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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

80. Verhandlungstag, 21.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Samuel Lubowski

 

Vorsitzender Richter:

sind einverstanden damit. Nun, Herr Lubowski, wir wollen zunächst einmal besprechen, wie Sie nach Auschwitz gekommen sind. Sie haben vor Ihrer Inhaftierung wo gewohnt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

In Warschau.

 

Vorsitzender Richter:

In Warschau. Und waren dort schon Kaufmann?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wann wurden Sie dort verhaftet, in Warschau?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Warschau? Seit 39, die ganze Zeit im Krieg.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Seit der Besetzung durch die deutschen Truppen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verhaftet worden. Und aus welchem Anlaß?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Weil ich Jude bin.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie Jude sind. Wo kamen Sie nach Ihrer Verhaftung zunächst hin?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Erst [+ nach] Majdanek.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Majdanek. Und wie lange blieben Sie in Majdanek?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Neun Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Und kamen dann von Majdanek?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Schon nach Auschwitz?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das wäre ja dann 39 gewesen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein, 43. Ich war eine ganze Zeit in Warschau, bis nach dem jüdischen Aufstand1. 1943 bin ich verhaftet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, 1943.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Anfang Mai bin ich ins KZ Majdanek gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich habe verstanden – das muß dann ein Hörfehler gewesen sein –, Sie wären 39 bereits verhaftet worden.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

In Warschau ins Ghetto.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, da sind Sie ins Ghetto gekommen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich hatte Sie gefragt: Wo sind Sie nach der Verhaftung hingekommen? Da hatten Sie gesagt, nach Majdanek. Das war also ein Mißverständnis. Sie sind erst ins Ghetto gekommen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind im Ghetto geblieben wie lange?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Bis Mai 43, Anfang Mai.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bis Mai 43, dann kamen Sie nach Majdanek.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nach einigen Wochen von Majdanek nach Auschwitz.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie im Juli 43 oder im August 43 in Auschwitz

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Anfang August.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang August 43 nach Auschwitz gekommen sind und sind dort geblieben bis zur Evakuierung

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Bis 18. Januar 45.

 

Vorsitzender Richter:

18. Januar 45. Und welche Häftlingsnummer hatten Sie?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

128.131.

 

Vorsitzender Richter:

Und auf welchem Block haben Sie in Auschwitz gelegen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

12a.

 

Vorsitzender Richter:

12a. War das im Stammlager, im Lager I?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Wo wurden Sie zur Arbeit eingeteilt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Erst war ich drei Monate im Krankenhaus.

 

Vorsitzender Richter:

Drei Monate kamen Sie ins Krankenhaus?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Als Patient?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

In Auschwitz war ich einen Tag und bin nach Buna gekommen. In Buna war ich fünf Wochen. Und in Buna bin ich krank geworden, bin ich in den Krankenbau Auschwitz gekommen. Da war ich drei Monate. Nach dem Krankenbau, die drei Monate, bin ich ins Kommando Huta gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und da lagen Sie auf Block 12a?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Block 12a, die ganze Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Die ganze Zeit. Und Huta, das war Hoch- und Tiefbaugesellschaft?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie dort an irgendwelchen Bauvorhaben mitgearbeitet?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Verschiedene Arbeiten.

 

Vorsitzender Richter:

Verschiedene Arbeiten.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und während dieser Zeit, sind Sie da auch einmal zur Politischen Abteilung bestellt worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Bei der Politischen Abteilung wurde ich zweimal verhört.

 

Vorsitzender Richter:

Zweimal verhört.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war der Grund dafür, daß Sie dort hingekommen sind?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das war in einer Ortschaft in der Nähe vom Lager, da hat jemand gewohnt – oder es war ein Forstamt oder was –, und ihn hat man verhaftet. Wir sollten die Räume leer machen. Und da waren ein paar SS-Leute, die haben verschiedene Sachen für sich versteckt. Der Häftling durfte doch nichts nehmen, aber die Herren durften alles machen. Und dann hat man uns gerufen, [wir sollten] sagen, wer die Sachen genommen hat. Da wurde ich zweimal verhört auf der Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn ich Sie recht verstanden habe: Es drehte sich darum, daß ein Haus geräumt wurde, und bei dieser

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Ja, von einem Forstbeamten oder was das war.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei dieser Räumung sind einzelne Gegenstände weggenommen worden.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und man wollte von Ihnen wissen, wer sie genommen hätte.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie denn damals bestellt auf die Politische Abteilung?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Na, daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie denn bis dahin überhaupt irgend jemand von der Politischen Abteilung?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer Sie dort vernommen hat?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. Bei dieser Vernehmung sind Sie auch geschlagen worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Na ja, gut behandelt bestimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun also, uns geht es doch um eine etwas präzisere Auskunft: Sind Sie mit einer Peitsche geschlagen worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Mehrmals.

 

Vorsitzender Richter:

Mehrmals mit einer Peitsche geschlagen worden. Sind Sie auch auf die sogenannte Schaukel gespannt worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein, ich bin in Majdanek auf der »Schaukel« geschlagen worden.

 

Vorsitzender Richter:

In Majdanek?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, da sprechen wir nachher drüber. Nun, Sie sind also da mit der Peitsche geschlagen worden. Wer Sie geschlagen hat, wissen Sie das noch?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das kann ich nicht [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das können Sie auch nicht sagen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Wir wußten doch keine Namen. Wieso sollen wir das wissen?

 

Vorsitzender Richter:

Sie wußten damals keine Namen, und Sie haben das auch nicht später erfahren. Und wie war das in Majdanek?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Oh, sehr schlecht. Noch schlimmer als in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Warum sind Sie damals verhört worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Was?

 

Vorsitzender Richter:

Warum sind Sie damals verhört worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Warum? Wir waren 75 Personen auf einem Kommando.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Zwischen den Drähten ist Gras gewachsen, wir [mußten] das Gras herausziehen mit der Hand. Das war Juli 43.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Von den 75 Mann hat einer ein bißchen geschlafen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Es war heißes Wetter. Da ist der Lagerführer Thumann vorbeigeritten mit dem Pferd und hat das gemerkt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Da hat er gesagt: »Eintreten! Wieviel Personen sind es? 75.«[Kommt] jeder auf so eine Bank, geschlossene Bank, und da hat jeder 75 Schläge gekriegt. Seit damals habe ich eine gebrochene Wirbelsäule und muß ein Stützkorsett auf dem ganzen Körper tragen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer das damals gewesen ist?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ah, das kann man auch nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie heute auch nicht mehr.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Ach wo.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Namen Boger gehört in dem Lager?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Sehr gut bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wodurch ist Ihnen der Name bekannt geworden und was

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Als bekannter Mörder.

 

Vorsitzender Richter:

Als bekannter Mörder.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Und sein Freund ist der Kaduk, der zweite Mörder. Den Kaduk kenne ich besser über meine Brüder. Meine Brüder habe ich schon vergessen, aber den Kaduk kann ich nie im Leben vergessen.

 

Vorsitzender Richter:

Gut, da werden wir also gleich auf den Kaduk zu sprechen kommen. Jetzt wollen wir erst mal bei Boger bleiben. Was haben Sie gehört im einzelnen von Boger?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Da kann man ein ganzes Buch schreiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war also all das, was damals im Lager so erzählt wurde von Boger.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber daß Sie von irgendwelchen Einzelheiten etwas wissen – oder haben Sie etwas gehört, daß Boger jemanden totgeschlagen hätte?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Aber ich kann mich auch nicht an Namen erinnern. Die zwei Figuren waren mir sehr bekannt, die [werde] ich nie im Leben vergessen.

 

Vorsitzender Richter:

Die beiden Namen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Überhaupt den Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also bei dem Boger haben Sie

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Das ist einer von den größten Mördern, die es gibt auf der Welt.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt mal langsam, langsam, langsam, nicht so schnell. Bei Boger haben Sie gehört, daß er ein Mörder sei, sagten Sie eben.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Warum denn? Was haben Sie denn im einzelnen für Taten gehört? Haben Sie denn gehört, daß er jemanden totgeschlagen hat?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Sehr viel.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er jemanden totgeschlagen hätte?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bei diesen Vernehmungen der Politischen Polizei? Oder wo?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Wir haben im Lager immer gesprochen zwischen uns Kollegen, was die Leute mit unseren Kollegen tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Und sehen war so schwer, selber Sachen zu sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie da einzelne Fälle erzählt bekommen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Oh, das kann ich nicht sagen, Herr [...] Richter, wissen Sie, das ist schwer zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Ja. Und was wollen Sie uns von Kaduk erzählen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Von Kaduk kann ich gar nichts erzählen, das ist einer der Menschen der Welt...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso kennen Sie Kaduk näher?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Kaduk habe ich jeden Tag gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Jeden Tag.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Jeden Tag, bei jeder Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er denn für ein Amt gehabt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Eine [schreckliche] Figur des Lagers.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er denn für ein Amt gehabt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Amt? Nur schlagen, Menschen totmachen, das war sein Amt.

 

Vorsitzender Richter:

War er Rapportführer?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Er war der 2. Rapportführer, glaube ich. So genau kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie erinnern sich, daß er der 2. Rapportführer

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Ja, weil der 1. war auch so ein großer Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Aumeier.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. Schön. Also bleiben wir bei Kaduk. Was haben Sie gesehen, was Kaduk

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Oh, von Kaduk habe ich viel gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, erzählen Sie.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nicht nur gehört, [auch] gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann erzählen Sie, was Sie gesehen haben.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Da kann man nur sagen, den ganzen Tag [unverständlich] geschlagen, Menschen totgeschlagen, mehr kann man gar nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal gesehen, daß Kaduk einen Menschen totgeschlagen hat?

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Wenn wir ihn gesehen [+ haben], mußten wir ausreißen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Wir haben Angst gehabt, jeder hat Angst gehabt für sich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also infolgedessen hat

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Bei Selektionen habe ich ihn viele Male gesehen. Fast bei jeder Selektion, [bei der] ich war – ich war 18 Monate in Auschwitz –, bei jeder Selektion war der bekannte Mörder Kaduk [+ dabei].

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal gesehen, daß Kaduk einen Menschen totgeschlagen hat?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Wie könnte [+ ich] das denn sehen? Wir mußten ausreißen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben ihn nicht gesehen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Schlagen habe ich [+ ihn] mehrere Mal gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber daß er jemand totgeschlagen hat

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Das kann man nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht sehen.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Herr Richter, verstehen [+ Sie] doch, daß wir ausreißen mußten, wir wären [auch]totgeschlagen worden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Verstehe ich voll und ganz. Ich muß nur feststellen, ob Sie es trotzdem vielleicht gesehen hatten.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie nicht sagen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein. Aber viele Male Schläge. Bei jeder Selektion, wo ich war, war er dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hat sich denn so eine Selektion abgespielt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Eine Selektion abgespielt? Wir sind vormarschiert vor einen Block, und jeder mußte reinmarschieren [+ in den] Block. Da sitzen die Herren, haben gesagt: »Einer rechts, einer links.« Einer zum Tod, einer zum Leben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und hat da Kaduk auch allein gesessen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Allein gemacht die Selektionen, allein. Es waren mehrere dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das waren drei oder vier.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber ich meine, er hat allein entschieden, ob er links oder rechts gehen soll.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Ja, ja, ja, daran ist kein Zweifel.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Keine Zweifel dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich noch entsinnen, wann das ungefähr gewesen ist?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Oh, das ist schwer zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist schwer zu sagen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Denn es war doch nicht einmal, es waren doch mehrere Male.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind, wie Sie vorhin sagten, in Auschwitz gewesen von 43, August, bis 18. Januar 45.

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Bis 18. Januar 45. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das heißt also, Sie waren das ganze Jahr 44 dort und die Hälfte 43 noch.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, können Sie sich gar nicht mehr entsinnen, ob das 43 oder 44 gewesen ist, wie diese Selektionen stattfanden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Oh, das war immer. Jede paar Wochen war Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Jede paar Wochen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Im Krankenhaus selbst habe ich drei Selektionen gehabt. [...] Ich war drei Monate im Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Im Krankenbau?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Hatte ich dreimal gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

War da auch der Kaduk dabei?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Da war er nicht dabei.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Im Krankenhaus – erinnere ich mich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn im Krankenbau die Selektionen durchgeführt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Der Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Mengele?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann waren Sie denn, in welchem Jahr ungefähr, im Krankenbau?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

In 43.

 

Vorsitzender Richter:

In 43?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr oder im

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer, Herbst?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Herbst.

 

Vorsitzender Richter:

Herbst, Herbst. Da haben Sie den Angeklagten Klehr dort nicht mehr gesehen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sagen also, während dieser Zeit, als Sie im Lager waren – erst waren Sie in Majdanek.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie drei Monate im Krankenbau gewesen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie praktisch so Anfang 44, um die Jahreswende 43/44 nach 12a gekommen sind.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja. Sofort vom Krankenbau auf 12a, bis zum Ende.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie also in dem Jahr 44 wiederholt bei Selektionen gesehen, daß Kaduk selbst eingeteilt hat in lebend und tot.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

[Hundertprozentig.]

 

Vorsitzender Richter:

Und in welcher Baracke wurden diese Selektionen durchgeführt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Kann ich mich auch nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrer, wo Sie

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Es mußten alle in eine Baracke kommen.

 

Vorsitzender Richter:

Alle mußten in eine Baracke kommen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, bei dem Krankenbau war das, ich weiß gar nicht [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

War das am Tag, oder war das nachts?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ah, meistens, glaube ich, war das nachts.

 

Vorsitzender Richter:

Die Selektionen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, also das ist ja schließlich ein sehr schlimmes Ereignis für Sie gewesen. Da müßten Sie ja doch eigentlich sich noch erinnern können, ob Sie das tags oder nachts erlebt haben.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das kann man nicht, jede Sache so genau erinnern. Bei Nacht, weiß ich bestimmt, war ich auch dabei. Ob es auch am Tag [+ war], kann ich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Leute sind denn bei einer solchen Selektion ausgewählt worden für den Tod?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Die letzte Selektion waren 300 Mann. Bei der letzten.

 

Vorsitzender Richter:

Bei der letzten.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das war schon kurz vor Schluß. Die hat man vom Block genommen, aber dann nachher hat man die 300 Mann wieder reingelassen in das Lager. Das war die letzte Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Also diese 300 Mann hat man zunächst ausgewählt.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann hat man sie?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Auf einen Block gelegt.

 

Vorsitzender Richter:

Auf einen Block gelegt und

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Zwei Tage waren die ohne Verpflegung.

 

Vorsitzender Richter:

Und später wieder ins Lager getan?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Und nachher sind sie wieder ins Lager. Das war einmal so eine...

 

Vorsitzender Richter:

Also die sind nicht umgebracht worden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Später.

 

Vorsitzender Richter:

Später hat man sie ins Lager getan, und was geschah denn dann mit ihnen? Dann erzählen Sie

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Jeder zurück auf sein Kommando, das war schon kurz vor dem Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und wenn die nun im Lager verteilt waren, wieso wissen Sie

 

Zeuge Samuel Lubowski [unterbricht]:

Zurück jeder in seinen Block.

 

Vorsitzender Richter:

Jeder in seinen Block.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wissen Sie, daß man sie dann aus den Blocks wieder rausgeholt hat, um sie umzubringen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Na, die leben nicht mehr. Das waren Kollegen von mir, viel hört man gar nicht von denen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und haben Sie auch Selektionen erlebt, wo die Leute nachher ins Gas gebracht worden sind oder sonst getötet wurden?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, alle [Selektierten] sind nachher doch weggekommen, sind doch aufgeladen worden auf die Autos und nach Birkenau gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Das waren die übrigen Selektionen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

In dem Moment, wenn die in die Wagen eingestiegen sind, war das Lager abgesperrt, durfte sich keiner frei bewegen, abgesperrt im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Und diese sind mit den Wagen nach Birkenau gefahren zum Vergasen. Wir haben doch Kollegen in Birkenau gehabt bei den Vergasungen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele ausgewählte Menschen waren es da, wie viele Lastwagen voll waren es?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das kann man auch nicht sagen, das haben wir nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das können nur die sagen, die in Birkenau waren. Die haben das mitgemacht. Aber die Auschwitzer haben das nicht gesehen. Selten, außer [+ denjenigen], die bei der Arbeit [damit in Berührung kamen], aber sonst...

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Die kleinen Häftlinge haben das nicht sehen können. Das war alles abgesperrt, und man durfte nicht bei den Fenstern stehen und gar nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, wie viele Menschen bei diesem Vorbeigehen da ausgesondert worden sind?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das kann man auch wieder nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das ist doch unmöglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun noch etwas anderes. [Pause] Haben Sie sonst von den Angeklagten noch irgendwelche Leute kennengelernt, etwa den Adjutanten? Haben Sie den mal gesehen im Lager, den Angeklagten Mulka?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das ist schwer zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist schwer zu sagen. Den haben Sie nicht gekannt. Und sonst von Leuten der Politischen Polizei, da wissen Sie nicht, wer das damals gewesen ist?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie uns schon gesagt. Und von Ärzten, haben Sie da jemanden gekannt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein, ich kann es nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie denn behandelt, wie Sie im Krankenbau gelegen haben?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Na, verschiedene Ärzte.

 

Vorsitzender Richter:

Verschiedene – wissen Sie aber nicht mehr. Haben Sie den Blockältesten Bednarek gekannt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie den Sanitätsdienstgrad Klehr gekannt?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. Und Hantl?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Neubert?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Erstens kennen wir keine Namen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie kennen keine Namen.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Die haben sich uns nicht vorgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich hätte keine Fragen mehr an den Zeugen. Sind noch von seiten des Gerichts Fragen? Von seiten des Herrn Staatsanwalts? Nein?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht mehr. Die Verteidigung? Keine Frage. Von seiten der Angeklagten? Kaduk, Sie wollen keine Erklärung abgeben?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Nein, nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Eine Frage, Herr Vorsitzender, ja?

 

Vorsitzender Richter:

Eine Frage? Bitte schön.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, Sie waren doch in Monowitz.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und kamen dann in das Stammlager.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und zwar dort in den HKB. Wer hat denn da in Monowitz darüber entschieden, daß Sie wegkommen? War das ein Häftlingsarzt oder ein SS-Arzt? Sie haben sich doch krank gemeldet.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und kamen dann weg.

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wer hat das bestimmt, daß Sie wegkommen?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wissen Sie nicht mehr. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn von seiten der Angeklagten keine Erklärung mehr abgegeben wird, keine Fragen mehr gestellt werden, dann, Herr Zeuge, können Sie das beeiden, was Sie gesagt haben?

 

Zeuge Samuel Lubowski:

Ja, bestimmt, ja.

 

– Schnitt –

 

1. Warschauer Ghettoaufstand, Januar und April 1943.

 

 
 
 
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