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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

24. Verhandlungstag, 6.3.1964

 

Vernehmung des Zeugen Hermann Langbein

 

Vorsitzender Richter:

Wir werden Ihre Aussage auf Tonband aufnehmen, wenn Sie damit einverstanden sind, um dem Gericht eine Stütze zu geben bei der Urteilsfindung, weil wir die ganze Aussage nicht mitschreiben können.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind einverstanden. Herr Langbein, Sie sind nach Auschwitz gekommen, und zwar nachdem Sie vorher in Frankreich aus politischen Gründen verhaftet worden waren. Sie waren in französischen Lagern, kamen dann über Dachau, wenn ich nicht irre, nach Auschwitz, und von diesem Zeitpunkt ab interessiert uns nun Ihre Aussage. Wann war das, wo sind Sie hingekommen, was haben Sie gemacht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Im August 1942 bin ich von Dachau nach Auschwitz transportiert worden

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Herr Vorsitzender

 

Vorsitzender Richter:

Was ist denn?

 

Verteidiger Laternser:

Ich möchte einen Antrag stellen. Und zwar beantrage ich, bei dieser Vernehmung gemäß § 69 der Strafprozeßordnung zu verfahren. Danach ist der Zeuge zu veranlassen, das, was ihm von dem Gegenstand seiner Vernehmung bekannt ist, im Zusammenhang anzugeben, vor seiner Vernehmung. Und darauf kommt es mir in diesem Augenblick an: Vor seiner Vernehmung ist dem Zeugen der Gegenstand der Untersuchung und die Person des Beschuldigten und so weiter zu bezeichnen. Der Gegenstand der Vernehmung, der dem Gericht wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, ist dem Zeugen bekanntzugeben. Der sich natürlich bewegen muß im Rahmen des Eröffnungsbeschlusses.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Langbein, ich nehme an oder habe angenommen, daß Sie gewußt haben, weshalb Sie hier vernommen werden sollten.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Ich kann mir vorstellen, daß Sie sich damit beschäftigt haben, schon die ganze Zeit. Aber falls das noch nicht der Fall sein sollte, mache ich Sie drauf aufmerksam, daß gegen diese Angeklagten hier ein Verfahren läuft wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord, und zwar in einer großen Anzahl von Fällen. Und zwar ein Teil der Angeklagten hat bei der Politischen Abteilung gearbeitet in Auschwitz, ein Teil war als Arzt, Zahnarzt und so weiter eingeteilt. Den Angeklagten werden Selektionen vorgeworfen, es wird ihnen vorgeworfen, zum Teil die Häftlinge totgeschlagen zu haben, zum Teil sie in die Gasanlagen getrieben zu haben, dort vergast zu haben. Das sind alles Gegenstände des Eröffnungsbeschlusses. In diesem Zusammenhang interessieren uns natürlich auch die ganzen Umstände, wie Sie die im Lager angetroffen haben, kurz und gut: die Voraussetzungen und der Boden, auf dem diese Delikte geschehen konnten. Und jetzt, bitte, fangen Sie an.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich bin im August 1942, am 20. August, von Dachau nach Auschwitz überstellt worden. Wir waren damals 17 Häftlinge, alles Deutsche oder Österreicher. Die Österreicher galten im KZ als Deutsche, also wir waren alle Deutsche im Sinne dieser Einstellung. Und zwar erfolgte diese Überstellung von lauter Leuten, die schon in Dachau im Häftlingsrevier tätig waren. Es wurde damals in Dachau ein Befehl gegeben, in Auschwitz wäre Fleckfieber ausgebrochen und man brauche Häftlingspersonal zur Bekämpfung des Fleckfiebers dort. Es wurden eben diese 17 Häftlinge ausgesucht, zweifellos nicht aus dem Gesichtspunkt: Wer kann am besten das Fleckfieber bekämpfen? Denn ich war schon in Dachau Schreiber, und auch einige andere waren Schreiber, und Schreiber braucht man kaum zur Bekämpfung des Fleckfiebers. Es wurden die unliebsamen abgeschoben, und wir wurden überstellt. Wir kamen in Auschwitz an und wurden sofort in Auschwitz auch in den Häftlingskrankenbau als Personal überstellt. Insofern hatten wir also einen großen Vorzug gegenüber jedem anderen Häftling, der ins Lager kam und zuerst in irgendein schlimmes Arbeitskommando eingestellt wurde.

Wenn ich gleich schildern kann den Vergleich von Dachau und Auschwitz, der zeigt, wie relativ alle diese Begriffe sind: Ich habe in Dachau als Schreiber gearbeitet auch und habe dort zum Beispiel täglich das Totenbuch gesehen und wußte damals zumindest genau, wie viele jeden Tag gestorben sind. Wenn wir dort einen Tag hatten, an dem zehn Leute gestorben sind, so war das für uns ein sehr schlimmer Tag. Und es gab einzelne Tage, vor allem im Sommer, kann ich mich erinnern, wo an einem Tag niemand gestorben ist.

Ich kam nach Auschwitz und wurde dort in die Nachtschicht der Schreibstube eingeteilt. Dort wurden in der Tagschicht auch und in der Nachtschicht an sieben Schreibmaschinen nichts anderes als Totenmeldungen geschrieben. Für jeden Toten mußte man drei Formulare ausfüllen damals. Später ist es vereinfacht worden, das Verfahren, weil es zu umständlich war. Ich habe in der Nachtschicht die ganze Zeit hindurch an diesen drei Formularen gearbeitet.

Das hat ungefähr so ausgeschaut: Ein Schreiber, der der Verantwortliche der Nachtschicht war – ein junger Pole, ein Lehrer, den ich dann später in Neuengamme wiedergesehen habe –, hat mir die Karteikarten gegeben – auf den Karteikarten sind die Personalien gestanden, die Daten, Haftart und so weiter – und hat mir Tag und Stunde gegeben. Und zwar wurde es so eingeteilt, daß möglichst nicht zwei zur selben Minute sterben. Es wurde also in Abständen von einigen Minuten die Zeit eingeteilt, in der Schreibstube eingeteilt selbstverständlich.

Ich selbst beziehungsweise auch die anderen Schreiber selbst hatten die Diagnose einzusetzen nach Belieben. Und zwar hatten wir nur die eine Vorschrift: Es durften möglichst keine Infektionskrankheiten als Todesursache angegeben werden, weil dann Schwierigkeiten eingetreten wären mit diesen Gesundheitsbehörden, und es mußte also irgendwie dem Alter entsprechen; ein 20jähriger sollte nicht an Herzmuskelschwäche sterben. Das war also unser Auftrag, und wir hatten eine Reihe von Diagnosen, die wir variieren konnten nach unserem Belieben. Ich habe dort diese Totenmeldungen geschrieben, und ich habe dann auch erfahren, wie diese große Zahl der Toten zustande gekommen ist. Das war in den ersten Tagen schon.

Es war so, daß zum Beispiel in einer Nachtschicht eine Liste von, sagen wir – diese Zahl ist jetzt fingiert, ich kann die Zahl jetzt nicht aus dem Gedächtnis genau sagen – 300 Häftlingsnummern kam – die Listen wurden immer in Nummern geschrieben. Und dann wurde gesagt: »100 ›setzen‹ wir jetzt ›ab‹.« Das war der Fachausdruck. »100 ›setzt‹ die Tagschicht ›ab‹, und die restlichen 100 sind morgen in der Nachtschicht ›abzusetzen‹.« Das waren zusätzliche Totenmeldungen zu den normalen, wenn ich so sagen darf, Totenmeldungen, die also im Krankenbau gestorben sind.

Ich habe sehr bald erfahren, daß das ein Vergasungstransport war. Ich habe das zuerst erfahren in einer Nacht – es dürfte eine der ersten Nächte gewesen sein, die ich dort war – in der Schreibstube. Da ging ich kurz vor den Block, und mit mir kam dieser Pole, den ich schon genannt habe, Czubak hieß er. Und wir standen da, die Gefühle kann man schwer beschreiben, und er sprach zu mir und sagte: »Siehst du dort hinter dem Haus«, das waren die Steinhäuser im Stammlager, wo das Ganze sich abgespielt habe, »den roten Feuerschein?« Er war nicht zu übersehen. Und er sagte mir: »Dort brennen Tag und Nacht die Scheiterhaufen von denen, die vergast worden sind und jetzt verbrannt werden.“

In unserer Schreibstube gab es zwei Karteitische, nebeneinander standen sie. Auf dem einen Tisch waren die Karteikarten, nummernweise geordnet, derer, die lebten, auf dem anderen Tisch, nummernweise geordnet, derer, die gestorben waren. In den Karteikasten waren nicht enthalten die weiblichen Häftlinge, die wurden extra geführt, und nicht enthalten – das trifft auf die spätere Zeit zu – die Zigeunerhäftlinge. Alle anderen waren von allen Auschwitzer Lagern die Karteikarten in der Schreibstube des Häftlingskrankenbaus des Stammlagers.

Dort konnte ich blättern. Ich mußte sogar blättern, wenn ich meine Nummern sozusagen herausziehen mußte, die Karteikarten. Und dort konnte ich sehen, wie viele von einem Transport, der erst kurze Zeit im Lager war, noch lebten. Es war eine Zusammenstellung also, die furchtbar war. Ich kann keine genauen Zahlen sagen, ich kann keine genauen Zeiten sagen. Ich weiß nur, daß es Transporte gab, die erst wenige Wochen im Lager waren, sagen wir, mehrere Hundert waren eingetroffen, und es lebten vielleicht ein paar Dutzend, und alle anderen waren schon tot geschrieben. Das waren jüdische Transporte in der Regel, vorwiegend, die damals in großer Zahl vor allem aus westlichen Ländern eingelaufen sind. Damals, wenn ich mich richtig erinnere, waren es vor allem französische und holländische Judentransporte, die nach Auschwitz kamen; das sind die Leute, die nicht sofort bei der Ankunft vergast worden sind. Über die hatten wir keinerlei Karteikarten und keinerlei Unterlagen. Sondern das sind nur diejenigen, die an der Rampe ausgesucht wurden als arbeitsfähig und ins Lager eingewiesen wurden. Nur über die gab es Unterlagen in den Schreibstuben. Diese starben also in einer Geschwindigkeit, die für jeden, der das sehen mußte, papiermäßig sehen mußte auch nur, beklemmend war.

Dieser erste Eindruck hat – ich möchte fast sagen – gezeigt, wie relativ alle diese Begriffe sind, wie relativ zum Beispiel alles war, was ich in Dachau erlebt habe, wo ich nicht sehr viel Schönes erlebt habe. Aber Dachau wirkte aus der Perspektive von Auschwitz nahezu wie ein Idyll. Bitte, mich nicht mißzuverstehen, daß in Dachau Verhältnisse waren, die idyllisch gewesen wären. Ein zweiter Unterschied, der sehr kraß war im Verhältnis zu dem, was ich in Dachau erlebt habe, war die sogenannte Lagerhierarchie, die Lagerprominenz. Es ist bekannt – sicherlich auch hier schon –, daß die SS ein System entwickelt hat in den Konzentrationslagern, daß sie die Häftlinge gegeneinander ausspielte und untereinander Unterschiede machte.

Es gab Häftlinge, die Bindenträger waren, so nannte man das, die durch eine Binde gekennzeichnet waren als Blockältester, als Kapo, als Lagerältester, also in irgendeiner Funktion eingesetzt waren, und die der SS gegenüber verantwortlich waren für das, was die SS als Ordnung bezeichnete, in ihrem Kommando, in ihrem Block und so weiter. Es gab ferner auch noch Unterschiede unter den Häftlingen der Nation nach, wobei Juden und Zigeuner als eine eigene Nation, als eigene Gruppe gegolten haben nach der Auffassung der Nationalsozialisten und auf der untersten Stufe dieser Lagerhierarchie gestanden haben. Kennzeichnend für Auschwitz im Gegensatz zu Dachau war: In Dachau gab es im wesentlichen – mit geringen Ausnahmen – nur sogenannte Rote als Blockälteste, Kapos. Rot war das Zeichen des politischen Häftlings, grün war das Zeichen des kriminellen Häftlings. Man sagte allgemein im Lagerjargon: »Rote« und »Grüne«, und ich bitte zu entschuldigen, wenn ich diesen Lagerjargon hier gebrauche, deswegen, weil es einfach eine kurze, schnelle Verständigung gibt.

In Auschwitz hat die SS von vornherein »Grüne«, also kriminelle Häftlinge, eingesetzt in diese Funktionen. Es wird wahrscheinlich auch hier schon zur Sprache gekommen sein, daß der erste Transport, der nach Auschwitz gebracht wurde, bevor die ersten Polen nach Auschwitz deportiert worden sind, 30 kriminelle Häftlinge aus Sachsenhausen waren, die von dem Gesichtspunkt aus ausgesucht wurden – damals vom Rapportführer Palitzsch –, daß sie das Lager sozusagen in Schuß hielten, wie das die SS nannte. Ich möchte gleich hier betonen, damit hier kein Mißverständnis auftreten kann: Es gab auch unter den kriminellen Häftlingen solche, die sehr kameradschaftlich und korrekt waren. Ich möchte keinesfalls alle kriminellen Häftlinge, die aus kriminellen Gründen ins Lager gekommen sind, in einen Topf werfen. Es gab selbst unter diesen ersten 30, die sehr berüchtigt waren, zumindest einen, von dem ich es weiß – ich will nicht ausschließen, daß es vielleicht auch noch einen anderen gegeben hat –, Häftlingsnummer 2, den Otto Küsel, der ausgesprochen anständig war, der die Sympathien der Häftlinge auf seiner Seite hatte, der nie gegen die Häftlinge etwas gemacht hat. Aber das war nicht die Regel. Die Regel war – und das kann man verstehen –, daß diese Häftlinge, die moralisch defekt waren meistens, es waren meistens Gewohnheitsverbrecher mit einer Serie von Vorstrafen, [+ übel gewütet haben.] Es gab auch noch andere Ausnahmen dann, die auch hier im Prozeß, glaube ich, schon bekannt sind, weil sie als Zeugen vernommen worden sind. Der Rögner zum Beispiel war auch ein Häftling, der sich in Auschwitz nichts zuschulden kommen ließ. Aber die Regel war die, daß diese Häftlinge übel gewütet haben.

Wobei ich dem Gericht zumindest zwei Beispiele vorlegen möchte, wie das zustande kam. Das habe ich jetzt vom Hörensagen, nicht aus eigener Wahrnehmung kennengelernt, aber von mir sehr glaubwürdigen Bekannten: Ein »grüner« Kapo – also ein krimineller Kapo – ist einmal ausgerückt mit seinem Kommando und wurde vom Schutzhaftlagerführer beim Ausgangstor beiseite gerufen. Er wurde gefragt: »Wie viele Juden hast du in deinem Kommando?« Er meldete: soundso viele Juden. Dann sagte ihm der Lagerführer: »Am Samstag meldest du dein Kommando ›judenrein‹.« Das heißt, die Juden wurden bis zum Ende der Woche umgebracht. Das hat der »grüne« Kapo mit seinen Helfershelfern durchgeführt. Aber andererseits muß man sehen, also wenn er diesen Befehl nicht durchgeführt hätte, hätte wahrscheinlich der Schutzhaftlagerführer ihm seine Binde weggenommen. Das muß man begreifen, daß hier also ein moralischer Druck auf moralisch nicht sehr widerstandsfähige Menschen ausgeübt wurde.

Ein anderes Beispiel, das auch in diese Richtung geht, das ich auch vom Hörensagen kenne, aber auch von einem mir sehr gut bekannten Auschwitzer Häftling. Die Blockältesten hatten dafür zu sorgen, daß ihr Block in Ordnung war. Und der Blockführer – der Blockführer war ein SSler – inspizierte von Zeit zu Zeit den Block, und wenn da etwas nicht in Ordnung war, so war das nicht nur für den Blockältesten, sondern war das für den ganzen Block schlimm. Dann wurde »Sport« gemacht. Sie wissen, was »Sport machen« hieß. Es hieß nicht Sport machen, sondern das war eine schlimme Tortur, vor allem für die Körperschwachen. Und die Blockführer schauten vor allem darauf, also daß das äußere Bild sauber war. Das war wichtig, zum Beispiel, daß die Gänge gut frisch gestrichen waren.

Nun waren die Blocks immer überbelegt, und wenn da der ganze Schwarm der Häftlinge zu bestimmten Zeiten, also beim Essenfassen in der Früh, beim Antreten zum Appell und so weiter, hinein- und hinausströmte, dann ist es natürlich unvermeidlich gewesen, daß man da an der Wand gewetzt hat, daß da die Farbe abgekratzt war. Das war für die Blockführer ein Ärgernis. Und sie verlangten vom Blockältesten, daß der Block immer tadellos gestrichen ist.

Niemals hat ein Blockältester Farbe gefaßt. Das heißt, er mußte, wenn sein Block in Ordnung sein sollte, Farbe »organisieren«. Er mußte Maler »organisieren«. Wie konnte er das tun? Er konnte das nur tun, indem er von den Portionen, die auf seinen Block kamen zur Essensverteilung, [+ etwas abgezweigt hat.] Er hat zum Beispiel Würste bekommen, die er zu teilen hatte in 600, 800, je nachdem, wie viele Portionen. Dann hat er ein Stück weggeschnitten, damit er sich die Farbe »organisieren« kann, und hat den Rest in kleinere Portionen geteilt. Das war die Regel, dazu wurde er eigentlich gezwungen durch dieses System: Daß man verlangte, es muß ausgemalt werden, daß man kein Mittel dazu schaffte. Und das verleitet dazu, wenn man charakterschwach ist, was bei vielen dieser Menschen der Fall war, dann auch noch ein Stück weiter abzuzweigen für sich oder für persönliche Zwecke.

Das war die Atmosphäre, die also sehr unterschiedlich in Auschwitz gegenüber Dachau war. Wir sind in der Nacht angekommen, wie es noch dunkel war, und mußten uns beim Tor aufstellen und warten, bis der Morgenappell abgehalten worden ist, und dann marschierten die Kommandos aus. Und wir sahen die Kommandos, die einen sehr unterschiedlichen Eindruck machten [+ im Vergleich] zu denen in Dachau, die auch keinen sehr erfreulichen Eindruck [machten]. Wir sahen Menschen, die dermaßen heruntergekommen waren körperlich, daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnten. Und wir sahen Kapos, die sehr wohlgenährt waren.

Und wir sahen dabei das berühmte Bild von Auschwitz, eine Musikkapelle, die fröhliche Marschweisen zu spielen hatte. Beim Appell, beim Ausmarschieren und Einmarschieren wurden immer von einer Musikkapelle Märsche gespielt. Diese Musikkapelle hat am Sonntag auch dem Kommandanten Ständchen gebracht und Ähnliches, bringen müssen natürlich.

Wenn ich diesen ersten Eindruck noch ergänzen darf durch ein Erlebnis, das ich in Auschwitz hatte in den ersten Tagen schon. Es war das noch Ende August, also ich dürfte noch keine zwei Wochen in Auschwitz gewesen sein. Unsere Nachtschicht, also die, die wir in der Nachtschicht eingeteilt waren, konnten in der Früh sich hinlegen, schlafen. Und zwar hatten wir unseren Schlafraum im Block 21, ebenerdig, das Fenster ging

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Können Sie uns das vielleicht mal an dieser Karte da zeigen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

An der linken Karte. Wo Sie gearbeitet haben, wo Sie geschlafen haben, und gleichzeitig auch, wo der Bunker 11 war.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Hier [unverständlich] und hier das Eingangstor von Block 21, und hier war die Schreibstube

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment, Herr Langbein, ich glaube, Sie irren sich. Sie verkannten die Karte. Wollen Sie sich mal vor die Karte stellen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das ist Block 21, das ist Block 20.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist richtig, ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Und Block 21 – hier war der Eingang in den Block. Es war hinten auch ein Eingang, aber hier war der Haupteingang. Hier war die Schreibstube. Hier war vorn ein kleines Zimmer für den Rapportschreiber, und hier ungefähr war die Schreibstube, wo wir gearbeitet haben. Und hier hinten waren unsere Schlafräume.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, wo zum Beispiel die Politische Abteilung gesessen hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die Politische Abteilung saß hier draußen. Zuerst saß sie im SS-Revier hier unten, dann ist sie hierhergekommen und hier in eine Holzbaracke hinein.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie waren in Block 21?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Im Block 21 habe ich gearbeitet zuerst. Unser Fenster ging in den Hof zwischen 20 und 21 hinaus.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war der Block 11?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Der Block 11 ist hier, der Bunker, da bin ich dann auch drinnen gewesen. Über den

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War es möglich, daß Sie vom Block 21, sei es von ihrem Schlafraum oder einem sonstigen Ort aus, in den Hof des Blocks 11 hineinsehen konnten?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das hätte man nur vom Stock oben machen können. Ich habe unten, ich habe Parterre geschlafen. Mein Fenster ist hier in den Hof gegangen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl. So, dann nehmen Sie bitte hier wieder Platz. [Pause] Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ich wollte erzählen, ich habe da also mich hingelegt auf meine Pritsche. Die Pritschen waren dreistöckig, ich habe im dritten Stock mein Bett gehabt. Und es war August, es war heiß, und da hörte ich, wie ein polnischer Pfleger die Fenster zumacht. Und ich fragte ihn: »Warum machst du denn die Fenster zu?« Und sagte er: »Befehl.« Ich habe mich noch gewundert, was das für ein eigenartiger Befehl ist, im August die Fenster zuzumachen, aber habe noch nicht gewußt, um was es geht.

Dann sah ich, wie dieser Hof zwischen 20 und 21, der abgesperrt war, wo also normalerweise niemand hineinkam oder höchstens ein Pfleger mal drüberging, plötzlich von Häftlingen bevölkert wurde. Und zwar kamen die Häftlinge aus dem Block 20 heraus. Der Block 20, der eben gegenüberlag bei dem Hof, war der sogenannte Infektionsblock des Häftlingskrankenbaues. Und die Kranken oder Rekonvaleszenten kamen da heraus, im Hemd, mit der Decke umgewickelt, mit der Fieberkurve in der Hand. Es war ein Anblick, den ich nicht so wiedergeben kann, die Gestalten, die da herauswankten, konnten oft nicht mehr gehen. Es gab einzelne, die sich gleich hinlegen mußten, weil sie nicht stehen konnten. Und ich wußte nicht, was hier los ist. Dann, einige Zeit, nachdem der Hof schon voll war, einige Hundert in dem Hof waren, kam Bewegung in die ganze Gruppe. SS erschien. Zwei von denen habe ich gekannt, damals schon, und nachher noch sehr genau kennengelernt. Es waren das der Lagerarzt Doktor Friedrich Entress und der SDG Josef Klehr.

Die beiden kamen, und Entress nahm eine Art Selektion vor, das heißt die Häftlinge mußten auf eine Seite vom Hof gehen und mußten dann an ihm vorbei auf die andere Seite gehen. Er schaute sie sehr, sehr aus der Distanz an und ließ – selber hat er es nicht genommen – die Kurven einsammeln. Dann ging Entress weg. Einige konnten sich nicht mehr bewegen und konnten nicht an ihm vorbeigehen. Da hat er abgewinkt, und Klehr blieb dort sitzen, ließ sich einen Stuhl rausbringen, setzte sich hin. Und ich sah, wie er genau bewachte mit Argusaugen, daß ja niemand verschwindet. Bei den Toren waren Häftlinge als Posten aufgestellt, die niemanden durchlassen durften. Und er inspizierte mit größter Genauigkeit, daß ja niemand hinausgeht. Dann wurde es still draußen, und ich bin dann auch eingeschlafen.

Und viele Stunden später bin ich dann aufgeweckt worden durch Motorenlärm. Es sind Lastautos gekommen, und die Kranken wurden verladen auf die Lastautos und wurden weggeführt. Und dieses eine Bild habe ich vor Augen, als ob es vor ein paar Wochen gewesen wäre; wie überhaupt die Erinnerung so ist, daß sie sehr unterschiedlich ist. Es gibt Dinge, an die man sich ganz präzis erinnern kann, und es gibt Dinge, bei denen die Erinnerung schwieriger ist. Ich sehe genau vor mir den leeren Hof. Und auf dem leeren Hof ist nur mehr einer gelegen, der hatte den Mund offen, die Augen offen, und die Zähne waren blank, so, als ob er lachen wollte. Er war tot. Und dann hörte ich ein Gespräch, es kamen zwei polnische Pfleger in unsere Stube herein, die auch dort wohnten, und sie redeten miteinander polnisch. Mein Bettnachbar, der mich von der Nachtschicht her kannte – war auch ein Pole –, hat mir übersetzt, was sie sagten. Der eine hat gesagt, daß er gerade seinen Vater verladen mußte, auf den Lastwagen hinaufhelfen mußte. Die Lastwagen sind hinausgefahren zu den Gaskammern, wir hatten dann wieder eine lange Liste »abzusetzen«.

Das geschah im Zeichen der Fleckfieberbekämpfung. Man wollte das Fleckfieber bekämpfen und hat es so bekämpft, daß man die Läuse mit den Menschen vergast hat. [Pause] Es war – wie ich dann später erfahren habe, das habe ich damals nicht gewußt – zweifellos unmöglich, daß Entress, der Lagerarzt war, ein sehr gefürchteter Lagerarzt, der schlimmste, den ich kennengelernt habe während meiner Auschwitzer Zeit, diese Aktion allein hätte leiten können. Ein Lagerarzt hat, wie ich später erfahren habe, niemals die Möglichkeit gehabt, Lastwagen anzufordern und Begleitposten anzufordern. Das konnte nur über die Dienststelle Standortarzt geschehen. Standortarzt war zu dieser Zeit Doktor Kurt Uhlenbroock, der heute in Hamburg lebt und nicht belangt wird wegen seiner Mitverantwortung an dieser Aktion.

Das war ein Eindruck mehr in dieser ersten Zeit, in der es für mich vielleicht leichter war als für manchen anderen, die Atmosphäre von Auschwitz, den ersten Schock, den sie jedem bereiten mußte, zu überstehen. Erstens deswegen, weil ich von Dachau kam, also nicht aus der Freiheit, vorbereitet war. Zweitens deswegen, weil ich sofort in den Krankenbau kam, also ein relativ gutes Kommando hatte und nicht die schwierige Anfangszeit der meisten anderen mitmachen mußte, die zuerst zu irgendwelchen Erdarbeiten, Kiesgrube und so weiter, eingeteilt waren.

[Es gab] dann einen weiteren Zufall, der mir in der Auschwitzer Zeit die Möglichkeit gegeben hat, mehr zu sehen und zu hören als mancher andere Häftling. Anfang September war es, da wurde ein Wechsel vorgenommen beim Standortarzt. Ein neuer Standortarzt kam. Und dieser Standortarzt verlangte deutschsprechende Häftlinge als Schreiber.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Anfang September 42. Zwei von unserem Dachauer Transport, Karl Lill und ich – beide waren wir schon in Dachau als Schreiber im Revier eingeteilt –, wurden hinausgeschickt, um uns vorzustellen. Es war so, daß in Auschwitz ein sehr geringer Prozentsatz deutscher und damit auch österreichischer Häftlinge war – Österreicher gelten immer als Deutsche, also ich nenne sie jetzt immer der Einfachheit halber auch als Deutsche – und daher auch die Auswahl nicht sehr groß war, um diesem Befehl des Standortarztes nachzukommen. Der neue Standortarzt war Doktor Eduard Wirths, den ich schon von Dachau her kannte, weil er kurze Zeit in Dachau Lagerarzt war und zufällig auf der Station war, wo ich als Schreiber war. Und er hatte mich daher auch schon gekannt. Und wie er mich gesehen hat, hat er gesagt: »Das wird mein Schreiber.“

 

Zeuge Hermann Langbein:

Von dieser Zeit an war ich bis zu meiner Entfernung von Auschwitz im August 1944, als ich nach Neuengamme beziehungsweise in ein Außenlager von Neuengamme transportiert wurde, Schreiber vom Standortarzt, mit zwei Unterbrechungen: Einmal war ich typhuskrank, und einmal war ich im Bunker. Über diese Unterbrechungen werde ich noch sprechen, wenn Sie es gestatten.

 

Meine erste Einweihung in die Geschäfte des Häftlingsschreibers des Standortarztes war die: Ich wurde zum Spieß gerufen. Ich glaube, der Begriff ist verständlich. Der Spieß war damals Wilhelmy. Er ließ uns beide – Karl Lill und mich – zu sich rufen. Wir nahmen vor seinem Schreibtisch Aufstellung, so wie es notwendig war, und er sagte uns: »Sie werden hier mehr sehen und hören, als ein Häftling in Auschwitz zu hören hat. Schauen Sie zum Fenster hinaus.« Vor dem Fenster war das Krematorium. Soll ich auf dem Plan zeigen, wo die Dienststelle

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wir haben es gesehen, wir wissen es. Gerade gegenüber von Ihrem Block, ja?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Das SS-Revier war im ersten Block außerhalb des Lagers. Und die Dienststelle war im ersten Stock oben, und von hier konnte man heruntersehen und konnte auch in den Vorraum des Krematoriums hineinsehen. Er zeigte also zum Fenster hinaus – das Fenster ging auf die Seite des alten Krematoriums, wie es später genannt wurde, dort war dieser mit Erde angeworfene Bunker und dahinter der mächtige Schornstein – und sagte: »Wenn Sie etwas reden über das, was Sie hier sehen oder hören, gehen Sie hier durch den Kamin.« Ich sagte: »Jawohl.« Und dann bekamen wir unsere Schreibmaterialien und die Schreibmaschine und setzten uns bereit.

Wir wurden eingeführt in das Geheimnis der Aktenzeichen und der Anschriften. Die Hauptanschrift, mit der ich die Korrespondenz des Standortarztes zu schreiben hatte, war das Amt D III1 in Oranienburg bei Berlin, der leitende Arzt dieses Amtes Obersturmbannführer und später Standartenführer Doktor Lolling. Das war der Chefarzt aller ärztlichen Einrichtungen in den Konzentrationslagern, und dorthin erfolgte die wichtigste Korrespondenz.

Alle diese Sachen lernte ich bald kennen. Und sehr bald wurde ich auch vom Standortarzt damit beauftragt, die sogenannte Geheimkorrespondenz zu führen, die ursprünglich auch noch ein SS- Mann, SS-Unterscharführer Richter – das war der SS-Schreiber der Dienststelle – zu führen hatte. Aber der schrieb zu langsam und zu schlecht scheinbar, so wurde mir auch diese Geheimkorrespondenz übertragen. Das war nicht in den allerersten Tagen, das hat sich im Laufe der Zeit so eingerichtet. Ich kann nicht sagen, ab wann ich auch die Geheimkorrespondenz führte. Jedenfalls war es nicht allzu lange her.

Dann hatte ich die Möglichkeit, mir ein Bild über die Lage auch in den anderen Lagern von Auschwitz – nicht nur im Stammlager, wo ich selber war, sondern von Birkenau und den Außenlagern – zu machen, weil alle Berichte beim Standortarzt zusammenliefen und hier jeden Monat zusammengefaßt wurden in einem Monatsbericht eben an das Amt D III. Der Monatsbericht gliederte sich. Eigentlich wurden monatlich zwei Berichte geschrieben: ein offizieller Bericht und ein beigefügter Geheimbericht. Der offizielle Bericht hatte sozusagen das allgemeine Bild zu geben, der Geheimbericht sprach ohne Beschönigung auch über die großen Mordaktionen – natürlich ohne das Wort »Mordaktionen« zu gebrauchen –, über die großen »Sonderbehandlungen«, wie der Fachausdruck bei der SS hieß.

Der Standortarzt hatte eine gewisse Schwäche für Statistik. Diese Schwäche habe ich ausgenützt und habe ihn dazu bewegt nach einer gewissen Zeit – ich kann nicht mehr sagen, ab wann das war –, daß er sich von jedem Lager, in Birkenau von jedem Lagerabschnitt, und von jedem Außenlager Berichte geben ließ, die nicht nur monatlich waren, sondern die täglich waren. Es hat sich nämlich herausgestellt: Jeder SDG oder Lagerarzt hatte einen Monatsbericht ihm zu erstellen, und aus den Monatsberichten hat er dann seinen Monatsbericht zusammengestellt.

Nun stellte sich sehr schnell heraus – und ich habe auf diese Widersprüche aufmerksam gemacht –, daß hier die Totenzahlen nie gestimmt haben, daß eine geringe Totenzahl angegeben war, aber der Abgang wesentlich größer war und nirgends ein Zugang war, also keine Überstellung war, weil sonst der Zugang in einem anderen Lager hätte auftauchen müssen. Und da veranlaßte ich den Standortarzt, daß er, damit er korrekte Zahlen bekommt, von jedem Lager wöchentlich eine Meldung sich geben läßt, wo Tag für Tag eingetragen war: der Stand der Häftlinge, der Krankenstand der Häftlinge, der Stand der Infektionskranken – das war eine völlig fingierte Zahl, weil möglichst niemand infektionskrank gemeldet werden sollte –, die Zahl der Toten und die Zahl der Überstellten.

Das gab mir die Möglichkeit, daß ich anhand dieser täglichen Meldungen genau sehen konnte, wann aus irgendeinem Außenlager oder einem Lagerabschnitt von Birkenau eine große Vernichtungsaktion durchgeführt wurde. Das schaute dann so aus, daß, sagen wir, in Jawischowitz, einem Außenlager, das sehr berüchtigt war, weil es Bergwerksarbeit war, die Totenzahlen – diese Zahlen sind jetzt von mir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Willkürlich angenommen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Willkürlich angenommen – sechs, fünf, drei, 87, neun, zwei waren. Das heißt, an einem Tag war die Zahl also abnormal hoch, das heißt, hier wurde ein Vergasungstransport zusammengestellt. Wenn man nur eine Monatsmeldung hätte, so würde man das nicht so klar sehen.

Jetzt war eine Sache äußerst interessant für uns Häftlinge. Es gab innerhalb der SS – besonders konnte ich das beobachten ab Anfang 43 etwa – verschiedene Strömungen. Es gab die eine Strömung, die sagte, die Todeszahlen sollen gesenkt werden. Eine möglichst große Anzahl von Arbeitsfähigen soll in der Produktion – vor allem in den Kriegsbetrieben, die in der Umgebung von Auschwitz wuchsen wie die Schwammerln nach dem Regen – eingesetzt werden. Es gab eine andere Tendenz. Die andere Tendenz wurde vor allem von der Politischen Abteilung, also vom Leiter der Politischen Abteilung, besonders Grabner, vertreten, und auch von Höß, dem Kommandanten, eine möglichst große Zahl sofort zu »liquidieren«, wie der Jargonausdruck der SS hieß, das heißt, also möglichst viele schnell zu morden.

Diese Gegensätze kamen auch von Oranienburg aus. Ich kann mich genau an Schreiben erinnern von Oranienburg, ich weiß das Datum nicht, aber ich kann mich genau erinnern, wie unser Standortarzt in Auschwitz einen Befehl – das war ein Rundbefehl, der an alle Lagerärzte oder Standortärzte jedes Konzentrationslagers ging – bekam, in dem gestanden ist, man soll die Todeszahlen möglichst senken. Und es kamen zweifellos, ohne daß ich sie gesehen habe, von oberer Stelle auch Befehle, daß zum Beispiel die Transporte, die nach Auschwitz kamen, verstärkt wurden, in größerer Zahl hingeführt wurden. Diese verschiedenen Tendenzen, die deutlich spürbar waren, besonders ab Anfang 43 etwa, hatten zur Folge, daß bei SS-Leuten, die sich in Auschwitz den Rest eines menschlichen Gewissens bewahren konnten – es gab solche –, eine Möglichkeit des Lavierens gegeben war. Es war für uns Häftlinge, die wir gewisse Möglichkeiten infolge der Positionen hatten, die wir bekamen, eine Möglichkeit, hier einzuwirken und [+ sie] auch ein bißchen gegeneinander auszuspielen.

Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren, das für uns sehr wichtig war. In Auschwitz wurde auf sehr vielerlei Art und Weise gestorben. Ich habe schon von den Vergasungen erzählt, die also auch an den kranken Häftlingen durchgeführt wurden. Es war auch eine ungeheure Gefahr für jeden Häftling, sich krank zu melden; auch bei uns im Stammlager, wo bei uns im Stammlager die Lebensbedingungen wesentlich besser waren als in Birkenau. Ich war dann einmal in Birkenau draußen und habe den Vergleich mit eigenen Augen gesehen. Ich habe ihn auch in den Todeszahlen sehr deutlich gesehen.

Wenn ein Häftling sich krank meldete, so war das so, daß er das in der Früh oder am Abend seinem Blockschreiber zu sagen hatte. Dann wurde er, wenn das der Blockälteste oder der Blockführer zuließ, abgeschrieben von seinem Arbeitskommando, brauchte am nächsten Tag nicht auszurücken und mußte in den HKB – HKB ist die Abkürzung für Häftlingskrankenbau gewesen, die allgemein üblich war im Lagerjargon – und wurde dort zur Aufnahme – »Arztvormelder« war der Fachausdruck – bestellt. Zuerst wurde er in der Ambulanz im Block 28 – das ist der erste Block ganz im Eck unten – voruntersucht von Häftlingsärzten, die Ambulanzärzte waren. Die haben sich bemüht, eine Diagnose zu stellen, Fieber gemessen und gefragt, welche Beschwerden [+ vorliegen], und haben das irgendwo auf seiner Karteikarte kurz notiert. Die Wartezeit war oft leider recht lang, und die Häftlinge mußten nackt warten, und zwar mußten sie am Gang warten, bis der SS-Arzt kam, damit die Luft nicht zu schlecht werde in dem Zimmer, in dem der SS-Arzt dann seine Tätigkeit verrichtete. Das war vor allem im Winter eine äußerst schlimme Sache. Dann also, wenn der SS-Arzt erschien, der immer in Begleitung des SDG kam, wurden sie einzeln vorgeführt dem SS-Arzt.

Die Sachen, die ich jetzt schildere, kenne ich nur zum Teil aus eigener Anschauung. Das meiste habe ich gehört, aber von sehr vielen verschiedenen Seiten, die ganze Zeit. Also, ich traue mich zu sagen, daß das mit Sicherheit sich so abgespielt hat. Die Kranken – ein oder das andere Mal habe ich es auch gesehen, also es ist nicht nur eine Schilderung, die ich hier weitergebe – traten der Reihe nach in einer Reihe vor den Arzt. Der Häftlingsarzt stand an der Seite und sagte mit einem Wort, mit einem Satz die Diagnose oder die Temperatur oder etwas Ähnliches. Und der SS-Arzt traf nun eine Entscheidung. Im wesentlichen war es eine Entscheidung in zweierlei Richtung: entweder aufgenommen als Kranker in den Krankenbau oder zum »Spritzen«, wie der schlimme Ausdruck hieß, ausgesucht. Es gab noch eine dritte Möglichkeit: als Simulant ins Lager geschickt. Aber das war in sehr geringer Zahl, also das kann man vernachlässigen.

Es wurde dann regelmäßig im Block 20 »gespritzt«. Das sah ich sehr genau aus den Zahlen, die ich bekam, als ich noch Schreiber war auf Block 21. Das erfuhr ich sehr genau von meinen Freunden im Krankenbau, von denen ich mich immer auf dem laufenden halten ließ, wenn ich Schreiber war beim Standortarzt. Weil ich sehr interessiert war, die Zustände im Krankenbau möglichst genau zu kennen, um da oder dort eingreifen zu können, wo sich eine Möglichkeit bot. Die »Spritzungen« erfolgten im Block 20, im Isolierblock, im Infektionsblock. Sie wurden durchgeführt vom SDG oder unter Aufsicht des SDGs. Zwei Häftlingen sind mir namentlich bekannt, die dieses furchtbare Geschäft übernommen haben, Stössel und Pańszczyk hießen sie. Beide sind gestorben. Der SDG, der im Stammlager Dienst gemacht hat, hat immer, soweit ich das erfahren konnte, die Aufsicht über diese Sachen geführt, wenn er nicht selber diese Aktionen vorgenommen hat.

Nun war es so, daß diese täglichen Morde an Leuten, die in den Krankenbau aufgenommen wurden, im Lager nicht unbekannt bleiben konnten. Obwohl es streng verboten war, darüber zu reden, und äußerst gefährlich war, darüber zu reden, so ist es selbstverständlich, daß sich das trotzdem herumspricht, daß eine panische Angst bestand vor dem Krankenbau. Und ich kann mich sehr genau erinnern an Leute, die schwer krank waren und sich, solange es irgendwie ihre Kräfte noch erlaubt haben, geschleppt haben ins Kommando hinaus – das war dort leichter möglich, wo ein Kommando war mit leichterer physischer Arbeit, dort schwerer möglich, wo schwere physische Arbeit zu verrichten war –, nur um sich nicht krank zu melden.

Es ist selbstverständlich, daß dadurch, daß die Kranken so lang als möglich bei ihrem Arbeitskommando und im Block blieben, die Infektionskrankheiten weiter zunahmen. Und darauf machte ich den Standortarzt aufmerksam, der die Aufgabe hatte und die Aufgabe sehr ernst nahm, das Fleckfieber zu bekämpfen. Diese Aufgabe wurde von Berlin deswegen auch gestellt, weil das Fleckfieber auf die SS übergegriffen hat. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, daß in dieser Zeit – etwa Ende 42 dürfte es gewesen sein – die Frau vom Rapportführer Palitzsch an Fleckfieber gestorben ist, die Frau von Obersturmbannführer Caesar an Fleckfieber gestorben ist und auch eine Reihe von SS-Angehörigen an Fleckfieber starben beziehungsweise erkrankten. Das hat eine gewisse Panik ausgelöst, auch in Oranienburg, in der Zentrale, und es wurde der Befehl gegeben: »Das Fleckfieber muß bekämpft werden!“

Der Standortarzt hat sich überlegt, wie man das am besten machen kann. Er hat solche nicht sehr tauglichen Methoden gewählt, Plakate drucken lassen: »Eine Laus, dein Tod!«– ein merkwürdiges Plakat in der Atmosphäre von Auschwitz –, die in den Blocks aufgehängt wurden in zwei Sprachen, Deutsch und Polnisch. Und mehrmals, wenn ich bei ihm zum Diktat saß, hat er nicht nur Briefe diktiert im Interesse der Fleckfieberbekämpfung, sondern auch mich angesprochen, was man machen könnte. Und da habe ich, als die Atmosphäre zwischen uns schon etwas, sagen wir, persönlicher war, ihm einmal in einer stillen Stunde gesagt: »Solange die Häftlinge Angst haben vorm Krankenbau, werden Sie das Fleckfieber nie bekämpfen können.« Da fragte er mich: »Warum haben die Häftlinge Angst vorm Krankenbau?« Dann sagte ich: »Darf ich offen zu Ihnen reden? Darf ich Ihnen etwas sagen, was kein Häftling wissen darf?« Und er ermunterte mich dazu. Und dann sagte ich ihm: »Weil sie ›gespritzt‹ werden.« Er tat so, als ob er davon nichts wüßte. Ich weiß nicht, ob er wirklich nichts gewußt hat oder ob er das tat, das kann ich nicht sagen. Und er sagte mir, daß Entress, der ihm ja unterstellt war, der der Lagerarzt vom Stammlager war, nur diejenigen Häftlinge zum »Spritzen« aussuchte, die hoffnungslos krank wären. Und er nannte mir vor allem die offene Tbc und sagte: »Das müssen Sie doch selber zugeben, daß diese Leute besser gleich sterben. Sie können sowieso hier in Auschwitz nicht gesund werden und stecken doch nur die anderen an.“

Ich wußte genau, daß keinerlei Untersuchung bei der sogenannten Arztvormeldung geschah, ob jemand Tbc, offene Tbc oder geschlossene, hätte oder etwas anderes, sondern daß ein Blick des Lagerarztes genügt hat. Ich habe dann einmal ein sehr riskantes Spiel gespielt. Es war das zu der Zeit schon, wo Wörl Lagerältester im Häftlingskrankenbau geworden ist, der mit mir von Dachau nach Auschwitz gekommen war. Und ich habe dem Wörl gesagt: »Du, wir müssen jetzt einen eindeutigen Beweis haben, auch für den Standortarzt eindeutigen Beweis haben, daß die ›gespritzten‹ Häftlinge nicht offene Tbc, also tatsächlich, untersucht, eine für Auschwitzer Verhältnisse unheilbare Krankheit hatten.“

Und da kam uns ein Zufall zu Hilfe. Eines Tages wurde von Entress ein deutscher Häftling – wenn ich mich richtig erinnere, war es ein Krimineller – auch zum »Spritzen« ausgesucht. Und bei den deutschen Häftlingen, die ja bevorzugt behandelt wurden von der SS, die also nicht so leicht zum Töten ausgesucht wurden, bei denen mußte sofort, wenn sie in den Krankenbau kamen, eine Krankengeschichte auch angelegt werden. Und dieser deutsche Häftling wurde schon untersucht, bevor er dem SS-Arzt vorgestellt worden war, und wurde auch zum Röntgen geschickt. Es gab einen Röntgenapparat im Stammlager, im Block 28. Er wurde geröntgt, und der Befund war o. B., ohne Befund, also das heißt, die Lunge war in Ordnung. Und es stand dort, daß er Gastritis hätte, Durchfall hätte, und als Medikamentenvorschlag war angegeben Bolus alba. Der wurde dem Entress vorgestellt. Der Entress hat nicht viel gefragt, hat gesehen, er ist ein »Muselmann«– Sie [kennen] den Ausdruck »Muselmann«, der ist ja hier auch schon bekannt – und hat ihn zum »Spritzen« ausgesucht.

Ich bin mit der Krankengeschichte zum Standortarzt gegangen und habe gesagt: »Das ist ein Fall offener Tbc, von Entress ausgesucht zum ›Spritzen‹.« Er nahm die Krankengeschichte, schaute sie an und sagte: »Das ist doch gar keine Tbc.« Sage ich: »Und bei den anderen auch nicht.« Dann hat er Entress zu sich kommen lassen. Was er mit ihm geredet hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß dann die »Spritzen« zuerst reduziert und später überhaupt eingestellt wurden. Das dürfte etwa im Frühling 43 gewesen sein. Und das war in der Zeit. Ich habe damals den Standortarzt mehrmals darauf aufmerksam gemacht bei Gesprächen, die in einer solchen stillen Stunde stattgefunden haben, daß, solange Klehr SDG im Stammlager ist, es meiner Meinung nach unmöglich ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Häftlinge sich nicht fürchten. Denn Klehr hat nämlich etwas gemacht: Soweit ich es weiß, [+ war er] der einzige SDG, der das gemacht hat, daß er zusätzlich aus freien Stücken auch noch durch die Krankenstuben gegangen ist und Häftlinge, die ihm körperschwach schienen, ausgesucht hat fürs »Spritzen«.

Ich habe das einmal erlebt, als ich krank lag im Krankenbau. Wenn ich das beschreiben darf? Ich bin an Typhus erkrankt. Ich hatte damals unerhörtes Glück. Der Standortarzt hat gesehen, daß ich Fieber hatte und hat angeordnet, daß ich in ein kleines Zimmer gelegt wurde im Krankenbau und also sehr bevorzugt behandelt wurde. Die normalen Zimmer, in denen die kranken Häftlinge lagen, waren dreistöckig, so wie die Wohnzimmer auch die Krankenzimmer. Und auf einer Pritsche mußten zwei Häftlinge meistens liegen, Kopf bei Fuß und Fuß bei Kopf. Und es gab kein Bettzeug, die Strohsäcke waren voll von Exkrementen. Sie müssen sich vorstellen, wenn ein kranker Häftling aus dem dritten Stock herunter soll, der Durchfall hat, ein Sterbender. Es war furchtbar, es war eine Atmosphäre in den Krankenzimmern, die zweifellos nicht so geschildert werden kann, daß man sie sich wirklich vergegenwärtigen kann.

Ich hatte das Glück, in einem kleinen Zimmer zu sein, wo die Betten also nicht dreistöckig, sondern einstöckig waren. Ich wurde zweifellos auch besser gepflegt. Und ich habe dort einmal so eine Selektion von Herrn – Unterscharführer war er damals – Klehr miterlebt. Ich habe schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich bin krank geworden Mitte Oktober 42, bin gesund geworden Anfang Dezember 42. Das dürfte Ende Oktober oder vielleicht Anfang November gewesen sein, aber jedenfalls in der ersten Phase meiner Krankheit.

 

Vorsitzender Richter:

1942?

 

Zeuge Hermann Langbein:

42. Also ab Mitte Oktober, vielleicht Ende Oktober, wenn ich es ungefähr fixieren soll, den Zeitpunkt. Ich habe schon vorher gehört von meinen Freunden, daß Klehr des öfteren selbst aussucht, ohne einen Befehl von Entress zu haben, von Krankenzimmer zu Krankenzimmer geht und sich die aussucht, die ihm »spritzenswert« erscheinen. Und damals habe ich es erlebt, ich habe es gesehen: Eines Tages öffnete sich die Tür von unserem Zimmer, und Klehr stand in der Tür mit Lederhandschuhen, ich sehe das auch noch genau vor mir, und war erstaunt, daß er mich gesehen hat – er hat mich gekannt, selbstverständlich, weil ich beim Standortarzt vorn gesessen bin, wo er jeden Tag auch zu tun hatte –, und sagte: »Ah, der Langbein liegt da. No, höchste Zeit, daß Sie gesund werden.« Und hat die Tür wieder zugemacht. Und ich habe dann von dem Pfleger erfahren, daß er weitergegangen ist zu den anderen Krankenstuben und dort ausgesucht hat.

Solange das war, war mir klar, daß eine Atmosphäre der Angstlosigkeit nicht entstehen könnte. Ich habe das versucht, dem Standortarzt irgendwie beizubringen. Und nach einiger Zeit ist mir das, wie gesagt, gelungen, und dann wurde Klehr versetzt. Allerdings erfolgte die Versetzung gleichzeitig mit einer Verleihung eines Ordens. Er bekam das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern, so, glaube ich, heißt dieser Orden, der auch hier so im Knopfloch mit so einem Ordensband zu tragen war.2 Das bekamen damals mehrere; wenn ich mich richtig erinnere, war es im Frühling 43. Das sollte wahrscheinlich, so vermute ich, die Geste sein, es ist keine Strafversetzung für Klehr. Er wurde dann auch bald zum Oberscharführer befördert, und er wurde Leiter der Desinfektoren, wie es heißt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wann das war?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, im Frühling 43. Also mit völliger Sicherheit kann ich den Zeitpunkt jetzt nicht sagen, aber ich glaube, es war im Frühling 43. Die Desinfektoren haben ebenfalls zur Dienststelle des Standortarztes gehört und hatten das Giftgas in die Gaskammern zu werfen. Die erste Vergasung, die ich gesehen habe, spielte sich im alten Krematorium ab, vor unseren Fenstern.

So etwas vergißt man nicht, wenn man es gesehen hat. Ich kann mich erinnern, das dürfte noch vor meiner Krankheit gewesen sein, da kamen einige Lastautos, fuhren in den Hof vor dem alten Krematorium. Vor dem Eingang zum Krematorium war so eine hohe Holzplanke, so daß die Lastautos hineinfahren konnten und, wenn die Tür zu ist, abgeschirmt waren von außen. Von oben allerdings, von unserem Stock, konnte man hinuntersehen. Und ich sah, diese Lastwagen waren mit Plachen gedeckt. Die Plachen wurden geöffnet, und es waren Zivilisten drauf, Männer und Frauen, die mußten vom Lastwagen herunter, wurden dann in das Krematorium hineingetrieben. Und dann sah ich zwei Desinfektoren, Koch und Theuer, die ich beide sehr gut kannte, weil sie immer bei uns ein und aus gingen, mit Gasmasken auf dem Dach des Krematoriums mit Büchsen hantieren. Sie haben so einen Reifen gehabt mit Zähnen oder Stacheln, die sie in die Büchsen hineingedrückt haben, um sie zu öffnen. Und einige Zeit später konnte man dann dicke, qualmende, schwarze Rauchwolken aus dem Schornstein des Krematoriums sehen. Das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber Klehr war dabei nicht beteiligt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Bei dieser Vergasung nicht, nein. Damals war er noch SDG im Stammlager. Da war er noch nicht Desinfektor. Er wurde dann also der Leiter der Desinfektoren. Und ich kann mich genau erinnern – das ist auch eine Sache, die man nicht vergessen kann, glaube ich –, daß ich eine Anweisung schreiben mußte auf Befehl des Standortarztes, Milchzulage anzufordern für die Desinfektoren, weil sie einen gesundheitsschädlichen Dienst zu verrichten hatten. Sie bekamen also, ich weiß nicht mehr wieviel, Milch zusätzlich zu ihrer sonstigen Verpflegung.

Wenn ich noch eine Episode schildern darf, die zurückgreift in die Zeit, wo ich krank lag, Typhus, im Block 28, weil sie auch für die Lageratmosphäre kennzeichnend war. Es war das in der Zeit, als ich schon also das Schlimmste der Krankheit hinter mir hatte, schon auf dem Wege der Besserung war. Das Fenster ging damals von meinem Krankenzimmer auf Block 28 hinaus zum Stacheldraht, also auf die Seite auf der Zeichnung, es war im Stock oben. Und ich sah, daß mit furchtbarem Lärm eine ganze Gruppe von Häftlingen dort zwischen Stacheldraht und Block 28 in diesen schmalen Gang getrieben wurde. Eine Reihe von Kapos war dabei, und SS hat diese ganze Aktion beaufsichtigt. Ich hörte: »Ausziehen! Ausziehen! Flott, flott!« Es war damals November, also eine kalte Jahreszeit. Die Leute mußten sich ausziehen, und es war schlimm zu sehen, offensichtlich wußten sie es, und wer wußte es nicht in Auschwitz, was das bedeutet.

Sie waren ausgesucht worden beim Ausmarschieren der Kommandos als arbeitsunfähig, weil sie schon schlecht gingen. Und ich sah es, und das vergesse ich auch nicht, sie haben sich dort ausgezogen, und wenn der SS-Mann sich umgedreht hat, hat er sich bemüht, sich schnell wieder ein bißchen anzuziehen, damit er das Ausziehen verzögern könnte. Dann waren sie nackt, dann wurde jedem die Häftlingsnummer mit Tintenstift auf die Brust geschrieben. Damals waren die Häftlinge noch nicht alle tätowiert. Etwa im Frühling 43 wurden alle Häftlinge bis auf die deutschsprachigen Häftlinge – bis auf die Deutschen, Entschuldigung, nicht deutschsprachigen – tätowiert am linken Unterarm. Die Deutschen deswegen nicht, weil man bei denen noch eine Möglichkeit sah, daß sie später aus dem Lager herauskommen. Damals waren sie noch nicht tätowiert, und ihnen wurde vom Schreiber mit Tintenstift die Häftlingsnummer auf die Brust geschrieben. Denn jede Leiche hatte in Auschwitz die Häftlingsnummer auf der Brust, solange sie noch nicht tätowiert waren, und die galten schon als Leichen.

Sie wurden dann hinaufgejagt auf den Gang vor meiner Tür. Dort standen sie, und scheinbar hat es mit der Anforderung der Lastwagen nicht geklappt. Wenn eine größere Zahl war, wurden sie immer ins Gas geschickt, kleinere Zahlen wurden »gespritzt«, und größere wurden immer vergast. Und sie haben natürlich kein Essen mehr bekommen, sie waren schon abgeschrieben von der SS. Sie haben kein Wasser mehr bekommen, man ließ niemanden raus, weil sie Angst hatten, die Leute werden sich irgendwo verstecken. Die einzige Möglichkeit, daß sie beim Klosett Wasser tranken, war gegeben. Die einen sind schon am Boden gelegen. Einzelne waren schon tot, einzelne lagen neben ihnen, ohne sich von den Toten wesentlich zu unterscheiden. Und spät am Abend, glaube ich, sind dann die Lastwagen gekommen und haben auch diesen Transport weggebracht. [Pause]

Das war das Klima, das in Auschwitz herrschte in dieser Zeit. Und das Klima, wenn man das nicht kennt und nicht versteht, kann man unmöglich sich vorstellen, wieso die einzelnen SS-Leute solche Dinge gemacht haben. Das Menschenleben galt nichts. Einen Menschen zu töten war eine Kleinigkeit, war überhaupt nicht der Rede wert. Und die Machtfülle, die ein SS-Mann, auch der kleinste SS-Mann, den Häftlingen gegenüber hatte, war unvorstellbar. Und aus dieser Machtfülle heraus und aus dieser Einstellung heraus: Diese Leute müssen ja sowieso sterben, die sind ja schon Tote auf Urlaub sozusagen, aus dieser Einstellung heraus habe ich mir nur erklären können das, was geschah an einzelnen Akten von Einzelnen. Von Einzelnen vor allem, die ich persönlich kennengelernt habe.

Ich habe sehr viele SSler kennenlernen müssen, vor allem Ärzte und SDGs, die also regelmäßig bei uns in der Schreibstube ein- und ausgegangen sind, mit mir gesprochen haben, wenn sie besoffen waren, mir ihr Innenleben offenbart haben und ähnliches. Es gab darunter viele, unter den Ärzten, ich möchte fast sagen: die Mehrzahl, die durchaus nicht irgendwie fanatisch nationalsozialistisch, die durchaus auch nicht fanatisch antisemitisch waren, aber die diese Atmosphäre aufgenommen haben und die dann nichts dabei gefunden haben, auch zu experimentieren an den Leichen, die noch lebten. Wie zum Beispiel Doktor Helmut Vetter, ein Mann mit wunderbaren Umgangsmanieren auch uns Häftlingen gegenüber. Er war immer freundlich, nicht nur zu mir, was ich gesehen habe, auch zu anderen. Aber er hat experimentiert an den Häftlingen, ohne eine irgendwie sichtbare oder spürbare Hemmung. Von Mengele will ich nicht reden, Mengele war meiner Auffassung nach ein fanatischer Antisemit. Er sah eine Aufgabe darin, die Juden zu vernichten. Aber bei Vetter habe ich das nicht so gespürt. Auch die Ärzte, die hier sitzen, Frank oder Schatz; ich habe sie kennengelernt als Ärzte, die den Häftlingen, mit denen sie in Berührung kamen, nichts Schlechtes machten. Aber in der Atmosphäre von Auschwitz haben sie offensichtlich keine Hemmungen gehabt, Leute fürs Gas auszusuchen. Das zu verstehen – ich weiß nicht, ob man das erklären kann, weil ich immer fürchte, daß man die Atmosphäre von Auschwitz schwer schildern kann.

Wenn ich weitergehen darf in meinem Bericht. Als ich die Meldungen bekam und den Standortarzt versuchte, darauf aufmerksam zu machen, wo die schlimmsten Zustände sein müßten und wo man vielleicht irgendeine Möglichkeit hätte, zu mildern, habe ich dann gesehen, daß die größte Sterblichkeitszahl im Zigeunerlager war, das damals – ich glaube, es war auch im Frühling 43 – gegründet wurde in Birkenau. Es war etwas ganz Eigenartiges. Die Zigeuner wurden dort bevorzugt behandelt. Sie blieben familienweise beisammen, sie wurden nur zum Teil zur Arbeit eingesetzt, sie durften sich die Haare stehen lassen, und trotzdem war die Sterblichkeit im Zigeunerlager die größte, prozentuell. Und ich habe damals beim Standortarzt mir erwirkt, daß ich einmal ins Zigeunerlager hinausfahren kann mit einem SDG als Posten; ich weiß nicht mehr, wer mich damals begleitet hat. Und ich bin da ins Zigeunerlager hineingegangen und bin natürlich in den Krankenbau hineingegangen, weil offiziell der Grund meines Hinübergehens war, im Krankenbau irgendwelche Bürosachen zu erledigen, ich weiß nicht mehr was. Das war ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Könnten Sie uns an der Karte mal diesen Block zeigen, wo Sie da reingegangen sind?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ob ich den noch genau finde, weiß ich nicht. [unverständlich] Wir sind hier hereingefahren [unverständlich] hier in die Straße hinein, und dann [unverständlich]. Eine dieser Baracken, ich weiß nicht mehr, welche, war die Krankenbaubaracke, hier auf der Seite, aber das weiß ich nicht zu sagen [unverständlich], oder die [unverständlich] Richtung, das weiß ich nicht [unverständlich] aus der Erinnerung nicht so genau. [Pause]

Ich habe dort angeschaut also zuerst einmal die Ambulanz. Das war schon ein schlimmer Anblick. Vor allem erinnere ich mich daran, es werden sicherlich auch andere gestanden sein, aber ich erinnere mich vor allem an Frauen mit ihren Kindern, die dort gestanden sind, mit kranken Kindern. Das Lager war in einem unbeschreiblichen Zustand: Lehmboden, aufgeweicht, verdreckt, keine Waschmöglichkeit, die Latrinen, ich glaube, sie wurden Ihnen schon geschildert, wie sie in Birkenau aussahen, keine Reinigungsmöglichkeit für die Kleider. Die Kinder haben am schlimmsten ausgeschaut. Oder vielleicht hatte man den Eindruck bei den Kindern, daß es am schlimmsten war, weil es einem am nächsten gegangen ist.

Ich habe dann mir einen Krankenblock angeschaut, und zwar war das der Krankenblock, in dem auch die Frauen gelegen sind, die entbunden haben. Im Zigeunerlager kamen auch Kinder zur Welt. Ich habe viel gesehen in Auschwitz. Tote waren für uns eine Alltäglichkeit. Man ist furchtbar hart geworden in Auschwitz, so hart, daß man manchmal Angst gehabt hat, ob man wieder ins normale Leben zurückfindet. Aber was ich dort gesehen habe, das war schlimmer als alles andere. Ich habe Frauen gesehen, [Pause] die glücklichsten waren die – es waren einzelne darunter –, die wahnsinnig geworden sind. Ich habe kleine Kinder gesehen, Neugeborene; die einzige Sorge, die ihnen zuteil wurde, war die, daß sie sofort die Häftlingsnummer tätowiert bekamen mit einem »Z«. Und zwar bekamen die die Häftlingsnummer in den Oberschenkel, weil der Unterarm eines Säuglings zu klein war dafür. Und ich habe dann die Leichenkammer gesehen, die anschließend hinten bei dem Block war, und dort war ein Berg von Leichen, Kinderleichen, und dazwischen waren die Ratten. [Pause]

Ich habe dem Standortarzt dann gesagt, wie die hygienischen Verhältnisse in Birkenau sind. Ich habe aber an der Sterblichkeitszahl also keine Besserung der hygienischen Verhältnisse ablesen können. Das Ende des Zigeunerlagers ist ja bekannt. Sie wurden alle vergast. Ich kann mich noch genau erinnern, als diese Vergasung erfolgte. Wir erfuhren es selbstverständlich im Stammlager, diese Gerüchte sind immer sehr schnell gegangen. Aber ich wollte mich damals noch vergewissern und bin zum Standortarzt mit meiner Wochenmeldung, wo für jeden Tag die Zahlen drauf waren. Da war Zigeunerlager: soundso viel, soundso viel, und am nächsten Tag: »Null«. Und da bin ich zum Standortarzt gegangen und habe gefragt: »Bitte, was soll ich hier machen mit der Meldung, die dürfte falsch sein.« Und er sagte: »Nein, nein, die Meldung ist richtig.« Und dann sagte ich: »Was soll ich damit machen?« Dann sagt er: »Schreiben Sie zu den Gestorbenen.« Das war sozusagen die offizielle Bestätigung dessen, was ich sowieso schon gewußt habe, daß diese Leute alle in die Gaskammer geschickt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war 44, das ist vorgegriffen jetzt. Das war, ich glaube, knapp bevor ich weggekommen bin von Auschwitz.

Ich bitte zu entschuldigen, daß ich mit der Zeit ein bißchen springe, aber es ist schwer, also hier chronologisch zu schildern. Wenn ich versuchen will, wieder chronologisch weiterzugehen, so muß ich erzählen die Zeit, in der ich im Bunker war im Block 11. Es war das Ende August 1943. Ich hatte vorher schon die Politische Abteilung aus der Entfernung kennengelernt. In der ersten Zeit, als ich im SS-Revier war, besonders. In der ersten Zeit war nämlich die Politische Abteilung im selben Block, in dem das SS-Revier oben im Stock war, unten im Parterre. Und wir hörten durch den Fußboden hindurch manchmal ein Schreien, das man gar nicht mehr als ein menschliches Schreien auffassen konnte. Und ich sah auch des öfteren Häftlinge, die vor der Tür der einzelnen Referenten da unten haben warten müssen und stehen müssen in einem schwer mißhandelten Zustand. Ich lernte auch die Namen von den berüchtigtsten Leuten der Politischen Abteilung schon damals kennen, also vor allem Grabner und die beiden berüchtigtsten Helfer von ihm, Boger und Lachmann. Die kannte ich schon, bevor ich in den Bunker kam.

Wenn ich die erste Begegnung noch schildern darf, wie ich Grabner kennenlernte. Es war das eine dieser Vergasungsaktionen im Krematorium. Ich habe eine geschildert, es gab mehrere, die erste ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Bei einer dieser Vergasungen gab es einen Häftling in unserem Kommando – unser Kommando hieß »SS-Revier«, und in dem waren nicht nur wir Schreiber, sondern es waren auch die Putzer, die das SS-Revier sauberzuhalten hatten –, ein Häftling, der in der Diätküche gearbeitet hat, Edward Pyś hieß er, ein Friseur, einer für die Massage der SS und so weiter. Also, es gab eine ganze Reihe von Häftlingen in unserem Kommando.

Einer davon, ein Jude war es, ein junger Bursch, ich weiß jetzt den Namen nicht mehr, der hat bei einer solchen Aktion vom Gangfenster zugeschaut. Wir haben aus unserem Zimmerfenster gesehen, und da waren wir sozusagen gedeckt. Er hat vom Gangfenster gesehen, und da hat ihn der Grabner dabei gesehen. Der Grabner rief ihn zu sich, notierte seine Nummer, und am nächsten Tag war der Häftling nicht mehr in unserem Kommando, und die Totenmeldung war zu schreiben. In der Schreibstube wurde er als abzuschreiben, »abzusetzen«, wie der Fachausdruck hieß, hingegeben.

Da hörte ich Grabners Stimme und sah ihn das erste Mal. Und Lachmann und Boger, über die hörte man im Lager sehr viel, und ich sah Boger vor allem und Lachmann sehr oft. Ich erinnere mich vor allem an Boger, der mir immer den Eindruck machte, daß er mit einer wahren Jagdleidenschaft gesucht hat nach Fällen, die er bearbeiten könnte; er ist meistens auf seinem Fahrrad gefahren. Von Lachmann war es bekannt, daß er sich manchmal als Häftling verkleidet ins Lager geschlichen hat, um zu spionieren, etwas zu erfahren. Er hatte so eine kleine Gestalt, also er konnte es sich auch erlauben. Eines Tages, Ende August 43, es war an einem Samstag, dem letzten Samstag im August, kam Lachmann in unsere Schreibstube und sagte zu mir: »Du bist der Langbein?« Ich meldete mich, und er sagt: »Komm mit.«[...] Ich nahm meinen Stenogrammblock – also immer, wenn mich ein SSler gerufen hat, bin ich normalerweise zum Schreiben gekommen – und den Bleistift, er sagt: »Laß das liegen, nimm Deine Mütze.« Da wußte ich also schon, was los war. Er führte mich ins Lager hinein. Bei der Blockführerstube, wo man in das Lager Eingang hat, meldete er mich ab, sagte: »Einen Häftling vom SS-Revier führe ich in denBunker.« Das mußte er, damit der Stand geändert wird, das SS-Revier also mit einem weniger dann einmarschiert. Und ich wurde von ihm in den Bunker in den Block 11 eingeliefert, in den Keller in die Zellen hinunter. [...] Er lieferte mich ein, unten, durchsuchte mich noch, ob ich etwas bei mir hätte, und schickte mich in eine Zelle. Das hat der Bunkerkapo dann, der Jakob, tun müssen.

Dann kam bald darauf in dieselbe Zelle der Wörl hinein, der damals Lagerältester vom Krankenbau war. Das war für mich eine gute Hilfe, weil ich sah, also der Wörl ist auch verhaftet, also was ist los, ich mußte mich ja orientieren, um was es geht. Und wie Lachmann sah, daß der Wörl in meiner Zelle ist, sagt er sofort: »Die beiden dürfen ja nicht in derselben Zelle sein.« Und holte mich heraus und gab mich in eine andere Zelle, wo niemand drin war. In dieser Zelle blieb ich, und diese Zelle füllte sich dann ziemlich schnell. Ich kann nicht sagen, in welcher Zeit, aber in wenigen Tagen war unsere Zelle dann voll, ich glaube, bis zehn oder elf Mann. Und dann lernte ich das erste Mal die sogenannte Kommission im Bunker kennen.3 Es wurde schon in der Früh also Besuchsalarm gegeben, wenn ich so sagen darf. Der Jakob sagte: »Alles saubermachen, alles saubermachen.« Man mußte also die Zelle tipptopp herrichten, und dann hörte man es also. An dieses Geräusch habe ich mich dann gewöhnt, ich konnte es später also genau unterscheiden, ich habe sechs solche Kommissionen im Bunker miterlebt.

Man hörte also viele Schritte draußen, man hörte, wie eine Zellentür nach der anderen geöffnet wurde. Man hörte Stimmen draußen, man hörte Gehen, und dann also wurde auch unsere Zellentür geöffnet. Wir hatten uns hintereinander anzustellen. Ich war an der Spitze. Weil ich der erste in der Zelle war, war ich sozusagen der Älteste in der Zelle, ich mußte melden: »Zelle soundso viel«– ich weiß die Nummer nicht mehr – »mit soundso viel Häftlingen belegt.« Und vor der Tür standen Grabner, der Schutzhaftlagerführer – ich weiß also, daß zumindest einmal, ich weiß nicht wie oft, aber ganz sicher einmal Hofmann dabei war, ob er jedesmal dabei war, will ich nicht mit Sicherheit sagen –, der Rapportführer und die Referenten der Politischen Abteilung. Mit Sicherheit weiß ich Boger und Lachmann, weil ich sie persönlich gekannt habe. Die anderen habe ich persönlich nicht gekannt, ich kann also nicht sagen, ob der oder der auch dabei war. Und der Blockführer vom Bunker, der sozusagen die Sperrdienste leistete, also die Zellen auf- und zusperrte. Das war die Kommission, die vor der Tür war.

Jeder einzelne von uns hatte seine Nummer zu melden. Sie wurde bei den Nichtdeutschen sofort verglichen mit der Tätowierungsnummer am Unterarm. Und da war eine Liste, auf der Liste standen diese Nummern. Und jetzt gab es eine überaus kurze Beratung, meistens wurde ohne besondere Kommentare »Hinaus!« gesagt, in der Regel vom Referenten der Politischen Abteilung, also von Boger, Lachmann und den anderen, die ich namentlich nicht in Erinnerung habe. Bei einzelnen gab es kurze Diskussionen. Ich erinnere mich genau an eine Diskussion, die es bei einem deutschen Häftling [+ gab] – es war auch ein krimineller Häftling aus Birkenau, ein Kapo oder Blockältester, der in meiner Zelle war – zwischen dem Schutzhaftlagerführer und dem Grabner. Und der Grabner sagte: »Der kommt raus, der hat einen SSler ›hingehängt‹.« Der Kriminelle hat mir vorher erzählt, er ist geplatzt mit irgendeiner »Organisationsgeschichte«– entschuldigen Sie diese Jargonausdrücke – und hat dabei gesagt, daß dieser oder jener SSler mit ihm organisiert hätte. Und weil er den SSler »hingehängt« hat, hat der Grabner gesagt also: »Raus mit Dir!« Es kamen sehr viele raus, ich wurde auch rausgerufen. Und zwar sagte Lachmann, wie ich meine Nummer nannte: »Der geht raus, aber den nehme ich noch zu mir.« Und da führte mich der Jakob. Ich weiß nicht, ob eine Karte vom Bunker [+ hier ist], nein, ist nicht hier. Unten, die Bunkerzellen, da gab es noch so Zwischengänge. Und da stellte er mich in so einen Gang hinein, während ich sah, daß die anderen, die rausgerufen wurden, im großen, breiten Mittelgang Aufstellung genommen hatten. Es war eine größere Zahl, die wurden dann hinausgeführt. Ich hörte ihre Schritte, sie haben meistens so Holzpantoffeln gehabt, und dann holte mich der Jakob heraus. Es waren noch drei andere auch mit mir, wir waren zu viert bei dieser ersten Bunkerselektion. Die drei anderen gingen frei, und mich holte der Lachmann zum Verhör.

Das erste Verhör, war sehr kurz, weil er irgendeinen Anruf bekommen hat und keine Zeit gehabt hat. Ich wurde wieder zurückgeschickt in meine Zelle, und die Zelle war leer. Ich war der einzige, und ich habe schon vorher öfter gesehen, daß bei diesen Bunkerselektionen, die im Lager bekannt waren, nachher Lastautos wegfuhren, die eine Blutspur hinterlassen haben auf dem Weg durch das Lager. Ich konnte mir also leicht vorstellen, wohin die anderen gekommen sind. Ich lernte sechs solche Selektionen kennen im Bunker, die ich alle sechs überstand, sonst wäre ich nicht hier. Man warf mir damals vor, und auch Wörl und vom Krankenbau einem Blockältesten, der ebenfalls mit uns im Bunker war, daß wir eine Geheimorganisation gehabt hätten in Auschwitz.

Ich möchte hier auch etwas sagen, was zum Verständnis der ganzen Auschwitzer Situation vielleicht beitragen kann. Ich wurde damals, und Wörl und der andere auch, verraten von einem Mithäftling, der ein Spitzel der Politischen Abteilung wurde. Ich weiß auch, wie er es geworden ist, nachträglich habe ich es erfahren, damals noch nicht, schon noch in Auschwitz, aber erst nach meiner Bunkerzeit. Er war Blockältester im Krankenbau und hatte dadurch die Möglichkeit, sich auch zu untersuchen, und hat sich röntgen lassen und gesehen, daß er Tbc-krank ist. Und da wurde er von einer Panik ergriffen. Und da hat er in seiner Lebensangst den Weg zur Politischen Abteilung gefunden, ob er nicht irgendwie freigehen könnte, und die haben ihm angedeutet, er könnte freigehen, wenn er ihnen Material liefert. Und dann hat er gesagt, wir gehörten einer Widerstandsorganisation an, wobei seine Angaben so ungeschickt waren, daß sie von uns leicht widerlegt werden konnten. Der schwerste Vorwurf wurde gegen mich erhoben, und den konnte ich am schwersten widerlegen. Die anderen Vorwürfe waren lächerlich, es waren Vorwürfe, wir wollten, wenn Auschwitz befreit wird, Kommandant und Schutzhaftlagerführer im Lager werden. Wie ich das gehört habe, habe ich lachen müssen, so ernst die Situation war. Als Lachmann mich fragte: »Warum lachen Sie?«, sage ich: »Glauben Sie, daß einer von uns einen Tag länger in Auschwitz bleibt, wenn er weggehen könnte aus Auschwitz?“

Scheinbar hat er das also dann auch nicht zu ernst genommen, diese Denunziation, aber der andere Teil der Denunziation war ernster. Er sagte, ich hätte Umgang mit jüdischen Häftlingen und würde Juden helfen. Und das war in den Augen der Politischen Abteilung ein sehr schweres Verbrechen. Nun wußte ich, daß, wenn ich beobachtet worden wäre, und das mußte ich annehmen, daß man mich zweifellos hat öfter mit einem Häftling sehen können, der einen Judenstern tragen mußte. Sie wußten, daß die Juden gesondert gezeichnet waren im Lager. Und hier war es also für mich schwerer, diesen Verdacht in den Augen der Politischen Abteilung zu entkräften, und ich sagte also: »Für mich gilt jeder Mensch als Mensch. Und ich werte jeden so, wie er als Mensch ist.“

Und da geschah etwas Makabres. Lachmann, der mich verhört hat, hat in Gegenwart seiner Häftlingsschreiberin – er hat auch eine Schreiberin gehabt, die dort an der Maschine das Protokoll geschrieben hat, die Jüdin war und den Judenstern an ihrer Brust trug – gesagt, daß es doch notwendig ist, die Juden zu vernichten, daß das eine sehr schwere Arbeit ist, aber daß er eben diese schwere Arbeit verrichtet, weil er weiß, daß das den Führer ausmacht, Schweres auch auf sich zu nehmen und zu leisten. Er hat sich also bedauert, weil er so eine strenge Aufgabe durchzuführen hätte. Das habe ich in mehreren Variationen von mehreren SSlern gehört, daß sie sich bedauert haben, wie schwer sie es hätten in Auschwitz und was für schwere Pflichten sie durchzuführen hätten.

Wenn ich von den anderen Selektionen im Bunker noch berichten kann: Ich erinnere mich an einige Leute, die dort ausgesucht wurden für den Tod an der Schwarzen Wand. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen ganz jungen Burschen – es war ein Jude aus Warschau –, der in den Bunker eingeliefert wurde, wie er mir erzählt hat, deswegen, weil er in seinem Kommando aus einer Feldflasche getrunken hat, weil er Durst gehabt hat. Und es hat sich dann herausgestellt, die Feldflasche gehörte dem SS-Mann, dem vom Kommando. Er hat ihn aufgeschrieben, hat ihn in den Bunker eingeliefert, er wurde, wie die meisten anderen, ohne Verhör ausgesucht und erschossen. Besonders von den Juden wurden wenige verhört, die meisten wurden eingeliefert und dann bei der nächsten Selektion ausgesondert.

Ich kann mich an eine Episode auch erinnern, die mich das erste und letzte Mal persönlich zusammengebracht hat mit dem Oberscharführer Boger. Meine Zelle hat mehrmals gewechselt, ich wurde mehrmals in verschiedene Zellen gebracht. Eine Zeitlang war ich im Block 11 in einer Zelle, deren Fenster in den Hof hinausging zu Block 10. Die Zellen waren im Keller, aber ein Luftschacht führte hinaus, durch den auch das Licht hereinkam. Das sage ich deshalb, weil wir dort auch die Erschießungen dann hören konnten, solange ich in dieser Zelle drüben war.

In dieser Zelle war unter anderem ein älterer Pole, der, wie sich später herausgestellt hat, Offizier war, ein sehr ruhiger, würdiger Mann. Und in dieser Zelle war auch unter anderem ein Volksdeutscher – man nannte sie Volksdeutsche, das waren vor allem diese Oberschlesier, die Deutsch und Polnisch sprachen –, der, wenn ich mich richtig erinnere, aus Buna, aus Monowitz, eingeliefert wurde unter irgendeinem Verdacht und der Boger zum Referenten hatte.

Ich habe gesehen, wie er einmal zum Verhör gerufen worden ist, und ich habe ihn gesehen, wie er zurückgekommen ist. Er war auf die »Schaukel« gespannt, und, entschuldigen Sie, wenn ich das jetzt so schildere, seine Geschlechtsteile waren derart geschwollen, blau und grün, als er zurückkam, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können, daß das überhaupt möglich ist. Sie wissen, wie die »Schaukel« ausgesehen hat, ich glaube, sie ist Ihnen beschrieben worden schon. Die Spezialität vom Boger hat darin bestanden, daß er eben auf diese Körperteile besonders seine Schläge gerichtet hat. Ich habe den Menschen gesehen, wie er ausgeschaut hat, und ich habe kennengelernt das, was offensichtlich die Taktik von Boger war. Scheinbar hat dieser Mann das nicht gesagt, was er hätte sagen sollen. Er hat ihn zwei oder drei Tage später wieder geholt.

Der erste Schmerz bei Schlägen ist nicht so schlimm. Der große Schmerz tritt erst später ein, zwei, drei Tage später. Ich bin selbst einmal geschlagen worden, sehr stark, und wenn man aber zwei, drei Tage später auch nur berührt wird an der Stelle, wo man geschlagen worden ist, dann ist das ein Schmerz, den man schwer aushalten kann. Ich nehme an – das weiß ich nicht, das ist meine Annahme –, daß dieser Volksdeutsche dann wieder auf die »Schaukel« gespannt worden ist und dann das angegeben hat, das einzige, was er angeben konnte. So ist meine nachträgliche Konstruktion, denn es spielte sich dann folgende Szene ab. Boger kam in unsere Zelle – der Volksdeutsche war noch nicht zurück von seinem Verhör –, er fragte: »Ist hier ein Deutscher?« Ich meldete mich. Er rief mich heraus, führte mich in die Blockführerstube vom Bunker, das war im Stock oben, und sagte: »Weißt du, daß dieser Pole«– ich weiß jetzt den Namen nicht mehr – »Briefe geschrieben hat nach außen?« Ich sagte: »Nein.« Ich habe es auch tatsächlich nicht gewußt. Ich erinnere mich wie heute, er schaute um sich, ob er irgend etwas findet, womit er mich schlagen kann, dann hat er sich es überlegt und hat gesagt: »Runter!« Ging mit mir runter, der Blockführer kam mit. Wir mußten uns alle nackt ausziehen in der Zelle, wurden aufs peinlichste auch am nackten Körper untersucht. Dann wurden die Kleider untersucht, die wir in der Zelle liegenlassen mußten, wir standen am Gang draußen. Und dann fand man in den Kleidern von dem Polen einen Zettel.

Dann hat Boger diesen alten Polen, der also in seiner Nacktheit sogar noch würdig war, geschlagen, hat gesagt: »Glaubst du, ich kann dich nicht schlagen, weil du Offizier bist?« und hat dann angeordnet, daß dieser Mann in den Stehbunker kam. Der Stehbunker ist, glaube ich, auch eine Einrichtung, die ich nicht beschreiben muß, die ich auch nicht direkt kenne, sondern auch nur vom Erzählen kenne. Wir anderen durften uns wieder anziehen und wurden in eine andere Zelle geführt, weil er den Eindruck hatte, daß korrespondiert wurde dadurch, daß in den Hof zwischen 10 und 11 zu bestimmten Zeiten die Häftlinge von der Quarantäne hinaus durften. Die Quarantäne war im Stock vom Block 11, und die durften eine gewisse Zeit im Hof spazierengehen. Und da hatte er den Verdacht, daß da die Korrespondenz erfolgt ist während dieser Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Die Quarantäne war doch nicht in Block 11.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Doch.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Bunker?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Oben, im Stock. Zumindest zeitweise. Also in dieser Zeit, im Herbst 43, sicher. Ich weiß nicht, ob es ständig so war, aber im Herbst 43 waren die Quarantänehäftlinge oben. Und zwar waren damals, in dieser Zeit, während ich im Bunker war, die französischen Häftlinge auch dort. Damals war ein Befehl, der aufgrund einer Intervention von Frankreich erfolgt ist: Alle französischen Häftlinge, das heißt die nichtjüdischen – die Juden galten nicht als Franzosen – französischen Häftlinge sollen von Auschwitz verlegt werden in ein anderes Lager, also vom Vernichtungslager weg in ein besseres. Die Franzosen wurden auf Quarantäne gelegt, eben in den Stock von Block 11 hinauf, dann später sind nicht alle wegtransportiert worden. Ich weiß das deswegen genau, weil ich einen Bekannten hatte, dem ich früher geholfen hatte und der mir in der Bunkerzeit half und mir durch dieses Fenster eben vom Spaziergang her Brot und Zeitungen zusteckte. Also deswegen ist hier ein Irrtum ausgeschlossen von meiner Seite.

Dann später erfuhr ich vom Jakob, daß bei der nächsten Selektion dieser Pole ausgesucht wurde zum Erschießen an der Schwarzen Wand. Das ist mir allerdings jetzt erst in Erinnerung gekommen, als ich eine Aufzeichnung von mir durchgelesen habe, die ich im April 45 gemacht habe. Im April 45, unmittelbar nach meiner Befreiung, da war ich in Hannover noch, habe ich meine Erlebnisse aufgeschrieben und habe sie abgegeben – damals war dort die englische Besatzungsmacht, glaube ich – und habe einen Durchschlag mit nach Hause genommen. Den habe ich am Boden jetzt gehabt. Ich habe nicht mehr an ihn gedacht, aber jetzt habe ich ihn rausgesucht, habe ihn mir durchgelesen. Und da fand ich eine Episode, die mir wieder ins Gedächtnis gekommen ist, als ich es durchlas. Da sagte bei einer dieser sechs Selektionen, die ich erlebt habe, Boger mit einem gewissen Stolz – aus unserer Zelle sind damals sieben ausgesucht worden zum Rausgehen: »Sechs sind von mir.« Das war also irgendwie sein Ehrgeiz oder Stolz, das weiß ich nicht. Daran erinnere ich mich jetzt genau, als ich das las, vorher ist das aus meinem Gedächtnis verschwunden gewesen.

Das war die Bunkerzeit. Nur auch als eine Illustration, ich habe es erfahren, weil ich eben über den Franzosen, den ich jetzt geschildert habe – Robert hieß er, Robert Lambotte –, habe korrespondieren können, nicht gleich von Anfang an, sondern nach späterer Zeit nach außen. Und da erfuhr ich, daß der Standortarzt für mich interveniert hat bei der Politischen Abteilung und daß ihm Grabner gesagt hätte: »Der Langbein ist schon tot, um den brauchen Sie sich nicht mehr kümmern.« Um die Interventionen wahrscheinlich abzuschneiden. Ich habe die Post rausgeschickt, »ich bin noch nicht tot«, und dann Anfang November hat mich der Standortarzt rausgebracht aus dem Bunker. Allerdings war damals die Situation eine andere in Auschwitz.

Es ist damals ein Wechsel in der Politischen Abteilung eingetreten. Grabner ist weggekommen, wir haben später gehört, daß er sogar vorübergehend verhaftet war. An seine Stelle kam als Leiter der Politischen Abteilung Schurz. Ich wurde auch vor meiner Entlassung zu Schurz vorgeführt, das war ein formales Verhör von fünf Minuten oder zehn Minuten. Er fragte mich: »Warum sind Sie in den Bunker gekommen?« Ich sagte: »Ich weiß es nicht.« Dann sagt er: »Was, du weißt nicht, weswegen du in den Bunker gekommen bist?«»Nein.«»No, werden wir sehen.« Und dann bin ich weggeführt worden von ihm, am nächsten Tag bin ich dann entlassen worden.

In dieser Zeit war nicht nur der eine Wechsel in der Leitung der Politischen Abteilung, es war auch ein Wechsel in der Kommandantur. Der Höß ist weggekommen als Kommandant – das hat mir Wirths schon angekündigt, eine Zeit vorher, in den ersten Tagen, als ich rauskam –, und an seine Stelle kam Liebehenschel. Und zur selben Zeit wurde der schlimmste Lagerarzt – ich habe seinen Namen schon genannt, Doktor Friedrich Entress – versetzt nach Mauthausen. Er kam als erster Lagerarzt nach Mauthausen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Langbein, wir wollen jetzt eine kurze Pause einlegen. Sie sind jetzt an einem anderen Abschnitt, und wir wollen das dann nachher besprechen. Eine Pause bis fünf nach halb elf.

 

Vorsitzender Richter:

So, darf ich Sie bitten, Herr Langbein, in Ihrer Aussage fortzufahren. Wollen Sie noch mal anfangen in diesem Abschnitt, [wo Sie stehengeblieben waren?]

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, ich bin stehengeblieben dort, wo ich geschildert habe, daß eine Änderung im Lager vor sich ging, vor allem auch durch den Wechsel des Kommandanten.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Liebehenschel.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß da Schurz Nachfolger von Grabner wurde.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Und Entress

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wann war das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war im Oktober/November 43. Der Wechsel in der Politischen Abteilung war schon im Oktober, der Wechsel der Kommandanten im November. Ich habe schon immer, solange ich also die Möglichkeit dazu hatte, beobachtet, so gut ich es konnte, welche Tätigkeit der Kommandant entwickelt hat. Höß war eine uns allen recht bekannte Figur. Und ich habe sehr deutlich beobachten müssen, wie er sich, ich möchte sagen, mit einem Fanatismus darum bemüht hat, daß die Todesmaschinerie möglichst reibungslos und schnell lief.

 

Vorsitzender Richter:

Sprechen Sie jetzt von Höß?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Von Höß. Das war meine Beobachtung schon vorher. Höß war mehrmals bei uns, auf unserem Gang und in unseren Räumen bei der Dienststelle vom SS-Standortarzt. Ich kenne auch den Schriftwechsel, den der Standortarzt mit ihm hatte, und manche Nebenbemerkungen, die bei dem Diktieren fielen dabei. Höß hat sich weniger um die Lager gekümmert, also weniger um das Stammlager auch. Er hat sich vor allem um die Vernichtungsaktion gekümmert.

Manchmal hat er sich schon mit dem Stammlager auch beschäftigt. Ich kenne zwei Episoden, die ich in Erinnerung habe. Einmal fand eine Flucht statt eines oder mehrerer Häftlinge, das weiß ich jetzt nicht mehr. Und da wurde – so wie mir gesagt wurde, auf seinen ausdrücklichen Befehl – eine ganze Reihe von anderen Häftlingen dieses selben Kommandos öffentlich aufgehängt am Appellplatz. Alle Häftlinge mußten bei der Exekution zusehen. Wir waren damals, und die meiste Zeit, kommandiert, wie man sagte. Das heißt, wir mußten nicht am Appell teilnehmen, sondern blieben über den Appell hinaus in unserem Kommando, weil unsere Arbeit länger war, rückten erst nach dem Appell ins Lager ein. Aber auch da sahen wir noch die Leichen hängen. Und uns wurde gesagt, daß das auf ausdrücklichen Befehl des Kommandanten geschehen sei, was verlesen worden sein soll beim Appell, was ich selber nicht gehört habe.

Eine andere Sache habe ich selber gesehen, die Höß im Stammlager, seine Tätigkeit und Auswirkungen auf das Stammlager, charakterisiert. Bei einer anderen Flucht eines Polen hat er veranlaßt, daß die Eltern dieses Häftlings nach Auschwitz gebracht wurden. Sie wurden in Häftlingskleidung eingekleidet, geschoren und mußten sich auf Schemel setzen, dort, wo alle Kommandos einmarschierten. Und hinter ihnen wurde eine Tafel angebracht: »Das sind die Eltern von dem Häftling X, der geflohen ist. So geht es allen bei allen Fluchten.« Das war als Abschreckungsmaßnahme gedacht, und darunter ist geschrieben gewesen: »Auf ausdrücklichen Befehl des Kommandanten Höß.« Das waren Episoden, wo ich das Eingreifen Höß' im Stammlager selber gesehen habe. Sonst, wie gesagt, habe ich den Eindruck gehabt, den sehr bestimmten Eindruck gehabt, daß er sich konzentriert hat auf die Vernichtungsaktionen in Birkenau.

Der Wechsel der Kommandanten hatte organisatorische und atmosphärische Veränderungen mit sich gebracht. Die organisatorischen Veränderungen waren die, daß zu dieser Zeit Auschwitz eingeteilt wurde in drei Lager, Auschwitz I, II, III. Auschwitz I war das Stammlager, das hier auf diesem Plan ist. Auschwitz II war Birkenau, auf dem großen Plan aufgezeichnet, mit einigen kleinen landwirtschaftlichen Außenlagern, die dazugehörten. Auschwitz III waren die Arbeitslager im Zentrum Buna-Monowitz und ein ganzer Kreis sich ständig vermehrender Arbeitslager, die bei Industrieunternehmen gegründet wurden, wo die Häftlinge dort den Industriefirmen zur Verfügung gestellt wurden zur Arbeit.

Diese Einteilung in I, II, III erfolgte deswegen, weil der Komplex Auschwitz schon so groß war. Man muß allerdings betonen, daß diese Trennung keine vollständige war. Es war nicht so, daß hier drei verschiedene Lager mit drei verschiedenen Lagerleitungen von diesem Zeitpunkt aus existierten. Es war zum Beispiel die Dienststelle Standortarzt immerhin weiter bis zum Ende oder zumindest bis zu der Zeit, als ich Auschwitz verlassen habe, für alle drei Auschwitz-Lager gemeinsam geführt. Dasselbe galt für die Politische Abteilung, um nur zwei der wichtigsten Abteilungen zu nennen. Diese beiden Abteilungen waren weiterhin für alle, für den ganzen Komplex Auschwitz zuständig. Die Unterteilung war also keine vollkommene. Das war die organisatorische Seite.

Die atmosphärische Seite war für uns viel bedeutender und wichtiger. Der neue Kommandant Liebehenschel – Arthur Liebehenschel hieß er – kam nach Auschwitz und hat von Anfang an einige besonders krasse Maßnahmen abgestellt. Er hat zum Beispiel, für uns etwas völlig Überraschendes, eine Bunkeramnestie erlassen. Die Häftlinge, die im Bunker eingesperrt waren, konnten aus dem Bunker raus, allerdings nicht alle ins Lager, sondern einige blieben im Block 11 im Stock oben isoliert. Aber immerhin waren sie nicht in den Zellen unten. Und die ständige Gefahr – daß die nächste Kommission kommt – war ihnen also zumindest etwas entfernt gerückt. Liebehenschel hat ferner den Stehbunker abreißen lassen. Diese Zellen, wo man nicht sitzen und nicht liegen konnte, sondern nur stehen konnte – ein besonderes Marterinstrument –, wurden damals abgeschafft.

Dann gab es in dieser Zeit eine Möglichkeit, die durch den Standortarzt gegeben war. Der Standortarzt hat mir damals – es dürfte etwa Ende November/Dezember gewesen sein, den Zeitpunkt kann ich nicht genau sagen – die Möglichkeit verschafft, zu Liebehenschel zu kommen. Ja, das war so: Er war einmal bei Liebehenschel; ich habe sofort gespürt, daß er einen ganz anderen Kontakt mit Liebehenschel hatte als vorher mit Höß. Er war sehr oft beim Kommandanten drüben, und einmal, als er drüben war, ließ er mich telefonisch hinüberrufen. Ich dachte, zum Diktat, ging mit meinem Stenogrammblock hinüber in die Kommandantur, ein Gebäude weiter, das ist keine große Entfernung gewesen. Ich meldete mich dort im Zimmer des Kommandanten. Es war der Kommandant dort und der Standortarzt, und es wurde mir nichts diktiert, sondern der Kommandant fragte mich nach den Mißständen im Lager. Das war eine Situation, die ich nicht erwartet hatte.

Und ich habe in der Situation auf zwei Dinge aufmerksam gemacht. Ich habe aufmerksam gemacht auf das Spitzelunwesen der Politischen Abteilung und habe es belegt; und ich konnte Beispiele sagen, weil ich gerade im Bunker war und das alles gesehen habe. Der Bunker galt als Spitzelfabrik, wenn ich so sagen darf. Ich habe von den Folterungen erzählt, die die Voraussetzung dafür waren. Und ich habe geschildert das Unwesen der »Grünen«, wobei ich nochmals hier, um gerecht zu sein, betone, daß nicht alle »Grünen« in diesen Begriff fallen, einige sich sehr vorteilhaft abgehoben haben von den anderen.

Ich muß hier etwas einflechten und bitte zu entschuldigen, daß ich hier also meine Person erwähnen muß. Wir hatten in Auschwitz eine Widerstandsbewegung, die sich gebildet hat aus einzelnen nationalen Gruppen, vor allem polnischen Gruppen. Erstens weil die Polen die ersten im Lager waren, die längste Zeit im Lager waren. Zweitens weil Auschwitz in Polen war und für sie die Verbindung mit außen am leichtesten herzustellen war. Etwa im Frühling 43 kam es zu einem Zusammenschluß mehrerer solcher Gruppen. Und es gab so etwas wie eine internationale Organisation des Widerstands im Lager, nicht so eine, wie die Politische Abteilung gedacht hat, als ich verhaftet wurde, sondern eine etwas ernster arbeitende. Diese Widerstandsorganisation hat vor allem auch dann die Möglichkeit ausgenützt und hat mir, und durch mich dem Kommandanten dann, eine Nummernliste der wichtigsten, der gefährlichsten Spitzel der Politischen Abteilung gegeben. Liebehenschel hat dann befohlen, daß diese Häftlinge auf einen Transport nach Flossenbürg, in ein anderes Konzentrationslager, überstellt werden. Es gab zu dieser Zeit eine ganze Reihe von Interventionen von SS-Angehörigen der Politischen Abteilung für ihre Spitzel, daß sie hierbleiben. Liebehenschel hat gesagt, daß er alle Interventionen in dieser Beziehung ablehnt.

Die zweite wesentliche Änderung war, daß er – ich nehme an, auf dieses Gespräch hin – den ersten politischen Häftling als Lagerältesten einsetzte im Stammlager. Das war Ludwig Wörl, der damals auch schon aus dem Bunker befreit war. Damit wurde die Atmosphäre weitgehend geändert – nicht völlig geändert, weitgehend geändert – im Stammlager. Das Prügeln war nicht mehr die Regel. Wörl hat auch dafür gesorgt, daß andere Funktionen mit politischen Häftlingen besetzt werden und nicht mit berüchtigten Schlägern. Und vor allem konnte man damals feststellen, daß auch manche SS-Angehörigen, die vorher sehr gewütet haben, jetzt etwas zurückhaltender wurden, weil sie spürten, daß ihr Wüten nicht mehr entsprechend honoriert wird. So legte ich mir zumindest diese Veränderung aus. Das war für uns deswegen wichtig, erstens einmal, weil es die Lebensumstände änderte, weil es die Möglichkeiten für uns vergrößerte und weil es uns zeigte, welche Möglichkeiten der Stab des Kommandanten im Konzentrationslager hatte, auch wenn unverändert blieb die oberste Leitung in Oranienburg.4 [Pause] Damals keimte, möchte ich sagen, in manchem das erste Mal vielleicht die Hoffnung auf, man könne Auschwitz überleben. Die Hoffnung war vorher nicht oder, ich glaube, bei sehr wenigen vorhanden.

Es gab dann einen schlimmen Schock. Das dürfte gewesen sein im Jänner 44. Nachdem der Bunker also nicht mehr das war, was er vorher war, keine Erschießungen mehr durchgeführt wurden im Bunker und auch keine Selektionen im Lager mehr durchgeführt wurden – im Lager, bitte, mich nicht mißzuverstehen, die Selektionen der Zugangstransporte blieben bestehen –, kam es im Jänner dazu – ich glaube, es war der Jänner –, daß neuerlich eine Selektion im großen Maßstab, vor allem von jüdischen Häftlingen, durchgeführt wurde im Stammlager bei uns, und zwar die Körperschwachen. Diese Selektion hat – wie ich gehört habe, nicht selber gesehen habe – zumindest zum Teil, wenn nicht vollständig, der Rapportführer Kaduk durchgeführt. Das war deswegen außergewöhnlich, weil normalerweise Selektionen von SS-Offizieren zumindest beaufsichtigt oder geleitet wurden, entweder dem Schutzhaftlagerführer oder einem SS-Arzt. So war das eben außer der Reihe, springend. Ich bin dann am nächsten Tag, als ich hörte und als ich die Zahlen auch sah, die immer ja in meinen Berichten, die ich bekam, aufschienen, bin ich, als ich beim Standortarzt zum Diktat war, auf dieses Thema eingegangen und habe darauf hingewiesen, wie furchtbar das jetzt wieder sich auswirkt bei uns. Er hat daraufhin mit Liebehenschel gesprochen und hat mir dann die Antwort gebracht, diese Selektion sei von Berlin5 angeordnet worden. Es wäre außer der Macht Liebehenschels gewesen, die Selektion zu verhindern.

Das war ein Schock. Das hat uns gezeigt also, daß diese Besserung auf schwachen Füßen steht. Ein weiterer Schock, ein nachhaltigerer Schock, trat ein im Frühling 1944. Ich habe vergessen zu sagen, daß offensichtlich auf Einwirkung von Liebehenschel auch innerhalb der Politischen Abteilung Veränderungen vor sich gingen. Lachmann wurde zeitweise versetzt; wenn ich mich richtig erinnere, nach Majdanek, aber das kann ich nicht mit völliger Sicherheit sagen. Boger kam, soweit ich mich erinnern kann, nach Birkenau eine Zeitlang, so daß also auch hier das Klima sich in der Richtung verbesserte.

Im Frühling 44 – es war, wenn ich mich richtig erinnere, Anfang Mai – tauchte Höß wieder auf in Auschwitz. Er war zwischendurch schon manchmal in Auschwitz wieder zu sehen. Höß ist versetzt worden nach Oranienburg, in das Amt D6, ich weiß nicht, in welche Abteilung davon. Er ist manchmal aufgetaucht, und zwar, wie wir feststellen konnten, um zu »organisieren«. Er hat hier reichlich »organisiert« gehabt, und diese Quellen wollte er sich anscheinend nicht ganz verschütten. Aber Anfang Mai tauchte er auf nicht auf einen flüchtigen Besuch, sondern er nahm wieder in seiner Villa Wohnung, und es war sofort eine Menge von Gerüchten im Umlauf. Und bald stellte sich heraus, daß der Anlaß, daß Höß wieder nach Auschwitz gekommen ist, der war, daß die »Ungarn-Aktion«, wie das Fachwort bei der SS hieß, eingeleitet wurde, die Deportationen von Juden aus Ungarn, das heißt aus dem damaligen Ungarn. Da gehörte auch ein Teil von Rumänien, Siebenbürgen, und Karpato-Ukraine dazu. Die Deportationen von Juden aus Ungarn nach Auschwitz begannen. Es war das die größte Mordaktion, die Auschwitz erlebt hat.

Sie begann Mitte Mai. Ich weiß deswegen das Datum genau, weil ich am 18. Mai Geburtstag habe. Unmittelbar vor meinem Geburtstag begann diese furchtbare Mordaktion. Es war so, daß Tag und Nacht Transporte kamen zu dieser Zeit. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß damals die SS- Ärzte, die regelmäßig eingeteilt waren zum Dienst an der Rampe, [+ gesagt haben, daß sie überbelastet seien.] Dienst an der Rampe bedeutete für den SS-Arzt Selektion der ankommenden Transporte. Immer, wenn ein Transport ankam – das war schon die Tagesroutine des Apparats –, wurde die Dienststelle Standortarzt verständigt. Beim Spieß lief die Meldung ein. Er verständigte den diensthabenden SS-Arzt und die Desinfektoren, wie sie sich nannten. Die fuhren mit dem Sanka – Sanka ist der Sanitätswagen mit dem Zeichen des Roten Kreuzes auf den Seiten und auf dem Dach – mit dem Giftgas hinaus nach Birkenau. Die Selektion wurde durchgeführt, die Vergasung erfolgte, und dann kamen der Sanka und die Ärzte wieder zurück. Das war eine tägliche Routine bereits geworden.

Damals, in dieser Zeit, haben die SS-Ärzte gesagt, daß sie überbelastet seien, weil jede Nacht und jeden Tag Transporte waren. Es war ein turnusweiser Dienst. Wenn ich mich richtig erinnere – das will ich nicht mit völliger Sicherheit sagen, aber ich glaube, ich irre mich nicht –, war er zwölfstundenweise wechselnd. Also, sagen wir, von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends und von sechs Uhr abends bis sechs Uhr früh der nächste, wobei ich nicht sicher bin, daß der Zeitpunkt gerade sechs Uhr war. Aber ich habe in Erinnerung die Liste, daß da immer zwei Namen an einem Tag draufgestanden sind für verschiedene Zeiten. In dieser Zeit sagten also die SS-Ärzte, daß sie nicht mehr durchkommen. Und da wurde eine Führerbesprechung, wie man das nannte, bei der Dienststelle Standortarzt einberufen. Und dort gab der Standortarzt den Befehl, daß alle Führer seiner Dienststelle – also auch Apotheker und Zahnärzte – Selektionsdienst mitmachen müßten. Von da ab waren sie ebenfalls in diesen Turnusdienst eingeteilt.

Ich weiß das deswegen genau, weil diese Einteilung des Dienstplanes der Ärzte, des Rampendienstes – die nicht ich schrieb, sondern die wahrscheinlich, ich nehme an, von Richter geschrieben wurde, aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, jedenfalls von einem SSler geschrieben wurde –, dieser Dienstplan war sowohl beim Spieß als auch am Schreibtisch des Standortarztes unter seiner Glasplatte. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine Schreibunterlage mit einer Glasplatte drauf, und unter der Glasplatte war immer der Dienstzettel. Und wir rückten immer in der Früh aus, bevor die SS zur Arbeit kam, weil ja die Putzer das ganze Revier in Ordnung bringen mußten. Wir als Schreiber rückten mit den Putzern aus, und ich schaute mir immer an, wer Dienst hatte, weil mich interessierte, wann der Standortarzt zum Dienst eingeteilt war, der selber ebenfalls in dem Turnus drin war. Deswegen weiß ich, daß dieser Zettel dort lag. Deswegen weiß ich diese Veränderung auch, und diese Führerbesprechung blieb mir gut im Gedächtnis, weil sie einiges Aufsehen erregte, unter den SS- Führern zumindest.

Wenn ich noch [+ aus der Zeit] vor der »Ungarn- Aktion«, bevor die »Ungarn-Aktion« richtig begonnen hat, eine Episode schildern darf, die mir sehr in Erinnerung geblieben ist aus menschlichen Gründen. Wenn ich die räumliche Schilderung geben darf: Es wechselte manchmal, weil sich das SS-Revier erweitert hat, aber zu dieser Zeit gab es auf der linken Seite vom Block, oben im Stock, zuerst das Zimmer vom Spieß, dann die SS-Schreibstube, wo die SSler saßen, die Schreibarbeiten verrichteten, dann war so eine Holzwand, und hinter der Holzwand war dann die Aktenablage. Und im nächsten Zimmer war dann die Häftlingsschreibstube. Ich war damals gerade bei der Aktenablage. Ich hatte mit der Aktenablage ebenfalls zu tun und hatte öfters auch Akten rauszusuchen, weil ich ein Diktat bekam. »Beziehen Sie sich da«, sagte er, »auf das Schreiben, Sie wissen schon, das da gekommen ist.« Dann mußte ich das Schreiben raussuchen, die Aktenziffer, das Datum und so weiter. Ich hatte dort also freien Zutritt. Und ich war gerade einmal hinter diesem Holzverschlag in der Aktenablage und habe irgend etwas gesucht, da hörte ich in der Schreibstube draußen, wo damals nur der SS-Unterscharführer Richter und die Frau des Lagerarztes Doktor Rohde anwesend waren, folgendes Gespräch: Die Doktor Rohde erkundigte sich, wann denn die Ungarn-Transporte einsetzen, und der Richter gab ihr irgendeine Antwort. Darauf sagte sie: »Gott sei Dank, daß endlich einmal wieder Transporte kommen, es ist ja schon so lange nichts hereingekommen. Die Ungarn haben ja, wie ich gehört habe, noch sehr viel bei sich.« Das war für mich deswegen so eindrucksvoll, weil diese Frau Doktor Rohde eine Frau war, die äußerst distinguiert wirkte und ein Auftreten hatte, das sich in jeder Gesellschaft sehen lassen konnte. Diese Frau konnte nicht erwarten, bis wieder neue Transporte kamen, damit man wieder ungehemmt »organisieren« kann. Denn solange die Transporte gestoppt sind, war die Quelle aus »Kanada« nicht mehr so reichlich – »Kanada« sind die Effekten aller Angekommenen –, das ist nicht mehr so reichlich geflossen.

Dann kamen die Transporte, und dann wurde »Kanada« auch wieder voll. Es wurde übervoll. Und in dieser Zeit wurde auch das Lager BIII – »Mexiko« wurde es in unserem Jargon genannt – gegründet. Das ist das Lager, das niemals ganz ausgebaut war. Dahin kamen viele männliche und weibliche Häftlinge, die keine Häftlingsnummer erhielten, die aber nicht sofort vergast wurden, sondern die dort, wie man sagte, »auf Eis gelegt wurden« für Arbeitstransporte zu Rüstungsbetrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kamen die her?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Aus den Ungarn-Transporten. Die wurden aus den Zugangstransporten als arbeitsfähig selektiert, kamen aber nicht in das Lager Auschwitz, sondern kamen ohne Häftlingsnummern nach »Mexiko«, wie wir sagten. Und dort gingen dann, wenn ein Transport zusammengestellt war, die Transporte wieder weg. Die hygienischen Zustände in »Mexiko« waren am allerschlimmsten von allen. Der Unterschied zwischen Stammlager und Birkenau war schon sehr groß. Im Stammlager war es hygienisch wesentlich besser oder weniger schlecht als in Birkenau. Aber Birkenau war noch ideal gegenüber »Mexiko«. Dort waren Zustände, die unbeschreiblich sind, und die Sterblichkeit war dort dementsprechend. Ein Bruchteil von denen, die dort, wie es hieß, »auf Eis gelegt wurden«, konnte wirklich dann in einem Arbeitsbetrieb noch eingesetzt werden. Sie sind dort gestorben. Und dann hat man dort auch noch Selektionen durchgeführt, bei denen also, die man nicht mehr, nach der Ansicht der SS, in ein Arbeitslager versenden konnte. Das war zur Zeit der Ungarn-Transporte, als das Lager auch das größte Ausmaß an Häftlingszahlen hatte. Wenn ich mich richtig erinnere, waren damals über 130.000 Häftlinge gleichzeitig in Auschwitz I, II und III zusammen, der größte Teil selbstverständlich in Auschwitz II.

In dieser Zeit habe ich auch eine Möglichkeit gehabt, ein Schriftstück über die Zustände im Lager nach Wien zu schicken. Die Möglichkeit hatte ich durch eine Frau, die von allen, die sie kennengelernt haben in Auschwitz, verehrt wurde, darf ich sagen, eine NS-Schwester, Maria Stromberger. Diese Frau kam nach Auschwitz als Krankenschwester zur Pflege der kranken SSler. In unserer Dienststelle war auch ein SS-Revier, wo kranke SSler mit leichten Krankheiten in ihren Krankenzimmern lagen. Und die Schwester Maria Stromberger und auch andere Schwestern – es waren mehrere Schwestern dort – hatten diese Kranken zu pflegen, wie man normalerweise Kranke pflegt. Selbstverständlich konnte weder Frau Stromberger noch irgendeiner anderen NS-Schwester dort verborgen bleiben, was in Auschwitz geschah. Das stank, im buchstäblichen Sinn des Wortes. Man roch den Geruch von verbranntem Menschenfleisch. So ein süßlich-fader Geruch war besonders im Sommer bis nach Auschwitz herein deutlich zu spüren. Sie ist eine überzeugte Katholikin gewesen und hat aufs entschiedenste verurteilt, was da geschah, und hat, und das möchte ich betonen, nicht erst im Jahr 44, als mancher SSler schon sich einen Rückhalt suchte und diesen oder jenen Häftling als Brücke sich vorbereitete, sondern schon im Jahr 42 und schon bevor ich nach Auschwitz kam, wurde mir nachher gesagt, hat sie den Häftlingen bewußt geholfen, in voller Kenntnis der Gefahr. Und sie hat ihnen geholfen nicht nur individuell, sondern hat wissend geholfen, daß sie eine Organisation der Häftlinge unterstützt.

Und diese Schwester Maria Stromberger hat mir damals ein Schriftstück aus dem Lager nach Wien gebracht. Sie fuhr auf Urlaub – sie ist Kärntnerin gewesen – und fuhr über Wien. Und ich bat sie, meinen Bruder und meine Tante zu besuchen, die in Wien lebten. Und ich habe schon vorher über die Schwester Stromberger mit ihnen korrespondiert. Ich hatte die legale Korrespondenzmöglichkeit, die über die Zensur lief, mit diesem linierten Briefpapier, das sozusagen das Schema war. Über diese legalen Briefe konnte man nicht viel mehr schreiben als: »Es geht mir gut, ich bin gesund« und ein paar Redewendungen mehr. Über die Schwester Maria konnte ich illegal mit meiner Familie korrespondieren. Ich erinnere mich genau: Den ersten Brief, den ich ihr gegeben habe, habe ich ihr offen gegeben, und sie hat ihn vor meinen Augen sofort zugeklebt.

Und dann habe ich sie gebeten, mir nach Wien Schriftstücke zu bringen über Auschwitz. Und sie hat zugesagt. Ich habe über Freunde im Lager eine Kleiderbürste organisiert. Von der Kleiderbürste wurde der Holzrücken abgenommen und ausgehöhlt. In diese Höhlung hinein gab ich die Dokumente, und dann wurde die Kleiderbürste von innen zugeschraubt, auf der Borstenseite, so daß die Schraubenköpfe nicht mehr sichtbar waren, wenn sie eingeschraubt waren. Frau Stromberger wußte aber, daß in der Bürste Material versteckt war. Ich gab ihr nicht die Kleiderbürste mit der Bemerkung: »Bringen Sie die Bürste meinem Bruder.« Sie hat diese Bürste mit dem Inhalt abgegeben. Ich habe dort eine Zusammenstellung gemacht über das, was in Auschwitz geschehen ist. Und diese Zusammenstellung kam an, wurde auch in Wien verbreitet – in einem beschränkten Kreis, wie es damals nur möglich war – und ist erhalten geblieben, zumindest eine Abschrift davon. Ich habe eine Abschrift hier mitgebracht, die ich jetzt gefunden habe, als ich am Boden in meiner Wohnung die alten Papiere durchsuchte. In dieser Abschrift sind die Totenzahlen erhalten, von Anfang 42 bis einschließlich März 44, nicht in absoluten Zahlen, sondern in Prozentzahlen zur Lagerstärke. Wenn Sie diese Zahlen interessieren, bin ich selbstverständlich gerne bereit...

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Diese Zahlen haben Sie entnommen aus den Statistiken, die Ihnen wiederum von den einzelnen Lagern gegeben wurden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, und aus den zusammenfassenden Monatsberichten, die aufgrund

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wobei aber nicht berücksichtigt sind die Leute, die an den Rampen direkt selektiert wurden und ohne ins Lager aufgenommen zu werden direkt ins Gas gebracht wurden.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Stimmt. Über die hatten wir kein Zahlenmaterial. Da gab es kein Zahlenmaterial, zumindest bei der Dienststelle SS-Standortarzt. Bei der Politischen Abteilung dürfte eins gewesen sein, das will ich nicht mit Sicherheit sagen. Bei der Dienststelle Standortarzt gab es kein Zahlenmaterial über die, die sofort ermordet wurden, als sie eingeliefert wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also bei der Politischen Abteilung müßte ja eigentlich das Material da sein. Denn die Meldungen über die Stärke der Transporte, die kamen ja doch in Auschwitz an, denn es wurde doch immer wieder gezählt und gezählt und gezählt, bis der letzte Mann da war.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn die aber die Stärkemeldungen hatten und wußten, wie viele Leute von diesen Transporten ins Lager aufgenommen wurden, war es ja klar, daß der Rest eben umgebracht worden war, so daß also die Meldung dort ja doch klar sein mußte.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Das weiß ich nachträglich. Also, das habe ich nicht in Auschwitz erfahren, sondern nachträglich erfahren von Freunden von mir, die in der Politischen Abteilung als Häftlinge gearbeitet haben, daß sie dort regelmäßig ein FS, ein Fernschreiben, nach Berlin7 aufgeben mußten, wobei sie die Zahlen derer, die ins Lager aufgenommen, und die Zahlen derer, die »sonderbehandelt«, also vergast wurden, gemeldet haben, und zwar nach Männern und Frauen getrennt. Das ist aber ein Wissen, das ich erst nachträglich erworben habe, das mir damals in Auschwitz also nicht geläufig war. Oder zumindest erinnere ich mich nicht, daß es mir damals geläufig war. Bei unserer Dienststelle gab es diese Zahlen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie können uns nur die Zahlen der im Lager, sei es eines natürlichen, sei es eines unnatürlichen Todes, Gestorbenen...

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, wobei also natürlich und unnatürlich nicht getrennt sind und diese Zahlen nur Prozentzahlen sind. Ich habe also folgende Prozentzahlen nach Hause geschickt. Und ich bin sicher, daß ich damals die Zahlen nach meinem besten Wissen aus diesen Berichten entnommen habe. Und mein Bruder ist sicher, daß diese Abschrift nach bestem Wissen vorgenommen wurde. Für das Jahr 42 sind die Zahlen nur vierteljährlich. Allerdings, bitte, ist es die monatliche Sterblichkeit, fürs Vierteljahr nur errechnet. Also nicht: Im Vierteljahr starben, sondern: Jeden Monat in diesem Vierteljahr starben durchschnittlich: Im ersten Vierteljahr 42 jeden Monat 13,8 Prozent der Belegstärke, im zweiten Vierteljahr 14,8 Prozent, im dritten Vierteljahr 20,5 Prozent, im vierten Vierteljahr 20,4 Prozent.

Im Jahr 43 habe ich die Zahlen monatlich angegeben, und hier sind folgende Zahlen: Im Jänner 19,1, im Februar 25,5, im März 15,4, im April 10,3, im Mai 5,2, im Juni 5,6, im Juli 3,5, im August 3,5, im September 3,9, im Oktober 2,3, im November 3,7, im Dezember 8,3.

Für die ersten Monate des Jahres 44 habe ich folgende Zahlen: Jänner 13,2, Februar 6,1, und bei März steht hier »circa zehn Prozent«. Ich nehme an, daß damals der Monatsbericht für März noch nicht abgeschlossen war und ich darum »circa« geschrieben habe, aber das kann ich nicht mit völliger Sicherheit sagen.

Ich habe in diesem Bericht eine Zahl, die mir auch noch im Gedächtnis geblieben ist. Neben den ärztlichen Monatsberichten des Standortarztes hatte ich auch – ich weiß nicht genau, von welchem Zeitpunkt an, aber ziemlich vom Anfang an – den Monatsbericht des leitenden Zahnarztes diktiert bekommen. In der ersten Zeit war das SS-Hauptsturmführer Täuber. Ich glaube, Karl Heinz hat er geheißen. In der nachfolgenden Zeit war es Doktor Willy Frank. Dieser Monatsbericht hatte ebenfalls einen allgemeinen Bericht und einen Geheimbericht. Der Geheimbericht war sehr kurz, er betrug einen halben Bogen. Das war eine feststehende Redewendung, die ich immer nur übernommen habe, mir wurde nur immer die Zahl angegeben. Es war zu berichten, wieviel Zahngold – ich glaube, der Fachausdruck war »angefallen«– war in diesem Monat. Ich erinnere mich an eine Zahl von 18 Kilo und soundso viel Gramm in einem Monat. Ich habe hier im Bericht stehen, daß nach meiner Erinnerung nur in einem Monat unter zehn Kilo die Summe des Zahngoldes war, die nach Berlin abgeliefert wurde. Ich brauche nicht hinzufügen, daß nicht alles Zahngold, das den Toten ausgebrochen wurde, auch nach Berlin abgeliefert worden ist. [Pause]

Diese Materialien habe ich hinausgeschickt, und die Widerstandsorganisation hatte auch andere Wege, um diese Materialien nach Krakau hinauszusenden. Das wurde vor allem von polnischen Mitgliedern der Bewegung gemacht, die Kontakt hatten mit polnischen Zivilarbeitern, die im Lagerbereich arbeiten mußten, die so halb frei und halb nicht frei waren, aber doch die Möglichkeit hatten, die Post weiterzuleiten. In dieser Zeit haben wir etwas gemacht, was eine gute Wirkung hatte und woran sich sicherlich manche der Angeklagten noch erinnern dürften. Es war, wenn ich mich richtig erinnere, Anfang 44, vielleicht Februar oder März, aber mit Exaktheit will ich das Datum nicht sagen. Da haben wir über die schon gut funktionierende Verbindung Krakau-London – von Krakau hatte die polnische Widerstandsbewegung eine Funkverbindung nach London – eine Reihe von Namen von SS-Leuten, die in wichtigen Funktionen in Auschwitz waren, hinausgesendet, mit Geburtsdatum und Geburtsort. Wir haben uns gesagt, wenn das Geburtsdatum und der Geburtsort dabei sind, dann wird der Schreck heilsamer sein. Und es hat sich auch herausgestellt, daß es richtig ist. Wir hatten diese Daten aus den Gesundheitsakten der SS-Männer. Die Gesundheitsakten waren auch im SS-Revier. Dort war auch eine truppenärztliche Betreuungsstelle, und da hatte jeder SS-Mann seinen Gesundheitsakt. Und da, auf jedem Gesundheitsakt, stehen auch die Personaldaten. Wir haben sie uns dort herausgeholt, haben es rausgesendet. Es wurde in Radio London durchgegeben, das haben wir sehr schnell bemerkt, denn bei der Gelegenheit konnte man feststellen, daß auch die SS Radio London hört. Und es war wie in einem Ameisenhaufen, eine Nervosität, die sich sehr segensreich auswirkte für uns, weil sie, die SS, spürte – es war Anfang 44, Sie kennen die militärische Situation in dieser Zeit: »Man kennt uns, wir können uns nicht verstecken.« Und damals zumindest gab es, das konnten wir beobachten, ein klares Schuldbewußtsein der SS- Leute. Ich habe manchmal allerdings im Rausch – damals wurde vielleicht noch mehr getrunken als vorher – von SS-Leuten die Äußerung gehört, also mit sehr ordinären Worten gesagt, die ich nicht wiederholen will: »Wir gehen alle drauf, aber ihr kommt mit uns.« So als freundschaftlich-kameradschaftliche Schlußformel eines Bekenntnisses. Das Gefühl, daß sie büßen werden müssen für ihre Taten, war damals bei der SS verbreitet, nach meiner Auffassung und Beobachtung.

Gleichzeitig mit dem Beginn der Ungarn-Transporte ist auch ein anderer Wechsel eingetreten. Es wurde der Kommandant Liebehenschel abgelöst, und an seine Stelle trat der Kommandant Baer, Sturmbannführer Baer. Liebehenschel wurde als zu weich, wie man sagte, abgelöst und kam nach Majdanek. Baer war zweifellos, wie das im Lagerjargon der SS hieß, härter. Das hat sich sehr schnell ausgewirkt.

 

Vorsitzender Richter:

Was wurde dann aus dem Liebehenschel?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Er wurde Kommandant von Majdanek.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann, später, nach dem Krieg?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nach dem Krieg wurde er hingerichtet. In Krakau, im großen Prozeß gegen die 40 Hauptbeschuldigten, der damals im November/Dezember 47 durchgeführt wurde, stand Liebehenschel auch vor seinen Richtern und wurde hingerichtet.8 Ich glaube – das habe ich vom Hörensagen –, vor allem deswegen, weil es eine ganze Fülle von Dokumenten gibt, die er noch in seiner Funktion in Berlin unterzeichnet hat, die sehr schlimme Todesdokumente waren. So habe ich gehört. Aber bitte, das werden Leute, die dem Prozeß in Krakau beigewohnt haben, besser sagen können.

Baer war, wenn ich ihn charakterisieren soll, von ähnlicher Einstellung wie Höß, nur gemildert dadurch, daß er im Gegensatz zu Höß sehr faul war. Während Höß ein Fanatiker war, der Tag und Nacht unterwegs war, damit alles reibungslos ging an der Todesmaschinerie, so hat Baer es bevorzugt, jagen und fischen zu gehen und sich vorm Lager möglichst zu drücken. Ganz zu drücken natürlich nicht, aber er hat nicht diesen Fanatismus entwickelt, der bei Höß uns so gefürchtet war. Aber manche der Verbesserungen, die in der Ära Liebehenschel waren, sind dann wieder rückgängig gemacht worden. Zum Beispiel hat Baer – und das war auf ausdrücklichen Befehl von Baer, wie mir vom Standortarzt mitgeteilt wurde – dann wieder eingesetzt einen sehr berüchtigten »Grünen«, einen kriminellen Häftling, der der Lagerälteste in Majdanek war, als zweiten Lagerältesten im Stammlager. Majdanek wurde im Spätfrühling oder Sommer 44, ich weiß es jetzt nicht genau, evakuiert. Es war das erste Vernichtungslager, das geräumt werden mußte, weil die Front nahe kam. Majdanek lag bei Lublin. Und die Häftlinge, die dort nicht sofort ermordet wurden bei der Evakuierung, wurden nach Auschwitz gebracht. Das waren vor allem die deutschen Häftlinge. Die Juden, glaube ich, sind alle ermordet worden, die noch dort am Leben waren. Polen dürften auch noch dabeigewesen sein, das kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Unter diesen Deutschen war eben dieser Lagerälteste, der, wie man uns erzählt hat, Fürchterliches geleistet hätte in Majdanek und der jetzt sofort wieder eingesetzt wurde als zweiter Lagerältester bei uns. Und der sagte: »Bei uns wird es so sein wie in Majdanek, wenn die Russen kommen.« Das heißt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wie hieß der? Wissen Sie nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht. Das weiß ich jetzt nicht. Das war also ein deutliches Zeichen der Verschlechterung, die ausdrücklich also auf Baers Betreiben eingesetzt hat.

In diese Zeit der Ungarn-Transporte fällt auch noch eine andere Episode, die mir bezeichnend erscheint. Ich habe schon gesagt, daß im Jahr 44 – und ich glaube, vor allem auf diese Londoner Radiosendung hin – die Freude von manchem SSler, mitzuwirken an der Mordmaschinerie, gedämpft war. Ich kann mich an ein Gespräch erinnern, das ich hatte mit dem stellvertretenden Standortarzt Doktor Horst Fischer. Der Standortarzt war entweder auf Urlaub oder auf Dienstreise, ich weiß es nicht mehr. Und wenn Wirths weg war, war Fischer sein Vertreter. Fischer hat mich dann einmal zum Diktat geholt. Fischer war sonst in dieser Zeit Lagerarzt von Auschwitz III, also der Außenlager, der Arbeitslager. Und er diktierte mir damals einen Brief, der eine Beschwerde war über den Direktor der Hermann-Göring-Werke in Jawischowitz. Jawischowitz war eine Kohlengrube bei Auschwitz, wo ein Häftlingsaußenlager von Auschwitz war. Es war ungefähr südlich vom Stammlager, nicht allzu weit davon entfernt, wo sehr schlimme Arbeitsbedingungen waren und wo die Sterblichkeit sehr groß war. Die Häftlinge mußten untertags arbeiten. Und es wurde von der Direktion angeordnet, daß die Häftlinge zur Mittagszeit nicht aus der Grube heraus dürfen, weil sonst zuviel Zeitverlust wäre mit dem Hinein- und Hinausfahren, so daß sie kein warmes Essen bekamen zum Mittag, sondern erst abends wieder essen konnten.

Damals sagte mir Fischer in seiner Erregung – er ist gerade aus Jawischowitz zurückgekommen mit seinem Auto und hat diesen Beschwerdebrief geschrieben, und er sagte mir dabei: »Schauen Sie, da sagt man immer«– er sagte es nicht in dem Ton, er war Berliner, aber ich kann den Ton nicht nachmachen – »da sagt man immer, wir SSler sind die Schlimmen, der Direktor Heine«– Heine hieß der Direktor dort – »hat jetzt von mir verlangt, daß ich wieder eine Selektion durchführe, damit er neue, frische Arbeitskräfte bekommt, weil die alten Arbeitskräfte schon nicht mehr so arbeitsfähig wären.« Das war bezeichnend, glaube ich, für diese Situation, weil von dieser Seite, von der Seite der Firmen, die die Häftlinge zu ihrer Arbeit brauchten, manchmal – ich hörte es auch indirekt, nie so direkt, wie ich es in diesem Gespräch gehört habe – von Buna-Monowitz ein Druck ausgeübt wurde auf die SS, mehr zu selektieren, vor allem im Jahr 44, als die SS in den Selektionen also schon nicht mehr so radikal war wie anfangs. [Pause]

Darf ich einen Augenblick meinen Zettel anschauen, wo ich noch notiert habe, was ich vielleicht vergessen hätte. [Pause] Ja, ich habe eine Sache vergessen, die, glaube ich, wichtig ist. Zwei Fälle sind mir persönlich in Erinnerung, wo ich gesehen habe oder unmittelbar gehört habe, daß zwei SS-Angehörige der Dienststelle Standortarzt sich geweigert haben oder zumindest es abgelehnt haben, einen Mordbefehl durchzuführen. Und in beiden Fällen ist beiden nichts geschehen, sie sind nicht einmal benachteiligt worden. Das eine war der Lagerarzt Doktor Bruno Kitt. Doktor Bruno Kitt hat alles das getan, was jeder SS-Arzt in Auschwitz getan hat: selektiert an der Rampe, selektiert im Lager. Und eines Tages hat er sich beim Standortarzt gemeldet und hat gesagt, er könne dieses ewige Selektieren nicht mehr tun, er bittet um eine andere Verwendung. Daraufhin wurde Doktor Kitt als Truppenarzt versetzt. Es gab immer einen SS-Arzt, der Truppenarzt war und dort eine normale medizinische Tätigkeit hatte, also die kranken SSler zu untersuchen. Allerdings wurde er nicht befreit vom Rampendienst, also von den Zugangsselektionen derer, die als arbeitsunfähig fürs Gas ausgesucht wurden. Da blieb er weiter auf der Einteilung.

Ein zweiter Fall ist mir in Erinnerung, der betrifft einen Angeklagten hier. Ich habe schon vormittags erwähnt, daß die SDGs »gespritzt« haben diejenigen Häftlinge, die vom Lagerarzt als zu langwierig krank ausgeschieden worden sind. Diese »Spritzungen« wurden, soweit ich es gehört habe, von allen SDGs durchgeführt, die Dienst versehen haben in dem Lager.

Einmal war es, es war Anfang 43, da kam ein Kindertransport zu uns. Es waren Burschen, so um die 15 Jahre herum, Polen aus Zamość. Ich habe das später erfahren, daß Zamość damals ausgesiedelt wurde, weil dort eine deutsche Kolonie von Himmler gegründet werden sollte.9 Das Wissen habe ich damals in Auschwitz nicht gehabt, das habe ich mir später erworben. Damals wußte ich nur, daß aus Zamość dieser Transport hereinkam. Die Kinder kamen zu uns ins Stammlager, wurden in den Hof zwischen Block 20 und 21 gebracht und haben dort Fußball gespielt. Mit so einem Fetzenball, also nicht mit einem richtigen Fußball natürlich. Und dann wurden die Kinder »gespritzt«, einzeln hereingeholt und »gespritzt«. Und da habe ich in Erinnerung, daß der Sanitäter, der SDG Herbert Scherpe, sehr blaß und erregt zum Standortarzt gekommen ist, sich gemeldet hat und gesagt hat, er könne nicht Kinder »spritzen«. Und es wurde ihm erlassen, die Kinder zu »spritzen« oder weiter zu »spritzen«– ich weiß nicht, ob er schon begonnen hatte, also das ist mir unbekannt –, und ein anderer SDG hat die »Spritzungen« fortgesetzt.10

Weder Kitt noch Scherpe ist irgendeine Benachteiligung – ich habe das genau verfolgt, weil mich das interessiert hat – dienstlicher Art erwachsen daraus. Ich bin nicht ganz sicher, da wird mich der Angeklagte Scherpe vielleicht korrigieren können, aber ich glaube sogar, daß Scherpe erst nachträglich zum Oberscharführer befördert worden ist. Da bin ich aber nicht sicher. Vielleicht war er schon vorher Oberscharführer, das kann ich also nicht mit Sicherheit sagen. Jedenfalls kann ich mit Sicherheit sagen, daß beide keinen Nachteil aus dieser Weigerung hatten.

Ich darf noch einfügen eine andere Episode, die ich ausgelassen habe, die früher zurückgreift. Zwei andere Episoden, wenn Sie es gestatten. Das war im Herbst 42, also in der ersten Zeit, entweder vor meiner Typhuserkrankung oder knapp nachher, das weiß ich jetzt nicht. Da haben SS-Leute bei uns darüber gesprochen. Bei uns im SS-Revier war auch eine SS-Ambulanz, und da kamen SS-Leute, die sich krank meldeten, ebenfalls hin zur Untersuchung, warteten dort im Vorzimmer, sprachen dort herum. Und da ist mir ein Gespräch von zwei SS-Leuten, die ich namentlich nicht kannte, deutlich in Erinnerung, die sich darüber beschwerten, daß sie Posten zu stehen hatten bei dem »Sonderkommando«, das die Leichengruben auszugraben hatte. Früher wurden Leichen in großen Massengräbern vergraben, nicht sehr tief. Und im Spätherbst 42 wurden diese Gräber geöffnet. Ein Häftlingskommando – ich glaube, es waren nur jüdische Häftlinge – mußte diese verwesten Leichen zur Verbrennung zu Scheiterhaufen tragen. Es war das eine furchtbare Arbeit. Die SSler haben sich beschwert, wie es furchtbar stinkt dabei und daß die Häftlinge selbst, die diese Arbeit durchzuführen hatten, schon halb in Verwesung übergingen dadurch, daß sie sich infizierten mit dem Leichengift. Es ist überflüssig zu sagen, daß die Häftlinge dieses »Sonderkommandos« dann alle vergast worden sind.

Eine andere Episode habe ich auch übersehen zu schildern. Und zwar gab es fallweise immer wieder Erschießungen an der Schwarzen Wand zwischen Block 10 und 11, nicht von Leuten, die im Bunker als Gefangene der Politischen Abteilung saßen, sondern Leuten, die im Lager waren und einfach karteimäßig aufgerufen wurden. Es betraf das fast ausschließlich Polen. Das spielte sich so ab: In der Früh kam eine Liste in die Häftlingsschreibstube: »Die und die Nummern haben nicht auszurücken heute.« Oder sie kam vielleicht schon abends ins Lager, das weiß ich jetzt nicht. Die Blockschreiber wurden verständigt, daß sie den Häftling XY et cetera zu benachrichtigen hätten, daß er nicht bei seinem Arbeitskommando anzutreten habe, sondern im Lager bleibt und sich zu melden hätte. Die Häftlinge wurden dann von SS-Angehörigen der Politischen Abteilung zur Schwarzen Wand geführt und erschossen.

Zwei Fälle sind mir sehr in Erinnerung geblieben. Als ich typhuskrank war, hatte ich auf meiner Stube einen jungen Polen – einen Gymnasiasten, glaube ich, Mittelschüler jedenfalls – als Pfleger. Ein sehr sympathischer Bursch war das. Eines Tages ist er nicht mehr gekommen in meine Krankenstube, und ein anderer Pfleger ist erschienen. Ich habe gefragt: »Was ist mit dem«, ich weiß jetzt den Vornamen nicht mehr, »was ist mit dem?«»Ja, der ist zur Schwarzen Wand gekommen, ist erschossen worden.« Ich habe dann gehört, sein Vater soll Offizier gewesen sein, und vielleicht dürfte das der Grund gewesen sein. Einen Grund hat man nie erfahren.

Ein anderes Beispiel ist mir bekannt: Auch ein Bekannter von mir, ein Pole, der Blockschreiber war, bekam eines Abends oder in der Früh die Liste. Und auf der Liste von seinem Block – den Leuten, die also nicht auszurücken hatten – war auch seine Nummer. Er wußte, um was es geht. Und er hat seine Karteikarte schon herausgezogen und das Kreuz darauf geschrieben, bevor er noch selbst weggegangen ist in den Bunker.

Das nur, weil das die Atmosphäre vervollständigt , unter der im Lager auch diejenigen lebten, die ein relativ gutes Kommando hatten. Auch der, der ein gutes Kommando hatte, war seines Lebens nicht sicher. Abgesehen davon, daß er nicht sicher war vor den vielen Infektionskrankheiten.

Ich hoffe, daß ich das Wesentliche gesagt habe. Ich wurde dann überraschend im August 1944 einem Transport zugegeben, der nach Neuengamme, konkret nach Bremen, ging, wo ein neues Außenlager von Neuengamme gegründet wurde, bei den Borgward-Werken in Bremen. Dort waren vor allem polnische und russische Häftlinge, und ich wurde als einziger – man bezeichnete mich damals so – Deutscher zugeteilt. Scheinbar also hat hier auch meine Tätigkeit dem Kommandanten gegenüber eine Rolle gespielt.

Ich hoffe also, daß ich, soweit es heute überhaupt möglich ist, eine gewisse Schilderung der Atmosphäre von Auschwitz gegeben habe, wobei ich mir völlig klar bin, daß es unmöglich ist, diese Atmosphäre so zu schildern, wie sie war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, wir haben nun noch verschiedene Fragen an Sie. Sie haben uns genannt hier von den Angeklagten als Ihnen persönlich bekannt den Angeklagten Scherpe, den Angeklagten Boger, den Angeklagten Kaduk und Klehr in der Hauptsache. Und von den übrigen Angeklagten haben Sie noch Hofmann, glaube ich, erwähnt und Doktor Frank. Nun haben wir zunächst einmal ein Interesse, zu wissen, ob Sie auch die übrigen Angeklagten kennen. Da wäre also zunächst der Adjutant Mulka zu nennen. Sagen Sie uns bitte, a) ob Sie ihn kennen, b) wenn Sie ihn kennen, was Sie von ihm wissen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, also Mulka kenne ich nicht von Auschwitz. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Obwohl er Adjutant bei Höß war?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Den Höß habe ich genau gekannt. Aber Mulka habe ich nicht gekannt. Also um Höß herum war immer so ein Schwarm von Offizieren, die für mich anonym waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Angeklagte Mulka hat uns gesagt, er habe mit all diesen Dingen überhaupt nichts zu tun gehabt. Er habe weder etwas zu tun gehabt mit den Vergasungen noch mit den Selektionen auf der Rampe. Er sei nicht ein einziges Mal in dem Lager gewesen, das habe er nie betreten. Er wisse deshalb überhaupt gar nicht, was dort für Zustände geherrscht hätten. Er sei dafür nicht zuständig gewesen. Er sei nur zuständig gewesen für die wirtschaftlichen Verhältnisse und für diese wirtschaftlichen Lager beziehungsweise Betriebe, die dort aufgemacht worden seien, so daß er uns überhaupt nicht sagen könne, wie das Lager ausgesehen habe, was sich dort abgespielt habe und so weiter und so weiter.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also das kann ich leider nicht glauben.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können ja nur als Zeuge sagen, ob Sie ihn im Lager gesehen haben oder nicht. Und da Sie sagen, Sie kennen ihn gar nicht, können Sie auch nicht

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Nein, aber etwas kann ich schon sagen, was mir das also sehr unwahrscheinlich erscheinen läßt. Der monatliche Bericht des Standortarztes – auch der Geheimbericht, von dem ich erzählt habe, der also völlig offen war, wo alles drinstand –, der mußte immer vom Standortarzt dem Kommandanten vorgelegt werden zur Abzeichnung, bevor er ihn weggesendet hat nach Berlin. Er wurde dann immer mit Kurier nach Oranienburg, also bei Berlin, gesendet. Vorher mußte ihn der Kommandant abzeichnen. Ich war nie bei der Abzeichnung dabei. Nur scheint es mir also völlig unwahrscheinlich, daß der Adjutant, der doch den Schrifteneinlauf des Kommandanten zu

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durchsehen muß und siegeln muß, ja.

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Durchsehen muß. Daß der den Monatsbericht nicht gesehen hätte, scheint mir also völlig unwahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also jedenfalls haben Sie ihn persönlich nicht kennengelernt, und Sie haben auch von ihm selbst nichts gehört.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Adjutant. Dann käme der Angeklagte Boger. Von dem Angeklagten Boger haben Sie uns einiges mitgeteilt. Ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Der Angeklagte Höcker.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Höcker. Der ist ja erst dort gewesen, wenn ich nicht irre, im Jahr 1944 vom Mai bis Anfang 45. Wann sind Sie weggekommen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ende August 44.

 

Vorsitzender Richter:

Dann könnten Sie ihn also noch gekannt haben.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe ihn nicht gekannt. Also namentlich kann ich mich an ihn nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Namentlich können Sie sich an ihn nicht erinnern. Auch seine Person, Sie werden sich ja mal hier die Angeklagten angesehen haben, ist Ihnen

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Also Höcker habe ich noch nicht angesehen. Aber ich weiß nicht, wo Höcker sitzt.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie vielleicht mal da drüben hingucken wollen, in die letzte Bankreihe da? Und da drüben hin. [Pause] Na ja. Nun wäre uns aber in diesem Zusammenhang folgendes interessant. Sie haben uns gesagt vorhin, es fand eine Dreiteilung des Lagers im Oktober oder November 1943 statt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

November, November.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Sie sagten, im Oktober, da wurde die Politische Abteilung geändert, und im November fand diese Dreiteilung unter Liebehenschel statt, und zwar in Lager I, II und III. Nun haben Sie dazugefügt: Es handelte sich aber nicht um drei völlig verschiedene Lager mit verschiedenen Lagerleitern, sondern es handelte sich damals um praktisch ein Lager, denn wir hatten zum Beispiel einen Standortarzt und so weiter. Nun hat uns der Angeklagte Höcker gesagt: Als ich nach Auschwitz kam, da war diese Dreiteilung schon durchgeführt. Ich war Adjutant im Lager I. Ich hatte also weder etwas mit Birkenau zu tun noch mit dem Lager III, sondern nur mit dem Stammlager. Im Stammlager ist niemand vergast worden, ich habe damit gar nichts zu tun gehabt. Und nun möchte ich Sie fragen, wie verhält sich das mit Ihrer Meinung: Die Lager sind zwar geteilt worden, aber es war trotzdem ein Lager?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also ich weiß, daß Baer, der Kommandant, mit den Vergasungen zu tun hatte. Ich kann nicht sagen, was Höcker dabei getan hat, weil ich Höcker damals nicht kannte und nicht beobachtet habe.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Nun wäre dann der Angeklagte Boger. Bei dem Angeklagten Boger haben Sie uns Verschiedenes erzählt. Aber es wäre mir doch jetzt noch interessant, da Näheres im einzelnen zu wissen. Sie werden verstehen: Allgemeine Berichte über die Situation des Lagers sind sicherlich sehr aufschlußreich, aber Schuld oder Unschuld eines Menschen kann man nur feststellen, wenn man weiß, was hat er effektiv getan und wodurch wird das bewiesen. Sie haben gesagt zunächst, daß Boger mitgewirkt habe bei den Selektionen in dem Bunker Nummer 11.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar haben Sie uns gesagt, bei einer Selektion wären meinetwegen sieben erschossen worden. Boger hätte gesagt: »Sechs sind von mir.“

 

Zeuge Hermann Langbein:

Aus meiner Zelle, aus der Zelle, wo ich drinnen war, sieben.

 

Vorsitzender Richter:

Aus Ihrer einen Zelle. Und da hat Boger gesagt: »Sechs davon sind von mir.“

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

»Sechs davon sind von mir«, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, erste Frage: Wissen Sie etwas davon, daß Boger auch selbst die Leute erschossen hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas davon, ob Boger die Leute zum Erschießen bestimmt hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wissen Sie davon?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich weiß – ich habe das, glaube ich, vormittags geschildert –, daß in den meisten Fällen der Referent von der Politischen Abteilung, also Boger, Lachmann und die anderen Referenten, die ich namentlich nicht gekannt habe, wenn die Nummer angegeben wurde, gesagt hat: »Raus!“

 

Vorsitzender Richter:

Ja. »Raus!“

 

Zeuge Hermann Langbein:

»Raus!« Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun war er draußen. Bedeutete das »Raus!« gleichzeitig auch Erschießung?

 

Zeuge Hermann Langbein:

»Raus!« ohne etwas anderes bedeutete Erschießung. So wie in meinem Fall wurde gesagt vom Lachmann: »Raus, den brauche ich noch, auf die Seite stellen!“

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Und dann hat mich Jakob dort auf diesen Gang hineingestellt, wo noch drei andere gestanden sind, wie ich geschildert habe vormittags.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber sonst, wenn er gesagt hat: »Raus!“

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

»Raus!« war eindeutig.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun kamen aber doch neben dem Mann von der Politischen Abteilung auch noch mit der Lagerführer, sagten Sie, und der Blockführer von dem Block 11 und der Grabner. Was war nun mit den anderen los? Also ich will mal sagen, wenn Grabner dabei war, konnte da trotzdem einer seiner doch ihm Untergebenen, zum Beispiel der Boger, sagen: »Der und der.“

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Oder machte das Grabner?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Also bei den Selektionen, die ich miterlebt habe – ich kann nur von denen sprechen, ich weiß nicht, ob es immer so war –, gab es nur einzelne Diskussionen zwischen Grabner und dem Schutzhaftlagerführer bei sogenannten, also irgendwie kritischen Fällen, zum Beispiel bei dem einen deutschen kriminellen Häftling, der Kapo oder Blockältester war. Da gab es eine kurze Diskussion. In der Regel, vor allem bei jüdischen Häftlingen, bei polnischen Häftlingen, war es für eine Zelle, also nicht für den ganzen Bunker, die dauerte ihre Zeit, aber für eine Zelle war das eine ziemlich kurze Angelegenheit.

 

Vorsitzender Richter:

So daß da also praktisch irgendwelche Unterhaltungen oder Diskussionen nicht mehr im übrigen geführt wurden, geschweige denn, daß ein Standgerichtsverfahren oder so etwas abgehalten wurde.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber im Anfang sollen da Standgerichtsverfahren dort

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Standgerichtsverfahren gab es laufend, auch zu der Zeit noch. Die waren aber für die Zivilisten, die von der Gestapo Kattowitz eingewiesen wurden in den Bunker. Das waren keine Auschwitz-Häftlinge, sondern waren Zivilisten. Die wurden von der Gestapo Kattowitz eingeliefert. Da war der Doktor Mildner – das wußte ich erst nachher, den Namen, den habe ich in Auschwitz noch nicht gewußt –, der war dann meistens der Vorsitzende des Standgerichts. Das Standgericht tagte dort, die Zivilisten wurden einzeln

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was war das für ein Doktor Mildner? War das ein Richter, ein Jurist?

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Ob das ein Jurist war, weiß ich jetzt nicht. Ich nehme an, Jurist, aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich nehme an. Also ein Österreicher, der ausgebürgert wurde und dann deutscher Staatsbürger wurde, weil er als Nationalsozialist zu der nationalsozialistischen Legion oder wie sie hieß nach 34 ging. Dieser Doktor Mildner präsidierte dem Standgericht in der Regel. In Minutenverfahren wurden dort die einzelnen – das waren meistens Polen aus der Umgebung von Kattowitz – vorgeführt. Und dort gab es nur zwei Entscheidungen: Tod oder ins Lager. Wobei also die Zahl derer, die ins Lager gekommen waren, sehr gering war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Sie haben also gesagt, gesehen haben Sie nicht, daß Boger selbst geschossen hat.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was tat denn nun der Blockführer von Block 11 bei diesen Selektionen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Dort, wo ich es beobachten konnte, hatte er praktisch nur die Schließerdienste. Er hat aufgesperrt und zugesperrt. Er hat den Schlüsselbund gehabt, den obligaten.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was er sonst überhaupt getan hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Aus eigener Beobachtung nicht. Bei uns, also was ich gesehen habe, hat er aufgesperrt, wenn das Essen gekommen ist, normal. Und er hat, wenn die Kommission gekommen ist, ebenfalls aufgesperrt und zugesperrt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er sich den Häftlingen gegenüber irgendwelche Übergriffe zuschulden kommen lassen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe nichts gesehen in der Richtung.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, bei den Leuten, die erschossen worden sind, sollen nach Angabe verschiedener Angeklagter auch solche Leute gewesen sein, die bereits zum Tod verurteilt gewesen seien, deren Todesurteil noch nicht bestätigt gewesen sei und die deshalb gewissermaßen im Lager Auschwitz so lange aufgehoben worden sind, bis die Bestätigung von Berlin gekommen wäre, und dann wären sie erschossen worden. Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Frage bezieht sich insbesondere auf die zuletzt von Ihnen geschilderte Art, daß man einfach aus verschiedenen Blöcken verschiedenen Häftlingen sagte: »Du gehst morgen nicht mit zur Arbeit!« und die dann am nächsten Morgen hingeführt wurden zu dem Block 11. Daß da vielleicht auch solche dabeigewesen sind, das können Sie nicht wissen

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Ich kenne keinen einzigen Fall, wo einer gesagt hätte oder ich es irgendwie gehört hätte, er hätte ein Urteil draußen gehabt. Allgemein wurde gesagt – wobei ich also das nur als Gespräch weitergeben kann –, daß das in der Regel so war, daß das Geiseln waren, die man ausgesucht hat, wenn zum Beispiel in irgendeiner Gegend in Polen irgendein Akt der Sabotage oder was erfolgte. Dann wurde in Auschwitz gesagt: »Soundso viel aus der Gegend weg!«[...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und die wurden dann nach Auschwitz gebracht zunächst? Oder wurden

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Nein, nein, die waren schon in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Was?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war sozusagen die Rache.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ach so, die dann Häftlinge aus Auschwitz

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Ja. Das waren Leute, die oft schon Jahre in Auschwitz waren

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So daß also die Schutzbehauptung der Angeklagten, sie hätten hier gewissermaßen die Befehle des Erschießens von Berlin oder sonstwo ausgeführt, von Ihnen jedenfalls nicht widerlegt werden kann.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal haben Sie uns ja geschildert, daß Selektionen – wobei es sich aber nicht um die Bunkerselektionen, sondern um eine große Lagerselektion handelte – nach den Worten des Liebehenschel von Berlin angeordnet worden seien. Aber etwas anderes hatten Sie früher einmal gesagt, daß nämlich diese Selektionen hauptsächlich in dem Bunker stattgefunden hätten, wenn der Bunker überbelegt gewesen sei, daß man also als Grund für diese Erschießungen praktisch die Tatsache hätte maßgebend sein lassen, daß eben niemand mehr in den Bunker reingegangen ist, und daß aus diesem Grunde eben Erschießungen vorgenommen wurden, um Platz zu schaffen für andere.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Hier muß ich mich falsch ausgedrückt haben. Die von Berlin angeordnete Selektion, das war keine Bunkerselektion.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Die Selektion, das war eine große Lagerselektion, sagten Sie, nicht.

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Eine Lagerselektion, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also das ist klar. Nun komme ich aber auf diese Bunkerselektion wieder, im Bunker 11. Und da haben Sie mal so eine ähnliche Bemerkung gemacht. Und wie war das, wollen Sie uns das noch mal sagen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, also ich kann nicht mehr sagen, was der unmittelbare Anlaß war. Ich weiß aus der Erfahrung der neuneinhalb Wochen, die ich im Bunker war, daß immer, wenn der Bunker voll war, die Kommission gekommen ist. Und ich nahm daher an, ohne irgendwie einen konkreten Beweis dafür zu haben, daß das eben der Anlaß war. Daß man gesagt hat: Jetzt ist schon wieder mal Zeit, daß man die Bunkerkommission in Bewegung setzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun will ich zu etwas anderem kommen, und zwar zu den Selektionen an der Rampe. Sie haben damals gesagt, an dieser Selektion mußten von einem gewissen Zeitpunkt ab – und ich glaube, seit den Ungarn-Transporten, die ja im Mai 44 anliefen – immer zwei Ärzte pro Tag eingeteilt werden, das heißt für 24 Stunden, und daß da aufgrund einer Anordnung Ihres Standortarztes Wirths alle Ärzte, aber auch Zahnärzte, Apotheker und so weiter teilnehmen mußten. Darüber haben wir sehr viel gesprochen bisher mit den Angeklagten. Und wir haben nun sehr unterschiedliche Bekundungen bekommen. Zunächst hat uns ein Zeuge gesagt, soviel er wisse, seien immer zwei zusammen aufgeschrieben worden, zwei Ärzte oder zwei Ärzte [sic!] und so weiter, aber mit der Maßgabe, daß der eine die Selektion an der Rampe machen mußte und der andere den Transport in die Gaskammer begleiten mußte. So hat uns das ein Zeuge hier geschildert.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht so in Erinnerung?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Am Dienstplan ist zweifellos immer nur einer für eine bestimmte Zeitspanne, ich nehme an, für zwölf Stunden, gestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagten Sie vorhin. Nun, Sie haben

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Und es ist auch immer nur einer hinausgefahren. Ein SS-Arzt und die »Desinfektoren«, die sind mitgefahren. Aber das waren »Desinfektoren«, also

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Sie haben uns gesagt, Sie hätten diesen Dienstplan fast täglich vor Augen gehabt, wenn Sie heruntergekommen sind oder hineingekommen sind in das Haus. Können Sie uns vielleicht einmal aus dem Gedächtnis den Text dieses Dienstplans sagen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Es war kein Text. Also, wenn ich ihn im Gedächtnis habe, war es so ein kleiner Zettel. Da waren die Wochentage, also Montag, Dienstag und so weiter, und da war die Zeit, ich nehme an, aber das will ich nicht also mit Sicherheit sagen, sechs bis 18 und 18 bis sechs

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, so ungefähr, und unten drunter der Name.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Und da waren die Namen ausgefüllt. Es war überhaupt sonst kein Text. Vielleicht ist eine Überschrift gestanden, das weiß ich jetzt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob ein Befehl des Standortarztes herausgegangen ist über die Tatsache, daß nicht nur Ärzte, sondern auch Zahnärzte und Apotheker sich bei diesen Selektionen an der Rampe beteiligen mußten?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich wußte also, daß das befohlen wurde bei dieser Führerbesprechung. An einen schriftlichen Befehl kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diesen Ärzten, die damals die Selektionen durchgeführt haben, bestimmte Anweisungen gegeben wurden, wie sie selektieren sollten und mit welchem Erfolg insbesondere?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Denn es ist uns hier aufgefallen, daß uns wiederholt gesagt worden ist, wenn zum Beispiel ein Transport 1.500 Menschen umfaßte, dann sind ungefähr 150 Menschen arbeitsfähig gewesen. Also, es waren fast immer so ungefähr zehn Prozent. Es schwankte, mal fünf

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Es war ungleichmäßig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, mal fünf, mal zehn Prozent. Nun ist auch hier schon wiederholt zur Sprache gekommen, daß man ja schlecht – auch wenn man ein noch so guter Arzt ist – beim Vorbeigehen von Hunderten und Tausenden von Menschen mit einem Blick sehen kann, wer gesund und wer krank ist. Sondern da gehört ja etwas mehr dazu. Also von einer ärztlichen Begutachtung dieser Leute kann – ich glaube, das kann ich hier für alle sagen, die hier in dem Saal sind – gar keine Rede sein.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ausgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Erste Frage: Warum hat man trotzdem Ärzte beauftragt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, das ist das Eigentümliche. Das ist mein Gedankengang, für den ich keine Unterlage habe: Man will die Fiktion aufrechterhalten, es handelt sich um eine ärztliche Untersuchung.

 

Vorsitzender Richter:

Zweitens: Wieso kam es, daß dann immer diese Zahl selektiert wurde, so ungefähr fünf oder zehn Prozent? Ich meine, die Leute, die da kamen, waren ja aus ihrem bürgerlichen Leben herausgenommen. Also wenn der Transport direkt kam, waren die Leute meines Erachtens noch in einer einigermaßen anständigen körperlichen Verfassung, wenn der Transport sie nicht allzusehr hergenommen hatte. Warum wurden gerade diese geringen Zahlen herausgenommen? An und für sich hätte man doch sagen können, von diesen 1000 Leuten, na ja, ich will mal sagen, wie das normalerweise ist, sind vielleicht 20 Prozent weniger leistungsfähig oder meinetwegen auch krank. Aber 80 Prozent sind doch bestimmt arbeitsfähig.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die Zahlen variierten mehr, als es jetzt den Anschein hat. Das kann ich also weniger aus meiner eigenen Beobachtung aus Auschwitz sagen, als aus den Unterlagen, die jetzt vorhanden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Langbein, das ist auch nicht die Frage, die ich stellen wollte. Sondern ich wollte wissen, ob den Ärzten gesagt wurde: Also es ist jetzt im Lager, will ich mal sagen, Raum für 350, oder: Wir brauchen 350 Arbeitskräfte. Wir brauchen 350 Arbeitskräfte! Dann hat der Betreffende 350 Leute ausgesucht, die ihm die Stärksten und die Kräftigsten waren. Wenn ihm das aber nicht gesagt worden ist, dann verstehe ich nicht, wie es zu diesen Zahlen gekommen ist. Verstehe ich einfach nicht. Aber Sie wissen es eben nicht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können es mir nicht sagen. Nun, wer benachrichtigte die Ärzte, wenn ein Transport ankam und wenn sie

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Der Spieß. Beim Spieß lief die Meldung ein. Es ist ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Welcher Spieß? Von Ihrem ärztlichen Revier?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Dienststelle Standortarzt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem bekam der Spieß die Meldung?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Soweit ich weiß, von der Kommandantur. Aber bitte, das will ich nicht mit völliger Sicherheit sagen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, es war immer ein Telefongespräch von der Kommandantur: »Jetzt kommt ein Transport.« Und der diensthabende Arzt, der eingeteilt war, mußte immer beim Spieß sagen, wo er erreichbar ist. Das war die Aufgabe. Und der Spieß hat dann telefoniert oder einen Boten hingeschickt oder das Auto hingeschickt oder wie immer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Konnten sich die Ärzte auch untereinander vertreten lassen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Es waren Vertretungen möglich, wenn einer auf Urlaub war oder krank war. Dann wurde im Plan eine Änderung vorgenommen. Aber außerhalb des Plans vertreten, davon ist mir nichts bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Davon ist Ihnen nichts bekannt. Uns hat zum Beispiel der Doktor Capesius gesagt, er habe nicht ein einziges Mal an einer Selektion teilgenommen. Er habe sich vielmehr immer von dem Doktor Klein vertreten lassen. Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Es scheint mir sehr unglaubwürdig, weil der Doktor Klein ja auch eine Arbeit als Lagerarzt gehabt hat. [...] Da kann er ja gar nicht vertreten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie zum Beispiel, ob der Doktor Lucas an den Selektionen teilgenommen hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich kann mich merkwürdigerweise an Doktor Lucas nicht erinnern, obwohl er, soweit ich es in der Zeitung gelesen habe, zu meiner Zeit auch Lagerarzt in Auschwitz war. Ich kann daher über Doktor Lucas nichts sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können nichts sagen. Was können Sie sagen von den Zahnärzten Doktor Schatz und Doktor Frank? Wissen Sie, ob diese teilgenommen haben an den Selektionen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja sicherlich. Also in der Zeit der Ungarn-Transporte sicherlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie sagen sicherlich, das heißt, wenn Sie etwas wissen, wird sich dieses Wissen vermutlich auf diesen Plan beziehen, ja? Und bei diesem Plan: Haben Sie das noch fest im Gedächtnis, daß die draufstanden, oder glauben Sie, weil alle eingesetzt wurden, mußten die auch eingesetzt werden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich nehme an, daß ich sicher in Erinnerung hätte, wenn sie im Plan nicht gestanden wären, weil mir das aufgefallen wäre damals.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei Doktor Capesius?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Darf ich zum Doktor Schatz noch eine Bemerkung machen? Wenn ich mich nicht irre – vielleicht kann mich Doktor Schatz korrigieren –, war er ein Verwandter von Doktor Lolling, dem leitenden Arzt in Oranienburg. Für ihn wäre also die Möglichkeit, weg von Auschwitz zu kommen, am allerleichtesten gewesen. Und ich habe den Eindruck gehabt, daß er nach Auschwitz versetzt wurde also nicht sozusagen gegen den Willen, sondern eben auf Betreiben Lollings, damit er einen Posten hat, der ihm irgendwie genehm war.

 

Vorsitzender Richter:

Na, also so schön war er ja nun auch wiederum nicht, nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Leider war »Kanada« dort. Und das war für manche schön, das ist das Schlimme.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von dem Angeklagten Dylewski.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Dylewski ist mir namentlich nicht in Erinnerung.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Und von Broad?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ebenfalls.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren beide zuletzt bei der Politischen Abteilung, ebenso der Angeklagte Schoberth.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Kenne ich auch nicht. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie nicht. Ich werde nachher einmal die Angeklagten alle aufstehen lassen, und Sie werden sich mal ansehen, ob Sie den einen oder den anderen noch vielleicht erkennen. Dann war Blockführer und später bei der Politischen Abteilung der Angeklagte Stark.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Kenne ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie nicht. Der Angeklagte Schlage ist Ihnen ein Begriff?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dieser Angeklagte Schlage hatte den Bunker 11 als Arrestaufseher. Aber Sie können sich auf seinen Namen nicht erinnern?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie von dem Hofmann uns bisher gesagt? Ich kann es nicht

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Daß er zumindest bei einer dieser Bunkerselektionen dabei war. Ich kann nicht sagen, bei wie vielen, darum reduziere ich auf eine.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, richtig. Sie sagten, bei einer war er bestimmt dabei. Nun, da waren Sie auch dabei?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Wo ich im Bunker war. Ich rede nur von den Selektionen, die ich miterlebt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was er da für einen Einfluß hatte, was er überhaupt gemacht hat und ob er etwas gesagt hat oder was er gesagt hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Also, ich kann mich jetzt nicht erinnern. Dieses eine Gespräch, das ich erwähnt habe: Grabner war sicher, das weiß ich, aber ob das damals der Hofmann war oder ein anderer, das kann ich heute nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann weiterhin: Was hat denn der Angeklagte Hofmann im allgemeinen für einen Ruf in Auschwitz genossen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich kannte ihn auch schon von Dachau. Also ich kann auch über seinen Ruf in Dachau sprechen. Er hatte keinen guten Ruf. Er galt als Schläger, galt als brutal. Mir allerdings in Dachau hat er einmal geholfen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar inwiefern?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich war in Dachau in der Schreibstube und bin dort aufgefallen, wie es hieß. Ein SS-Mann kam vorbei und sah, daß ich nicht arbeitete, und zwar war das Zill. Der war früher Schutzhaftlagerführer in Dachau und wurde dann versetzt, ich glaube nach Natzweiler, und kam zu irgendeinem Besuch nach Dachau, hat mich dort gesehen, also daß ich nicht arbeite, sagt: »Komm raus, komm raus!« Und sagte: »Stell dich zum Tor, ich hol dich dann!« Das war also immer das Obligate: Wenn man eine Strafe zu empfangen hatte, mußte man sich zum Tor stellen und mußte warten auf die Strafe. Ich stand beim Tor, wartete den ganzen Nachmittag. Der Zill ist nicht mehr gekommen, hat mich vergessen scheinbar. Und dann kam Hofmann daher und sagte: »Was machst denn du da?« in seinem breiten bayrischen Dialekt. Also ich kann nicht Bayrisch nachmachen. Sagte ich – ich glaube, Sturmbannführer war der Zill, wenn ich mich jetzt erinnere: »Sturmbannführer Zill hat mich hierher befohlen.« Da hat er gesagt: »Hau ab!« Also, ich bin um die Strafe gekommen, vielleicht, weil er sich geärgert hat, daß der Zill hier einen Befehl in seinem Lager gegeben hat.

 

Vorsitzender Richter:

Dann weiterhin: Sie haben einmal gesagt, daß Kaduk eine selbständige Selektion im Lager durchgeführt habe, und zwar diejenige, von der Liebehenschel damals gesagt habe, sie sei befohlen gewesen von Berlin. Das haben Sie nur von Hörensagen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Ich weiß auch nicht, ob sie von Anfang an selbständig war. Das war eine Selektion in der Nacht. Die wurde in der Nacht durchgeführt. Und es ist möglich, das weiß ich nicht, daß sie begonnen wurde mit einem Schutzhaftlagerführer und daß der dann den Kaduk hat weitermachen lassen. Das ist mir nicht klar.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß da ein Arzt dabei war?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ist mir nichts bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen nicht bekannt. Wie hat sich denn sonst Kaduk in dem Lager aufgeführt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Kaduk galt als überaus brutal, wobei bei ihm hinzukam, daß er nahezu regelmäßig betrunken war und in seinem Rausch völlig unberechenbar war. Er hat geprügelt in einer Art und Weise, also wie man sich gar nicht vorstellen kann, daß ein Mensch einen anderen schlägt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das auch selbst gesehen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ich habe mehrmals das selber gesehen, und ich habe noch viel häufiger gehört davon.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch einmal etwas davon gehört, daß er einen totgeschlagen hätte?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Gehört oft, gesehen nie. Ich habe auch gehört, daß er im Lager herumgeschossen hat. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann noch einmal zurück zu Boger. Sie haben geschildert, wie da ein Häftling bei ihm zur Vernehmung kam und zurückgekommen war mit diesen schweren Beschädigungen und Verletzungen. Haben Sie einmal gehört oder gesehen, daß Boger bei dieser Gelegenheit auch einen Menschen so gequält hat, daß er dran gestorben ist?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, gesehen habe ich das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie nicht gesehen. Nun, dann wäre noch zu sprechen von dem Angeklagten Klehr. Der Angeklagte Klehr hat ja uns selbst hier geschildert, daß er diese Injektionen mit dem Phenol gemacht hat. Und er hat damals gesagt, also es wäre ihm gar nicht anders möglich gewesen. Die Leute wären von dem Arzt bestimmt gewesen, und dann hätte er das eben tun müssen. Sie haben uns geschildert, daß Scherpe eines Tages sich davon hat befreien lassen und auch befreit worden ist. Wissen Sie, ob Klehr außer diesen Injektionen mit Phenol auch noch andere Dinge gemacht hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Er hat dann also später als oberster Desinfektor gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber ich meine jetzt, zum Schaden der Häftlinge. Wissen Sie zum Beispiel etwas davon, daß er ärztliche Versuche gemacht hat oder so etwas?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, also er hat etwas gemacht, das also auch mir unvorstellbar war, und ich habe mir es darum auch von mehreren unabhängig erzählen lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie es gesehen? Nein?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es nur erzählen lassen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe nur erzählen lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Und zwar bei den Opfern, die also ausgesucht waren für die Giftspritzen, Phenol, hat er, wenn er gerade Lust gehabt hat – er hat sich dann einen weißen Mantel angezogen und ist sich als Arzt vorgekommen –, an diesen Opfern vor dem Mord noch Lumbalpunktionen versucht. Lumbalpunktionen sind Punktionen zum Abzapfen von Rückenmarksflüssigkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen wir.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe mir von Ärzten sagen lassen, daß das auch für einen Arzt kein einfacher Eingriff ist. Die Leute haben geschrien, dann hat er sie geschlagen, weil sie geschrien haben, und dann haben sie ihre Giftinjektion bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie wäre es dann noch mit Hantl?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, den kannte ich. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, was wissen Sie von ihm?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Überhaupt alle anderen SDGs, die hier sitzen – das sind Hantl, Scherpe und Neubert, wenn ich mich richtig erinnere –, haben sich insofern vom Klehr unterschieden, daß sie nicht, soweit ich es beobachten konnte und gehört habe, aus eigener Initiative noch ausgesucht haben zum Mord, sondern daß sie das getan haben, was man von ihnen verlangt hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Getan haben, was von Ihnen verlangt worden ist. Und kennen Sie

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Wobei ich, entschuldigen Sie, noch hinzufügen muß, daß ich gehört habe, daß Neubert sogar hier und dort zugänglich war, einen oder den andern sich abhandeln oder abkaufen zu lassen. Abkaufen, indem er etwas dafür genommen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann noch zum Schluß: Der Angeklagte Bednarek, wissen Sie was von ihm?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, ich habe seinen Namen wohl gehört, und er war berüchtigt, aber ich habe ihn nicht gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas von dem Blockführer Baretzki?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann hätte ich noch folgendes zu fragen. Erstens einmal: Sie haben während Ihrer Vernehmung einmal das Wort »Überstellung« gebraucht. Was verstehen Sie unter Überstellung?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Überstellung ist der Transport eines Häftlings in ein anderes Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn nun jemand vom Lager Auschwitz I überstellt wurde in das Lager Auschwitz II, was bedeutete das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Daß er nach Birkenau kam.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte das einen Hintergedanken noch dabei?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Wenn es eine wirkliche Überstellung war, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wir haben hier gehört, daß es da verschiedene Ausdrücke gab, nämlich einmal »überstellen« und einmal »verlegen« oder so ähnlich. Und bei der »Überstellung«, da hätte es sich lediglich um solche Häftlinge gehandelt, die zur Vergasung nach Birkenau gekommen wären.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe das sehr genau beobachten können, weil ich von jedem Lager die Listen hatte. Und wenn eine wirkliche Überstellung erfolgte, mußte sie am selben Tag, wo sie abgeschrieben wurde im Stammlager, auftauchen als Zugang in Birkenau, im Männerlager Birkenau zum Beispiel. Oder von einem anderen Lager in ein anderes mußte sich das immer decken, Abgang und Zugang. Ich konnte also genau sehen, wann war eine wirkliche Überstellung und wann war ein Transport zur Gaskammer. Meistens wurde gesagt in den Außenlagern, wenn man für das Gas selektierte: »Ihr kommt nach Birkenau.« Es wurde niemandem gesagt: »Ihr kommt in die Gaskammer.« Und man hat das getarnt, und es war ja auch in der Richtung Birkenau, die Gaskammern waren in Birkenau. Man hat gesagt: »Ihr kommt nach Birkenau.« Es gibt auch – so wie ich später gesehen habe, nicht damals gesehen habe – Überstellungslisten nach Birkenau, die in Wirklichkeit Vergasungslisten waren, weil die nie eingetroffen sind in Birkenau im Lager. Es waren wirkliche, reale Überstellungen nach Birkenau äußerst selten. Das war also eine Seltenheit, daß jemand ernsthaft in das Männerlager Birkenau als Häftling überstellt worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben einmal gesagt folgenden Satz: »Die ›Überstellungen‹ nach Birkenau wurden in der Rubrik Todesfälle an dem betreffenden Tage geführt.«11

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das waren dann eben also nicht wirkliche Überstellungen, sondern das waren dann eben Vergasungen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben uns vorhin etwas gesagt von dem klaren Schuldbewußtsein der verschiedenen SS-Leute. Da wäre ja nun in diesem Zusammenhang doch zu überlegen, ob es nicht vielleicht auch eine reine Angst gewesen ist vor den Folgen dessen, was sie bisher getan hatten, ohne daß dazu

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Das kann sein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ein unbedingtes Schuldbewußtsein gekommen wäre. Ja. Ich hätte dann im Augenblick keine Fragen mehr. Bitte sehr. Sie auch? [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Langbein, Sie haben uns einerseits gesagt, daß Sie von Dachau im August 1942 nach Auschwitz kamen. Sie haben uns andererseits gesagt, daß Sie aus eigener Anschauung wußten, daß Klehr Sanitätsdienstgrad war. Ich muß Ihnen etwas vorhalten aus der Aussage von Herrn Klehr. Der behauptet nämlich, er sei ab Juli 1942 schon bei der Seuchenbekämpfung tätig gewesen und sei [unverständlich]. Ich habe das damals nicht geglaubt, kann ich Ihnen vorweg sagen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, er war also zweifelsfrei SDG im Stammlager zu der Zeit, da ich nach Auschwitz gekommen bin. Zweifellos, und war auch noch später, als ich typhuskrank lag, weil er gekommen ist, nicht, also

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie waren typhuskrank im Oktober?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Mitte Oktober wurde ich typhuskrank. Und er blieb auch noch nachher, weil er nachher erst versetzt worden ist. Ich kann das Datum nicht fixieren, wann er versetzt

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Während der zweiten Jahreshälfte 1942, als ja infolge des Fleckfiebers sehr viele Selektionen im Krankenbau waren

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

War er sicher

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

War er da.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Wobei ich nicht ausschließen will, daß er an dem einen oder anderen Tag vertreten wurde. Natürlich nicht. Sicher.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja gut, das ist was anderes, natürlich. Aber er war jedenfalls nicht als was anderes als Sanitätsdienstgrad tätig, das wissen Sie ganz genau?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Zweifelsfrei.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und dann noch eine andere Sache. Sie sagten eben von Neubert, daß er zugänglich gewesen sei. Bei Ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter haben Sie aber in bezug auf die Tätigkeit von Doktor Buthner, wissen Sie, in Monowitz, des Häftlingsarztes

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Der hieß anders. Ich weiß, wen ich meine, ja12

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, und Neubert gesagt, Sie hielten es für völlig ausgeschlossen, daß Buthner und Neubert nicht gewußt hätten, daß die, die sie dort in Monowitz wegen Körperschwäche und wegen Krankheit selektieren, wenn sie nach Birkenau gekommen seien, dort etwa nicht vergast worden seien.13 Woraus schließen Sie das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Neubert war jeden Tag bei uns. Neubert

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, Neubert hat uns gesagt, es sei auch mal vorgekommen, daß welche zurückgekommen wären.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, das waren Verlegungen ins Stammlager. Von Monowitz gab es auch Verlegungen in den Häftlingskrankenbau des Stammlagers. Diese Verlegungen unterschieden sich schon rein formell dadurch, daß dort auch eine Diagnose dabeistand.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also wegen ich weiß nicht was wurde er verlegt. Der kam dann ernsthaft in den Häftlingskrankenbau des Stammlagers, wurde behandelt oder dann später selektiert, das ist eine zweite Frage

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Aber zunächst war er mal kurz bei Ihnen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war aber immer nur Häftlingskrankenbau des Stammlagers, niemals

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und wenn es nach Birkenau ging?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Niemals wurde jemand in den Häftlingskrankenbau von Birkenau verlegt, weil dieser Häftlingskrankenbau erstens überfüllt war, zweitens schlecht eingerichtet war. Man hat also niemanden dort in den Häftlingskrankenbau verlegt, sondern jede Verlegung nach Birkenau aus einem Krankenbau war eine Vergasung.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] nach Birkenau war todgeweiht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Unbedingt. Und das wußte jeder SDG.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das wußte jeder SDG?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Zweifelsfrei.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sonst habe ich keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ist es richtig, daß Sie heute vormittag gesagt haben, Sie glaubten sich daran zu erinnern, daß Klehr im Frühling 1943 zum Desinfektor ernannt wurde?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, ja. Und damals hat er den Orden, glaube ich, auch bekommen, dieses Kriegsverdienstkreuz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Kriegsverdienstkreuz. Aber jedenfalls im Herbst 1942 war er bestimmt noch Sanitätsdienstgrad?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Eindeutig. Ganz eindeutig.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wann diese Jugendlichen gekommen sind, von denen Sie heute morgen sprachen und wo Sie sagten, der Scherpe hat sich geweigert, die zu töten?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, also ich glaube, das war Anfang 43. Es ist das Datum fixiert in den »Heften von Auschwitz«.14 Dort steht das Datum, aber ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also muß ja damals schon Scherpe dagewesen sein.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Damals war sicher Scherpe da [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und Scherpe hat ja den Klehr abgelöst, oder waren die beiden zusammen noch da?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Ziemlich oft gab es Vertretungen. Wenn einer auf Urlaub war oder sonst irgendwie weg war, gab es Vertretungen. Also es war so, daß, wenn einer SDG im Lager war, es wohl Tage gab, wo ein anderer für ihn den Dienst machte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber ich meine, daß zwei Sanitätsdienstgrade gleichzeitig

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das gab es nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

War in der Regel nicht der Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Richter Perseke:

Ich habe noch zu dem Desinfektionskommando einige Fragen. Zunächst mal: Wissen Sie noch, wie viele Mann zu dem Desinfektionskommando gehört haben?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, aber das weiß ich nicht exakt, es waren vier und der Klehr als Chef. Aber bitte, da bin ich nicht völlig sicher.

 

Richter Perseke:

War denn das Desinfektionskommando identisch mit dem Vergasungskommando, das heißt dem Kommando, das das Gas bei dem Krematorium oben hineinschüttete?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Sicher.

 

Richter Perseke:

Klehr hat uns nämlich etwas anderes erzählt. Er sagte: Das Desinfektionskommando, und ich als Leiter des Desinfektionskommandos, hatte mit dem Vergasungskommando nichts zu tun. Das Vergasungskommando bestand aus vier Mann, die abwechselnd Dienst taten, jeweils zwei Mann. Und die zwei Mann, die frei hatten, die wurden mir, dem Desinfektionskommando, zugeteilt. Und die leisteten, während ihrer Freizeit quasi, dann bei mir Dienst. Wissen Sie darüber etwas?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Also ich bin sicher, daß der Klehr der Chef der Abteilung Desinfektion, oder wie sie sich genannt haben mag, war und daß das Desinfektionskommando bei den Vergasungen mitgeholfen hat. Ich habe sie einsteigen gesehen in den Sanka vor meinem Fenster.

 

Richter Perseke:

Haben Sie selbst gesehen, wie Klehr in den Sanka eingestiegen ist?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Sicherlich. Des öfteren.

 

Richter Perseke:

In den Sanka, der dann zum Krematorium gefahren ist?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Der hinausgefahren ist, ja, sicherlich.

 

Richter Perseke:

Oder ist der etwa zur Desinfektion vielleicht gefahren?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe gesehen den Arzt einsteigen, und ich habe gesehen die Desinfektoren einsteigen. Und ich habe nicht gesehen, wo das Auto gelandet ist. Aber das war für mich eindeutig.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage?

 

Richter Perseke:

Zu dem Fall Scherpe noch eine zusätzliche Frage. Der Herr Scherpe hat uns geschildert, daß er bei dem Standortarzt eine Meldung hätte machen wollen, wie diese Kinder-Aktion da war, und daß der Doktor Wirths eine Meldung aufgesetzt hätte, selbst, mit dem Spieß zusammen. Wissen Sie darüber etwas?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Richter Perseke:

Ist da nicht irgendeine Meldung nach Berlin oder so?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Richter Perseke:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie es nicht, oder wissen Sie, daß es nicht geschehen ist?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich kann nicht sagen, ich weiß, daß es nicht geschehen ist. Ich habe nichts davon gehört und habe auch keine Folgen davon gesehen.

 

Richter Perseke:

Haben Sie noch in Erinnerung, ob daraufhin Scherpe versetzt worden ist in ein anderes Lager?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Richter Perseke:

Das wissen Sie auch nicht mehr. Und dann noch eine Frage zu dem Dienstplan. Der Angeklagte Doktor Frank hat uns erzählt, daß auf dem Dienstplan jeweils ein Arzt und ein Zahnarzt beispielsweise gestanden hätten – links der Arzt, rechts der Zahnarzt – und daß der Arzt zum Dienst eingeteilt gewesen sei und der Zahnarzt nur als Ersatzmann, nur wenn der Arzt ausfiel, eingeteilt gewesen sei.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, nein.

 

Richter Perseke:

Das stimmt nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Es hat keinen Ersatzmann gegeben auf dem Plan.

 

Richter Perseke:

Es hat jeweils nur ein Arzt oder Zahnarzt als hauptamtlicher Selektierer daraufgestanden.

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Ja, ein SS-Führer sozusagen, ganz richtig. Ja, sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Folgende Frage, Herr Langbein: Wissen Sie, ob der Sanitätsdienstgrad Neubert schon in Auschwitz war, als Sie im September 42 den Dienst begannen beim Standortarzt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Das weiß ich nicht.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie überhaupt, wann Sie ihn zum ersten Mal gesehen haben?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, also das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Darf ich zunächst anregen, diese Gegenüberstellung vorzunehmen, an die Sie dachten, Herr Vorsitzender?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, also da wollen wir jetzt erst... Wollen Sie eine Pause machen? Ja? Wollen wir noch bis halb? Gut. Also machen wir fünf Minuten Pause.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, Sie haben einmal bei einer früheren Vernehmung gesagt: »Oft wurden hohe Todeszahlen dann angegeben, wenn unmittelbar vorher kranke Häftlinge zur Vergasung ausgesucht worden waren. Für die Beseitigung der Kranken gab es vor allem zwei Gründe. Der eine Grund lag darin, daß von Berlin die Weisung da war, daß nicht mehr als zehn Prozent des Lagerbestandes als krank geführt werden dürfe.“

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, das gilt vor allem für die Arbeitslager. Es war so: Also zum Beispiel in Buna – als das markanteste und größte Arbeitslager – da mußte die IG Farben, die die Buna-Werke führte, für die Häftlinge zahlen. Und da war irgendeine Vereinbarung, daß nur ein gewisser Prozentsatz krank sein dürfe, weil sie für die Kranken, die dort lagen, auch zahlen mußte. Wenn der Prozentsatz höher war, dann mußte also der Stand der Kranken gewaltsam herabgesetzt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Uns würde jetzt interessieren: Wissen Sie, ob eine solche Verfügung von Berlin da war?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, es gab eine solche Verfügung. Ich glaube mich zu erinnern – wobei ich also das nicht mit völliger Sicherheit sagen kann –, daß sogar verschiedene Prozentzahlen waren, die Sommer und Winter unterschiedlich waren. Im Sommer war eine geringere und im Winter eine größere. Aber das ist eine Erinnerung, die ich also nicht mit völliger Sicherheit wiedergeben kann.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Dann bitte ich die Angeklagten, alle einmal aufzustehen, damit der Zeuge sich einmal umsehen kann, ob und eventuell wen er von diesen Angeklagten noch kennt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Herr Doktor Frank, Doktor Schatz [unverständlich] Kaduk [unverständlich] Scherpe, Hofmann [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

So, dann bitte ich Sie, wieder Platz zu nehmen. Wen haben Sie also jetzt erkannt? Das war der Doktor Frank, der Doktor Schatz, nicht, dann den Neubert, dann den Hantl, Boger, Capesius und Kaduk, Hofmann und Klehr.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Klehr, Scherpe.

 

Vorsitzender Richter:

Scherpe noch, ja. Sie können also, auch nachdem Sie die Angeklagten nun gesehen haben, uns nicht mehr sagen, als was Sie uns gesagt haben?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dann darf ich Sie bitten, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Langbein, Sie haben uns erklärt, bei dieser ersten Selektion, die Sie miterlebt haben, als Sie in das Lager kamen, als Sie in dem Block 20, war es, glaube ich, zur Ruhe gingen und der gegenüberliegende Block

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

21, ich war in 21.

 

Staatsanwalt Kügler:

21, und der gegenüberliegende Block ausgeräumt wurde und sie den Angeklagten Klehr dort haben sitzen sehen, daß Sie später aufgeweckt worden seien durch ein Motorengeräusch. Haben Sie gesehen, daß diese Selektierten mit Lastkraftwagen abgefahren wurden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie aus der damaligen Zeit noch eine spezielle Erinnerung daran, ob sich die im Lagerbereich eingesetzten Lastkraftwagen durch, seien es entweder die Fabrikationsmarke oder die Kennzeichen, besonders unterschieden und abhoben von anderen Fahrzeugen, die möglicherweise ins Lager kamen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also ich kenne heute auch keine Fabrikationszeichen. Ich hätte sie damals auch nicht gekannt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also das ist Ihnen nicht aufgefallen. Können Sie uns irgend etwas darüber sagen, wie es dazu kam, daß Lastkraftwagen zum Abtransport der Selektierten in die Gaskammer angefordert wurden? Von wem und wie ist das geschehen, wenn Sie darüber irgendwelche Wahrnehmungen gemacht haben, oder was wissen Sie vom Hören und Sagen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das kann ich nur im nachhinein sagen. Damals, als ich das beobachtete, wußte ich das noch nicht, weil ich den ganzen Apparat der Dienststelle Standortarzt nicht kannte. Als ich aber dann später als Schreiber beim Standortarzt saß, habe ich erfahren, daß Lastkraftwagen und Posten nur angefordert werden konnten über die Dienststelle, daß also kein Lagerarzt eigenmächtig unter Umgehung der Dienststelle einen Lastkraftwagen oder einen Posten anfordern konnte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wo diese Lastkraftwagen angefordert wurden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die mußten bei der Fahrbereitschaft angefordert werden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Heißt das, daß es irgendwie über die Kommandantur ging?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Sicherlich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das nehmen Sie an?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Sicherlich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen in diesem Zusammenhang etwas darüber bekannt geworden, daß sich das geändert haben könnte nach der Dreiteilung des Lagers? Also wenn man theoretisch jetzt, rein theoretisch, weiterdenken würde, daß es eine besondere Fahrbereitschaft im Lager Birkenau gegeben hätte.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Habe ich nichts davon gehört.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen irgend etwas darüber bekannt geworden, wem die Fahrbereitschaft außer dem Kommandanten unterstand, wie der papiermäßige Befehlsweg war?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die Fahrbereitschaft hatte einen Chef, mit W hat der angefangen, der Name.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn ich Ihnen vorhalte: Wiegand?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ganz richtig. Der war, ich glaube, Hauptscharführer, wenn ich mich richtig erinnere, oder Untersturmführer. Das weiß ich jetzt nicht genau. Es war der Chef der Fahrbereitschaft, dem die ganze Fahrbereitschaft unterstand.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dem die Fahrbereitschaft unterstand. Von wem der wiederum seine Befehle erhielt

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Das glaube ich nur, daß es von der Kommandantur war. Das kann ich nicht mit völliger Sicherheit sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das können Sie nicht mit Sicherheit sagen. Nun sprachen Sie von Widerstandsgruppen, die sich im Lager gebildet haben, Herr Langbein. Vielleicht ist es doch zweckdienlich, wenn Sie dem Gericht ganz kurz schildern würden, worin der Widerstand bestand. Ich könnte mir denken, daß das Wort »Widerstandsgruppe« beim Laien falsche Vorstellungen erweckt. Denn ich könnte mir denken, daß man im Lager mit Gewalt ja wohl schlecht etwas ausrichten konnte. Wenn Sie kurz das schildern würden.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Der Hauptwiderstand in Auschwitz war natürlicherweise der, Leben zu retten. Denn die Haupttätigkeit der SS war, Leben zu vernichten. Begonnen hat es in sehr kleinem Maßstab. Es hat begonnen damit, daß man versucht hat, Essen zu »organisieren«. Es hat begonnen damit, daß man versucht hat, Häftlinge auszutauschen mit Leichen. Das ist die Ursache gewesen, weshalb dann Häftlingsnummern tätowiert wurden: In Einzelfällen – in sehr wenigen Einzelfällen war das nur möglich – konnte man jemanden, von dem man annahm, daß er besonders gefährdet war von draußen, mit einem Toten auswechseln, konnte ihm die Nummer des Toten geben und ihn als tot abschreiben, so daß er für die Politische Abteilung gestorben war und daher nicht mehr verfolgt werden konnte.

Das war sozusagen der Beginn. Später hat die Widerstandsbewegung sich damit beschäftigt, Fluchten zu organisieren, eine Reihe von auch geglückten Fluchten konnte organisiert werden. Sie hat sich bemüht, Sabotage zu betreiben in den Rüstungsbetrieben. Und sie war beteiligt dabei, daß es möglich wurde, einen Aufstand im »Sonderkommando« zu machen im Oktober 44. Das war allerdings schon nach der Zeit, die ich selber in Auschwitz erlebt habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Gut. Vielen Dank. Nun, Herr Langbein, möchte ich Ihnen hier eine Reihe von Fotokopien vorlegen. Ich bitte zu entschuldigen, daß sich das unter dem Einfluß der atmosphärischen Bedingungen hier sehr gewellt hat. Sehen Sie sich das bitte einmal etwas an, und zwar schauen Sie es bitte mal grob durch. Das sind also die verschiedensten Meldungen, die Überstellungen vom HKB in Monowitz nach Birkenau, nach Auschwitz und dergleichen betreffen. Meine erste Frage geht dahin, ob Sie derartige Listen auf der Schreibstube beim Standortarzt gesehen haben.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, sicherlich ja. Ich glaube mich zu erinnern. [Pause] Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

[Pause] Falls Ihnen dabei eine Liste auffallen sollte, wie Sie sie in Erinnerung haben, daß es sich um Personen handelt, die später vergast worden sind, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die vielleicht herausnehmen würden.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ich bin nach meiner Erfahrung sicher, daß alle Überstellungen nach Birkenau praktisch Vergasungen bedeuten. [Pause] Da, hier ist zum Beispiel eine: »Verlegungsmeldung nach Auschwitz I zum Röntgen und zurück.“

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich halte also das für durchaus wahrscheinlich, daß das wirklich eine Verlegungsmeldung zur Röntgenuntersuchung ist.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und daß die Leute dann wieder zurück

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Ja, das halte ich für durchaus möglich.

 

Verteidiger Gerhardt:

Und hier steht nichts dabei. Was ist [unverständlich]

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das ist eine Verlegungsmeldung nach Birkenau, das ist Auschwitz I. Das ist der Unterschied. Nicht, Auschwitz I, dort ist wirklich

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja. Ich möchte nur auf die verschiedenen Bezeichnungen – einmal heißt es Verlegung, einmal Überstellung – hinweisen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Rechtsanwalt, würden Sie bitte die Fragen nach

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Für das Wesentliche halte ich den Unterschied Verlegung nach Auschwitz I und nach Birkenau. Nach Auschwitz I konnte man wirklich also zum Röntgen verlegt werden, das ist denkbar, und dann wirklich rücküberstellt werden, nach Birkenau kenne ich so eine Sache nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ist Ihnen damals während Ihrer Tätigkeit der Begriff BIIf bekanntgeworden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was bedeutete das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Der Lagerabschnitt f in Birkenau, der auf der Karte eingezeichnet ist.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und war das ein Krankenbau?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, aber das wurde erst – ich weiß nicht, in welcher Zeit – ein Krankenbau. Also, den Zeitpunkt kann ich jetzt nicht angeben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Würden Sie es für möglich halten, daß eine Überstellungsliste, die nicht einfach angibt: Überstellung nach Birkenau, sondern präzisiert: Überstellung nach BIIf, daß es sich nur also in einem solchen Fall tatsächlich um eine Überstellung in den Krankenbau handeln könnte von

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Das halte ich für völlig unglaubwürdig, weil ich in Erinnerung habe: Ich habe in der Regel, ich habe das schon gesagt, immer verglichen – das habe ich für meine Aufgabe gehalten –, wenn ich die Wochenmeldungen bekam, zu sehen, ob eine Verlegung, wenn etwas als Verlegung gemeldet war, auch als Zugang im anderen Lager gemeldet war. Und ich habe nicht in Erinnerung, daß im Krankenbau Birkenau einmal ein solcher Zugang war. Ich will nicht sagen, daß es nicht irgendwo einmal eine Ausnahme von zwei Häftlingen gegeben hätte. Aber größere Transporte müßten mir in Erinnerung sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Da ist wieder »Verlegungsmeldung nach Auschwitz zum Röntgen und zurück«. Das halte ich also durchaus für möglich, daß das eine wirkliche Verlegung war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da heißt es auch immer »Verlegung«, während es sonst ja meistens wohl »Überstellung« heißt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Hier heißt es zum Beispiel auch von Jaworzno: »Folgende Häftlinge werden auf Anordnung von Hauptsturmführer Doktor Fischer nach dem HKB Monowitz zur Operation überstellt.« Das halte ich also durchaus für möglich, daß das eine ehrliche Überstellung aus medizinischen Gründen war. Da steht ebenfalls: »Verlegungsmeldung nach Auschwitz zum Röntgen und zurück.« Das halte ich also wiederum für eine... Dasselbe, hier gilt es auch, wieder eine Verlegungsmeldung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich mal eine dieser Überstellungen ansehen würden, die also lediglich »Überstellung nach Birkenau“

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Ja, also da müßten wir wieder zurückblättern, die Birkenauer Sachen sind da früher. Da, halten Sie den Finger da drinnen, daß wir wissen, was wir gesehen haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich glaube, unter diesen ist auch ein NI-Dokument, das ist ein Nürnberger [unverständlich]15

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Also hier habe ich zum Beispiel eine Überstellungsliste nach Birkenau vom 23. Jänner 44. Das ist ein NI-Dokument. Von Monowitz aus.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Was, würden Sie nach Ihren Kenntnissen sagen, war die Bedeutung dieser Liste?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also nach meinen Kenntnissen würde ich sagen, das war ein Vergasungstransport.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke schön, Herr Langbein. Wir können das Kapitel, glaube ich, abschließen. Ich habe nun im Zusammenhang

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, darf ich ganz kurz unterbrechen? Ich widerspreche dieser Art der Befragung durch den Staatsanwalt. Die Fragestellung läuft nicht darauf hinaus, daß der Zeuge eine ihm bekannte Tatsache beantworten soll, sondern läuft darauf hinaus, ihn nach seiner Ansicht zu befragen. Der Zeuge muß also auch bekanntgeben gleichzeitig, aus welchen Umständen er annimmt, daß diese Liste, von der er gerade sprach, ein Vergasungstransport war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, ich glaube, das hat der Zeuge schon gesagt, aber bitte.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich kann also diese Ergänzung machen. Es war diese Liste, die ich jetzt eben in der Hand gehabt habe, eine Liste von 200 oder 300 Häftlingsnummern, also ein sehr langer Transport. Ich hätte mich zweifellos erinnert, wenn es solche Transporte in den Krankenbau Birkenau gegeben hätte, die dort als Zugang aufgeschienen wären, weil das etwas Außergewöhnliches gewesen wäre.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das wäre also etwas Außergewöhnliches, daß ein Transport von mehreren Hunderten von Monowitz in den Krankenbau nach Birkenau gelangt wäre.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich möchte Sie gerne noch fragen, wie viele Selektionen, nicht selbst die Selektionen, mir kommt es jetzt hauptsächlich darauf an, wie viele Häftlinge im Abtransportstadium nach der Selektion Sie gesehen haben, wie oft das möglicherweise vorgekommen ist. Also Sie schilderten den einen Fall am 29. August 1942. Haben Sie das noch öfters gesehen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also mit solcher Deutlichkeit den ganzen Vorgang habe ich nur damals beobachten können.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich will nur die Frage stellen, ob Sie dabei Beobachtungen gemacht haben, ob die Häftlinge mit den Kleidern nach Birkenau kamen oder nackt oder mit Decken umgehängt oder dergleichen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also das, was ich berichtet habe, da waren sie in Hemden und mit Decken umgewickelt. Ich kann jetzt nicht mit völliger Sicherheit sagen, ob sie die Decken mitgenommen haben oder nicht. Das traue ich mich jetzt nicht, mit völliger Sicherheit zu sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von den Vergasungsaktionen im kleinen Krematorium gegenüber der Apotheke, haben Sie da nur diese eine

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Nein, ich habe mehrere gesehen. Die erste war mir in besonderer Erinnerung. Ich habe mehrere gesehen. Die Zahl kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die Zahl können Sie nicht angeben. Können Sie die Zeit angeben?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war in der ersten Zeit, weil, später wurde das kleine Krematorium stillgelegt, galt es als Magazin.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also ungefähr um August oder September 42?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ab September. Vor September habe ich nichts sehen können. Ab September 42 bis vielleicht Anfang 43. Aber das traue ich mich jetzt nicht, den Termin festzulegen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind Ihnen dabei noch besondere Umstände in Erinnerung? Beispielsweise wurde hier gesagt, daß man bei Lastkraftwagen oder anderen Kraftfahrzeugen die Motoren hat laufenlassen während der Vergasungsaktion.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ich erinnere mich, daß es das eine oder andere Mal der Fall war. Ob das jedesmal der Fall war, weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das wissen Sie nicht. Haben Sie bei einer solchen Aktion den Angeklagten Klehr beobachten können?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann würde es, glaube ich, noch interessieren, wenn Sie uns etwas näher schildern würden, wie Sie mit dem Angeklagten Neubert zusammengekommen sind. Ich verstand Sie so, daß der Angeklagte Neubert bei der Schreibstube des Standortarztes erschienen ist.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Alle SDGs sind dort hingekommen, ich glaube, täglich oder nahezu täglich, weil sie ja dort ihre Arbeit zu verrichten hatten. Und jeder SDG ist zu mir auch gekommen, weil die Schwierigkeit der SDGs war immer, daß sie mit ihren Berichten und Zahlen nicht fertig geworden sind. Und wenn ein Fehler da war, sind sie vom Standortarzt angeschnauzt worden. Und um dem vorzubeugen, sind sie in der Regel – nicht immer, aber in der Regel – zu mir gekommen und haben es mir gezeigt: »Stimmt das, ist das in Ordnung?« Und wenn etwas nicht in Ordnung war, haben sie mich gefragt, also wie sie es in Ordnung bringen sollen. Deshalb habe ich auch mit Neubert x Gespräche ähnlicher Art geführt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun verstehe ich Sie aber so, daß zu dieser Zeit Neubert im Stammlager gewesen sei.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, Neubert war, also ich weiß nicht, ob immer, aber zumindest die meiste Zeit, in Buna SDG.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und er ist von dort ins Stammlager gekommen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie aus Ihrer Erinnerung etwas darstellen, was darauf hindeutet, daß der Angeklagte Neubert über die Vergasungsaktionen hinreichend Bescheid gewußt hat? Hat er sich in entsprechender Form geäußert, oder ist Ihnen sonst in diesem Zusammenhang etwas erinnerlich?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich kann mich an keine Äußerung erinnern. Aber es ist einfach für mich unvorstellbar, daß jemand, der dort gearbeitet hat, das nicht wissen konnte, weil das also ein offenes Geheimnis war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Nun haben Sie uns gesagt, daß Sie selbst ja nie auf der Rampe waren und die Vorgänge dort selbst nie beobachtet haben. Ist Ihnen von irgendeinem der dort Beteiligten einmal erzählt worden oder waren Sie Zeuge eines solchen Gespräches, in dem berichtet wurde, was dort auf der Rampe geschah und bei den Vergasungsanlagen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe also öfter gehört von Häftlingen aus Birkenau, die uns Post geschickt haben. Zum Beispiel folgende Episode ist mir da sehr genau in Erinnerung. Das war zur Zeit der Ungarn-Transporte, da bekamen wir Post aus Birkenau, daß dort jetzt Kinder lebendig auf die Scheiterhaufen geworfen werden. Ich habe das dem Standortarzt gesagt. Der hat gesagt: »Das ist unmöglich«, ist hinausgefahren nach Birkenau, und als er zurückkam, sagte er mir: »Es ist ein Befehl von Höß, weil Gasmangel ist.« Er hat

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Entschuldigung. Ein Befehl, daß die Kinder hineingeworfen

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Daß die Kinder nicht in die Gaskammern kommen, sondern lebend ins Feuer geworfen werden, damit man Gas spart. Es wurde damals auch weniger Gas in die Gaskammern geworfen. Es gab damals Transportschwierigkeiten. Aus den Transportschwierigkeiten resultierten die Schwierigkeiten bei der Gasbeschaffung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich erinnern, ob dieses Gespräch noch im Jahre 1942 stattgefunden hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, das war 44, zur

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ach, Entschuldigung, ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war also 44, jedenfalls nach Mitte Mai 44.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nach Mitte Mai 44. Von den direkt an den Selektionen Beteiligten ist Ihnen darüber nichts gesagt worden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Da habe ich also hier und da Äußerungen gehört, die sie untereinander gemacht haben, ohne darauf zu achten, daß ich zuhöre. Aber das waren so gelegentliche Nebensätze.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber darüber ist gesprochen worden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von den Beteiligten selbst untereinander.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke, ich habe dann weiter keine Fragen mehr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, ich komme noch einmal auf die beiden Fälle zurück, die den Angeklagten Scherpe betreffen. Sie haben einmal die Situation geschildert mit diesen polnischen Kindern und haben dann gesagt, daß Scherpe ins Revier kam. Waren Sie zugegen, als er ins Revier kam?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe ihn gesehen, daß er sehr auffallend blaß war.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo haben Sie ihn gesehen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich nehme an, also auf dem Gang, wo er vorm Zimmer vom Standortarzt gewartet hat.

 

Staatsanwalt Großmann:

Hat sich Herr Scherpe irgendwie an Sie gewandt in dem Zusammenhang?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, nein. Das habe ich dann aus anderem Mund erfahren – ich weiß jetzt nicht mehr, von wem –, um was es gegangen ist. Mich hat interessiert, warum sich der Scherpe so aufgeregt hat, weil er sehr blaß war. Und ich habe es dann in irgendeinem anderen Zusammenhang, an den ich mich jetzt nicht erinnere, erfahren.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie von anderer Seite erfahren, ob Herr Scherpe bereits mit diesen »Abspritzungen« begonnen hatte?

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge hat gesagt, das wisse er nicht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht. Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ob er es erfahren hat. Daß er es nicht weiß aus eigener Kenntnis, das wußte ich ja. Auch von anderer Seite nicht erfahren?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut. Der zweite Vorgang, der Herrn Scherpe betrifft, und zwar ist das die »Entleerung« des Blockes dieser 700 Kranken da bei dieser Fleckfieberepidemie. Da haben Sie erst gesagt, der Angeklagte Klehr habe zusätzlich Kranke zum »Abspritzen« gesucht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nicht bei dieser großen Selektion.

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Nicht? Sondern?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Sondern das hat er fallweise gemacht, ist er durch den Krankenbau durchgegangen. [...]

 

Staatsanwalt Großmann:

Aber haben Sie das selbst gesehen, daß er in anderen Fällen zusätzlich Personen da

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Einmal habe ich es gesehen, als ich selbst krank lag, wo er in mein Zimmer auch kam und wo mir dann der Krankenpfleger sagte, er ist jetzt die Stuben durchgegangen. Und mehrmals

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

In Ihrem Zimmer, wenn ich unterbrechen darf, hat er seinerzeit keinen herausgesucht zusätzlich?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Aber der Krankenpfleger, was hat er Ihnen gesagt? Bitte fahren Sie fort.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe den Krankenpfleger gefragt, und der hat gesagt: »Jetzt geht er durch.« Und ich wußte natürlich, was es hieß, wenn er durchgeht, weil ich schon vorher öfter gehört habe, daß Klehr den Krankenbau abgeht und sich die Nummern derer aufschreibt, die er also für »spritzenswürdig« halte.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Ich komme auf die Selektion der 700 zurück. Welche Rolle spielte da Scherpe?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe Scherpe dabei nicht gesehen. Erkannt habe ich dabei Entress und Klehr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie etwas gehört über die Beteiligung von Scherpe bei dieser 700er-Selektion?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Dann komme ich noch mal auf Boger zurück. Sie haben erst dem Herrn Vorsitzenden auf seine zusätzliche Frage geantwortet

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die Sicherheit nehme ich vor allem daher, weil ich das im April 45 schriftlich fixiert habe.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Und eine letzte Frage, Herr Langbein. Haben Sie außer diesem ganz konkret jetzt von Ihnen geschilderten Vorgang dieser sieben insgesamt Selektierten von elf wohl, die da drin waren, von denen sechs also Boger höchstpersönlich da rausgeholt hat, noch Erinnerungen, ob Boger, der ja noch mehrfach dabei war, wie Sie geschildert haben, auch noch konkret bei anderen Gelegenheiten – nämlich insgesamt sind Sie ja sechsmal selektiert worden

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Sechsmal waren Selektionen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Daß Boger bei anderen Gelegenheiten das auch noch so getan hat oder in irgendeiner Weise rausgesetzt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, also von den sechs Bunkerselektionen, die ich erlebt habe, war eine Bunkerselektion, da war nur der Lachmann allein mit dem Blockführer. Und zwar hat damals der Lachmann gefehlt bei der großen Kommission. Ich habe mich sehr gewundert. Lachmann war mein Referent, also auf den habe ich natürlich besonders immer geschaut. Er hat gefehlt. Ich wurde auch beiseite gestellt. Und einige Stunden später kam dann Lachmann allein mit dem Blockführer, der ihm aufgesperrt hat, und hat eine Nachselektion durchgeführt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Die ist aber bei den sechs enthalten?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die ist bei den sechs enthalten. Bei der hat also Boger nichts zu tun gehabt. Bei den fünf anderen Selektionen war Boger dabei.

 

Staatsanwalt Großmann:

Das wissen Sie mit Sicherheit?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Mit Sicherheit dabei. Ich kann nicht sagen, daß er bei jeder einzelnen von diesen fünf Selektionen welche als seine

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Ist Ihnen aber erinnerlich, ob er bei ein oder zwei oder drei oder ganz gleich wieviel

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Mir ist aufgefallen und in Erinnerung, daß der Boger die meisten hatte immer.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und hat er das immer in dieser Form getan, daß er gesagt hat: »Raus!«?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war die Regel, vor allem bei den Juden, also wo überhaupt kaum eine Diskussion war, sondern immer nur das Wort »Raus!« oder »Bleibt!«.

 

Staatsanwalt Großmann:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr? Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Langbein, eine Frage zum Rampendienst der Ärzte und zu dem Dienstplan. Wir haben hier jetzt verschiedene Versionen gehört. Ein Angeklagter – ich glaube, Frank war das – hat behauptet, immer ein Arzt war eingeteilt und ein Ersatzmann. Doktor Münch hat gesagt, immer zwei waren eingeteilt. Sie sagen, einer war eingeteilt. Könnte es sein, daß am Anfang bis zu einem gewissen Zeitpunkt, wo man noch genug Ärzte hatte, zwei eingeteilt waren und erst später, wie die Transporte zu häufig wurden, nur noch einer Dienst zu tun hatte zu einem Zeitpunkt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube nicht, weil daran müßte ich mich erinnern, daß zwei Namen waren. Und ich erinnere mich vor allem an eines. Mich hat immer am Dienstplan interessiert, wann der Standortarzt eingeteilt war. Weil das war für mich das Zeichen; in der Zeit hatte ich die Möglichkeit, mich freier zu bewegen. Ich hatte einen Passierschein und konnte ins Lager gehen mit meinem Passierschein, ohne Posten. Ich konnte das nur, wenn ich wußte, daß der Standortarzt nicht da war. Darum interessierte ich mich also immer: Wann ist der Standortarzt eingesetzt? Und ich habe dann die Gelegenheit benützt, bin ins Lager gegangen und habe die Gespräche geführt, die ich führen wollte. Wenn da zwei eingesetzt gewesen wären neben dem Standortarzt, dann wäre also nicht immer notwendig gewesen, daß der Standortarzt mitgegangen wäre.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und neben dem Standortarzt war nicht ein anderer eingetragen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, der Standortarzt ist allein dort gestanden, und ich habe gewußt, jetzt ist er dran, und wenn der Anruf kommt, kann ich damit rechnen, daß der Wirths weg ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Es ist gesprochen worden – ich glaube, von Doktor Münch – über eine Anordnung über die Funktionsverteilung der Ärzte auf der Rampe. Gab es irgend etwas, eine Anordnung oder dergleichen, was die Ärzte im einzelnen auf der Rampe zu tun hatten? Haben Sie so was mal zu sehen bekommen?

 

Verteidiger Laternser:

Ist doch beantwortet.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Schriftliche Anweisungen habe ich nicht gesehen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat Ihnen Doktor Wirths etwa bei einem Gespräch einmal davon erzählt, was die Ärzte im einzelnen zu tun hatten?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Nein, das hat er nicht getan.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wie oft kam ungefähr, nach Ihrem Dienstplan, an den Sie sich erinnern, ein Arzt dran? Wie viele Ärzte gab es etwa, die für diesen Zweck zur Verfügung standen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Wenn ich also zusammenzähle: Es gab immer einen, also den Standortarzt, es gab immer einen Lagerarzt Stammlager, es gab immer einen Lagerarzt Auschwitz III, es gab mehrere Lagerärzte Birkenau, gleichzeitig vielleicht zwei oder drei. Das sind jetzt sechs Ärzte. Es gab immer einen Truppenarzt, das ist der siebente. Es gab

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der wurde aber nicht herangezogen zu Selektionen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Zugangsselektionen schon.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie doch vorhin sagten: Der eine Arzt hat sich dagegen gewehrt, und daraufhin ist er nicht mehr zugezogen worden.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe ausdrücklich betont, daß er bei den Zugangsselektionen dabei war, nur bei den Krankenbauselektionen nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Da bitte ich um Entschuldigung.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das sind also zwei verschiedene Arten von Selektionen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das waren also jetzt, glaube ich, sieben, die ich errechnet habe. Dann gibt es zwei Führer der Apotheke, das sind Capesius und Gerber. Dann gibt es zwei Zahnärzte, also elf hätte ich jetzt. Dann war der Doktor Weber vom Hygiene-Institut, der auch selektiert hat. Das sind also jetzt zwölf, wenn ich rechne. Das heißt also, wenn jeder alle zwölf Stunden abwechselte, ist einer alle sechs Tage drangekommen – vorausgesetzt, daß niemand auf Urlaub war oder krank war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sind Sie sicher, Herr Langbein, daß der Doktor Weber selektiert hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Das ist nämlich gerade von Doktor Münch bestritten worden.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Doktor Weber hat sicher selektiert.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ganz sicher?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie es gesehen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Sicher. Nein, ich habe halt seinen Namen gesehen auf dem Plan. Doktor Weber hat sicher selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Also gestern hat uns der Doktor Münch hier gesagt, der Herr Doktor Weber hätte ihm das gezeigt, diese Art der Selektion an der Rampe, von ferne her, hätte ihm aber sofort gesagt, er soll sich ja niemals dafür vereinnahmen lassen, denn das sei nicht seines Amtes, und der Doktor Weber hätte auch niemals an Selektionen teilgenommen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Münch hat nicht selektiert, aber Weber ist sicher auf der Liste gestanden. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben vorhin uns erzählt, daß Doktor Schatz ein Verwandter des Doktor Lolling, des obersten Arztes der KZs, gewesen sei. Woher wissen Sie das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, mich nicht zu irren, einmal in einem Gespräch zwischen SS-Ärzten wurde das erwähnt, wobei man noch sagte also sozusagen: Den Schatz muß man sehr vorsichtig behandeln, weil er eben den Lolling als ich weiß nicht was, in welchem Verwandtschaftsgrad das war, hatte.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich würde dann später darum bitten, Herr Vorsitzender, darüber den Herrn Doktor Schatz zu fragen, denn davon hat er uns ja nichts gesagt.

 

Verteidiger Laternser:

Das kann ja gleich geschehen, dann ist das erledigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also, Herr Doktor Schatz, wollen Sie sich gleich mal dazu äußern?

 

Angeklagter Schatz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Treten Sie vielleicht hier vor an das Mikrofon, ja, damit wir es alle hören.

 

Angeklagter Schatz:

[unverständlich] daß Herr Langbein sagt, ich sei mit Doktor Lolling verwandt. Es kam dann noch etliches da hinterher, das habe ich aber nicht mitbekommen. Ich kann hier nur erklären: Ich bin mit Doktor Lolling nicht verwandt, in keiner Weise.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Verschwägert oder näher bekannt?

 

Angeklagter Schatz:

Nein, niemals.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht.

 

Angeklagter Schatz:

Ich habe Doktor Lolling das erste Mal gesehen, als ich von der Wehrmacht abkommandiert wurde nach Oranienburg, und ich mußte mich bei ihm vorstellen und melden. Sonst habe ich mit ihm nichts zu tun gehabt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann habe ich die nächste Frage. Ist Ihnen etwas bekanntgeworden über eine Art Selektion, die der Klehr vorgenommen haben soll an Weihnachten, entweder 1941 oder 1942, am Weihnachtstag, am 24. Dezember also, nachdem die Ärzte schon weggegangen wären und er noch allein da war. Und da sollen 200 Häftlinge von ihm »abgespritzt« worden sein, um den Ausdruck zu gebrauchen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also das ist mir nicht in Erinnerung. An Weihnachten 41 war ich noch nicht in Auschwitz, also über Weihnachten 41 kann ich nichts sagen. Weihnachten 42 ist mir das nicht in Erinnerung.

 

Vorsitzender Richter:

Aber nach Ihrer Bekundung heute war der Angeklagte Klehr doch noch an Weihnachten 42 als SDG tätig?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Das schon.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Aber diese Selektion am Heiligen Abend [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Er hat nämlich uns gesagt: Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß ich es gewesen bin, denn ich war ja gar nicht mehr SDG.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Er war zu Weihnachten 42

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Außerdem sei er in Urlaub gewesen. Aber das können Sie ja auch nicht wissen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht. Das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann dürfte ich bitten, Herr Vorsitzender, ich habe seinerzeit übergeben eine Anzahl Überstellungsmeldungen von Monowitz nach Birkenau, wo bestimmte Bemerkungen bei jedem einzelnen dranstanden, daß die dem Zeugen vorgelegt werden. Sind sie noch vorhanden? [Pause] Ich bitte Sie, insbesondere zu beachten, was nebendran jeweils steht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

[Pause] Das ist eine Überstellungsmeldung nach Auschwitz, das erste, was ich hier sehe, von Buna nach Auschwitz. Und hier stehen abgekürzte Diagnosen. Meiner Meinung nach kann das eine ehrliche Überstellung in den Krankenbau sein. Das ist dasselbe, Überstellungsmeldung nach Auschwitz, und hier eine abgekürzte Diagnose, »Frostwunden beider großer Zehen« dürfte das wahrscheinlich heißen, gilt dasselbe. Eine Überstellungsmeldung nach Birkenau, das ist meiner Meinung nach eine Überstellung in die Gaskammer. Das ist dasselbe, Birkenau

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, nun, Herr Langbein, Sie können aufgrund dieser Formulare nicht erkennen, ob das eine Überstellung in die Gaskammer gewesen sein muß oder nicht. Sie können es sich nur aufgrund der langen Liste und so weiter vorstellen oder sind der Überzeugung. Also ich glaube, Herr Rechtsanwalt Ormond, daß es keinen Zweck hat, den Zeugen weiter darüber zu fragen. Im übrigen, Herr Rechtsanwalt Ormond, es ist mittlerweile halb fünf geworden. Haben Sie noch mehrere Fragen zu stellen?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Ich habe lediglich noch zwei Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben noch zwei Fragen zu stellen. Sind von Ihrer Seite... Keine Fragen zu stellen. Wie ist es mit der Verteidigung?

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben keine Fragen?

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich hätte noch Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele noch?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Es dauert etwa fünf Minuten, würde ich sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da würde ich sagen, daß wir den Zeugen noch fertig vernehmen, wenn es auch jetzt schon halb fünf ist. Dann braucht er nicht mehr hierherzukommen. Also, bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Langbein, haben Sie auch Beziehungen zu dem Personal der SS-Apotheke gehabt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist Ihnen da über die Praktiken dort – die Ausgabe von dem Phenol und dergleichen und wer das dort vorgenommen hat an die einzelnen SDGs – etwas bekanntgeworden?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Mir ist bekannt, daß sowohl Phenol als auch Zyklon B, das Giftgas, als Medikament, geführt worden sind. Wer speziell es ausgegeben hat, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist Ihnen bekannt geworden, daß der Apotheker mit den SDGs und sonstigem Personal regelmäßig rausgefahren ist zur Rampe, wenn Züge eintrafen, um nach interessanten Medikamenten, ärztlichen Einrichtungen und dergleichen und Sachen, die für die Apotheke verwertbar waren, zu suchen?

 

Verteidiger Laternser:

Ich widerspreche dieser Frage. Der Zeuge hat ja bereits gesagt, er sei nie auf der Rampe gewesen. Wie soll er dann die Frage beantworten können? Ich widerspreche dieser Frage, denn sie ist ungeeignet.

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Durch seine Beziehungen, die er selbstverständlich zum Personal der Apotheke gehabt hat.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ach so, wenn Sie nach

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es wäre möglich, daß der Zeuge vielleicht vom Hörensagen etwas davon gehört hat. Und deshalb muß er uns zunächst einmal sagen, ob er etwas weiß oder ob er es nicht weiß.

 

Verteidiger Laternser:

Gut, wenn nach Hörensagen gefragt wird.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, müssen wir hier sehr viel sogar fragen, Herr Rechtsanwalt, weil wir leider zu wenig Zeugen haben, die persönlich Zeugen dieser einzelnen Taten waren. Denn es ist uns schon einmal gesagt worden, wer tot ist, kann nicht mehr sprechen. Und deshalb müssen wir hier sehr viele Leute fragen nach dem Hörensagen, um uns ein Bild zu machen über die Verhältnisse, wie sie dort gewesen sind. Inwieweit diese Aussagen nachher bewertet werden, ist eine Sache der Beweiswürdigung.

 

Verteidiger Laternser:

Zu der wir dann ausführlich Stellung nehmen werden.

 

Vorsitzender Richter:

Eben, ja, da bekommen Sie Gelegenheit dazu. Also, was ist nun gefragt worden, Herr Rechtsanwalt?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Die Frage ging dahin, ob der Zeuge gehört hat von Angehörigen der SS-Apotheke, Häftlingen insbesondere, daß man regelmäßig zu den ankommenden Transporten auf die Rampe fuhr und dort Durchsuchungen vornahm nach geeignetem Apothekermaterial, Medizin et cetera.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob diese Durchsuchungen auf der Rampe oder nachher in »Kanada« vorgenommen worden sind?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Medikamente eingelaufen sind in der Apotheke.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Abgeliefert worden sind, jawohl.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Und daß sie dort durchsucht wurden auch nach Wertgegenständen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das ist nicht bestritten. Sondern es ist hier nur die Frage, wo das durchsucht wurde, da oder dort.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das weiß ich nicht.[...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist Ihnen dabei bekanntgeworden, daß gerade das Personal der Apotheke Gelegenheit hatte, sowohl Zahngold als auch Schmucksachen und Wertsachen entgegenzunehmen, und daß davon jeweils der Doktor Capesius seinen Anteil bekam?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Es war allgemein bekannt, daß in den Medikamenten – Medikamente ist im weitesten Sinne gemeint, also auch eine Zahnpasta und so weiter zählte dazu –, daß in diesen Tuben und Phiolen oft Wertgegenstände versteckt waren. Die Unglücklichen, die nach Auschwitz transportiert wurden, haben überall, wo sie nur konnten, solche Wertgegenstände versteckt. Und es ist bekannt, Capesius hatte den Ruf, daß er ein, wie man bei uns sagte, großer »Organisator« sei.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine weitere Frage, danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Herr Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Langbein, Sie sprachen heute morgen davon, daß die sogenannte Dreiteilung von Auschwitz nicht in vollkommener Weise durchgeführt worden ist. Ich möchte Sie in diesem Zusammenhang fragen: Sind Sie in der Lage, uns darzulegen die Unterschiede in den Funktionen des Standortältesten sowie der Kommandanten der Lager I, II und III?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ganz exakt kann ich es nicht tun. Ich weiß, daß der Standortälteste in dieser Funktion die oberste Be fehlsgewalt über den Standortbereich hatte. Der Standortbereich war gegeben... Vielleicht liegt eine Landkarte vor. Es ist so eine längliche Zeichnung, wo Auschwitz und Birkenau oben am Kopf ist und dann noch entlang der Soła hinauf ein Gebiet abgezweigt ist . Für diesen Bereich war der Standortälteste der oberste militärische, oder wie man das nennt, Kommandant. Er war auch der Vorgesetzte aller drei Kommandanten, beziehungsweise ein Kommandant war er ja selber, der beiden anderen Kommandanten.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Sind Ihnen in Ihrer Funktion als Schreiber beim Standortarzt einmal Standortbefehle unter die Augen gekommen, die einen Verteiler trugen: Konzentrationslager I, II, III, und dann noch weitere Verteiler, zum Beispiel Standortarzt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, also die Ablage der Standortbefehle und Kommandanturbefehle habe ich selber gemacht und habe dort ständig nachschauen können, wenn ich habe nachschauen müssen. Mir sind also diese Standortbefehle damals genau in Erinnerung gewesen, heute natürlich nicht mehr genau.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Aber solche Verteiler haben Sie gesehen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sie sprachen davon, daß Höß im Zusammenhang mit der »Ungarn-Aktion« wieder in Auschwitz aufgetaucht ist. Ist Ihnen bekannt, daß Höß am 8.5.194416 erneut zum Standortältesten von Auschwitz ernannt wurde?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das Datum habe ich jetzt erst nachträglich erfahren, die Tatsache war mir bekannt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ist Ihnen ferner bekannt, daß drei Tage später, am 11.5.1944, Richard Baer unter dem Standortältesten Höß zum Kommandanten des Lagers Auschwitz I ernannt wurde?17

 

Zeuge Hermann Langbein:

Daß das etwa um dieselbe Zeit war, ist mir bekannt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Ist Ihnen ferner bekannt, daß am 29.7.1944 laut Standortbefehl 20 aus 44 – befindet sich hier im Anlageband 2c18 – Baer nunmehr Höß als Standortältesten abgelöst hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Also, als die »Ungarn-Aktion« im großen abgeschlossen war – das dürfte der Zeitpunkt gewesen sein –, ist Höß wieder weggekommen. Und dann war Baer auch Standortältester.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Dann möchte ich Sie weiter fragen. Sie sprachen davon, daß der Spieß des Standortarztes von der Kommandantur vom Eintreffen von Transporten benachrichtigt worden ist. Meine Frage: Könnte es sein, daß Sie sich da versprochen haben? War es vielleicht so, daß diese Benachrichtigung nicht von der Dienststelle des Kommandanten – ich weiß auch nicht, von welchem Kommandanten –, sondern vom Standortältesten gekommen ist?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe jetzt nicht in Erinnerung, daß der Standortälteste eine eigene Dienststelle hatte. Ich habe in Erinnerung die Kommandantur. Das war in dem übernächsten Gebäude dort.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und welche Kommandantur? War das die Kommandantur von Auschwitz I?

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Auschwitz I, sicherlich.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann möchte ich Sie in diesem Zusammenhang fragen: Sie sagten, daß Baer mit der Vergasung Ihrer Ansicht nach zu tun hatte. Wie meinen Sie das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe beobachtet, daß Baer, wenn er also sich im Lager gezeigt hat, sehr oft hinausgefahren ist in Richtung Birkenau. Was Birkenau ist und was er dort zu tun hat, konnte ich mir leicht vorstellen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Also Baer als Kommandant von I und Standortältester hat sich um die Vergasung in Birkenau gekümmert. Danke, ich habe keine weitere Frage.

 

Verteidiger Gerhardt:

[Pause] Herr Zeuge, Sie waren, wie Sie ausführten, mal in Birkenau. Sie haben uns das im einzelnen dargelegt, wie Sie dort hingekommen sind. Sie waren ja, glaube ich, im Zigeunerlager. War das sehr belegt, sehr stark?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Waren auch die übrigen Lager dort in Birkenau sehr stark belegt? Haben Sie Feststellungen treffen können?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe die Stärkezahlen ja jedesmal gesehen, ich weiß, daß es oft sehr starken Überbelag gab.

 

Verteidiger Gerhardt:

War auch der Häftlingskrankenbau sehr stark belegt dort?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das kann ich jetzt im Augenblick nicht sagen, die Zahlen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wissen Sie nicht. Wissen Sie, ob der Häftlingskrankenbau im Stammlager stark belegt war?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das war zeitweise sehr stark.

 

Verteidiger Gerhardt:

So. Danke. Dann noch eine Frage: Hat sich der Angeklagte Neubert mit Ihnen auch in persönlicher Hinsicht unterhalten? Ich möchte meine Frage insofern noch ergänzen. Auf Seite 12.711 haben Sie ausgeführt: »Von mehreren SDGs«, wahrscheinlich also die hier Angeklagten, »war er der Zugänglichste.«19 Was verstehen Sie darunter? Ich möchte meine Frage vielleicht etwas noch abrunden. Sie führten aus, aufgrund von Hören und Sagen hätte man mit ihm reden können, man hätte ihn – um es mal auf deutsch zu sagen – auch bestechen können, und er hätte dann den einen oder anderen von der Liste abgesetzt. Ist das so zu verstehen: »Er war der Zugänglichste«?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja. Und zwar weiß ich das aus folgender Quelle. Wir haben regelmäßig eine Kontaktmöglichkeit gehabt mit dem Krankenbau in Buna, dadurch, daß der eine oder der andere Häftling, der dort in einer Funktion zu arbeiten hatte, zu uns ins SS-Revier kam, um Medikamente zu fassen oder um irgendeine Schreibangelegenheit zu regeln. Irgendein Vorwand oder irgendeine wirkliche Arbeit war oft zu tun. In der Regel hat dieser mich dann besucht, und wir haben unsere Gedanken ausgetauscht, unsere Erfahrungen, vor allem auch über die SSler, mit denen wir zu tun hatten. Und von dem habe ich die Nachricht, daß man mit dem Neubert reden kann, wie man sagte. Ich selber habe nicht in dieser Richtung geredet, weil ich ja nicht in Buna war und daher auch nichts sagen kann.

 

Verteidiger Gerhardt:

Also dann ist meine weitere Frage: Sie waren also niemals in Monowitz?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sie haben auch niemals den Häftlingskrankenbau in Monowitz gesehen?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Meine Abschlußfrage: Wie war Ihr persönlicher Eindruck von dem Angeklagten Neubert? Sie haben ihn ja fast wöchentlich gesehen, wie Sie sagten.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, also wenn ich ihn vergleichen soll mit den anderen SDGs, die ich kenne, war der Eindruck ein günstiger. Wobei ich bitte, das relativ zu nehmen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Nein, nein, Sie können es absolut sagen hier, Sie brauchen es nicht zu relativieren. Hat er irgendwie sich als brutal gezeigt?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Nein, nein, nein.

 

Verteidiger Gerhardt:

Nicht.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Also ich möchte feststellen, also ich war in der Schreibstube des Standortarztes und war dort der Schreiber des Standortarztes. Es hat keinen auf der Dienststelle gegeben, der mir gegenüber brutal war. Das soll aber natürlich noch nicht die Schlußfolgerung erlauben, daß er auch anderen gegenüber nicht brutal war, weil, wenn er mich schlägt, und ich renne mit einem blauen Auge zum Standortarzt rein, muß er riskieren, daß der mich fragt: »Woher haben Sie das blaue Auge?“

 

Verteidiger Gerhardt:

Meine Frage war nur: Sie sagten, er war relativ. Dazu.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das »relativ« bezieht sich darauf, daß ich den Eindruck hatte, daß

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Gut, danke. Das reicht mir.

 

Verteidiger Naumann:

Eine Frage hätte ich noch. Herr Langbein, Sie sagten vorhin, daß die Sanitätsdienstgrade zu Ihnen gekommen wären, wenn Sie mit Ihrem Schreibwerk nicht zurechtgekommen seien, und Sie gebeten hätten, Zahlen oder irgend etwas ähnliches zu ergänzen oder zu berichtigen. Sie haben

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Zu ergänzen nicht. [unverständlich]

 

Verteidiger Naumann [unterbricht]:

Na ja, irgend etwas zu tun in diesem Zusammenhang, ihnen zu helfen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Verteidiger Naumann:

Und ich möchte nur wissen – Sie haben ja doch offenbar da Beobachtungen anstellen können –, wie war das Verhältnis zwischen den SS-Ärzten, a) zwischen dem Standortarzt und den Sanitätsdienstgraden. War das mehr kameradschaftlich, oder war das ein sehr scharfes Vorgesetzten/Untergebenen- Verhältnis? Und b) wie war es zwischen den anderen SS-Ärzten, insbesondere dem Doktor Entress und den SDGs, also Hantl hier?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das Verhältnis Standortarzt und SDG war schon das eindeutige Verhältnis Offizier und Mannschaft. Es war also – wie nennt man das – ein Abhängigkeits- oder Untergebenenverhältnis. Wobei ich nicht sagen will, daß es äußerst scharf war, aber es war ein eindeutiges Untergebenenverhältnis. Die SDGs haben vorm Standortarzt auch einen Heidenrespekt gehabt. Und deswegen sind sie ja zu mir gekommen, um ihre Schriftstücke rechtzeitig korrigieren zu lassen, bevor irgend etwas danebengeht. Mit Doktor Entress war es etwas anderes. Doktor Entress hatte einen sehr guten Kontakt mit der Politischen Abteilung, und seine Tätigkeit hat er auch zweifellos im Einverständnis mit der Politischen Abteilung gemacht. Deswegen war er außerordentlich gefährlich für uns, weil die Politische Abteilung das Gefährlichste in Auschwitz war. Das habe ich geschildert, brauche ich nicht mehr begründen.

 

Verteidiger Naumann:

Nein, nein. Nun, gefährlich für Sie, Herr Zeuge. Ich meine nun aber auch das Verhältnis des Doktor Entress zu den SDGs. War das schärfer als das des Standortarztes oder war das kameradschaftlicher?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich traue mich weder das eine noch das andere zu bejahen.

 

Verteidiger Naumann:

Aha. Danke vielmals.

 

Verteidiger Staiger:

Noch eine kurze Frage, Herr Zeuge. Sie haben vorhin das Beispiel erzählt von dem Lagerarzt Doktor Kitt, der zum Standortarzt gekommen sei und sich geweigert hätte, die Mordbefehle weiter auszuführen. Ich glaube, so haben Sie sich ausgedrückt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, nicht geweigert, er hat gebeten um eine Änderung. Es war, glaube ich, keine direkte Weigerung.

 

Verteidiger Staiger:

Verstehe, ja. Sie haben das Beispiel dafür erwähnt, daß ihm also nichts passiert ist.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Verteidiger Staiger:

Sie haben aber gleichzeitig gesagt, daß Doktor Kitt daraufhin Truppenarzt geworden ist, im übrigen aber die Selektionen an der Rampe weiter durchzuführen hatte. Mir ist Ihr Beispiel deshalb nicht ganz verständlich.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Er wurde befreit dadurch, durch diese Versetzung, von den Selektionen im Häftlingskrankenbau, die er regelmäßig auch durchzuführen hatte, als er Lagerarzt war.

 

Verteidiger Staiger:

Ja. Aber ich meine, dieses Beispiel ist doch kein Beispiel dafür, daß derjenige, der sich geweigert hätte, weiter Selektionen durchzuführen innerhalb des Lagers, daß dem also nichts passiert ist. Mir

 

Zeuge Hermann Langbein [unterbricht]:

Na, es ist ihm ja nichts passiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Zeuge kann doch nicht mehr sagen, Herr Rechtsanwalt, als er weiß. Der Zeuge hat gesagt: Er hat gebeten, abgelöst zu werden von diesen Selektionen im Lager. Das ist auch geschehen. Er ist Truppenarzt geworden. Das hat ihn aber nicht befreit, um noch weiterhin Selektionen an der Rampe machen zu müssen. Das ist das Wissen des Zeugen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Und er ist weiter in Auschwitz geblieben und wurde später befördert, das weiß ich auch.

 

Verteidiger Staiger:

Ja, ich habe das Beispiel aber so verstanden, daß es erwähnt worden ist, um zu zeigen, daß es Fälle gab, in denen Ärzte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber Herr Rechtsanwalt, die Schlußfolgerungen müssen wir doch ziehen, die kann doch der Zeuge nicht

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Nein, ich meine, der Zeuge hatte doch zwei Beispiele erwähnt und hatte dazugesagt, der Lagerarzt Doktor Kitt hatte also darum gebeten, er könne das nicht weiter tun im Lager. Ist das richtig, Herr Zeuge?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, natürlich.

 

Verteidiger Staiger:

Und ist insoweit befreit worden.

 

Vorsitzender Richter:

Also mehr kann der Zeuge nicht sagen.

 

Verteidiger Staiger:

Herr Vorsitzender, meine Frage hat einen bestimmten Zweck.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das können wir uns vorstellen.

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Kann es nicht so sein, daß die Selektionen sich an der Rampe grundsätzlich eben doch von den Selektionen im Lager deshalb unterschieden haben, weil die Selektionen auf der Rampe nämlich – und da greife ich einen Ausdruck heraus, Herr Zeuge, den Sie laufend gebraucht haben – bedeuteten: Herausselektieren der Arbeitsfähigen aus den Transporten der Juden, die ohnehin für die Gaskammern bestimmt waren.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber Herr Rechtsanwalt, das kann man Ihrem Plädoyer vorbehalten, nicht? Das weiß der Zeuge auch nicht. Ich habe den Zeugen ja gefragt, ob die Ärzte Anweisung bekommen hätten, wie viele sie da herauslösen sollen. Das ist alles schon besprochen worden.

 

Verteidiger Staiger:

Herr Vorsitzender, ich bin da nicht ganz mit Ihnen einig. Es ist doch denkbar, daß praktisch der Lagerarzt in diesem Falle sich zu den Selektionen an der Rampe eben leicht entschließen konnte, weil er hier nicht Leute vom Leben zum Tode beförderte, sondern vom Tode zum Leben.

 

Vorsitzender Richter:

Also wollen Sie den Zeugen jetzt noch etwas fragen, Herr Rechtsanwalt? Dann stellen Sie bitte die Frage, und dann wird entschieden, ob die Frage richtig ist oder nicht, ob sie zugelassen wird, ob sie nicht zugelassen wird.

 

Verteidiger Staiger:

Gut, Herr Zeuge, ich frage Sie dann: Wissen Sie etwas darüber, daß die Selektionen an der Rampe bedeuteten: Freistellung der Arbeitsfähigen beziehungsweise Herauswählen der Arbeitsfähigen aus dem ohnehin zum Tode bestimmten Gesamttransport?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich glaube, die Selektionen an der Rampe waren die Entscheidung, wer geht ins Gas, wer geht ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hermann Langbein:

So sah ich es.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollten doch an sich keine Frage mehr stellen.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ich möchte nur den Herrn Zeugen bitten, die von der Verteidigung gestellte Frage nach dem relativ günstigen Eindruck zu beantworten. Er ist dabei unterbrochen worden.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Die Relativität des Günstigen bestand darin, daß wir in Auschwitz, ich möchte sagen, sehr geringe Ansprüche an die SSler stellten und sehr froh waren, wenn wir irgendwo eine Spur oder einen Funken sahen, wo man an Menschlichkeit oder auch an Habgier anknüpfen konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also gemessen an den anderen, sagen Sie, war er noch relativ günstig zu beurteilen.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist das jetzt beantwortet? Sonst noch eine Frage zu stellen? Keine Fragen? Bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ich hätte einmal eine Frage an Sie: Ist Ihnen bekannt, daß der Standortarzt Doktor Wirths extra für die Seuchenbekämpfung nach Auschwitz versetzt worden ist?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, das ist mir nicht bekannt.

 

Angeklagter Klehr:

Es ist mir bekannt. Doktor Wirths wurde extra für die Seuchenbekämpfung nach Auschwitz eingesetzt, weil verschiedene schon mit der Seuchenbekämpfung angefangen haben, aber sie nicht durchgeführt worden ist. Die weitere Frage: Im Stammlager, war da ein SDG oder waren da mehrere SDGs?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Es war jedesmal nur einer.

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl, das war jedesmal nur einer. Jetzt möchte ich Ihnen die Frage beantworten: Ich war SDG im Stammlager. Ich wurde abgelöst von Oberscharführer Scherpe. Nach Oberscharführer Scherpe war Unterscharführer Nierzwicki, und nach Unterscharführer Nierzwicki war Unterscharführer Hantl SDG im Stammlager. Ist Ihnen der Blockführer von Block 20 bekannt? Ein gewisser Hans Sauer.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Blockältester.

 

Angeklagter Klehr:

Blockältester, jawohl.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja, freilich ist mir der Hans Sauer bekannt.

 

Angeklagter Klehr:

Der Blockälteste sagt aus im Blatt 13.11720, daß er mich ab Oktober im HKB, Krankenbau, nicht mehr gesehen hat und auch nicht kennt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

In welchem Jahr? Sie haben nur »Oktober« gesagt, Herr Oberscharführer.

 

Angeklagter Klehr:

Oktober 42.

 

Zeuge Hermann Langbein:

42? Soweit ich mich erinnere, war Sauer im Jahr 42 noch kein Blockältester im Block 20, sondern erst wesentlich später. Damals dürfte Blockältester gewesen sein der Bayer Hias Neumeier.

 

Angeklagter Klehr:

Jedenfalls der Blockälteste Hans Sauer sagt im Blatt 13.116 aus, daß er Blockältester im Block 20 gewesen war und mich nicht kennt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Er war sicherlich Blockältester, nur war er zu einem späteren Zeitpunkt Blockältester. Und da ist die Möglichkeit, daß er Sie nicht gekannt hat.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, wenn er Blockältester denn ist, dann muß der mich ja gekannt haben, Herr Zeuge.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein. Wenn er Blockältester zu einer Zeit war, als Sie Chef der Desinfektoren waren, muß er Sie nicht unbedingt gekannt haben.

 

Angeklagter Klehr:

Nein, das kann nicht stimmen, weil er ja in der anderen Sache auch schon aussagt.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Bitte?

 

Angeklagter Klehr:

Weil er ja in einer anderen Sache auch schon von uns welche anschuldigt, indem er schon Blockältester gewesen war.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, also im Oktober 42 war Sauer ganz bestimmt kein Blockältester auf Block 20.

 

Angeklagter Klehr:

Ja dann, ich streite mich nicht, ob der es war. Aber jedenfalls sagt der, daß er mich als SDG im Stammlager nicht mehr kennt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann ja stimmen. Der ist offensichtlich nach Ihnen gekommen, Herr Klehr.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, und ich bin aber 42 im Sommer abgelöst worden durch den Oberscharführer Scherpe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagen Sie.

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Ab welchem Monat, ob das Juni oder August war, das kann ich natürlich nicht festlegen. Aber ich bin sofort

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das haben Sie uns doch schon alles gesagt.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Vorsitzender, als der Standortarzt nach Auschwitz kam, bin ich sofort mit der Desinfektion beauftragt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben uns das schon gesagt. Der Zeuge hat uns was anderes gesagt. Wir haben ihm bereits vorgehalten, daß Sie auf einem anderen Standpunkt stehen. Der Zeuge bleibt dabei, daß Sie Ende 42 bestimmt noch dort waren, daß Sie insbesondere noch dort waren, wie er an Typhus erkrankt gewesen ist.

 

Angeklagter Klehr:

Das kann ja möglich sein, das war im August.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein, das war Mitte Oktober.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war Mitte Oktober

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Das kann ja nicht stimmen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sagt er, weiß er es bestimmt noch. Und er schätzt, daß Sie sogar noch dageblieben sind bis zum Frühjahr 43.

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, darf ich Ihnen vielleicht mal das hier vorlegen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja. Ist das wieder Ihre Schilderung vom Doktor Kremer?

 

Angeklagter Klehr:

Der gibt hier an, am soundsovielten [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Das Tagebuch vom Doktor Kremer, ja?

 

Angeklagter Klehr:

Genau.

 

Vorsitzender Richter:

Und da wollen Sie was draus vorgelesen haben?

 

Angeklagter Klehr:

Da gibt er doch an, am 3. Oktober

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»3. Oktober 42: In Auschwitz liegen ganze Straßenzüge am Typhus danieder.“

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt mit dem überein, was uns der Herr Langbein eben gesagt hat, nicht. »Obersturmführer Schwarz an Fleckfieber erkrankt.« Weiter, jetzt, was wollen Sie noch?

 

Angeklagter Klehr:

10. Oktober.

 

Vorsitzender Richter:

Am 10. Oktober: »Lagersperre geht weiter.« Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Jawohl. Am 12. Oktober war die Schutzimpfung.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, da ist gar nichts eingetragen. Am 11. Oktober: »Heute Sonntag, Hasenbraten und dicke Keule.“

 

Angeklagter Klehr:

Dann ist es woanders eingetragen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann am 13. Oktober: »Strafvollzug«, 14. Oktober, 15. Oktober: »Heute Nacht ist draußen der erste Reif gefallen.« 17. Oktober: »Bei einem Strafvollzug«21 und so weiter. Sonst weiß ich nichts darauf, und ich weiß nicht, was Sie damit beweisen wollen, Herr

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Ja, was ich will damit beweisen, Herr Direktor. Zu dieser Zeit, wo es hier heißt: »Lagersperre geht weiter«, habe ich die Desinfektion schon [unverständlich].

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagen Sie uns. Das haben Sie uns das letzte Mal schon gesagt. Der Zeuge hat doch hier etwas anderes bekundet.

 

Angeklagter Klehr:

Ja, das kann ich ja nicht wissen, was der [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, na eben, schön.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Weil der Herr Oberscharführer Klehr jetzt Kremer ins Gespräch gebracht hat, darf ich sagen, daß ich beim Kremer-Prozeß in Münster22 dabei war, im November 60, wo auch Klehr als Zeuge gesprochen hat. Und dort hat Kremer bekundet, daß Klehr SDG war zu der Zeit, da er Entress als Lagerarzt im Stammlager vertreten hat. Das hat Kremer

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo er, der Kremer, den Doktor Entress vertreten hat. Und wann war das?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Das müßte aus dem Tagebuch, das Datum, genau zu fixieren sein, jedenfalls im Herbst 42.

 

Vorsitzender Richter:

Und kurz und gut, Sie waren damals selbst am Typhus erkrankt. Und das war im Oktober, und Sie wissen, daß er in Ihre Stube gekommen ist, nicht?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Zweifellos.[...]

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich muß da widersprechen. Ich bin in Münster gewesen bei dem Prozeß. Da wurde der Doktor Kremer gefragt von dem Richter, dem Vorsitzenden, ob er mich kennt. Ich habe in unmittelbarer Nähe von dem Doktor Kremer gestanden, so gestanden, da wurde der gefragt, ob er mich kennt. Da hat der Doktor Kremer nein gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Richter Perseke:

Aber im Tagebuch ist Ihr Name verzeichnet, in Klammern.23

 

Vorsitzender Richter:

Beim Doktor Kremer.

 

Angeklagter Klehr:

Aber [unverständlich] hat der den Doktor Kremer gefragt, ob er mich kennt.

 

Richter Perseke:

Aber den Namen hat er gesagt

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

[unverständlich] ein anderer, aber mindestens eins bis zwei Stunden stand ich doch da.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Nach 20 Jahren verändern sich die Menschen, da hat er Sie vielleicht nicht wiedererkannt. Jedenfalls in seinem Tagebuch, was er damals geschrieben hat, hat er Ihren Namen in Klammer erwähnt.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ein Professor muß ja schließlich ein bißchen Köpfchen haben, daß er einen Menschen kennt, wenn er

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So, ich glaube, die Diskussion darüber brauchen wir nicht fortzusetzen. Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind, ist der Zeuge zu beeidigen.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] Wollte noch was fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer? Noch was fragen?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Langbein, Sie haben doch bei den »Auschwitz-Heften« mitgearbeitet [unverständlich]

 

Zeuge Hermann Langbein:

Redigiert, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dieses Bunkerbuch, das ist Ihnen geläufig?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wären Sie in der Lage, anhand des Bunkerbuchs etwa den einen oder anderen von den sechs zu bezeichnen mit Namen, die der Boger da rausgeholt hat?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Nein.[...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön [unverständlich]

 

Zeuge Hermann Langbein:

Darf ich noch etwas sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich habe das Bedürfnis, bevor ich hier den Sessel verlasse, etwas zu sagen auch zu meiner Tätigkeit im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Prozesses. Ich habe mehrere Dokumente und Aussagen und Zeugenadressen geliefert dem Gericht, um den Prozeßverlauf zu erleichtern. Ich möchte hier folgendes sagen: Ich tat das deswegen, weil ich die Verpflichtung als Überlebender von Auschwitz, der gesund geblieben ist, geistig und körperlich, fühle, alles, was in meiner Kraft steht, zu tun, damit sich ein Auschwitz unter keinem Vorzeichen und in keinem Land wiederholt. Und ein Teil davon ist meiner Überzeugung nach auch diese Tätigkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie bezüglich Ihrer Aussage noch irgend etwas richtigstellen oder ergänzen? Ist das, was Sie gesagt haben, die reine Wahrheit?

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben. Heben Sie bitte die rechte Hand und sprechen Sie mir nach: Ich schwöre es.

 

Zeuge Hermann Langbein:

Ich schwöre es.

 

Vorsitzender Richter:

So wahr mir Gott helfe.

 

Zeuge Hermann Langbein:

So wahr mir Gott helfe.

 

Vorsitzender Richter:

Ich danke schön. Gegen die Entlassung des Zeugen ist nichts einzuwenden? Sie sind damit entlassen.

 

– Schnitt –

 

1. Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, Amt D III: Sanitätswesen und Lagerhygiene.

2. Klehr wurde das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern verliehen. Vgl. Kommandanturbefehl Nr. 8/43 vom 20. April 1943, in: Standort- und Kommandanturbefehle, S. 249-254.

3. Die Kommissionen, die die Selektionen in Block 11, die »Bunkerentleerungen«, vornahmen, setzten sich in der Regel aus dem Schutzhaftlagerführer, dem Rapportführer sowie Angehörigen der Politischen Abteilung zusammen. Siehe Franciszek Brol u. a., »Das Bunkerbuch«, in: Hefte von Auschwitz 1, 1959, S. 20.

4. Gemeint ist das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, Amtsgruppe D: Konzentrationslager, mit Sitz in Oranienburg.

5. Gemeint ist das Reichssicherheitshauptamt, Amt IV: Gestapo, mit Sitz in Berlin.

6. Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, Amtsgruppe D: Konzentrationslager.

7. Gemeint ist das Reichssicherheitshauptamt, Amt IV: Gestapo, mit Sitz in Berlin.

8. Prozeß gegen Liebehenschel u. a. vor dem Obersten Nationalgerichtshof in Kraków, 25.11.1947-22.12.1947.

9. Am 13. und 16. Dezember 1942 kamen Transporte aus Zamość in Auschwitz an. Vgl. Hefte von Auschwitz 3, 1960, S. 107 f. und Czech, Kalendarium, S. 358, 361.

10. Am 23.02.1943 wurden die Kinder aus Zamość durch Phenolinjektionen getötet. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 420f.

11. Vgl. richterliche Vernehmung vom 18./19.06.1962 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.711.

12. Gemeint ist der Häftlingsarzt Stefan Budziaszek, der sich nach 1945 Buthner nannte.

13. Vgl. richterliche Vernehmung vom 18./19.06.1962 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.711.

14. Am 13. und 16. Dezember 1942 kamen Transporte aus Zamość an. Vgl. Hefte von Auschwitz 3, 1960, S. 107 f. und Czech, Kalendarium, S. 358, 361.

15. Dokumente mit der Sigle NI (Nazi Industry), die im Nürnberger Prozeß gegen die sogenannten Hauptkriegsverbrecher und in den zwölf Nachfolgeprozessen als Beweismittel dienten.

16. Vgl. Standortbefehl Nr. 14/44 vom 8. Mai 1944, in: Standort- und Kommandanturbefehle, S. 445 f.

17. Vgl. Standortbefehl Nr. 15/44 vom 11. Mai 1944, in: Standort- und Kommandanturbefehle, S. 446 f.

18. Vgl. Standortbefehl Nr. 20/44 vom 29. Juli 1944, in: Standort- und Kommandanturbefehle, S. 475 f.

19. Vgl. richterliche Vernehmung vom 18./19.06.1962 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.711.

20. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 23.07.1962 in Wien, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 70, Bl. 13.115-13.120.

21. Zitate aus dem Tagebuch von Johann Paul Kremer, in: Auschwitz in den Augen der SS, S. 219.

22. Vgl. das Urteil im Prozeß gegen Kremer, in: Justiz und NS-Verbrechen, Bd. XVII, S. 1-50.

23. Vgl. das Tagebuch von Johann Paul Kremer, in: Auschwitz in den Augen der SS, S. 222.

 

 
 
 
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