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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

67. Verhandlungstag, 17.7.1964

 

Vernehmung des Zeugen Kurt Leischow

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen] zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind also von Breslau nach Auschwitz gekommen. Und das war ungefähr wann?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ende 40.

 

Vorsitzender Richter:

Ende 40 oder im August 40? [...]

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es kann August gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Es kann August gewesen sein?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also ab August

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum Ende des Jahres hin. Sie wissen es nicht mehr genau. Und wann sind Sie dort wieder weggekommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Im späten Frühjahr 1944.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben einmal gemeint, im Juni. Und heute sagen Sie, spätes Frühjahr 1944. Ja?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren also knapp vier Jahre dort?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Warum sind Sie weggekommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich habe mich freiwillig weggemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben sich freiwillig weggemeldet. Was ist Ihnen denn auf diese freiwillige Meldung gesagt worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich habe es vorher schon mal versucht. Da habe ich von dem damaligen Kommandanten Höß einen Verweis bekommen, das ist nicht möglich. Dann habe ich von anderen Kollegen dort erfahren, wenn man sich zu einer Führerschule meldet, dann kommt man weg, dann kommt man zum Fronteinsatz, und das habe ich auch getan.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben sich also zur Junkerschule gemeldet

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind auf diese Art und Weise gewissermaßen zur Frontbewährung an die Front gekommen, nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Obwohl Sie sich ja an und für schon an der Front bewährt hatten und ja schon schwer verwundet waren.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, aber es war die einzige Möglichkeit wegzukommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und auf diese Art und Weise sind Sie dann, wie Sie eben sagten, im späten Frühjahr 1944 wieder zur kämpfenden Truppe gekommen. Und zwar wohin?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nach Warschau, zum Ersatzbataillon meiner früheren Einheit.

 

Vorsitzender Richter:

Und von dort aus? Zum Fronteinsatz?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, dann kam später der Aufstand in Warschau, Einsätze vor Warschau, dann kam der Aufstand in Warschau dazu. Und von dort bin ich dann zurückgekommen zum Ersatzbataillon. Dann wurde das Bataillon verlegt an die Oder-Neiße, ich weiß den Ort nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Von dort sind wir in Ungarn eingesetzt worden. Da wurde ich dort zur Marschkompanie versetzt nach Ungarn, wurde die Einheit nach Ungarn verlegt, bin dort in Ungarn wieder verwundet worden und bin von dort nach Hamburg ins Lazarett gekommen. Erst in Dinkelsbühl und von dort nach Hamburg ins Lazarett, ins Heimatlazarett.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, welchen Dienstgrad hatten Sie?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Unterscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, als Sie nach Auschwitz kamen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Rottenführer.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie Rottenführer. Das war im Jahr 1940.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie zum Unterscharführer befördert worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Am 30. April 1942.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Vielleicht war es der 20. April?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Entschuldigung, der 20. April.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also 1942 sind Sie Unterscharführer geworden und sind dann, wie Sie uns eben erzählt haben, bis 44 dort geblieben.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie denn dort für eine Aufgabe?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich war dort zunächst bei der Bewachungsmannschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Bei der Wachkompanie.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Bei der Wachkompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn da Ihr Kompaniechef?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr. Ja, und?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht mehr. Und wurden dann von dort mit mehreren Mann zum [Schutzhaftlager] versetzt, unter dem damaligen Schutzhaftlagerführer Fritzsch.

 

Vorsitzender Richter:

Fritzsch. Und wer war damals Kommandant?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Höß. Und wer war damals Adjutant?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Kramer.

 

Vorsitzender Richter:

Kramer. Und was für Aufgaben hatten Sie nun im Lager, nachdem Sie vom Schutzhaftlagerführer ins Lager versetzt worden waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich war zunächst Blockführer und später Kommandoführer.

 

Vorsitzender Richter:

Blockführer. Und bei welchen Blocks waren Sie Blockführer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war, wenn man vor der Küche stand, vom Appellplatz der erste Block vorne rechts. Da waren noch nicht die neuen Blöcke gebaut.

 

Vorsitzender Richter:

Und später waren Sie Kommandoführer.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Kommandoführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war das für ein Kommando?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Abbruchkommando II. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für ein Kommando? Was hatten die für eine Aufgabe?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die rissen die evakuierten Häuser der Polen nieder.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und welche Häftlinge befanden sich denn in den Blocks, in denen Sie Blockführer waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ausschließlich Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar ausschließlich politische Häftlinge? Hatten die einen roten Winkel?

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Politische. Ja, die Polen waren durchweg politisch.

 

Vorsitzender Richter:

Politische Häftlinge. Und hatten Sie außer dem roten Winkel noch eine besondere Bezeichnung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht noch ein P?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nur einen roten Winkel?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Roten Winkel.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, in dieser Zeit hatten Sie ja vielleicht Gelegenheit, auch andere Abteilungen kennenzulernen. Haben Sie auch die Politische Abteilung kennengelernt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nicht direkt.

 

Vorsitzender Richter:

Was verstehen Sie darunter? Und wie haben Sie sie indirekt kennengelernt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Politische Abteilung war eine selbständige Abteilung für sich, zu der kaum von den anderen SS-Angehörigen welche hineinkamen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? War eine Abteilung für sich?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ein geschlossene Abteilung für sich.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie ging es dann weiter?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren auch viele dieser Angehörigen – wir trugen den Totenkopf auf einem Spiegel –, die hatten zum Teil gar keine Embleme oder Zeichen auf ihren Spiegeln.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Nun, was hatte denn die Politische Abteilung für eine Aufgabe?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Politische Abteilung war grundsätzlich erst mal da, um die Aufnahmen aufzunehmen und die Abgänge. Alle Aufnahmen gingen über die Politische Abteilung. Alle Abgänge kamen von der Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was hatten sie weiter für Aufgaben?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Außerdem Strafen, höhere Strafen kamen auch über die Politische Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Was verstehe ich a) unter »höheren Strafen« und b) »kamen über«

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Meinetwegen längere Haftstrafen.

 

Vorsitzender Richter:

Längere Haftstrafen, die kamen über die Politische Abteilung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Über die Politische Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Was soll das heißen? Wie soll ich das verstehen, »sie kamen über die Politische Abteilung«?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Sie wurden von der Politischen Abteilung an die Lagerführung angewiesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob sie auch von der Politischen Abteilung verhängt wurden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Und in welcher Form wurde denn diese Anweisung herausgegeben? War das ein mündlicher Befehl, oder war das

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, das waren schriftliche Befehle.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie als Blockführer auch solche schriftlichen Befehle bekommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, die gingen über die Rapportführung. Lagerführung, Rapportführung.

 

Vorsitzender Richter:

Lagerführer, Rapportführung. Sie selbst haben sie nicht bekommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Als Blockführer. Ich meine, sind Sie belehrt worden, wie Sie in das Lager kamen, wie Sie sich mit Häftlingen zu befassen hatten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das sind wir.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was ist Ihnen da gesagt worden?

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Und zwar durch den damaligen Lagerkommandanten Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Höß. Und was hat er Ihnen gesagt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde uns eine weiche Welle demonstriert. Schlagen der Häftlinge und so weiter war offiziell verboten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was hat er Ihnen weiterhin gesagt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde uns dann gesagt, daß der größte Teil der Häftlinge, zum Beispiel die mit dem grünen Winkel, alle Schwerverbrecher wären, die mit roten Winkeln politische Gegner des nationalsozialistischen Systems, mit schwarzen Winkeln Arbeitsscheue, die keine Lust zum Arbeiten haben, Zuhälter wären und so weiter und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wie war es denn, durften Sie denn Häftlinge auch töten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war an und für sich verboten.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen das gesagt worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mußten Sie insofern auch etwas unterschreiben?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Daran erinnere ich mich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Mußten Sie ein Revers unterschreiben, wo etwa draufstand: »Über das Leben der Häftlinge verfügt allein der Führer«?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr erinnern. [Pause] Nun, ist Ihnen etwas gesagt worden, warum die Häftlinge dort in dem Lager untergebracht waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Sie waren zum Schutze des Reiches dort untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar entsprechend ihrer Wertung, nämlich als Kriminelle, als politische Gegner.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Waren auch Häftlinge dort, die aus rassischen Gründen dort untergebracht waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren Pastoren dort.

 

Vorsitzender Richter:

Pastoren.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Pastoren. Es waren Juden nachher da.

 

Vorsitzender Richter:

Juden.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Aber ich möchte sagen, als die Juden kamen, dann war es sowieso alles nur noch ein Durcheinander. Die vorher gemachten Aussagen beziehen sich mehr auf die erste Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Auf die erste Zeit. Ab wann kamen denn die Juden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren schon Juden da, als ich hinkam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Sie haben doch eben gesagt

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Aber verhältnismäßig wenig.

 

Vorsitzender Richter:

Als die Juden kamen, ging alles durcheinander.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also müssen Sie doch einen bestimmten Zeitabschnitt im Auge gehabt haben.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich möchte sagen, das war mit dem Beginn der größeren Transporte.

 

Vorsitzender Richter:

Der Ungarn-Transporte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ich glaube, das war wohl die letzte Zeit, die Ungarn-Transporte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Da war ich nicht mehr da.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie nicht mehr da.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also wann ungefähr begannen nach Ihrer Meinung die größeren Transporte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich möchte sagen, mit Beginn des Rußlandfeldzuges.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Beginn des Rußlandfeldzuges.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Oder unmittelbar danach.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Hatten Sie eine Lagerordnung dort?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es bestand eine, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie die einmal gesehen? Oder wenigstens verlesen bekommen, oder

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Transporte, die dort eintrafen, am Anfang zumindest, wurden auf dem Appellplatz aufgestellt. Es wurde über einen Dolmetscher die Lagerordnung bekanntgegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und was

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Daß die Anwesenheit in diesem Lager eine Erziehungsmethode sein soll. [+ Sie] sollten wieder zu ordentlichen Menschen erzogen werden, um dann später wieder entlassen werden zu können. Das war aber nur, möchte ich sagen, bis zum Rußlandfeldzuge.

 

Vorsitzender Richter:

Also bis zum Juni 41.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, etwa in dem Zeitraum.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was geschah dann? Dann wurde das nicht mehr verlesen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nachher nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Also jedenfalls, als Sie hinkamen, war offiziell dieses Lager als ein sogenanntes Erziehungslager gedacht. Es war Ihnen, wie Sie vorhin sich wörtlich ausgedrückt hatten, eine weiche Welle von dem Kommandanten vorgeschrieben. Und insbesondere war das Schlagen verboten, selbstverständlich dann auch das Töten von Häftlingen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was mußten Sie nun machen, wenn sich ein Häftling gegen die Lagerordnung vergangen hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es gab eine Möglichkeit, wenn sich ein Häftling vergangen hat, eine Meldung zu schreiben, in der man aufführen mußte, was dieser Häftling angeblich angestellt haben soll.

 

Vorsitzender Richter:

War das auch nur in der Zeit bis zu Beginn des Rußlandfeldzugs?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich möchte sagen, das war die ganze Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Das war die ganze Zeit.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das war die ganze Zeit. Aber diese Meldungen wurden wohl nur mehr oder weniger auf deutsche Häftlinge, Kapos und so weiter angewandt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das heißt also, die Bestimmung war nicht aufgehoben worden, aber sie wurde nicht mehr gehandhabt, mit Ausnahmen von den deutschen Häftlingen und den Kapos. Nun, diese Kapos

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Vielleicht auch noch bei polnischen Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Vielleicht auch noch bei polnischen Häftlingen. Und was geschah denn nun auf so eine Meldung hin?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Diese Meldungen gingen zu den Lagerführungen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wenn es schwerwiegender war, ging sie über die Lagerführung zum Kommandanten. Wo sie dann abblieb, kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was kam zurück auf so eine Meldung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Prügelstrafe, Stehzellenhaft.

 

Vorsitzender Richter:

Stehzellenhaft?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Stehzellenhaft oder auch sonst Haft, also Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Einsitzen im Bunker. Von wann ab bestanden denn Stehzellen, und was wissen Sie von den Stehzellen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich weiß, daß die Stehzelle in Block 13 war. Gesehen habe ich keine. Im Block 13

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Block 13? Wissen Sie genau, daß es Block 13 war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, es war in Auschwitz der letzte Block, ganz hinten in der Ecke rechts.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, war das nicht etwa der Block 11? [Pause] Wenn Sie mal an die Karte gehen wollen und wollen sich mal vergewissern.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Die alte Nummer 13 [unverständlich]

 

Richter Perseke:

Das muß eine alte Nummer gewesen sein in Auschwitz [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Die alte Nummer 13 [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Rechtsanwalt, ich

 

– Schnitt –

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Haben Sie mal so einen Stehbunker gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Waren Sie überhaupt mal in diesem Block, wie Sie sagen, 13, drin?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich war einmal oben. Es war dort ein Zimmer für die SS-Angehörigen, die dort zuständig waren. Da war ich einmal drin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und was war das für ein Zimmer? Zu welchem Zweck waren die da oben?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das war deren Dienstzimmer.

 

Vorsitzender Richter:

Deren Dienstzimmer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten die da für einen Dienst zu verrichten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die haben ihre Wache dort gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Wache.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also es war dort immer ein SS-Angehöriger anwesend. Ich weiß nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im ersten Stock?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Unten, ja. Gleich unten, wenn man reinkam, rechts.

 

Vorsitzender Richter:

Also im Parterre?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Parterre, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich weiß nicht, ob sie nachts auch da waren. Zumindest am Tage war immer jemand dort.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren sie dort mal zur Bewachung oder...

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein. [...] Ich habe dort mal einen Häftling abliefern müssen, als Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Sie mußten einen abliefern.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wem haben Sie denn den Mann abgeliefert?

 

Zeuge Kurt Leischow:

[Pause] Weiß ich nicht. Es waren dort mehrere Angehörige, die wechselten.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer damals der Arrestaufseher war?

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich glaube, es war der Oberscharführer Engelschall. Oberscharführer Engelschall.

 

Vorsitzender Richter:

Engelschall, meinen Sie, wäre es gewesen. Also

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Denn der war dort auch eine Zeit im Arrestbau.

 

Vorsitzender Richter:

Wie, waren Sie auch im Arrest?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, nein, der Oberscharführer Engelschall.

 

Vorsitzender Richter:

Engelschall. Ja, das war 42, sagten Sie, oder wann war das?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Arrestaufseher Schlage gekannt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Dem Namen nach, ja. Ich weiß im Moment nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie waren dann Blockführer, und wo waren die Leute eingesetzt – ich hatte Sie das schon mal gefragt, ich habe es nicht mehr gegenwärtig –, die in Ihren Blocks lagen? Bei welchen Arbeitskommandos waren die eingesetzt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die waren überall eingesetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Überall. Nun

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Die Häftlingsarbeitsdienste – es waren ja Häftlinge, die die Kommandos zusammenstellten im Lager –, die holten sich die Häftlinge [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Heraus und teilten sie ein.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Da und da und teilten sie ein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, haben Sie irgendwelche Wahrnehmungen gemacht über die Tätigkeit der Politischen Abteilung, also insbesondere über die Vernehmungstechnik, die dort obwaltete?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, nicht ein Mal.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht ein Mal. Haben Sie etwas erzählt bekommen, was dort los war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Auch von Häftlingen nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich halte Ihnen vor, daß Sie bei Ihrer Vernehmung gesagt haben: »In einzelnen Fällen erzählten mir Häftlinge, daß sie selbst oder einer ihrer Kameraden bei Vernehmungen mißhandelt worden waren.«1 Vorhalt aus Blatt 8.102.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also daß [in der Politischen Abteilung] geschlagen wurde, war allgemein bekannt. Man konnte es auch daran sehen: Als Blockführer mußte man am Tor abwechselnd Dienst tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wenn dann Häftlinge abgeholt wurden, die meisten zum Teil von den Angehörigen der Politischen Abteilung selbst abgeholt wurden, und geschlagen wieder zurückkamen, dann konnte man das sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Konnte man sehen, was mit ihnen los war.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja. [...] Oder sich zumindest ihr Hinterteil festhielten oder sonst Körperteile.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal erlebt, daß ein solcher Häftling nach seiner Vernehmung gestorben ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht erlebt. Wissen Sie, wer dort

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Entschuldigung, es waren dann meistens Häftlinge, die geschlagen wurden, wohl auch zum Arrestbau eingeliefert wurden, um für spätere Vernehmungen oder aus irgendwelchen Gründen wieder zur Verfügung [zu stehen]. Auch auf die Blöcke entlassen wurden. Diese Leute wurden von der Politischen Abteilung bestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das ging an die Lagerleitung, also die Häftlingslagerleitung. Diese Leute wurden dann am Tor morgens bereitgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, kennen Sie noch einzelne Personen, die bei der Politischen Abteilung tätig waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, Herr Stark, der früher auch Blockleiter war und dann zur Politischen Abteilung kam, Herr Dylewski, [Pause] Obersturmführer Kramer, als Leiter. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie Grabner?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Grabner meine ich auch, Entschuldigung, nicht Kramer, Grabner.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Kannten Sie Boger?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie Lachmann?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was waren das für Leute, zum Beispiel Stark?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Herr Stark hatte irgendwas an sich. Er holte sich seine Häftlinge auch selber ab, die vernommen werden mußten. Diese Leute mußten oft vor ihm herlaufen, wieder zurücklaufen. Er hat damals eine unheimliche Stimme gehabt. So eine kreischende, helle Stimme, die jedem Menschen Furcht einflößen mußte, wenn man in der Lage war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, haben Sie auch gesehen, daß er die Leute mißhandelt hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Er hat sie gelegentlich auch mit dem Fuß getreten.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Füßen getreten. Wenn sie nicht schnell genug liefen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie auch, ob er bei den Vernehmungen brutal mit den Menschen umgegangen ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Gesehen habe ich es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

War er schon als Blockführer bekannt wegen seiner besonderen Härte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Er hat die Leute angeschrien. Die Stimme allein war furchterregend für die Leute, die überhaupt keinen Schutz hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, es sind ja in Auschwitz auch Menschen vergast worden, mit Phenol umgebracht worden, erschossen oder auf sonstige Weise getötet worden. Was wissen Sie von den Vergasungen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Von den Vergasungen weiß ich, daß spätere Transporte, die ankamen, von anwesenden SS-Ärzten aussortiert wurden, die Arbeitsfähigen, Gesunden ins Lager geführt wurden, die anderen zu den Krematorien.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, waren Sie selbst einmal auf der Rampe, wenn so eine Aussortierung vorkam?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nie?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein. Ich habe es gesehen. Vom Schutzhaftlager aus, es war ja direkt neben den Lagern, konnte man es sehen.

 

Vorsitzender Richter:

War das, was Sie gesehen haben, auf der Rampe in Birkenau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

In Birkenau, zwischen den Lagern.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Birkenau. In welchem Lager waren Sie denn damals tätig als Blockführer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Im Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Im Männerlager

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, das war schon später, da war ich Arbeitsdienstführer.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie Arbeitsdienstführer.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Arbeitsdienstführer brauchten Sie nicht auf die Rampe zu gehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn mit Ihnen zusammen Arbeitsdienstführer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Unterscharführer Grauel. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wer noch?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Weiter keiner.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da nur zwei Arbeitsdienstführer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren nur zwei dort.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, das bezieht sich auf eine spätere Zeit und nur auf das Lager Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Nun

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Es waren Arbeitsdienstführer in den Außenlagern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie, von wann ab waren Sie ungefähr Arbeitsdienstführer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

1943 kam ich nach Birkenau als Arbeitsdienstführer. [Pause] Es war, ich glaube, im Sommer.

 

Vorsitzender Richter:

Nun weiterhin, Sie sagten also

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Sie gestatten, der Zeuge hat früher mal gesagt, er ist 42 im Sommer nach Buna gekommen, dort war er sechs bis neun Monate. Er sagt dann weiter, im Frühjahr 43 kam er nach Birkenau. Dort war er erst Blockführer, und nach acht Wochen, genau so seine Aussage – ja, das ist Ihre Aussage, ich wollte es nur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber, Herr Rechtsanwalt, das können wir ihm doch nachher vorhalten.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut. Gut.

 

Vorsitzender Richter:

Wir können ja hier doch nicht durcheinander vernehmen. Also Sie sagten, Sie sind im Jahr 1943 Arbeitsdienstführer in Birkenau geworden. Und wie lange waren Sie dort?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Bis ich von Birkenau wegkam.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Sie wegkamen, und das war, wie Sie wieder zur kämpfenden Truppe kamen, wenn ich nicht irre...

 

Zeuge Kurt Leischow:

1944.

 

Vorsitzender Richter:

Im späten Frühjahr 44, ja. Ja, nun haben wir vorhin von dem Block 13 gesprochen – wie Sie ihn nannten – der, wie ich Ihnen sagen möchte, später die Nummer 11 bekommen hat. Wissen Sie, ob dort Häftlinge hingerichtet worden sind?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich habe es nicht gesehen. Ich weiß aber, daß am anderen Morgen Wagen mit toten Häftlingen aus dem Lager befördert wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Aus diesem Block?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Aus dem Block 13.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso konnten Sie das

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Und zwar waren das deutsche Häftlinge, die die Wagen zu den Krematorien fuhren.

 

Vorsitzender Richter:

Deutsche Häftlinge, die die Wagen zu den Krematorien fuhren. Wissen Sie noch, in welcher Zeit das ungefähr gewesen ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube, das war von den ersten Russen-Transporten, die kamen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie sind diese Leute getötet worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Genickschuß.

 

Vorsitzender Richter:

Durch Erschießung. Und wer führte denn diese Erschießungen durch?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da besondere Erschießungskommandos?

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, waren nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, daß Sturmscharführer Palitzsch mit dabei war.

 

Vorsitzender Richter:

Palitzsch?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dabei war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diese Leute zum Tode verurteilt waren durch irgendein Standgericht oder so was?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Weiß ich nicht. Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Wissen Sie, ob etwa derartige Urteile vorgelesen worden sind, bevor diese Erschießungen vorgenommen wurden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Kann ich auch nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Ich muß Ihnen insoweit vorhalten, daß Sie bei Ihrer Vernehmung gesagt haben: »Soviel mir bekannt wurde, wurden im Anfang Häftlinge nur auf Grund eines offiziellen Todesurteils durch besondere Erschießungskommandos erschossen. Später wurden solche Formalien nicht mehr eingehalten.«2

 

Zeuge Kurt Leischow:

Herr Vorsitzender, es hat stattgefunden außerhalb des Lagers. Außerhalb des Lagers hinter dem damaligen Theaterblock sind...

 

Vorsitzender Richter:

Erschießungen vorgenommen worden.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Erschießungen vorgenommen worden. Denen ist es offiziell vorgelesen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Denen ist es vorgelesen worden. Waren Sie da dabei?

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Das waren aber nicht viele, vielleicht zwei oder dreimal.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie da dabei?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und wieso wissen Sie, daß im Block 11 das dann anders gewesen ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich weiß es nicht, ich nehme es an.

 

Vorsitzender Richter:

Sie nehmen es an.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Denn es waren Wagen voll manchmal.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun wäre es ja an und für sich möglich gewesen, daß die alle

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Bei den anderen Kommandos sind offizielle Erschießungskommandos gewesen, mit einem SS-Offizier dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und hier waren keine.

 

Vorsitzender Richter:

Hier waren keine, und wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Weil die nie dorthin gingen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Man sieht ja, wenn ein Schutzhaftlagerführer ins Lager geht, wo er sich aufhält.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Also ich habe es jedenfalls nicht erlebt, daß die dort oft hingegangen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Hingegangen sind. Sie meinen aber, der Palitzsch wäre daran beteiligt gewesen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das möchte ich annehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie von anderen noch, die daran beteiligt gewesen sein können?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Unter Umständen die dort Wachhabenden.

 

Vorsitzender Richter:

Die dort Wachhabenden. Und wissen Sie auch etwas davon, daß die Politische Abteilung sich daran beteiligt hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich möchte beinahe annehmen, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Nun

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Denn solche Sachen, die überhaupt anfielen, Strafen und so weiter, wurden meiner Meinung nach und meines Wissens nie von der Politischen Abteilung ausgeführt. Denn die ausgesprochenen Urteile, die dort gefällt wurden, wurden immer an die Lagerführung weitergegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, die Leute, die da erschossen wurden, wurde für die auch ein Totenschein ausgestellt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und ging dieser Totenschein auch auf die Blockführerstube?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zu welchem Zweck?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Auf der Blockführerstube wurde der Personalstand geführt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, der Personalstand wurde bei der Politischen Abteilung geführt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Auch in der Blockführerstube. [...]

 

Vorsitzender Richter:

In der Blockführerstube für den Lagerführer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde abends verglichen. Der Rapportführer war eigentlich für die Lagerstärke verantwortlich. Er machte ja jeden Abend den Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Blockführerstube war dafür verantwortlich, wenn Arbeitskommandos aus dem Lager herausgingen, die zu zählen, die Kommandos einzutragen, was herausgegangen war, wie viele Häftlinge. Und einzelne Häftlinge, die das Lager verließen, innerhalb der Postenkette, um irgendwo hinzugehen, die wurden nummernmäßig festgehalten und wurden wieder zurückgestrichen. Wenn sie abends oder nach ihrer verrichteten Arbeit wieder zurückkehrten, mußten die ausgestrichen werden, und das wurde abends verglichen, ob alle Häftlinge ins Lager zurückkamen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Fehlte beim Appell einer, wurde vorne nachgefragt: »Ist der draußen oder ist der drin?«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie bitte, Sie nannten uns vorhin den Namen Engelschall. Wo war der Engelschall beschäftigt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Engelschall hatte zunächst einmal das Kommando Lagerelektriker.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

War für die Elektrik des Lagers verantwortlich und kam später zum Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Er kam später zum Bunker. Was heißt später? Wissen Sie in etwa noch wann?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie da schon in Birkenau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also das wäre gewesen nach 43 oder im Jahre 43?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie lange er in

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, 42 müßte das gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten vorhin, wenn ich mich nicht irre, Sie wurden 43 Arbeitsdienstführer in Birkenau.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Herr Vorsitzender, ich war ja zwischendurch in Buna.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

41 bin ich von Auschwitz weggekommen, nach dem Rußlandfeldzug, wie der begonnen hatte. Da bin ich nach Buna gekommen, war die Zwischenzeit ja in Buna, und kam 43 nach Birkenau zurück, nicht wieder nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das heißt also, wenn Sie in Auschwitz waren, als der Engelschall dort im Bunker war, müßte es nach meinem Dafürhalten im Jahr 43 gewesen sein.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wir hatten auch Häftlinge, die von Buna ins Stammlager zurückkamen, zum Beispiel Kranke, die hatten wir zu überführen und zu bewachen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und dabei kam man ja ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und haben Sie dabei auch festgestellt, daß der Engelschall im Bunker war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Da war er im Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie meinen, es wäre schon vor 43 gewesen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben, ja. Und war er dort Blockführer oder Arrestaufseher?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also sie waren für den ganzen Block zuständig und zu gleicher Zeit eben auch Aufseher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Sie nannten sich auch Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie eine Ahnung, wie lange er dort gewesen ist ungefähr?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein. Ich meine, so lange, wie ich überhaupt da war und das erinnern kann, war er immer da, bis zum Schluß vielleicht sogar.

 

Vorsitzender Richter:

Soviel es in Ihrer Erinnerung steht, wäre er sogar bis zum Schluß dagewesen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also nachdem er als Elektriker abgelöst war, war er bis zum Schluß da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also er hat uns hier gesagt, um Ihnen das gleich hier klarzumachen, er hätte auf Befehl von dem Lagerkommandanten Höß abgelöst werden sollen als Elektriker und hätte Blockführer im Bunker werden sollen. Er wäre aber nur einige Male dorthin gegangen, hätte im übrigen aber seine elektrischen Arbeiten weitergemacht und auf besonderes Betreiben eines bekannten Sturmführers oder Obersturmführers wäre er wieder zum Elektriker eingesetzt worden und hätte nicht im Bunker tätig zu sein brauchen. Er wäre also nie im Bunker gewesen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also ich kann mich nicht daran erinnern, daß er wieder Elektriker geworden ist. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wissen Sie, ob der Engelschall auch die Lagerfeuerwehr organisiert hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

[Pause] Ich meine, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, ja. Das waren, glaube ich, alles polnische Häftlinge, nicht, die Lagerfeuerwehr?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das weiß ich so im einzelnen nicht.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ich glaube, ja, daß er da irgendwie mit dran beteiligt war.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie bitte, können Sie sich noch erinnern, wann die erste Vergasung in dem Lager durchgeführt worden ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube, die erste Vergasung war ein Transport russischer Kriegsgefangener.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann das war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, das muß gleich nach dem Rußlandfeldzug gewesen sein. Da kamen dort Transporte, kleinere, größere Transporte an, die zum Teil ins Lager kamen und auch gleich ins Krematorium in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wo diese Vergasung durchgeführt wurde?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Im kleinen Krematorium in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich auch an eine Vergasung erinnern, die in dem Block, den Sie mit 13 benannt haben und den wir mit Block 11 bezeichnen, daß dort auch eine Vergasung durchgeführt worden ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wüßte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Vorhalt aus Blatt 8.104, Sie haben einmal ausgesagt: »Die erste Vergasung von Häftlingen wurde im Herbst 41 im Block 11 durchgeführt. Es handelte sich dabei um russische Kriegsgefangene, und zwar um einen kleinen Transport, der unmittelbar nach seinem Eintreffen in den Block 11 gebracht wurde.«3

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, daß es im Krematorium war.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wäre das Krematorium gewesen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie kam es wohl, daß Sie damals das bei dem Staatsanwalt Vogel in Hamburg so ausgesagt

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich hatte einen sehr guten Freund, den inzwischen leider verstorbenen Zeugen Knuth-Siebenlist.4

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Mit diesem Mann habe ich sehr viel über die Geschichte gesprochen. Ist möglich, daß ich dadurch irgendwie beeinflußt war, ich...

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es nicht mehr, aber Sie glauben sich heute erinnern zu können, daß es im Krematorium war

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Daß es im Krematorium war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war ein nicht allzu großer Transport. Das Krematorium war ohnehin nicht allzu groß.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer damals die Vergasung vorgenommen hat, wer insbesondere das Gas da herein geworfen hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Irgendwelche Leute von den Sanitätern.

 

Vorsitzender Richter:

Von den Sanitätern. Wer es war, wissen Sie nicht mehr? Namen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie bitte weiter, können Sie sich entsinnen, daß da auch ein reichsdeutscher Häftling dabei war, bei dieser Vergasung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde erzählt, es ist mal ein Häftling dort gewesen, der einen Arm hatte, der in ein anderes Lager verschickt werden sollte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und dann wurde erzählt, er ist vergast worden, der ist gar nicht weggekommen, es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie, ob man damals den Namen Sikorski nannte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube, so hieß er.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es sind mehrere Kapos weggekommen, die in irgendwelche Lager plötzlich verschickt wurden. Und ein einarmiger Häftling, der ein großes Kommando geführt hatte, der soll vergast worden sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie haben bei Ihrer Vernehmung zwei Vergasungen geschildert. Nämlich eine im Herbst 41 im Block 11, was ich Ihnen eben vorgehalten habe, und dann haben Sie weiter gesagt: »Später wurden die Vergasungen im Alten Krematorium beim Stammlager I durchgeführt. Ich habe auch damals niemals zugesehen.«5 Also Sie wollen heute dahin aussagen, daß Sie von der Vergasung in Block 11 nichts mehr wissen, und glauben, daß diese Vergasung im Alten Krematorium die erste gewesen sei, die Ihnen bekannt geworden ist. Ja, wissen Sie noch, ob diese russischen Kriegsgefangenen erst im Lager aufgenommen worden waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, die sind direkt ins Alte Krematorium gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da mußten sie ja gar nicht ins Lager hinein.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sind außerhalb des Lagers

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Die Leute sind auf der Straße vor dem Lager nackt im Laufschritt vorbeigeführt worden und sind dann sofort ins Krematorium gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen dabei? Also haben Sie die Leute gesehen, die dahin geführt worden sind?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen etwas aufgefallen dabei?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Daß sie im Laufschritt und nackt die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und nackt, daß sie bereits alle entkleidet waren.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kamen Sie damals dazu? Hatten Sie da irgendwas zu tun dabei, Bewachung oder so was?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, die mußten direkt vorm Lager vorbei.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben das vom Lager aus gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sagten, der Adjutant wäre seinerzeit Kramer gewesen, ja?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, daß diesem Adjutanten ein anderer gefolgt ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich wer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war ein ehemaliger Unterscharführer, der Untersturmführer wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War das vielleicht Schindler?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, es war davor, es war noch ein anderer, ein jüngerer.

 

Vorsitzender Richter:

Noch ein jüngerer.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Später war es Schindler.

 

Vorsitzender Richter:

Schindler. Und wie lange war Schindler dort? Oder wissen

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich weiß es nicht, ich meine, Obersturmführer Kramer, oder dann später Hauptsturmführer Kramer, kam zurück, wurde in Birkenau Schutzhaftlagerführer, und daß er dann Schindler mit dazu bekam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wissen Sie

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Er war jedenfalls später in Birkenau Adjutant

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wer hat den Schindler abgelöst? Ist Ihnen der Name Mulka ein Begriff?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, nein, nur aus der Presse.

 

Vorsitzender Richter:

Nur aus der Presse. Aber damals aus Ihrer Auschwitz-Zeit nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Nun, sagen Sie, wissen Sie zufällig, wer die Fahrbefehle ausgestellt hat für die Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wahrscheinlich der Leiter der Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wer war das?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das war ein Oberscharführer. Ich weiß den Namen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wiegand?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wiegand, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Sie meinen »wahrscheinlich«, das heißt, haben Sie sich noch keinen ausstellen lassen, keinen Fahrbefehl?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, in Ihrer Zeit war zunächst der Rapportführer Palitzsch, von dem Sie uns ja schon erzählt haben. Sagen Sie bitte, haben Sie auch etwas davon gehört, daß Leute mit Phenoleinspritzungen getötet worden sind im Lager?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Habe ich nicht gehört. Ganz bestimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Herr Vorsitzender, ich bin einmal im Krankenbau gewesen während meiner Zeit, wie ich in Birkenau war. Ich habe in Birkenau eine schwere Fleckfiebererkrankung gehabt und bin dann nicht mehr dahin gegangen, weil das Bild, was sich dort bot, furchtbar war.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Grauenhaft war.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Grauenhaft war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das glaube ich Ihnen. Aber sehen Sie mal, war es denn nicht so, daß im ganzen Lager davon gesprochen wurde, daß da mit Phenolspritzen die Leute getötet wurden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde von Spritzen gesprochen, aber nicht von Phenol.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber daß Häftlinge »abgespritzt« wurden, das haben Sie einmal gesagt, seien Erzählungen, Gerüchte gewesen, die damals im Lager in Umlauf waren.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Der Ausdruck »abspritzen« ist eigentlich auch damals nicht gefallen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Sondern einfach »spritzen« wurde gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

»Spritzen«, ja. Aber mit tödlichem Ergebnis.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, wer sich da dran beteiligt haben soll? War damals davon die Rede?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich weiß nicht, ein Rottenführer Neubert war dort zuständig im Krankenbau mit dem damaligen Hauptsturmführer Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube nicht, daß Mengele das selber gemacht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie wissen es also nicht.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun haben Sie uns vorhin erzählt, Sie wären in Buna gewesen, zwischen 41 und 43. Wie viele Monate ungefähr waren es?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es kann anderthalb Jahre gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben einmal davon gesprochen, daß es etwa sechs bis neun Monate gewesen sein könnten.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, das muß länger gewesen sein. Nach dem Rußlandfeldzug habe ich noch in Auschwitz miterlebt, wie die Russen kamen. Das war unmittelbar danach. Und 43 bin ich nach Birkenau gekommen, und so habe ich 43

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Habe ich recht verstanden: 42?

 

Zeuge Kurt Leischow:

43.

 

Vorsitzender Richter:

43, ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

43. Denn ich habe 43 geheiratet. Habe mich 42 verlobt, und wie ich verlobt war, war ich noch in Buna. Und dann, wie ich geheiratet habe, war ich in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, sagen Sie bitte, wie waren denn die Lebensverhältnisse in Buna?

 

Zeuge Kurt Leischow:

In Buna, möchte ich sagen, waren sie besser als in Birkenau später.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau. Und wie war denn die Todesziffer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

War nicht so groß. Aus dem einfachen Grunde, es gab dort einen Krankenbau, aber Häftlinge, die länger krank wurden, das sagte ich vorhin schon mal, die wurden nach Auschwitz überführt.

 

Vorsitzender Richter:

Die wurden nach Auschwitz überführt. Ja, nun

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Die Todesziffer war demzufolge nicht so hoch.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie waren denn die Häftlinge körperlich in Ordnung, die dorthin kamen zum Arbeiten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die waren gut.

 

Vorsitzender Richter:

Waren meistens körperlich besser in Ordnung als die anderen Leute.

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ja. Es kamen dann nachher auch viele nach Buna, die – wie nannten sie sich schnell? – Erziehungshäftlinge.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das waren meistens Polen, die sich draußen angeblich was zuschulden kommen lassen haben, bei der Arbeit vielleicht gefehlt haben oder was. Die kamen dann vier, sechs Wochen als Erziehungshäftlinge nach Buna und wurden dort als Häftlinge behandelt. Sie hatten dort nur eine gesonderte Markierung. Ich weiß nicht mehr, wie die war. Die waren jedenfalls den anderen gegenüber ausgezeichnet, daß sie Häftlinge sind, die nach einer gewissen Zeit wieder entlassen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, war denn das eine Art Straflager, das Buna?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, diese Häftlinge wurden sogar schonender behandelt. [...] Die wurden vier, sechs Wochen dort eingeliefert oder acht Wochen. Ich weiß nicht, ob dort ein Gerichtsurteil oder irgendwas vorgelegen hat oder von wem sie eingewiesen wurden. Und wurden nach der Zeit, wenn die um war, wieder entlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun weiß ich nicht, was das bedeutet haben soll. Warum hat man sie denn überhaupt nach Buna getan?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren Polen durchweg, und [+ sie] wurden dort im damaligen Bunawerk mit eingesetzt. Es waren ja Leute, die über die sechs oder acht Wochen körperlich in guter Verfassung waren und dort dementsprechend auch gut arbeiten konnten. Ich weiß nicht, daß solche Häftlinge auch in Auschwitz waren. [...] Erziehungshäftlinge nannten sie sich, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sagen Sie mal, Sie haben uns gesagt, daß nur zwei Arbeitsdienstführer damals im Männerlager in Birkenau waren.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war auch so, bis Sie weggegangen sind

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ja, ja

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im Sommer 44? Ja. Wann bekam denn Birkenau einen eigenen Kommandanten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Der war schon da, wie ich hinkam.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie hinkamen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Oder Moment, Moment, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das scheint mir merkwürdig.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war eine Aufteilung, da wurden drei Lager gegründet, und zwar die Außenlager, Buna...

 

Vorsitzender Richter:

Im Jahr 40 war noch kein

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ja, Buna, Auschwitz und Birkenau. Zu Birkenau gehörten die ganzen Außenlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und Birkenau war ja im Jahr 40 bestimmt noch nicht in Betrieb.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein. [...] Da bestand Birkenau noch gar nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Da bestand Birkenau noch gar nicht, richtig. Das heißt, es kann doch auch damals noch kein selbständiger Kommandant für Birkenau existiert haben.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ich meinte damit, wie ich nach Birkenau kam.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern wie Sie nach...

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wie ich nach Birkenau kam, da war meiner Meinung nach Kramer schon als selbständiger Kommandant da.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aha, das war im Jahr 43.

 

Zeuge Kurt Leischow:

43, nicht wie ich nach Auschwitz kam.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, so ist das gewesen. Da war Ihres Erachtens Kramer Kommandant und...

 

Zeuge Kurt Leischow:

Schindler Adjutant.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, es war erst Hartjenstein.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube, Hartjenstein war für die Truppe verantwortlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Kurt Leischow:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben früher mal gemeint, zunächst war Kommandant für kurze Zeit Hartjenstein und später der SS-Hauptsturmführer Kramer. Haben Sie früher mal ausgesagt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also Hartjenstein war mit in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas von der Unterstellung des Lagers Birkenau unter Auschwitz I? War das ein ganz selbständiges Lager, oder war das in Personalunion verwaltet?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich bin der Meinung, daß zwar alle Lager selbständig waren, aber Höß als Oberlagerkommandant unterstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wie war es denn mit der Belegungsstärke von Birkenau, wo mußte die denn hingemeldet werden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Belegungsstärke wurde, meine ich, nach Auschwitz gemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Auschwitz.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und zwar von den Blockführern, die die Lagerstärke ja mitführten, wurde abends telephonisch nach Auschwitz gemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Sie haben eben gesagt, in Buna wären die Lebensverhältnisse für die Häftlinge erträglicher gewesen als in Auschwitz. Wie waren denn die Lebensverhältnisse in Birkenau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Schlecht.

 

Vorsitzender Richter:

Schlechter als in Auschwitz I?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja. Also Auschwitz I weiß ich nicht genau. Wie ich in Birkenau nachher war, hatte ich mit Auschwitz wenig zu tun. Zumindest waren sie viel schlechter zu der Zeit, zu der ich in Auschwitz war, also um [das Jahr] 40 herum.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, in Birkenau befanden sich doch auch zwei Krematorien, oder mehrere?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren zunächst zwei und später vier.

 

Vorsitzender Richter:

Und später vier. Nun, bevor wir die Vernehmung weiter durchführen, meine ich, sollten wir erst in die Mittagspause eintreten, denn die

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Selektionen, haben Sie das einmal miterlebt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nicht miterlebt, gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Gesehen. Nun, was haben Sie gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Daß die Transporte aus den Wagen ausgeladen wurden, in einer Kolonne aufgestellt wurden und von Ärzten sortiert wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ein Teil rechts, ein Teil links.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kamen Sie dazu, das zu sehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das konnte man vom Lager aus direkt sehen, in dem ich zuständig war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war direkt daneben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob die Ärzte diese Einteilung gemacht haben, wer ins Lager kommen sollte und wer vergast werden sollte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, es war [eine Vielzahl] von Ärzten da und auch angehende Ärzte, die Junkerdienstgrade hatten, die noch keine SS-Offiziere waren. Es war eine Menge dort.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und haben Sie dort auch gesehen, daß andere Leute dort waren, die Befehle gaben, wie sich die Leute aufstellen sollten, diese Häftlinge, die da ankamen im Transport?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren die Wachmannschaften dabei, die die Transporte begleiteten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und es waren auch Schutzhaftlagerführer da.

 

Vorsitzender Richter:

Schutzhaftlagerführer. Haben Sie den Doktor Lucas zum Beispiel auf der Rampe gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich kenne ihn nicht, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kennen ihn nicht. Haben Sie gesehen, daß von den Blockführern auch welche dabei waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, nicht. Haben Sie zum Beispiel den Rapportführer auf der Rampe gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Rapportführer waren meistens dort, um die Häftlinge, die ins Lager sollten, abzuholen.

 

Vorsitzender Richter:

War auch der Rapportführer Kaduk dort?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Sicher ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sicher ja?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Herr Kaduk hatte das Lager, ein gewisses Quarantänelager, in das die Häftlinge zuerst hineinkamen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sagen, »sicher ja«. Soll ich das so verstehen, daß Sie sich zwar heute nicht mehr erinnern können, daß Sie ihn gesehen haben, aber daß Sie es für möglich halten oder für selbstverständlich halten, daß er auch dort war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So ungefähr. Ja. Nun, kennen Sie auch den Angeklagten Baretzki?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie haben Sie ihn kennengelernt, und in welcher Erinnerung haben Sie ihn?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, daß Herr Baretzki Blockführer in demselben Lager [+ war], wo Herr Kaduk war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und zwar in Birkenau, oder?

 

Zeuge Kurt Leischow:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau. Und was haben Sie von ihm gehört?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich hatte schon mal gegenüber dem Herrn Staatsanwalt zum Ausdruck gebracht, daß die oberschlesischen SS-Leute besonders scharf waren.

 

Vorsitzender Richter:

Hart waren.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und war er auch dafür bekannt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Er war auch Oberschlesier oder Volksdeutscher.

 

Vorsitzender Richter:

War er auch dafür bekannt, daß er Häftlinge prügelte und brutal mißhandelte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie selbst einmal solche Mißhandlungen miterlebt oder gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Daran erinnere ich mich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Daran erinnern Sie sich nicht. Also gesehen haben Sie es selbst nicht, Sie wissen deshalb auch nicht, in welchem Maß er die Leute mißhandelt hat. Ob die nachher arbeitsunfähig waren oder ob sie gar tot gewesen sind?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Nun, was haben Sie von Kaduk noch für eine Erinnerung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Herr Kaduk war besonders scharf. Er trank auch gelegentlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob er auch Leute geschlagen hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das kann ich mit Bestimmtheit nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Beispiel bei Appellen und so?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich habe die Appelle dort nicht mitgemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mitgemacht. Mußten Sie als Blockführer nicht auch Appelle mitmachen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich war dort als Arbeitsführer.

 

Vorsitzender Richter:

Arbeitsführer.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Arbeitsdienstführer. Brauchte ich nicht mitmachen.

 

Vorsitzender Richter:

Mußten Sie nicht als Arbeitsdienstführer auch auf die Rampe?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Um dort Leute auszusortieren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, unsere Aufgabe war, die Kommandos zu überwachen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen ein Blockältester Bednarek in Erinnerung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Er hatte die SK.

 

Vorsitzender Richter:

Der hatte die Strafkompanie. Und was war da in dieser Kompanie so an der Tagesordnung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde dort sehr hart durchgegriffen.

 

Vorsitzender Richter:

Sehr hart durchgegriffen. Ja nun, also das kann man so und so auslegen. Sind die Leute dort geschlagen worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Sind sie dort auch von dem Blockältesten geschlagen worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich von Bednarek?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das gesehen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ich habe es von Herrn Siebenlist erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Von Herrn Siebenlist, einem Zeugen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Siebenlist, Knuth-Siebenlist, ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Der selbst im SK war. Den ich dort wieder herausgeholt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, können Sie sich entsinnen, daß in Birkenau das Familienlager, das sogenannte Theresienstädter Lager, eines Tages umgebracht worden ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann erzählen Sie uns mal, wo dieses Lager untergebracht war, in welchem Block.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das war ein ganzes Lager.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Lager, ja, ganz recht. Sie haben recht.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, es war das c-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

C?

 

Zeuge Kurt Leischow:

C. B- oder c-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

B-Lager.

 

Zeuge Kurt Leischow:

B oder c, a war Quarantäne. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ach, a war Quarantäne, ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich meine, es war c-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

C?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Im c-Lager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also wir haben bis

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Und d war das Männerlager.

 

Richter Perseke:

D?

 

Zeuge Kurt Leischow:

D war das Männerlager. In b oder c.

 

Vorsitzender Richter:

B oder c. Und erzählen Sie einmal, wie das gewesen ist mit dieser Liquidierung dieses Lagers.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Häftlinge wurden auf Lastwagen verladen und wurden zu den Krematorien gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, erstens einmal war das doch sehr auffällig. Denn man hatte das Familienlager ja aus ganz bestimmten Gründen dort gehalten.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Es waren im allgemeinen derartige Familienlager ja nicht üblich. Und wieso kam es denn, daß man auf einmal dazu überging, dieses gesamte Lager ins Gas zu schicken?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Warum, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, ging das so ohne weiteres vor sich, daß die Leute gutwillig und fromm da auf die Lastwagen stiegen, um vergast zu werden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Im Lager wurde gesagt, daß sie in ein anderes Lager verlegt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Es wurde gesagt, daß sie in ein anderes Lager verlegt würden, so. Und das war aber nicht der Fall?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und dann stiegen sie auf die Lastwagen drauf?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was machten die Lastwagen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Fuhren zum Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Fuhren sie direkt zum Krematorium, oder machten sie noch einen Umweg?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Mit Umweg.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Umwegen, um den Leuten vorzuspiegeln, daß sie tatsächlich verlegt würden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob bei dieser Verladung auch Baretzki dabei war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht. Ich war nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren nicht dabei.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben nämlich bei Ihrer Vernehmung, auf Blatt 8.115, gesagt: »Anschließend möchte ich noch erwähnen, daß die oben bereits erwähnten Beschuldigten Baretzki, Weiß und Kurpanik etwa Anfang 44 bei der Liquidierung des Familienlagers in Birkenau maßgeblich beteiligt waren.«6

 

Zeuge Kurt Leischow:

Dann habe ich es damals geschlossen, weil die dort in den Lagern zuständig waren.

 

Vorsitzender Richter:

»Sie trafen die gesamten Vorbereitungen und waren dann auch für den Abtransport der Häftlinge zu den Krematorien verantwortlich. Die Vergasung der Insassen des Familienlagers mußte damals sehr vorsichtig abgewickelt werden, damit die anderen Lagerinsassen nicht unruhig würden. Es wurden deshalb immer nur kleinere Gruppen auf die Lkws verladen. Dabei wurde ihnen erklärt, daß sie nur verlegt würden. Anschließend fuhren die Lkws etwas in der Gegend umher und dann erst in das Krematorium.«

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Also da haben Sie gesagt, diese Leute, die Sie da genannt haben, Baretzki, Weiß und Kurpanik, die seien verantwortlich gewesen und hätten auch alle Vorbereitungen getroffen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich weiß nicht, was für Vorbereitungen getroffen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich habe es ja nicht gesagt, das sind ja Ihre Worte.

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Es ist sonst weiter keiner dagewesen, und die waren für diese Lager zuständig. Die Lager waren ja unmittelbar miteinander verbunden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und haben Sie auch erlebt, wie die Leute verladen worden sind?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Sind noch Fragen zu stellen? Von seiten des Gerichts nicht mehr. Herr Staatsanwalt Kügler.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Zeuge, ich darf noch mal zurückkommen auf den Herrn Engelschall. Sie haben dem Gericht gesagt, daß bei den Erschießungen, die da im Block 11 stattgefunden haben – diesen Block 11, den sie als Block 13 bezeichneten –, der Palitzsch beteiligt gewesen sei, Ihres Wissens. Und bei der Vernehmung seinerzeit meinten Sie, daß auch der Engelschall da mitgewirkt habe. Können Sie dazu etwas

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Engelschall ist im Arrestbau zuständig gewesen. [...] Er hat den Arrestbau sogar geleitet. Es waren mehrere Dienstgrade, niedrige auch noch dort.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Schließen Sie lediglich aus dieser Tatsache, daß er dort mitgeschossen haben könnte, oder haben Sie noch andere Anhaltspunkte?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Weil Häftlinge keine Waffen in die Hand bekommen haben. Die können es nicht getan haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ja. Sie schließen das also.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Irgendwie erzählt worden ist Ihnen das nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nicht. Sie haben dann auch in dieser Vernehmung, die nun schon öfters zitiert worden ist, gesagt, Bednarek habe nicht nur in der SK, sondern im gesamten Lagerbereich von Birkenau als besonders brutaler Typ und als einer der gefährlichsten Funktionshäftlinge gegolten. Ist das richtig so?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist das auch heute noch Ihre Auffassung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich bin sogar zu Herrn Bednarek hingegangen und habe [+ wegen] Herrn Siebenlist, der auch eine Zeit in der SK war, gesagt: »Daß du dem Mann nichts tust.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Aha, Sie haben das dem

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Es wurden sogar von ihm deutsche Häftlinge, die vorher Kapo waren, irgendwas angestellt hatten und in der SK waren, auch geschlagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, Sie haben also den Bednarek damals quasi verwarnt, er solle dem Siebenlist nichts tun. Nun sagten Sie beiläufig, daß Sie aus dem Lager Buna Häftlingstransporte nach Auschwitz begleitet hätten. Sie sagten das in dem Zusammenhang, daß in Buna nach Möglichkeit nur arbeitsfähige Häftlinge sein sollten.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Richtig.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen etwas über Selektionen, die im Lager Buna stattgefunden haben sollen, bekannt, insbesondere im Krankenbau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, alle Häftlinge, die überführt wurden, kamen aus dem Krankenbau.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die kamen aus dem Krankenbau. Und wo wurden die hingebracht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nach Auschwitz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wohin nach Auschwitz?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ins Hauptlager.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ins Hauptlager. Was dann

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Also die ich hingebracht habe, kamen ins Hauptlager. [...] Es kamen auch Häftlinge nach Auschwitz, die zum Beispiel zur Entlassung kommen sollten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die wurden auch überführt nach Auschwitz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ja. Wußten Sie dann, was mit diesen Häftlingen weiter geschah?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, die wurden an der Blockführerstube abgegeben und gingen dann zur Häftlingsschreibstube.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aha. Wie groß waren diese Gruppen zahlenmäßig, die Sie da begleitet haben?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Verhältnismäßig klein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Verhältnismäßig kleine Gruppen, ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was mit denen geschehen sollte, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Handelte es sich um »Muselmänner«?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das waren »Muselmänner«.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen irgend etwas bekannt darüber geworden, daß selektierte Häftlinge aus Buna auch nach Birkenau kamen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich habe keine hingebracht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben keine hingebracht.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen von größeren Selektionen etwas bekannt geworden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wollen mal sagen, 200, 300 Häftlinge?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Während meiner Zeit nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Während Ihrer Zeit nicht. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie erwähnten vorhin den Namen Kaduk und meinten, Sie hätten ihn als Rapportführer in Birkenau in Erinnerung.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Bei Ihrer früheren Vernehmung hatten Sie bei Kaduk erklärt, was mit dem übrigen Ergebnis der Ermittlungen übereinstimmt: »Er war zu meiner Zeit Blockführer im Stammlager Auschwitz I. Er war damals schon besonders brutal zu den Häftlingen und fiel dadurch aus dem Rahmen des Üblichen. Ich kann allerdings keine Fälle angeben, in denen er Häftlinge getötet hat. Als Rapportführer hatte ich ihn nicht kennengelernt.«7 Ist das möglicherweise heute eine Verwechslung

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

In Ihrer Erinnerung, daß Sie jetzt sagen, Sie glauben, ihn als Rapportführer in Birkenau kennengelernt zu haben?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also Rapportführer war er meiner Meinung nach nie. Denn er hatte das eine Lager und hatte lediglich die Zählung und die Lagerstärke ans Hauptlager durchzugeben. Also er war dort genau so wie [+ ein] Blockführer, hatte eben nur die Oberaufsicht und mußte den abgenommenen Appell ans Lager weitergeben. Denn die gesamte Lagerstärke des Lagers Birkenau ging über das Hauptlager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, war er zu Ihrer Zeit in Auschwitz tätig oder in Birkenau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, in Auschwitz meine ich, kenne ich ihn nicht. In Birkenau.

 

Staatsanwalt Vogel:

In Birkenau. Ich glaube, daß Sie sich in dem Punkt irren, aber Sie glauben heute

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich meine

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Denn früher haben Sie ja was anderes gesagt. Früher haben Sie gemeint, als Blockführer im Stammlager hätten Sie ihn kennengelernt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, als Blockführer im Stammlager in Birkenau.

 

Staatsanwalt Vogel:

In Birkenau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Birkenau war ja auch ein Stammlager. Das sogenannte Arbeitslager hieß auch Stammlager, für Birkenau. [...] Das war das sogenannte Arbeitslager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich hatte Sie ja damals selbst vernommen. Und es ist so formuliert: »im Stammlager Auschwitz I«. Das ist also da vorn das Lager. Gut.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich erinnere nicht, ihn im Stammlager kennengelernt zu haben, sondern im eigentlichen Stammlager des Lagers Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Also damit wir uns hier nicht mißverstehen: Bei uns heißt Stammlager das Lager Auschwitz I.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Birkenau ist Birkenau. Wenn Sie in Birkenau auch noch einmal eine Unterbezeichnung haben, für einen bestimmten Teil, dann nennen Sie das bitte nicht Stammlager, denn das führt zu Mißverständnissen. Stammlager ist für uns das Lager Auschwitz I.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war das Hauptlager in Birkenau, das eigentliche Arbeitslager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und das war welches Lager?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das war das Lager d. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Das war das Hauptlager?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das war das Hauptlager, wo auch sämtliche Rapporte hingingen, Stärkemeldungen und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Na, also dann nennen Sie das dann meinetwegen Hauptlager, damit wir wissen, was Sie meinen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es ist Ihnen vorhin schon vorgehalten worden Ihre frühere Bekundung über die Tätigkeit von Baretzki im Zusammenhang mit der Vernichtung des Theresienstädter Lagers. Bei einer späteren Vernehmung durch den Untersuchungsrichter vom [Pause] – Augenblick bitte – 5. Februar 1963, ist Ihnen dieser Punkt auch vorgehalten worden, und da haben Sie sich wie folgt geäußert: »Wenn ich auf Blatt 8.115 angegeben habe«, das war der Vorhalt von vorhin, »Baretzki habe mit Weiß und Kurpanik zusammen die gesamten Vorbereitungen für die Räumung des Familienlagers getroffen und dann auch in Gemeinsamkeit mit den Vorgenannten den Abtransport verantwortlich durchgeführt, so ist das richtig. Meine Angaben beruhen auf einem sicheren Schluß, den ich auf Grund meiner damaligen Funktion im Lager zu ziehen imstande bin.«88 Ist das auch heute noch Ihre Auffassung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und können sie sagen, worauf dieser Schluß beruht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Weil sie dort zuständig waren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Weil die allein und ausschließlich für das Familienlager zuständig waren.

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Familienlager zuständig waren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber den Vernichtungsvorgang selbst, haben Sie da etwas beobachtet?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nichts selbst gesehen, danke.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sagen Sie, von welcher Seite Sie eben den Vorhalt gemacht haben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Blatt 14.444.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sagen Sie, Herr Leischow, ich weiß jetzt im Moment nicht, ob Sie schon danach gefragt worden sind, ob Sie den Adjutanten Höcker kannten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Den kannten Sie nicht. Haben Sie den Kommandanten vom Stammlager, also Baer, gekannt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie nicht gekannt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie etwas darüber erfahren, durch Gespräche, ob die Kommandanten auch auf der Rampe waren?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also es ist möglich – ich weiß nicht, zu welchem Zeitpunkt der Kommandant Baer dort war –, wenn er zu [meiner Zeit] da war, daß ich ihn gesehen habe, aber [+ ich bin mir] nicht im klaren darüber, daß er es war, weil dort mehrere hohe Dienstgrade gelegentlich dort waren. Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn selber nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der ehemalige Adjutant von Baer, Höcker, der hier angeklagt ist, sagt uns, er habe von den Verhältnissen in Birkenau nichts gewußt, er sei dafür nicht zuständig gewesen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die Zuständigkeit, darüber kann ich nichts sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darüber können Sie nichts sagen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Aber gewußt haben alle.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, danke schön.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Mehr oder weniger. Aber was geschah, wußten alle.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Herr Zeuge, wußten Sie damals, wie alt Stark ist?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ich schätze ihn etwas älter als mich. Ich bin 43, er kann jetzt 48 sein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben ihn also für älter geschätzt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

In Wirklichkeit

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Also älter als ich.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

In Wirklichkeit ist er ein halbes Jahr jünger als Sie. Also er hat damals älter gewirkt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nächste Frage: Erschießungen in der Kiesgrube – da hatten Sie gesagt, die Erschießungen von Häftlingen wurden anfangs in der Kiesgrube, später beim Block 11 durchgeführt. Sind diese Erschießungen in der Kiesgrube so vorgenommen worden, daß ringsum das Erschießungspeloton aufgestellt war und die zu Erschießenden in der Grube und daß die Mannschaften in die Grube hineingeschossen haben, oder wie wurde das gemacht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ich bin nicht dabeigewesen. Es wurden diese Häftlinge im Lager abgeholt von einem Erschießungskommando – eine Gruppe, bewaffnet mit Karabinern, mit einem Offizier dabei – und wurden zur Kiesgrube abgeführt, die direkt hinter dem Lager lag.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, und wie die Erschießung vor sich ging?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Habe ich nicht gesehen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie nicht. Auch nicht von anderen gehört?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht so etwa, wie ich das geschildert habe?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ob sie in der Grube gestanden haben, habe ich nicht gesehen. Und auch nicht erfahren.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und dann komme ich noch mal auf Knuth-Siebenlist zurück. Der hat Ihnen ja über die Verhältnisse in der Strafkompanie, wie auch sonst über Einzelheiten, ziemlich eingehend erzählt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie diese Erzählungen, die zum Teil erschreckende Einzelheiten enthielten, nachprüfen können, oder haben Sie sie sonst für richtig gehalten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich habe sie für richtig gehalten.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann eine andere Frage, wegen der Selektion: Sie haben einmal früher angegeben, daß diese ankommenden Transporte selektiert wurden und daß man je nach Gutdünken und Laune des betreffenden SS-Angehörigen die Arbeitsfähigkeit beurteilt hat. Würden Sie das heute wiederholen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, wenn man gesehen hat, wie das vor sich ging. [...] Also kein Schema drin, gar nichts.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ging es auch sehr schnell, so daß man

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Es ging sehr schnell.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann habe ich noch eine Frage an Sie, Herr Zeuge. Sie haben sich ja weggemeldet von Auschwitz. Und Sie haben es ja auch erreicht, indem Sie, obwohl verwundet, dann zu diesem Führerlehrgang gegangen sind, auf die Junkerschule. Haben Sie sich

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich bin nicht hingegangen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sondern?

 

Vorsitzender Richter:

Er hat sich nur gemeldet.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Dazu ist es nicht mehr gekommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie sind nicht mehr dazu gekommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aber Sie sind jedenfalls von Auschwitz weggekommen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie sich eigentlich nie mit Ihren Kameraden darüber unterhalten, daß Sie das nicht mehr aushalten, daß Sie da nicht mehr mitmachen oder dergleichen, und Sie gehen lieber an die Front? Haben Sie da keinen Gedankenaustausch über diesen Punkt mit Ihren Kameraden gehabt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das haben wir. Es sind auch sehr viele, die von der Front kamen, vorübergehend verwundet waren, so wieder weggekommen. Ich war aber schwer verwundet und wurde nicht kv geschrieben, und das war die Bedingung dafür, um überhaupt an die Front zu kommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gewiß, aber sind nicht die Möglichkeiten erörtert worden zwischen Ihnen im Gespräch mit den anderen, auch denen, die schon länger da waren, wie man es anstellen könne, wegzukommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es war dies nur der einzigste Weg, soweit es mir bekannt war. Oder daß Abkommandierungen von sich aus kamen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie selbst einmal sich mit älteren Leuten darüber unterhalten oder nur mit den jüngeren, die gleichaltrig waren mit Ihnen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wir waren meistens mit Gleichaltrigen zusammen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha. Gut, keine Frage, danke schön.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Leischow, eine Frage. Sie sagten vorhin, die drei Lager waren relativ selbständig, sie unterstanden aber alle Höß.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Es war doch wohl so, daß jedes Lager einen Kommandanten hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Und haben Sie dann auch den Ausdruck Standortältester in Auschwitz gehört?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie mal gehört, daß Höß Standortältester war und in dieser Funktion den drei Lagerkommandanten übergeordnet war? Beziehungsweise, daß er auch selbst einmal Kommandant von Auschwitz I war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wie ich nach Auschwitz kam, war er selber Kommandant von Auschwitz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und war meiner Meinung nach auch noch Kommandant für das Hauptlager, für das Stammlager, wie die beiden anderen Lager selbständig wurden.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und außerdem übergeordnet über alle drei Lager.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha, gut. Dann noch eine Frage zum Angeklagten Stark. Sie sagten, Sie hätten nicht gesehen, daß Stark Häftlinge geschlagen habe bei Vernehmungen. Sie haben nur berichtet davon, daß er, wenn er die Häftlinge wegholte, sie manchmal getreten hat.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie aber Häftlinge gesehen, und wenn ja, wie sahen sie aus, als sie nach den Vernehmungen durch Stark zurückkamen? Waren sie blutig geschlagen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Solche Häftlinge habe ich nicht gesehen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sondern?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nur, daß Häftlinge sich den Hintern festhielten und die Wange rieben oder was, wenn sie rauskamen. Es war, ich weiß nicht, ob es später auch noch so war, das Vernehmungszimmer von Herrn Stark direkt in der Blockführerstube.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und haben Ihnen die Häftlinge erzählt, daß sie von Stark geschlagen wurden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, Häftlinge haben uns nicht angesprochen und haben sich beklagt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sondern wer hat es Ihnen erzählt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das sah man.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wenn sie in der Blockführerstube waren. Die gingen ja wieder ins Lager zurück.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und dann möchte ich noch mal eine Frage aufgreifen, die Ihnen schon der Vorsitzende gestellt hat. Er fragte Sie, ob es Ihnen bekanntgeworden sei, daß Stark auch als Blockführer schon als besonders brutal bekannt war. Daraufhin sagten Sie: »Nein.« Ich möchte Ihnen daraufhin vorhalten aus Ihrer Aussage, Blatt 8.102, da haben Sie mal gesagt: »Er zeichnete sich schon als Blockführer durch besondere Härte gegenüber den Häftlingen aus.«9 Haben Sie das aus eigenem Wissen oder durch

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Das habe ich auch gesagt. Es liegt aber inzwischen soviel Zeit dazwischen, daß man zwischen den einzelnen Vernehmungen einmal das Wort »brutal« wählt und das andere Mal das Wort »besonders hart«.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Also es war Ihnen berichtet worden, daß er auch schon vor seiner Tätigkeit in der Politischen Abteilung als besonders hart oder brutal galt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich bin mit Herrn Stark zusammen Blockführer gewesen, eine Zeit.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und können Sie da aus eigenem Erleben etwas berichten über seine Tätigkeit?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Er war besonders hart gegen die Häftlinge.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Schlug er? Haben Sie gesehen, wie er die Häftlinge damals als Blockführer geschlagen hat? Oder hat er sie

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich erinnere mich eigentlich nur noch an Herrn Starks Stimme, die furchtbar grell war und auf die Häftlinge einen furchtbaren Eindruck gemacht haben muß, also eine hohe schrillende Stimme.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, gegen welche Angeklagten hier ist der verstorbene Zeuge Knuth-Siebenlist von der Staatsanwaltschaft benannt worden und für welche einzelnen Taten? Ich [erläutere] das: Auf die Frage des Herrn Nebenklägers, ob der Zeuge bekunden könne, ob die Schilderungen des Zeugen Knuth- Siebenlist zutreffend seien, hat der Zeuge »ja« gesagt. Das ist ja eine pauschale Angabe, mit der wir, meines Erachtens, nichts anfangen können. Deswegen muß ich den Zeugen fragen, er soll erst mal detailliert angeben, was er für richtig befunden hat an den Angaben des Zeugen Knuth-Siebenlist.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aber Strafkompanie war hier von Herrn Kollegen Ormond ausdrücklich gesagt worden. Die Schilderung Knuth-Siebenlists über die Strafkompanie, nicht allgemein.

 

Verteidiger Gerhardt:

So, gut. Dann habe ich zu dieser Frage keine weitere Frage mehr. Herr Zeuge, Sie haben angegeben, daß Sie Mitte 42 nach Monowitz kamen, auf Blatt

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Entschuldigung, ich habe gesagt, nach dem Beginn des Rußlandfeldzuges.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja, so steht es auf Seite 9 Ihres Protokolls, Blatt 8.106. Stimmt es, daß Sie im Frühjahr – vielleicht können Sie den Monat noch angeben – nach Birkenau gekommen sind? 43? In 43.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das kann ich nicht mehr

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Nicht

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Die Frage ist beantwortet.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nicht 43, nach Beginn des Rußlandfeldzuges – ob es ein, zwei oder drei Monate waren, weiß ich heute nicht mehr – bin ich nach Monowitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Monowitz. [...]

 

Verteidiger Gerhardt:

Nein, nein, ich spreche jetzt von Birkenau.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nach Birkenau bin ich 43 hingekommen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Waren Sie in Birkenau erst zwei Monate Blockführer, bevor Sie Arbeitsdienstführer wurden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Nein. Das haben Sie damals bei Ihrer Vernehmung angegeben. Weitere Frage: Wo befand sich im d-Lager die Schlosserei?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Im d-Lager?

 

Verteidiger Gerhardt:

[Pause] Oder gab es da überhaupt keine Schlosserei?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Doch, es gab eine Schlosserei

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja, was wurde dort gemacht, und wo befand sie sich?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere nur noch, daß ich mal – ob es die Schlosserei war – ein Radio, das ich besaß [+ und das] kaputt war, von einem Häftling reparieren ließ. Es war am hinteren Ende des Lagers.

 

Verteidiger Gerhardt:

Am hinteren Ende, also zur Rampe hin?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, danke. Sie haben auf die Frage von Herrn Staatsanwalt Kügler gesagt, daß Sie Häftlinge nach dem Stammlager verbracht haben. Selbst hätten Sie nach Birkenau keine Häftlinge verbracht.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sie haben aber bei Ihrer Vernehmung gesagt, es seien welche nach dort gebracht worden, nachdem das Lager Birkenau aufgebaut worden wäre. Halten Sie

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nicht von mir.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja gut, aber Sie halten, wenn ich Sie richtig verstanden habe, Ihre Aussage, die Sie damals gemacht haben, aufrecht, daß Häftlinge nach dort verbracht worden sind.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Von wem, spielt hier keine Rolle. Somit hätte ich keine Fragen mehr. Lediglich noch: Die Häftlinge, die in Buna ausgesucht worden sind, sind die von SS-Ärzten ausgesucht worden? Sie haben das damals auf Blatt 8.108 Ihrer Vernehmung ausgesagt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wenn ich mich recht erinnere, waren in Buna gar keine Ärzte. Sondern es kamen gelegentlich welche vom Stammlager dorthin.

 

Verteidiger Gerhardt:

Richtig. Kennen Sie einen Doktor Fischer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Oder schlechthin, haben die Ärzte, die dort hinkamen, die Selektionen durchgeführt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht. Es wurden solche Häftlinge, überhaupt Häftlinge, die verlegt wurden oder mit denen was geschehen sollte, wurden grundsätzlich am Lagertor bereitgestellt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, danke, keine Fragen. – Warum der Staatsanwalt die ganze Zeit stand, das würde mich mal interessieren.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt, hier gibt es doch keine Privatunterhaltung, nicht. Bitte schön.

 

Verteidiger Staiger:

Herr Zeuge, kannten Sie einen SS-Angehörigen namens Stiwitz?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Stiwitz, ja.

 

Verteidiger Staiger:

Stiwitz.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Staiger:

Wissen Sie seine Funktion im Lager Auschwitz?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich glaube, er war Rottenführer und im Frauenlager. Weiß ich nicht genau. Der Name ist mir geläufig.

 

Verteidiger Staiger:

Stiwitz soll, wenn ich Ihnen das sagen darf, im Lager Auschwitz Arbeitsdienstführer gewesen sein.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nicht zu meiner Zeit und nicht im Männerlager.

 

Verteidiger Staiger:

Also Sie waren wie lange im Männerlager, wenn ich das noch mal fragen darf?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich kam 43 hin und bin, nach meiner ersten Angabe, im Sommer, im Juni, wieder von Birkenau weggekommen.

 

Verteidiger Staiger:

Also in dieser Zeit, sagen Sie, war Stiwitz nicht Arbeitsdienstführer.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nicht im Männerlager. Nicht im Männerlager.

 

Verteidiger Staiger:

Nicht im Männerlager.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Der Name ist mir geläufig, es ist möglich, daß er im Frauenlager war. Ob er überhaupt Arbeitsdienstführer dort war, weiß ich nicht.

 

Verteidiger Staiger:

Ich hätte eine weitere Frage.

 

Staatsanwalt Vogel:

Darf ich gerade zur Klarstellung fragen. Bezog sich diese Frage und die Antwort auf Birkenau oder auf das Stammlager Auschwitz?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, auf Stiwitz.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja sicher, über dessen Tätigkeit als Arbeitsdienstführer oder nicht in Birkenau

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Auf Birkenau.

 

Staatsanwalt Vogel:

Birkenau?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Birkenau. Stiwitz.

 

Verteidiger Staiger:

Ja, nein, ich meine Stiwitz, Unterscharführer oder Oberscharführer Stiwitz. Mit W wie Wilhelm.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also ich meine, er hieße Stiwitz, es besteht die Möglichkeit, daß er Stiwitz hieß, das weiß ich nicht mehr.

 

Verteidiger Staiger:

Ich hätte eine weitere Frage: Ihnen ist ja sicherlich die Bautätigkeit im Stammlager bekannt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Staiger:

Haben Sie jemals beobachtet, daß bei Aushebung von Baugruben im Stammlager ein recht erheblicher Grundwasserspiegel entstanden war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Verteidiger Staiger:

Grundwassertiefe?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Verteidiger Staiger:

Sie waren Blockführer, glaube ich, seinerzeit.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Staiger:

Sie sind an diese Baustellen herangegangen und haben auch hineingeguckt, in die Baugruben?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Zu der Zeit oder bevor ich nach Birkenau kam, hatte ich das Arbeitskommando Abbruch II und war während des Ausrückens der Häftlinge morgens bis abends unterwegs. Ich habe die Bautätigkeit zwar gesehen, aber nicht während der Arbeitszeit. Ich erinnere auch nicht, daß dort ein hoher Wasserstand war oder hohes Grundwasser war.

 

Verteidiger Staiger:

Als Sie 1941 Blockführer waren, erinnern Sie sich nicht, daß Sie gesehen haben, daß ein hoher Grundwasserspiegel da war?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Zu meiner Zeit als Blockführer wurde noch nicht gebaut.

 

Verteidiger Staiger:

Wurde überhaupt nicht gebaut?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das Bauen ging erst später los. Und der große Teil der Bauten, die dort fertiggestellt wurden auf dem alten Appellplatz, war während der Zeit, als ich in Buna war.

 

Verteidiger Staiger:

Herr Zeuge, habe ich Sie richtig verstanden, Sie sagen, im Jahre 1941 wurden im Stammlager keine wesentlichen Bauvorhaben vorgenommen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, das habe ich nicht gesagt. Es wurde mit der Bautätigkeit der neuen Bauten – ich weiß nicht, war es Anfang 41 oder was – begonnen. Langsam zunächst. Es wurden meiner Meinung nach erst vier Blöcke gebaut, und die [anderen] kamen später, nachdem diese ersten Blöcke fertig waren. Zu dem Zeitpunkt war ich in Birkenau.

 

Verteidiger Staiger:

Ich verstehe. Aber Sie haben beobachtet, daß diese vier Blocks gebaut worden sind?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Staiger:

Ja. [Pause] Wann sind Sie von der Blockführerstube weggekommen, Herr Zeuge?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Von der Blockführerstube bin ich eigentlich weggekommen, als ich das Kommando Abbruch II übernommen habe.

 

Verteidiger Staiger:

War das noch 1942?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, das war früher.

 

Verteidiger Staiger:

War früher.

 

Zeuge Kurt Leischow:

In Auschwitz, ja?

 

Verteidiger Staiger:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

In Auschwitz Anfang 41 vielleicht.

 

Verteidiger Staiger:

Wann etwa?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte vorher das Kommando Abbruch, und von diesem Abbruchkommando wurde ich nach Buna versetzt nachher. Die genauen Monate oder die genauen Zeiten weiß ich nicht mehr.

 

Verteidiger Staiger:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie es nicht heute morgen in Verbindung gebracht mit dem Beginn des Rußlandkriegs?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Da bin ich von Auschwitz weggekommen nach Buna. [...] Aber vorher hatte ich das Abbruchkommando als ständiger Kommandoführer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, ja.

 

Verteidiger Staiger:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr? Herr Rechtsanwalt Jugl.

 

Verteidiger Jugl:

Herr Zeuge, ich will versuchen, einen Irrtum aufzuklären, den schon der Herr Staatsanwalt aufklären wollte. Kaduk war erst Blockführer, dann Rapportführer in Auschwitz oder Birkenau? Sie sagten Birkenau [unverständlich]

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nicht in Auschwitz, in Birkenau.

 

Verteidiger Jugl:

Ist das kein Irrtum?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, ich wüßte es nicht anders.

 

Verteidiger Jugl:

Dann eine andere Frage: Sie sagten, Kaduk war scharf, er trank auch gelegentlich. Nun habe ich schon öfter gehört, daß Kaduk immer mit Alkohol in Zusammenhang gebracht wurde. Können Sie das etwas näher noch erläutern? Das heißt, er trank gelegentlich.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wie meinen Sie den näheren Zusammenhang?

 

Verteidiger Jugl:

War Kaduk betrunken, wenn er seinen Dienst tat, oder wie kommen Sie darauf?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nicht sinnlos betrunken, sondern stark angeheitert.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[Pause] Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Wird von seiten der Angeklagten noch eine Frage gewünscht oder eine Erklärung abgegeben? Kaduk, bitte schön.

 

Angeklagter Kaduk:

[Pause] Herr Zeuge, ich war in Birkenau gar nicht gewesen. Ich war nur im Stammlager als Blockführer, und anschließend war ich Rapportführer gewesen. In Birkenau hatte ich gar nichts zu tun gehabt. Was sagen Sie dazu?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also meine Erinnerung ist so, daß Sie in Birkenau waren.

 

Angeklagter Kaduk:

Na, meine gute Erinnerung

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich kann mich irren, ich

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Na ja, Sie können sich irren. Sie irren sich aber hier. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich im Stammlager als Blockführer war, und anschließend war ich Rapportführer gewesen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Also ich kenne Sie nicht als Rapportführer in Auschwitz.

 

Angeklagter Kaduk:

Ja, ich war nur im Stammlager

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

In Auschwitz kenne ich die Rapportführer Palitzsch und Hertwig.

 

Angeklagter Kaduk:

Hertwig. Erst war gewesen Hauptscharführer Palitzsch, dann war der Unterscharführer Stiwitz, anschließend kamen der Oberscharführer Clausen, Oberscharführer Hertwig und meine Wenigkeit.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das erinnere ich nicht.

 

Angeklagter Kaduk:

Ja, ja, ist gut.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, Sie sagten, die Blocks im Stammlager seien sehr langsam erst gebaut worden, die neuen Blocks.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das war ja

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Zunächst.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie erinnern sich, gegenüber von dem Küchenbau.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da war der alte Appellplatz, und der alte Appellplatz ging bis gegenüber dem Stacheldraht an der Landstraße.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Welche Blocks wurden nun zuerst gebaut? Die oben am Stacheldraht oder die gegenüber der Küche? Können Sie sich daran erinnern?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Erst am Stacheldraht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Zuerst wurden die am Stacheldraht gebaut?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, am Stacheldraht der Platz davor diente vorher noch

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und wurden die dann zugleich auch zweigeschossig gebaut, oder wurden die erst eingeschossig in Betrieb genommen und später der erste Stock noch draufgesetzt? Können Sie sich daran noch erinnern? Denn teilweise waren ja die Blocks eine Zeitlang eingeschossig

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ja, es waren

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und dann kam der a-Block oben drauf.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren alle alten Blöcke, die Eckblöcke am Appellplatz waren zweistöckig.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die waren schon zweistöckig?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Die waren zweistöckig, wie das Lager überhaupt übernommen wurde.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Dann wurden die anderen Blöcke gebaut. Ob sie nun gleich hoch gebaut wurden, weiß ich nicht. Ich weiß bestimmt, daß alle einstöckigen alten Blöcke später aufgestockt wurden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die alten einstöckigen wurden aufgestockt?

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Die alten einstöckigen wurden aufgestockt. Ob die neuen gleich zweistöckig gebaut wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, weiß ich nicht mehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann weiter. Wissen Sie, ob diese neuen Blocks – gegenüber vom Appellplatz waren ja insgesamt acht Blocks – ganz unterkellert wurden oder nur teilweise unterkellert wurden? Können Sie uns darüber etwas sagen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann etwas ganz

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Ich meine, die waren alle unterkellert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie meinen, die waren alle unterkellert?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, das weiß ich nicht. Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Von dem Block 13 wissen Sie es ja, daß er unterkellert war. Es war ja ein alter Block.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Jetzt ganz was anderes. Sie haben sich 44 auf einmal sehr darum bemüht, von Auschwitz wegzukommen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Stimmt doch?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie waren ja nun 39 in Polen schon recht hart verwundet worden.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und in Polen wurde ja noch wenig dagegen geschossen.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und sie wußten, daß 44 ein bißchen mehr dagegen geschossen würde.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was war denn nun für Sie innerlich dieses Bestreben, um jeden Preis von Auschwitz wegzukommen. Haben sich da Dinge angebahnt, die noch schrecklicher waren als vorher, oder ist man auch an Sie herangetreten mit Dingen, denen Sie sonst nicht hätten ausweichen können?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein, es wurde immer schlimmer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Es wurde immer schlimmer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es wurde immer schlimmer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Welcherart? In Einzelgrausamkeiten im Lager? Sie haben uns ja heute erzählt, daß Sie noch auf »weiche Welle«, wie Sie es ausdrückten, ausgetrimmt wurden.

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Wie ich hinkam.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie Sie hinkamen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Oder meinen Sie, immer schlimmer mit der skrupellosen und anonymen Massenvernichtung? Das sind ja zwei Dinge. Das eine ist die persönliche Brutalität dem einzelnen gegenüber. Das andere ist die anonyme Massenvernichtung. Oder wurde es in beidem immer schlimmer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Stellen Sie sich vor, wenn Sie das dauernd und täglich mit ansehen, wenn die Kommandos rauslaufen. Sie schleppen sich raus. Die kommen abends mit Toten auf der Bahre wieder. Sie stehen vorne vorm Tor, sehen die Kommandos dort vorbeiziehen. Das kann nicht jeder auf die Dauer ertragen. Das ist zuviel.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und verhindern konnten Sie nichts in Ihrer Dienststellung?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Was wollen Sie daran verhindern?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

War die Verpflegung immer weniger geworden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Verpflegung wurde schlechter und

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Oder haben sie sich gegenseitig aufgefressen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Davon weiß ich zwar nichts.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Na, ich meine, daß der eine dem anderen das Essen weggenommen hat?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In diesem Sinne.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das ist sogar der Fall, daß einer den anderen bestohlen hat aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das Brot weggenommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nachts, heimlich.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ja. Ja, nachts hatten sie nichts mehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatten die nichts mehr.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Überhaupt, ja, wo er das Brot des anderen erwischen konnte, wurde es gestohlen. Die Häftlinge unter sich waren selbst – es nahm jeder das, was er kriegen konnte. Wenn der andere sein Brot hinlegte, war es weg.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, auf der anderen Seite, Sie waren ja nun im Arbeitsdienst. Es wurden doch Arbeitsleistungen verlangt.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ging denn das überhaupt noch?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es ging nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und was sagten Ihre Vorgesetzten, Sie waren ja doch so die Mittelstufe, waren Sie als...

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, die konnten auch nichts dran tun. Denn es wurde ein Satz von oben [+ erteilt], ich weiß nicht von wem, der bestimmt wurde, es wurde soundso viel an Verpflegung ausgeschüttet. So groß ist die Besatzung des Lagers, und soundso viel würde ausgeschüttet, soundso viel Geld ist da, wofür eingekauft werden mußte, und damit war das erschöpft. Ob jetzt Lagerführer oder Kommandanten irgendwo vorstellig geworden sind und haben gesagt, wir müssen mehr Geld haben, damit wir mehr Verpflegung anschaffen können, das kann ich nicht sagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also jedenfalls vor Ihren Augen wurde es immer schlimmer?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da war für Sie die Parole...

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Die bekamen ja nur ein Stück trocken Brot und ab und zu mal ein Stückchen Margarine oder ein Stückchen Wasserwurst.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die Gefangenen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da war für Sie die Parole

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja, ich konnte das nicht mehr mit ansehen. [...] Das war der einzige Weg.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie haben Sie sich gemeldet? Zum Rapport gemeldet beim Kommandeur, oder

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, nein, das konnte man schriftlich einreichen über den Schutzhaftlagerführer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das konnte man?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das war bekannt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja. Ich bin noch mit einem zusammen weggegangen, der sich später leider das Leben genommen hat. Wir beide sind zusammen weggekommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sind zusammen weg?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

An sich war aber – das deuteten sie vorhin an – für jemand, der wieder kv geworden war, durchaus die Möglichkeit, daß er sich zu seiner alten Feldtruppe zurückmeldete.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es kam dann doch dieser General Unruh, der allen bekannt ist, der alles

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Der General zbV

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Jawohl, der alles kv machte, was

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, kam der denn bei Ihnen auch

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, nein, nein, der war nicht bei uns. Da wurde auf GvH und so weiter dann kein Wert mehr gelegt. Bis zum Schluß bin ich niemals kv geschrieben worden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren immer GvH

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Immer GvH.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Oder waren Sie GvFeld?

 

Zeuge Kurt Leischow:

GvH. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber dann haben Sie einfach

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

GvH hieß es ja nur am Anfang, später hieß das dienstverwendungsfähig Heimat. Von Gvh wurde es nachher irgendwie umgeändert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber wenn Sie früher etwa, sagen wir im Jahre 43

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Da war es noch schlechter. Es ging

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Lassen Sie mich ausreden. Wenn Sie 1943 zum Beispiel kv geschrieben worden wären, wäre dann irgendein Hindernis gewesen, daß Sie wieder zu Ihrer alten Truppe zurück gewollt hätten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hätten Sie ohne weiteres gekonnt?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und haben Ihre Kameraden, die auch so wie Sie von der Feldtruppe da reingeschneit waren über den Ersatztruppenteil, davon Gebrauch gemacht?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das weiß ich nicht. Es sind viele, auch Kameraden meiner alten Einheit, die ich dort wiedergetroffen habe, versetzt worden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sind versetzt worden?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Sind versetzt worden, sind wieder zur Truppe zurückversetzt worden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also die blieben dann nicht jahrelang da?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es blieb dieser oder jener hängen, und der andere wurde wieder versetzt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, aber im Augenblick, wo er kv war, hatte er Möglichkeiten, wieder wegzukommen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Es waren Leute sogar dabei, kv, die nicht mal so schwer verwundet waren, die dort hinkamen. Und dann nach einem Zeitpunkt wurden die wieder abberufen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wurden die wieder abberufen?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Wurden die wieder abberufen und kamen wieder weg.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, danke.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Das waren mehrere.

 

Verteidiger Joschko:

Ich hätte noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Joschko:

Herr Zeuge, habe ich Sie vorhin richtig verstanden, daß Sie sagten, Sie hätten sich beim ersten Mal einen schweren Verweis geholt, als Sie sich weggemeldet hätten?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Verteidiger Joschko:

Können Sie das bitte näher [erläutern]?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Und zwar habe ich den Hauptsturmführer Aumeier dort mal drum gebeten, er möchte mich dazu melden, daß ich wegkomme. Dann hat er mich, auf deutsch gesagt – na, jeder kennt den Ausdruck.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] Ja, war das nun ein Verweis, der ins Strafbuch reinkam

 

Zeuge Kurt Leischow [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie wurden dann angesaut?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Angesaut, jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

So, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ist keine Frage mehr zu stellen? Keine Erklärung mehr abzugeben. Herr Zeuge, werden bezüglich der Beeidigung Anträge gestellt? Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ich beantrage die Vereidigung des Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Bestehen Bedenken wegen der Beeidigung des Zeugen? Auf seiten der Verteidigung?

 

Verteidiger Gerhardt:

Ich beantrage ebenfalls die Vereidigung des Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] [unverständlich] Wollen wir noch mal drüber sprechen? [Pause] Na, das Gericht will kurz darüber beraten und

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

»angeordnet, es bestehen keine Anhaltspunkte für die Annahme, der Zeuge habe sich an Taten, die den Angeklagten zur Last gelegt werden, im Sinn des § 60 Ziffer 3 Strafprozeßordnung beteiligt.«1010 Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten. Ich spreche Ihnen zunächst den Eid vor: Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben. Heben Sie bitte die rechte Hand, und sprechen Sie mir nach: Ich schwöre es.

 

Zeuge Kurt Leischow:

Ich schwöre es.

 

Vorsitzender Richter:

So wahr mir Gott helfe.

 

Zeuge Kurt Leischow:

So wahr mir Gott helfe.

 

Vorsitzender Richter:

Ich danke schön. Gegen die Entlassung des Zeugen wird nichts eingewandt.

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.102.

2. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.103.

3. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.104.

4. Von dem Zeugen Kurt Knuth-Siebenlist wurden am 53. und 139. Verhandlungstag Vernehmungsprotokolle verlesen.

5. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.104.

6. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.115 f.

7. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.113.

8. Vgl. richterliche Vernehmung vom 05.02.1963 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 77, Bl. 14.447.

9. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 14.03.1961 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 46, Bl. 8.102.

10. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 17.07.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 100, Bl. 520.

 

 
 
 
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