der mit gemacht wurde. Soviel ich weiß, wurde mal eine 2,2-Flak später gebaut.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und Sie meinen, daß der Holzsektor allein ihn sechs Stunden Arbeit am Tag gekostet hat bei 2.000 Häftlingen.

 

Zeuge Kurt May:

Ja. Die Hälfte seiner Arbeitszeit im Anfang bestimmt. Und ich bin überzeugt, daß er nachher sogar noch mehr Zeit aufwenden mußte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, die Hallen, die Sie besichtigt haben, waren doch bestimmt nicht aus Holz.

 

Zeuge Kurt May:

Ich vermute, daß sie aus Stein gebaut waren.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, wenn Sie nur für den Holzsektor zuständig waren, wieso haben Sie dann die Hallen interessiert?

 

Zeuge Kurt May:

Weil in den Hallen diese Holzgegenstände gefertigt wurden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Die Tätigkeit des Wirtschaftsdirektors für den KZ-Kommandanten und des Wirtschaftsbeauftragten hat sich doch nicht nur auf den Holzsektor, sondern auf die gesamte Arbeit erstreckt.

 

Zeuge Kurt May:

Das weiß ich nicht. Also zunächst mal, auf alle Fälle von meinem Amt aus gesehen, für den Holzsektor. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, aber Sie haben doch dafür gesorgt und haben mit Höß darüber gesprochen, weil Sie Höß für ungeeignet hielten, daß an seiner Stelle Mulka dieses Amt übernahm.

 

Zeuge Kurt May:

Sehr richtig.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Das konnte doch nicht nur für den Holzsektor sein.

 

Zeuge Kurt May:

Aber ich war nur für den Holzsektor zuständig. Ich habe ihn für den Holzsektor ernannt. Und irgendwelche anderen Dinge, die wirtschaftlich in Zusammenhang damit standen, mußte zweifellos Mulka mit erledigen. Genauso wie es der Kommandant, wenn er selbst dieses Amt des Direktors ausgeführt hätte, auch gemacht hätte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie das nicht abstimmen müssen mit anderen Abteilungen dann? Haben Sie das getan?

 

Zeuge Kurt May:

Später, als ich zurückkam, mußte ich mich bei Kammler melden, und ich habe mit Kammler auch hierüber gesprochen. Und er hielt eine Konzentration in der Person von Mulka für die wirtschaftlichen Belange für absolut zweckmäßig.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aber Mulka ist doch dann für alle wirtschaftlichen Belange als Wirtschaftsbeauftragter eingesetzt worden.

 

Zeuge Kurt May:

Später von Obergruppenführer Pohl offiziell, sicher.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke.

 

Zeuge Kurt May:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, Herr Zeuge, Sie sagten uns doch eben, Sie seien Chef des Amtes W IV gewesen. [...] Was hatte denn das für eine Bezeichnung so im Dienstplan, wenn also neben dem W IV nun die genaue Bezeichnung gestanden hätte. Was stand denn dabei? Wofür war dieses Amt zuständig?

 

Verteidiger Steinacker:

Die Frage ist beantwortet.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nein, die Frage ist nicht beantwortet, wofür das gesamte Amt W IV zuständig war. Das ist

 

Zeuge Kurt May [unterbricht]:

W IV ist der Holzsektor gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er doch schon gesagt, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Steinacker:

Hat er doch schon gesagt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

[Pause] Am Anfang Ihrer Aussage hatten Sie das als Wirtschaftsamt im Wirtschafts-Verwaltungshauptamt bezeichnet.

 

Zeuge Kurt May:

Sehr richtig. Das W heißt

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Wenn das so gewesen wäre, wie Sie uns das hier glauben machen wollen, dann wäre das doch das Holzwirtschaftsamt gewesen, nicht wahr.

 

Zeuge Kurt May:

Dann bitte ich Sie, einen Organisationsplan vom Wirtschafts-Verwaltungshauptamt zur Hand zu nehmen. Da ist haargenau alles festgelegt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Darf ich die Staatsanwaltschaft fragen, ob vielleicht ihr so ein

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

[unverständlich] grade den Organisationsplan vorhalten. Soweit mir dieser Organisationsplan bekannt ist, heißt es zwar »Holzprodukte«. Aber in dieser Rubrik »Holzprodukte« sind die gesamten Deutschen Ausrüstungswerke mit inbegriffen. Das wollte ich Ihnen noch vorhalten.

 

Zeuge Kurt May:

Ja, aber die Deutschen Ausrüstungswerke haben in meiner Zeit Holz bearbeitet, vielleicht mit Ausnahme dieser 2,2-Flak. Wie das in Auschwitz vorher zusammengelegt wurde aus räumlichen Gründen, das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber Herr Doktor May, ist es nicht so gewesen, daß eben das damals die Deutschen Ausrüstungswerke waren, nicht nur in Auschwitz, sondern auch an anderen Stellen, die Ihnen unterstanden

 

Zeuge Kurt May [unterbricht]:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und daß man also nicht sagen kann – und dieser Eindruck ist durch das, was Sie gesagt haben, hier erweckt worden –, es sind nur die Deutschen Ausrüstungswerke, soweit es sich um Holz handelt. Sondern daß das Amt W IV für das Holz zuständig war, das ist eine Sache. Im übrigen unterstand Ihnen noch der gesamte Komplex DAW. Wenn Sie es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Auschwitz.

 

Zeuge Kurt May:

Das waren ja nicht

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Nicht nur in Auschwitz, sondern auch in allen anderen

 

Zeuge Kurt May [unterbricht]:

Überall.

 

Staatsanwalt Kügler:

Überall. Das war ja also ein riesiges Unternehmen.

 

Zeuge Kurt May:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nicht wahr.

 

Zeuge Kurt May:

Also zu meiner Zeit haben die Deutschen Ausrüstungswerke überwiegend – vielleicht zu 90 Prozent – im Holz gearbeitet. Denn ich war ja selbst Holzfachmann und bin deshalb Amtschef geworden, weil ich diesen Holzsektor betreuen

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, aber die restlichen zehn Prozent unterstanden Ihnen auch.

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Müller. Keine Frage. Die übrigen Verteidiger. Herr Eggert nicht. Sie auch nicht. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Verzeihung, Herr Direktor, ich widerspreche der Beeidigung [...] nach 60 Ziffer 3.

 

Vorsitzender Richter:

60 Ziffer 3.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Der Zeuge ist Amtschef im Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS gewesen, dessen oberster Chef der am Halse gehängte Menschlichkeitsverbrecher Pohl gewesen ist. In dem Prozeß, in dem Pohl3 zum Tode verurteilt wurde, ist ausdrücklich und eingehend nach einer sehr genauen Beweisaufnahme festgestellt worden, daß das Wirtschafts- Verwaltungshauptamt die Zentrale der Verwaltung der Konzentrationslager im allgemeinen und der Sklavenarbeit im besonderen war. Ich habe hier schon mehr als ein

 

– Schnitt –

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn es darauf ankäme, bin ich bereit, Ihnen Zeugen zu benennen, auch von der SS, die bekunden können, welche Ausfälle da stattgefunden haben und auf welche Weise.

 

Zeuge Kurt May:

Auf jeden Fall haben sie, soviel mir bekannt ist und was ich dazu tun konnte, immer Sonderrationen bekommen dafür, daß sie gearbeitet haben.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

[unverständlich] Schokolade [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Eine Frage, Herr Vorsitzender, wenn Sie gestatten. Ist es richtig, Herr Zeuge, daß die Deutschen Ausrüstungswerke ein SS-eigener Betrieb waren?

 

Zeuge Kurt May:

Jawohl. Das

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ich widerspreche der Beeidigung des Zeugen, Herr Vorsitzender, aus denselben Gründen, die vorhin Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul geltend gemacht hat. Es ist gar kein Zweifel, daß das Wirtschafts- Verwaltungshauptamt die Zentrale gewesen ist für sämtliche Konzentrationslager. Der Zeuge hat an verantwortlicher Stelle mitgearbeitet. Er ist mit für die Taten verantwortlich, kommt als Mithelfer in Frage, ob im näheren oder im weiteren Sinne, spielt keine Rolle. Ich bitte, ihn nicht zu beeidigen aus dem Grunde des 60, 3.

 

Vorsitzender Richter:

Die Staatsanwaltschaft.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich schließe mich diesem Antrag an.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich möchte ergänzend nur noch darauf hinweisen, Herr Vorsitzender, daß sogar in ziemlich engem Sinne die Zusammenarbeit hier gegeben sein dürfte zwischen dem Angeklagten Mulka und diesem Zeugen. Denn Sie erinnern sich, Herr Vorsitzender, daß hier schon Gegenstand der Hauptverhandlung ein Dokument war, aus dem sich ergab, daß der Angeklagte Mulka von den DAW Türen für die Gaskammern bestellte. Und da der Zeuge eben hier gesagt hat, daß die gesamten DAW ihm unterstanden, dürfte die Verbindung ganz eindeutig sein.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung.

 

Verteidiger Müller:

Ich beantrage die Beeidigung des Zeugen. Die Gründe, die vorgetragen werden, sind meiner Auffassung nach nicht überzeugend. Allein aus der Funktion des Zeugen bei den DAW kann noch nichts hergeleitet werden auf die Beteiligung des Zeugen an strafbaren Handlungen. Es ist nichts davon in Erscheinung getreten, bei der Aussage nichts in Erscheinung getreten. Diese allgemeinen Begründungen reichen meiner Auffassung nach nicht aus.

 

Vorsitzender Richter:

Werden sonst noch Anträge gestellt, Fragen gewünscht, Erklärungen gewünscht? Nein. Sind Sie so liebenswürdig, nehmen Sie einstweilen hinten Platz. Wir werden Sie nachher

 

Zeuge Kurt May [unterbricht]:

Ja.4

 

Vorsitzender Richter:

Noch einmal vor rufen. Ich bitte nun den Zeugen Rönisch

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Amt W IV des WVHA: Holzbearbeitungsbetriebe.

2. WVHA, Amtsgruppe C.

3. Prozeß vor dem amerikanischen Militärgerichtshof in Nürnberg, Fall 4, Wirtschafts-Verwaltungshauptamt. Vgl. Nationalsozialismus vor Gericht, S. 110-120.

4. Der Zeuge May blieb gemäß § 60 Abs. 3 StPO unbeeidigt, da er »der Taten, die den Gegenstand der Untersuchung bilden, oder der Beteiligung an ihnen verdächtig« ist. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 22.10.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 103, Bl. 831.

 

 
 
 
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