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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

89. Verhandlungstag, 14.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Theodor Küper

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit] einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Theodor Küper:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Küper, Sie haben Ihre Kindheit in Holland zugebracht, wo Ihre Eltern damals von Gelsenkirchen aus hin verzogen sind. Und nach der Besetzung Hollands durch die deutschen Truppen – Sie waren damals 17 Jahre alt – wurden Sie im Jahre 1941 gemustert und zur Waffen-SS eingezogen.

 

Zeuge Theodor Küper:

Richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet, aber gegen den Willen Ihres Vaters.

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, einmal, und dann wurde das zurückgezogen von meinem Vater aus. Und dann kam ja die Einberufung als solche, Jahrgang 23.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [...] Und da wurden Sie zur Waffen-SS eingezogen, hatten sich aber dort nicht hingemeldet?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht hingemeldet. Nun bekamen Sie Ihre Grundausbildung zunächst und sind eingesetzt worden auch, bekamen Gelenkrheumatismus mit Herzbeschwerden und wurden deshalb nach Auschwitz versetzt.

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein, das war umgekehrt. Ich war in der Ausbildung. Und dann sollte die Vereidigung sein, und da hatte ich mich geweigert, weil ich zum Heer wollte.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollten zum Heer und nicht zur Waffen-SS. Und deshalb haben Sie sich geweigert, den Eid dort zu leisten.

 

Zeuge Theodor Küper:

Jawohl. Und dann mußte ich ein paarmal zum Kommandanten kommen. Das war in Klagenfurt. Aber ich blieb dabei, und da mußte ich am Tennisplatz mitbauen. Bekam die Schulterklappen runter und [+ mußte] unter Bewachung Tennisplätze bauen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, das war also so eine Art Strafarbeit oder Degradierung?

 

Zeuge Theodor Küper:

Degradierung, jawohl. Und dann, nach einer Zeit, mußte ich wieder zu ihm kommen. Da blieb ich dabei. Also ich spreche jetzt nicht, weil ich hier jetzt mich reinwaschen will oder was. Ich wollte es an für sich gar nicht sagen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Theodor Küper:

Man war damals jung. Und dann mußte ich wieder zu ihm kommen, ich habe wieder verweigert, und dann wurde ich versetzt nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Auschwitz?

 

Zeuge Theodor Küper:

Jawohl. Ich wußte zwar nicht, was das war. Es waren noch mehrere, ich glaube, drei oder vier, ich kann es nicht mehr genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatten Sie da wieder Ihre Schulterklappen bekommen inzwischen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, wo wir abgerückt sind, da hat man das...

 

Vorsitzender Richter:

Da mußte man sie Ihnen wieder geben.

 

Zeuge Theodor Küper:

Ist alles draufgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da kamen Sie nach Auschwitz. Und zwar war das Ende 41 oder Anfang 42?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja da müßte ich lügen. Also ich kann es Ihnen nicht mehr sagen, ob das nun 42 oder Ende 41 ist.

 

Vorsitzender Richter:

Also um diese Zeit herum?

 

Zeuge Theodor Küper:

Um diese Zeit war es auf alle Fälle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie sind dort eingesetzt worden als was?

 

Zeuge Theodor Küper:

Als wir gekommen sind, da wurden wir zur Kompanie eingeteilt, und da hatten wir ein paar Wochen erst mal nichts zu tun. Warum weiß ich auch nicht. Dann ging das Exerzieren los, und dann wurde ich zu einer Ehrenkompanie hin versetzt. Und da war nur Gewehre verkloppen von morgens bis abends und gelegentlich auch Hauptwache stehen.

 

Vorsitzender Richter:

Hauptwache, was verstehen Sie darunter?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, das ist nachts vor allen Dingen um das Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Die Türme?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja. Und vorne am Tor, wo damals der Lagerkommandant Höß wohnte, da standen wir dann auch mal.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie kamen dann nach einem halben Jahr zur Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, ich wurde da krank. Und dann hatte ich erst Gelenkrheumatismus.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, da wurden Sie erst krank.

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, da wurde ich krank: Herz. Und Mandeln kamen raus. Also ich war lange weg. Und als ich dann wiederkam, kam ich sofort zur Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, waren Sie denn da vereidigt worden inzwischen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, und zwar kurz bevor ich krank wurde. Das war mal eine Zeit, ich kann es jetzt nicht [+ sagen, wann genau das war]. Müßte ich lügen, also ehrlich gesagt. Ich mußte mich dann und dann melden, ich wußte zwar nicht, was das war.

 

Vorsitzender Richter:

Bei wem mußten Sie sich melden?

 

Zeuge Theodor Küper:

Tja, wenn ich das noch wüßte.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Ihrem Kompaniechef, oder?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, mußte zum Kompaniechef kommen. So war es auch. Und: »Ja, morgen ist Vereidigung.« In der Zwischenzeit war man schon ein bißchen reifer geworden, und man sagte sich – hatte das vor Augen, Lager und alles –, »gib klein bei«. So war es. Und da wurde ich vereidigt. Und wie gesagt, ich wurde krank, und als ich dann wiederkam, kam ich zur Fahrbereitschaft in die Motorenwerkstatt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, was haben Sie dort zu tun gehabt?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ich habe nur Motorräder repariert.

 

Vorsitzender Richter:

Motorräder repariert. Haben Sie auch Wagen gefahren?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein, Wagen habe ich nicht gefahren. Ich war nur rein werkstattmäßig tätig.

 

Vorsitzender Richter:

Es sei denn Probefahrten oder etwas Ähnliches.

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, außer Probefahrt. Aber dann nur, wie gesagt, mit einem Krad oder...

 

Vorsitzender Richter:

Nun, gegen Ende des Krieges sind Sie dann noch zum Fronteinsatz gekommen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und kamen dann am 9. Mai 45 in amerikanische Gefangenschaft. An der Ankunftsrampe hatten Sie niemals Dienst zum Abschirmen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Theodor Küper:

Es tut mir leid, kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie nicht dort. Haben Sie einmal bei Ihrem Wachestehen gesehen oder erlebt, daß Menschen erschossen worden sind?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht.

 

Zeuge Theodor Küper:

Das kann ich ganz ehrlich sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Daß dort Menschen vergast wurden und in Krematorien verbrannt wurden, das haben Sie wohl wahrgenommen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Hat man vom Hörensagen [+ gewußt]. Selber habe ich nie was gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Geruch?

 

Zeuge Theodor Küper:

Wie meinen Sie das?

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie nicht den Geruch dieser verbrannten Leichen immer vor der Nase?

 

Zeuge Theodor Küper:

Als ich da ankam – man machte ja kaum ein Fenster eben auf –, sage ich: »Menschenskinder, das stinkt hier immer so, was mag das sein?« »Ja«, sagen sie, »weißt du es nicht, das ist das Krematorium.« Ich hatte noch nie was von einem Krematorium gehört oder irgendwas.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal Fahrbefehle in der Hand gehabt?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Schriftliche Fahrbefehle?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht? Sie wissen auch nicht, wer die ausgestellt hat?

 

Zeuge Theodor Küper:

Das tut mir furchtbar leid.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht. Hatten Sie auch Sankas in Ihrer Bereitschaft?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und fuhren die auch zu diesen Transportankünften, wenn da neue Häftlingstransporte ankamen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Da muß ich leider ja und nein sagen. Ich weiß es nicht, weil mein Betätigungsfeld ganz woanders lag, wo ich das nicht einsehen konnte. Sicher, wenn ich mal auf den Hof kam, und da mußte ein Sanka weg, da fuhren sie es vom SS-Revier. Das kann ich wohl sagen. Aber wie das gehandhabt wurde [+ wußte ich nicht], weil ich mit dem Einsatz der Wagen überhaupt nichts zu tun hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie einmal Gelegenheit, auf die Rampe zu kommen bei solchen Ankünften von Transporten?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ich weiß gar nicht, Rampe, ich habe viel gelesen davon jetzt. Aber ich muß ehrlich sagen, da kann ich nichts sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie einmal Zeuge, wenn ein Mensch irgendwie getötet worden ist auf irgendeine Art und Weise?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein, muß ich nein sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie nicht dabei. Kannten Sie den Adjutanten?

 

Zeuge Theodor Küper:

Tja, von Ansehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß er?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja da waren mehrere.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Kannten Sie den Adjutanten Mulka?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Von Ansehen. Bei welcher Gelegenheit haben Sie ihn gesehen?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ich glaube, da ist er mal bei uns auf den Hof gekommen und wollte seinen Wagen holen. Oder er hat mal in die Werkstatt reingeguckt, und ich lief ihm grade in...

 

Vorsitzender Richter:

Hatte er einen eigenen Wagen gehabt?

 

Zeuge Theodor Küper:

Das kann ich nicht mehr sagen, ob das ein eigener war. Und da habe ich eine Meldung gemacht. Wie das so ist, wenn ein Offizier kam, ist egal, welcher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist klar.

 

Zeuge Theodor Küper:

Man mußte ja melden.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Näheres über seine Tätigkeit und über seine Stellung auch zur Fahrbereitschaft haben Sie nicht gehabt?

 

Zeuge Theodor Küper:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, mit Broad waren Sie zusammen bei der Wacheinheit?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, in der Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

In der Kompanie.

 

Zeuge Theodor Küper:

Habe ich ihn kurz kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Was er später für eine Tätigkeit ausgeübt hat, wissen Sie das?

 

Zeuge Theodor Küper:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Theodor Küper:

Ich war noch, will mal sagen, eine Zeit in der Kompanie, weil ich keine Unterkunft bekam. Dann blieb man noch, und da habe ich ihn kennengelernt. Nun weiß ich nicht, ich glaube, ich war eher weg von der Kompanie oder er, das kann ich nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Das Gericht? Keine Fragen mehr. Die Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Zeuge, Sie hatten bei Ihrer Vernehmung durch den Untersuchungsrichter1 auf die Frage, ob Sie wüßten, woher die Fahrbefehle kamen, gesagt, sie wären von der Kommandantur gekommen. Heute sagen Sie, Sie wissen das nicht.

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, das ist klar. Das möchte ich auch nicht bestreiten. Die sind von oben gekommen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren Sie in der Praga-Halle?

 

Zeuge Theodor Küper:

In der Praga-Halle war ich nicht. Ich war nur mal kurz mit Herrn Wiegand dort, der kontrollierte sonntags mal die Praga-Halle, ob da Frauen waren. Und da bin ich zweimal dagewesen, und wir haben die Leute überrascht da.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Wer ist denn in der Praga-Halle der Diensttuende gewesen? Bei Ihnen war es der Herr Wiegand. Und in der Praga-Halle?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, Moment mal, wer war in der Praga-Halle?

 

Staatsanwalt Kügler:

Bedeutet Ihnen der Name Siebald in dem Zusammenhang etwas?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja. Ja. Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das derjenige, der dort die Sachen unter sich hatte?

 

Zeuge Theodor Küper:

Ja, ob direkt, das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Theodor Küper:

Aber er hatte da irgendwie eine Funktion.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Die Verteidigung, Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting, Doktor Eggert? Nicht. Der Angeklagte Mulka? Wollen Sie keine Erklärung abgeben? Werden wegen der Beeidigung des Zeugen Erklärungen abgegeben? Dann muß der Zeuge beeidigt werden. Können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Theodor Küper:

Soweit es

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 22.08.1962 in Burgdorf, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.328.

 

 
 
 
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