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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

137. Verhandlungstag, 18.2.1965

 

Vernehmung des Zeugen Eugen Lazar

 

Vorsitzender Richter:

Vor den Strafen des Meineids. Ihr Eid bezieht sich auch auf die Angaben über Ihre Person, also auf Ihre Personalien.

Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Lazar, Sie heißen mit Vornamen Eugen. Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Eugen Lazar:

44.

 

Vorsitzender Richter:

44 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ledig?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Geschieden.

 

Vorsitzender Richter:

Geschieden. Sie wohnen in?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Frankfurt, Main.

 

Vorsitzender Richter:

Zur Zeit Untersuchungshaftanstalt in der Hammelsgasse.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind von Beruf?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Kaufmann.

 

Vorsitzender Richter:

Und nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind benannt worden, und zwar wegen eines Briefes, den Sie geschrieben haben an die Rechtsanwälte Ormond und Raabe. Und wegen dieses Briefes sollen Sie hier jetzt gehört werden, insbesondere darüber, was Ihnen der Angeklagte Baretzki erzählt hat über die Tätigkeit des Doktor Lucas auf der Rampe in Birkenau.1

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja, soll ich?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Das war etwa vor 14 Tagen, an einem Mittwoch war es. Herr Baretzki fragte mich, ob ich in der Zeitung gelesen habe – irgendeine Aussage war da gewesen in bezug auf den Angeklagten Mulka. Und daraufhin sagte ich: »Ich habe nur die Rundschau, und in der Rundschau stand nichts darüber.«

Daraufhin sagte er: »Ja, die Herren Offiziere, die wollen heute die Wohltäter spielen. Sie haben alle nichts gemacht, alle nichts gesehen. Nur wir, die Kleinen, sind heute an allem schuld.« Und ich sagte ihm daraufhin: »Ja, warum sagst du das eigentlich nicht dort bei dem Gericht? Warum sagst du es eigentlich hier?«

Sagt er: »Ich könnte [+ über] den Doktor Lucas was anderes erzählen. Nicht einen hat er, sondern zehntausend hat er ins Gas geschickt. Eines Tages«, sagt er, »da kam so ein ganzer Transport mit schönen, hübschen jungen Mädchen. Und wirklich, da haben wir noch gesagt, er soll sie doch hereinnehmen ins Lager. Und der Doktor Lucas hat gesagt: ›Ich kann doch die Mädchen nicht ins Männerlager reinnehmen.‹ Daraufhin hat er sie alle ins Gas geschickt. Er hätte sie doch nicht [+ schicken] müssen, er hätte sie doch ruhig auch mit ins Frauenlager hineinnehmen [+ können].«

 

Vorsitzender Richter:

Soll dieses ins Gas schicken auf der Rampe passiert sein, beim ankommenden Transport? Oder wie kommen Sie dazu, zu sagen, er hätte sie ins Gas geschickt?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Also ich habe das jetzt so wiedergeben, wie ich es in Erinnerung habe, wie er es mir erzählt hat.

Dann sagte er: »Oder wenn sie heute erklären, die Herren Offiziere, sie haben alles nicht gesehen, sondern nur wir, die Kleinen, haben alles gemacht. Letzten Endes«, sagt er, »konnte man doch ohne den Doktor Lucas die Leute gar nicht ins Gas schicken. Er war ja dort verantwortlich gewesen.«

Und daraufhin habe ich gesagt: »Wenn ich so etwas wüßte, dann würde ich mir selbst doch nicht alles zuschieben lassen.« Daraufhin sagt er: »Ja, wenn ich heute etwas sagen würde, wer weiß, wenn morgen etwas anderes kommt, dann könnte man mich noch erschießen.« Daraufhin sage ich: »Also ich zum Beispiel, ich war auch im Lager gewesen. Und ich hatte selbst einen rumänischen Wachmann, der hat mir ab und zu mal ein Stückchen Brot oder Salz oder eine Zwiebel zugesteckt. Und wenn ich den Mann heute treffen würde, würde ich für ihn sofort ohne weiteres aussagen, wenn er zu mir gut gewesen war.« Daraufhin sagte Herr Baretzki noch: »Ja, jeder ist ja nicht so wie du. Ich bin zwar jetzt auch in Verbindung mit einem Mann in Kanada, und den wollte ich auch angeben. Aber der hat Angst auszusagen, weil die anderen dann an ihn rangehen würden. Aber«, sagt er, »ich bin doch nicht blöd, ich bin doch nicht blind gewesen, wenn die Herren oder wenn der Doktor Lucas an der Rampe«, wortwörtlich: »Wenn er an der Rampe die Leute einfach ins Gas selektiert hat. Ich bin doch nicht blind gewesen.« Das war wortwörtlich. Da habe ich gesagt: »Sage das doch, das kann dich doch entlasten und nicht belasten.«

 

Vorsitzender Richter:

Hat er zu Ihnen gesagt, er hätte mit eigenen Augen gesehen, daß Doktor Lucas auf der Rampe in Birkenau Zehntausende von Menschen zur Vergasung selektiert hätte?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Er hat wortwörtlich gesagt: »Er hat nicht einen, er hat zehntausend ins Gas geschickt.« Oder: »Wenn sie heute sagen, daß sie nicht an der Rampe selektiert haben – heute schieben sie alles auf den Doktor Mengele. Der Doktor Mengele«, sagt er, »der hat sich für ganz andere Sachen interessiert.«

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie uns vorhin schon gesagt. Ich will jetzt wissen, ob er zu Ihnen gesagt hat, daß er das mit eigenen Augen gesehen hätte.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Also er hat wörtlich gesagt: »Ich bin doch nicht blind gewesen.« Als ich ihm bei der nächsten Gelegenheit – wir hatten ja einige Male die Möglichkeit zu sprechen – im Laufe des Gespräches wieder sagte: »Das kann ja jeder sagen. Hast du das gesehen?« Daraufhin – das war jetzt erst vor zirka acht oder zehn Tagen – sagte er: »Ich bin doch nicht blind, ich bin doch nicht blöd. Natürlich habe ich das gesehen. «

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie haben ihn ausdrücklich gefragt: »Hast du das gesehen?«

 

Zeuge Eugen Lazar:

»Ich bin doch nicht blind«, sagte er.

 

Vorsitzender Richter:

Worauf er gesagt hat: »Ich bin nicht blind.«

 

Zeuge Eugen Lazar:

»Und bin auch nicht blöd«, sagte er.

 

Vorsitzender Richter:

Woraus Sie entnommen haben, daß er es gesehen hat?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja, woraus ich entnommen habe, daß er es gesehen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Heute behauptet er nämlich, er hätte es nicht gesehen. Er hätte gar keine Möglichkeit gehabt, das zu sehen.

Daß der Angeklagte Doktor Lucas bei diesen Selektionen die alleinige Entscheidungsgewalt über Leben und Tod gehabt habe, hat er

 

Zeuge Eugen Lazar [unterbricht]:

Jawohl, das hat er mir wortwörtlich am Mittwoch, also vor acht Tagen, gesagt: »Ohne Doktor Lucas, da gab es das überhaupt nicht, daß man etwas machen konnte, damals. Letztendlich war er doch der Arzt, der zu bestimmen hatte.« Und wenn er damit zum Lagerkommandanten gekommen wäre, sagt er, der hätte ihm was erzählt, der hätte ihm in den Arsch getreten. Wortwörtlich.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Wenn der Doktor Lucas zum Lagerkommandanten gegangen

 

Zeuge Eugen Lazar [unterbricht]:

Zum Lagerkommandanten gekommen wäre, eventuell wegen dem Selektieren, ein anderer soll das machen, dann, sagt er, der hätte ihm was erzählt, der hätte ihm in den Arsch getreten. Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber so war es gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Außer dem Doktor Lucas waren doch auch noch andere Ärzte da.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Er hat mir von diesem Fall erzählt. Er hat sich aufgeregt, irgendwie auch darüber, daß der Doktor Lucas heute – wortwörtlich: »Fünf Minuten vor zwölf will er jetzt den Wohltäter spielen. Aber ich könnte was anderes erzählen, was ich gesehen habe. Und ich bin ja nicht blind gewesen. Heute glauben die Herren, daß wir nichts gesehen haben.«

 

Vorsitzender Richter:

Und wie war das nun mit den jungen Mädchen, die der Doktor Lucas nicht ins Lager genommen hat? Wo kamen die denn her?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Das hat er mir nicht gesagt, sondern ich habe ja nur zugehört. Sagt er: »Eines Tages kamen eine ganze Masse so schöne, junge, hübsche Mädchen an«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Kamen an?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Kamen an, ja. »Und da haben wir noch gesagt, er soll sie doch reinnehmen ins Lager. Und der Doktor Lucas hat dann gesagt: ›Ich kann doch keine Mädchen ins Männerlager reinnehmen.‹ Und dann hat er sie ins Gas geschickt. Er hätte sie doch nicht ins Gas schicken müssen. Er hätte sie doch ins Frauenlager hereinnehmen können. Wirklich so schöne, hübsche Mädchen mit langen Haaren.«

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage? Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Zwei Fragen, Herr Lazar. Sie haben sich mit Herrn Baretzki in Deutsch unterhalten?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Deutsch unterhalten, jawohl.

 

Richter Hotz:

Und die nächste Frage: Wo sind Sie selbst im KZ gewesen?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ich war in Sachsenhausen, Berlin-Oranienburg.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage von seiten der Staatsanwaltschaft? Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, sind Sie Jude?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sind Ihre Eltern in Auschwitz vergast worden?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul? Von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Doktor Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Zeuge, Sie haben gesagt, daß Sie bestraft sind. Sind Sie wegen Betrugs vorbestraft?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja, ich bin einmal wegen Betrugs vorbestraft. Das liegt jetzt 13 Jahre zurück. Das ist meine einzige Strafe, die ich überhaupt in meinem Leben erhalten habe.

 

Verteidiger Aschenauer:

Dann eine weitere Frage. Sie haben gesagt, daß Baretzki Ihnen gesagt hätte, auch er hätte einen Entlastungszeugen.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Jawohl.

 

Verteidiger Aschenauer:

An den kann er nicht heran, denn die anderen würden an ihn herangehen.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Da habe ich noch gesagt, ich würde ihm dabei gerne helfen, auch mit dem Entlastungszeugen. Wenn ich könnte, würde ich mich selbst in Verbindung setzen, damit man ihn entlasten soll, wenn er einem Menschen geholfen hat. Das habe ich ihm selbst gesagt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Hat Ihnen der Baretzki gesagt, daß, wenn dieser Entlastungszeuge, ein jüdischer, glaube ich, aussagen würde, andere ihn umbringen würden, den Entlastungszeugen?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Er hat gesagt, daß er Angst hat, daß die anderen ihm etwas antun könnten. Und deswegen sagt dieser Entlastungszeuge für ihn nicht aus. Daraufhin habe ich ihm gesagt, ich würde mich persönlich in Verbindung setzen mit diesem Entlastungszeugen, damit er ihn entlastet, wenn er wirklich etwas Anständiges, wenn er Gutes getan hat. Da würde ich mich persönlich dafür einsetzen, auch mit dem Entlastungszeugen angeblich von Israel. Das habe ich selbst in den Zeitungen verfolgt, und ich habe gesagt, ich würde mich selbstverständlich für solche Sachen, wenn ich es weiß, einsetzen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Der Ausdruck »umbringen« ist nicht gefallen?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Nein, der ist nicht gefallen, sondern er hat gesagt, die würden dann gegen ihn was tun. Aber »umbringen« hat er nicht gesagt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich lese nämlich hier in dem Brief, da schreiben Sie, daß Baretzki Ihnen gesagt hat: »›Ich habe mit einem Juden, der in Kanada lebt, Kontakt. Ich stehe mit ihm in Verbindung. Aber der traut sich für mich nicht auszusagen, weil ihn die anderen dann umbringen.‹ Ich sagte dann, das wäre Unsinn. Wenn jemand zu mir anständig war, so würde ich mit dem Feind für ihn aussagen.«2 Danke, keine weitere Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Herr Rechtsanwalt Stolting. Zu dem, was eben der Herr Doktor Aschenauer Sie gefragt hat, scheinen mir doch gewisse Korrekturen nötig zu sein, damit Sie hier nicht etwa was Falsches aussagen. Zunächst einmal sind Sie doch sowohl in Paris wegen Devisenvergehens bestraft worden?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Nein, da bin ich nicht bestraft worden.

 

Vorsitzender Richter:

Zu einem Jahr Gefängnis in Abwesenheit und 350.000 Francs.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja, davon habe ich erst nach einigen Jahren erfahren. Da hat angeblich ein Mann, der wußte, daß ich mich nicht in Frankreich aufhalte, gesagt, der Lazar war es. Und in Frankreich ist es bekannt, daß man sogar wegen einer Übertretung in Abwesenheit schon zu einem Jahr ohne weiteres verurteilt wird, wenn man nicht anwesend ist.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Und am 28. Januar 53 hat der Untersuchungsrichter in Pontoise Haftbefehl wegen Herstellung falscher Urkunden gegen Sie erlassen.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja. Pardon, bin ja mit einem falschen Paß nach Deutschland damals hereingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Deswegen bin ich auch bestraft worden.

 

Vorsitzender Richter:

Eben. Und dann haben Sie sich mit dem Herrn Steinfels zusammengetan. Und stimmt es nicht, daß Sie dann von der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Wiesbaden wegen Abschiebung von Falschgeld und Betrugs zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt worden sind?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Nicht wegen Abschiebung, sondern wegen Mitwisserschaft. Ich habe fünf Monate dafür bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Weil ich das nicht angezeigt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ich habe fünf Monate dafür bekommen für die Mitwisserschaft dieser Sache.

 

Vorsitzender Richter:

Am 30. März 54 vom Landgericht in Wiesbaden wegen Abschiebung von Falschgeld, Betrug und anderem zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis [+ verurteilt]. Das stimmt, nicht?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Jawohl, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Strafe haben Sie bis zum 20.1.56 teilweise verbüßt, der Rest ist Ihnen auf Bewährung erlassen worden.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann hatten Sie ein weiteres Strafverfahren, in dem Sie freigesprochen worden sind mangels Beweises.

 

Zeuge Eugen Lazar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann hatten Sie sich mit der Firma Euram zusammengetan und so weiter und so weiter. Ich will das jetzt nicht alles hier im einzelnen aufgreifen. Das läuft ja noch.

Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting II.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Eine Frage habe ich noch in dem Zusammenhang. Herr Zeuge, habe ich Sie richtig verstanden, daß die Taten, aufgrund derer in Paris ein Haftbefehl erlassen wurde, wie Ihnen eben der Herr Vorsitzende vorhielt, dann zusammen Gegenstand des Verfahrens in Wiesbaden waren, oder?

 

Zeuge Eugen Lazar:

Nein, das war nicht Gegenstand des Verfahrens.

 

Vorsitzender Richter:

Es war eine ganz andere Sache.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat hier gefälschte Dollars abschieben wollen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Steht das eigentlich im Zusammenhang mit der Frage, ob er beeidigt werden soll oder nicht, oder mit der Frage, was den Gegenstand dieser Untersuchung bildet? Darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf 68a, Absatz 2 richten: »Der Zeuge soll nach Vorstrafen nur gefragt werden, wenn ihre Feststellung notwendig ist, um über das Vorliegen der Voraussetzung des § 60 Nr. 2 oder 3 zu entscheiden oder um seine Glaubwürdigkeit zu beurteilen.«3

Baretzki hat nämlich zu 99 Prozent all das bereits zugegeben, was der Zeuge hier bestätigt.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, zum Beispiel hat Baretzki

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Deswegen müssen wir uns nicht über Devisendelikte in Paris unterhalten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gesagt, er konnte es nicht sehen. Und zu dem Zeugen

 

– Schnitt –

 

Angeklagter Baretzki:

Ich kann ja nicht sagen, daß ich gesehen habe, wie Lucas sagt: »Hier der geht ins Gas, und der geht ins Gas.« Daß ich ihn selektieren gesehen habe, das ist ja hundertprozentig. Aber daß er gesagt hat: »Du gehst ins Gas und du nicht«, so nahe kam ich an den doch nicht ran. Der hätte gesagt: »Was suchen Sie denn hier?« Meinen Sie, da konnte sich ein Blockführer beim Offizier so hinstellen? Das war ganz anders. Da haben Sie schon Ihren Abstand gehabt von den Offizieren, und dann sind Sie schon abgehauen. Aber [+ Sie haben sich] nicht da hingestellt und gesagt: »He, Kamerad, was machst du?« So war es nicht. Und heute stellt man es so hin, als seien da alle Kameraden gewesen. Das war nicht der Fall.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Baretzki, ist es richtig, daß Sie dem Zeugen auf die Frage, ob Sie das gesehen hätten, gesagt haben: »Ich bin doch nicht blind, ich bin doch nicht blöd«?

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl, das habe ich gesagt. Das habe ich auch selber gesehen. Ich kann es aber nicht genau sagen. Das Gericht hat mich vielleicht verkehrt verstanden. Ich habe nicht genau gesehen, wenn er gesagt hat: »Hier, du bleibst hier, und du gehst hierhin.« So nah konnte ich an den nicht kommen. Ich habe ihn aber selektieren gesehen. Das habe ich ja gesagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben ihn da gesehen, wo selektiert worden ist. Ist es richtig, daß Sie gesehen haben, daß an dieser Stelle die Leute auseinandergegangen sind?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, hundertprozentig.

 

Vorsitzender Richter:

Werden bezüglich der Beeidigung des Zeugen Anträge gestellt?

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. Beweisantrag der Nebenklagevertreter Ormond und Raabe vom 17.02.1965 und die Briefe des Zeugen Lazar vom 04.02. und 10.02.1965, Anlage 5 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.02.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 108.

2. Brief des Zeugen Lazar vom 10.02.1965 an Rechtsanwalt Ormond, Anlage zum Beweisantrag der Nebenklagevertreter Ormond und Raabe vom 17.02.1965, Anlage 5 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.02.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 108.

3. StPO.

 

 
 
 
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