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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

73. Verhandlungstag, 3.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Otto Küsel

 

Vorsitzender Richter:

Sie wurden also dann zurückgebracht, kamen zunächst in den Bunker, Block 11.

 

Zeuge Otto Küsel:

Block 11, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das? 42?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nee, 43 erst, im September so ungefähr.1

 

Vorsitzender Richter:

September 43. Und am nächsten Tag wurden Sie vernommen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Wurde ich vernommen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Otto Küsel:

Von Grabner. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Leiter der Dienststelle?

 

Zeuge Otto Küsel:

Das war der Leiter der Dienststelle, ja. Von dem wurde ich vernommen.

 

Vorsitzender Richter:

Über Ihre Flucht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Über die Flucht, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sind Sie denn bei dieser Vernehmung behandelt worden? Sind Sie da geschlagen worden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, sicher. Bin schon geschlagen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, sehr sogar.

 

Vorsitzender Richter:

War da außer dem Grabner noch ein anderer dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, da waren mehrere dabei noch. Da waren noch welche dabei, die ich nicht kannte. Die Namen sind mir auch entfallen.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie Broad? [...]

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, der ist mir nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

War Dylewski dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Dylewski war nicht dabei, diesmal.

 

Vorsitzender Richter:

Diesmal nicht dabei. War Lachmann dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Lachmann auch nicht. Der hat mich später noch alleine vernommen, der Lachmann, im Block unten.

 

Vorsitzender Richter:

Und war Boger dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Boger? Ich könnte es nicht mit Genauigkeit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man Sie auch auf die sogenannte Schaukel gebunden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, hat man nicht gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat man nicht gemacht. [...] Und was wollte man denn von Ihnen wissen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Man wollte wissen, wo diese anderen drei Häftlinge sind.

 

Vorsitzender Richter:

Konnten Sie das nicht sagen, oder wollten Sie das nicht sagen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na ja, ich wollte es nicht sagen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und man hat Sie also geschlagen damals, sagten Sie?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben es trotzdem nicht gesagt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nicht gesagt, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie ging es denn dann nun weiter?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, ich weiß nicht mehr. Mit dem Schubkarren wurde ich dann reingefahren ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Lager, das heißt wieder auf Block 11, oder?

 

Zeuge Otto Küsel:

Wieder auf Block 11 zurück, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und weiter?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, als ich wieder zu mir gekommen bin, blieb ich da auf dem Block 11 dann.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man Sie auch aufgehängt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Aufgehängt nicht, nein.

 

Vorsitzender Richter:

An den Armen so, nein?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein. Strafweise wurde ich mal aufgehängt an den Armen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber nicht bei dieser Gelegenheit?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nicht bei dieser Gelegenheit, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun kamen Sie also wieder in Block 11, und dann?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, da blieben wir eine ganze Zeitlang, im Block 11

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was heißt »wir«? Waren noch mehr dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, da waren mehrere.

 

Vorsitzender Richter:

Die mit Ihnen geflohen waren?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nicht geflohen, aber wir saßen dann zusammen in einer Zelle im Dunkelarrest da unten. [...] Und von diesen Zellen wurden täglich welche rausgeholt zum Erschießen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn das gemacht, das Rausholen zum Erschießen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, da ist der Lagerführer mit durchgegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war das?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ob das Hofmann war? Wissen Sie, mit Genauigkeit kann ich es jetzt nicht mehr sagen, weil ich die Leute nicht mehr alle kannte dann später, weil neue da waren, wie ich zurückgekommen bin ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann, können Sie sich an ihn noch erinnern?

 

Zeuge Otto Küsel:

Hofmann, Liebehenschel auch, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Liebehenschel war der Kommandant.

 

Zeuge Otto Küsel:

Der ist dann später gekommen, ja, Liebehenschel.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ob der auf Block 11 war?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, der ist auch durchgegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch durchgegangen.

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Die Zellen durchgegangen, ja, ja. Man konnte sie auch schlecht erkennen immer, weil unsere Zellen dunkel waren, in Dunkelarrest saßen wir dauernd. Diese Leute, die an die Tür kamen, haben nur die Namen aufgerufen, derjenige mußte dann raustreten. Und die wurden dann erschossen im Hof.

 

Vorsitzender Richter:

Wurde der Name oder die Nummer aufgerufen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Name und Nummer.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch von denen, die erschossen worden sind, was denen vorgeworfen worden ist?

 

Zeuge Otto Küsel:

Größtenteils waren es Juden und Polen. Vorgeworfen, das könnte ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Weiß ich nicht. Manche waren Offiziere, waren polnische Offiziere, andere waren wegen Spionage oder sonstiger Sachen, die man denen angehängt hat

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was hat man mit Ihnen gemacht, hat man Sie nicht aufgerufen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, man hat mich nicht aufgerufen. Zu der Zeit ist es besser geworden, wir hatten da einen neuen Lagerführer gekriegt. Unser Kommandant Höß, der ist an demselben Tage, an dem ich gekommen bin, nach Berlin beordert worden. Wenn dieser Kommandant noch dagewesen wäre und der alte Lagerführer, dann wäre ich heute nicht hier. Das weiß ich.2

 

Vorsitzender Richter:

Und wie ging es weiter?

 

Zeuge Otto Küsel:

Wir waren so drei Monate im Block und sind dann später aus diesem Block 11 wieder zurück ins Lager gekommen.3

 

Vorsitzender Richter:

Hat man Sie da noch mehrere Male vernommen zwischendurch?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nur zweimal. Da hat mich der Lachmann vernommen, weil er immer darauf ausgehen wollte – er war der Jüngste von der Politischen Abteilung, ein ganz junger Kerl. Der war da nun ehrgeizig und wollte durchaus wissen, wo diese anderen drei sind. Der hat mich dann privat vernommen, im Zimmer. Und da wurde ich auch wieder geschlagen von dem.

 

Vorsitzender Richter:

Womit hat er Sie geschlagen, mit dem Stock oder mit dem

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

So ein Stück Eisen oder was hatte der. Mit Füßen und allem [+ hat er]mich bearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann, nachdem Sie wieder nichts gesagt hatten, sind Sie eines Tages entlassen worden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Alle sind aus diesem Block rausgekommen dann. Wir sind dann nicht mehr in den Keller gekommen. In der ersten Etage oben war ein Gemeinschaftssaal, in diesen sind wir hochgekommen dann. Und aus diesem Gemeinschaftssaal sind wir dann rausgekommen ins Lager. Eine Woche später ist von diesen Leuten wieder einer geflohen, und aufgrund dessen sind wir alle wieder zurück in diesen Block 11 gekommen. Und vom Block 11 sind wir dann später zusammengestellt worden zum Transport und sind dann nach Flossenbürg gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Aber das war doch erst 44.4

 

Zeuge Otto Küsel:

Das war 44, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie sind doch geflohen, sagten Sie, 42.

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Dezember 42.

 

Vorsitzender Richter:

Das heißt also, das war doch dann immerhin über ein Jahr später, daß Sie nach Flossenbürg gekommen sind.

 

Zeuge Otto Küsel:

Na ja. Bloß in der Zeit war ich ja bis September draußen in Freiheit. Und in dieser anderen Zeit, diese Monate, saßen wir in der Zelle dauernd.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, vor Ihrer Flucht waren Sie wo tätig?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich war im Arbeitsdienst tätig.

 

Vorsitzender Richter:

Im Arbeitsdienst. Und zwar als was?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich hatte die Aufgabe, die Leute beruflich zu erfassen und dann zu den Werkstätten einzuteilen, wenn sie benötigt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Man nannte Sie Schreiber, Lagerschreiber oder so was.

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, Lagerschreiber war wieder ein anderer. Das war der Rapportschreiber. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren das nicht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, ich war das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren bei der Arbeitsdiensteinteilung. Und wer war denn mit Ihnen damals noch zusammen? Wer war denn Führer des Arbeitsdienstes?

 

Zeuge Otto Küsel:

Das war Hössler.

 

Vorsitzender Richter:

War noch ein anderer dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Hössler, Fries, der ist erst später gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Fries, war das der Nachfolger von Hössler?

 

Zeuge Otto Küsel:

Der Fries war der Nachfolger.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war denn außer Ihnen noch als Häftlingsschreiber dort tätig?

 

Zeuge Otto Küsel:

[Pause] Das waren nun alles Polen. Das waren nur Polen, die da waren. Die Namen sind mir schon entfallen, alle.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Ihnen entfallen.

 

Zeuge Otto Küsel:

Vielleicht, wenn Sie sie mir vorlesen können, könnte ich mich daran erinnern, aber...

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie bei Ihrer Inhaftierung oder bei Ihrer Vernehmung irgendwelche Wahrnehmungen gemacht, daß Leute von der Politischen Abteilung auch totgeschlagen worden sind bei den Vernehmungen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Geschehen ist dieses schon, aber ich habe es nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ach so. Sie sind mit den Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, sagen Sie bitte, im allgemeinen sind doch die Leute, die geflohen waren, hinterher erschossen worden.

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl, sind erschossen worden. Nein, meistenteils aufgehängt.

 

Vorsitzender Richter:

Oder aufgehängt worden. Wissen Sie, warum dieses Schicksal Ihnen nicht zuteil geworden ist?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, das weiß ich auch nicht, warum.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Otto Küsel:

Aber in der Zeit ist es besser geworden, wahrscheinlich durch diese Kriegsgeschehnisse. Da wurde sowieso zurückgesteckt in der Zeit. Extra vom Kommandanten oder vom Lagerführer kam da irgend so ein Befehl raus, daß niemand mehr erschossen werden sollte, weil diese Leute alle zur Arbeit oder sonstige Deutsche noch zum Kriegsdienst verwendet werden sollten. Aus dem Grunde wurde damit nachgelassen. Sonst könnte ich mir die Sache nicht erklären.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Oder waren Sie etwa eingeteilt bei der Politischen Abteilung dort als Spitzel? Sie können das

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, das war nicht der Fall?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie noch Leute, die bei der Fahrbereitschaft tätig waren?

 

Zeuge Otto Küsel:

[Pause] Fahrbereitschaft? Nee, könnte ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie nicht, nein. Wissen Sie etwas von dem Adjutanten des Lagers? Wissen Sie, wer das war?

 

Zeuge Otto Küsel:

Weiß ich schon, aber der Name ist mir entfallen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich auf einen Namen Mulka erinnern?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, Mulka ist mir nicht bekannt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich auf einen Namen Höcker erinnern?

 

Zeuge Otto Küsel:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich erinnern an den Namen Kaduk?

 

Zeuge Otto Küsel:

Kaduk, ja, kann ich mich entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn Kaduk?

 

Zeuge Otto Küsel:

Kaduk war erst im Lager als Lagerführer, vielmehr als Blockführer. Und später ist er wohl zur Politischen Abteilung gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Das ist ein Irrtum.

 

Zeuge Otto Küsel:

Dann kenne ich ihn bloß als Blockführer, den Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von ihm? Was hat er für einen Ruf im Lager gehabt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na ja, einen besonderen Ruf hat er nicht gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Unter einem »besonderen Ruf« verstehen Sie einen guten Ruf?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, gut war er nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Gut war der Ruf nicht.

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, nein, nein. Eher das Gegenteil.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas von ihm, ob er Leute mißhandelt oder totgeschlagen hat?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, geschlagen schon, aber daß er jemanden totgeschlagen hat, habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht gesehen. Haben Sie von dem Block 11 einmal beobachten können, daß da Leute erschossen worden sind?

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl, das habe ich einmal gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie damals?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich war damals im Block 10.

 

Vorsitzender Richter:

Im Block 10?

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Block 10. Da waren lauter Judenfrauen drin oder -mädchen. Und an denen wurden besondere Experimente versucht, so erzählte man. Dieses habe ich nur vom Hörensagen. Und dieser Block 10, der war beidseitig mit Brettern vernagelt, die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Und da bin ich einmal raufgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso?

 

Zeuge Otto Küsel:

Als Arbeitsdienst konnte ich überall, innerhalb und außerhalb des Lagers, hingehen. Ich konnte hingehen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber in den Block 10? Der war doch meines Erachtens noch mal besonders irgendwie abgetrennt oder abgesperrt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Der war abgesperrt. Aber als diese Frauen alle raus waren aus diesem Block, stand dieser Block eine Zeitlang leer.

 

Vorsitzender Richter:

Stand er leer. [...] Wann war denn das?

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Sommer war es, 42.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer 42? [...] Da stand er leer?

 

Zeuge Otto Küsel:

Stand er leer, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sind Sie durchgegangen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Da bin ich mal durchgegangen. Durch diese Hitze sind die Bretter so auseinandergegangen, damals

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, waren Ritzen drin, ja.

 

Zeuge Otto Küsel:

Und da habe ich auf den Hof runtergeschaut, und zufällig war eine Erschießung. Und die habe ich mit angesehen. Ein Mädel wurde zu der Zeit erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Konnten Sie den ganzen Hof einsehen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Den ganzen Hof nicht. Aber zufällig stand ich da, wo diese Schwarze Wand stand. Diese konnte ich genau sehen. Im Umkreis von fünf, sechs Metern konnte ich alles genau sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war denn da noch auf dem Hof?

 

Zeuge Otto Küsel:

Da standen noch ein paar Häftlinge, die wurden auch erschossen. Zuerst wurde dieses Mädel aber erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wer es erschossen hat?

 

Zeuge Otto Küsel:

Mir ist so, als wenn der Stark hieß, der sie erschossen hatte. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wie sah denn der aus?

 

Zeuge Otto Küsel:

So ein kräftiger

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Junger Mann?

 

Zeuge Otto Küsel:

Damals noch ein kräftiger, junger Mann, blond. Ich kann mich noch entsinnen, er hatte dieses Luftgewehr, mit dem diese Mädel erschossen wurden, dieses funktionierte nicht. Daraufhin zog er seine Pistole und hat sie denn mit seiner Pistole erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und die anderen Häftlinge, von wem wurden die erschossen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die wurden mit diesem Gewehr erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Otto Küsel:

Das könnte ich jetzt nicht sagen, von wem die erschossen wurden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso wußten Sie, daß dieser Mann Stark hieß, der da diese Erschießung leitete oder vornahm?

 

Zeuge Otto Küsel:

Dem Gesicht nach. Wenn ich ihn sehen würde, würde ich ihn sogar kennen, sofort.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Otto Küsel:

Stark. Mir ist so, als wenn es Stark war, denn vordem hatte dieses gemacht der Rapportführer

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Palitzsch.

 

Zeuge Otto Küsel:

Palitzsch, ganz recht, Palitzsch, ja, der hatte diese Sachen alle gemacht. Und Palitzsch ist wohl weggekommen, da er selbst irgendwie Dummheiten gemacht hatte, zu damaliger Zeit. Und dafür ist ein anderer hingekommen. Kirschner oder Stark, von den beiden kann es einer gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und woher kannten Sie denn Stark?

 

Zeuge Otto Küsel:

Aus dem Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso, warum, wobei ist er Ihnen aufgefallen, oder wodurch haben

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Na, eine Zeitlang war der Stark auch Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Zeitlang war er Blockführer? Und was war er dann?

 

Zeuge Otto Küsel:

Später, glaube ich, ist er zur Politischen Abteilung gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie mit ihm einmal einen persönlichen Zusammenstoß gehabt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nix. Nix, nix. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wer hat Ihnen denn gesagt, daß es sich hier um Stark handelt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, ich glaube, daß Stark hingekommen ist für den Palitzsch. Denn diese Leute sind ja tagtäglich durchgegangen durchs Lager. Man hat sie ja tagtäglich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie also dort gesehen, daß diese Frau erschossen worden ist?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Mußte die Frau sich vorher entkleiden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte die auch ein Kind dabei?

 

Zeuge Otto Küsel:

Das war wieder eine andere Frau. Die wurde mit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war wieder eine andere?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, das war wieder eine andere, die wurde erschossen mit ihrem Kind.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das auch gesehen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja. Zuerst wurde das Kind erschossen und dann die Frau.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele haben Sie denn gesehen von diesen Erschießungen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Diese zwei Erschießungen habe ich gesehen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Es müssen ja drei gewesen sein, nicht? Wenn es zwei Frauen

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Na ja. Ich meine, zweimal gesehen. Denn diese Frau und das Kind wurden ja erschossen an dem Tage, und früher wurde dieses Mädel erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, das war ein anderer Tag?

 

Zeuge Otto Küsel:

Anderer Tag, nicht der gleiche.

 

Vorsitzender Richter:

Das war nicht der gleiche Tag.

 

Zeuge Otto Küsel:

Das war ein späterer.

 

Vorsitzender Richter:

Was waren denn das für Frauen, haben Sie eine Ahnung?

 

Zeuge Otto Küsel:

Dieses Mädel, das da erschossen wurde, war ungefähr 18 Jahre alt, war eine Polin.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie, daß das eine Polin war?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, durchs Lager wurde sie geführt und blieb am Lager vorne stehen. Und die Polen selber hatten mit ihr gesprochen, die vorbeigingen. Und die Polen selbst sagten mir, daß sie eine Landsmännin von ihnen sei, die da vorne steht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und sind Sie dann diesem Mädchen, dieser Polin, gefolgt bis zu dem Bunker, oder wieso wissen Sie, daß die dann erst am Tor stand und hinterher im Bunker erschossen worden ist?

 

Zeuge Otto Küsel:

Außerhalb beim Lager war ja der Block von meinem Chef sozusagen, von dem Arbeitsdienstführer. Und ich lief den ganzen Tag bloß hin und zurück durch das Lager oder wurde dahin geschickt und so. Und daher weiß ich dieses. Und später, wie dieses Mädel weggebracht worden war, da bin ich dann in diesen Block gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben geguckt dort?

 

Zeuge Otto Küsel:

Und habe geschaut, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

War denn da keine Blocksperre, wenn solche Erschießungen waren?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, Blocksperre war keine, weil diese Blocks isoliert waren, da kam sowieso niemand hin; jedenfalls der Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Dadurch wissen Sie, daß das ein polnisches Mädchen war.

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und die andere Frau?

 

Zeuge Otto Küsel:

Habe ich nur vom Hörensagen, daß es eine deutsche Offiziersfrau gewesen sein soll, mit Kind.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und von wem wurde denn die deutsche Frau mit dem Kind erschossen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Von derselben Person, die dieses Mädel erschossen hatte. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange vorher kannten Sie denn schon diesen Mann, den Sie mit Stark bezeichnet haben?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nun ja, ein Jahr vielleicht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sagten Sie nicht vorhin, es könnte Stark oder Kirschner gewesen sein?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, weil diese beiden sich etwas ähnlich sind in der Größe, stark und blond.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und wann war das gewesen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Das war 42 gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer, oder?

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Sommer so, ja, 42.

 

Vorsitzender Richter:

Im Sommer. [Pause] Was geschah dann mit den Frauen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, da stand gleich ein Sarg. Sowie sie erschossen wurden, da wurden sie da rein in den Sarg geschmissen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun muß ich Ihnen doch in diesem Zusammenhang einen Vorhalt machen aus Ihrer Vernehmung vom 17. Mai 1960, 5.726. Damals haben Sie gesagt: »Ich weiß nur, daß es sehr heiß war und im Sommer 42 gewesen sein muß.« 42. »Obgleich die Fenster des Blocks 10 in Richtung zum Block 11 mit Holz verschalt waren, konnte ich doch durch Ritzen, die sich infolge der Hitze gebildet hatten, zum Block 11 hinübersehen. Hierbei wurde ich Zeuge, wie der Oberscharführer von der Politischen Abteilung eine deutsche Frau mit ihrem Kind und eine Polin erschoß. Ich kann nicht mit Sicherheit behaupten, daß es eine deutsche Frau war, denn dieses habe ich nur vom Hörensagen erfahren. Es wurde erzählt, daß es eine Offiziersfrau gewesen sei, deren Mann nach England desertiert sei. Ich habe selbst gesehen, daß die Frau sich völlig entkleiden mußte und mit ihrem ebenfalls entkleideten Kind an die Wand gestellt wurde. Kirschner erschoß zuerst mit Genickschuß das Kind. Dann erschoß er die Mutter. Als Waffe benutzte er ein schalldämpfendes Gewehr. Zuletzt wurde die etwa 18 Jahre alte Polin«– zuletzt – »ebenfalls völlig entkleidet, an der Wand erschossen. Hierbei dürfte das Gewehr versagt haben, denn Kirschner nahm seine Pistole und schoß damit. Kirschner schoß aus kürzester Entfernung, ich möchte sagen, daß er die Mündung aufsetzte.«5 Und so weiter.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also damals: »Während der Exekution war Kirschner ganz alleine, wenigstens habe ich niemanden mehr gesehen. Erst hinterher kamen die Häftlinge, die die Leichen«.6 Also, Sie haben damals mit aller Bestimmtheit gesagt, es sei Kirschner gewesen von der Politischen Abteilung. Sie haben außerdem gesagt, daß diese drei Personen an einem Tag, und zwar hintereinander, erschossen worden seien. Denn Sie haben gesagt: »Kirschner erschoß zuerst das Kind, dann die Mutter. Zuletzt wurde die etwa 18 Jahre alte Polin an der Schwarzen Wand erschossen.«

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, die Polin wurde zuerst erschossen. Und diese Frau und das Kind wurden nicht an demselben Tag erschossen. Das war später gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Und damals haben Sie den Namen Kirschner genannt und haben mit Bestimmtheit gesagt, daß es Kirschner gewesen sei. Wie kommen Sie da dazu, heute zu sagen, es war Stark?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, das weiß ich auch nicht. Ist lange Zeit her alles, man kann sich nicht mehr so genau entsinnen. Wenn ich diese Leute sehe, dann ist es eine andere Sache, dann kann ich sagen, wer es war. Die beiden sahen sich auch ähnlich, Stark wie Kirschner, in der Figur, alles.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie heute gar nicht mit Bestimmtheit sagen können, wer es gewesen ist, oder?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, wenn ich die Personen sehen würde, würde ich es sagen können. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie sie beide sehen würden, könnten Sie dann unterscheiden, welcher es gewesen wäre?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich glaube schon.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben schon. Ich habe zunächst keine Fragen mehr. Ja, bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Küsel, folgende Frage: Wissen Sie noch, wann Fries kam und Arbeitsdienstführer wurde?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, das war auch 42.

 

Richter Hotz:

Etwa die Jahreszeit, welches...

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, das kann ich heute alles nicht mehr mit der Genauigkeit sagen, kann ungefähr gewesen sein im Mai.7

 

Richter Hotz:

Mai, meinen Sie.

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Mai. So rum, ja.

 

Richter Hotz:

Können Sie sich auch an einen Arbeitsdienstführer namens Stiwitz erinnern?

 

Zeuge Otto Küsel:

Stiwitz, jawohl, kann ich mich auch entsinnen.

 

Richter Hotz:

Wann kam der denn?

 

Zeuge Otto Küsel:

Der war schon früher da, Stiwitz. [...]

 

Richter Hotz:

In welchem Jahr?

 

Zeuge Otto Küsel:

Stiwitz, wenn ich nicht irre, war schon 41 da.

 

Richter Hotz:

Als was?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die erste Zeit auch als Blockführer. [...]

 

Richter Hotz:

Und wann kam er zum Arbeitsdienst? Oder kam er gar nicht zum Arbeitsdienst?

 

Zeuge Otto Küsel:

Und kam später denn zum Arbeitsdienst, ja.

 

Richter Hotz:

Vor oder nach Fries?

 

Zeuge Otto Küsel:

Vor Fries. [...]

 

Richter Hotz:

Sind Sie da völlig sicher, oder?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich Denke schon, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Stolting II, Sie haben den Zeugen benannt.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Küsel, haben Sie auch früher schon von Ihrer Flucht erzählt aus dem Lager in Auschwitz?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, habe ich nicht erzählt, früher.

 

Verteidiger Stolting II:

Und weshalb haben Sie das nicht erzählt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich verstehe jetzt nicht, wie Sie meinen: Erzählt im Lager?

 

Verteidiger Stolting II:

Nein, bei Ihren früheren Vernehmungen zum Beispiel. [...]

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, da habe ich nichts erwähnt davon.

 

Verteidiger Stolting II:

Weshalb nicht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, was sollte ich deswegen groß erwähnen, sagen Sie?

 

Verteidiger Stolting II:

Sind Sie auch mal in der Strafkompanie gewesen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, da bin ich nicht gewesen.

 

Verteidiger Stolting II:

Wen haben Sie denn von den Kapos gekannt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, der berüchtigtste war Krankemann. [...]

 

Verteidiger Stolting II:

Wen haben Sie sonst noch gekannt?

 

Zeuge Otto Küsel:

[Pause] Wenn Sie mir vielleicht einen Namen sagen würden, ich selbst weiß sie nicht mehr.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie irgendeinen Blockältesten im Stammlager gekannt, wie Sie dort waren?

 

Zeuge Otto Küsel:

[Pause] Blockältesten? Kralherr.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß der?

 

Zeuge Otto Küsel:

Hermann Kralherr.

 

Verteidiger Stolting II:

Wo war der denn?

 

Zeuge Otto Küsel:

Der war, glaube ich, im Block...

 

Verteidiger Stolting II:

Bitte? Ich habe nicht verstanden. In welchem Block?

 

Zeuge Otto Küsel:

Block 10, nein, Block 12 könnte der gewesen sein.

 

Verteidiger Stolting II:

Und sonst? Haben Sie noch jemanden gekannt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, mir waren viele bekannt, aber jetzt im Moment weiß ich keine mehr.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie einen Blockältesten namens Bednarek gekannt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Bednarek, jawohl, das war ein Oberschlesier.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, und erzählen Sie mal, was Sie von dem wissen. Hat der sich ordnungsgemäß verhalten im Lager?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, leider nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Warum? Was wissen Sie von ihm? Hat er Leute geschlagen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, er hat die Leute sehr geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sehr geschlagen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl. [...]

 

Verteidiger Stolting II:

Sind Sie oft mit ihm in Berührung gekommen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich bin mit allen in Berührung gekommen.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, und mit dem Angeklagten Bednarek, sind Sie mit dem oft in Berührung gekommen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, ich bin oft

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Weil Sie sagen, er hat die Leute sehr geschlagen.

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, die Polen selbst sind zu mir gekommen und haben mir dieses erzählt.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie es einmal gesehen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Gesehen habe ich es nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Ist Ihnen mal erzählt worden, daß er jemanden totgeschlagen hätte?

 

Zeuge Otto Küsel:

Davon weiß ich nichts.

 

Verteidiger Stolting II:

So, danke, jetzt habe ich keine Fragen mehr, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten der Staatsanwaltschaft noch Fragen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich würde nur anregen, dem Herrn Verteidiger des Angeklagten Bednarek vielleicht nahezulegen, uns doch im einzelnen zu präzisieren, was die Zeugen aus Amerika sagen sollten. Also ich weiß nicht – ich bin davon ausgegangen, daß die Leute mit dem Bednarek zusammengewesen waren zu irgendeiner Zeit im Lager. Aber der Zeuge Küsel, der ist ja mit dem Angeklagten Bednarek überhaupt nicht zusammengewesen. Da kommen jetzt schließlich – ich habe jetzt den Namen nicht im Kopf – ein oder zwei Zeugen aus Amerika und erklären uns dann hier, sie sind mit dem Angeklagten Bednarek nie zusammengewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Im Prinzip hat der Herr Vertreter der Anklagebehörde natürlich recht. Ich wäre an sich auch gern bemüht, darauf zu verzichten. Aber ich kann das nicht. Mir ist der Zeuge Küsel zum Beispiel bei Ermittlungen, die ich angestellt habe nach Zeugen, die mit dem Angeklagten Bednarek zusammengewesen sind, benannt worden. Ich kann hier nicht darlegen, von welcher Seite, dazu bin ich ja wohl auch nicht verpflichtet. Aber jedenfalls ist er mir benannt worden, und daraufhin habe ich ihn für die Zeit pflichtgemäß benannt. Etwas anderes kann ich nicht tun, etwas anderes kann ich auch nicht hinsichtlich der anderen Zeugen tun. Es ist völlig unmöglich, genau zu präzisieren, weil wir das, was wir hinsichtlich der einzelnen von uns benannten Zeugen wissen, in unserem Beweisantrag8 angegeben haben. Mehr können wir nicht tun. Aber ich hätte keine Bedenken dagegen, wenn die anderen Prozeßbeteiligten zustimmen würden, daß die beiden Zeugen aus Amerika dort in Amerika vernommen werden. Da habe ich nichts dagegen einzuwenden.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Ja, bitte.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ich bitte, aus Seite 45 des Bunkerbuches II festzustellen, unter welchem Geburtsdatum der Zeuge dort geführt wurde, weswegen er in den Bunker eingeliefert wurde und wie lange er im Bunker war.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte, die Fragen doch direkt zu stellen. Ich habe das Bunkerbuch nicht hier vorliegen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, es müßte doch da sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Glaube ich. Die Abschrift.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat es eingeschlossen?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das ist Bunkerbuch I. Das Bunkerbuch II hätte ich gern. Dann: Welchen Beruf üben Sie denn jetzt aus?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich bin Verkaufsfahrer. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wo wohnen Sie? [...]

 

Zeuge Otto Küsel:

In Schwarzhofen, Oberpfalz. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das ist I.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja, wir werden das dann aus dem Bunkerbuch noch feststellen. Sind inzwischen noch andere Fragen zu stellen? Nein?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich hätte noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön, Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, sind Sie durch Ihre Tätigkeit im Arbeitseinsatz öfter mit den Mitgliedern der Politischen Abteilung zusammengekommen? Dienstlich?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, mit denen hatte ich nichts zu tun, mit der Politischen Abteilung überhaupt nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie normalerweise Kirschner und Stark auseinandergekannt oder

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Ja, habe ich auseinandergekannt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Warum haben Sie in diesem speziellen Fall, bei der Erschießung, die beiden gleichzeitig erwähnt? Konnten Sie das nicht richtig sehen durch die Ritze, oder sind Ihnen hinterher Bedenken gekommen, wer es gewesen ist?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nun, die Zeit ist jetzt länger geworden, und da ist mir so manches entfallen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie damals – unmittelbar nach dem Vorfall – mit anderen Häftlingen darüber gesprochen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Wir haben immer diskutiert darüber. Wohlgemerkt, nicht mit deutschen Häftlingen, nur mit polnischen Häftlingen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie damals diese beiden Vorfälle, die doch etwas Besonderes waren, Erschießung einer Offiziersfrau mit Kind und dergleichen, mit irgend jemand erörtert?

 

Zeuge Otto Küsel:

Erörtert haben wir mit vielen, nicht nur mit einzelnen, sondern mit vielen. Aber

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Können Sie sich erinnern, wer damals zu Ihrem Kreis gehört hat, mit wem Sie das besprochen haben?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich kann mich schon entsinnen, mit diesen Leuten, aber sie sind ja nicht mehr da. Es waren nur Polen, hauptsächlich. Denn mit den Deutschen konnte man sich weniger darüber unterhalten, weil man denen nicht trauen durfte, den deutschen Häftlingen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Können Sie gar keine Anhaltspunkte geben? Es ist ja doch so, daß Sie damals Kirschner genannt haben und heute Stark. Das ist also sehr wichtig, daß dieser Punkt aufgeklärt wird. Können Sie irgendwie beitragen zur Aufklärung?

 

Zeuge Otto Küsel:

Sehr schlecht. Denn wenn es sich wirklich um Kirschner oder Stark gehandelt haben sollte, getan haben sie es beide. Ob es nun um diese Person ging oder nicht, es ging ja um andere Personen auch. Die Erschießungen haben jedenfalls beide [durchgeführt].

 

Vorsitzender Richter:

Wieso?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die Leute erschossen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie das? [...]

 

Zeuge Otto Küsel:

Das weiß ich dadurch: Wenn diese Leute von der Politischen Abteilung durchs Lager gingen und hinten nach Block 11, dann war immer etwas losgewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wenn ich mal dazwischenfragen dürfte.

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ja bitte, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Der Herr Rechtsanwalt Ormond hat Sie eben gefragt, ob Sie mit Ihren näheren Bekannten darüber gesprochen hätten, damals, und da haben Sie gesagt: »Ja.«

 

Zeuge Otto Küsel:

Nicht nur betreffs dieser Angelegenheit, wir haben ja nicht nur über diese, sondern über alle Angelegenheiten, die im Lager geschehen sind, gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber uns interessiert jetzt gerade diese Angelegenheit. Was haben Sie denn den Leuten erzählt? Haben Sie gesagt: Ich habe heute oder gestern oder vor einer Woche den Kirschner gesehen, wie er da Leute an der Schwarzen Wand erschossen hat, oder haben Sie gesagt: Ich habe den Stark gesehen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, das weiß ich heute nicht mehr, denn das ist ja so oft geschehen, daß dieses was Alltägliches sozusagen war.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, es ist sehr oft geschehen, Sie haben es aber

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

So oft ist die Sache geschehen, daß man dieses alles wieder vergessen hat, weil es eben am nächsten Tag wieder etwas anderes gab.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es doch nur zweimal gesehen, nicht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nur zweimal habe ich es gesehen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das Polenmädchen und die deutsche Frau mit dem Kind.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dieses Sehen war doch etwas anderes als das, was Sie gehört haben. Denn wenn man so etwas mit eigenen Augen sieht, dann wirkt das doch viel stärker und prägt sich doch viel stärker in einem Menschen aus, als wenn man das hört von dritter Seite.

 

Zeuge Otto Küsel:

Schon recht, aber wenn ich die Person sehen würde, dann wäre es für mich leichter als jetzt im Moment.

 

Vorsitzender Richter:

Wir können Ihnen leider den Herrn Kirschner nicht vorstellen, weil er nicht da ist. Und wenn Sie sagen, sie haben sich so ähnlich gesehen, daß Sie selbst nicht sicher sind, ob es der eine oder der andere war, dann könnte es ja genügen, daß Ihnen ein ähnlich sehender Mensch, der ja auch inzwischen 20 Jahre älter geworden ist, dann als derjenige erscheint, obwohl es der andere gewesen ist. Also das ist mir doch zu ungewiß. Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, ich habe noch eine Frage: Herr Zeuge, sind Sie durch Ihre Tätigkeit im Arbeitsdienst sehr viel im Lager herumgekommen und auch an der Rampe vorbeigekommen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich bin überall im Lager rumgekommen, ja, tagtäglich. Im Lager, außerhalb vom Lager, in allen Werkstätten, die im Lager vorhanden waren, bin ich rumgekommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie dadurch einmal eine Selektion zu sehen bekommen? Auf der Rampe?

 

Zeuge Otto Küsel:

Habe ich nicht, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wissen Sie, ob der Lagerkommandant Höß manchmal im Lager gewesen ist?

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl, das weiß ich. Der ist des öfteren durchs Lager gegangen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

War er da allein, oder war er in Begleitung von anderen SS-Führern?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, meistenteils war er allein. Mit anderen SS-Führern kam er nur, wenn eine Kommission kam, wenn Himmler kam, und dann war er mit anderen zusammen. Aber sonst meistenteils war er allein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Erhard.

 

Verteidiger Erhard:

Eine Frage: Herr Zeuge, erinnern Sie sich, wo die Politische Abteilung büromäßig und sonst tätig war?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, wo die Häftlinge arbeiteten, das war vorne, vorm Eingang, in der Baracke. Da waren die Häftlinge tätig für die Politische Abteilung. Die Politische Abteilung lag außerhalb vom Lager dann.

 

Verteidiger Erhard:

Na, weil Sie erzählten, wenn die Leute von der Politischen Abteilung ins Lager gekommen wären, dann wäre immer was losgewesen.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ja.

 

Verteidiger Erhard:

Wo kamen die denn her?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nun, die kamen durchs Lager, durchs Lagertor.

 

Verteidiger Erhard:

Und wo waren die denn sonst tätig?

 

Zeuge Otto Küsel:

Außerhalb vom Lager.

 

Verteidiger Erhard:

Ja, wo außerhalb vom Lager? Wissen Sie das?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, das kann ich heute auch nicht mehr so genau sagen.

 

Verteidiger Erhard:

Waren die vielleicht unmittelbar mit Ihnen zusammen tätig?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die Häftlinge waren unmittelbar mit uns zusammen

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Nein, ich meine die, [...] die Leute von der Politischen Abteilung, soweit sie bei der SS waren.

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Die SS-Leute? Nein, die waren nicht mit uns zusammen tätig.

 

Verteidiger Erhard:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In der Zeit, nachdem Sie aus dem Bunker entlassen worden waren, bis zu Ihrem Weggang nach Flossenbürg, was haben Sie da im Lager gemacht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nix haben wir gemacht, wir blieben im Block oben.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wo waren Sie?

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Block 11 wieder. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Im ersten Stock?

 

Zeuge Otto Küsel:

Im ersten Stock oben, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten vorhin, Sie seien 1944 nach Flossenbürg gekommen.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, 1944.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie wurden ja schon vor Weihnachten aus dem Bunker entlassen, muß ich Ihnen vorhalten, nämlich am 23.11.43 wurden Sie entlassen aus dem Bunker.

 

Zeuge Otto Küsel:

Aus dem Bunker wurde ich entlassen, jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, nach zwei Monaten.

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da haben Sie dann die ganze Zeit bis Februar 44 nichts getan?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich sagte ja, wie wir aus dem Bunker entlassen wurden, da sind wir ins Lager gekommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ins Lager, ja, und?

 

Zeuge Otto Küsel:

Innerhalb einer Woche ist jemand von diesen Leuten, die im Bunker waren, geflohen, ein Zigeuner, zu der Zeit geflohen, und dann wurden wir nach 11 wieder zurück ins...

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In den ersten Stock?

 

Zeuge Otto Küsel:

In den ersten Stock, jawohl. [...] Zweimal sind wir im Lager gewesen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da haben Sie nichts gearbeitet?

 

Zeuge Otto Küsel:

Da haben wir nichts getan, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Der Herr Vorsitzende hat Sie vorhin gefragt, ob Sie etwa als Spitzel tätig gewesen wären für die Politische Abteilung. Das muß ich Ihnen auch noch mal vorhalten.

 

Zeuge Otto Küsel:

Oh bitte.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ich halte Ihnen vor, daß während Ihrer Zeit im Bunker, nämlich am 11.10.1943 und am 9.11.1943, mit die größten Erschießungen des Jahres 439 von Polen stattfanden. Und Sie haben uns vorhin gesagt, daß Sie mit Polen zusammen in einer Zelle waren.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, stimmt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren Sie nicht etwa doch Spitzel?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, auf solche Sachen. Sie können die Polen selber [+ fragen]. Ich bin, wenn Sie es genau wissen wollen, ich bin mit dem Ministerpräsidenten Cyrankiewiecz in einer Zelle gesessen. Wir beide saßen in einer Zelle. Und wenn Sie Interesse haben, dann schreiben Sie und erkundigen Sie sich bei diesem Mann nach meiner Person.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, eben, eben, eben, weil Sie in einer Zelle gesessen haben.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, und dann erkundigen Sie sich bei dem Mann nach meiner Person darüber. Der wird Ihnen genau Auskunft geben über meine Person.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und Sie sagen, obwohl Sie auf der Flucht waren und drei nicht gefunden worden waren, seien Sie einfach entlassen worden aus dem Bunker, aus dem Block 11 wieder?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nicht ich bloß, sondern alle sind entlassen worden aus dem Bunker, zur damaligen Zeit. Nicht nur ich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das stimmt nicht.

 

Zeuge Otto Küsel:

Mehrere.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Es sind nicht alle entlassen worden, denn der Bunker war noch voll, das kann man hier nachweisen.

 

Zeuge Otto Küsel:

Der Bunker war noch voll, nee, das stimmt nicht, jedenfalls, wie wir entlassen wurden

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Na, danke.

 

Zeuge Otto Küsel:

Stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Werden bezüglich der Beeidigung Anträge gestellt? Nein? Was wollten Sie noch sagen? Ja, Sie wollten noch eine Erklärung abgeben.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich stelle den Antrag auf Beeidigung. Und zwar halte ich die Aussage dieses Zeugen deshalb für wesentlich, weil er gesagt hat, daß der Lagerkommandant Höß allein im Lager gewesen sei und keine anderen SS-Führer bei ihm gewesen seien. Das ist auf die Frage des Herrn Kollegen Ormond erfolgt. Ich halte das für wesentlich bezüglich der Verteidigung des Angeklagten Mulka. Deshalb beantrage ich die Beeidigung.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich verstehe Sie nicht, weil Sie sagen von SS-Führern, daß der Herr redet. Wenn ich vom Lagerkommandant sage, daß er alleine im Lager gewesen ist – wohlgemerkt waren Blockführer da. Aber daß andere SS-Führer, höhere Personen dabeigewesen sind, das war nicht, wenn der Kommandant durchs Lager ging.

 

Vorsitzender Richter:

Also hier ist ja nur gefragt worden wegen des Adjutanten Mulka.

 

Zeuge Otto Küsel:

Der ist mir nicht bekannt, der Adjutant Mulka. Möglich, daß ich ihn gesehen habe, aber namentlich war er mir nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Dylewski, was wollten Sie noch sagen?

 

Angeklagter Dylewski:

Ich möchte erklären, daß die Angaben, die der Zeuge macht über seine Flucht, zutreffen. Ich habe ihn in Warschau abgeholt, er ist auch in Warschau von mir vernommen worden, er ist nachher zurückgebracht worden ins Lager. Eine Gefahr für ihn bestand nie. Die Gefahr der Exekution bestand für Deutsche, die flohen, nie.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Er soll sich doch mal [unverständlich] angucken, ob er [unverständlich] kennt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich bitte die Angeklagten, mal aufzustehen, und den Zeugen bitte ich

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Ja

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, darf ich vielleicht noch einige Fragen stellen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte schön.

 

Verteidiger Erhard:

Diese nunmehr vorgenommene Identifizierung ist natürlich eine neue Situation.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

Herr Zeuge, wo haben Sie, als Sie beim Arbeitsdienst Schreiber waren, gearbeitet? Wo war Ihre Arbeitsstelle?

 

Zeuge Otto Küsel:

Meine Arbeitsstelle war außerhalb im Lager, vorne im Büro. [...]

 

Verteidiger Erhard:

Können Sie uns auf der Karte – da vorne haben wir ja den Lagerplan – vielleicht zeigen – ist Ihnen das noch möglich, auf der Karte zu zeigen –, wo das war?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, ist mir möglich.

 

Verteidiger Erhard:

Versuchen Sie es doch bitte mal. [...]

 

Zeuge Otto Küsel:

Hier, direkt vorm Eingang, dies ist das Blockhaus, dies ist es, da habe ich gearbeitet.

 

Verteidiger Erhard:

Ja. Was war in der Baracke denn noch nach Ihrer Erinnerung untergebracht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Da waren untergebracht die Kennkarten, glaube ich, und dann waren von der Politischen Abteilung Häftlinge untergebracht, die für die Politische Abteilung arbeiteten. Und noch unser Hauptchef sozusagen, der war in dieser Baracke, der Name ist mir entfallen.

 

Verteidiger Erhard:

Wo war denn die Blockführerstube?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die Blockführerstube war gleich vorne.

 

Verteidiger Erhard:

Auch in dieser Baracke?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die Blockführerstube war auch in der Baracke.

 

Verteidiger Erhard:

Was war denn auf der anderen Seite des Flures? Wo war da der Arbeitsdienst, die Räume, konkret, in der Baracke?

 

Zeuge Otto Küsel:

Die waren gleich vorne, die Räume von

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Nach welcher Seite hatten die die Fenster? Zum Lager hin oder zum Bauhof hin?

 

Zeuge Otto Küsel:

Wenn ich nicht irre, glaube ich, zum Bauhof hin.

 

Verteidiger Erhard:

Zum Bauhof hin. Und was war denn neben den Räumen, in denen der Arbeitsdienst untergebracht war? Unmittelbar daneben?

 

Zeuge Otto Küsel:

Da war das Rapportführerzimmer noch.

 

Verteidiger Erhard:

Ja, und auf der andern Seite? [...]

 

Zeuge Otto Küsel:

Entgegengesetzt vom Rapportführerzimmer waren wir. Und dahinter kamen dann, wie ich schon sagte, diese Häftlinge, die für die Politische Abteilung arbeiteten.

 

Verteidiger Erhard:

Und wo war die Aufnahmeabteilung?

 

Zeuge Otto Küsel:

[Pause] Die Aufnahme kann ich nicht sagen, wo die war, denn die Häftlinge kamen ins Lager und wurden dann im Lager aufgenommen, in der Rapportstube.

 

Verteidiger Erhard:

Wissen Sie nicht, wer Leiter der Aufnahme war?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein.

 

Verteidiger Erhard:

Wissen Sie, welche SS-Leute außer Ihrem Chef und den sonstigen Arbeitsdienstführern in dieser Baracke Dienst getan haben?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, da war der Palitzsch Rapportführer. [Pause] Sonst wüßte ich niemand weiter.

 

Verteidiger Erhard:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Stark, wollen Sie etwas dazu sagen?

 

Angeklagter Stark:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Stark:

Darf ich erst mal zu dem, was eben gesagt wurde, noch etwas sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Stark:

Das Büro Aufnahme war direkt neben dem Arbeitsdienst. Der Zeuge hat mich täglich, ich will nicht viel sagen, aber fünf, sechs Mal gesehen am Tag. Im Sommer 1942 war ich nicht Oberscharführer, er hat gesagt, ich wäre Oberscharführer gewesen. Im Sommer 1942 hatte ich Aufnahme zu machen bei ankommenden Transporten, habe ich im Block 11 überhaupt nichts mehr zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sagen, Sie kommen nicht in Frage als die Person, die damals diese Erschießungen vorgenommen hat?

 

Angeklagter Stark:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben eben gehört von dem Angeklagten Stark, daß er direkt Zimmer an Zimmer mit Ihnen gearbeitet hat. Stimmt das?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich kann mich darauf nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Er sagt, Sie müßten ihn täglich einige Male gesehen haben.

 

Zeuge Otto Küsel:

Zu der Zeit, wie ich Stark kannte, war er Blockführer noch. Und zur Politischen Abteilung wird er erst später gekommen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt das?

 

Angeklagter Stark:

Nein, das war ganz kurz. Ich war ganz kurz Blockführer, etwa ein Vierteljahr.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind 40 hingekommen, nicht?

 

Zeuge Otto Küsel:

40, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

40 hingekommen. Und wissen Sie noch, wann der Stark kam? Oder war er damals schon dort?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, da war er noch nicht da.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wann er kam?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, richtig, er war Blockführer Ende 40 bis Mitte 41. Und...

 

Verteidiger Erhard:

März.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Verteidiger Erhard:

Bis März 41 war er Blockführer.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich glaube doch, bis Juni.

 

Verteidiger Erhard:

Nein. Bis März 41 war er Blockführer. Und dann kam er als zweiter Mann zur Aufnahme.

 

Angeklagter Stark:

Das war Mai. Im April zur Politischen Abteilung zur Einarbeitung. April Einarbeitung, etwa Mai in die Aufnahme.

 

Verteidiger Erhard:

Und ist dann später im Jahr 1941 erst Leiter der Aufnahme geworden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dann muß die Einlassung früher anders gewesen sein, denn nach Ihren früheren Einlassungen steht, daß Sie bis zum Juni 41 Blockführer gewesen seien und im Juni dann zur Politischen Abteilung gekommen sind. Und heute

 

Angeklagter Stark [unterbricht]:

Mai.

 

Vorsitzender Richter:

Mai?

 

Angeklagter Stark:

Mai zur Aufnahme.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] So. Noch eine Frage? Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten vorhin, er hätte nichts zu befürchten gehabt, weil er Reichsdeutscher sei. Und trotzdem ist ein Reichsdeutscher, der geflohen war, am 4.9.43 im Block 11 erschossen worden. Und zwar handelt es sich um einen Helmuth Herfort aus Oppeln, der Berufsverbrecher und Reichsdeutscher war.10 Genau die gleiche Situation wie bei dem Zeugen hier.

 

Angeklagter Dylewski:

Geht daraus auch hervor, daß er geflohen war?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Jawohl, Fluchtverdacht. Ist nicht von der Politischen Abteilung eingeliefert worden wegen sonst irgendwas, also wegen Fluchtverdacht. Und außerdem sind im gleichen Jahr 43 Polen, die geflohen waren, dann nachher wieder entlassen worden.

 

Angeklagter Dylewski:

Das weiß ich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da bietet sich immer der Verdacht an, daß diese Leute Spitzel waren, das muß ich Ihnen vorhalten.

 

Angeklagter Dylewski:

Ja, also der Zeuge war bestimmt kein Spitzel der Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

So. Bitte schön, Herr Erster Staatsanwalt Großmann.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, haben Sie nach dem Kriege, nach Ihrer Entlassung in Auschwitz, insbesondere nach Beginn dieses Verfahrens, einmal Bilder von Stark in irgendeiner Zeitung gesehen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, habe ich nicht gesehen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Mit absoluter Sicherheit nicht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Mit absoluter Sicherheit nicht, nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wissen Sie mit absoluter Sicherheit, daß der von Ihnen als Stark Identifizierte damals diese Erschießungen vorgenommen hat?

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl, das weiß

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Ist eine

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Ich widerspreche dieser Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Warum?

 

Verteidiger Staiger:

»Wissen Sie mit absoluter Sicherheit«, weil der Zeuge vorher etwas anderes gesagt hat, Herr Vorsitzender.

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Deswegen kann ich doch fragen, ob er jetzt, nunmehr, nachdem er Stark gesehen hat, mit absoluter Sicherheit weiß, ob diese Person derjenige war, der seinerzeit die Frau und die andere Frau mit Kind erschossen hat.

 

Verteidiger Staiger:

Ich weise darauf hin, Herr Erster Staatsanwalt, daß zunächst eine Einzelidentifizierung nicht erfolgen konnte, weil nicht klar war, ob nicht dann, wenn der Zeuge Stark vorgeführt bekommt, daß er dann – eben wieder im Irrtum befangen – Stark als denjenigen identifiziert, der seinerzeit die Erschießungen durchgeführt hat. Wenn er heute sagt, nachdem er sämtliche Angeklagte sieht: Dieser Mann hat geschossen, oder: Dieses ist der Mann, so ist ein Irrtum nicht ausgeschlossen

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Nach dem Ergebnis der vorherigen Vernehmung durch den Herrn Vorsitzenden. Ich widerspreche also, weil diese Frage bereits im hinreichenden Maße beantwortet ist und es eine Frage der Beweiswürdigung sein wird, dann später die Gesamtaussage des Zeugen zu bewerten.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, nun, also wenn der Herr Erste Staatsanwalt die Frage so formulieren würde, daß er sagen würde: Haben Sie nach Kenntnisnahme des Angeklagten Stark nunmehr noch Zweifel darüber, ob er seinerzeit geschossen hat, dann wäre dieser Frage wohl nichts entgegenzusetzen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich stelle gern die Frage so. Ich bin der Auffassung, meine hatte denselben Inhalt. Im übrigen hat der Herr Rechtsanwalt eine Würdigung einer eventuellen Antwort vorgenommen. Ich verstehe nicht, warum er dieser Frage widerspricht. Natürlich bleibt es Ihnen vorbehalten, die Antwort, die inzwischen ja auch der Zeuge jetzt eben gegeben hat, in der von Ihnen vorgenommenen Weise zu würdigen. Aber der Fragestellung ist nicht zu widersprechen, denn der Zeuge hat ganz eindeutig neben nur zwei anderen Angeklagten den Angeklagten Stark erkannt. Er hat mir zweitens bestätigt, daß er Bilder von Stark bislang nicht gesehen hat. Es ist doch also meines Erachtens nun nur naheliegend, ihn zu fragen, ob er mit absoluter Sicherheit – diese Worte hatte ich angewandt – nunmehr angeben kann, daß Stark und nicht ein anderer, insbesondere der ursprünglich von ihm in Erwägung gezogene Kirschner, diese Schüsse auf die beiden Frauen und das Kind abgegeben hat.

 

Verteidiger Staiger:

Herr Erster Staatsanwalt, ich halte meinen Widerspruch aufrecht, weil das, was Sie gefragt haben, der Zeuge hinreichend beantwortet hat, die Frage sich also damit erübrigt.

 

Vorsitzender Richter:

Und würden Sie auch widersprechen einer Frage, ob der Zeuge, nachdem er nunmehr Stark identifiziert hat, keine Zweifel mehr daran hat, daß es Stark gewesen ist, der damals die Schüsse abgegeben hat?

 

Verteidiger Staiger:

Ich widerspreche, Herr Vorsitzender, weiterhin. Ich halte meinen Widerspruch aufrecht, weil die Gefahr eben eines Irrtums zu groß ist.

 

Staatsanwalt Großmann:

Dann bitte ich, über diese Frage zu entscheiden.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Rechtsanwalt, das ist ja eine Frage der Beweiswürdigung hinterher, ob wir das so würdigen oder anders würdigen. Jedenfalls, ob der Zeuge nunmehr glaubt, mit Gewißheit den Stark wiederzuerkennen als den Täter, diese Frage, die ist nicht beantwortet bisher, denn

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Das ist richtig, der Zeuge kann sie auch nicht beantworten, Herr Vorsitzender, nachdem er vorher schon gesagt hat

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Woher wissen Sie das?

 

Verteidiger Staiger:

Daß er mit Sicherheit das nicht sagen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da hat er ihn nicht gesehen. Er hat vorher immer gesagt: Wenn ich die Person sehen würde, könnte ich es genau sagen.

 

Verteidiger Staiger:

Ja, aber darin gerade, Herr Vorsitzender, kann der Irrtum liegen.

 

Vorsitzender Richter:

Kann der Irrtum liegen.

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Ohne daß der Zeuge es weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Und das ist eine Frage der Beweiswürdigung.

 

Verteidiger Staiger:

Ja, deshalb halte ich es für überflüssig, wenn jetzt der Zeuge darüber befragt wird, ob er

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun, schön, wir werden darüber beschließen.

 

Verteidiger Staiger:

Nun mit Sicherheit

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Ich bitte, über diese Frage zu [unverständlich]

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich glaube, wir können das Verfahren abkürzen, die Aussage ist auf Band aufgenommen worden. Der Zeuge hat gesagt, »das ist der Stark«, und dann haben Sie, Herr Vorsitzender, ihn gefragt: »Ist das der Mann, der geschossen hat?« Dann hat er ja gesagt. Und damit ist meines Erachtens die Frage beantwortet. Das ist auf Band ja aufgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich hätte doch noch eine Frage, wenn das Gericht sich doch jetzt zurückzieht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, ist es richtig, daß Sie wegen Ihres kameradschaftlichen Verhaltens nach dem Krieg die polnische Staatsangehörigkeit angeboten bekamen, nach Polen eingeladen wurden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl, stimmt, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben das aber nicht angenommen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, ich habe nichts angenommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst sind keine Fragen mehr zu stellen. Wegen der Beeidigung werden keine Anträge gestellt, das Gericht wird jetzt eine

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

»Der Staatsanwaltschaft, ob der Zeuge den Angeklagten Stark mit absoluter Sicherheit als denjenigen bezeichnen könne, der die junge Polin und eine Deutsche mit Kind erschossen habe, wird nicht zugelassen, da der Zeuge bereits nach der Gegenüberstellung mit dem Angeklagten Stark auf Befragen erklärt hat, Stark sei derjenige gewesen, der diese Erschießung vorgenommen habe, womit die Frage bereits beantwortet ist.«11 Herr

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, darf ich mir noch eine kurze Erklärung dazu erlauben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

Ich halte die Gegenüberstellung, das heißt die Identifizierung, für eine suggestive. Denn Sie hatten, meiner Ansicht nach völlig zurecht, vorher bereits erklärt, Kirschner sei nicht im Saale.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Rechtsanwalt, wollen Sie das Ihrem Plädoyer nicht vorbehalten?

 

Verteidiger Erhard:

Ja, ich weiß, ich hätte vielleicht früher entsprechend widersprechen müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich weiß nicht aus welchen Gesichtspunkten

 

Verteidiger Erhard [unterbricht]:

Ich war ja dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber jedenfalls, das ist eine Frage der Beweiswürdigung, die erst im Plädoyer behandelt werden darf. Herr Staatsanwalt Kügler.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darf ich noch eine Frage stellen an den Zeugen? Kennen Sie einen Sanitätsdienstgrad aus Ihrer Lagerzeit, einen SS-Sanitätsdienstgrad Klehr?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, kenne ich.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was wissen Sie von ihm?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, gesehen habe ich es nicht, aber ich weiß von ihm, daß er diese Spritzen vorgenommen hatte.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das haben Sie selbst nicht gesehen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Selbst nicht gesehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen das erzählt worden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Jawohl, das ist mir erzählt worden, von den Häftlingen mal.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich noch erinnern, von welchen Häftlingen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Namentlich kann ich mich nicht mehr entsinnen, aber von Häftlingen, die im Krankenbau gewesen sind. Außerdem sind von Klehr polnische Häftlinge angestellt gewesen, die dasselbe machten auf seinen Befehl hin.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie noch eine Vorstellung, wie lange Klehr im Lager war, im Stammlager?

 

Zeuge Otto Küsel:

[Pause] Na, ich glaube, Klehr war ziemlich lange im Lager.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also zeitlich können Sie sich

 

Zeuge Otto Küsel [unterbricht]:

Zeitlich kann ich mich nicht festlegen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich nicht festlegen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sagen Sie, als Sie da beim Arbeitsdienst waren, haben Sie da auch Häftlinge eingeteilt oder bei der Einteilung mitgewirkt, die zur Bekleidungskammer kamen im Lager?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, alle. In Werkstätten sowie alle Posten, die im Lager besetzt werden mußten von Häftlingen, beruflich und so weiter, wurden alle eingesetzt von mir.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen aus dieser Zeit noch ein SS-Mann Breitwieser bekannt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Breitwieser ist mir bekannt aus Sachsenhausen noch.

 

Staatsanwalt Kügler:

Vom Konzentrationslager Sachsenhausen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Aus Sachsenhausen ist mir Breitwieser bekannt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was hat der denn in Sachsenhausen gemacht?

 

Zeuge Otto Küsel:

Breitwieser war ein gefürchteter Mann.

 

Staatsanwalt Kügler:

In Sachsenhausen?

 

Zeuge Otto Küsel:

In Sachsenhausen schon, ein sehr gefürchteter Mann.

 

Verteidiger Fertig [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, ich widerspreche dieser Frage, wir haben hier nicht Taten zu beurteilen, die in Sachsenhausen vorgekommen sind. Ich widerspreche [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sind auch nicht angeklagt, sind auch nicht angeklagt.

 

Verteidiger Fertig:

Also gehören sie nicht in den Rahmen des Eröffnungsbeschlusses, diese Frage ist unzulässig.

 

Staatsanwalt Kügler:

Auch der Lebenslauf des Angeklagten Breitwieser ist nicht Gegenstand der Anklage in dem Sinn, er interessiert aber auch.

 

Verteidiger Fertig:

Den Lebenslauf betrifft nur die Frage, daß und ob er in Sachsenhausen war, mehr nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na, da bin ich anderer Auffassung, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, insbesondere ist ja auch der Charakter eines Angeklagten für das Gericht doch von Interesse.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bleiben Sie bei Ihrem Widerspruch?

 

Verteidiger Fertig:

Herr Staatsanwalt, würden Sie bitte die Frage noch einmal wiederholen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Dazu habe ich keinen Anlaß.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Tja, ich muß ehrlich sein, daß ich den genauen Wortlaut der Frage auch nicht mehr im Kopf habe.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ich habe zunächst den Zeugen gefragt, ob er den Angeklagten Breitwieser kennt, daraufhin antwortete er: Ja, insbesondere aus Sachsenhausen. Er war dort gefürchtet. Und nun möchte ich von dem Zeugen Näheres wissen, was er dort mit dem Angeklagten Breitwieser erlebt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum er dort gefürchtet war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Warum er dort gefürchtet war.

 

Verteidiger Fertig:

Und dieser Frage widerspreche ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dann, wenn Sie bei Ihrer Frage bleiben?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich bleibe bei der Frage, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sonst noch eine Frage zu stellen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein. Allenfalls Fragen, die sich aus der Beantwortung dieser Frage ergeben könnten.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Dann soll der Zeuge zunächst mal hinten Platz nehmen wieder.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich habe noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, sind Sie nach Kriegsende, das heißt nach Ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager, nochmals bestraft worden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen irgendwann einmal die Eidesfähigkeit aberkannt worden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Wüßte ich nicht. [...]

 

Verteidiger Adolph:

Ich habe noch eine Frage: Herr Zeuge, wissen Sie, wie die Leute, die zu dem Arbeitsdienst beordert wurden, erfaßt wurden?

 

Zeuge Otto Küsel:

Karteimäßig waren diese bei uns im Büro erfaßt.

 

Verteidiger Adolph:

Wissen Sie, ob diese Leute durch Selektionen zusammengestellt wurden, diese Gruppen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nein, nein.

 

Verteidiger Adolph:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, der Angeklagte Breitwieser ist bereits im Mai 1940 nach Auschwitz gekommen. Wann haben Sie ihn denn in dem anderen Lager gesehen? Was war das für ein Lager?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Sachsenhausen.

 

Zeuge Otto Küsel:

Sachsenhausen, ja. [Pause] In Sachsenhausen habe ich ihn gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wann war denn das?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, ich bin nach Sachsenhausen gekommen 1937.

 

Vorsitzender Richter:

37?

 

Zeuge Otto Küsel:

37, ja. Und zu welcher Zeit der Breitwieser gekommen ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß nur soviel, daß Breitwieser sehr gefürchtet war. Vor allen Dingen durch seine Schlägerei.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wissen Sie Einzelheiten darüber? Haben Sie selbst was erlebt?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich selbst habe es nicht erlebt, muß man immer selber erleben? Man...

 

Vorsitzender Richter:

Nun, also uns interessiert das ganz besonders, wenn ein Zeuge etwas selbst erlebt hat, weil wir dann nähere Einzelheiten fragen können, als wenn er nur etwas gehört hat.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja, leider ist es immer so, daß die, die es erlebt haben, heute nicht mehr aussagen können. Die leben meistens nicht mehr. So ist es gewöhnlich immer.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja, Breitwieser, wie ist das denn gewesen? Sie waren doch zunächst in Bromberg als Wirtschaftsberater oder Rechtsberater des Wirtschaftsverbands?

 

Verteidiger Fertig:

Herr Vorsitzender, ich erfahre gerade, daß der Herr Breitwieser gar nicht in Sachsenhausen war.

 

Angeklagter Breitwieser:

[unverständlich] Ich weiß nicht, wann ich in Sachsenhausen gewesen sein kann. Bin 39 im November eingezogen worden, dann war ich einige Wochen in Buchenwald und in Warschau, aber niemals in Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also Sie wurden am 1. September verhaftet, nicht?

 

Angeklagter Breitwieser:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und nach Einrückung der deutschen Truppen sind Sie dann wieder nach Bromberg zurückgekehrt.

 

Angeklagter Breitwieser:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dort auch zur Waffen-SS eingezogen worden.

 

Angeklagter Breitwieser:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind ausgebildet worden in Warschau und in Buchenwald.

 

Angeklagter Breitwieser:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie von Buchenwald direkt nach Auschwitz kommandiert worden?

 

Angeklagter Breitwieser:

Nein, von Warschau aus.

 

Vorsitzender Richter:

Von Warschau aus?

 

Angeklagter Breitwieser:

Ich war zweimal in Warschau.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren zweimal in Warschau. Tja, so schreiben Sie es in der Anklageschrift, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, das dürfte auch richtig sein. Mir ist erinnerlich, daß auch bei anderen Zeugen, die in Sachsenhausen waren, ein Name Breitwieser auftaucht. Das kann durchaus möglich sein, daß dieser Breitwieser nicht identisch ist mit dem Angeklagten Breitwieser. Den Namen mag es ja öfter gegeben haben. Vielleicht können wir den Zeugen auffordern, sich den Angeklagten Breitwieser anzusehen und uns zu erklären

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat ihn vorhin auch nicht erkannt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Er hat nicht erkannt, ob es sich um den Mann handelt, den er in Sachsenhausen kennengelernt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Na, drehen Sie sich mal um, sehen Sie sich mal Breitwieser an. Sie haben ihn vorhin nicht erkannt.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich würde sagen, das ist der Breitwieser.

 

Staatsanwalt Kügler:

Den Sie aus Auschwitz kennen oder aus Sachsenhausen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Nee, aus Sachsenhausen. Ich kann mir nicht helfen, ein schlanker Mensch war es, ja. Ja, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na, außer der Schlankheit, Herr Küsel.

 

Zeuge Otto Küsel:

Ich kann mir ungefähr die Figur und alles damals noch vorstellen. Die Leute, die haben sich ja viel verändert jetzt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und dem Gesicht nach, können Sie ihn da noch erkennen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Einigermaßen, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Einigermaßen. Also der, der in Sachsenhausen gewesen sein soll?

 

Zeuge Otto Küsel:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich habe keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie die Frage aufrechterhalten?

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein, die Frage, die ich vorhin gestellt habe und gegen die Widerspruch erhoben wurde, ist ja beantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Na also. Dann nehmen Sie Platz. Wenn keine Fragen mehr gestellt werden, dann müssen Sie das, was Sie gesagt haben, beschwören. Können Sie das mit gutem Gewissen tun? Oder wollen Sie noch etwas richtigstellen?

 

Zeuge Otto Küsel:

Na, ich muß sagen, daß heute alles so schwer ist, nicht, daß man die Leute so schwer erkennt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Otto Küsel:

Im Verhältnis zu früher. Denn mir ist gesagt worden, der Bednarek, den ich sehr gut kenne, der ist hier ebenfalls anwesend, den habe ich nicht erkannt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann haben Sie das, was Sie

 

– Schnitt –

 

1. Der Zeuge Otto Küsel, Häftlingsnummer 2, floh am 29.12.1942 zusammen mit den polnischen Häftlingen Jan Baraś, Mieczysław Januszewski und Bolesław Kuczbara aus dem Lager. Nach seiner Ergreifung in Warschau wurde er erneut nach Auschwitz verbracht und am 25.09.1943 in den Bunker von Block 11 gesperrt. Vgl. Czech, S. 613 und Auschwitz 1940-1945, Bd. IV, S. 262 f.

2. Der Nachfolger von Höß, SS-Obersturmbannführer Arthur Liebehenschel, wurde am 11.11.1943 zum Kommandanten des KL Auschwitz ernannt. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. I, S. 177.

3. Küsel wurde am 23.11.1943 aus dem Bunker von Block 11 entlassen. Vgl. Czech, S. 660.

4. Küsel wurde zusammen mit 111 Häftlingen am 09.02.1944 in das KL Flossenbürg überstellt. Vgl. Czech, S. 721.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1960 in Neunburg vorm Wald, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.726

6. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.05.1960 in Neunburg vorm Wald, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.726.

7. SS-Hauptsturmführer Jakob Fries war von Mai 1942 bis Dezember 1943 Angehöriger der SS-Besatzung von Auschwitz. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. I, S. 252, Anm. 170.

8. Siehe Anlage 1 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 09.07.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 100.

9. Am 11.10.1943 wurden 54 Häftlinge, am 09.11.1943 50 Häftlinge, die im Bunker von Block eingesperrt waren, erschossen. Vgl. Czech, S. 626 u. S. 648.

10. Vgl. Czech, S. 582 f.

11. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.08.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 101, Bl. 563.

 

 
 
 
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