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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

80. Verhandlungstag, 21.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Hersz Kugelmann

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kugelmann, Sie sollen hier als Zeuge vernommen werden. Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Kugelmann, ich muß Sie meiner Pflicht gemäß auf die Bedeutung und Wichtigkeit des Eides aufmerksam machen und Sie vor den Strafen des Meineids verwarnen. Halten Sie sich bei Ihrer Aussage in allen Teilen unbedingt an die Wahrheit. Ihr Eid bezieht sich auch auf die Angaben über Ihre Person. [Pause] Sollten Sie uns etwas sagen, was Sie nicht selbst gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben, dann, bitte, fügen Sie uns jeweils hinzu, daß Sie diese Kenntnis vom Hörensagen haben. Herr Kugelmann, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Hersz.

 

Vorsitzender Richter:

Hersz. Geschrieben R-S-Z?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind wie alt?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

5.1.12 geboren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und da sind Sie nun?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

52.

 

Vorsitzender Richter:

52 Jahre alt. Sie sind verheiratet?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Kaufmann.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Frankfurt am Main.

 

Vorsitzender Richter:

Frankfurt. Sind nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kugelmann, um Ihr Leben bis zur Einweisung nach Auschwitz kurz zu rekapitulieren: Sie sind in [Bendsburg] in Oberschlesien geboren, haben dort die Volksschule und das Gymnasium besucht, kamen dann in die väterliche Lehre und haben zunächst in dem Schuhgeschäft Ihres Vaters gearbeitet, bis Sie sich im Jahr 1934 selbständig gemacht haben.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

1939 wurde das Geschäft beschlagnahmt und von einem Treuhänder übernommen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben trotzdem in dem Geschäft weitergearbeitet bis 1943.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden im Jahr 43 verhaftet. Wissen Sie, wann das ungefähr war?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Anfang August. [...] Höchstwahrscheinlich am 2. August.

 

Vorsitzender Richter:

Höchstwahrscheinlich am 2. August. Und warum sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Damals hat man Bendsburg »judenrein« gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Hat alle Juden verhaftet.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Also alle sind auf die Sammelpunkte gebracht worden, um nach Auschwitz gebracht zu werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Die sind schon zwei Tage früher gebracht worden. Die Säuberung hat früher angefangen, aber ich hatte so einen Bunker gebaut, und wir konnten uns noch drei Tage versteckt halten. [...] Wir sind erst, glaube ich, am 2. August verhaftet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben, am 2. August seien Sie verhaftet worden, und sind dann nach Auschwitz gekommen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Birkenau, wenn ich...

 

Vorsitzender Richter:

Birkenau. Und zwar wann sind Sie dort angekommen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Am selben Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Am selben Tag. Sie glauben, es war der 2. August. Und sind dort geblieben bis?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Bis etwa Ende Oktober oder Anfang November 1943.

 

Vorsitzender Richter:

44.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

44. Entschuldigung, ja, ja, 44. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

44. Sie kamen dann nach Oranienburg und schließlich noch nach Allach bei Dachau, wo Sie befreit worden sind.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wie groß war der Transport, mit dem Sie nach Auschwitz gekommen sind, ungefähr?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Na, es war ein voller...

 

Vorsitzender Richter:

Ein voller Zug?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ein voller Güterwagenzug. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal geschätzt, ungefähr, wieviel das sein konnten? Über 1.000?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Wir wissen nur, daß von meinem Bunker, den ich gebaut hatte – denn ich hatte die Möglichkeit, den Bunker auszubauen durch die Beziehungen von der Schuhfabrik, in der ich als Arbeiter drin gearbeitet hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Da war unsere ganze Familie. [Pause] Entschuldigung.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, Herr Zeuge, Sie wissen also nicht – und das kann Ihnen auch niemand übelnehmen –, wie viele Menschen da in diesem Zug angekommen sind.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, aber in unserem Bunker waren 52 Personen.

 

Vorsitzender Richter:

52. Nun, ich kann wohl annehmen, daß es mehr als 1.000 Menschen waren, die in diesem Zug transportiert worden sind.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das ist bestimmt anzunehmen sogar.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist bestimmt anzunehmen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

In unserem Waggon werden gewesen sein etwa 400, 350. In dem Waggon ist [das Kind] von meiner Schwägerin erstickt, so waren wir zusammengepfercht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, also ich glaube, trotzdem dürfte Ihre Schätzung ein bißchen zu hoch sein.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Zu hoch? Aber es war ein enorm langer Zug, und auf der Rampe in Auschwitz, da ging es die ganze Länge bis fast – wenn man das übersehen konnte – einen Kilometer lang.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, als Sie nun ankamen – Sie sagten eben, auf der Rampe –, war das die Rampe in Birkenau?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Als der Zug hielt, wer hat die Waggons geöffnet? Wissen Sie es? Waren es SS-Leute, oder waren es Häftlinge?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie aufgefordert auszusteigen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das waren SS-Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Das waren SS-Leute.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben Sie also herausgetrieben aus dem Zug. Und was geschah nun?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nun, nachher sind wir [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, jetzt mal Schritt für Schritt, nicht. Zunächst steigen Sie aus. Haben Sie Ihr Gepäck zurückgelassen? In dem Waggon?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, es war nur Handgepäck, das haben die meisten mitgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Mitgenommen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Also wer das konnte. Wer Kinder hatte und hat keine Hand freigehabt, der hat eben das Gepäck liegenlassen. Und manche waren krank. Also unterwegs – obzwar [+ es] von Bendsburg nach Auschwitz [+ nur] vielleicht 35 Kilometer oder 55 [waren], jedenfalls, die Fahrt hat nicht allzu lange gedauert. Aber durch das Gedränge, das wir drin hatten, und es war eine sehr pralle Hitze damals, an diesem Augusttag

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind Leute gestorben?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Und da sind Leute ohnmächtig geworden oder gestorben. Einer mußte dem anderen helfen auszusteigen. Und die Frauen und Kinder sind separiert worden, und die Männer sind separiert worden. Und wenn eine Frau ein Kind an der Hand hatte, ist [+ sie] auch an einer gesonderten Stelle gesammelt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das interessiert uns jetzt ganz besonders: Als Sie nun den Waggon verlassen haben, hat man Sie da aufgefordert, Frauen und Kinder besonders zu treten und Männer besonders zu treten?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das haben die geschrien durch Lautsprecher. Und wir sind so getrieben worden, das hat sich so...

 

Vorsitzender Richter:

Formiert.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Formiert, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar so, daß Frauen und Kinder auf der einen Seite und Männer auf der anderen Seite waren. War das so?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagten Sie eben, es waren schwächliche und kranke Leute dabei. Wer hat denn nun bestimmt, daß zum Beispiel schwächliche und kranke Männer auch auf die linke Seite gehen mußten?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ein SS-Mann. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wer das war, haben Sie auch später nicht erfahren?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Gehört haben wir dann, daß uns Doktor Mengele selektiert hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das haben Sie später gehört, denn Sie kannten ihn ja nicht.

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Das haben wir später gehört. Ich kannte den Herrn nicht. Nur gehört hat man.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War ja auch unmöglich, ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Später haben Sie gehört, es wäre der Doktor Mengele gewesen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sind damals zu der Gruppe gekommen, die ins Lager kommen sollte.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihre Familie?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Meine Frau ist auch ins Lager gekommen und die Schwägerin. Und die restlichen von den 52 sind alle ins Gas gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren auch Kinder dabei?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, meine zwei.

 

Vorsitzender Richter:

Zwei Kinder. Wie alt waren die Kinder?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

[Pause] 35 und 38 geboren.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, Herr Zeuge, nachdem Sie nun da ins Lager geschickt wurden, sind Sie da erst in ein Quarantänelager gekommen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja. Das erste Lager von Birkenau, also von dem Rand aus gesehen das erste.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie noch, ob das den Buchstaben a hatte?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

A.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Quarantänelager mit dem Buchstaben a. Wie lange waren Sie da ungefähr?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Etwa sechs Wochen, höchstwahrscheinlich, oder fünf Wochen, also nicht allzu lange.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht allzu lange. Und wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ins Lager c.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Lager c. Und zwar in welchen Block?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

In Block 9 bin ich als Aufnahmeblock gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und waren Sie dort längere Zeit, oder sind Sie dort wieder...

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

In Block 9 war ich nicht allzu lange. Etwa bis zu der Entlausung, Anfang Januar höchstwahrscheinlich oder Dezember. Und dann bin ich in die Schuhmacherei gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

In die Schuhmacherei.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war die?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

In Block 24.

 

Vorsitzender Richter:

Auch im Lager c?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Auch im Lager c, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im Block 24?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ich glaube, 24.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie wollen, können Sie sich es an der Karte ansehen. Sie können hingehen. Sie sehen unten a, b, c.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, ich sehe es hier auch. Also ich glaube, es war Block 24.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben, es war Block 24.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ich weiß es nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Oder war das der Abschnitt d?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ach, entschuldigen Sie, d, nicht c, überhaupt nicht c.

 

Vorsitzender Richter:

Überhaupt nicht c.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

C war das Tschechenlager.

 

Vorsitzender Richter:

Dachte ich mir.

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

In d waren wir.

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

In d waren Sie.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und im Abschnitt d, wer war denn da Blockführer?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Blockführer haben wir mehrere gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Mehrere. War darunter auch der Angeklagte Baretzki?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kennen Sie seinen Namen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Erstens war er der Schrecken des Lagers. Wenn er auf dem Fahrrad gefahren ist, – er hat so ein bißchen krumme Beine –, und da haben wir gesagt: »Der Krumme da ist schon wieder da.« Und ich persönlich habe von ihm Schläge und Tritte bekommen, und deswegen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, nun kann ich mir nicht vorstellen, daß er dabei Ihnen seinen Namen genannt hat.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, aber die Leute wußten es. Alle wußten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber die Leute haben es gesagt: »Das ist der Baretzki.« Hatte der, wie Sie eben uns sagten, einen schlechten Ruf?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal gesehen, daß er auch Leute totgeschlagen hat?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das kann ich nicht behaupten, weil ich nicht im Lager war in der Zeit, wo wir gearbeitet haben. Also zu uns ist er gekommen kurz vor dem Appell, wo wir vom Kommando zurückgekommen sind. Und immer war er so ein bißchen unter Alkoholgenuß, und da hat er wahllos Leute rausgenommen. Also der Fall, was mit mir war...

 

Vorsitzender Richter:

Na, erzählen Sie mal den Fall, der sich mit Ihnen abgespielt hat.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Er ist an den Block gekommen, hat mich und noch ein paar Leute genommen, um »Sport« zu machen. Grund [+ war] keiner, nur ein bißchen aus der Laune raus. Und die Kommandos, die er gegeben hat, waren nicht möglich einzuhalten: »Aufstehen!« »Hinlegen!« »Laufen!« »Aufstehen!«– das ist nur so rausgesprochen worden, und menschlich war das nicht möglich. Und damit er einen Grund haben kann, hat er geschlagen und hat mich mit dem Stiefel da [+ getreten]. Ich habe noch hier eine Wunde im...

 

Vorsitzender Richter:

Rücken.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Am Körper von seinen Stiefeltritten, die ich bekommen habe nach dem Schlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, Sie sagten, Sie sind vom Kommando zurückgekommen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben doch in der Schuhmacherei gearbeitet.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nachher.

 

Vorsitzender Richter:

Nachher.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das war vorher.

 

Vorsitzender Richter:

Das war vorher.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Von der Schuhmacherei dann sind wir zum Appell gegangen unmittelbar nach dem...

 

Vorsitzender Richter:

Nach der Arbeit.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Wir sind von der Arbeit befreit worden, wenn der Gong war zum Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Wenn wir auf einem Außenkommando waren, sind wir reingekommen, haben uns formiert vor unseren Blöcken und gewartet, bis der Appell gekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wo waren Sie damals beschäftigt, wie Sie noch nicht in der Schuhmacherei waren und wie Ihnen das passiert ist?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Die Kommandos, wie die hießen? Also eines hieß Schilfkommando, am Wasser haben wir gearbeitet und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Schilf rausgefischt.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Rausgerissen. Und nachher waren wir...

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, es kommt so genau nicht drauf an. Jedenfalls von einem solchen Kommando kamen Sie zurück.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie ungefähr, wann das war?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Herr Richter, das kann ich nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sind hingekommen im August 43, Sie waren dann erst in dem a-Lager

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Und dann in d.

 

Vorsitzender Richter:

In Quarantäne, und zwar vier bis sechs Wochen, und sind im November 43 in die Schuhmacherei gekommen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So muß es also gewesen sein zwischen dem November 43 und Ihrer Ankunft dort, nämlich im August 43.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Also in dieser Zeit. Aber wann in der Schuhmacherei der Feststellungstermin [+ gewesen ist] – das kann ich nicht [+ sagen]. Ich nehme an, daß es Ende 43 gewesen ist, wo ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im Jahr 1960 haben Sie bei Ihrer Vernehmung in Frankfurt gesagt: »Etwa ab November 1943 habe ich in der Schuhmacherei gearbeitet.«1

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, das sage ich doch eben.

 

Vorsitzender Richter:

Das kann stimmen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Es kann November sein, also Ende 43.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwischendurch spielte sich das ab, wo Sie da vom Kommando zurückkamen, wo er sie da hat »Sport« machen lassen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Leute waren ungefähr in diesem Kommando, mit dem Sie zurückkamen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Einige Hundert.

 

Vorsitzender Richter:

Einige Hundert.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Meistens waren das 100- und 200-Mann-Kommandos.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Und wir sind draußen aufgeteilt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Also rausmarschiert, das sind...

 

Vorsitzender Richter:

Einige Hundert.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, so manches Mal sogar 1.000 Mann und mehr. Aber dort unterwegs sind wir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und mit denen kamen Sie zurück ins Lager wieder zusammen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

So daß das also

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Die Hundertschaft, die ausgerückt ist, kam auch wieder herein.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ausgerückt ist, kam auch wieder herein. Und

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Mit demselben Kapo und SS-Leuten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und von dieser Hundertschaft, da hat er sich einige herausgeholt, oder?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, das muß nicht von dieser Hundertschaft gewesen sein, denn wir sind von ihm geholt worden vor unserem Block.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt »wir«?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ich und noch ein paar Leute mit mir zusammen, ich war nicht alleine bei dem »Sportmachen«.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben bereits vor Ihrem Block zum Appell angetreten gestanden?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, ja. Wir standen dort.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da hat er Sie herausgeholt?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kam er dazu?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Also unser Pech. Heute hat er die genommen, morgen hat er die anderen genommen, wie er gerade Lust hatte.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zu wieviel standen Sie denn da angetreten vor dem Block? Ich meine, waren es 100 oder 1.000 oder 20 oder 30?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, nein. Das waren so kleinere Gruppen, 50 Mann, 30 Mann, 20 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das war noch nicht angetreten zum Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Also da stand alles ringsherum um den Block.

 

Vorsitzender Richter:

Und hat er da die gesamten 50 oder 30

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Hat nur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nur einzelne?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

»Komm!« »Komm!« »Komm!« Wer ihm grade gefallen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da hat er Sie herausgerufen. Und wo hat er Sie dann hingeführt?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Vorm Block

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorm Block?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Herum.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Hof da.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

In der Straße. Das war kein Hof.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Straße.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das war eine Straße.

 

Vorsitzender Richter:

Lagerstraße.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, eine Lagerstraße.

 

Vorsitzender Richter:

Und da hat er Sie aufstehen und hinlegen lassen und laufen lassen und hat Sie gehetzt, daß Sie sagten, so schnell konnten wir es gar nicht tun, wie das befohlen war.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Und der war noch ein bißchen ein Stotterer, und da hat er sich noch mehr beeilt, daß er das...

 

Vorsitzender Richter:

Herausbrachte. Nun, hat er einen Stock in der Hand gehabt oder irgend etwas zum Schlagen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, einen Kreuzhaken, also einen Stiel von einem

 

– Schnitt –

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

und hat getreten.

 

Vorsitzender Richter:

Hat getreten nach Ihnen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das war seine...

 

Vorsitzender Richter:

Hauptbelustigung. Nun, sagen Sie, ist auch ein Mensch dabei liegengeblieben?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Liegengeblieben an Ort und Stelle sind wir alle. Nachher sind wir aufgekrabbelt, oder die anderen Mithäftlinge sind gekommen, und sind reingebracht worden in den Block. Und da haben wir kalte Umschläge bekommen von unseren Mithäftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Häftlingen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Häftlingen, je nachdem. Jeder hat doch seinen Kreis gehabt, Bekannte oder von derselben Stadt. Und ich weiß nicht, wieviel man prozentual nehmen kann, aber mindestens ein Drittel: Wenn er Pech gehabt hat und hat auf die Nieren bekommen, da war er...

 

Vorsitzender Richter:

Für Tage.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Kurz oder lang war er fertig. Denn wenn er in den KB gekommen ist, da sind nur die wenigsten wieder zurückgekommen. Das ist der Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie sagen, an Ort und Stelle haben Sie nicht beobachtet, daß einer gestorben ist.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Von meiner Seite, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Aber Sie sagten, es waren Leute dabei, die so schwer angeschlagen waren, daß sie in den Krankenbau kommen mußten und sie...

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Von dort haben wir die nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben sie nicht mehr gesehen. [Pause] Haben Sie auch einmal gesehen, daß Baretzki einen Menschen in einen Löschteich gestoßen hat, in ein Wasserbecken?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie das überhaupt mal gesehen, daß Leute da ins Wasser gestoßen worden sind?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Bei unserem Kommando nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. [Pause] Ist noch eine Frage von seiten des Gerichts? Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Kugelmann, haben Sie den Namen dieses Blockführers Baretzki mal geschrieben gesehen dort in Birkenau, etwa auf der Blockführerstube?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein. Dort sind wir gar nicht hingekommen. Meistens haben die Kosenamen gehabt und dazu die Namen von den

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Auf einem Dienstplan vielleicht?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, zum Dienstplan sind wir gar nicht gekommen.

 

Richter Hotz:

Haben Sie nicht gesehen. Danke schön.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Wir haben nur den Namen Baretzki, denn so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hier ist noch eine Frage vom Gericht? Nein? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, die Häftlingsnummer.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

133.619.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie waren vorher im Ghetto gewesen, in Bendsburg?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

In Bendsburg, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und das hieß polnisch Będzin.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Będzin, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Będzin, ja. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Kugelmann, hatten Sie eine Vorstellung davon, woher der Baretzki stammte?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Bei uns hat es geheißen im Lager, er wäre ein Rumäne.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Haben Sie eine Vorstellung damals gehabt, wie alt er war?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Damals müßte er gewesen sein 24, so einige 20 Jahre.

 

Staatsanwalt Kügler:

Einige 20. Ist dieser Umstand, daß er aus Rumänien stammen soll, nur erzählt worden? Oder gab es dafür noch andere Anhaltspunkte?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das weiß ich nicht, wie das zu der Bezeichnung »Rumäne«[+ gekommen ist]. Denn meist

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Haben Sie ihn sprechen hören?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Schreien, sprechen kaum. Immer nur schreien.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie an der Sprache etwas Auffälliges gefunden?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, die war nicht so sauber, und er hat ein bißchen gestottert. Also manche haben ihn »den Stotterer« gerufen oder »den Krummen«, er hat so krumme Beine ein bißchen gehabt. Sie wissen, unter den Häftlingen hat jeder seinen Namen gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. [...] Können Sie das Stottern etwas beschreiben, Herr Kugelmann?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das ein sehr starkes Stottern oder

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Ach nein, nein, nein. Nehme ich nicht an.

 

Staatsanwalt Kügler:

War es vielleicht darauf zurückzuführen, daß er Schwierigkeiten hatte, deutsch zu sprechen? Oder meinen Sie, daß es ein organischer Fehler war, das Stottern?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Das weiß ich nicht. Also sprechen habe ich ihn, glaube ich, wie ein normaler Mensch spricht, kaum gehört. [...] Also als Blockführer oder als Kommandoführer habe ich ihn nie gehabt. Gott sei Dank, daß er nicht da war bei uns.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Aber er war immer auf dem Lager, und wenn er jemand dort geschnappt hat, der war fertig. Also da hat der nur rumgebrüllt und

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sie haben ihn praktisch nur brüllen hören, wollen Sie sagen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke, keine Fragen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wollen Sie sich mal dieses Bild ansehen, und wollen Sie uns mal sagen, ob Sie jemanden auf diesem Bild

 

Verteidiger Joschko [unterbricht]:

Bevor Sie das Bild dem Zeugen vorlegen, ja, vielleicht besteht die Möglichkeit, soweit Sie noch andere Fotos haben, mehrere Fotos vorzulegen, und ihn dann zu fragen, auf welchem Bild er ihn erkennen würde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wen denn?

 

Verteidiger Joschko:

Ja, Sie wollen doch fragen, ob es Baretzki ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Ich wollte ihn fragen, ob er auf diesem Bild irgendeinen Menschen erkennt. Bitte schön.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

[Pause] Also das müßte an und für sich der Baretzki [+ sein], der ganz rechts steht, unten, mit dem Stock in der linken Hand. [Pause] Aber das Bild ist sehr schlecht, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Also genau können Sie es nicht erkennen.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen aber, der, der ganz rechts stünde, mit dem Stock in der linken Hand, der sehe ihm am

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Ja, am ähnlichsten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Am ähnlichsten. Haben Sie den Baretzki noch mal gesehen nach dieser Zeit?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Überhaupt nicht mehr?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie Bilder

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ab welcher Zeit meinen Sie?

 

Vorsitzender Richter:

Seit dieser Auschwitz-Zeit.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein. Überhaupt nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich meine, daß Ihnen der Mann vielleicht bei Ihrer Vernehmung gegenübergestellt worden ist?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, nein, auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. Haben Sie einmal in der Zeitung Bilder gesehen von

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder sonst Bilder gesehen von Baretzki?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Gar nicht mehr in der Zwischenzeit?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann bitte ich doch die Angeklagten, mal aufzustehen und das Licht umzuschalten. Und jetzt stehen Sie ruhig mal auf, Herr Zeuge, und gehen Sie mal von einem zum anderen. Gehen Sie ruhig hin, gehen Sie ruhig hin, und gehen Sie von einem zum anderen hin, und sehen Sie sich ihn an.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

[Pause] Ich glaube, daß er es ist.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie mal auf ihn zugehen und genau deuten, damit wir wissen, wen Sie meinen?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

[unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Das müßte er sein? Ja. Dann nehmen Sie wieder Platz. Er ist es tatsächlich. [Pause] Ich habe keine Frage mehr. Herr Staatsanwalt, hatten Sie noch eine Frage? Herr Rechtsanwalt Raabe? Strodt? Der Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja. Herr Zeuge, der Herr Staatsanwalt versuchte von Ihnen zu wissen, wie das Stottern war. Verstanden Sie denn unter Stottern das, was man normalerweise darunter versteht?

 

Staatsanwalt Kügler:

Die Frage ist beantwortet, Herr Vorsitzender. Wir haben uns da ausführlich drüber unterhalten.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Er hat gesagt, der Zeuge hat gesagt

 

Zeuge Hersz Kugelmann [unterbricht]:

Moment, ich kann doch das

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich habe ihn nie lange sprechen hören. Ich habe ihn immer nur erlebt, wenn er rumgeschrien hat.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

[unverständlich] rumschreien

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ich frage den Zeugen, ob Sie unter Stottern das verstehen, was man landläufig unter Stottern versteht. Daß jemand drei Worte spricht und dann eine Zeitlang aussetzt.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein, nein, das Aussetzen, aber nicht so lange, aber so, sagen wir, so

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Ja, ja, das. Gut, danke, es reicht mir.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Aber nicht als Stottern, sondern eine kleine Pause da rein. Und deswegen

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Danke, ja, ja, ja. Ich habe nur noch eine Frage. Bei Ihrer Vernehmung, Herr Zeuge, oder in dem Vernehmungsprotokoll, da steht auf Blatt 4.429 der Name Baretzki und hinter dem Namen Baretzki ein Fragezeichen. Wissen Sie heute noch, wie dieses Fragezeichen zustande gekommen ist?2

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ich weiß nicht. Es kann möglich sein, daß die mich gefragt haben, wie der geschrieben wird, und ich habe gesagt, ich weiß nicht. Denn ich habe ihn nicht geschrieben gesehen, sondern ich habe nur den Namen Baretzki gewußt, daß es Baretzki ist.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat ihn nur phonetisch so gehört.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, ich habe keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Haben Sie noch einen anderen SS- Mann gekannt, der so ähnlich hieß wie Baretzki?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht gekannt. Baretzki selbst, wollen Sie etwas erklären?

 

Angeklagter Baretzki:

Ich kann nur sagen, das habe ich nicht getan, Herr Vorsitzender. Daß ich Leute geschlagen habe mit dem Stil, das ist nicht wahr. Das trifft nicht zu. Der Mann sagt, ich sei unter Alkohol gestanden. Ich habe noch nie Schnaps getrunken, in Auschwitz überhaupt keinen Schnaps getrunken.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gar keinen Schnaps getrunken?

 

Angeklagter Baretzki:

In Auschwitz keinen. Ich habe nach dem Krieg auch keinen Schnaps getrunken, nur Bier. Aber Schnaps habe ich niemals getrunken.

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Wir haben auch keine Blutprobe von ihm gemacht, nur gerochen hat er wie zehn Brauereien zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wenn keine Frage mehr ist, Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Hersz Kugelmann:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 26.02.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 26, Bl. 4.428.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 26.02.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 26, Bl. 4.429.

 

 
 
 
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