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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
"Strafsache gegen Mulka u.a.", 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

108. Verhandlungstag, 5.11.1964

 

Vernehmung des Zeugen Viktor Lederer

 

Vorsitzender Richter:

Kinder sind doch auch nach Auschwitz gekommen.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, das war nicht so gewesen. Meine Frau und meine Kinder blieben in Prag. Meine Frau hatte gearbeitet, hat für die Unterhaltung meiner Kinder gesorgt. Und im Zusammenhang mit dem Attentat auf Heydrich waren da Revanchedinge...

 

Vorsitzender Richter:

Repressalien.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Repressalien, ja, entschuldigen Sie, wenn ich mal irgendein Wort nicht genau finde. Und meine Frau wurde eingeschaltet in einen Transport, der hieß AAh1. Und am 10. Juni 1942 wurde sie dann, unbekannt wohin und unbekannt auf welche Weise, mit meinen Kindern um das Leben gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, also eine genaue Angabe gibt es da nicht. Von diesem Transport, 1.000 Menschen waren das, ziemlich auf zufällige Weise zusammengestellt, die meisten mit dem Anfangsbuchstaben L, auch zum Beispiel mein Onkel, der Professor war an der Handelsakademie in Pilsen, er hieß auch Lederer, war mit seiner Frau auch in diesem Transport. Die wurden in diesen Transport eingeschaltet und kamen dann irgendwohin nach Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen nicht, ob sie nach Auschwitz gekommen sind?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Es ist möglich, aber ich glaube nicht einmal, daß sie in Auschwitz direkt ums Leben kamen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wie lange waren Sie in Auschwitz?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Also wie ich schon sagte, vom 23. April bis ein Uhr Nacht des 18. Januar 1945.

 

Vorsitzender Richter:

Also bis zur Evakuierung des Lagers?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, Sie haben zunächst bei dem Kommando Sola-Durchstich gearbeitet und haben dort eine schwere Verletzung davongetragen und in deren Folgen auch eine Phlegmone am linken Bein gehabt. Ja? Das stimmt?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Das stimmt, das ist so.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sind Sie wann ungefähr in den Block 21 gekommen? [...]

 

Zeuge Viktor Lederer:

Im Juni 1943 wurde ich verletzt, bekam die Phlegmone. Es dauerte ungefähr zwei, drei Tage, bis ich aufgenommen wurde in den Krankenbau. Uns war damals schon bekannt, daß es mit großem Risiko verbunden ist, in den Krankenbau gehen. Denn unter den Häftlingen war bekannt, daß der Krankenbau am meisten ausgesetzt ist diesen Selektionen. Es blieb mir allerdings nichts anderes übrig, weil ich vollkommen unbeweglich wurde. Und die Situation im Lager, wie Sie ihnen ja sicher gut bekannt ist, hat es nicht ermöglicht, daß ich irgendwie anders handeln konnte. Also meldete ich mich und kam dann auf den 21er Block in einem fast bewußtlosen Zustand. Ich wurde operiert von dem polnischen Häftlingsarzt Grabczynski.

Ich hatte dann dort noch so eine Erfahrung, die ich gerne dem Gericht sagen würde. Ich war nach der Operation auf Betten gelegt worden - wenn man das als Betten bezeichnen kann -, also untergebracht worden noch mit einem Häftling. Es war ein deutscher Häftling, der lange Zeit als Antifaschist eingesperrt war. Er hieß Friedel Löwenstein und kam dort neben mir ums Leben.

Aber das Wichtige daran, was ich sagen wollte: Ich war dann in so einem Agoniezustand, und wahrscheinlich wäre ich in dieser Situation gestorben, weil ich so eine leichte Blutvergiftung wahrscheinlich schon hatte und so weiter. Nun, da hat mich, wie ich aus der Agonie sprach, ein deutscher Matrose gehört. Sein Vorname war Waldemar. Besser habe ich ihn nicht kennengelernt. Ich habe ihn dann schon noch gesehen, aber seinen Familiennamen kenne ich nicht. Und auf den haben meine Klagen und so weiter, die ich so aus der Agonie hervorbrachte, irgendwelchen Eindruck gemacht, also menschlichen Eindruck gemacht. Und der hat dann dem Grabczynski mitgeteilt, daß er sich um mich kümmern wird, hat mir die Wunde gereinigt, und seine Tat, die ich als eine sehr schöne Tat bezeichnen möchte, hat dazu geführt, daß ich nach ungefähr einem Monat vom 21er Block auf den 19er Block gehen konnte. Das waren schon die leichteren Fälle. Ich kam da wieder in die chirurgische Abteilung am 19er Block.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie lange waren Sie dort noch? [...]

 

Zeuge Viktor Lederer:

Also, ich war am 19er Block bis im Januar 1944. Da habe ich mich dann selbst freiwillig ins Lager gemeldet, trotzdem meine Wunde noch nicht zugeheilt war. War dann eine kurze Zeit auf einem sehr schlechten Kommando, Bauhof, wo ich durch einen mir unbekannten SS-Mann verletzt wurde. Bekam eine weitere Phlegmone, die ich jederzeit dokumentieren kann, die Narben, und wurde wieder zurückgebracht auf den 19er Block.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang blieben Sie das zweite Mal dort?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Das zweite Mal blieb ich dann so ungefähr bis Ende April dort, wurde dann dem Kommando Schädlingsbekämpfung zugeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Können Sie mir sagen, wer diesem Kommando noch angehört hat? Hauptsächlich von seiten der SS-Leute.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Unser Kommandoleiter war der Obersturmbannführer Pflaum. Mein direkter Vorgesetzter, ich habe da Arbeit geleistet im Rahmen einer Kanzlei, das war der Obersturmführer Haug, an den ich mich zu erinnern weiß. Es war da auch der Oberscharführer Stockert. Das Kommando hatte einige Abteilungen. Es gab da eine Abteilung, wo Lager waren. Es war eigentlich eine Dependance, wenn ich so sagen darf, von IG Farben. IG Farben hat da Chemikalien hingeliefert. Und diese Chemikalien wurden geliefert den Einheiten der SS und Einheiten der Polizei zum Zwecke der Schädlingsbekämpfung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nun, damit wir da nicht in die Irre gehen, was verstand man unter Schädlingsbekämpfung?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Darunter bestand man nur die Bekämpfung von Wanzen, von Flöhen, von, sagen wir, Malariamücken und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wie wurde das gemacht? Also diese Malariamücken, die werden ja meistens durch Bestäubung von Teichen und Pfützen und so weiter bekämpft. Aber was haben Sie im allgemeinen gemacht? Haben Sie auch Baracken desinfiziert und ausgegast oder Kleider vergast oder was?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, dieses Kommando hat sich, so weit ich weiß, damit nicht befaßt. Unsere Arbeit war die Lieferung von diesen Chemikalien, wie ich schon sagte, an SS-Einheiten oder an Einheiten der Polizei.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, also mehr die Verteilung?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, ich glaube die Desinfizierung im Lager, das war schon wieder die Frage eines anderen Kommandos.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also da sind Sie nicht damit beschäftigt gewesen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, nein. Damit hatte ich nichts zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie waren also, sagten Sie, bis etwa März oder April 44 dann in dem Block 19 und kamen dann zu dieser Schädlingsbekämpfung vermutlich bis zu Ihrer Entlassung beziehungsweise zur Evakuierung, oder? Waren Sie noch woanders?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, leider, Herr Vorsitzender, kam es noch zu einer weiteren Etappe. Und zwar ungefähr im Juli 1944 wurde ich Blockschreiber auf Block 14 und etwa zwei Monate darauf Blockschreiber auf Block 9a bis zur Evakuierung.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und wer war der Blockführer für Block 14?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, aus den Reihen der SS?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, den Namen kenne ich nicht mehr. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und bei 9a?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Auch da kenne ich den Namen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht? Nun, Herr Zeuge, zurück zu Ihrer Zeit, die Sie in dem Krankenbau zugebracht haben. Haben Sie dort in dem Krankenbau Selektionen erlebt?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie erlebt. Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Es ist ohne weiteres möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Möglich. Also Sie haben Selektionen dort erlebt. Und nun, würden Sie uns doch einmal sagen, wie die vor sich gingen, wer sie veranlaßt hat, wer sie befohlen hat, wer sie durchgeführt hat und so weiter und wie es dann weiterging mit den Leuten, die selektioniert waren.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nun, anfangs, als ich in diesem Block war - denn ich kam ja Juni 1943 auf den 21er Block, dann einen Monat später ging ich auf den 19er Block, meiner Erinnerung nach, ein ganz genaues Datum ist natürlich schwer festzulegen -, blieb mir ganz genau im Gedächtnis der 18. August, und ich werde auch erklären warum. Es gab dann eine ganz große Selektion. Für mich war es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

18. August 43?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Es war für mich nicht die erste Selektion. Ich habe Selektionen erlebt gleich bei meiner Ankunft im Lager. Denn gleich, als wir ankamen, da waren wir auf Quarantäne. Ich war auf dem 13er Block. Und da wurden wir dann auch einmal aufgerufen und sind angetreten in der Birkenallee und haben da eine, so sagen wir mal, erste Selektion erlebt. Nun, die Selektion am 19.

 

Vorsitzender Richter:

18. August

 

Zeuge Viktor Lederer:

Am 18. August, soweit das Datum ganz vollkommen richtig ist, war eine der größten Selektionen, soweit ich das erfahren konnte, auf diesem Block. Es wurden vielleicht 60 bis 70 Prozent aller Häftlinge in das Gas ausgewählt.

 

Vorsitzender Richter:

Von welchen Häftlingen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Es hat sich so abgespielt, Herr Vorsitzender: Die Atmosphäre auf so einem Krankenbau war eine ganz schreckliche Atmosphäre. Die Gefahr, daß es zu Selektionen kam, war eigentlich täglich. Es kam häufig der Ruf: "Der Lagerarzt geht!" Das wurde so übergeben von Block zu Block, so Durchlaufruf, nicht wahr? Also, es kam an diesen Tag auch zu diesen, wie soll ich mal sagen, Alarmrufen: "Der Lagerarzt geht!" Und da war natürlich immer große Aufregung, daß es da sauber ist und alles in Ordnung ist und so weiter. Und wir wurden dann aufgefordert anzutreten, nackt, in dem Mittelgang.

Der Block war verhältnismäßig ziemlich lang gewesen. Links und rechts waren die dreistöckigen Betten, und in der Mitte war ein verhältnismäßig breiter Mittelgang. In diesem Mittelgang sind wir angetreten, einer nach dem andern. Und haben uns so langsam genähert dem Arzt, der der Doktor Mengele war. Und nun hat man eine Meldung abgegeben. Ich habe mich gemeldet, Häftling 118.331, nun, und man wurde entweder nach links oder nach rechts geschickt respektive nicht so. Es wurde entweder meine Karte mitgenommen, oder die Karte blieb da. Nun, damals wurde auch meine Karte - ich werde Ihnen dann erklären, wieso ich das wußte - mitgenommen, so daß ich mich also für verloren ansah.

Wir wurden dann zurückgeschickt auf die Betten, und für diesen Tag war eigentlich die Selektion erledigt. Den nächsten Tag ungefähr zu Mittag bekamen wir die Suppe. Es ist natürlich klar, daß unter den Häftlingen sehr viele Gespräche waren, denn ins Gas zu gehen, war ja gar kein angenehmer Ausflug. Und es gab da eine ganze Gruppe von jungen Leuten, die vom Leben überhaupt noch nichts gesehen hatten, waren natürlich kolossal aufgeregt und so weiter. Ich selbst habe mich bemüht - und ich kann das wirklich vollkommen aufrichtig aussagen -, gerade diese jungen Leute irgendwie, wie soll ich mal sagen, moralisch zu stützen. Ich habe ihnen gesagt: "Wir werden uns nicht fürchten. Wir werden auf dem Weg ins Gas singen." Ja, ich habe Ihnen auch gesagt: "Wir werden versuchen, irgendwie noch herauszukommen. Vielleicht gibt es noch irgendeine Möglichkeit, vielleicht kann man ausbrechen, vielleicht gibt es irgendeine Möglichkeit." Na, kurz und gut, mittags bekamen wir die Suppe, und nach der Suppe wurden dann auf die Betten der ausgewählten Häftlinge - wie ich sagte, 70 Prozent ungefähr - diese sogenannten "Muselmann"-Anzüge verteilt. Sie haben ja davon sicher schon gehört.

Nun, später kam dann eine Reihe von SS-Männern, geführt von dem SS-Mann Rapportführer Kaduk. Und die Häftlinge wurden aufgerufen anzutreten im Mittelgang. Und zwar, wie das im Lager so Sitte war, mußte man zu fünft antreten. Kurz vorher, bevor es zu diesem Antreten kam, kam zu mir der holländische Arzt, der de Jong hieß und dort als Pfleger arbeitete, und teilte mir mit, daß ich bleibe, daß meine Karte ausgeschieden wurde, so daß ich nicht antrat. Ich habe in diesem Moment sogar irgendwas wie Bedauern gefühlt. Kurz und gut, das Leben hat für nichts gestanden. Aber außerdem taten mir diese jungen Leute sehr, sehr leid, die da antreten mußten, und ich war der, der ihnen Mut zugesprochen habe, und nun bin ich dageblieben.

Nun traten die an. Und unter diesen jungen Leuten war ein junger, kleiner Franzose. Er war so ungefähr 17, 18 Jahre alt. Und er war sehr, sehr, wie soll man sagen, gewinnend durch sein Aussehen. Er hat verhältnismäßig wenig Deutsch gesprochen. Er hat sich bemüht zu sprechen, und wir sind längere Zeit nebeneinander gelegen. Er lag auf dem Mittelbett, ich auch auf dem Mittelbett. Ich habe mich mit ihm viel unterhalten. Er hat mir erzählt von seinen Eltern und so weiter. Und er hatte mein ganzes menschliches Mitgefühl gehabt.

Es gab da auch andere junge Leute. Zum Beispiel aus Leipzig einen Jungen, der hieß Philippson, er war vielleicht der Sohn eines Pelzhändlers, soweit ich mich zu erinnern weiß. Ein Junge, der hieß Berthold Cohn, der war irgendwo von uns aus der Tschechoslowakei.

Nun, diese junge Leute traten da so an auf dem Platz, wie sie aufgerufen wurden nach den Ziffern. Und der kleine, junge Franzose, als da der Angeklagte Kaduk so irgendwie in der Nähe war, hat er sich losgerissen so aus seiner Stellung, ist vor Kaduk niedergekniet, hat mit erhobenen Händen gebeten. Ich habe natürlich die Worte genau nicht gehört, aber es war aus der ganzen Szene klar zu ersehen, daß er um sein Leben gebeten hat. Nun, Kaduk hat natürlich darauf reagiert, so wie das im Lager Sitte war, ein paar Tritte ins Gesicht, ein paar Tritte in die Brust. Der Junge fiel nach hinten. Ob er diese Tritte überlebt hat oder nicht überlebt hat, weiß ich nicht. Er war nicht in der Lage aufzustehen, man hat ihn weggeschafft in einer Decke, und was mit ihm weiter war, weiß ich nicht.

Ich möchte das betonen, Hohes Gericht: Ich habe mich wegen diesem Andenken an diesen Jungen als Zeuge gemeldet. Ich werde nie das Gesicht dieses 18jährigen Jungen vergessen, der nichts von seinem Leben noch hatte. Der um sein Leben gebeten hat und der natürlich die Disziplin verletzt hat dadurch, daß er aus der Reihe trat, und ich weiß nicht was. Das ist mir klar. Aber, kurz und gut, dieses Gesicht glaube ich, werde ich niemals [unverständlich] auch vergessen können.

Und die Art, wie Kaduk auf dieses Gesicht reagiert hat. Von der Tat ab war Kaduk für mich ein Begriff. Ich habe dann noch weitere seiner Taten kennengelernt. Aber er war nicht nur für mich ein Begriff, er war für das ganze Lager ein Begriff. Das heißt der Begriff grade von faschistischer und nazistischer Roheit. Und ich möchte betonen, daß dieser kleine Junge wahrscheinlich die Tritte nicht überlebt hat. Ich kann das natürlich mit Sicherheit nicht aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, im Jahr 1944, war da in dem Lager nicht einmal zu merken, daß die Verhältnisse sich etwas änderten? Und wann war denn das?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, ganz richtig, es kam so ungefähr in der Mitte des Jahres zu einer gewissen Umstellung im Lager. Wir hatten eine Abwehrbewegung im Lager. Eine Abwehrbewegung, die dazu gedient hat, unser Leben zu schützen. Wir wußten, daß der Krieg langsam, aber sicher zu Ende geht, und wir mußten nun damit rechnen, daß wir liquidiert werden. Wir haben alles getan, daß wir irgendwie unseren Kameraden und unseren Freunden helfen. Daß wir ihnen, soweit wir Brot zur Verfügung hatten, Brot gaben, aus den Paketen und so weiter. Unsere Bewegung war hauptsächlich auf Solidarität eingestellt. Sie war natürlich auch eingestellt auf aktiven antifaschistischen Kampf. Es ist wichtig zu sehen, daß wir Häftlinge der verschiedensten Nationen, der verschiedensten Religionen, eine Abwehrbewegung zusammengaben unter diesen schrecklichen Bedingungen, die, sagen wir mal, auf einer wirklich europäischen, internationalen Grundlage geführt war. Und damit hängt meiner Meinung nach auch diese Veränderung im Lager zusammen.

Der Lagerkommandant Hössler, soweit mir das bekannt war, war ziemlich in einem so persönlichen Verhältnis zu dem Lagerältesten, dem Heinz Dürmayer aus Wien. Und der hat jedenfalls genug Einfluß auf ihn gehabt. Es dürfte natürlich auch damit zusammengehangen haben, daß eben die ganze politische Situation, die militärische Situation sich geändert hat, daß man mit dem Ende des Lagers rechnen mußte. Es kam dazu, daß man die Verbrecher und die mit diesem grünen Winkel, diese Leute, langsam aber sicher von den prominenten Plätzen entfernt hat. Und schon dadurch hat sich natürlich die Situation verbessert.

Ich möchte das an einem Fall erläutern, ohne daß ich das Gericht aufhalten will. Als ich auf den 13er Block kam, in Quarantäne war, da hatten wir einen Blockältesten, zu dem sagten wir der "grüne Heinrich", so wie das Keller gesagt hat in seinem Roman, dem berühmten. Er hatte einen grünen Winkel und hieß Heinrich. Na, der hat natürlich viele Leute erschlagen. Aber er hat diese Leute erschlagen gerade deshalb, weil er sich in seiner Funktion erhalten wollte. Diese Leute waren die verlängerte Hand der SS. Es ist nicht vielleicht so, daß ein halbwegs anständiger Häftling, ein halbwegs, wie soll man sagen, charaktervoller Mensch sich zu so was hergegeben hätte. Da waren eben nur diese ärgsten Elemente aus den verschiedensten Zuchthäusern, Verbrecher aus Beruf und so weiter in diese Funktionen gegeben.

Nun, es kam also zur Auswechslung dieser Leute, und statt dieser Leute kamen dann Häftlinge, die irgendwie politisch mehr orientiert waren, in die wichtigeren Funktionen.

 

Vorsitzender Richter:

So sind Sie auch Blockschreiber geworden?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Na, vielleicht doch, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie nannten vorhin einen Namen des Lagerkommandanten. Ich nehme an, daß Sie sich da versprochen haben. Sie meinten wohl Höß?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, nein, bitte, Hössler. Im Jahre 1944

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

44

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Das war der

 

Zeuge Viktor Lederer [unterbricht]:

44 war das

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Vielleicht war das der Schutzhaftlagerführer.

 

Vorsitzender Richter:

Der Lagerführer, ja. Ich bin deshalb irre geworden, weil Sie bei Ihrer richterlichen Vernehmung in Prag Höß gesagt haben, oder jedenfalls ist es so übertragen worden.2 Das ist also ein Fehler, Sie meinen Hössler. Ja. Nun, Herr Zeuge, in dieser Funktion als Schreiber in Block 14, haben Sie da auch Erfahrungen gemacht mit dem Rapportführer Kaduk?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, also es waren nicht gerade sehr besondere Erfahrungen. Es war da die Situation so: Auf dem Block 14 waren Fleischhauer, also Häftlinge untergebracht, die in der jatky...

 

Dolmetscher Schamschulla:

Metzgerei.

 

Vorsitzender Richter:

Metzgerei.

 

Zeuge Viktor Lederer:

In der Metzgerei gearbeitet haben, vielleicht versteht man mich. Da waren Polen zuerst, als ich hinkam. Diese Polen waren meistens schon ältere Häftlinge und haben sich gut im Lager ausgekannt. Und sie haben so verschiedene Verbindungen auch zu SS-Männern unterhalten. Überhaupt gab es das sehr häufig. Sie haben so Wurst ins Lager hineingeschmuggelt und so verschiedenen Dinge. Na, kurz und gut, diese Leute kamen dann auf Transport.

Statt ihrer kamen Franzosen, die irgendwie auch Fleischhauer waren. Waren irgendwie zugeteilt, diese Franzosen, auch wieder in diese Metzgerei. Und die haben viel weniger solcherart "Organisation" durchgeführt. Sie waren erstens ungeschickt, kurz und gut, sie haben das nicht oft getan.

Dessenungeachtet kam da mal eine Kontrolle. Vielleicht waren es mehr, aber an die eine weiß ich mich genau zu erinnern. Da kam Kaduk hin und hat die verschiedensten Pötte aufmachen lassen und hat da festgestellt bei einigen Nummern, daß sie ja doch einen kleinen Rest von Wurst sich versteckt gehabt haben und so weiter. Also diese Nummern wurden dann vorgeführt. Ich war nicht bei ihrer Bestrafung gewesen und kann darüber eine ganz genaue Aussage nicht machen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie auch manchmal nach Zapfenstreich noch durch das Lager gegangen, und haben Sie bei dieser Gelegenheit Kaduk gesehen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Als Schreiber bin ich natürlich auf die Schreibstube gegangen und habe Meldung abgegeben. Und einige Male habe ich den Angeklagten Kaduk gesehen. Ich glaube überhaupt, daß er ziemlich viel Alkohol genossen hat. Es war nicht ein Ausnahmezustand, aber damals sah ich ihn in einem ziemlich stark alkoholisierten Zustand, wie er mit dem Revolver herumgeschossen hat. Es ist begreiflich, daß ich nicht in seine Nähe ging und so schnell als möglich verschwunden bin. Aber die Szene als solche blieb mir sehr, sehr im Gedächtnis, weil er so aussah wie der nazistische Kriegsgott, der, was weiß ich was, die ganze Welt bestrafen will.

 

Vorsitzender Richter:

Ob er jemanden getroffen und dabei erschossen hat, das konnten Sie nicht feststellen?

 

Zeuge Viktor Lederer [unterbricht]:

Nein, nein, das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, ob Kaduk auch einmal bei einer Selektion zugegen war? Oder daß er selbst gar eine geleitet hat?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, ich weiß ganz genau, die letzte Selektion, die im Lager stattfand, soweit ich davon informiert bin, war ungefähr Oktober 1944.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinten mal, das wäre im September gewesen.3

 

Zeuge Viktor Lederer:

Es mag sein. Ende September/Oktober

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

September/Oktober. Ja.

 

Zeuge Viktor Lederer:

So ungefähr um diese Zeit. Es war eine Selektion ganz komischer Art. Man hat vorgetäuscht, daß es um keine Selektion geht. Man ließ da antreten praktisch das ganze Lager. Es kam ganz plötzlich. Die Zeit kann ich nicht ganz genau festlegen. Aber ich denke, es kam nach dem Appell dazu, weil da das ganze Lager schon antreten mußte. Und wir traten auf der Birkenallee an, aber wir zogen uns nicht aus. Es war also im Unterschied zu den normalen Selektionen, und dieses An- und Ausziehen im Lager, das nackt Herumlaufen gehörte so zum täglichen Lagerleben. Also wir blieben angezogen, und in der Birkenallee traten wir an und traten in den Zweierblock herein, wo die "Sauna" war. Und gingen durch die "Sauna" hindurch, einer hinter dem anderen.

Soweit ich das überprüfen konnte und übersehen konnte, war der Hauptakteur in dieser Sache gerade Kaduk gewesen. Er saß so seitlich von uns und hatte einen Stock in der Hand. Und mit diesem Stock machte er eine Bewegung, die eben die Leuten, die ihm da behilflich waren, dazu führte, daß die Nummer dann aufgeschrieben wurde des entsprechenden Häftlings. Bekanntlich hatte der Häftling die Nummer nicht nur auf der Bluse, sondern auch auf der Hose angenäht. Kurz und gut, diese Leute wurden als ausgewählt betrachtet. Also das war die Selektion, die meiner Meinung nach der Angeklagte Kaduk selbst als Hauptakteur durchgeführt hat. Es ist mir zum Beispiel nicht bekannt, daß da ein Arzt war oder irgendwelche anderen Leute von der SS.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, Herr Zeuge, erstens: War Kaduk damals auch betrunken?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Also ich kann natürlich nicht sagen, ob er betrunken war. Ich hatte nicht die Möglichkeit, ihn lange anzusehen, es war ein Blick. Aber so eine gewisse Erinnerung blieb bei mir zurück.

 

Vorsitzender Richter:

Und war diese Selektion tags oder nachts?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, die war tags, bitte schön. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Appell?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Sie wird in den Abendstunden nach dem Appell stattgefunden haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was geschah denn nun mit den Leuten, die da ausgewählt wurden? Wo gingen die zunächst hin?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, sie gingen wahrscheinlich auf ihre Blocks zurück. Ich wurde selbst nicht ausgewählt. Ich weiß nicht genau, ob die noch ins Gas geführt wurden oder nicht. Es war ja schon die Situation so gewesen, daß ganz gewisse Maßnahmen sich geändert haben, wie wir schon davon sprachen. Also es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Leute nicht ins Gas gingen. Ich will mich ganz genau an die Wahrheit halten. Ausgewählt wurden sie, ob sie weggeschafft wurden ins Gas oder nicht, das kann ich nicht mit genauer Sicherheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber die früheren Selektionen, die führten doch dazu, daß die Leute getötet wurden?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ganz klar, natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Also zum Beispiel diese Selektion am 18. August 1943, von der Sie uns da erzählt haben

 

Zeuge Viktor Lederer [unterbricht]:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo der kleine Franzose dabei war. Haben Sie sich irgendwie überzeugen können, sei es durch Karteikarten oder durch Todesmeldungen oder ähnliche Dinge mehr, daß die Leute damals wirklich getötet wurden?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Na, also ich weiß eines ganz bestimmt. Daß sie zu uns zurück nicht kamen. Dabei war ich nicht, wie sie ins Gas gingen. Also bin ich kein Augenzeuge ihres Todes im Gase. Aber daran ist ja gar kein Zweifel. Sie kamen nicht zurück, diese Leute, ihre Karteikarten kamen weg. Die Karteikarten wurden geführt auf einem Schreibtisch, dieser lange Saal war eingeteilt in Stuben. Die Stube, wo der kleine Franzose lag, hieß Stube Numero 5, auf der ich auch lag. Die Kartei war uns gegenüber auf dem Schreibtisch gelegen. Die Pfleger und so weiter, die haben wir irgendwie gekannt. Deshalb haben wir ja auch gewußt, daß unsere Karte weg ist. Denn als die Selektion zu Ende war, die ursprüngliche Selektion, blieben gewisse Karten da, und gewisse Karten gingen weg. Vielleicht könnte ich noch mir gestatten, zu erklären, wieso es eigentlich dazu kam, daß ich doch dablieb.

Es ist nämlich so gewesen: Soweit jemand ins Lager überstellt war aufgrund eines Gerichtsaktes, dann war das ein anderer Fall wie zum Beispiel diese sogenannten Transportjuden, wie man dazu sagte und so weiter. Also ich wurde in das Lager gebracht aus Bayreuth. Und mit größter Wahrscheinlichkeit hat auf der Politischen Abteilung dann eine Durchsicht der Leute stattgefunden, und aufgrund dessen wurde ich dann also...

 

Vorsitzender Richter:

Nicht vergast.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nicht ins Gas geführt. Das ist also die Erklärung für diese Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, haben Sie auch irgendwann einmal Hinrichtungen oder Erschießungen oder so etwas gesehen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich habe eine ganze Reihe von Hinrichtungen gesehen, die so irgendwie in der Nähe der Küche, in der Nähe des Appellplatzes stattfanden. Allerdings nicht sehr von der Nähe. Ich habe auch gesehen die Hinrichtung von ungefähr neun, zehn bis zwölf polnischen Häftlingen, die aus Revanche hingerichtet wurden, weil einer aus ihrem Kommando davonlief. Genau weiß ich das nicht, aber die Hinrichtung hat natürlich kolossale Erregung im ganzen Lager hervorgerufen.

 

Vorsitzender Richter:

War das vor der Küche? Wurden die Leute erhängt?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Soweit ich mich erinnern kann, links von der Küche war da der Galgen gestanden, und sie wurden erhängt.

 

Vorsitzender Richter:

Und, sagen Sie, können Sie sich entsinnen, ob diesen Leuten vorher irgend etwas vorgelesen worden ist, ein Urteil oder ein Befehl oder so irgend etwas? [...]

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich selbst weiß das nicht. Ich glaube nämlich so, soweit ich mich an diese Hinrichtung erinnern kann, so war ich nicht direkt bei ihr gewesen. Aber diese Leute waren noch eine Weile also aufgehängt gewesen.

Nun möchte ich noch sagen, daß ich Hinrichtungen sah, die so stattfanden: Es kam hin und wieder mal zu einem Ausbruch aus dem Lager. Und wenn man die Leute wieder gefaßt hat, so hatten sie so eine Tafel um, da war draufgestanden: "Hurra, hurra! Ich bin schon wieder da!" Und dann den nächsten oder übernächsten Tag wurden sie hingerichtet. Es kam auch vor, daß wir zum Beispiel ausgegangen sind zur Arbeit. Links war die Musik, und rechts von uns waren da so Bretter aufgestellt, und da waren hingerichtete Häftlinge, die bei der Flucht erschossen wurden oder ähnlich, als Abschreckungsbeispiel ausgestellt gewesen. Nun, die Schrecklichste, und da möchte ich gerne noch um das, wenn es möglich ist, meine Aussage erweitern. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Was Sie in Block 9 erlebt haben?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Also ich möchte gerne noch aussagen die Sache mit der letzten Hinrichtung, die da war. Und zwar, wie ich schon sagte, gab es da eine Abwehrbewegung. In dieser Abwehrbewegung spielten eine große Rolle der Ernst Burger, Rudolf Friemel, Ludwig Vesely, der irgendwie ein Spanienkämpfer war und im Lager seine Hochzeit oder so etwas hatte, weil er ein [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Hieß der nicht Friemel, und nicht Frömmel?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich denke Frömmel, bitte. Soweit es mir bekannt ist Frömmel.

 

Vorsitzender Richter:

Wir haben einen Namen Friemel hier gehört.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Friemel.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich kann das nicht ausschließen, aber das ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe mich mit den Dingen nach meiner Rückkehr sehr wenig befaßt. Friemel, glaube ich, Ludwig Vesely und dann war ein Pole dabei, der hieß Zbigniew Raynoch. Und dann war auch ein SS-Mann dabei, der bei dieser Flucht geholfen hat und der sichtlich antifaschistisch eingestellt war. Es gehörte zu dieser Flucht noch ein zweiter SS-Mann, der als Chauffeur im Wagen saß. Und der Ludwig Vesely als Kapo des Kommandos Fahrbereitschaft hat es so eingerichtet, daß diese drei Leute, der Raynoch, der Friemel und der Ernst Burger in so eine große Kiste hineingingen und sollten nun aus dem Lager herausgefahren werden. Und auf diese Weise sollten sie also die Flucht unternehmen.

Der eine der SS-Leute hat, also wie soll man sagen, sich unserer Ansicht nach richtig verhalten. Na, der andere SS-Mann hat sich umgekehrt verhalten. Er ist dann mit diesem Auto gefahren - ich war kein Augenzeuge, aber ich weiß das ganz genau - entweder zu dem 11. Block oder vor die Politische Abteilung. Die Leute versuchten Gift zu nehmen. Gestorben ist nur der polnische Häftling Zbigniew Raynoch. Die zwei andern haben das überlebt, und gemeinsam mit Vesely wurden sie dann selbstverständlich in den Bunkerblock geführt, Numero 11.

Ich war zu der Zeit Schreiber. Ich habe sie sehr häufig gesehen, wie sie in die Politische Abteilung geführt wurden. Es ist natürlich, daß das keine Kleinigkeit für sie war, es waren täglich weniger. Es ist zu sagen, daß sie sich wunderbar verhalten haben, denn sie haben niemanden verraten, sie haben nichts gesagt. Und sie sollten dann hingerichtet werden, meiner Erinnerung nach am 28. Dezember 1944.

Nun hing das auch wahrscheinlich mit der Situation im Lager zusammen, daß der Schutzhaftlagerführer Hössler versuchte, daß diese Hinrichtung nicht stattfanden sollte. Soweit mir bekannt ist, hat er sich irgendwie an Berlin gewendet, aber Berlin gab dann den Befehl, die Hinrichtung durchzuführen. Die Hinrichtung wurde dann durchgeführt entweder am 30. oder am 31.

Es blieb mir allerdings vollkommen in Erinnerung folgendes, und das kann niemand, der dabei war, vergessen. Es hat sich so abgespielt: Diese Leute wurden geführt aus dem 11er Block. Sie hatten nur eine Hose an und ein Hemd, und von dem Moment, wo sie die zwei, drei Stiegen aus dem 11er Block heruntergingen, haben sie gerufen: "Es lebe das freie Deutschland! Weg mit dem Nazismus! Weg mit dem Faschismus!" Und ähnliche antifaschistische Losungen. Und sie waren natürlich flankiert von SS und wurden ständig dabei geschlagen und so weiter. Aber sie haben nicht aufgehört, zu rufen und ihre kämpferische Stellung einzunehmen. Und so führte man sie bis zu dem Galgen, der auch in der Nähe der Küche wieder angebracht war. Es war ein ganz gewöhnliches Holzgestell. Und bei dieser Hinrichtung war auch der Angeklagte Kaduk sehr zugegen gewesen. Und ich weiß mich zum Beispiel zu erinnern, daß Ernstl Burger ihm ins Gesicht gespuckt hat, weil er hat ihn natürlich geschlagen und irgendwie verhindern wollen, daß er seine Rufe also sagt. Nun, ich möchte sagen, daß diese Antifaschisten starben in einer Weise, die kolossal war.

Und ich möchte noch dazu folgendes sagen: Gegenüber dem Galgen war der 7. Block. Da waren die meisten deutschen Häftlinge untergebracht. Die haben in dem Moment, wo diese Jungen auf den Galgen gingen und in der Schlinge hingen, da haben sie die Mützen vom Kopf genommen, zu ihren Ehren . Und das hat sich irgendwie wie ein Lauffeuer über das ganze Lager ausgedehnt. Und vor den verschiedensten Blocks hat man da die Mützen abgenommen. Es gab dann eine Untersuchung, wer das veranlaßt hat. Aber es gab schon nicht mehr viel Zeit, denn es begann dann die Offensive, und am 17. Januar war die Evakuation.

Also ich möchte um das noch meine Aussage gegen Kaduk erweitern. Daß er bei dieser Hinrichtung sehr aktiv tätig war und daß er diese Leute bis zum letzten Moment noch durch seine Roheiten in den Tod begleitet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wären Sie so liebenswürdig und würden uns mal da vorn an dieser Karte zeigen, wo die Birkenallee ist und diese "Sauna", wo Sie da durchgeführt worden sind? Nein, nicht an dieser Karte, an der andern. [...] Da links unten sehen Sie einen schwarzen Pfeil. Das ist der Eingang zu dem Lager mit dem Tor.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, mit der Aufschrift "Arbeit macht frei", nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, ganz recht, das ist dieses Tor. Und wenn Sie dann weiter durchgehen, da sehen Sie rechts einen großen Bau, das soll der Küchenbau gewesen sein.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Das ist der Küchenbau gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Hier ist der 24er Block gewesen. Im Oberstockwerk des 24er Block war dann so irgendwie von der Hälfte des Halbjahrs

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, ja, das wissen wir.

 

Zeuge Viktor Lederer:

So irgendein Bordell oder so irgendwas gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Viktor Lederer:

23er, 22er. Was wollten Sie bitte von mir wissen?

 

Vorsitzender Richter:

Wo die Birkenallee

 

Zeuge Viktor Lederer [unterbricht]:

Ja, die Birkenallee war hier. Und hier war der 2er Block. Sehen Sie hier diesen Zwischenbau zwischen erstem und 2er Block, der hat irgendwie diese Blocks verbunden und hing irgendwie mit der "Sauna" zusammen. Ebenerdig im 2. Block war diese "Sauna" gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also zeigen Sie uns bitte mal, wo Sie gestanden haben beziehungsweise wo Sie angetreten sind zu dieser großen Selektion, von der Sie uns da vorhin erzählt haben. [...]

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich war damals am 16er Block. Na, das läßt sich schwer natürlich zeigen, ob ich auf diesem oder diesem Platz war. Wir gingen alle da durch. Wir liefen hier und gingen da durch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, würden Sie mal mit dem Stock auf die Karte drauffahren, damit wir sehen, wo Sie [+ waren]. Also hinter den Blocks her?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, von rückwärts gingen wir in den 2. Block herein.

 

Vorsitzender Richter:

Der war aber noch innerhalb des Stacheldrahts?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das da hinten hieß die Birkenallee?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Das sagte man immer, es waren ja auch kleine Birken dabeigewesen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da sind Sie hergekommen und sind dann in diesen Zwischenblock zwischen 2 und 3 da reingegangen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, nein. Soviel ich weiß, gingen wir in den 2er Block hinein. Direkt gingen wir durch die "Sauna". Diese Selektion fand statt in der "Sauna".

 

Vorsitzender Richter:

Und sagten Sie nicht vorhin, oder habe ich Sie da falsch verstanden, daß dieses Zwischengebäude zwischen den beiden Blocks, daß das die "Sauna" darstellt?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, also das kann ich nicht mit solcher Genauigkeit nach 20 Jahren sagen, ob das nun irgendwie mit der "Sauna" zusammenhing. Meine Erinnerung ist allerdings die, daß es irgendwie so einen Übergang gibt zwischen dem 1. und 2. Block.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, einen Überbau, ja.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, einen Überbau.

 

Vorsitzender Richter:

Dann wollen Sie bitte Platz nehmen.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und im übrigen haben Sie vorhin erwähnt, daß [Pause] Sie den Rapportführer Kaduk gesehen haben, wenn er die Aufsicht über die Schreiber führte oder wenn er da irgend etwas kontrollierte auf Block 14 oder 9a. Und da haben Sie bei Ihrer Vernehmung vor dem Gericht in Prag auch noch weiterhin einen Oberscharführer Clausen genannt.4

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns diesen Oberscharführer Clausen einmal ein bißchen beschreiben, damit wir uns vorstellen können, wie er ausgesehen hat?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, ich werde es versuchen. Na, erstens möchte ich sagen, daß Clausen, sagen wir, noch ein größerer Schrecken für die Häftlinge war als Kaduk, wenn das irgendwie überhaupt noch möglich ist. Also Clausen war ein Mann, der, sagen wir, 1,80 Meter groß hätte sein können. Er war breitschultrig, hatte ein sehr männliches Gesicht, sehr scharfe Züge. War verhältnismäßig jung, vielleicht dürfte er alt gewesen sein, sagen wir, 32 bis 35 Jahre. Nun, er hatte so eine typisch militärische Haltung.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er denn für Haare gehabt? Wissen sie das?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich nehme an, daß er dunkle Haare hatte. So braune Haare, nehme ich an.

 

Vorsitzender Richter:

Braune Haare, nehmen Sie an.

 

Zeuge Viktor Lederer:

So bräunliche Haare, aber so eine genaue Untersuchung habe ich mir nie gestatten können.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es wäre uns nur interessant gewesen, wenn Sie das genau sagen könnten. Haben Sie auch einen Scharführer oder Oberscharführer oder so etwas namens Klaus gekannt?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Gab es im Lager vielleicht einen besonderen SS-Mann, den man Klaus nannte, weil man seinen Nachnamen nicht wußte?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Herr Vorsitzender, ich weiß davon nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Davon wissen Sie nichts?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein. Überhaupt möchte ich eines sagen: Ich habe wenig Namen registriert in meinem Gedächtnis. Aus dem einfachen Grunde, weil ich das gar nicht in Erwägung gezogen habe, wie der heißt oder jener heißt. Ich habe viele Daten gesehen, aber ich könnte nicht genau sagen. Kaduk habe ich mir natürlich gut gemerkt, denn Kaduk war doch eine der Hauptfiguren im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich frage Sie deshalb, Herr Zeuge: Wir haben eine Szene geschildert bekommen, die sich in dem Hof zwischen Block 10 und Block 11 abspielte, wo eine ganze Familie, Vater, Mutter und Kinder, totgeschossen worden sind. Und da hat uns der Zeuge gesagt, der SS-Mann, der das gemacht habe, sei ein gewisser Klaus gewesen. Nicht Clausen, sondern Klaus. Und deshalb wollte ich das nur wissen, weil Sie ja auch eine Schilderung von dem Clausen gegeben haben, die sehr drastisch ist. Das heißt also, Sie haben ihn dargestellt als einen sehr rohen und sehr gefährlichen Menschen, und zu einem solchen würde auch das passen, was wir da von dem Block 11 erzählt bekommen haben. Aber Sie wissen nichts davon?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich weiß nur von Clausen. Ich habe von Klaus nichts gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal Gelegenheit gehabt, den Angeklagten Dylewski kennenzulernen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich könnte das nicht sagen. Ich möchte, wenn Sie, Herr Vorsitzender, gestatten, zu Ihrer Frage mit diesem 11. Block noch hinzufügen: Ich habe einmal ganz von der Nähe gesehen, wie hingerichtete Leute, die auf dem 11. Block - nach der Aussage, die mir im Gedächtnis blieb, waren das Partisanen, die irgendwie festgenommen wurden - wahrscheinlich vernommen und dann in schrecklicher Weise verstümmelt wurden. Frauen ohne Brüste, Männer mit ausgestochenen Augen. Ich hatte genug Zeit, das zu sehen. Denn man hat sie aufgeladen vor dem Zwischenblock, ja, denn zwischen dem 10. und 11. Block war so ein Hof gewesen, am Ende des Hofs war diese Schwarze Wand, wo die Hinrichtungen stattfanden. Und vor dem Block, vor diesem Hof war diese Aufladung. So wie Bretter wurden sie hinaufgeschmissen. Und ich sah das eben. Und das blieb mir sehr klar in Erinnerung.

 

Vorsitzender Richter:

Tja, aber wer da dabei war, wer das veranlaßt hat, das wissen Sie alles nicht.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Lederer, wissen Sie noch zu sagen, wer im Frühsommer 1943, als Sie sich in Block 19 oder Block 21 zuerst befanden, dort Dienst gemacht hat als SS-Mann als Sanitätsdienstgrad?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, also an den Namen kann ich mich nicht erinner n. Ich weiß von Häftlingen, wie sie hießen. Ich weiß, daß zum Beispiel da Grabczynski der Operateur war. Ich weiß mich an diesen Waldemar genau zu erinnern. Ich weiß mich an Kruczek zu erinnern, der am 19. Block war. Die SDGs und so weiter namentlich nicht.

 

Richter Hotz:

War da nur ein SDG im Dienst, oder haben die sich abgewechselt, waren mehrere dort tätig?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich glaube, mehrere, aber ich habe keine bestimmte

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Keine genaue Kenntnis.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Allerdings, damals im 5. Block wurde ich fünfmal operiert mit dieser Phlegmone und...

 

Richter Hotz:

Noch 43?

 

Zeuge Viktor Lederer:

In 43, als ich da operiert wurde wegen der Phlegmone und kam auf den 19er Block, da ist die Wunde schlecht geheilt, und man hat mich dann noch fünfmal also operiert, wie man sagte: "das wilde Fleisch herausgebracht" und so weiter. Also da mögen sich ja diese SDG abgewechselt haben, wenn sie irgendwie dabei Dienst hatten. Aber man führte uns herunter in das sogenannte Badezimmer. Wir warteten und gingen dann auf den Operationstisch. Und diese Operationen, die waren auch sehr human durchgeführt, denn sie waren ohne jede Betäubung und haben sehr angenehm gewirkt.

 

Richter Hotz:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Sind sonst von seiten des Gerichts noch Fragen zu stellen? Dann bitte, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Lederer, Sie haben vorhin erwähnt, daß Sie in Auschwitz zunächst bei dem Kommando Sola- Durchstich gearbeitet haben. Wo war diese Arbeitsstelle?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Die Arbeitsstelle war direkt beim Fluß gewesen. Weiden waren da, solche typischen Flußweiden. Und es ging darum, in dem Fluß so irgendwas wie eine Dämmung zu bauen. Unser Aufgabe bestand darin, wenn man das als Aufgabe bezeichnen kann, also das Material, das da irgendwie aufgebracht wurde, Steine und Sand und so weiter aufzuladen auf Schubkarren. Und nun war so ein verhältnismäßig schmales Brett in den Fluß hineingelegt, und über dieses schmale Brett haben wir das Material geschafft und dort in den Fluß abgeworfen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie noch eine Erinnerung, wie weit die Sola vom Stammlager entfernt war?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, es dürfte immerhin bis 40 Minuten Zeit gekostet haben, bis wir vom Lager zur Sola herunterkamen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie waren denn die Bodenverhältnisse zwischen Sola und Stammlager, oder können Sie auch etwas sagen, wie sie im St ammlager waren? War das ausgesprochen feuchtes Gelände oder mehr trocken?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, nein, es war natürlich feuchtes Gelände dort. Ich habe ja schon gesagt, daß es da also verhältnismäßig viel Malaria gab. Deshalb wurde auch dieses Anophelespulver, oder wie das hieß, geliefert. Und in dem Kommando Schädlingsbekämpfung war das zur Verfügung. Also ich glaube, man kann sagen, daß es ein sehr ungesundes und raffiniert ausgesuchtes Klima war.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Würden Sie sagen, es handelte sich um Sumpfgelände?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Na, also direktes Sumpfgelände, das kann man nicht so sagen. Aber ich habe zum Beispiel so eine genaue Erinnerung: Im Januar 1944, als ich aus dem Krankenbau zum ersten Mal herausging und auf den Bauhof kam, war auf Block 17a - der Bauhof war eines der schlechtesten Kommandos gewesen. Da haben wir so Waggons hin und her geschoben. Und da hatte ich nur so Holzschuhe an, und das Gelände war so sumpfig oder so kotig gewesen, daß mir eben auch meine Schuhe stecken blieben. Und ich konnte nicht weiter, und da bekam ich eben einen Schlag über das Hinterteil von dem SS-Mann, der da Dienst hatte, und bekam die neue Phlegmone. Also ich glaube, man kann sagen, das Gelände war verhältnismäßig sehr häufig kotig gewesen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Waren zu Ihrer Zeit, als Sie nach Auschwitz kamen, die Blocks schon gebaut, oder haben Sie noch Baugruben gesehen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, soviel ich weiß, war das ganze Lager erbaut gewesen. Allerdings später, wie ich dann im Kommando Schädlingsbekämpfung war, so ungefähr zehn Minuten vom Lager entfernt, gab es dann ein zweites Lager, ähnlich angelegt. Das hat allerdings als SS-Ubikation gedient. Und da waren auch die Kanzleien zum Beispiel untergebracht, am 5. Block, der Schädlingsbekämpfung. So lernte ich das kennen. Und im Rahmen dieses neuen Lagers gab es verschiedene Kommandos wie zum Beispiel SS-Schneiderei. Es wurden dann auch zwei Frauenblocks dort eingerichtet, und es gab dann einen verhältnismäßig starken Flugangriff auf dieses Lager, und ein Teil der Blocks wurde vernichtet oder teilweise vernichtet. Soviel ich weiß, bei der Bombardierung wurde gerade diese Schneiderei sehr hergenommen, und viele, 60, 70, vielleicht mehr Häftlinge, kamen dabei ums Leben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke, ich habe sonst keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond? Herr Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Lederer, welche Stellung hatte dieser Clausen, den Sie nannten, im Lager? Was für eine Funktion im Rahmen der SS?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich nehme an, daß er auch so etwas wie Rapportführer war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie Rapportführer. Sie sagten, er war noch gefürchteter fast als Kaduk. War der Clausen auch so bekannt und so verschrien im ganzen Lager? War das ein Begriff für alle Häftlinge?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Na, ich denke schon. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie alt war der Clausen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich sagte schon, er mag so ungefähr in der Mitte der dreißig gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sagte er bereits, 32 bis 35 Jahre, hat er gesagt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, Herr Rechtsanwalt, er hat gesagt 32 bis 35.

 

Zeuge Viktor Lederer [unterbricht]:

Ja, das kann man nicht genau festlegen.

 

Vorsitzender Richter:

32 bis 35, so habe ich es aufgeschrieben. Die andern auch. Errare humanum est. Herr Doktor Kaul?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten des Herrn Doktor Jugl?

 

Verteidiger Jugl:

Herr Lederer, Sie sagten, diese Selektion am 18. August 43 unter Mengele, da wüßten Sie das Datum genau. Können Sie sagen, wieso Sie das Datum genau wissen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nun, ich kann das ungefähr sagen. Mir blieb der 18. August deshalb im Gedächtnis, weil es gerade eines der schrecklichsten Tage meines Lebens war. Sehen Sie, es war eine ganz große Selektion gewesen. 70 Prozent ungefähr aller Häftlinge wurden ausgewählt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

In den Krankenbauten?

 

Zeuge Viktor Lederer:

In dem Krankenbau natürlich. Diese Freundschaft mit dem kleinen Franzosen, aber überhaupt mit diesen jungen Leuten dort. Na, kurz und gut, auch daß ich selbst also...

 

Vorsitzender Richter:

Ausgewählt war.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ausgewählt war. Das ist doch ganz begreiflich, daß ein solcher Termin im Kopf bleibt. Ich will allerdings nicht behaupten, daß es genau der 18. August sein mußte. Mir blieb der 18. August so im Gedächtnis.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage?

 

Verteidiger Jugl:

Und Kaduk bringen Sie damit in Erinnerung, daß er am gleichen Tag oder am nächsten Tag dann kam und die Ausselektierten abholte, ja?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ja, ja.

 

Verteidiger Jugl:

Nun, Herr Direktor, ich halte vor aus der Anlage zum Protokoll vom 30.12.63. Nach dieser amtlichen Auskunft5 ist Kaduk zu dieser Zeit in Urlaub gewesen und am 21. August, drei Tage später bereits, nicht in Auschwitz, sondern außerhalb ins Lazarett eingeliefert worden. Deshalb diese Frage nach dem Datum.

 

Vorsitzender Richter:

30. August 1963. Und wer hat die Feststellung damals getroffen?

 

Verteidiger Jugl:

Das ist diese Auskunft dieser Wehrmachtdienststelle von Berlin. Ich weiß es nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Und nach dieser Auskunft war Kaduk vom

 

Verteidiger Jugl [unterbricht]:

Im August in Urlaub und ist im Urlaub erkrankt an Malaria und im Lazarett Königshütte eingeliefert worden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber von wann ab im August?

 

Verteidiger Jugl:

Das war nicht feststellbar dort. Jedenfalls am 21. August im Lazarett Königshütte, also außerhalb von Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Herr Zeuge, hören Sie, was hier gesagt wird. Also es wird hier gesagt, daß Kaduk nach einer Auskunft der Wehrmachtsauskunftsstelle im August in Urlaub sich befunden habe und wegen Erkrankung am 21. August nach Königshütte in das Lazarett eingeliefert worden sei. Womit der Verteidiger sagen will, dann wäre es nicht gut möglich, daß er am 18. August oder am 19. August sich dort betätigt hat so in der Weise, wie Sie das erzählt haben.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Na, für mich ist eines ganz sicher: Daß Kaduk diese Aktion durchgeführt hat, von der ich sprach. Und ich bin in der Lage und jederzeit bereit, mit ihm gemeinsam in Auschwitz genau den Platz zu zeigen, wo er das durchgeführt hat. Ich weiß den Platz ganz genau, denn ich habe die ganze Szene beobachtet. Meiner Meinung war es der 18. August. Ich hätte grade sagen können: irgendwann im September. Aber ich wollte es so sagen, wie ich es in meinem Gedächtnis habe. Vielleicht war es später, vielleicht etwas früher, das kann ich nicht genau sagen. Aber daß es Kaduk war, daran halte ich fest und bin bereit, jederzeit dort den Augenschein durchzuführen und den Platz zu zeigen, wo das vor sich ging.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage?

 

Verteidiger Jugl:

Dann eine weitere Frage: Diese Selektion da, diese letzte Selektion, die Sie sagen, war da auch Clausen dabei neben Kaduk?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Ich weiß mich nicht daran zu erinnern, daß Clausen dabei war.

 

Verteidiger Jugl:

Und ob diese Leute dann getötet wurden, das können Sie nicht mit Sicherheit sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er schon gesagt.

 

Verteidiger Jugl:

Wäre es denkbar, daß diese Leute zum Arbeitseinsatz ausgesucht wurden?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, es ging um eine normale Selektion. Das war offenes Geheimnis im Lager. Wir haben doch im Lager nicht gelebt wie irgendwelche kleine Kinder. Im Lager gab es doch, wie soll ich mal sagen...

 

Vorsitzender Richter:

Einen Nachrichtendienst?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, nicht nur das, aber man hatte doch seinen Instinkt, man hatte sein Gefühl. Man lebte ja wie ein wildes Tier, das sich irgendwie schützt vor, was weiß ich, vor dem Jäger oder so irgendwie. Das war ganz klar, daß es eine Selektion war. Ich kann das nicht genau wissen, ob sie abgeführt wurden oder nicht. Und weil ich mich genau an die Wahrheit halten will, so sage ich: Ich weiß es nicht genau. Denn wie soll ich denn das wissen? Es waren dann solche Gerüchte, und deshalb habe ich das der Wahrheit halber hinzugefügt, es gab Gerüchte, daß sie vielleicht nicht abgeführt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun, aber etwas anderes können Sie uns vielleicht noch sagen: Die Leute, die ausgewählt wurden, um getötet zu werden, waren meistens schwache, abgemagerte, kranke Leute. Und die Leute, die auf Transport gingen, das heißt, um irgendwo anders in Arbeit eingesetzt zu werden, das waren ja nicht solche abgemagerten, schwachen und kranken Menschen, sondern das waren ja meistens noch arbeitsfähige Leute. Und bei dieser letzten Selektion, was waren denn das da für Leute, die ausgesucht wurden? Waren das schwache und abgemagerte sogenannte Muselmänner, oder waren das Leute, die von den Schwachen noch die Kräftigsten waren?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Na, ich nehme an, daß das die Schwächsten waren.

 

Vorsitzender Richter:

Die Schwächsten.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Also das ist das normale System, daß Selektionen vor sich gingen. Dabei ist es allerdings meiner Meinung nach nicht immer ganz so vor sich gegangen, wie gesagt wurde. Denn es kam ja auch so, daß jemand am Anfang gleich gar nicht so schwach war. Aber er dachte, er hat die Verhältnisse im Lager nicht gekannt, er wußte nicht, daß ihn Gas erwartet. Wenn er vor den Lagerarzt kam, da sagte er, er fühlt sich nicht gut: "Ich bin krank." Er fragte ihn: "Sind Sie krank, sind Sie gesund?" Er sagt: "Ich bin krank." Er dachte, daß er dadurch irgendwie auf leichtere Arbeit kommt oder so irgendwie, besonders ältere Menschen, Frauen und so weiter. Ich glaube, viele Menschen sind auf diese Weise ins Gas gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage? Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

In diesem Zusammenhang bitte ich Sie, mir zu gestatten, eine Frage an den Angeklagten Kaduk zu richten.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Kaduk, kannten Sie in Auschwitz einen SS- Angehörigen namens Klaus?

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl. Otto Clauss. In der Aufnahme war er gewesen.

 

Verteidiger Laternser:

In welcher Aufnahme?

 

Angeklagter Kaduk:

In der Häftlingsaufnahme war er gewesen. Und wir hatten einen Rapportführer Clausen. Der war der 1. Rapportführer, der Heinz Hertwig war der 2. Rapportführer, und ich war der 3. Rapportführer gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war denn der Otto Clauss im Lager?

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Vorsitzender, die genaue Zeit kann ich Ihnen nicht angeben. Ich möchte keine falschen Aussagen machen. Zuletzt hat er die Wäscherei gehabt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Dann müßte doch auch der Angeklagte Stark den Namen kennen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie ist es mit Ihnen, Stark? Kennen Sie den Otto Clauss.

 

Angeklagter Stark:

Der war doch bei mir.

 

Vorsitzender Richter:

Der war bei Ihnen? In welcher Zeit war er denn bei Ihnen?

 

Angeklagter Stark:

[Pause] Ich war ja allein bis zu meinem ersten Urlaub. Und kurz vorher kamen dann die anderen Leute, ich möchte sagen, Herbst 41.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Herbst 41 bis wann?

 

Angeklagter Stark:

Immer, nachher bin ich ja doch weggekommen, da waren die immer noch da.

 

Vorsitzender Richter:

Und welchen Dienstgrad hatte der Clauss?

 

Angeklagter Stark:

Der kam, glaube ich, als Sturmmann damals, wurde auch, glaube ich, so lange ich da war, noch Rottenführer.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] So, dann nehmen Sie wieder Platz.

 

Angeklagter Stark:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Eine Frage an den Herrn Kaduk: Kaduk, wie sah denn dieser Clauss aus?

 

Angeklagter Kaduk:

Ja, das kann ich nicht so genau

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Wie alt war er?

 

Angeklagter Kaduk:

Der war damals ungefähr... na, also...

 

Nebenklagevertreter Raabe:

War er jung oder war er alt?

 

Angeklagter Kaduk:

Na, er war älter schon gewesen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Etwa?

 

Angeklagter Kaduk:

Tja, sagen wir mal 38 oder 40 Jahre alt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

38 oder 40. War er groß oder klein?

 

Angeklagter Kaduk:

Er war eher klein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wissen Sie, woher er stammte?

 

Angeklagter Kaduk:

Ich habe keine Kartei geführt, ich habe mich nicht interessiert für die SS-Leute [unverständlich] Kann mich nicht erinnern.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

[Pause] War er verheiratet?

 

Angeklagter Kaduk:

Er war verheiratet gewesen, jawohl [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wissen Sie zufällig, ob er Kinder hatte?

 

Angeklagter Kaduk:

Ja?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich meine, hatten Sie näheren Kontakt mit ihm?

 

Angeklagter Kaduk:

Ich hatte keinen näheren Kontakt. [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Stark, ich habe an Sie noch eine Frage.

 

Angeklagter Stark:

Ich beantworte jetzt keine Fragen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na, dann werden Sie aber wohl Fragen des Herrn Vorsitzenden beantworten.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Frage hätten Sie an den Angeklagten?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Der Stark sagte eben, daß der Clauss bis zum Schluß blieb in dieser Abteilung, und Kaduk hat uns eben gesagt, daß er dann später die Wäscherei hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Sie haben nicht recht verstanden, was der Stark gesagt hat. Stark hat gesagt: "Bis zu meinem Weggang blieb er dort, und als ich wegging, war er noch dort." Also nicht bis ganz zum Schluß, sondern bis zu dem Moment, wo Stark wegging.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind - Kaduk.

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Vorsitzender, ich persönlich habe im Stammlager Auschwitz keine Häftlinge selektiert. Bei der Selektion am 18. August 1943 war ich nicht zugegen gewesen, und zweitens hatte ich mit dem Block 19, 20, 21 und Block 28 nichts zu tun gehabt. Da waren die Lagerärzte gewesen. Ich persönlich habe nicht entschieden.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Sie haben das auch nicht richtig mitbekommen. Der Zeuge hat ja gesagt, bei dieser Selektion am 18. August 43 sollen Sie nicht die Selektion durchgeführt haben, sondern Sie sollen am selben oder am nächsten Tag gekommen sein und sollen die Häftlinge aufgeladen haben und fortgefahren haben.

 

Angeklagter Kaduk:

Nein, war ich nicht in Auschwitz gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie nicht. Ja. Und die übrige, die andere Selektion?

 

Angeklagter Kaduk:

Die Selektion vom Oktober 44?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Kaduk:

Da waren keine Selektionen ins Gas gekommen. Es waren Selektionen gewesen, wurden Arbeitskräfte zusammengestellt, und die wurden auf die Außenlager verlegt.

 

Vorsitzender Richter:

Nur merkwürdig ist, daß diese Arbeitskräfte dann die Schwächsten waren, die sie da hatten.

 

Angeklagter Kaduk:

Wir haben keine schwachen Häftlinge ausgesucht. Ich war ja gar nicht zuständig gewesen. Nur der Arbeitseinsatz hat die Häftlinge gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben doch dies, was uns der Zeuge eben erzählt

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Jawohl, ich habe es ganz genau gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie es wiederholt gehört von andern Zeugen, die uns immer und immer wieder diese Selektion geschildert haben.

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Ja, ich persönlich, ich habe nicht entschieden in Auschwitz, weil ich nicht zuständig gewesen bin.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Stark, hatte der Clauss rote Haare?

 

Angeklagter Stark:

[Pause] Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

[unverständlich] Noch eine Frage in dem Zusammenhang an den Angeklagten Stark: Ist es möglich, daß der Clauss aus Lauffen am Neckar gestammt hat?

 

Angeklagter Stark:

Ja. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Und daß er im Zivilberuf Wäschereibesitzer war?

 

Angeklagter Stark:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Jugl:

Herr Lederer, Sie sagten, es waren Gerüchte im Lager damals, daß diese Leute von der Selektion 1944 nicht ums Leben kamen. Können Sie über die Gerüchte noch Näheres sagen?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, ich möchte Sie auch bitten, daraus nicht eine Theorie zu schaffen. Ich habe ja gesagt, die Verhältnisse haben sich irgendwie geändert, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie nicht ins Gas gingen. Allerdings ist es anzunehmen, daß sie ins Gas gingen. Es ist nicht möglich, meine Aussage so zu werten, daß sie also nicht ins Gas gingen. Es ist auch ausgeschlossen, so zu antworten, wenn ich die Freiheit habe, das zu sagen, das Recht habe, es zu sagen, wie der Angeklagte Kaduk darauf geantwortet hat. Er soll sagen, eindeutig und klar, ob er sich damit befaßt hat, von verschiedenen Blocks, auch von Krankenbaus, Abtransporte ins Gas irgendwie zu führen. Ich habe nicht gesagt, daß er bei der Selektion war in diesem Fall.

 

Vorsitzender Richter:

In diesem Fall.

 

Zeuge Viktor Lederer:

Überhaupt, das Spiel mit den Terminen halte ich für gar nicht sehr wichtig. Man muß doch sehen, daß man mit erwachsenen Menschen spricht. Ich habe mich bemüht, das zu fixieren auf den 18. August. Aber es ist selbstverständlich möglich, daß es auch wann anders war. Meine Erinnerung und mein Gehirn sagen mir eindeutig klar, daß ich den kleinen Franzosen knien sah vor Kaduk. Und Kaduk hat ihn mit seinen Füßen zertreten. Das sage ich hier vor dem Gericht aus, ja. Und man kann sich nicht hinter irgendeinen Termin jetzt stellen und sagen: Ja, am 18. August war ich auf Urlaub gewesen. Kaduk hat diesen Mord begangen. Dahinter stehe ich. Und deshalb habe ich mich ja auch gemeldet, weil ich mich sonst vielleicht nicht gemeldet hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagten Sie schon. Was haben Sie

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Herr Zeuge, und ich behaupte, das ist nicht wahr. Wenn einer, sagen wir mal, ins Gas gekommen ist, habe ich niemanden geschlagen. Die wurden listenmäßig erfaßt und wurden aufgeladen, und da habe ich niemanden geschlagen. Auch kein Blockführer hat sie geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sich denn an diesem Aufladen beteiligt?

 

Angeklagter Kaduk:

Streite ich ja gar nicht ab, Herr Vorsitzender. Der Zeuge soll bei der Wahrheit bleiben, nichts anderes. Ich will keine Gnade von niemandem haben. Was ich getan habe, habe ich getan. Aber ich sehe nicht ein, daß ich heute der letzte bin vom Stammlager Auschwitz und daß alles auf mich geschoben wird, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Eine einzige Frage, Herr Zeuge. Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Menschen das am 18. August waren, die abtransportiert wurden? Es ist natürlich schwer zu beantworten

 

Zeuge Viktor Lederer:

Nein, ich werde Ihnen schon irgendwie versuchen zu antworten. Zum Beispiel ging damals die ganze sogenannte Durchfallstube. Sehen Sie, ich habe meine Aussage so kurz als möglich gehalten, weil ich weiß, daß Sie nicht so viel unnütze Zeit haben. Also die "Durchfallstube" ging damals als Ganzes, das kam nicht sehr häufig vor. Es war sichtlich eine Aktion im Gang, so viele als möglich ins Gas zu schicken.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Eine rigorose Aktion? [...]

 

Zeuge Viktor Lederer:

Also die ganze "Durchfallstation". Nun, oben in dieser Stube, wo ich lag, da waren es ungefähr 60, 70 Prozent. Na, sagen wir mal, auf der Stube als solcher, nicht im ganzen Saal, könnten so gelegen sein 50, 60 Häftlinge, soweit ich mich erinnere. So daß das ungefähr von jeder Stube 70 Prozent waren. Man könnte das errechnen. Also es dürften von diesem Block immerhin einige hundert Häftlinge gewesen sein, die damals ins Gas gingen. Und, wie gesagt, einige Namen dieser Leute blieben mir im Gedächtnis.

Darf ich vielleicht noch etwas mir gestatten? Da fällt mir ein in Verbindung mit dieser Selektion, daß zum Beispiel auch solches vorkam: Es gab da einen Häftling, der hieß Goldmann. Und soweit ich mich erinnere, ich kann es natürlich auch nicht mit Sicherheit sagen, er war aus Frankfurt am Main, grade aus dieser Stadt hier. Und er hatte - ob er selbst Jude war, weiß ich nicht, vielleicht Halbjude war er gewesen - eine arische Frau jedenfalls und hatte einen Sohn. Und der Sohn hat bei Stalingrad gekämpft oder ist sogar dort gefallen. Ich weiß das sehr gut, weil ich mit ihm ein paarmal gesprochen habe. Ich bin damals schon so herumgehumpelt und konnte mich ein bißchen bewegen. Und nun kam da diese schreckliche Tragikomödie vor. Dieser Goldmann war natürlich der Meinung, daß er nicht ins Gas gehen wird, weil er ja erstens einmal eine arische Frau hat, aber zweitens hat er immer gesagt: "Ja, mich wird man doch nicht ins Gas schicken, mein Sohn ist doch deutscher Soldat" oder: "kämpft bei Stalingrad" oder: "ist gefallen bei Stalingrad" und so weiter. Er war so ein ganz langer, dürrer Mensch gewesen, hat schrecklich ausgesehen, bekam aber als einer der wenigen Pakete. Nun kam es da zu solcher Szene: Ungefähr vier-, fünfmal ging er wirklich nicht ins Gas, und zum fünften Mal hat man ihn ausgesucht. Wenn er ausgesucht war, da hat er sich gar nichts draus gemacht, weil er gewußt hat, daß er ausgeschaltet wird. Aber er mußte antreten und sollte weggeführt werden. Na, da hat er eine schreckliche Szene gemacht: "Ich bin ein Vater eines deutschen Soldaten" und so weiter. Kurz und gut, es war ihm nichts nütze, und er ging weg. Das heißt also, wie Sie sehen, es war Verschiedenes möglich. Auch in diesem Fall ging der Mann ins Gas.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind - bezüglich der Beeidigung werden keine Anträge gestellt. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Viktor Lederer:

Selbstverständlich.

 

 

- Schnitt -

 

1. Transport von Prag nach Ujazdów. Vgl. Dimension des Völkermords, S. 362.

2. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 17.497.

3. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 17.498.

4. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 25.11.1963 in Prag, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 92, Bl. 17.497.

5. Auskunft der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt), Berlin-Borsigwalde, vom 29.11.1963, Anlage 5 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 30.12.1963, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 95.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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