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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

122. Verhandlungstag, 21.12.1964

 

Vernehmung des Zeugen Siegbert Loeffler

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden,] daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Bitte. Was ich vor fünf, sechs Jahren bei der Kriminalpolizei ausgesagt habe, dasselbe kann ich heut noch aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, da wollen wir mal sehen. Sie sind wann nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich bin am 27. Februar in Berlin verhaftet worden und war ungefähr den 1. März in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Im Jahr 1943.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

43.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang sind Sie geblieben in Auschwitz?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Dann wurde ich ausgesucht zur SS-Zahnstation und sollte nach Auschwitz gebracht werden, Stammlager, und wurde gebracht bei Auschwitz in ein Stammlager Buna, nach Buna.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und dort habe ich ungefähr 14 Tage oder drei Wochen zugebracht. Da habe ich auf Strecke, bei den Eisenbahnschienen gearbeitet. Und da habe ich immer den Blockältesten gefragt. Sage ich: »Herr Blockältester, was ist los? Ich wurde doch nach Auschwitz zur Zahnstation ausgesucht.« Sagt er: »Ja, bis jetzt ist nichts, wir wissen von nichts.«

Und eines schönen Tages, es war ungefähr nach 14 Tagen, drei Wochen, da hat es geheißen: »Häftling 105.675 hervortreten!« Und da wurde ich mit dem Krankenwagen, also mit dem Sanka, wie es da geheißen hat, ins Stammlager Auschwitz gebracht. Und da dachte ich, wenn ich dort hinkomme, ich komme in die Zahnstation rein. Jetzt kam ich in den Krankenbau, das war so Ambulanz, und wurde vier oder sechs Wochen als Pfleger ausgebildet.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Nummer hatte dieser Block von dem Krankenbau? Wissen Sie das noch?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

27 oder 28.

 

Vorsitzender Richter:

27 oder 28.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich weiß nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Es war der letzte Block oben. Oben rechts.

 

Vorsitzender Richter:

28, ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und dort habe ich als Pfleger gearbeitet. Und dann kam der Sanitätsunteroffizier - das war ein Oberscharführer, glaube ich -, das war unser Vorgesetzter dort vom Krankenbau. Und der sagte, er braucht acht starke Männer. Und dann bin ich vorgetreten, also da hat er gesagt: »Du Berliner, komm auch mit!« Ich war noch schön stark bei Leibe.

Und da mußte man nach dem Block 11 rübergehen, das erste Mal. Und da wurden Erschießungen vorgenommen an der Schwarzen Tafel. Und wir standen in dem Seitengang. Das war ein kleiner Raum, wo sich auch die SS-Leute ausziehen mußten. Da wurden an einem Tag, es war an einem Freitag Ende März oder Anfang April, 53 deutsche Offiziere erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Ende März, Anfang April

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

43.

 

Vorsitzender Richter:

43?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja. Und es kann Mitte April gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Es kann auch Mitte April gewesen sein.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Deutsche Offiziere. Und ich stand seitwärts mit dem Blockältesten oder dem, wie man den da nennt, dem Kapo da, der war im Bunker gewesen. Und da ging einer, der mußte sich ausziehen, stand vielleicht anderthalb Meter vor mir und sagte zu mir: »Du bist doch ein Berliner. Wenn du die Aussicht haben solltest, mal rauszukommen, meine Eltern haben in Leipzig eine große Buchdruckerei, mein Name ist Herbert «, aber den Vatersnamen habe ich vergessen im Laufe der Jahre, »geh bitte hin und sage meinen Eltern, was mit mir geschehen ist.« Das war ein deutscher Offizier, vielleicht im Alter von 30 Jahren. Und wenn die erschossen worden sind an der Bank, am Schwarzen Brett, dann mußten wir sie wegziehen und aufstapeln. Wie beim Holzhändler das Holz, so haben wir sie aufgestapelt. Und dann gab es Lageralarm.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele waren das ungefähr?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, wir haben einmal gezogen von früh um neun vielleicht bis zehn, elf Uhr. Da waren vielleicht, weiß ich, mindestens 100, wenn nicht noch mehr.

 

Vorsitzender Richter:

War denn das an mehreren Malen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Die ersten zwei Mal hat er mich immer genommen, die ersten drei Mal. Dafür haben wir extra bekommen eine Scheibe trockenes Brot und 50 Gramm Fleischwurst extra. Die ersten zwei Mal hat er mich selbst geholt. Und die nächsten Male, wegen der Scheibe Brot, dem Stückchen Wurst, da habe ich gesagt: »Wenn wieder mal was ist, ich mache wieder mit.« Aber die ersten zwei Mal konnte ich nachts nicht schlafen und konnte auch kein Abendbrot

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und waren das immer deutsche Offiziere, die da erschossen worden sind?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, es waren auch Häftlinge, auch Partisanen. Und da war einmal - das war vielleicht das vierte, fünfte Mal -, da haben wir auch gezogen, wir durften nicht lange überlegen, wo wir anfassen. Ob sie blutig waren oder nicht, einfach nehmen und immer wegziehen, zwei Mann.

Ich habe zusammen gezogen mit einem Pfarrer aus der Tschechei, aus Prag. Der hieß Josef Thiel. Und wir beide haben immer Hand in Hand gearbeitet. Wir haben dort gelebt wie ein Paar Brüder. Er hat von zu Hause alle vier Wochen ein Päckchen bekommen, ich habe immer was abbekommen von ihm. Weckgläser mit diesen Zwetschgenknödeln. Ich habe mit dem Mann zusammengelebt wie ein Bruder. Der war auch Pfleger in der Ambulanz.

Und einmal, wie wir auch gezogen haben, mit einmal sagt Kaduk: »Da ist ja die olle Sau.« Und da drehten wir uns kurz um und schauten, und da war es eine Frau, vielleicht 28, 30 Jahre. [+ Sie hat] eine Figur gehabt, ausgesehen wie Marzipan, also wirklich eine gepflegte Frau. Und ein Mädel von fünf Jahre ist auch bei ihr gewesen. Und die wurde auch erschossen.

Und so war ich vielleicht vier-, fünfmal bei dem Kommando. Nachher wurde ich eingeteilt. Da mußten wir in die Krankenbaus, laufend. [+ Ich] war mit dem Josef Thiel zusammen. Der war im Weißen Kloster in Prag.

 

Vorsitzender Richter:

Wie, was war der?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Im Weißen Kloster in Prag, das war ein Pfarrer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und das war ungefähr so Mitte April. Den April durch, solange ich sechs Wochen Pfleger war, und da sind wir nachher eingeteilt worden, ob wir noch mitmachen wollen, also Brot... Oft haben sie selbst geholt. »Du dicker Berliner kannst mitkommen.« Mich haben sie immer mit ausgesucht, wo irgendwas war.

Und da mußten wir am Sonntag, auch abends, in jeden Krankenbau fahren, sind ja Tote. Da haben wir eine Bahre gehabt, haben wir drei Tote aufgeladen. Wenn die Person 1,80 groß war, hat sie höchstens 80, 90 Pfund gewogen. Da haben wir sie getragen und rübergebracht nach dem Block 27. Da, unten im Keller, wurden die Toten immer reingeworfen. Und dann kamen Wagen mittags oder nachmittags und haben sie abgeholt fürs Krematorium.

Und das habe ich auch eine Zeitlang mitgemacht. Sogar als ich zur SS-Zahnstation kam, habe ich es auch noch nebenbei gemacht. Denn die Scheibe Brot und die Wurst, 50 Gramm, so ein Stück Fleischwurst, das soll sogar Pferdewurst gewesen sein, die hat man mitgenommen, weil man Hunger hatte.

Und dann wurde ich einmal von dem Sanitätsunteroffizier, ich weiß nicht mehr, wie er heißt... Kam er mal an und sagt, er braucht acht starke Häftlinge. Und ich habe mich gleich verdrückt, dachte, wieder dasselbe. Draußen stehen zwei Lastwagen, auf jeden Wagen steigen zwei Mann auf, und die fahren mit nach dem Güterbahnhof. Und da sage ich: »Ja, Oberscharführer, was ist los? Wozu werden wir geholt?« »Möbel verladen.« Und da kamen wir auf den Güterbahnhof, da standen zwei oder drei Waggons, ich weiß nicht mehr. Und an der Seite ein Haufen SS mit Hunden und Gummiknüppeln, Reitpeitschen in der Hand. Da dachte ich mir gleich, daß sie da keine Möbel verladen.

Und da mußten die Wagen, die Lastwagen, rückwärts ranfahren. Da wurden die Waggons aufgemacht, zwei steigen rein in den Waggon, schmeißen raus, und die andern beiden packen im Lastwagen. Wie die Türen aufgemacht waren, waren in jedem Wagen... Also in dem ich drin war, waren 94 oder 97, ich weiß nicht genau, und im andern Wagen auch. Und zwei Wagen waren es bestimmt, ob es drei Wagen waren, weiß ich nicht mehr. Und da waren in jedem Wagen Mädels im Alter von zwei, drei, vier Jahren, angezogen wie Käthe- Kruse-Puppen, als wenn sie irgendwo zum Geburtstag angezogen wurden. Und da hat man an seine eigenen Kinder gedacht und nahm sie langsam hoch und wollte sie immer rausreichen. Da habe ich von einem SS-Mann ein paar mit dem Gummiknüppel über den Rücken bekommen - wenn ich dran denke, merke ich es heute noch. Und da haben wir sie genommen an den Haaren, an den Armen, wo wir nur fassen konnten, haben sie nur immer rausgeschmissen.

Und wie der Waggon leer war, sehe ich, liegt eine Kennkarte, oder es war ein Paß, im Wagen. Und in dem Gedanken, den Paß, dieses Papier zu nehmen und einem SS-Mann draußen zu geben, der auf dem Wagen stand... Und wie er sieht, ich hebe den Paß auf, habe ich mindestens drei, vier noch mal über den Rücken und über den Kopf bekommen. Und da hat es geheißen: »Wenn ihr im Lager was sagt, werdet ihr sofort erschossen.« Und ich habe nie drüber gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Nun wollen wir zunächst einmal

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Und bei diesen Erschießungen war Kaduk immer auf dem Block 11, auf dem Bunker, auf dem Hof mit dabei. Der stand immer zwei Meter vor mir.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wer war denn da sonst noch bei diesen Erschießungen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, da waren noch verschiedene SS-Leute. Aber Kaduk stand auch dabei. Kaduk selbst hat nicht geschossen, immer nur andere SS-Leute. Die kamen also von der linken Seite, nein, von der rechten Seite aus einem kleinen Raum raus. Da mußten sie sich ausziehen. Und dann, es waren ungefähr vier, fünf Meter, sind sie bis zur Schwarzen Tafel gelaufen. Und dort immer: peng! Da haben sie immer Genickschuß bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Bei wie vielen sogenannten Exekutionen waren Sie denn da dabei?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Bei zweien oder dreien wurde ich geholt, und vielleicht vier-, fünf-, sechsmal war ich dabeigewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Insgesamt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, das war ungefähr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vier- bis sechsmal.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Alles in den sechs Wochen, wo ich als Pfleger [+ gearbeitet habe]. Ich habe gewartet, daß ich in die Zahnstation reinkomme, und da war ich in der Ambulanz. Nachher habe ich gewickelt, Verbände gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welchen Abständen sind denn diese Erschießungen vorgenommen worden?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Meistens war es immer, glaube ich, Freitag und Montag oder Donnerstag. Zweimal die Woche, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Zweimal in der Woche?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, waren außer Ihnen und dem Thiel, dem Josef Thiel, noch andere Männer da, die diese Leichen

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Es waren immer acht Mann, die rausgesucht worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Acht Mann.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wir mußten antreten, immer zu zweit oder zu viert, ich weiß nicht mehr, und wurden von der Ambulanz, Block 27, runtergeführt nach dem Block 11. Der war immer

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und kennen Sie da noch welche von diesen

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, wenn ich sie heute sehe, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Namen? Dem Namen nach nicht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Dem Namen nach nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wer war denn der Kapo damals?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wo, im Block? Das war ein großer Schwarzer, das war ein Russe oder ein Pole, ein großer, starker Mensch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Der soll ausgewandert sein, und ich habe gehört in Hof, daß er gestorben ist. Sonntags hat er auch... Also die Elitehäftlinge - wir waren sozusagen in der SS-Zahnstation -, Elitehäftlinge haben sie uns genannt. Und da hat er auch Eisen zerbrochen, Stangen, Eisenstangen gebogen, es war also ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War das der Kapo von dem Bunker da?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Vom Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, vom Bunker. Nannten sie den Jakob?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Jakob. Aber wenn ich den Namen höre, Vatersnamen, dann weiß ich auch, ob er es ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ein großer starker Schwarzer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und hatten Sie bei dem Leichenträgerkommando auch einen Kapo?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, da kam nur der Unteroffizier oder Oberscharführer. Wenn ich ihn sehe, kenne ich ihn auch. [+ Er ist] vielleicht 1,70 groß gewesen, ziemlich schmächtig.

 

Vorsitzender Richter:

Schmächtig.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er eine Brille aufgehabt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Den Namen kannte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er eine Brille aufgehabt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich glaube, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie den Klehr gekannt? [...]

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Klehr. Dem Namen nach kenne ich ihn, aber wer es war, weiß ich nicht. Denn vorgestellt haben sie sich ja nicht. Sie haben uns einfach rausgeholt und: »Bitte antreten!«

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie viele SS-Leute bei solchen Erschießungen dabei waren?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Der Hof war immer ganz schön [+ voll]. Ich schätze, daß mindestens sechs Mann da waren.

 

Vorsitzender Richter:

Sechs Mann.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also ungefähr mindestens sechs Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber wer das war, wissen Sie nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren auch nicht dabei, wenn die Leute, die da erschossen wurden, ausgewählt wurden unten im Bunker?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Wir kamen nur rein, wenn entweder schon die Hälfte erschossen war oder noch einige da waren.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo kamen Sie denn rein, kamen Sie durch das Hoftor?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wir kamen nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von der Straße?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, wir kamen durch den Gang und kamen dann unten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durch den Bau.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Durch den Keller durch und kamen in den kleinen Raum. Es war vielleicht ein Zimmer von 16 Quadratmetern, soviel ich mich heute entsinnen kann. Sah bald aus wie eine Waschküche. Und da mußten sie ihre Sachen ausziehen, dann sind sie rausgelaufen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, so kamen die Gefangenen heraus. Und Sie selbst, wie kamen

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Wir sind durch einen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durch den

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Eingang, durch den Hauseingang

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durchs Haus durchgegangen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Durchs Haus und runter in den Keller.

 

Vorsitzender Richter:

Runter in den Keller. Was taten Sie denn im Keller?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, da war der Raum gewesen, wo es hinten nach dem Hof rausging.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, der war im Keller?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Es war ein Erdgeschoß.

 

Vorsitzender Richter:

Erdgeschoß.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und es war, wie ich schon sagte, ein kleiner Raum nur, wo ich vielleicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, also war der Raum nun im Erdgeschoß oder im Keller?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich glaube, im Keller war er, weil wir die Treppe runtergehen mußten. Da war eine Steintreppe zum Runterlaufen.

 

Vorsitzender Richter:

Also uns ist das bisher anders geschildert worden, als ob die Leute aus dem Keller herausgeholt worden seien oben in den Waschraum und hätten sich im Waschraum ausziehen müssen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, es sah so aus wie eine Waschküche. Also es war unten, aber ob eine Stufe oder keine Stufe war, weiß ich nicht. Und gleich nach dem Hof raus sind [+ sie]. Da mußten sie dann nackend rauslaufen zur Schwarzen Tafel.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und sowie sie erschossen waren, mußten wir sie anfassen und aufladen. Erst aufstapeln, wie beim Holzhändler das Holz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, sagen Sie, wer hat sich denn bei diesen Erschießungen besonders hervorgetan?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Kaduk war überall dabei. Wo was war, war Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie sagten aber, daß er geschossen hätte, hätten Sie nicht gesehen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, das habe ich nicht gesehen. Er stand immer nur am Torausgang, wo nachher der Lastwagen kam und wo wir sie raufschmeißen mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer hat denn am meisten geschossen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, das waren alles SS-Leute. Die Namen - ich meine, man hat Angst gehabt, sie anzuschauen. Wenn das Gesicht einem nicht gefällt, wäre man vielleicht auch dabeigewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das ist verständlich. Nun sagen Sie mal, Sie sagten mal bei Ihrer früheren Vernehmung: »Der sogenannte Spieß des Lagers, ein SS-Angehöriger, hat sich bei diesen Erschießungen besonders hervorgetan. Er war unter den Häftlingen allgemein als Schrecken des Lagers und als sehr schießfreudig bekannt.«1

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, das war, glaube ich, Mulka. Also Kaduk, im Lager selbst, da glaube ich auch, daß er geschossen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Denn denen durfte keiner - wenn sie angeheitert waren, durfte keiner in die Quere kommen. Denn da sind wir immer irgendwo reingegangen in den nächsten Block, damit sie ja vorbeikamen. [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und Sie wissen heute nicht mehr, wer das gewesen ist?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun haben Sie mal bei Ihrer Vernehmung früher gesagt: »Er war damals etwa gegen 40 Jahre alt, ungefähr 1,80 Meter groß, hatte eine schlanke Figur und schwarze Haare.«

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, das war auch ein Schwarzer. Der war ziemlich groß, und ich weiß nicht, wie er... In den Lagerstraßen hat man ihn oft gesehen. [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»Ich nehme an, daß ihn der ehemalige SS-Hauptscharführer Unrath kennen müßte. Auch Doktor Frank wird ihn wahrscheinlich kennen.«2

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also Doktor Unrath habe ich im Lager nie gesehen. Der war immer nur in der Zahnstation. Das war in der Zahnstation im Laboratorium unser Chef sozusagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wieso kommen Sie darauf, daß der SS- Hauptscharführer Unrath diesen Mann kennen müßte, der an der Schwarzen Wand hauptsächlich Erschießungen vorgenommen hat?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das habe ich erzählt, ausgesagt?

 

Vorsitzender Richter:

Was meinen Sie bitte?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das hätte ich ausgesagt?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Denn ich weiß, daß ich den Oberscharführer Unrath im Lager nie gesehen habe. Der kam höchstens zur Schreibstube und hat uns immer abgeholt, wenn wir zur SS-Zahnstation, die war außerhalb des Lagers, abgeholt worden sind. Entweder kam Unrath, es kam auch mal Schatz, es kam auch oft mal Doktor Frank und hat uns zur Zahnstation rausgeholt. Wir mußten an der Schreibstube am Ausgang, am Tor, immer stehenbleiben, bis uns jemand von der Zahnstation abgeholt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie denn geschlafen in dieser Zeit?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wir waren im SS-Revier im Lager, da haben [+ wir] einen Extrabau, also Extrablock gehabt. Das hieß nur SS-Revier.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dieses SS-Revier war doch außerhalb des Tors.

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ja, das SS-Revier, die Zahnstation, wo wir gearbeitet haben. Aber wir haben ein Zimmer für uns gehabt, das hieß immer SS-Stube, wo wir geschlafen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo war das, in welchem Block?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Augenblick mal, das war im Block 9. 11 war Bunker, 10 war nebenan, wo die Frauen untersucht, also wo verschiedene

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Versuche gemacht wurden.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Versuche gemacht wurden. Und wir waren gleich nebenbei.

 

Vorsitzender Richter:

Nebenbei. 9?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Kann 9 gewesen sein, muß 9

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

In Block 20 habe ich gelegen, wo ich Pfleger war.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Also ich muß Ihnen aus Blatt 5.934 den Vorhalt machen, daß Sie bei Ihrer Vernehmung am 1. Juni 1960 in Hof

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Vor einem Kriminalbeamten [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, vor einem Kriminalbeamten gesagt haben: »Der sogenannte Spieß des Lagers«

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Das war Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

»Ein SS-Angehöriger, hat sich bei diesen Erschießungen besonders hervorgetan.«

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, also er hat großes Tamtam, Wirbel gemacht immer. Aber daß er selbst geschossen hat, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso wußten Sie damals den Namen von Kaduk nicht, und heute wissen Sie ihn?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Kaduk wußte ich. Denn wenn im Lager irgendwas war, war ja Kaduk überall, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Sie haben damals weiter dann gesagt: »Er war unter den Häftlingen allgemein als Schrecken«

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Schrecken, natürlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»Des Lagers und als sehr schießfreudig bekannt. Es ist mir leider nicht möglich, seinen Namen anzugeben.«3

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das war ein großer Schwarzer, ein anderer SS- Mann. Der war bedeutend größer als Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Der hat im Bunker viel geschossen. Großer Schwarzer.

 

Vorsitzender Richter:

»Ich nehme an, daß ihn der ehemalige SS-Hauptscharführer Unrath kennen müßte. Auch Doktor Frank wird ihn wahrscheinlich kennen.« Wie kamen Sie dazu, daß diese beiden Leute ihn kennen müßten?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, weil die meistens immer in der Schreibstube zu tun gehabt haben. Und ich nehme an, daß Frank weiß, wer in der Schreibstube war. Aber Unrath habe ich nie im Lager gesehen. Höchstens

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wir wollen eine Pause einlegen bis 10.20 Uhr.

 

- Schnitt -

 

Vorsitzender Richter:

Rechtsanwalt Jugl ist nicht da?

 

Verteidiger Naumann:

Ich bin bereit, aufgrund der von mir bereits überreichten Untervollmacht für Herrn Jugl aufzutreten.

 

Vorsitzender Richter:

Also dann nehmen Sie bitte ins Protokoll auf: Rechtsanwalt Naumann in Untervollmacht für Rechtsanwalt Jugl. [...] Kaduk, sind Sie damit einverstanden, daß Sie in der Abwesenheit vom Herrn Jugl von Herrn Rechtsanwalt Naumann vertreten werden?

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Danke schön. Mit Einverständnis des Angeklagten.

Herr Zeuge, Sie hatten uns vorhin einen Vorfall geschildert, bei dem Sie an der Rampe kleine Kinder haben aus Waggons ausladen müssen. Waren die Kinder tot?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Alle tot. Manche waren noch warm gewesen. Die unten lagen, die waren noch warm.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber wie sie zu Tode gekommen sind, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Es hat geheißen, die wurden in den Waggons vergast.

 

Vorsitzender Richter:

In den Waggons vergast?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Vergast. Und in jedem Waggon war ein Mädel noch drin von 21 Jahren, ein junges Fräulein. Der habe ich ein Kind noch, war vielleicht nur zwei Jahre alt, aus dem Arm rausziehen müssen, damit sie es mit raufgeschmissen haben auf den Lastwagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und das Mädel von 21 Jahren war auch tot?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Auch tot.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, welche SS-Leute dabei waren, bei dieser Arbeit?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Gekannt habe ich viele, aber nicht dem Namen nach.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Nun, Herr Zeuge, Sie sind dann weiterhin beschäftigt worden in der SS-Zahnstation. Wann sind Sie denn da hingekommen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wie ich nach Auschwitz überführt worden bin von Buna, da habe ich mehrere Wochen, also sechs, acht Wochen, den Pflegerkursus mitgemacht. Und es kam immer nicht. Und ich kannte aus Berlin Herrn Kratz, und den habe ich oft im Lager gesehen. Habe ich gesagt immer: »Männe, was ist los, was ist los? Ich sollte in die Zahnstation überführt werden.« Und er hat das, glaube ich, Herrn Obersturmführer Frank gesagt. Und mit einem Mal kam der Tag, wo es geheißen hat: »Zur Schreibstube!«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wann kann das ungefähr gewesen sein?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich nehme an, Ende Mai, Anfang Juni vielleicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ende Mai, Anfang Juni

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

43.

 

Vorsitzender Richter:

43. Da kamen Sie zur Zahnstation.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War da der Angeklagte Frank noch dort?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, selbstverständlich. Der war ja bis zuletzt, bis 45 da. 17./18. Januar wurden wir ja von Auschwitz weggebracht nach Mauthausen-Ebensee.

 

Vorsitzender Richter:

Und bis dahin war er da?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Immer, also bis zu dem Tag, in der Zahnstation.

 

Vorsitzender Richter:

In der Zahnstation.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar war das die Zahnstation vom Revier

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

SS-Revier.

 

Vorsitzender Richter:

Außerhalb des Lagers.

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Außerhalb des Lagers.

 

Vorsitzender Richter:

Und welche Aufgabe hatten Sie dort?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich war dort Zahntechniker im Laboratorium.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und mit welchen Arbeiten waren Sie in dem Laboratorium beschäftigt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Was kam. Ich habe Prothetik gemacht, ich habe auch Metallarbeiten gemacht. Stahl wurde auch gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Waren das Arbeiten nur für SS-Leute?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nur für SS-Angehörige. Denn im Lager selbst war noch eine Häftlingsstation.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, im Lager selbst waren auch Häftlingszahnstationen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja. Eine Häftlingszahnstation.

 

Vorsitzender Richter:

Eine.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, mit solchen Arbeiten, die sich mit dem Einschmelzen von Gold und so weiter beschäftigten, waren Sie nicht beschäftigt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, ich habe nur gewußt, daß das nebenan getan wird. Ich kannte auch verschiedene, aber die Namen habe ich vergessen.

 

Vorsitzender Richter:

War Kratz damit beschäftigt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, der war ja viel unterwegs gewesen, hat Material geholt. Ich war auch mal mitgegangen in einen Bau ziemlich weit außerhalb des Lagers. Da war ein Magazin gewesen, und da mußten wir durch einen Waschraum sogar durch. Donnerstag wurde das Material immer geholt.

 

Vorsitzender Richter:

Was für Material?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also was wir für die Zahnstation brauchten. Wir haben viel im Laboratorium selbst gehabt. Aber ich bin mit Männe Kratz [+ dahin], der hat mich zwei-, dreimal vielleicht mitgenommen. Und wenn wir da durchkamen, da standen immer vielleicht sechs-, achthundert Frauen in Reih und Glied angestellt. Man hat bald nicht gewußt, ob es Frauen sind, wenn man nicht an der Nase gesehen hätte, was vorne und was hinten ist. So abgemagert waren die. Die waren dort im Waschraum immer. Aber wo sie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wo standen die?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, die waren scheinbar aus Arbeitskommandos.

 

Vorsitzender Richter:

An diesem Haus, wo Sie das Material rausholten?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja. Also wir muß...

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war außerhalb des Lagers?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Außerhalb des Lagers.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob das das sogenannte »Theatergebäude« gewesen ist?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Ja, und was war denn das für Material

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Das war ein ziemlich großes Gebäude.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was taten denn die Frauen dort?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Die wurden gebadet. Das heißt, im Waschraum waren wir. Und wir mußten durch diesen Raum durch und dort reinziehen, wo wir das Material geholt haben. Denn Männe Kratz mußte ja auch Material von der SS-Zahnstation zur Häftlingszahnstation reintragen. Der ist ja reingegangen und rausgegangen im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Da, außerhalb des Lagers, in diesem Gebäude, wurden die Frauen gebadet?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also sie waren immer angetreten, es heißt, sie werden gebadet. Gesehen habe ich es nicht. Nur, sie standen nackend da in Reih und Glied.

 

Vorsitzender Richter:

Das war aber nicht in Birkenau?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, nein, hinterm Stammlager Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Hinterm Stammlager Auschwitz.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wie eine Dorfstraße hat es da ausgesehen. Kleine Häuschen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sagten also, der Doktor Frank war bis zum Schluß, und zwar bis zur Evakuierung, bei Ihnen dort.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Soviel ich weiß, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt, soviel ich weiß?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wie ich ungefähr 14 Tage in der Zahnstation war, einmal, wie wir ausmarschiert sind, an der Schreibstube, hieß es: »Nummer 105.675 raustreten aus dem SS-Kommando!« Und da wußte ich nicht, was los ist. Und da mußte ich an der Schreibstube stehenbleiben. Und die Zahnstation, da waren wir ungefähr zehn Mann vielleicht, die sind ausmarschiert. Und Männe Kratz kam zur SS-Zahnstation rein und sagte: »Herr Obersturmführer, Loeffler haben sie draußen behalten am Lager.« Und da kam Doktor Frank mit dem Motorrad rangefahren an die Schreibstube und sagte: »Wer nicht gebraucht wird in der Zahnstation, das bestimme ich.« Wenn Doktor Frank mich damals nicht rausgeholt hätte, wäre ich heuta, glaube ich, nicht hier.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann das gewesen ist?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wie ich vielleicht 14 Tage, drei Wochen in der Zahnstation war. In der Zahnstation waren alle meistens Tschechen und Polen, Warschauer, Krakauer. Und die haben gehört, ein deutscher Jude kommt da rein. Nachher hat mal einer gesagt: »Wir dachten, du bist ein Spitzel.« Die haben SS-Essen gegessen, haben es sich geholt hintenrum aus dem Schlachthof, oder wo sie das geholt haben. Und ich bin ins Lager gegangen am Mittag und habe mir mit der Schüssel meinen halben Liter Wassersuppe geholt. Und das haben sie ein paar Wochen mit angesehen, nachher haben sie gesehen, daß ich doch echt bin. Da sagte einer noch zu mir: »Du, niemiecki Zyd«, das heißt: du deutscher Jude, »warum bist du hier? Ihr hättet ja [+ dafür] sorgen können, daß Hitler um die Ecke kommt. Dann wärst du heute nicht in Auschwitz.«

 

Vorsitzender Richter:

Sie hätten dafür sorgen können, daß Hitler um die Ecke käme, und dann wären Sie nicht in Auschwitz?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja. Dann wäre ich nicht in Auschwitz. Das sagte einer von denen, ich glaube, Mundek hat er geheißen mit Vornamen. Der sagte es mir. Manche waren sehr verbissen von den Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sagten, etwa sechs Wochen waren Sie

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Pfleger.

 

Vorsitzender Richter:

Pfleger. Und dann, etwa Mai oder Juni, sind Sie auf die Zahnstation gekommen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenige Tage nachher mußten Sie schon wieder da herausgeholt werden von dem Angeklagten Frank.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, da war ich vielleicht 14 Tage drin. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nun sagten Sie vorhin: »Soviel ich weiß, war Doktor Frank bis zum Schluß in dem Lager.«

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich glaube es hundert Prozent, daß Herr Doktor Frank bis zuletzt im Lager war. Aber ich habe gehört, er sollte mal zur Front kommen, weil er irgendwas nicht richtig gemacht hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und ist er denn zur Front gekommen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, er war im Lager. Ich glaube, er war im Lager bis zuletzt, bis wir abgeholt wurden

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Zeuge, uns kommt es da sehr drauf an

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Der Doktor Schatz kam ja nachher auch noch rein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, jetzt wollen wir erst mal bei Doktor Frank bleiben. Sie sagten: »Ich glaube, er war noch im Lager.«Hatten Sie

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Bis zuletzt.

 

Vorsitzender Richter:

Denn nicht die Möglichkeit, ihn täglich zu sehen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wir haben immer im Laboratorium gearbeitet, und der Doktor Frank und die Ärzte waren alle im Operationszimmer. Es kam manchmal vor, daß wir sie morgens vielleicht beim Reingehen oder abends beim Rausgehen mal nicht gesehen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, kamen denn die nicht ab und zu mal ins Laboratorium, um sich zu überzeugen, was da gearbeitet wurde?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ja, kamen mal rein, haben Arbeit reingebracht oder rausgeholt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Aber ich glaube hundert Prozent, daß er bis zuletzt da war.

 

Vorsitzender Richter:

Also er behauptet, er sei bereits im August 44 weggekommen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das wüßte ich gar nicht. Es sind jetzt 23 Jahre her, über 20 Jahre her.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Zeuge, ich mache Ihnen ja keinen Vorwurf, ich

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ich habe gehört, er ist weggekommen oder er sollte wegkommen an die Front, weil er sich da irgendwas zuschulden hat kommen lassen. Das war ein Gemunkel im Laboratorium.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nun sagten Sie: »Ich glaube hundertprozentig, daß er bis «

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Daß er da war.

 

Vorsitzender Richter:

»Zum Schluß da war.« Worauf stützt sich Ihr Glaube? Haben Sie ihn gesehen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich nehme an. Wenn man 20 Wochen4 in der Zahnstation war, weiß ich nicht mehr hundertprozentig, ob er die letzten Monate nicht da war.

 

Vorsitzender Richter:

Es war doch der Chef, will ich mal sagen, der Zahnstation, nicht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn da noch einen anderen Chef bekommen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nun, nachher, die letzten Monate kam Herr Doktor Schatz aus Neuengamme. Und der war auch dort. Und der sagte noch, wie er vielleicht acht, 14 Tage da war: »Sagt mal, stimmt das, was hier in Auschwitz los ist, was man hier so hört?« Na, wir haben alle Angst gehabt, den Mund aufzumachen, und haben keine Antwort gegeben. Das war das, was ich weiß, was Herr Doktor Schatz gesagt hat. Er stand noch neben meinem Arbeitsplatz. Da sagt er: »Stimmt das, was hier in Auschwitz los ist, was man hier so hört?«

 

Vorsitzender Richter:

Und wann kam denn Doktor Schatz hin?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, der kam bestimmt Mitte 44, er war eine Zeitlang dagewesen. Denn wir kamen am 17./18. Januar

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

45

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Donnerstag zu Freitag die Nacht sind wir von Auschwitz fort. Das weiß ich noch wie heute. Es war am 17. zum 18. Januar.

 

Vorsitzender Richter:

War denn Doktor Schatz bis zum Schluß dort?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, was die letzten Tage war, wissen wir nicht. Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Man hat so viel munkeln gehört, die Russen wären schon in Lublin und sind schon 50, 30 Kilometer von Auschwitz. Und einmal hat es geheißen, am Donnerstag, wie wir von der Arbeit kommen: »Antreten!« Da waren wir mit den Pflegern, in den Krankenbauten waren Ärzte oder Professoren sogar. Wir waren mit die letzten, die abends um zehn, halb elf abmarschiert sind.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie zu Fuß gelaufen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wir sind von Auschwitz also lange zu Fuß gelaufen, wurden noch unterwegs beschossen von Partisanen, sind in einen Graben reingesprungen. Da war lauter Schnee, der ging uns bald bis zum Hals, dafür sind die Gewehrkugeln an uns vorbei. Und ich glaube, wir kamen 17./18. Januar weg. Wir kamen Ende Februar nach Mauthausen. Und da haben wir zwei Nächte oder drei Nächte auf dem Appellplatz gelegen im Winter. Einer am andern dran, damit wir nicht erfrieren. Wie wir dort angekommen sind, waren wir vielleicht 600, 700 Mann von 1.100 Mann. Und wie wir nachher von Mauthausen nach Ebensee kamen, da waren wir vielleicht nur 350. Da ist ein Drittel dort liegengeblieben. Die waren alle tot.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, bitte überlegen Sie sich doch mal genau: Als Sie damals evakuiert wurden, welche Zahnärzte waren denn da bei Ihnen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Die mit uns mit sind? Nur fremde SS-Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also manche kannte ich vom Sehen vom Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer war denn da zum Schluß noch in dem Revier, wie Sie abtransportiert worden sind?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das waren alles SS-Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, alles SS-Leute, das glaube ich schon. Nur möchte ich wissen, wer, welche Zahnärzte.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Die Namen. Gekannt habe ich sie. Zahnärzte waren, glaube ich, keine im Revier drin. Denn die Ärzte hat man nicht mehr zu Gesicht bekommen den letzten Tag, wie wir gearbeitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Die letzte Zeit haben Sie die Ärzte nicht mehr zu Gesicht bekommen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein. Den letzten Tag. Also wir haben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, am letzten Tag. Nun

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Bis fünf, sechs, bis Appell war vielleicht, gearbeitet. Und dann kam mit einem Mal Alarm, also Lagersperre, und da hat es geheißen: »Antreten!«[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Zeuge, nun will ich Ihnen sagen, ich möchte herausbekommen, ob der Doktor Schatz und Doktor Frank noch bis zum Schluß dagewesen sind.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, die habe ich, seit ich aus der Zahnstation raus bin, nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wann sind Sie denn aus der Zahnstation rausgekommen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, ich nehme an - wenn es im Januar finster wurde um drei, um vier rum, daß wir immer so zum Appell... Manchmal waren wir zum Appell nicht ausgerückt, manchmal ja, dann mußten wir antreten zum Appell. Und das war immer, wenn es finster war, da sind die Kommandos einmarschiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, Sie können sich doch noch auf das Weihnachtsfest 1944 erinnern.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, wie sie erhängt worden sind vor der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Waren da noch der Doktor Frank da und der Doktor Schatz?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wir mußten auf dem Appellplatz nach dem Appell rumgehen, mußten zusehen, wie sechs oder acht Mann erhängt worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ob der Doktor Frank und Doktor Schatz damals noch im Revier tätig waren

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Nein, mit diesen Sachen, soviel ich weiß, hatte die Zahnstation nichts zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Herr Zeuge, ich will ja nicht wissen, ob die Zahnstation was damit zu tun gehabt hat, sondern ich will nur wissen, ob zu dieser Zeit der Doktor Frank und der Schatz noch in dem Zahnrevier als Zahnärzte gearbeitet haben?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, also Doktor Schatz bestimmt. Aber Doktor Frank, sagten Sie ja, wäre im August 44 weggekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Doktor Schatz behauptet auch, er sei schon vorher weggekommen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das weiß ich nicht mehr hundertprozentig. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Der Doktor Frank behauptet, er sei im August weggekommen. Und der Doktor Schatz sagt, er sei im Oktober weggekommen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Der Herr Kratz ist ja auch da, vielleicht weiß der das ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und nun wollte ich nur von Ihnen wissen, ob Sie

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Da kann ich mich nicht mehr entsinnen. Dann hätten wir ja nach dem noch einen andern Vertreter gehabt, also einen Chef gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Denn wie Doktor Schatz da war, war auch Doktor Frank da, zu der Zeit. Das war im Hochsommer.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, und da Sie weder wissen, ob Doktor Schatz, noch, ob Doktor Frank da war, da kann ich mir da keinen Vers drauf machen, nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ob er bis zum letzten Tag da war, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Gut. Nun, Herr Zeuge, wie war denn nun Doktor Frank - bitte?

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, gestatten Sie in diesem Augenblick, bevor Sie zu dem anderen Thema übergehen, eine Zusatzfrage an den Zeugen?

 

Vorsitzender Richter:

Na bitte schön.

 

Verteidiger Steinacker:

Kennen Sie einen Hauptsturmführer Precht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Gekannt haben wir 80 Prozent, denn ich war ja über 20 Monate in Auschwitz. Aber dem Namen nach

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Precht, und zwar im SS-Revier als Zahnarzt.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das war der Pole. War das ein Pole mit einer Glatze?

 

Verteidiger Steinacker:

Ich sagte, ein SS-Hauptsturmführer.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, den kannte ich nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Das soll der Nachfolger von Herrn Doktor Frank gewesen sein.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, also ich weiß nicht, daß ich den gekannt habe, Doktor Precht. Es kam ein Dentist, der lebt heute in der Nähe von Coburg irgendwo, das war ein Tscheche. Und der kam auch die letzte Zeit nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, es sollte ja nun nicht hier von den Gefangenen die Rede sein, sondern es soll die Rede sein von den SS-Zahnärzten.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Es war auch ein SS-Mann da. Der war auch in der Zahnstation.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das war ein Sudetendeutscher, ich weiß nicht, wie er geheißen hat. War vielleicht ein Mann von an die 40.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Darf ich in dem Zusammenhang dann fragen: Meinen Sie den Niedballa?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Niedballa.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Der soll eine

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja, der hat eine Praxis in Coburg als Dentist, und er ist auch in dem Verfahren schon als Zeuge vernommen worden.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, Niedballa hat er geheißen. Der hat oft gesagt: »Wenn der Dreck schon zu Ende wäre.« Aber unter uns, in der Zahnstation. Der hat oft geschimpft. Da haben wir gestaunt, was der manchmal für Worte losgelassen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Loeffler, wie war es denn mit dem Doktor Frank und dem Doktor Schatz? Wie haben die sich den ihnen unterstellten Gefangenen gegenüber betragen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich sage ja, Doktor Schatz hat sonst in der Zahnstation in dem Operationszimmer gearbeitet. Da kann ich nichts sagen. Ich habe nichts gehört, wo er war und was er gemacht hat. Und Doktor Frank, da weiß ich nur, wie ich in Auschwitz ankam, ehe ich nach Buna kam, hat er gesagt, er braucht ein paar Zahnärzte. »Ein paar Dentisten vortreten.« Und da hat er mich ausgesucht, und, statt nach Auschwitz- Stammlager, haben Sie mich nach Buna gebracht. Und da habe ich, wie ich nachher in die Zahnstation kam, Doktor Frank wiedererkannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wie, wann waren Sie denn in Buna?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich war in Buna ungefähr 14 Tage, drei Wochen, oder acht, 14 Tage, bis ich nach Auschwitz überstellt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war damals, wie Sie noch nicht in der Zahnstation tätig waren.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, genau. Dann habe ich ja gewartet. Da habe ich mich gewundert: Ich wurde zur Zahnstation ausgesucht und wurde ausgebildet als Pfleger in der Ambulanz, im Block 27

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hatten Sie sonst irgendwas zu tun mit diesen beiden Ärzten, Doktor Frank und Doktor Schatz?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

So privat?

 

Vorsitzender Richter:

Bei der Arbeit oder sonstwie?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, sie haben mir Arbeit gebracht, haben gesagt, wann es gebraucht wird. Das haben wir gemacht, und dann gingen sie wieder rüber ins Operationszimmer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und haben Sie irgendwelche Veranlassung, Doktor Frank oder Doktor Schatz etwas Böses nachzusagen - daß sie die Leute mißhandelt hätten oder daß sie sie schlecht behandelt hätten?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also in die Zahnstation kamen ja keine Häftlinge rein, nur SS wurde behandelt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun waren Sie ja

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Da kann ich nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Schließlich auch damals Gefangener, nicht. Sie sind nicht schlecht behandelt worden?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na ja. Ich habe einen langen Mantel getragen. Da haben manche SS-Männer gesagt: »Du Berliner Doktor, komm her, mach mir meine Reparatur, daß ich nicht so lange warten brauche.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Schön.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Denn für eine Reparatur mußte man drei, vier Wochen, sechs Wochen warten, bis man sie bekommen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diese beiden Zahnärzte auch bei Selektionen auf der Rampe mitgewirkt haben?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, das wüßte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Wüßte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob die öfter mit dem Sanka weggefahren sind?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich weiß nur, daß Doktor Frank in andere Nebenlager gefahren ist, wo er Behandlungen gemacht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob Doktor Frank oder Schatz auch bei diesen Gaskammern eingeteilt worden sind, bei den Vergasungen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, sie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also oben in der zweiten oder ersten Etage, da soll Zyankali gewesen sein. Da kam ein polnischer Häftling alle paar Wochen, der hat was geholt. Was er geholt hat, wußten wir nicht. Der kam von Birkenau. Also oben in dem Bau, da war ja oben ein Krankenbau gewesen im SS-Revier. Und der kam dann unten ins Laboratorium zu uns rein und hat immer erzählt, was sich abspielt in Birkenau. Und er mußte immer dieses Material holen, was hier

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was sich abspielte in Birkenau?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, also die Vergasungen, das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Vergasungen hat er gemeint?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich weiß, daß er mal erzählt hat, es waren ein paar hundert ausgesucht zum Vergasen, und wenn die soweit waren, daß sie fertig waren mit den Nerven, wurden sie selbst vergast. Das hat er mal erzählt. Das war ein Jude, aber der stammte aus Warschau oder irgendwo, war ein Pole.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat was geholt in dem Haus, wo Sie waren?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Alle paar Wochen, also alle drei, vier Wochen, fünf Wochen vielleicht, kam er rein. Er kannte die schon von der Zahnstation, die Polen. Mit denen war er scheinbar aus einer Heimatstadt, und da hat er immer dann erzählt, was sich unten in Birkenau abspielt.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen? Von seiten des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo hat Sie der Doktor Frank ausgesucht zur Zahnstation? Bei der Ankunft?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Also er kam runtergefahren, weil das SS-Revier, glaube ich, erst aufgemacht wurde, hat er mir erzählt

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wo?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Als wir ausgeladen wurden

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Buna

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Als Sie ausgeladen wurden?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Staatsanwalt Kügler:

Als Sie ankamen in Auschwitz?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Als wir ankamen in Auschwitz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo kamen Sie denn an?

 

Vorsitzender Richter:

Das war die Rampe, wo alle ausgesucht worden sind ins Gas. Aber Doktor Frank kam nur an und sagte, er braucht ein paar Techniker, oder Zahnärzte, wie er sich ausgedrückt hat.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und da habe ich mich gemeldet. Da fragte er: »Wo haben Sie gelebt?« Sage ich: »In Berlin. Ich habe dort elf Jahre lang ein Laboratorium gehabt und habe für große Ärzte gearbeitet in Berlin.« Und da sagt er also: »Kommen Sie mit raus.« Da hat er sich acht Mann ausgesucht, die er brauchte. Und da sind wir, statt nach Auschwitz-Stammlager, nach Buna gekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sind nach Buna gekommen. Wer hat denn die Sortierungen gemacht sonst? Wissen Sie nicht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

SS mit Peitschen, mit Hunden. Und was für ein Tumult. Die Leute haben geschrien. Die Männer mußten links, die Frauen rechts mit den Kindern, so ungefähr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie kam es denn da, schildern Sie das doch mal, daß Sie Doktor Frank zum ersten Mal gesehen haben? Stand er da?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also, ich habe ihn erkannt, wie ich nachher in die Zahnstation kam, daß er derjenige war, der mich ausgesucht hat.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, ja. Das sagten Sie schon. Wann haben Sie ihn das erste Mal gesehen da auf der Rampe? Stand er da?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, er kam nur ran, wo wir Männer waren, und sagte, er braucht - »Bitte vortreten«- ein paar Zahnärzte

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Er kam also nicht mit dem Auto irgendwie angefahren.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das konnte man nicht sehen. Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aha. Er stand da auf der Rampe?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Er kam an die Rampe ran und sagte, er braucht ein paar Dentisten für die Zahnstation.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja. Von wo kam er an die Rampe ran?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich nehme an, daß er von der Zahnstation kam.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das haben Sie aber nicht gesehen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, das habe ich nicht gesehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben ihn zum ersten Mal

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ich habe auch nicht gesehen, wie er weggefahren ist. Wir kamen auf einen Lastwagen rauf. Wir sechs oder acht Mann, wie wir waren

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, noch mal langsam, bitte. Sie waren da auf der Rampe abgestellt, und da stand plötzlich der Doktor Frank. Ist das richtig?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, und sagte: »Wo sind Zahnärzte, Dentisten und Mediziner? Bitte vortreten.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Hat er das gesagt vor dem ganzen Kommando, vor den ganzen Häftlingen, die dort standen? Oder sind Sie vorgerückt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Also, nein, wir sind schon aussortiert worden, Männer links oder rechts und Frauen mit Kindern andere Seite. Und da kam er zu den Männern

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, und dann sind Sie vorgerückt.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ist er entlanggegangen und hat gesagt: »Dentisten, Zahnärzte vortreten.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, und was hat er

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Und: »Nicht älter wie 45 Jahre.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Gut. Nicht älter als 45 Jahre?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

40 oder 45 Jahre.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und dann, nachdem dies geschehen war, sind Sie also rausgetreten?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, und wo Doktor

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Und dann sind Sie weggefahren worden.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Sind wir dann auf einen Lastwagen gekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, und was Doktor Frank weiter gemacht hat, dort auf der Rampe, das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Das weiß ich nicht, da habe ich nichts davon gesehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Er hat keine

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Er ist jedenfalls auch nicht mit Ihnen weggefahren?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, er hat keine Peitsche gehabt, hat keinen Hund bei sich gehabt. Aber die anderen hatten alle [+ welche]. Wenn es 20 SS-Leute waren, waren 15 Hunde dabei.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Loeffler, Sie haben früher in Ihrer Vernehmung, auf Seite 5 der Vernehmungsniederschrift5, einmal erwähnt, daß sämtliche SS-Angehörige der Zahnstation zur Rampe befohlen wurden. Können Sie da heute noch etwas Näheres darüber sagen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also ich weiß, wenn ein Transport ankam, da wurde die Schreibstube, alles, geschlossen, und alles mußte zur Rampe runter und mußte... Was sie getan haben, weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, was heißt »alles« Alle

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

SS-Leute. Also im Lager, da wurde Alarm gegeben. Da durfte keiner aus dem Block raus, so ungefähr, nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also auch Doktor Frank, Doktor Schatz?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, wenn Sie sagen: alle, blieb ja wohl niemand zurück.

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ja, die in der Schreibstube waren, die im Lager tätig waren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, Sie hatten damals gesagt: »Alle SS-Angehörigen der Zahnstation«. Da war von Schreibstube keine Rede. Die seien auf die Rampe befohlen worden.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich glaube, es waren ja auch verschiedene, die dort im Block [+ waren]. Ukrainische SS war ja auch im Block drin.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ukrainische SS bei Ihnen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ja, die immer Wachposten hingebracht haben zur Behandlung.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aha.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Und die sind dann auch mit runter. Ob Doktor Schatz und Doktor Frank auch mit sind, das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wo war denn diese ukrainische SS untergebracht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Die waren zwischen dem Stammlager und, wo es zum [unverständlich] Da war drei, paar Kilometer Niemandsland.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben die Leute auch gewohnt, die SS- Leute. Ich glaube, manche haben sogar Frauen und Kinder gehabt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Mit Familie?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Mit Familie. Da mußte ich

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

War das

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Wie ich noch Pfleger war, einen Tag wurden auch ein paar ausgesucht, und da mußten wir eine Wohnung einrichten. Das war auch außerhalb des Lagers.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das eine größere

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

War ein schönes Haus.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das eine größere SS-Einheit von den Ukrainern, eine Kompanie, mehr oder weniger?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Also ich weiß, das waren gemeine SSler, also [+ sie] waren furchtbar scharf gewesen. Einer, der immer zu uns kam, hat ein volles Gesicht gehabt, vielleicht 23, 24 Jahre, so ein junger Mensch. Dem mußten wir aus dem Wege gehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also noch gemeiner als die deutsche SS. Wollen Sie das sagen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, kann man sagen. Das waren die Ukrainer. Die kamen ungefähr Mitte 44 nach Auschwitz. Und denen mußte man aus dem Wege gehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Dann hatten Sie in Ihrer früheren Vernehmung auch etwas gesagt über die Aufbewahrung von Zyklon B. Können Sie sich da noch dran erinnern?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, ich dachte [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das hat der Zeuge ja eben auch gesagt. Das hat er uns ja eben erzählt, nicht.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Unten im Parterre war die Zahnstation, oben war Krankenbau, und ganz oben soll ein Magazin gewesen sein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, soll. Sie haben früher das ziemlich

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Wenn wir Material brauchten, Watte, ja

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Dann bin ich raufgegangen, und da hat mir einer dann oben, ein SS-Mann, glaube ich, ich habe gesagt, was ich will, ein Paket Watte gegeben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und im Keller, wissen Sie, ob im Keller Zyklon B aufbewahrt worden ist?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, da runter kam ich nie.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Loeffler, war Doktor Frank der letzte Leiter der Zahnstation?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

[...] Das kann ich nach 22, 21 Jahren nicht mehr hundert Prozent sagen, ob er bis zum letzten Tag da war. Aber ich weiß

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Nein, Herr Zeuge, bitte, ich habe ganz etwas anderes gefragt. Ich habe gefragt, ob Doktor Frank der letzte Leiter der Zahnstation war, Herr Zeuge, ich habe nicht gefragt, ob er bis zum letzten Tag da war, sondern ob er der letzte Chef war, das heißt also, ob er keinen Nachfolger hatte.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich widerspreche dieser Frage. Ich widerspreche dieser Frage. Ich bitte um

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Warum?

 

Verteidiger Laternser:

Weil das ein Urteil ist, was von dem Zeugen erfragt wird, ob er der letzte gewesen ist. Er kann fragen, wie lange er gewesen ist. Wenn er

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Das weiß ich auch nicht, aber

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Sagt, er sei der letzte Leiter gewesen, dann ist das das Erfragen eines Urteils und nicht einer Tatsache.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja, da stimmt ja gar nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso? Wieso?

 

Verteidiger Laternser:

Das, was Sie meinen, das ist ja nicht maßgeblich.

 

Vorsitzender Richter:

Also Herr Zeuge, ich hatte Sie ja vorhin schon lang und breit über dieses Thema befragt. Und ich glaube nicht, Herr Rechtsanwalt Raabe, daß Sie da noch etwas herausholen können aus dem Zeugen.

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Verzeihen Sie...

 

Vorsitzender Richter:

Aber ich will ihn trotzdem noch mal fragen: War denn hinter dem Doktor Frank noch mal jemand anders tätig bei Ihnen als Chef?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Doktor Schatz kam, da war Doktor Frank auch noch da. Und ich wüßte nicht, daß ich noch einen Neuen gesehen habe.

 

Vorsitzender Richter:

War denn Doktor Schatz zum Schluß der Chef?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Also Sie wüßten nicht, daß Sie noch einen Neuen gesehen haben?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha, danke schön. Herr Zeuge, Sie hatten eben auf die Frage des Staatsanwalts, ob alle SS-Angehörigen der Zahnstation auf der Rampe waren, gesagt: »Das wird wohl so gewesen sein«, aber Sie wüßten es nicht ganz genau für Frank und Schatz.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja, es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das hat er auch nicht gesagt: ganz genau. Sondern er hat gesagt

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Er weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

»Ob Schatz und Frank dabei waren, weiß ich nicht.«

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

So hat er gesagt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Jetzt will ich Ihnen vorhalten, Herr Zeuge: Der Zeuge Kratz, der unmittelbar vor Ihnen vernommen wurde, hat hier ausgesagt: »Es war ein offenes Geheimnis, daß auch Frank und Schatz auf der Rampe waren.« Können Sie sich jetzt daran erinnern, oder halten Sie Ihre Aussage aufrecht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Na, sie haben uns nicht gesagt, daß sie jetzt dort hingehen. Sie waren mal fort, es wurde mal nicht gearbeitet, wer im Wartezimmer saß, der ist nach Hause geschickt worden, oder [+ es hieß]: »Komm morgen oder übermorgen wieder.« Und da waren Doktor Schatz und Doktor Frank weg. Aber wo sie waren, da kann ich nicht sagen: Sie sind direkt zur Rampe gefahren, ich habe sie gesehen aus dem Lager wegfahren.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Wurde unter den Häftlingen der Zahnstation darüber gesprochen, daß Frank und Schatz auf die Rampe fahren?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das wüßte ich wirklich heut nicht zu sagen, daß sie da runtergefahren sind. Es hat immer nur geheißen, wenn Transporte kommen, da müßten die SS-Leute runter zur Rampe und müßten aussuchen helfen, so ungefähr, nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Aber sonst, ob sie runtergefahren waren, das... Wir haben unsere Arbeit gemacht, und wenn es Alarm [+ gab] oder finster war, haben wir aufgehört, weil wir ins Lager mußten. Aber wo die Herren dann waren, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, ist man in den letzten Monaten oder Jahren nach Ihrer Vernehmung einmal an Sie herangetreten, sei es brieflich oder persönlich, und hat man Sie bedroht oder irgendwelche Forderungen an Sie gestellt?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Es wußte keiner, wo ich bin. Nur Männe Kratz hat mal geschrieben, ob ich ihm ein Schreiben schicken könnte, daß Doktor Frank in der Zahnstation war. Da habe ich nur geschrieben, diese Sache geschildert, daß ich damals abgestellt worden bin von der Zahnstation, und Doktor Frank kam mit dem Motorrad reingefahren und sagte: »Wen ich brauche, bestimme ich.« Und da bin ich wieder mit reingekommen. Denn im Lager hat es ja geheißen: »Ihr in der Zahnstation, euer Leben ist gesichert.«

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, haben Sie Angst davor, die Aussagen, die Sie früher in größerer Präzision gemacht haben, heute hier zu wiederholen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Nein, ich wüßte nicht, was ich da verschweige. Vielleicht erinnern Sie mich an irgendwas.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ich habe Sie ganz genau erinnert eben an das. Aber Sie sagen, Sie können sich heute nicht daran erinnern.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich weiß nur, wenn Alarm war, mußten wir rein ins Lager. Und wenn Transporte kamen: Oben war dort der Standortarzt, oder wie er heißt, eine Treppe im Krankenbau, der den Krankenbau unter sich hatte. Und da hat es geheißen: »Es wird nicht gearbeitet im Operationszimmer.« Die Herren müßten alle fort.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und waren dann auch alle fort?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Das wissen wir auch nicht. Ins Operationszimmer, als ich zehn bis 20 Monate dort war, haben wir vielleicht mal reingeschaut, wenn wir grade vorbeigegangen sind, daß wir austreten gegangen sind. Aber bei der Behandlung waren wir nicht dabei. Wir wurden auch nicht reingerufen: »Schaut euch mal eine Arbeit an«, wie es heute bei den Ärzten ist, daß sie einen rufen und sagen: Was kann man hier für eine Arbeit machen? Oder: Was halten Sie für richtig? Das wurde in der Zahnstation nicht gemacht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Aber es hieß jedenfalls, alle müßten fort, ja?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ob alle... Es war die Tür... Wir mußten einrücken oder haben unsere Arbeiten gemacht, sind nach Hause gegangen. Und da hat es geheißen: »Heute kam wieder [+ ein Transport].« 44 kamen die ganzen Ungarn-Transporte, und da haben die Schornsteine gebrannt, daß wir es gerochen haben bis bei uns im Lager. Wie der aus Birkenau kam und er Material geholt hat, der hat gesagt: »Heut hat es wieder gerochen ganz furchtbar. 6.000 Mann an einem Nachmittag.«

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Darf ich, Herr Direktor, anregen, dem Zeugen die Angeklagten gegenüberzustellen? Er sagte, er könne unter Umständen - er sagt sogar, nicht unter Umständen -, er könne zwar die Namen nicht nennen, wer im Block 11 mit an den Erschießungen teilgenommen habe, aber er könne sie wiedererkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Verteidiger Laternser:

Nein, das hat er nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Na, also wir wollen uns

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Er hat ganz im Gegenteil gesagt, er habe Angst gehabt oder man habe Angst gehabt, die SS-Leute anzusehen

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Ins Gesicht zu gucken

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ins Gesicht zu sehen, so daß es also schwierig sei für ihn, irgendwelche wiederzuerkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Er hat vorher ausdrücklich gesagt: »Mit Namen kenne ich sie nicht. Wenn ich sie sehe, würde ich sie wiedererkennen.«

 

Verteidiger Laternser:

Das hat er in anderem Zusammenhang gesagt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, meine Herren, wir können ja trotzdem mal die Angeklagten vortreten lassen. Bitte?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Herrn Doktor Frank erkenne ich sofort.

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben noch eine Frage, ja.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Herrn Doktor Schatz auch.

 

Verteidiger Erhard:

Herr Zeuge, Sie haben von dem Kapo in Block 11 gesprochen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

Und Sie haben sich auch erinnert, daß er Jakob geheißen hätte.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja. Und mit S-T, glaube ich, ist der Vatersname.

 

Verteidiger Erhard:

Könnte es sein, daß er Kozelczuk geheißen hat?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Es war ein Warschauer, weiß ich. Und früher soll er im Kabarett aufgetreten sein, soll Eisenstangen gerissen haben.

 

Verteidiger Erhard:

Ich frage nur, ob Sie sich, wenn Sie den Namen Kozelczuk hören

 

Zeuge Siegbert Loeffler [unterbricht]:

Also Jakob weiß ich, daß er geheißen hat, aber den Vatersnamen weiß ich heute nicht mehr.

 

Verteidiger Erhard:

Danke.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

War ein großer, starker, kräftiger, schwarzer Mensch.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Er war mindestens 1,90 groß, hat über zwei Zentner gewogen, so eine Figur hat er gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Naumann.

 

Verteidiger Naumann:

Als Sie die toten Kinder aus den Waggons ausladen mußten, wann war das? Können Sie sich da zeitlich etwas näher auslassen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Na, da war ich noch nicht in der Zahnstation. [+ Ich bin] 14 Tage, drei Wochen in Buna gewesen. Drei Wochen waren es, vielleicht nur 14 Tage. Und dann, als ich als Pfleger kam, da haben wir oben in der Ambulanz, 27, ein Zimmer gehabt. Da waren wir vielleicht 15, 20 Pfleger, die wir ausgebildet worden sind im [unverständlich] Krankenbau. Verbände machen. Und da, in diesen sechs Wochen, wurde ich geholt zum Block 11, zum Toteziehen, bei Erschießungen zuschauen. Und dann hat es mal geheißen, Möbel werden verladen, er braucht acht starke Männer. »Du Berliner, kannst auch mitkommen.« Und da sind wir auf jeden Lastwagen immer vier Mann rauf, zwei in den Waggon rein und zwei auf den Lastwagen zum Ziehen. Das war in diesen sechs, acht Wochen, wo ich von Buna überstellt worden bin nach Auschwitz, wo ich in der Ambulanz als Pfleger ausgebildet worden bin.

 

Verteidiger Naumann:

Gut. Aber können Sie den Monat etwa sagen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Monate? Am 1. März kam ich in Auschwitz an und kam gleich nach Buna. Da war ich 14 Tage, das war vielleicht bis Mitte März, bis 20. März. Und dann war ich vielleicht von 20. März bis Ende April in der Ambulanz, daß ich Anfang Mai oder Ende Mai vielleicht nach der Zahnstation überstellt worden bin. Da waren zwei oder drei Waggons. In meinem Waggon waren 94 drin, im andern Waggon waren 93 oder 97 drin.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage an den Zeugen zu stellen?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Die Waggons waren weit vom Güterbahnhof weg. Und ein ganzer Haufen SS-Leute mit Hunden, mit Gummiknüppeln stand drum rum. Da haben wir gleich gewußt, halt, hier stimmt was nicht. Das sind keine Möbel, die wir ausladen. Und dann die Waggons bis an die Tür scharf rangeschoben, daß vom Güterbahnhof, wo man die Menschen nur so groß gesehen hat, also vom Personenbahnhof, wo man die Menschen so groß gesehen hat, keiner sehen konnte, was da gemacht worden ist. Und die Kinder waren alle angezogen, als wenn sie irgendwo zu Besuch oder zum Geburtstag gehen. Es muß ein Heim gewesen sein, nehme ich an. Alles Kinder im Alter von drei, vier, sollen sie fünf Jahre gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Eggert, hatten Sie noch eine Frage zu stellen?

 

Verteidiger Eggert:

Keine Frage, aber ich wollte zu dem Stellung nehmen, was der Herr Doktor Kaul eben angeregt hat. Ich weiß nicht, ob es ein förmlicher Beweisantrag war. Ich widerspreche aber vorsorglich der Gegenüberstellung, weil ich nach allem, was wir bisher bei diesen Gegenüberstellungen erlebt haben, der Ansicht bin, daß es insoweit ein völlig ungeeignetes Beweismittel im Sinne des Paragraphen 244 Absatz 3, Satz 2, dritte oder vierte Alternative ist.6

 

Vorsitzender Richter:

Also wir haben die Gegenüberstellung bisher immer durchgeführt, und ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, daß wir sie diesmal auch durchführen sollen. Wollen Sie einen Gerichtsbeschluß?

 

Verteidiger Eggert:

Ich bitte darum. Ich werde zu den Einzelheiten erst im Plädoyer Stellung nehmen. Aber es scheint mir dies eine Situation zu sein, wo ich für später den Gerichtsbeschluß einmal brauche. Ich bitte zu entschuldigen

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Verteidiger Eggert:

Wenn da deswegen unterbrochen werden muß.

 

Vorsitzender Richter:

Wird da von seiten der Staatsanwaltschaft Stellung genommen?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich bin also der Auffassung, daß überhaupt keine Rede davon sein kann, diese Gegenüberstellungen seien ein ungeeignetes Beweismittel. Der Zeuge bekommt die Möglichkeit, die Angeklagten sich anzusehen, und kann dann sagen, ob er jemand erkennt oder ob er niemand erkennt. Grade die von dem Herrn Verteidiger Doktor Eggert benannte Zeugin Höß hat ja auch mit dem ersten Blick erkannt, daß sie den Angeklagten Baretzki von früher her irgendwie noch in Erinnerung hat. Ich glaube, insoweit hatten Sie damals auch keine Bedenken gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich glaube, es ist gar nicht notwendig, sehr lang Stellung zu nehmen. Ich widerspreche natürlich diesem Antrage. Ich möchte darauf hinweisen, daß gerade die Form, in der bislang diese Gegenüberstellungen vorgenommen wurden, durchaus die Gewähr bietet, daß, soweit überhaupt die Gedächtnismöglichkeit vorhanden ist, unter Ausschluß aller subjektiven Einwirkungen, insbesondere von irgendwelchen Sitzordnungen und so, rein mechanisch irgendwelche Fehlerquellen nicht bestehen, wenn die Angeklagten hier im Saale dem Zeugen gegenübertreten. So hat das das Gericht bislang gehalten. Und ich glaube, daß damit die Form gewahrt ist, um alle Möglichkeiten der Beeinflussung auszuschließen. Ich bitte dementsprechend, dem Antrag nicht stattzugeben.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wird von seiten der Verteidigung dazu noch Stellung genommen? Nein. Dann wird das Gericht darüber beraten.7

 

- Schnitt -

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Herr Doktor Schatz, Herr Doktor Frank.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Schatz, Doktor Frank.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Kaduk? Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich möchte anregen, daß Sie Ihren Platz mit Ihrem Hintermann mal tauschen.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ich?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Treten Sie mal vor da. Nein, Sie. Sie, ja. So meinte ich das.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sonst kennen Sie niemanden? Ich bitte die Angeklagten, wieder Platz zu nehmen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

In Uniformen sehen sie alle anders aus als in Zivil.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bezüglich Kaduk haben Sie uns ja schon gesagt, daß Sie ihn bei diesen Erschießungen gesehen hätten, nicht?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja. Aber heute ist er etwas stärker. Ich habe das Bild Kaduks vor einigen Tagen zufällig bald nicht wiedererkannt. Er war ja schmächtiger gewesen damals.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind noch Fragen an den Zeugen zu stellen? Doktor Eggert?

 

Verteidiger Eggert:

Im Anschluß an die letzte Bemerkung möchte ich nur der Ordnung halber wissen, wo der Zeuge das Bild Kaduks gesehen hat.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Immer, wenn im Bunker Erschießungen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Sie sagten eben, Sie hätten ihn dieser Tage im Bild gesehen.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

In einer Zeitung.

 

Vorsitzender Richter:

In einer Zeitung.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Da war er.

 

Verteidiger Eggert:

Danke schön.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ich glaube, es war die »Bild«-Zeitung.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wäre die »Bild«-Zeitung.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, ich möchte in dem Zusammenhang noch einen Vorhalt an den Angeklagten Doktor Frank machen, und zwar aus Blatt 8.172 der Akten. Das ist die frühere polizeiliche Vernehmung von Niedballa, von dem vorhin die Rede war. Und der hatte damals gesagt: »Als ich im September oder Oktober 1944 nach Auschwitz kam, wurde ich sofort dem SS-Standortarzt SS-Zahnstation zugeteilt. Die SS-Zahnstation wurde von dem SS-Obersturmführer Doktor Frank geleitet. Standortarzt war nach meiner Erinnerung ein Doktor Fischer. In der SS-Zahnstation wurden nur SS-Angehörige des Standorts in Auschwitz behandelt. Außer Doktor Frank war noch ein Doktor Schatz als Zahnarzt bei uns eingesetzt. Im November oder Dezember 1944 wurde Doktor Frank durch einen Doktor Precht als Leiter der Zahnstation abgelöst.«8 Wollen Sie dabei bleiben, daß das schon im August war?

 

Angeklagter Frank [unterbricht]:

Doktor Precht hat in seiner Vernehmung9 gesagt, er sei Ende August gekommen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, wir können ja den Niedballa hören als Zeugen. Der lebt noch.

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

So ein kleiner Schleier kommt mir, als wenn da was war, aber ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also jedenfalls, Doktor Frank, Sie haben den Vorhalt gemacht bekommen. Sie sagen, daß ist nicht richtig, was hier drinsteht?

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Siegbert Loeffler:

Ja.

 

- Schnitt -

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 01.06.1960 in Hof, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 34, Bl. 5.934.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 01.06.1960 in Hof, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 34, Bl. 5.934.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 01.06.1960 in Hof, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 34, Bl. 5.934.

4. Der Zeuge verspricht sich; er meint 20 Monate.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 01.06.1960 in Hof, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 34, Bl. 5.936.

6. StPO § 244, Abs. 3: »Ein Beweisantrag ist abzulehnen, wenn die Erhebung des Beweises unzulässig ist. Im übrigen darf ein Beweisantrag nur abgelehnt werden, wenn eine Beweiserhebung wegen Offenkundigkeit überflüssig ist, wenn die Tatsache, die bewiesen werden soll, für die Entscheidung ohne Bedeutung oder schon erwiesen ist, wenn das Beweismittel völlig ungeeignet oder wenn es unerreichbar ist, wenn der Antrag zum Zweck der Prozeßverschleppung gestellt ist oder wenn eine erhebliche Behauptung, die zur Entlastung des Angeklagten bewiesen werden soll, so behandelt werden kann, als wäre die behauptete Tatsache wahr.«.

7. Das Gericht verkündete den Beschluß, "eine Gegenüberstellung der Angeklagten mit dem Zeugen« anzuordnen. Protokoll der Hauptverhandlung vom 21.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Bl. 1013.

8. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 23.03.1961 in Coburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.172.

9. Vgl. richterliche Vernehmung des Zeugen Precht vom 03.05.1962 in Offenburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.312.

 

 
 
 
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