Logo Fritz Bauer Institut
 
Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

90. Verhandlungstag, 17.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Erwin Kühne

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kühne, Sie heißen Erwin mit Vornamen, sind von Beruf?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Werkzeugdreher.

 

Vorsitzender Richter:

Werkzeugdreher. Wie alt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

57.

 

Vorsitzender Richter:

57 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo wohnen Sie?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Rathmannsdorf, Kreis Pirna, bei Bad Schandau. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Rathmannsdorf bei Bad Schandau. Sind Sie verwandt oder verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Kühne, Sie sollen in Auschwitz gewesen sein.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Im Konzentrationslager.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns bitte einmal erzählen, wieso es kam, daß Sie dorthin gekommen sind? Was haben Sie für eine Vorbildung? Sie sind in die Volksschule gegangen vermutlich.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich bin in die Bürgerschule gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Bürgerschule gegangen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Habe vier Jahre das Dreherhandwerk erlernt.

 

Vorsitzender Richter:

Wo?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Magdeburg. Bin dann nach Berlin gegangen und habe bei Daimler-Benz gearbeitet. Und bei Daimler-Benz habe ich mich damals politisch betätigt als Kommunist und mußte 1936 emigrieren nach Prag. In Prag habe ich mich dann halten können bis 1942, wo ich verhaftet wurde von der Gestapo. Und ging von Prag nach Theresienstadt, war circa, vielleicht sechs Wochen in Theresienstadt, Kleine Festung. Und kam von dort nach Auschwitz. Ins Hauptlager.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann kamen Sie dort ungefähr hin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das muß noch Winter gewesen sein, denn es lag Schnee. Denn wir wurden von den – wie nannte man den da drin? Ins Bad, mußten wir uns nackend ausziehen und mußten raus im Schnee stehen.

 

Vorsitzender Richter:

Also zunächst: Sie sagten, 42 sind Sie verhaftet worden in Prag, kamen dann nach Theresienstadt, und Sie meinten, im Winter nach Auschwitz. War das der Winter 42 auf 43?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auf 43, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sind Sie dorthin gekommen, mit einem Eisenbahntransport?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mit so einem Gefängnistransportwagen über Dresden nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie viele Menschen waren da drin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da waren von Theresienstadt noch... Meistens Tschechen wurden den Tag mit transportiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und zu wie vielen kamen Sie dort ungefähr an?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wir kamen abends. Nachts war alles beleuchtet. Überm Tor stand »Arbeit macht frei«. Dort kamen wir an.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wo sind Sie denn ausgeladen worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Am Bahnhof.

 

Vorsitzender Richter:

Am Bahnhof. War das der normale Personenbahnhof von Auschwitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war noch der normale Personenbahnhof.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und sind von dort aus rübergelaufen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Rübergelaufen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele Personen waren das ungefähr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wir waren, glaube ich, zwei Waggons, so 120, 100. 100, 120 Personen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

120 Mann etwa. Und Sie sind direkt insgesamt ins Lager aufgenommen worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Aufgenommen worden, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also da fand keine Selektion oder so was statt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Den Abend nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Den Abend nicht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie wohin gekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hinten in den Block, in die Kleiderkammer, also Baden und Haare schneiden und Rasieren und alles. Und da wurden wir rausgetrieben von dem derzeitigen SS, der dort die Leitung hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wer das war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich komme jetzt nicht auf den Namen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Na ja. Wenn Sie es nicht mehr wissen, können Sie es nicht sagen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich komme schon noch drauf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wurden Sie rausgetrieben. War das noch in der Nacht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war in der Nacht, ja. Da haben wir circa zwei bis drei Stunden im Schnee gestanden. Währenddem, wo wir dort standen, stand neben mir... Ich war damals – wie alt war ich denn damals – paarunddreißig. Neben mir stand ein Älterer, der sagte immer: »Stehen und Trampeln.« Währenddem liefen aber schon verschiedene Häftlinge nach dem Zaun, wo sie natürlich von den Türmen abgeschossen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Dann kamen Sie in welchen Block?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da kam ich in Block 9.

 

Vorsitzender Richter:

In Block 9. Wissen Sie noch, wie der Blockführer und der Blockälteste hieß?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ich weiß nur, daß der Blockälteste ein Pole war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie er hieß, wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie zur Arbeit eingesetzt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich kam von dort nach Monowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Monowitz.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch ein Nachttransport. Zu Fuß kamen wir erst noch mal in eine solche – na, wie nannte man das hier – Entlausungsstation dort und von dort direkt nach Monowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da blieben Sie in Block 9 gar nicht lange?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da war ich nicht lange.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie nicht lange. Und in Monowitz waren Sie auch untergebracht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da war ich, ja. Die ersten Wochen mußten wir hier Baracken aufbauen und Strohsäcke stopfen, und dann ging es ja ins Buna-Werk zum Arbeiten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Und wie lange blieben Sie in Monowitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Monowitz wurde ich verhaftet von der Politischen Abteilung, abends, und kam nach Auschwitz in den Bunker. Das war Juli/August, also im Spätsommer 43.

 

Vorsitzender Richter:

In Block 11?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach Block 11, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie verhaftet?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Politische Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Wer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war die Politische Abteilung vom Buna-Werk.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wer das war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die Namen sind mir entfallen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind entfallen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann waren Sie in Block 11?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sind Sie rübergekommen nach Block 11? Mußten Sie da laufen oder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, mit einem Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Da hat Sie der von der Politischen Abteilung aus Monowitz rübergebracht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Persönlich rübergebracht, ja.

 

Vorsitzender Richter:

In was für eine Art von Zelle kamen Sie im Block 11?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da kam ich unten in den Keller, ohne Decken, ohne alles auf Zementfußboden. Da brachte mir der Kalfaktor, Jakob nannten sie ihn, dann trotzdem noch heimlich drei Decken. Er frug noch, von wo ich komme. Ich sagte, bin Reichsdeutscher. Der brachte mir drei Decken, daß ich mich eben auf die Decken legen konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie allein in der Zelle?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da waren vielleicht vier oder fünf Häftlinge noch mit drin.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie ging es dann weiter? Wurden Sie da rausgeholt zur Vernehmung?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich weiß nicht [unverständlich] weil der von der Politischen Abteilung sagte dann: »Morgen früh geht es an die Wand.«

 

Vorsitzender Richter:

Der von Monowitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der von Monowitz erst, ja. Und dann meinte aber der Jakob: »Ach, so ängstlich brauchst du nicht sein. Wollen erst mal abwarten.« Ich meine, daß man dann da Angst hatte, ist ja klar. Nun weiß ich nicht mehr, welchen Tag ich dorthin gekommen bin. Ich glaube, freitags. Und da sagte der noch, der Jakob, zu mir, dann kommt der Kommandant des Lagers, also vielmehr des Kommandanten der...

 

Vorsitzender Richter:

Der Kommandant des Lagers?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nee, hier da – wie nannten Sie den gleich vorne? Allerhand Titel, Obersturmführer und...

 

Vorsitzender Richter:

Was sollte der denn für eine Funktion haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der kam mit dem Lagerältesten dann, das, glaube ich, war freitags, kam der Adjutant, und der sagte, der würde noch hier Verschiedene entweder rausholen oder auch die, die an die Wand gestellt werden müßten. Da kam dann der von dem Lagerkommandanten eben. Was ich von Beruf wäre, fragte er. Ich sage: »Na, Werkzeugdreher.« Darauf sagte dann der [Pause] Mulka, glaube ich, heißt der, Mulka oder so ähnlich war der Name, sagte mir nämlich schon der Jakob, und ich sollte als Meister die Krupp-Halle übernehmen. Da wurden Zünder angefertigt und so was. Da war ich vielleicht circa 14 Tage, und dann holte mich dann der von der Fahrbereitschaft, weil ich auf Autobau gearbeitet hatte bei Daimler-Benz, in die Fahrbereitschaft rein. Also rausgeholt hat mich der Adjutant des Kommandanten aus dem Bunker. Und ich konnte arbeiten gehen wieder in die Krupp-Halle. Wir nannten sie Krupp-Halle, war aber Union. Ja, Union nannten sie das.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, einen Augenblick mal, warum sind Sie denn festgenommen worden in Monowitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich sollte Verbindung aufgenommen haben mit polnischen Partisanen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit polnischen Partisanen? Das waren also gewissermaßen politische Gründe oder Widerstandsbewegung, oder wie man das nennen soll.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das war folgendes: Da waren zwei Kapos in Monowitz, die hatten wohl eine Binde, marschierten aber früh ohne Kommando aus. Und das waren Spitzel der Politischen Abteilung. Und die beiden Spitzel sozusagen hatte ich entlarvt, also unseren Mithäftlingen gegenüber. Und daraufhin kam eben am Abend die Politische Abteilung und holte mich eben ab.

 

Vorsitzender Richter:

Mit der Begründung, Sie hätten Beziehung aufgenommen zu Partisanen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Wirklichkeit hat das gar nicht gestimmt, oder doch?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hat das gar nicht gestimmt, sondern nur deshalb, weil ich die beiden eben sozusagen zur Strecke gebracht hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie denn von der Politischen Abteilung nie verhört worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, nur in Monowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Nur in Monowitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nur in Monowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat man Ihnen da vorgeworfen? Sie hätten Verbindung zu Partisanen aufgenommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

So ungefähr, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie gesagt, das stimmt nicht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das stimmt nicht, ich sagte, das ist nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah dann?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und darauf hat er gesagt: »Na, du wirst heute Abend noch nach Auschwitz überstellt. Das wird sich eben in Auschwitz schon klären.«

 

Vorsitzender Richter:

Und da kam aber die Politische Abteilung nicht mehr, in Auschwitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nee, der Henker von Auschwitz hat sich da nicht sehen lassen. Vor dem hatte ich natürlich schon Schiß.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie, Sie sind in den Keller gekommen. War das auch am Freitag, oder haben Sie

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nee, wann war das?

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Tage waren Sie denn dort?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ein Sonntag war dazwischen, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Sonntag war dazwischen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Also das kann Sonnabend abend gewesen sein, Sonntag und dann bis zum Freitag, Donnerstag, Freitag. So ungefähr, circa acht bis zehn, 14 Tage war ich dort drin, länger nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Acht bis zehn Tage oder bis 14 Tage, meinen Sie. Und in dieser Zeit hat die Politische Abteilung sich nicht um Sie gekümmert?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da dann nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie denn verpflegt in der Zeit?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier der Jakob brachte mir Brot. Und ich mußte dann auch oben helfen hier mit saubermachen, die Treppen reinigen und Flur und alles. Frühmorgens, wenn der Jakob mich rausholte dort, kriegte ich Besen, Wasser und Scheuerzeug in die Hand und konnte auch vom Fenster aus die Erschießungen sehen. An der Schwarzen Wand. Wo ich selbst gesehen habe, wie der – wir nannten ihn ja den »Henker von Auschwitz«– Boger verschiedene Häftlinge abknallte. Polnische Studenten, die sie den Morgen angebracht hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wir wollen mal langsam vorgehen. Sie waren in dem Keller da drin und mußten Reinigungsarbeiten übernehmen, wurden von dem Jakob verpflegt. Wen haben Sie sonst noch in dem Bunker gesehen? War da noch ein Bunkerführer oder Blockältester?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ja, hier der Scharführer oder was der war.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß er?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Da komme ich nicht drauf.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr. Und was hat der gemacht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, da waren gerade rüber die sogenannten Stehzellen, die waren so schräg. Den Tag war gerade ein junges Mädel drin, die da nackend drinstand. Da schloß der Scharführer die Tür auf, und die fiel dort raus. Waren so verschiedene schmale Strafzellen, wie sie das nannten dort unten.

 

Vorsitzender Richter:

Der schloß die Tür auf, und die fiel heraus?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die fiel heraus, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie groß war denn die Tür ungefähr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

War nur so schmal.

 

Vorsitzender Richter:

So schmal. Und wie hoch?

 

Zeuge Erwin Kühne:

So gerade, daß ein Mensch so reinkonnte. Und dann war es aber unten so schräg, also daß der Mensch ganz schräg drin stehen mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie konnten Sie denn das sehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das konnte ich daher sehen, weil ich ja unten saubermachte, den Gang unten im Keller.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie kam der dazu, gerade um diese Zeit diese Zelle aufzuschließen? Da gab es doch nichts zu essen. Oder war da jemand da in dem Haus, der Leute aus den Zellen herausholte zum Erschießen oder so?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war ja hier, wo die Politische Abteilung kam: Boger. Das war frühmorgens immer so, so eine halbe Stunde nach dem Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Kamen die öfter?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die kamen öfter, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie oft ungefähr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Man kann bald sagen, täglich.

 

Vorsitzender Richter:

Fast täglich. Und wie spielte sich das denn ab, wenn die kamen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, die kamen dann rein und holten dann... Ich hatte das ja schon vorher beobachtet, also noch auf dem Appellplatz, wie Nummern aufgerufen wurden von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auf welchem Appellplatz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

In Auschwitz. Da waren Sie doch überhaupt so gut wie kaum.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Das war, als ich früher da war, wenn frühmorgens immer polnische Nummern aufgerufen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange waren Sie denn in Auschwitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da war ich vorher doch, als ich in der Quarantäne war, die erste Zeit, ehe ich nach...

 

Vorsitzender Richter:

Monowitz kam.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Monowitz kam.

 

Vorsitzender Richter:

Da sagten Sie doch, das wäre nur ganz kurz gewesen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, acht bis 14 Tage vielleicht.

 

Vorsitzender Richter:

Acht bis 14 Tage?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie da beim Appell gesehen morgens?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Daß immer morgens hier die jungen Polen aufgerufen wurden. Und dann habe ich gesehen, wie sie Abschied nahmen von ihren polnischen Mithäftlingen und eben dann nach dem Bunker geführt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das haben Sie gesehen. Und nun will ich von Ihnen wissen: Wie war das im Block 11, wenn die Politische Abteilung kam?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann kam frühmorgens die Politische Abteilung und holte verschiedene Häftlinge heraus und führte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso wissen Sie das? Hat man aus Ihrer Zelle auch Leute herausgeholt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hat man auch Leute rausgeholt. Da waren Polen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja, erzählen Sie mal, wie das war. Da wurde die Tür vermutlich aufgeschlossen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die wurde aufgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann wurde die Nummer auf einer Liste mit einem Zettel, die wurde aufgerufen. Die mußten raustreten. Jeder hatte ja selber Angst, daß er selbst mit dran war. Und dann wurden sie rausgeführt, links die Treppe runter und rechts

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einen Moment, nicht so schnell. Und Sie wurden nicht aufgerufen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ich wurde nicht aufgerufen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat da irgend jemand gemeldet, wenn die kamen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das war ja sowieso. Soundso mit soundso viel Häftlingen belegt die Zelle. Das war ja

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mußten Sie das auch mal machen, das Melden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mußte ich selber auch machen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Konnten Sie dann auch sehen, wer vor der Tür stand, wer da aufgeschlossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das war hier der Scharführer, der zuerst aufschließt. Das war sozusagen der Blockführer von diesem Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. [Pause] Wie sah der denn aus?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Ach, groß. [Pause] Wenn man ihn in SS-Uniform sehen würde, würde ich ihn ja wiedererkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie wiedererkennen. Der hat aufgeschlossen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war da noch mit dabei?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, dann stand die Politische Abteilung dahinter.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt »die Abteilung«? Das sind Begriffe. Welche Menschen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

War hier der Boger, Grabner...

 

Vorsitzender Richter:

Wie, Grabner? Weiter.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Grabner.

 

Vorsitzender Richter:

War der Boger auch dabei?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Boger, Grabner. Und da war noch, wie hieß denn der andere? [Pause] Natürlich sind mir viele Namen entfallen, die ich nun nicht mehr so weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das wundert mich überhaupt. Sehen Sie mal, Sie kommen also nach Block 9 acht bis 14 Tage, sind dann in Monowitz, werden in Monowitz rüberverfrachtet nach Block 11, und nun kennen Sie alle Leute, die da herumgehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Den Herrn Boger kennen Sie.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Den hatten Sie doch vermutlich noch gar nicht gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wußten Sie denn, daß dieser Mann Boger hieß und der andere Grabner?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil der Jakob sagte schon: »Na, der Boger kommt und der Grabner.« Und dann auch später, weil ich ja ziemlich ein Jahr noch in Auschwitz war, habe ich sie ja dann täglich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Und die kamen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War da auch sonst noch jemand dabei, der Kommandant oder der Schutzhaftlagerführer oder sonst jemand?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Bei der Erschießung früh habe ich sie nicht gesehen, weil man ja so weit aus der Zelle nicht rausgucken konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie waren aber doch an der Tür, wenn Sie gemeldet haben

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Wo ich denn nachher aufgewaschen habe und dort reinegemacht habe, da habe ich dann schon öfter gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Da konnten Sie also während der Erschießungen in dem Block 11 herumlaufen und putzen und wie? Und aus den Fenstern gucken?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da oben. Wir waren dann oben am Fenster, wo vorne die Aufnahme war. Da konnten wir so rechts rübergucken nach der Schwarzen Wand.

 

Vorsitzender Richter:

Und da war gar niemand da, der Sie daran gehindert hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In dem Moment war keiner da.

 

Vorsitzender Richter:

War keiner da.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Bisher haben wir das anders geschildert bekommen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nur an der Tür stand einer, wo es dann rausgeht nach dem Hof.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Hof?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie gesehen, daß Boger Leute erschossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Leute erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da auch noch andere dabei?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, da waren noch andere, hier die SS-Posten waren noch mit dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Was verstehen Sie unter SS-Posten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, eben die mit den Karabinern und so dort rumliefen.

 

Vorsitzender Richter:

Wo liefen Leute mit Karabinern herum?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, die Blockführer oder wie die sich nannten, die eben mit dem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die hatten im Lager Karabiner?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, die hatten bloß Pistolen, aber die Wachmannschaften und was so kam, zur Wache oder so, waren ja welche mit Karabinern, die auch manchmal dort zu tun hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Die liefen im Block 11 herum?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Im Block 11, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wachmannschaften?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ob das nun Wachmannschaften waren oder ob die direkt von innen waren, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

So, und wie viele waren das ungefähr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Das weiß ich auch nicht mehr. Fünf oder sechs Mann manchmal.

 

Vorsitzender Richter:

Fünf bis sechs.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Manchmal kamen sie früh alleine rein, ein paar bloß.

 

Vorsitzender Richter:

Wer kam alleine?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier der Boger, Grabner, und ich komme bloß auf den dritten jetzt nicht. War immer noch einer, der hatte auch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War der auch von der Politischen Abteilung?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, hatte auch hier Sterne, also war so wie Sturmführer, Obersturmführer, so was.

 

Vorsitzender Richter:

Und die kamen auch immer alleine?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben sie auch die Leute herausgeholt

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Herausgeholt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann erschossen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und da haben wir es ja auch...

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das einmal gesehen oder mehrmals?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, gesehen hatte ich es einmal. Aber knallen hören haben wir es ja öfter des Morgens.

 

Vorsitzender Richter:

Gesehen haben Sie es einmal. Nun sagen Sie mal, bei diesen Erschießungen, wie sah denn das aus? Wo standen denn da die Leute?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die wurden so hingeführt, da war so ein Sandhaufen, der war so erhöht. Und dann war rechts die Schwarze Wand. Das war zwischen Block 10, dem sogenannten Versuchsblock da, und Block 11. Dazwischen war das. Und bei Block 10, da war ja alles zu mit Brettern, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie viele Leute wurden denn da hinausgeführt? Wurden die alle zusammen hinausgeführt, oder blieben die

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nein, jedesmal zwei Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Jedesmal zwei Mann.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wo ich gesehen habe, waren es jedesmal zwei Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Zwei Mann. Wer hat die hinausgeführt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war manchmal hier auch der Blockführer. Und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Blockführer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der Blockführer von Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Von dem Sie nicht wissen, wie er heißt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich komme nicht auf den Namen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Und wer war es noch?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und auch manchmal hat sie rausgeholt der Jakob.

 

Vorsitzender Richter:

Jakob. Jeweils zwei Mann. Und wo wurden die hingeführt, mit dem Gesicht wohin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach der Schwarzen Wand zu. So ging es die Treppe runter, und so wurden sie runtergeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat sie totgeschossen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, die standen dann links. Das war einmal, wo ich beobachtet habe, der Boger. Und die anderen, da habe ich dann nicht so beobachtet, wer das war.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele haben Sie da gesehen, daß der Boger totgeschossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das waren dreimal oder viermal zwei Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Viermal zwei Mann. Während der ganzen Zeit konnten Sie da oben am Fenster stehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da konnte ich nicht so stehen am Fenster. Ich habe dann wieder weitergemacht dort [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War das im Erdgeschoß oder im ersten Stock oben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das war unten im Parterre.

 

Vorsitzender Richter:

Im Erdgeschoß?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Erdgeschoß, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah dann, wenn die Leute totgeschossen waren? Was geschah mit den Leichen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da wurde dann später das Tor aufgemacht, dann kamen Wagen rein, und da haben sie sie rausgefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das auch gesehen noch?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war dann das Kommando dort, die die dann rausbrachten.

 

Vorsitzender Richter:

Und das haben Sie auch gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das muß sich doch eine ganze Zeitlang hingezogen haben, nicht? Viermal zwei Mann erschossen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nachher, wenn jeweils zwei erschossen waren, wo haben sie die denn hingeschafft?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die wurden so nach der Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Nach der Seite hin.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach dem Tor zu.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Tor zu.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn das gemacht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war dann auch hier der Jakob mit, nicht, hier der Starke da drinnen, der Bunker[+ -Jakob].

 

Vorsitzender Richter:

Der hat die Leichen dann von der Schwarzen Wand dahin geschafft?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weggezogen. Manchmal haben sie sie auch liegenlassen. Beim zweiten Mal, als ich es gesehen habe, waren sie liegengeblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Vor der Schwarzen Wand?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vor der Schwarzen Wand, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die anderen haben sich dann draufgestellt, oder wie?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, so vor...

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da war doch ein Sandhaufen, der war so etwas schräg, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Jakob hat die dann weggeschafft. Und dann, wer hat sie dann abgeholt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war ein Kommando.

 

Vorsitzender Richter:

Das war ein Kommando.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das muß doch also eine Zeitlang gedauert haben, nicht? Viermal zwei Mann rausführen, viermal zwei Leute erschießen, viermal zwei Leute wegschaffen, viermal zwei Leute aufladen, viermal zwei Leute fortfahren. Das erfordert doch

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Na, die haben ja die nicht einzeln weggefahren. Die wurden ja nachher auf so einen Karren raufgeschmissen.

 

Vorsitzender Richter:

Und da hat kein Mensch Anstoß genommen, daß Sie in der ganzen Zeit aus dem Fenster rausgeguckt haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da waren mehr Häftlinge oben, nicht bloß ich alleine. Da war noch ein Häftling.

 

Vorsitzender Richter:

Noch einer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat denn der gemacht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da war der Schreiber mit drin. Ein Schreiber, glaube ich, noch, der die Aufnahmen da machte.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie da, als Sie das gesehen haben, auf dem Flur oder in einem Zimmer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da hatte ich gerade die Fenster abgewischt.

 

Vorsitzender Richter:

Die Fenster abgewischt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Abgewischt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welchem Raum waren die Fenster?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Gleich, wenn man raufkommt, neben der Türe war der Raum.

 

Vorsitzender Richter:

Neben der Türe.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Neben der Tür in dem Aufgang von innen. Der ging ja von innen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, das müssen Sie uns nachher mal auf einem Stück Papier zeigen, wie das war.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da haben Sie das also alles mit angesehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ging es weiter. Jetzt kam der Kommandant, sagten Sie, und dann kam...

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, der Kommandant nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der kam nicht persönlich. Hier sein Adjutant.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So sagten Sie vorhin. Adjutant.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Adjutant des Kommandanten.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wußten Sie, daß das der Adjutant des Kommandanten war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil mir das der Jakob sagte.

 

Vorsitzender Richter:

Der hat Ihnen schon vorher gesagt, daß der kommt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der kommt früh durch hier und...

 

Vorsitzender Richter:

Kam denn der öfter?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich habe es ja nur einen Freitag erlebt dort drin.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, ich meine, sie haben doch auch bei den Erschießungen das öfter erlebt, daß da Leute rausgeholt wurden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da habe ich den Adjutanten nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sah denn der aus, der Adjutant?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das weiß ich heute auch nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie gar nicht mehr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und war der allein, der Adjutant?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da war auch immer noch hier der Blockführer mit dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Der Blockführer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, und dann der Rapportführer.

 

Vorsitzender Richter:

Der Rapportführer. Wer war denn das?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war seinerzeit die erste Zeit Palitzsch und hinterher der... [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

In der Zeit, als Sie im Gefängnis gesessen haben, das waren acht bis 14 Tage, haben da die Rapportführer gewechselt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da nicht. Da war noch der Palitzsch, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Na, und welcher Rapportführer kam denn da?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Palitzsch.

 

Vorsitzender Richter:

Palitzsch. Die ganze Sache hat sich abgespielt im Juli/August 1943, nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da war Palitzsch mit dem Adjutanten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie, daß das Palitzsch war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch durch den Jakob, daß das der Rapportführer Palitzsch ist.

 

Vorsitzender Richter:

Hat auch der Jakob gesagt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kam eigentlich der Jakob dazu, daß er Ihnen gegenüber so redselig und freundlich war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil ich ihm geholfen habe hier beim Reinemachen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, das konnte er doch billig haben, der Jakob. Der konnte ja alle Leute dafür haben, nicht, denn die waren ja alle froh

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da hat er mir dann öfter

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wenn sie mal da rausdurften.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Öfter mal ein Stück Brot gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Eben. Aber ich meine, wieso hat er gerade für Sie so viel übrig gehabt, daß er Ihnen das da alles erzählt hat und

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und da hat er Ihnen also gesagt, da kommt der Adjutant des Kommandanten, Mulka heißt er.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und außerdem bringt er mit den Rapportführer Palitzsch.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Palitzsch.

 

Vorsitzender Richter:

Und die kamen dann auch?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die kamen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar an einem Freitag?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und dabei war auch hier der Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Auch wieder der Blockführer, von dem Sie nicht wissen, wie er heißt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Blockführer 11, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Um welche Tageszeit kamen die denn an?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch früh.

 

Vorsitzender Richter:

Auch früh?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch früh, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Um welche Zeit?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das weiß ich nicht. Also am frühen Vormittag war es. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Vormittag war es.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die waren zusammen? Allein?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das heißt also doch, der Blockführer war noch dabei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst niemand?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Palitzsch, Mulka, Blockführer. Und wer hat denn da die Tür aufgeschlossen von der Zelle?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das habe ich ja von drinnen nicht sehen können.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht sehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann sind Sie also rausgegangen und haben gemeldet.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Habe gemeldet, soundso mit Häftlingen belegt, und daraufhin meine Nummer gesagt. Und da frug mich der Adjutant, was ich von Beruf wäre. Sagte ich eben: »Werkzeugdreher.« Wo ich gearbeitet hätte? »Bei R. Stock in Berlin, Daimler-Benz, AEG Berlin.« »Ja«, sagte er, »ein Fachmann. Können wir gebrauchen in der Krupp-Halle.«

 

Vorsitzender Richter:

Gut, und wo war die Krupp-Halle?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die war innerhalb des Lagerbereichs.

 

Vorsitzender Richter:

Stammlager?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Stammlager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die Krupp-Halle war im Stammlager? I?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, also in der Großen Postenkette.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Und in welcher Gegend ungefähr? Nach Birkenau zu oder

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Wenn wir rausmarschierten, links.

 

Vorsitzender Richter:

Rausmarschierten vom Stammlager?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vom Stammlager, dann mußten wir dann dort rum und dann nach links, das weiß ich noch, nach Birkenau zu, die Richtung.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum hieß diese Halle Krupp-Halle? Hat das was mit der Firma Krupp zu tun gehabt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wir haben angenommen, daß die Drehbänke und die Maschinen und alles, daß das eben von der Firma Krupp dort aufgestellt war.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war denn da drin zu tun, was wurde denn da gearbeitet?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Zünder wurden dort hergestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Zünder wurden gearbeitet. Und da kamen Sie hin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie dann untergebracht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da kam ich nach Block 4 oder 3 – Block 4.

 

Vorsitzender Richter:

Im Stammlager?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Im Stammlager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also Juli oder August 43, nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

43, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Juli oder August 43, Block 4.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war da der Blockälteste?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war Ihr Blockführer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Sommerer. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sommerer. Und nun sind Sie ja erst Anfang 45 herausgekommen, nicht? Aus dem Lager sind Sie doch erst Anfang 45 herausgekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, 44 war das noch.

 

Vorsitzender Richter:

Momentchen. Ich kann mich irren, aber ich will es mal... Wie lang blieben Sie denn in Auschwitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Bis 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis wann in 44?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Im Juni.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Juni 44. Und wieso kamen Sie da heraus und wohin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da kam ich in ein Bewährungsbataillon.

 

Vorsitzender Richter:

Zu dem Dirlewanger?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ich kam zu dem 12.005, weil ich bei Daimler-Benz Panzer eingefahren habe, und wurde dort abgesetzt und kam zu so einer Nachschubfahrerkolonne.1

 

Vorsitzender Richter:

12.005?

 

Zeuge Erwin Kühne:

12.005 war die Feldpostnummer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, richtig. Aber ich will jetzt nicht die Feldpostnummer, sondern wie hieß denn das Bataillon? Was hatte denn das für eine Nummer gehabt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war Panzerregiment Nummer 5, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

500?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, Nummer 5. Wiensdorf, Panzerregiment Nummer 5

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wünsdorf?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein Wehrmachtsregiment?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, war Wehrmacht. [Pause] Das war auch direkt Wehrmacht.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie von der SS zur Wehrmacht gekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Zur Wehrmacht gekommen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war im Juni 44?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Juni 44, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie also noch ein knappes Jahr in dem Block 4 bei Krupp?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Nein, ich war nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Block 4 gewohnt und

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ich war nicht so lange bei Krupp.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange waren Sie in der Krupp-Halle?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Bei Krupp habe ich nicht lange gemacht, vielleicht höchstens vier bis sechs Wochen. Und darauf holte mich der – weiß ich nicht mehr, wie der heißt – Wiegand von der Fahrbereitschaft in die Fahrbereitschaft zu der Praga-Halle.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn ich Sie recht verstehe, muß das dann im September oder Oktober gewesen sein?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, so was.

 

Vorsitzender Richter:

September oder Oktober 43.

 

Zeuge Erwin Kühne:

43, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und da blieben Sie nun, bis Sie

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Bis zum Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wohnten Sie denn da, wo waren Sie denn da untergebracht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Blieb ich auf demselben Block.

 

Vorsitzender Richter:

Blieben Sie auf Block 4?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Block 4, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im Stammlager?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Im Stammlager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie Ihr Blockältester hieß, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nur an den Blockführer Sommerer können Sie sich

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Sommerer, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war denn damals Rapportführer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Da war Kaduk

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da war dann Kaduk. Denn Palitzsch – weiß nicht, wie das war damals –, der war aber verhaftet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Der war verhaftet worden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Um die Zeit rum, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war damals Kommandant des Lagers?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Kommandant war da noch Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war noch Adjutant?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mulka.

 

Vorsitzender Richter:

Mulka.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Lagerführer war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War Mulka noch bis zu Ihrem Wegkommen Adjutant dort?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie wegkamen? Sie mußten sich ja bei irgend jemand abmelden vermutlich, als Sie da ins Wehrmachtsbewährungsbataillon kamen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ich weiß nicht, wie... War ein Sturmführer, der mich damals

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind Sie da nicht beim Adjutanten gewesen, sich abmelden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Na, da werden wir nachher drauf zu sprechen kommen. Also jedenfalls Sie sagen: Adjutant war Mulka, und Kaduk war Rapportführer.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer der Lagerführer war, also der Schutzhaftlagerführer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, da war erst Aumeier, und dann kam wieder ein neuer. Aber der Name ist mir auch entfallen. [Pause] Und ein Hofmann war auch Lagerführer oder stellvertretender Lagerführer oder so ähnlich, ich weiß nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie, haben Sie auch mal einen Adjutanten Höcker gekannt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Höcker. Ah, das war Fahrbereitschaft, Höcker.

 

Vorsitzender Richter:

Na, das weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht, in welcher Eigenschaft Sie ihn kennengelernt haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ja. Das war Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Der war in der Fahrbereitschaft?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] gab zwei [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch einmal einen Adjutanten des Lagers namens Höcker kennengelernt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Na, jetzt, [Pause] Höcker, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie haben Sie ihn kennengelernt, bei welcher Gelegenheit?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das ist folgendes: Wenn wir Wagen bereitgestellt haben – wie war denn das immer? –, dann kriegten wir, weil doch bei uns die Reparatur war und auch die Wagen fertig zu machen und mit Benzin [unverständlich] Brennstoff zu füllen waren und so weiter, die Fahrbefehle mit. Dann wurde zum Beispiel manchmal ein Wagen fertiggestellt, den nannten wir »Goldtransport«, da nahmen wir immer den Mercedes, der fuhr nach Berlin. Dann wurden die Sachen von »Kanada«...

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn das für ein Wagen? War das ein Lkw?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Lkw, ja. Da kamen dann Kisten drauf, wo die Goldsachen und was alles so in Gold

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie den Wagen gefahren?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Goldzähne. Nein, den Wagen fuhren meistens Oberscharführer, also meistens Chargierte. Und die anderen Wagen, was so neben fuhr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso wissen Sie, was auf die Wagen draufgeladen wurde?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Sehen Sie mal, wenn wir nun abends ins Lager reinkamen, da hatten wir ja auch unsere Kameraden, die dort drin waren.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben Ihnen das erzählt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der Kapo, der zum Beispiel das unter sich hatte, die Baracke »Kanada«, wo alles sortiert wurde und gemacht und wo die Kisten eben auf die Wagen verladen wurden und nach Berlin gingen.

 

Vorsitzender Richter:

Der hat Ihnen das erzählt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der Kapo, ja. Weil ich sage: »Der Wagen ist wieder nach Berlin gegangen.« Weil ja der Fahrbefehl bei uns lag. Den brachte ja auch der Fahrer mit. Und den gab er dann bei uns dem... Unser Meister war dort drinnen, der Siebald. Und dadurch mußte eben der Wagen so mit Benzin und allem beliefert werden.

 

Vorsitzender Richter:

Der Fahrbefehl kam an den Siebald?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Kam an den Siebald, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da stand was drauf, auf dem Fahrbefehl?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na eben, daß die Fahrt außerhalb der Postenkette vor allen Dingen ging, also außerhalb des Lagerbereichs, wie Birkenau und die Sachen dort so. Und da stand eben drauf...

 

Vorsitzender Richter:

Also Birkenau war doch nicht außerhalb der Postenkette.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein. Na alles, was innerhalb der Postenkette lag, der Großen Postenkette.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war mit all dem, was innerhalb der Postenkette lag?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da war sozusagen bloß ein kleiner – na, wie sagt man hier eben – Fahrausweis nötig, der von Wiegand unterschrieben war.

 

Vorsitzender Richter:

Nun handelt es sich aber um eine Fahrt nach Berlin.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Fahrt konnte ja nicht von Wiegand angeordnet werden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern von wem?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von Höcker oder wie der hieß.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Höcker, Höcker, ich komme eben nicht mehr drauf.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn der?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der war Adjutant.

 

Vorsitzender Richter:

Auch Adjutant? Wie viele Adjutanten gab es denn gleichzeitig?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, da gab es doch mehr Adjutanten.

 

Vorsitzender Richter:

Mehrere?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat diese Fahrten angeordnet nach Berlin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von den Adjutanten aus. Das kam von oben herunter.

 

Vorsitzender Richter:

Kam von oben herunter.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mal so einen Fahrbefehl gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, wenn zum Beispiel der Fahrer kam und wollte, angenommen, mehr Sprit haben, als wir eigentlich für den Lagerbereich rausgeben sollten – auf Anordnung unseres Leiters wieder –, da mußten wir ja den Fahrbefehl auch mal lesen. Das ist ja klar, nicht. Um eben ihm soundso viel

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und er war von dem Adjutanten herausgeschrieben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Herausgeschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Da war sonst nichts dabei? Eine Anordnung von irgend jemand anders, daß da eine Fahrt gemacht werden sollte?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, es konnte ja keinen anderen mehr geben von uns aus gesehen. Nicht?

 

Vorsitzender Richter:

Deshalb, meinen Sie.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also da waren Sie in der Fahrbereitschaft.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie denn in der Fahrbereitschaft getan?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Autos mit repariert.

 

Vorsitzender Richter:

Repariert.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war da Ihr Vorgesetzter in der Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Siebald.

 

Vorsitzender Richter:

Siebald?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und will mal sagen, über das Ganze war Wiegand wieder Hauptscharführer, oder wie die sich nannten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nachher war er Untersturmführer. Nun sagen Sie, morgens wurden Sie herausgeführt, und abends kamen Sie wieder in den Block?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Kamen wir wieder auf den Block, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da mußten Sie auch regelmäßig Appelle wohl mitmachen, ja?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welchem? In Block 4, sagten Sie?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren in dem Lager auch Kinder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren denn die untergebracht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die waren mit den Frauen zusammen in dem Versuchsblock, Block 10.

 

Vorsitzender Richter:

Im Block 10. Da waren die Kinder mit den Frauen zusammen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil ich die manchmal gesehen habe. Ich war ja auch manchmal mit dem Wagen unterwegs ins Lager rein und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann habe ich Arbeitssachen geholt für

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Arbeitssachen? Was sind das für Arbeitssachen gewesen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Blaue Hosen, blaue Jacken und habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Kleider? Arbeitskleider?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Arbeitskleider. Oder ich habe Ersatzteile geholt von Wiegand drinnen, von der Hauptfahrbereitschaft, die wir nicht gleich draußen hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Die Fahrbereitschaft war ja nicht im Lager, sondern die war ja außerhalb.

 

Zeuge Erwin Kühne:

War außerhalb. Aber die Sachen, die wir holen mußten, mußten wir ja von der Wäscherei holen.

 

Vorsitzender Richter:

Und konnten Sie da allein fahren, oder war da jemand dabei?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nein, da war immer ein SS-Fahrer mit, aber bloß so ein Rottenführer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da waren Sie mitgefahren?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier mit zwei solchen Streifen. Sind wir dann mitgefahren, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sind Sie hingefahren in die Wäscherei und haben dort die Kleider geholt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie kamen Sie nun dazu zu wissen, was im Block 10 und wer im Block 10 war und was da vorging?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Also als ich im Buna-Werk war noch, da war ein Professor Max. Ich weiß bloß noch, daß er Max mit dem Vornamen hieß. Der war aus Köln am Rhein, ein Rheinländer. Und der war im Buna- Werk. Der hatte dort auch arbeiten müssen und ist dann nach Auschwitz gekommen. Und da traf ich ihn mal. Ich sage: »Na, Max, komm mal rum zu uns in den Block abends.« Und der kam dann auch, und der erzählte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In welchem Block war denn der Max untergebracht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der muß vorne beim Krankenbau untergebracht gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Beim Krankenbau?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren aber doch keine Leute untergebracht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich weiß ja nicht, welche Nummer das noch war, wo die Sanitäter untergebracht waren. Das weiß ich nun nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Na. Also das wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Jedenfalls kam der Max abends vorbei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Er kam zu uns, und er erzählte uns eben Verschiedenes. Sachen eben mit den [Versuchen], künstliche Befruchtung.

 

Vorsitzender Richter:

Das erzählte Ihnen alles der Max?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das erzählte er uns. Uns.

 

Vorsitzender Richter:

Ihnen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, nicht bloß alleine, auch den anderen Reichsdeutschen, die auf dem Block lagen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch den anderen Reichsdeutschen erzählte er davon?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußte das der Max?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der war ja dort in dem Block mit drin als

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im Block 10?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ob er nun dort als Hilfssanitäter oder Hilfsarzt oder wie mit tätig war, jedenfalls war der dort mit tätig.

 

Vorsitzender Richter:

War denn das ein Arzt, dieser Max?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der war Professor. War ein Professor.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, es gibt verschiedene Professoren.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das war ein Professor, der hier, wie sagt man, als Arzt, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Mediziner?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mediziner, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat Ihnen das erzählt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der hat uns das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der ging also da spazieren im Lager und hat dort herumerzählt, was im Block 10 vor sich geht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, den haben wir uns extra geholt, weil wir wissen wollten, was da los ist. Von uns aus.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Den haben wir in Block 4 geholt, abends.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat Ihnen auch erzählt, daß da Kinder in dem Block waren?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, die Kinder brauchte der mir nicht erzählen. Das habe ich gesehen, wenn die Frauen so um zehn Uhr oder so... Wenn ich manchmal vormittags drinnen war, dann gingen die geschlossen raus

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vormittags waren sie in Block 10?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, im Lager, wenn ich die Bekleidung geholt habe, und die marschierten raus. Da habe ich dann gesehen, wie die Frauen mit den Kindern an der Hand rausmarschierten aus dem Lager und Kräuter sammelten oder Tee und was nicht alles so für uns.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Kindern an der Hand?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mit Kindern. Die haben Kinder an der Hand gehabt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aus dem Block 10?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vom Block 10.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, da marschierten die raus außerhalb des Lagers?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Außerhalb des Lagers, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah mit den Kindern?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Also so lange, wie manche Kinder bei den Müttern dort waren, wie wir beobachtet haben, also wie ich es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie alt waren denn die Kinder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wie bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt waren die Kinder ungefähr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Fünf Jahre, vier Jahre. So daß sie eben laufen konnten. Kleinere und größere waren da auch nicht bei.

 

Vorsitzender Richter:

Größere auch nicht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und weiter?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und dann war gerade rüber vom Block 10, weiß nicht mehr, was da war, eine neue Wäscherei, was damals war?

 

Vorsitzender Richter:

Gegenüber vom Block 10?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vom Block 10, ja.

 

Vorsitzender Richter:

War keine Wäscherei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, da war noch, wenn man ein Stück weiter hinging, eine neue Wäscherei dort hinten.

 

Vorsitzender Richter:

So. Da waren Sie drin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da haben die Kinder gespielt.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben die Kinder gespielt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und da war ich hinten. Ah ja, das war die Neue Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt gehen Sie mal da vor an die Karte und zeigen uns mal, wo das gewesen ist.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Bleiben Sie hier stehen, nehmen Sie den Stock und zeigen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn Sie da unten links sehen, ist ein schwarzer Pfeil. Und dieser schwarze Pfeil, der bedeutet, daß da das Eingangstor war. Können Sie das sehen? Oder müssen Sie die Brille aufsetzen? Ja, gut.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Also sehen Sie links unten den schwarzen Pfeil?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, hier.

 

Vorsitzender Richter:

Da war das Eingangstor.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie weitergehen, da ist rechts die Küche.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier war die Küche.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl. Und wenn Sie dann geradeaus gehen über den zweiten Mittelgang – da, ja –, und dann gehen Sie rechts herum

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Hier war der Block, wo ich lag, Block 4.

 

Vorsitzender Richter:

Was war da? Wo Sie waren, Block 4.

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Wo ich war. Hier war die Alte Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

Hier war die Alte Wäscherei. Und wo war der Block 4? Deuten Sie mal genau drauf.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier, Block 4.

 

Vorsitzender Richter:

Da?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier ist der Block 9, wo ich zuerst lag, als ich ankam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und hier unten muß der Block gewesen sein, wo ich überhaupt umgekleidet wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und hier, doch, das war eine neue Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

Das war eine neue Wäscherei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Und hier dazwischen haben die Kinder mit Schneebällen gespielt. Also es war schon Winter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Drei- bis vierjährige Kinder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, so drei-, vier-, fünfjährige Kinder.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Schneebällen gespielt und?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und da ist hier der Rapportführer gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer, welcher? Wie hieß er?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Kaduk. Und hat die Kinder abgeknallt, abgeschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Morgens?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vormittag, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Vormittags?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Das muß so gewesen sein, wollen wir mal sagen, ehe die immer rausmarschierten aus dem Lager, die Frauen, so um die Zeit. Weil ich das ein paarmal beobachtet hatte, daß sie so um die Zeit rausmarschierten.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, die hätten ihre Kinder mitgenommen, wenn sie rausmarschiert sind? Sie sagten doch, sie hätten die Kinder an der Hand gehabt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich sagte ja, das war um dieselbe Zeit, da waren die eben noch nicht rausmarschiert.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren sie noch nicht rausmarschiert?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Noch nicht rausmarschiert, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Die Kinder spielten mit Schneebällen, und wo ist der Kaduk hergekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der ist von hier gekommen, vom Block 21.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Vom Block 21. Was war denn da drin, im Block 21?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Und wo haben Sie denn gestanden, als Sie das gesehen haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier, aus dieser neuen...

 

Vorsitzender Richter:

Wäscherei?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

Da sind Sie rausgekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie das

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da hat es geknallt. Ich bin natürlich schnell wieder zurück, Türe zu. Denn wenn es knallt, dann geht man ja nicht raus, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und da sind Sie ja nicht ewig drin geblieben, sondern

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nein, als ich dann nachher rausgegangen bin und bin dann wieder hier vor gegangen und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind Sie gleich da vor? Haben Sie nicht gesehen, daß da der Schnee irgendwie rot verfärbt war und daß da Kinderleichen lagen?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ja, da lagen ja noch die Kinderleichen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha, wie viele lagen denn da?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Drei oder vier, so ein paar lagen eben dort.

 

Vorsitzender Richter:

Drei oder vier. Und der Kaduk?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der war schon wieder weggegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Der war schon weit weg gegangen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der war schon wieder weitergegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Und hat sich jemand um die Kinder gekümmert?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das habe ich nicht mehr beobachten können, weil ja inzwischen schon unser Fahrer wieder fertig war. Der kam mir schon entgegen, weil wir sollten unsere Sachen auf den Wagen nehmen und wieder nach dem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun sagen Sie mal, Sie waren doch auch ein Häftling, konnten Sie nicht wenigstens mal sehen, ob die Kinder noch lebten? Vielleicht hätte man ihnen helfen können?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das konnten wir nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Warum nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Warum

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ich wußte ja nicht, ob Kaduk noch hinter der Ecke steht und mir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich denke, der wäre doch weit fort gewesen, haben Sie eben gesagt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das habe ich nachher erst gesehen, als ich hier wieder herumkam, weil Kaduk dann ungefähr hier ankam, wie er immer mit seinem Schlenkergang so ankam.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Ich selbst habe [unverständlich] Kaduk [unverständlich] die er mir mal am Tor versetzt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Und dann kannten Sie noch weitere

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Denn der Kaduk war ja mehr besoffen als nüchtern. Vorm Appell, wenn wir einmarschierten.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und kannten Sie noch einen anderen Angeklagten, dort im Lager Auschwitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Ja, wer war denn da noch angeklagt? [Pause] Ja, wer ist denn da eigentlich noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja, zum Beispiel den Angeklagten Breitwieser?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Breitwieser? Das war doch hier, Breitensträtter nannten wir ihn, nach dem berühmten Boxer früher. Breitensträtter, Breitwieser.

 

Vorsitzender Richter:

Was? Das habe ich eben nicht verstanden. Was war mit ihm?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Den nannten wir Breitensträtter, nach dem früheren Magdeburger Boxer.

 

Vorsitzender Richter:

Boxer, ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, Breitwieser. Der hatte doch unter sich hier die Kammer.

 

Vorsitzender Richter:

Die Kammer hatte er unter sich.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Und das war der, der uns rausgetrieben hat in den Schnee.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie damals gekommen sind?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Als ich gekommen bin.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie, daß der Betreffende Breitwieser hieß?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, das hört man doch, wenn der von der Kammer sagt, hier Unterscharführer und Breitwieser. Das hat man dann mit der Zeit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Allgemein ist es in diesen Kreisen nicht üblich gewesen, daß man

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nein, aber man hat sie ja mit der Zeit kennengelernt, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Man hat sie mit der Zeit kennengelernt. Ja, wenn man mit ihnen zu tun gehabt hat.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn mit dem Breitwieser zu tun gehabt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Zum Teil auch, wenn wir neue Anzüge gefaßt haben oder... Ach so, ich habe aus meinen Effekten, weil ich gerade da war mit dem Wagen, mal um meine Uhr gebeten. Die habe ich auch rausgekriegt aus meinen Effekten. Effektenkammer nannten wir ja das dort. Daher wußte ich, daß das eben Breitwieser war. Und das setzt ja auch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Warum? Hat er sich Ihnen vorgestellt und gesagt, ich bin der...

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das hat er nicht gemacht, aber ich meine, ich sage mal, ich weiß ja auch nicht, wie es...

 

Vorsitzender Richter:

Also hören Sie mal, die Leute haben niemals gesagt, wie sie heißen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das ist ja klar.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn Sie dorthin kamen, um sich die Uhr abzuholen, dann – ich weiß nicht, was er von Dienstgrad war, Oberscharführer oder was weiß ich

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

»Herr Oberscharführer, ich möchte meine Uhr abholen.« Oder: »Ich bitte, mir meine Uhr abzugeben.« Wer sagt Ihnen denn dann: »Das ist der Oberscharführer Breitwieser«?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, das war doch im Lager allgemein bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Allgemein bekannt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Daß der Breitwieser hier die Effektenkammer hatte oder daß der Kommandant, wenn der ankam – das war der Kommandant Höß und das war der Lagerführer Aumeier. Ich meine, so dumm waren wir ja nun im Lager auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann ich mir schon vorstellen, daß man weiß, wer der Kommandant ist. Aber daß man gerade die

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Auch die einzelnen Blockführer oder daß der... Ich verstehe Ihre Frage jetzt nicht, Herr...

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also da wollen wir mal weiter sehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ich meine, wollen wir nicht weiter, wollen wir hierbei bleiben.

 

Vorsitzender Richter:

Wobei?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Zum Beispiel ist es doch ganz logisch, wenn ich heute in die Schule komme, ich bin sechs Jahre alt und komme in die Schule und gehe das zweite Jahr in die Schule

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann frage ich auch schon: Wie heißt mein Gesangslehrer, den ich heute hatte, oder wie der Turnlehrer? Oder den Lehrer, den ich in Englisch hatte, habe ich doch auch gefragt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also jetzt reden Sie nicht hier einen Roman daher, sondern sagen Sie mir

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nein, das ist kein Roman.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Ihnen gesagt, daß der Mann Breitwieser hieß?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der Kalfaktor zum Beispiel schon.

 

Vorsitzender Richter:

Der Kalfaktor. Wo? Bei der Bekleidungskammer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Bei der Bekleidungskammer.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Also nun, das war der Breitwieser. Und den haben Sie gesehen, als Sie Ihre Uhr geholt haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie noch von ihm?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Und das war derselbe, der mich auch nachts dort rausgestellt hat mit den

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Sie auch rausgeschmissen hat.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mit den anderen Häftlingen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was wissen Sie von ihm sonst noch?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und weiter hatte ich mit dem nichts zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Weiter hatten Sie mit dem nichts zu tun.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wir sind ja auch denen sowieso, wo wir konnten, aus dem Wege gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich habe keine Fragen mehr. Hat das Gericht noch Fragen?

 

Richter Perseke:

Eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Richter Perseke:

Wie oft war der Adjutant Mulka im Bunker gewesen, als Sie im Bunker waren?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich hatte ja nur einen Freitag, wo ich

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Ein einziges Mal?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, also den Freitag innerhalb der Tage, die ich drinnen war.

 

Richter Perseke:

Ja. Und da habe ich Sie also richtig verstanden, daß er bei »Bunkerentleerungen« nicht dabeigewesen ist?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wie, bei »Bunkerentleerungen«?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das weiß er doch nicht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, wir sind ja rausgekommen aus dem Bunker. Mich hat er ja rausgeholt.

 

Richter Perseke:

Ja, richtig, einmal.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Richter Perseke:

Und bei »Bunkerentleerungen« war er also nicht dabei?

 

Vorsitzender Richter:

Er weiß doch nicht, was »Bunkerentleerungen« sind. Der Herr Richter will wissen, wenn die Politische Abteilung kam und hat Leute herausgeholt, da haben Sie den Mulka nicht dabei gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da habe ich ihn nicht dabei gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. [Pause] Nun, Herr Staatsanwalt, Sie noch eine Frage? Ja, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, waren Sie einmal in dem Block 11, oder waren Sie noch mal da eingesperrt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Einmal.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ein einziges Mal.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ein einziges Mal, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt? Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Fragen, danke.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Frage.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr.

 

Verteidiger Reiners:

Nur eine Frage, Herr Direktor. War das etwa zur gleichen Zeit, wie Sie gesehen haben, daß der Kaduk diese Kinder da abgeknallt hat, als Sie auch die Mütter mit ihren Kindern da haben ausmarschieren sehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein. Ich sagte ja vorhin schon, also raus waren sie noch nicht. Und ob sie drinnen waren oder ob die Kinder alleine [+ waren], das kann ich nicht sagen.

 

Verteidiger Reiners:

Ich meine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt, verzeihen Sie, daß ich Sie mal unterbreche. Sie sagen: »zu gleicher Zeit«. Wollen Sie damit sagen: am gleichen Tag?

 

Verteidiger Reiners:

Nein, etwa zur gleichen Jahreszeit.

 

Vorsitzender Richter:

Etwa um die gleiche Zeit, ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ach, nein, das war nicht um die Jahreszeit, wo sie zum Kräutersammeln gingen. Da lag ja Schnee, nicht. Das war später.

 

Verteidiger Reiners:

Das wollte ich nämlich gerade wissen. Ist mir nämlich aufgefallen [unverständlich]

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Nein, nein. Das wollte ich vorhin schon extra betonen.

 

Verteidiger Reiners:

Das klang nämlich so, als ob das beinahe zur gleichen Zeit gewesen sei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, nein, nein. Ich habe das nur in Verbindung gebracht, daß das ungefähr um die Zeit war, wenn die sind im Juli/August

 

Verteidiger Reiners [unterbricht]:

Ja sicher, er hat gesagt, »um die Zeit«. So mußte man es auffassen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die Uhrzeit meinte ich damit.

 

Verteidiger Reiners:

Ach so.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vormittags, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Zarnack.

 

Verteidiger Zarnack:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage.

 

Verteidiger Aschenauer:

Keine Frage. Ich kann auch hier verzichten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wird von seiten der Angeklagten eine Frage gewünscht? Kaduk?

 

Staatsanwalt Großmann:

Darf ich zunächst noch vor dem Angeklagten eine Frage stellen?

 

Vorsitzender Richter:

An den Angeklagten Kaduk?

 

Staatsanwalt Großmann:

Nein, nein, an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

An den Zeugen. Na ja, man kann es auf nachher verschieben vielleicht. Na ja, jetzt wollen wir vor lauter Höflichkeit – also fangen Sie an.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, Sie haben erst geschildert den Vorgang mit dem Angeklagten Boger, daß er drei- bis viermal da geschossen habe. Wie lange wird etwa, rein zeitlich gesehen, sich dieser Vorgang da vollzogen haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Waren Minuten, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Paar Minuten.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Waren nur Minuten, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und jedesmal sind zwei Häftlinge da rausgeführt worden?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Wieder neu rausgeführt worden, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Nun haben Sie das von Anfang bis Ende gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das konnte ich den Tag zufällig beobachten.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie also gesehen, wie die ersten beiden Rausgeführten von Boger abgeschossen wurden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Womit hat er geschossen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Pistole.

 

Staatsanwalt Großmann:

Das wissen Sie genau, daß er mit einer Pistole geschossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Weiß ich genau, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie weit war er etwa weg von den beiden herausgeführten Häftlingen? Wenn Sie die Meter nicht angeben können, das ist bekanntlich sehr schwer, dann zeigen Sie es doch etwa. Vielleicht haben Sie hier eine Möglichkeit. [...]

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wie war das noch?

 

Staatsanwalt Großmann:

Also die Entfernung etwa zwischen Boger und den Häftlingen, die Boger nach Ihren eben gemachten Angaben mit der Pistole erschoß.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ungefähr so.

 

Staatsanwalt Großmann:

Auf diese Entfernung.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Drei, vier Meter.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, und die beiden

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Die konnten nach meiner... noch gar nicht so weit... waren die noch gar nicht ran an der Schwarzen Wand.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was heißt das? Sprechen Sie bitte ins Mikrofon, Herr Zeuge.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Also die wurden ja nicht – wie soll ich es denn sagen. Die Schwarze Wand war doch die Mauer hinten, die den Block so abschloß. Und dann war so schräg der Sandhaufen, der ging vielleicht bis hierher. Dann können es höchstens drei bis vier Meter gewesen sein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Zeuge, würden Sie bitte – ich nehme an, das darf ich vom Zeugen erbitten, Herr Vorsitzender – noch mal zu dieser Tafel gehen und würden mir noch mal genau schildern, wo Sie nun standen beziehungsweise drin im Haus waren. Überhaupt, die Schwarze Wand haben Sie auch noch nicht gezeigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, ich wollte ihn ja überhaupt noch eine Skizze zeichnen lassen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die ist hier, die Schwarze Wand.

 

Staatsanwalt Großmann:

Das ist die Schwarze Wand. Und wo kamen die Häftlinge her? Wo wurden die rausgeführt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von hier. Hier ist rechts der Eingang.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo? Zeigen Sie bitte mal ganz genau.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also zwischen den beiden Blocks?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Da, wo die große Tür war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Da wurden die Häftlinge reingeführt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie kamen die denn dahin?

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich glaube, das ist mißverstanden worden jetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Moment.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Er soll es noch mal sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer redet jetzt eigentlich?

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Was war denn das?

 

Vorsitzender Richter:

Herr Erster Staatsanwalt, würden Sie uns sagen, wie die Frage lautet?

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich habe gefragt: Wo kamen die Häftlinge her, als sie zur Schwarzen Wand geführt wurden? [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Eben, so habe ich es

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Aus dem Block 11.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, Herr Vorsitzender, ich glaube, Sie haben ihn tatsächlich falsch verstanden. Er sagt: »aus dem Block 11«. Während ich aus Ihrer Bemerkung entnommen habe, daß Sie der Auffassung sind, sie seien durch die Tür gekommen, die zwischen den Blöcken 10 und 11 [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, so hat er gezeigt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein, hat er nie gesagt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich habe gesagt

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Er zeigt es undeutlich.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Aus dem Block zwischen der Tür hier, da wurden die Toten mit den [unverständlich] wieder rausgetragen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also jetzt fahren Sie doch mit ihrem Stock nicht dauernd durch die Gegend, sondern zeigen Sie den Punkt, wo die Leute in den Hof hineinkamen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier.

 

Staatsanwalt Großmann:

Jetzt legen Sie doch bitte den Stock weg, und zeigen Sie das einmal mit dem Finger genau, wo die Leute in den Hof kamen. Bitte gehen Sie ganz hin.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von hier.

 

Staatsanwalt Großmann:

Aus dem Haus raus oder

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Aus dem Haus.

 

Staatsanwalt Großmann:

Aus dem Haus raus.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Aus dem Block 11.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist mir nicht klar. Nicht, Herr Doktor Kaul, nicht zeigen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich wollte ihm ja nicht zeigen. Ich wollte ihm den Bleistift geben, damit er den Punkt genau zeigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dann tun Sie den Bleistift auf den Punkt, wo die reinkamen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier.

 

Vorsitzender Richter:

Da. Jawohl. Das habe ich vorhin nämlich auch gesehen, daß der

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Zeuge so gezeigt hat. Und diese Tür, die ging doch von der Lagerstraße in den Hof zwischen den beiden, Block 10 und 11.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Diese hier vorne.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

[unverständlich] ganz andere, die er meint.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und da sind die Leute reingeführt worden?

 

Staatsanwalt Großmann:

Nein, Herr Vorsitzender, er zeigt woanders hin.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ach nein, er hat [unverständlich]

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Er hat woanders hingezeigt. [...]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Na, hast du so etwas erlebt?

 

Vorsitzender Richter:

Also verzeihen Sie, meine Herren. Ich habe im allgemeinen mich in dieser Beziehung

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Passen Sie mal auf.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo ist denn die Tür?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die Eingänge waren doch von allen Blöcken, wie überall, immer von hier vorne.

 

Staatsanwalt Großmann:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Die Eingänge waren von vorn, von der Giebelseite.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von der Giebelseite.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und hier vorne gleich links war die Schreibstube.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und von dort aus habe ich das beobachtet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da haben Sie es beobachtet. Und nun wollte aber der Herr Erste Staatsanwalt wissen, wo die Häftlinge in den Hof geführt worden sind.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die sind hier reingeführt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Da rein, also von der Lagerstraße...

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von hier.

 

Vorsitzender Richter:

Da, sicher, na ja. Da habe ich doch richtig gesagt. Ich weiß gar nicht, warum der Aufruhr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie wollen also, um es noch mal klarzustellen, jetzt sagen: Sie sind von der Lagerstraße

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Die Frage ist beantwortet.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Darf ich Sie um etwas bitten. [unverständlich] von sich aus zeigen, wo er... Ich habe es hier mit drei Strichen aufgezeichnet.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Rechtsanwalt, er hat es uns ja gezeigt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein, er hat es nicht gezeigt.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Doch, er hat [unverständlich]

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat es nicht so gezeigt, wie Sie es für richtig gehalten haben. Aber er hat es so

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Also ich könnte es fast beschwören, daß er mißverstanden wurde.

 

Staatsanwalt Großmann:

Jawohl. Der festen Überzeugung bin ich auch. Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich bin überzeugt, daß er mißverstanden wurde.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kann gar nicht. Er hat es

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Nein, nein, er kann gar nicht.

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Herr Kollege, er hat gezeigt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Herr Doktor Kaul, jetzt wollen wir doch mal

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Ich habe mich mit Willen hier zurückgehalten, damit ja nicht der Eindruck entsteht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Eben.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Daß ich ihm etwa etwas andeute. Lassen Sie ihn das aufzeichnen

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wo er meint, wo [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gut. Also kommen Sie her, nehmen Sie hier ein Stück Papier. Na, kommen Sie hierher. Ich gebe Ihnen ein Stück Papier. Nein, er soll das nicht nehmen, er soll das hier nehmen. So.

Also geben Sie acht: Hier ist der Block 10, hier ist der Block 11. Hier ist die Schwarze Wand. Block 10, Block 11. Hier vorn ist die Lagerstraße. Da ist hier das Tor, und hier geht man in Block 11, und da geht man in Block 10 rein. Jetzt zeigen Sie bitte

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Und hier habe ich gestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt nehmen Sie hier den Bleistift, und machen Sie ein Kreuz hin, wo Sie gestanden haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier ungefähr muß es gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Da, ja. Und wie sind die Häftlinge nun gegangen, um an die Schwarze Wand zu kommen? Nehmen Sie den Bleistift, und zeichnen Sie das rein.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die sind von hier hergekommen. Ja, von hier.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die können doch nicht aus dem Fenster gesprungen sein.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ab hier sind die... Hier war die Tür, glaube ich, oder hier.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben uns doch eben an der Karte gezeigt, hier wären sie reingeführt worden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da sind die reingekommen mit dem Karren.

 

Vorsitzender Richter:

Da sind die mit dem Karren reingekommen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind die Häftlinge reingekommen?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Zeigen Sie es mit dem Bleistift.

 

Vorsitzender Richter:

Malen Sie mal ruhig die Linie, wie die gegangen sind aus dem Block 11.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Also ich habe hier auf der Ecke gestanden, dann gingen die hier so.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die können doch nicht hier aus dem Fenster gesprungen sein.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, die sind hier aus der Türe gekommen. Entweder von der oder von hier, das konnte ich nun nicht genau sehen. Sehen Sie, von hier oder von dort.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich habe sie ja hier gesehen, weil ich ja hier stand. Hier habe ich sie nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, hier haben Sie sie gar nicht gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ja hier

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Eben haben Sie aber an der Karte gezeigt: Hier sind sie reingekommen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, da habe ich vorhin schon gesagt, daß ich von hier aus gesehen habe [unverständlich] und Fenster. Habe aber nicht mehr gesehen, wie sie sind... Ich habe nur nachher gesehen, wo der Karren hier rauskam.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, ich meine, er weiß es ja nicht. Er sagt: »Ich habe hier gestanden am Fenster und habe sie erst gesehen, als sie in der Mitte waren. Also weiß ich gar nicht, wo sie rausgekommen sind.«

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier habe ich sie nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

So, dann nehmen Sie wieder Platz.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Als ich hier gestanden habe, gingen ja die Häftlinge hier schon. Ungefähr hier. Sind sie nun von hier oder von hier [+ gekommen], das habe ich nicht beobachten können.

 

Vorsitzender Richter:

Also er sagt: »Ich habe nicht beobachten können, wie sie in den Hof gekommen sind.«

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja, ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von hier, das konnte ich nicht beobachten.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr. So, dann nehmen Sie wieder Platz. Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Herr Zeuge, es kamen also nun – wo genau her, konnten Sie nicht beobachten, weil es nicht in Ihrem Blickwinkel lag – die ersten beiden Häftlinge an die Schwarze Wand.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wollen Sie bitte noch mal genau sagen, was geschah jetzt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da wurden die so geführt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Von wem wurden sie geführt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Einmal da, wo ich so jetzt

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Wir sprechen jetzt von dem Vorgang

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Was ich gesehen habe

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Als drei- beziehungsweise viermal zwei Häftlinge da reingekommen sind und Sie gesehen haben, daß Boger mit einer Pistole auf die von Ihnen erst gezeigte Entfernung diese sechs oder acht Häftlinge niedergeschossen hat. Ganz klar. Um diesen Vorgang allein handelt sich es jetzt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wer hat sie hingeführt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Einmal, wo ich es gesehen habe, das erste Mal, da hat sie der geführt, der, na, Jakob.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was heißt denn jetzt schon wieder, Herr Zeuge, »wo ich sie gesehen habe zum ersten Mal«?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das zweite Mal hat es doch dann bloß noch ge knallt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie viele haben Sie denn gesehen, wie viele Male?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Drei Mal, wo geschossen wurde, und das vierte Mal, wo es geknallt hat nur.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also schön. Dreimal wurde geschossen, da haben Sie gesehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, da habe ich gesehen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wer hat sie zunächst geführt? Entschuldigung, ich hatte das nicht mitgekriegt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der Jakob.

 

Staatsanwalt Großmann:

Jakob hat sie hingeführt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hingeführt, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was geschah dann?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, da knallte es, und da fielen

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Moment, Moment. Also Jakob muß ja vorweg gegangen sein, sonst bestand ja irgendwie Gefahr, wenn er

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Na selbstverständlich, der war auf der Seite, und da schoß der

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

In welcher Richtung, wie standen die beiden Häftlinge?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mit dem Gesicht zur Schwarzen Wand.

 

Staatsanwalt Großmann:

Waren sie irgendwie gefesselt, verbundene Augen oder irgendwas? Was haben Sie gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Hatten sie nicht, nein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie waren sie gekleidet, die Häftlinge?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, hier mit unserer

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Waren sie nackt, oder waren sie in Häftlingskluft?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da hatten sie noch die Hose an und Hemd, glaube ich, noch. Ja, nur ein Hemd.

 

Staatsanwalt Großmann:

Hose und Hemd hatten sie nur an?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut. Dann wurde von Boger, wie Sie sagen, zum erstenmal geschossen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Die Häftlinge, waren die vom ersten Schuß gleich tot?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das konnte ich nicht beobachten.

 

Staatsanwalt Großmann:

Oder brachen sie zusammen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Es brach

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Was geschah nun, nachdem die ersten beiden Häftlinge zusammengebrochen waren aufgrund des Schusses

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da habe ich dann noch so geguckt, da brachte der die angeschleift, da

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Wer brachte sie angeschleift?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier der, na, Jakob.

 

Staatsanwalt Großmann:

Jakob.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo schleifte er sie denn hin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Unten nach dem Fenster zu wieder, wo ich da stand.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also nach dem Haus zu, nach Block 11 zu?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach dem... Nein, ja, nach

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Nach Block 11 zu?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach der Lagerstraße zu.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was geschah jetzt? Jetzt waren die weggeschleift worden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Dann kamen wieder welche.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie groß war der Zwischenraum etwa? Zeitlich jetzt, meine ich.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Drei bis fünf Minuten.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ehe die zweiten zwei kamen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, drei Minuten, länger nicht.

 

Staatsanwalt Großmann:

Dann kamen wieder zwei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Kamen wieder zwei, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wer brachte die?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die brachte einmal hier der SSler, der Blockführer.

 

Staatsanwalt Großmann:

Der SS-Mann. Gut. Jetzt wiederholte sich das.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das wiederholte sich.

 

Staatsanwalt Großmann:

War es genauso wieder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Genauso, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie da gesehen, beim zweiten Mal jetzt, bei den zweiten zwei Häftlingen, ob auch wieder Boger beide Male geschossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das habe ich gesehen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Stand neben Boger

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Weil Boger, den hatte ich noch gesehen hier...

 

Staatsanwalt Großmann:

Was haben Sie gesehen, ja?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Durchladen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Durchladen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Laden, oder wie man das nennt, so durchziehen mit dem 08, nicht.

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Durchladen meinen Sie, richtig, jawohl. Standen neben Boger noch andere SS-Leute?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Habe ich nicht gesehen. Das konnte ich nicht sehen in dem Blickwinkel.

 

Staatsanwalt Großmann:

War außerhalb Ihres Blickwinkels.

 

Zeuge Erwin Kühne:

War außerhalb meines Blickwinkels.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was geschah mit den zweiten zusammengebrochenen Häftlingen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die hat man auch zurückgeschleift.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wieder der Jakob, oder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Der Jakob, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Jetzt kam die dritte Gruppe von zwei Häftlingen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie groß war der zeitliche Abstand etwa?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch wieder so.

 

Staatsanwalt Großmann:

Drei bis fünf Minuten.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

War es beim dritten Mal genauso wie beim zweiten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und was geschah dann mit Ihnen? Jetzt waren die sechs Häftlinge von Boger nach Ihrer Schilderung erschossen worden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was geschah dann?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann kam so ein... Nach einer ganzen Weile – inzwischen bin ich vom Fenster weg und habe

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Warum sind Sie denn vom Fenster weg?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil ich meine Arbeit weitergemacht hatte.

 

Staatsanwalt Großmann:

Denn, Herr Zeuge

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Und jetzt waren nämlich

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Moment bitte mal.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Es war natürlich ein ungemein erschütternder Vorgang. Andererseits war er zweifelsohne natürlich für Sie nicht ohne Interesse. Warum gingen Sie denn jetzt, nach etwa zehn bis zwölf Minuten – ich addiere jetzt die dreimal drei Minuten, die Sie genannt haben, oder vier Minuten –, vom Fenster weg?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil ich Schritte hörte draußen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie hörten draußen Schritte?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ich hörte Schritte.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo gingen Sie hin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Bloß zurück.

 

Staatsanwalt Großmann:

Vom Fenster wieder zurück.

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Hier vom Fenster zurück, und ging dann nachher, wo ich den Karren hörte

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Moment, Moment, so weit sind wir noch nicht. Und jetzt, was geschah denn nun? Sie waren zurückgegangen, konnten also nicht mehr sehen, was auf dem Hof sich abspielte.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da konnte ich nichts mehr sehen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie noch was gehört?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch nicht mehr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sagten Sie nicht erst grade, daß dann noch einmal geschossen worden sei?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, hinterher dann.

 

Staatsanwalt Großmann:

Na ja, eben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Als ich wegging.

 

Staatsanwalt Großmann:

Eben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das habe ich noch gehört. Aber da habe ich nichts mehr gesehen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut. Und was geschah nun?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann habe ich dort meine Arbeit weitergemacht, habe gewischt und so. Dann kam aber keiner rein, das ging dann draußen im Flur weiter.

 

Staatsanwalt Großmann:

Na schön, ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und da hörte ich einen Wagen rollen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Hörten Sie einen Wagen rollen. Haben Sie den Wagen auch gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Den habe ich noch gesehen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie sah denn der aus?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war so ein flacher Wagen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut. Der Wagen wurde reingeschoben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Und das andere habe ich nicht mehr gesehen. Weil inzwischen kam jetzt schon wieder der Schreiber rein, und dann kam auch noch ein... Der Jakob kam schon wieder zurück. Da habe ich dann dort gewischt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Als Sie praktisch dann wieder weggegangen sind vom Fenster, von dem [+ aus] Sie noch das Ankommen des Wagens gesehen hatten, da lagen die Toten noch dort?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie viele waren es?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das habe ich nicht gezählt.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie viele waren es mindestens?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Sechs bis acht waren es mindestens.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sechs bis acht. Und dann haben Sie nicht gesehen, wie diese Toten weggefahren wurden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das habe ich nicht mehr beobachtet.

 

Staatsanwalt Großmann:

Nach Ihrer Schilderung, Herr Zeuge, müßte dieser Vorgang etwa zehn, zwölf, 15 Minuten gedauert haben, dieses Erschießen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Viertelstunde, ja. Über eine Viertelstunde.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und Sie behaupten, daß Sie während dieser zwölf bis 15 Minuten ungestört

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da war ich ungestört in dem Zimmer.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ungestört. Wer war noch in dem Zimmer?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In dem Moment war niemand drin.

 

Staatsanwalt Großmann:

Die ganzen zwölf Minuten waren Sie allein?

 

Zeuge Erwin Kühne:

War ich allein, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie sagten aber erst dem Vorsitzenden, daß wohl noch ein Schreiber

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Der Schreiber kam. Ein Schreiber war mit drin. Und der ging dann wieder raus, und dann kam er wieder rein.

 

Staatsanwalt Großmann:

Hat der Schreiber auch mal mit rausgeguckt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, der hat sich gar nicht am Fenster sehen lassen. Der ging, ich weiß nicht – dann hörte ich ihn plötzlich nach hinten gehen, dann kam er wieder. Und dann habe ich ihn wohl noch nach was gefragt, war wohl nach einer Bürste oder wie das war. Dann sagt er: »Ich bringe sie dir nachher.« Dann ging der wieder weg. Dann holte der da einen Zettel, ich weiß auch nicht, dann ging er wieder raus.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und besteht nach Ihrer Auffassung kein Zweifel, daß dieser SS-Schütze der Angeklagte Boger war?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Den Sie vorher schon kannten oder nicht kannten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Den kannte ich vorher schon.

 

Staatsanwalt Großmann:

Kannten Sie ihn genau.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie können mit absoluter Sicherheit sagen, daß Sie Boger dort gesehen haben, daß Sie gesehen haben, wie er seine Pistole durchgeladen hat, daß Sie gesehen haben, wie er geschossen hat, und daß Sie gesehen haben, wie daraufhin die Häftlinge zusammengebrochen sind?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Steht das außer jedem Zweifel, Herr Zeuge?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Außer jedem Zweifel.

 

Staatsanwalt Großmann:

Dann komme ich noch mal auf den zweiten Fall, und das ist der Fall Kaduk. Da habe ich noch folgende ergänzende Frage. Sie haben also gesagt, daß die Kinder da spielten, wenn sie nicht, wie im Sommer oder im Frühjahr oder im Herbst, mit ihren Müttern da draußen nun Kräuter sammelten.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Richtig, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und Sie haben auch erst schon gezeigt, wo Sie gestanden haben und es gesehen haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie überhaupt Kaduk gesehen dabei, als er geschossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, weil ich war ja schon so halb aus der Türe, wollte ich sagen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie kamen aus der Tür raus.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Raus, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und bitte schildern Sie jetzt, wenn Sie es noch können

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ich hatte noch was in der Hand.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie kamen aus der Tür raus, hatten etwas in der Hand, Herr Zeuge, und sahen Kaduk.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo stand Kaduk genau? Sie haben zwar erst die Kinder gezeigt, wo die gespielt haben. Würden Sie bitte jetzt noch genau zeigen, wo erstens die Tür war, aus der Sie rauskamen, zweitens, wo Kaduk stand in dem Augenblick, als Sie aus der Tür rauskamen. [...]

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, hier ungefähr war das.

 

Staatsanwalt Großmann:

Bitte genau mit dem Finger drauf zeigen. Was war da?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Also ob sie nun weiter hier war oder hier, das weiß ich

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Was war da?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da war die Tür.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo Sie rauskamen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wo ich rauskam.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wo spielten die Kinder?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die spielten hier, gleich hinter der Lagerstraße.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut. Und wo sahen Sie nun den Kaduk stehen oder laufen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier, hier.

 

Staatsanwalt Großmann:

Da unten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da schoß er schon.

 

Staatsanwalt Großmann:

Da schoß er.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da schoß er. Auf dem dreiviertel Weg ungefähr.

 

Staatsanwalt Großmann:

Bitte?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auf dem dreiviertel Weg zwischen den Baracken.

 

Staatsanwalt Großmann:

Zeigen Sie mal, was Sie unter dreiviertel Weg verstehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Hier so ungefähr, dreiviertel Weg so.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut, ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil hier ungefähr die Türe war.

 

Staatsanwalt Großmann:

Da müßten Sie also Kaduk direkt gegenüber, schräg gegenüber gestanden haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, so halb schräg, ja. Als er kam mit [unverständlich] ich denke, wen hat er denn da wieder im Wickel. Dadurch bin ich wieder zurückgegangen in der Tür.

 

Staatsanwalt Großmann:

Kommen Sie bitte mal hierher. Setzen Sie sich doch bitte wieder, Herr Zeuge. So, jetzt haben wir also genau den Moment konstruiert, als Sie aus der Tür rauskamen und Sie sahen Kaduk stehen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was haben Sie in dem Augenblick gesehen bei Kaduk?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wie er die Pistole in der Hand hatte. Und da habe ich gedacht: Oh Gott, wem hat er denn jetzt wieder

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Hatte es in dem Augenblick bereits geschossen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da hatte er die Pistole schon in der Hand.

 

Staatsanwalt Großmann:

Er hatte die Pistole in der Hand.

 

Zeuge Erwin Kühne:

In der Hand, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Schön, das sagt ja noch nicht, daß er auch geschossen hat.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein. Aber er hat dann gleich geschossen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie ihn noch gesehen, das heißt

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Das habe ich

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Moment, Augenblick, Herr Zeuge!

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Waren Sie noch in der Türe drin gegen

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Da war ich

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Moment noch, bitte. Waren Sie noch in der Tür drin

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Als Kaduk, der Ihnen ja schräg gegenüber stand, geschossen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Geschossen hat.

 

Staatsanwalt Großmann:

Abgedrückt hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Abgedrückt, jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

Hat er gezielt geschossen? Ja, Sie wissen ja, ob man so die Pistole

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Das habe ich nun... Ja, so gezielt, so. Weil die Kinder ja so in schräger Lage waren.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ja. Herr Zeuge, wie oft haben Sie gesehen, daß Kaduk seine Pistole abgedrückt hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das waren mehrere Male.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie es mehrere Male gesehen oder bloß gehört?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Gesehen und gehört, nicht wahr. Ich ging ja dann wieder zurück in die Tür.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie sagten ja aber, daß Sie sofort wieder, aus durchaus verständlichen Gründen, in das Haus zurückgegangen wären.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Aber die Türe war ja offen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wollen Sie damit sagen, daß Sie aus dem Hausflur heraus durch die offene Türe dann weiter den Kaduk noch beobachtet haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da hatte ich den noch beobachtet.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und wievielmal hat er insgesamt etwa geschossen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Drei-, viermal.

 

Staatsanwalt Großmann:

Drei-, viermal. Und wie viele Kinder haben Sie dann, als Sie rauskamen, draußen liegen sehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch drei oder vier Kinder lagen dort [unverständlich]

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Haben Sie Kaduk weggehen sehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, der ging wieder zurück.

 

Staatsanwalt Großmann:

Was heißt hier »zurück«?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Zu der Lagerstraße.

 

Staatsanwalt Großmann:

Oben oder unten?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach oben, nach hierzu.

 

Staatsanwalt Kügler:

Zur Küche.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also auf der Tafel nach Richtung Block 10, 11?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, nach Block 24, 25 zu.

 

Staatsanwalt Großmann:

Also unten.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach unten, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Von hier nach unten.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach dem Haupteingang sozusagen zu.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sahen Sie ihn hinlaufen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und was haben Sie dann gemacht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich bin dann mit meinem Zeug – ich weiß nicht mehr, was ich in der Hand hatte – hinten rum, weil es nun allmählich Zeit war. Weil wir immer noch manches organisiert hatten im Lager. Und bin dann zu meinem Block und habe in meinem Block auch noch was mitgenommen. Und sind dann mit unserem Fahrer und dann wieder mit den Sachen zur Praga-Halle gefahren.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und, Herr Zeuge, wissen Sie mit absoluter Sicherheit – in Auschwitz wurde bekanntlich nur SS-Uniform getragen –, daß dieser Schütze Kaduk war, der Rapportführer Kaduk?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ist da auch insoweit jeder Zweifel ausgeschlossen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Bei Kaduk war jeder... Weil er mich selbst mal sehr schwer verletzt hatte.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wieso hat er Sie sehr schwer verletzt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wir sind eines Abends einmarschiert

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Eine Zwischenfrage noch: War das vor diesem Vorfall oder nach diesem Vorfall mit den Kindern?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war vordem.

 

Staatsanwalt Großmann:

Vor dem Vorfall.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Vorher.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wenn Sie bitte dem Gericht kurz sagen würden: Inwiefern hat er Sie schwer verletzt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich bin abends einmarschiert. Und dann stellte er sich in die Mitte rein, und wir mußten dann – wir marschierten zu Fünfen damals, ja. In die Mitte, so stellte er sich rein und faßte mir an die Taschen und untersuchte die Taschen. Hatte ich wohl auch Zigaretten, was drin gehabt. Da hat er mir hier hinten die Rippen kaputtgetreten gehabt, die sind

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Wie hat er das gemacht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mit dem Stiefel.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sie standen neben ihm, und er tritt

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ach, erst kriegte ich mal eine geknallt, dann lag man um, das hatten

 

Staatsanwalt Großmann [unterbricht]:

Also »man« jetzt nicht, sondern es handelt sich jetzt nur um den Herrn Kühne. Er gab Ihnen einen Tritt mit dem Stiefel. Sind Sie daraufhin zu Boden gestürzt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, erst mit der Faust ein Schlag.

 

Staatsanwalt Großmann:

Sind Sie da zu Boden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da bin ich zu Boden. Und da hat er mir noch mit dem Stiefel in die Rippen – die sind hier noch raus. Die waren direkt weggebrochen.

 

Staatsanwalt Großmann:

Und war das Ihre erste Bekanntschaft mit Kaduk?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war meine erste Bekanntschaft mit Kaduk, also persönliche Bekanntschaft.

 

Staatsanwalt Großmann:

Wie lange wird das etwa zurückgelegen haben gegenüber diesem Fall mit den Kindern? Können Sie das etwa sagen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war nicht lange.

 

Staatsanwalt Großmann:

Haben Sie in der Zwischenzeit Kaduk auch noch gesehen gehabt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, morgens.

 

Staatsanwalt Großmann:

Morgens. Regelmäßig?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Beim Ausmarschieren.

 

Staatsanwalt Großmann:

Regelmäßig?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Regelmäßig, ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gut. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wann sind Sie geboren?

 

Zeuge Erwin Kühne:

11.6.07.

 

Vorsitzender Richter:

In?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Burg bei Magdeburg.

 

Vorsitzender Richter:

Burg bei Magdeburg.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Was war Ihre letzte Strafe vor Ihrer Einlieferung nach Auschwitz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wie?

 

Vorsitzender Richter:

Was war Ihre letzte Strafe vor Ihrer Einlieferung nach Auschwitz ins Lager?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nach Auschwitz ins Lager?

 

Vorsitzender Richter:

Wie sind Sie zum letzten Mal bestraft worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war [Pause] 1940, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

1940. Mit wieviel?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich glaube, drei Monate Gefängnis habe ich da

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein. Viel mehr.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Waren es acht Monate?

 

Vorsitzender Richter:

Noch mehr.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das hat doch hiermit gar nichts zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Doch.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Es hat insofern zu sagen, als ich nämlich Sie fragen will, ob Sie keine Sicherungsverwahrung bekommen haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, weiß ich nichts davon.

 

Vorsitzender Richter:

Da wissen Sie nichts davon

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ich war ja

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Zeuge, das ist eine Antwort

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ich war ja als Emigrant in Prag.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie waren als Emigrant in Prag. Und warum sind Sie dann als Bver in Auschwitz geführt worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich hatte keinen grünen Winkel in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind aber Bver gewesen in Auschwitz, nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nummer 2. Wie oft waren Sie im Bunker?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nummer 2? Habe ich nie gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Nummer 2. Wie oft waren Sie im Bunker?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Einmal.

 

Vorsitzender Richter:

So. Haben Sie nicht mal drei Tage bekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein. Nummer 2 habe ich nie gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Es wird festgestellt

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ich habe in Auschwitz die Nummer gehabt 17.133

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

133, ja. Und der »Bver Erwin Kühne mit der Nummer 17.133, geboren am 11.6.1907 in Burg, ist am 27. September 1943 eingeliefert und am 28. September 1943 aus dem Bunker entlassen worden«.2 Während alle anderen, die mit Ihnen am 27. September eingeliefert worden sind, im Bunker erschossen worden sind, nicht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar am 28. sind die anderen erschossen worden, und Sie sind entlassen worden.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Na, hier steht es doch im Bunkerbuch drin.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wenn ich weiß, ich war ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Außerdem sind Sie noch einmal eingesperrt gewesen im Bunker, das kann ich Ihnen auch sagen. Und zwar wiederum »der Bver, 77.133, Erwin Kühne, drei Tage, vom 5.12.43 bis zum 8.12.43«.3

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich war nie mehr im Bunker drin, nein. Ich war ja in der Fahrbereitschaft draußen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also das wollen wir jedenfalls feststellen, nehmen Sie das ins Protokoll auf: Gemäß Bunkerbuch II

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Denn ich war im ganzen, das weiß ich genau, über den Sonntag war ich drin.

 

Vorsitzender Richter:

Blatt 48, ist eingetragen: »Bver, 77.133, Erwin Kühne, am 11.6.07 in Burg bei Magdeburg geboren, eingeliefert am 27.9.43, entlassen am 28.9.43.« Derselbe, Blatt 64: »eingeliefert am 5.12.43, entlassen am 8.12.43«.4

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, das stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Das weiß ich ganz genau.

 

Vorsitzender Richter:

Wie oft sind Sie bestraft gewesen, vordem Sie nach Auschwitz kamen? Ich mache Sie drauf aufmerksam, diese Fragen stelle ich an Sie, muß ich an Sie stellen, und diese Fragen werden nachgeprüft durch Einholung einer Vorstrafenliste beziehungsweise eines Strafregisterauszugs.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie oft sind Sie bestraft gewesen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dreimal. [...] Das war aber Zusammenziehung.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war so Zusammenziehung.

 

Vorsitzender Richter:

Das war eine Zusammenziehung. Und wie hoch war die Zusammenziehung?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das waren drei Monate, vier und drei, ich glaube, ein Jahr.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Drei Monate, vier und drei, ein Jahr? Was

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Und vier, ja, so ungefähr war das.

 

Vorsitzender Richter:

Drei Monate, vier Monate und ein Jahr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ein Jahr war nicht. Im ganzen war es ein Jahr.

 

Vorsitzender Richter:

Die Zusammenziehung war ein Jahr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zuchthaus?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Gefängnis.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Gefängnis.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie zu Sicherungsverwahrung verurteilt worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] unmöglich [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, also das ist natürlich unmöglich. Herr Zeuge, Sie müssen nachher beeidigt werden, obwohl ich Ihnen nicht glaube, das kann ich Ihnen jetzt schon offen sagen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja dann...

 

Vorsitzender Richter:

Sie müssen beeidigt werden, weil uns das Gesetz keine Möglichkeit gibt, in solchen Fällen von der Vereidigung Abstand zu nehmen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich mache Sie drauf aufmerksam, wenn Sie das beschwören, was Sie jetzt gesagt haben, und es ist nicht wahr, müssen Sie sich wegen eines Meineids verantworten.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Überlegen Sie sich das, was Sie zu tun haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich mache eine Pause von einer Viertelstunde.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Was ich gesehen habe, habe ich

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

In dieser Vernehmung haben Sie gesagt: »Auch den Adjutanten Robert Mulka habe ich im Jahre 1944 in Auschwitz kennengelernt. Zu diesem Beschuldigten habe ich nichts auszusagen.«5

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, weil mich der Richter fragte, ob ich gegen den eventuell Mordsachen aussagen könnte.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum haben Sie gesagt, Sie hätten ihn 44 kennengelernt, wenn er Sie bereits im Sommer 43 aus dem Bunker entlassen hat?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, an das Jahr 43/44 konnte ich mich nicht mehr so genau erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Aber von dem Entlassen aus dem Bunker haben Sie damals nichts gesagt. Dann haben Sie sich auch geäußert bei dieser Vernehmung über die Erschießungen. [Pause] Da haben Sie folgendes gesagt, Vorhalt aus Blatt 15.798, Rückseite: »Den Schutzhaftlagerführer Franz Johann Hofmann habe ich im Jahr 44 in Auschwitz kennengelernt.« Stimmt das?

 

Zeuge Erwin Kühne:

43 war das schon, 43/44.

 

Vorsitzender Richter:

»Er war verantwortlich für den Block 11. Der Block 11 war der Strafblock. Ich habe selbst gesehen, daß zwischen Block 10 und Block 11 täglich Erschießungen, insbesondere polnischer Staatsbürger, stattfanden. Es handelte sich meistens um Studenten. Bei diesen Erschießungen war Hofmann fast immer zugegen.«6

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, der war auch mit zugegen.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie uns aber bisher noch kein Wort davon gesagt.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, ich kam vorhin nicht auf den Namen.

 

Vorsitzender Richter:

»Daß Hofmann für diese Erschießungen verantwortlich war, habe ich von dem Kalfaktor dieses Blocks erfahren.«

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

»Ich selbst habe einmal eine Nacht in diesem Block in einer Stehzelle verbringen müssen.«7

 

Zeuge Erwin Kühne:

Einmal, ja.

 

Vorsitzender Richter:

In einer Stehzelle waren Sie drin?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nur die erste Nacht. Das war aber keine schräge, das war nur so eine gerade.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben uns gesagt, Sie sind eingeliefert

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Und dann kam ich auf

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Worden in eine Zelle, da waren noch vier andere drin. Da hat Ihnen der Kalfaktor noch ein paar Decken mitgebracht, daß Sie sich auf den Boden hinlegen konnten. So

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Das war ja nur an dem Abend bei der Einlieferung. Und wir kamen dann gleich rüber in den anderen Block.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Nacht – eine Nacht – haben Sie

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Eine Nacht, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal in diesem Block zugebracht, und zwar in einer Stehzelle. Diese Nacht stimmt genau mit dem Bunkerbuch überein.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, ich habe ja noch ziemlich 14 Tage drin gelegen dann unten.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie von Boger auch was erzählt, aber etwas ganz anderes. Augenblick. Breitwieser. Haben Sie denn auch die anderen Angehörigen der Politischen Abteilung alle gekannt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wie ich schon sagte: Grabner...

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben damals gesagt: »Die Angehörigen der Politischen Abteilung: Friedrich Wilhelm Boger, Hans Stark, Pery Broad, Klaus Hubert Hermann Dylewski und Johann Schoberth sind mir alle bekannt.«8

 

Zeuge Erwin Kühne:

Die sind mir nach dem Namen bekannt gewesen, die anderen. Aber Boger habe ich persönlich gekannt, und Grabner auch.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] »Unter den Häftlingen war allgemein bekannt, daß bei Vernehmungen durch Angehörige der Politischen Abteilung im Regelfall die Häftlinge mit dem Leben nicht davongekommen sind. Mir ist bekannt, daß Boger einen Häftling etwa drei Wochen im Stehbunker untergebracht hat. Als der Stehbunker dann geöffnet wurde, fiel der Häftling tot heraus.«9

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie uns heute nichts davon gesagt. Kein Wort.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Habe ich es vielleicht vergessen gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie noch einmal gesagt von Boger... [Pause] Von diesem Vorfall mit Kaduk steht kein Wort drin, mit den Kindern.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ah ja, das hatte ich auch angegeben.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Doch da steht was. Mit Palitzsch zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Da steht nur drin, daß Sie von diesem Arzt erfahren hätten, daß im Block 10 ausschließlich Frauen im Alter von 16 bis 45 Jahren gewesen seien.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Bataillon waren Sie?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das war Feldpostnummer 15.002.

 

Vorsitzender Richter:

Ich will die Feldpostnummer nicht wissen, sondern die Nummer des Bataillons.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das weiß ich nicht mehr, das 2. Bataillon. Das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben damals gesagt, Sie wären in das Bewährungsbataillon 500 gekommen.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, und von dort aus aber gleich als Fahrer bei der Wehrmacht, weil ich Autofahrer war.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, das Bataillon 500 war auch zur Wehrmacht gehörig.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, die gingen ja nach Minsk, und ich ging nach – oh Gott, wie hieß das da?

 

Vorsitzender Richter:

Wie lang waren Sie denn mit diesem Bataillon im Einsatz?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich ging ja nach Wünsdorf.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Wünsdorf?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Wünsdorf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und waren Sie gar nicht an der Front?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. »Im August 44 bin ich nach Weimar in ein Lazarett gekommen, weil ich mir von einem ehemaligen Mithäftling absichtlich eine Schußverletzung am Fuß habe beibringen lassen.«10

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja. Da waren wir noch in der Slowakei. Da war ich als Fahrer, da mußte ich dort fahren.

 

Vorsitzender Richter:

In der Slowakei waren Sie damals?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, Sie wären in Weimar gewesen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, von Wünsdorf nach der Slowakei. Und in der Slowakei waren solche Scharfschützen, und da habe ich mir einen Heimatschuß beibringen lassen. Das war damals.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum brauchten Sie sich einen Heimatschuß beibringen zu lassen, wenn Sie gar nicht an der Front waren?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, jetzt kam ja langsam der Einsatz. Ich mußte ja jetzt Munition nach vorne fahren. Waren ja dauernd unter Beschuß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie sind Sie denn von der Wehrmacht weggekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da bin ich von der Slowakei aus damals... Also wo ich [unverständlich] in Weimar dort im Lazarett war, bin ich wieder nach Prag. Und da ich Tschechisch konnte, habe ich mich bei Prager Genossen aufgehalten. Dann möchte ich noch bemerken

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was? Moment. Langsam, langsam! Sie sind von Weimar aus dem Lazarett nach Prag gekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In welcher Eigenschaft und wohin dort?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ich hatte sozusagen noch 14 Tage Genesungsurlaub.

 

Vorsitzender Richter:

Genesungsurlaub?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Mein Heimatort war ja Prag, und da wollte ich noch vorhin schon bemerken: Ich war da als Emigrant, da hatte ich unter falschem Namen gelebt gehabt, in Prag, vorher. Dadurch kam dann meine Strafe da, daß ich wegen Urkundenfälschung und so weiter... Nun hatte ich aber angenommen, da bei uns

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment. Eben höre ich was von Urkundenfälschung. Was war denn das?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, weil ich unter falschem Namen gelebt hatte. Ich hatte doch mit dem falschen Namen unterschrieben. Ich hatte ja als Emigrant unter falschem Namen gelebt.

 

Vorsitzender Richter:

Und was waren denn eigentlich Ihre Vorstrafen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Urkundenfälschung.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Betrug, und das war eben damals so zusammen alles, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Urkundenfälschung

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Betrug.

 

Vorsitzender Richter:

Im Jahr?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na, welches Jahr das war – wann die deutschen Truppen einzogen, weiß ich nicht mehr, wie das war.

 

Vorsitzender Richter:

Wo einzogen? In Prag?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Prag, ja. Um die Zeit rum war das. [...] Denn ich habe ja angenommen, daß ich die Strafe nicht anzugeben brauche, weil bei uns dann die Strafen erlassen worden sind, die vor 45

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von welchem Gericht sind Sie denn verurteilt worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Von einem deutschen Gericht.

 

Vorsitzender Richter:

Von einem deutschen oder von einem tschechischen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Nein, deutschen Gericht.

 

Vorsitzender Richter:

Einem deutschen Gericht in Prag?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, war in Prag.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, ich glaube...

 

Zeuge Erwin Kühne:

Na ja, ich war ja damals in Prag, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also von einem deutschen Gericht in Prag sind Sie wegen Urkundenfälschung...

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zu?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das waren vier Monate. Und Betrug, das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und Betrug. Und wo kam der Betrug her?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das kam auch dort mit in Verbindung.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso? Wenn Sie illegal unter einem falschen Namen leben, ist da noch kein Betrug fällig an sich.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, ich weiß auch nicht, wie das damals zustande kam. War jedenfalls noch Betrug mit bei. Jedenfalls hatte ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was haben Sie wegen dem Betrug bekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Auch vier Monate oder drei Monate. Vier Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Vier Monate.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wegen Urkundenfälschung auch vier Monate?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, waren auch vier Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Auch vier Monate. Und weiter?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Dann war noch mal Urkundenfälschung dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Wieviel?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da hatte ich dann Gefängnis im ganzen.

 

Vorsitzender Richter:

Wieviel haben Sie da bekommen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

13 Monate waren das im ganzen, glaube ich.

 

Vorsitzender Richter:

Im ganzen 13 Monate?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das müssen also dann nach meiner Rechnung noch fünf Monate gewesen sein.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und aus diesen 13 Monaten ist ein Jahr Gefängnis gebildet worden?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann haben Sie das verbüßt?

 

Zeuge Erwin Kühne:

40.

 

Vorsitzender Richter:

1940. Und wo?

 

Zeuge Erwin Kühne:

In Zwickau.

 

Vorsitzender Richter:

In Zwickau.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war Ihre einzige Bestrafung?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, das war damals meine Bestrafung.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß wir gerade ein Telefongespräch haben mit Arolsen, um festzustellen aus Ihrer Vorstrafenliste, was sonst noch draufsteht. Um 16 Uhr hat uns die Auskunftsstelle in Arolsen eine Mitteilung zugesichert.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist jetzt noch die Zeit und die Möglichkeit richtigzustellen, sollten Sie uns etwas Falsches gesagt haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, weil bei uns in der DDR sind die Vorstrafen ja alle gelöscht worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber danach habe ich Sie nicht gefragt, sondern ich habe Sie gefragt, wie Sie hier vorbestraft waren.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Und die brauchen wir ja nun nicht mehr angeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber hier müssen Sie sie angeben. Ich habe Sie drauf aufmerksam gemacht, daß Ihr Eid sich auch bezieht auf die Angaben über Ihre Person. Und dazu gehören die Vorstrafen auch, wenn ich sie nötig habe.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ich habe mal angenommen, wenn sie bei uns erloschen sind

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie sollen nichts annehmen, ich habe Sie jetzt belehrt. Sie sollen uns alle Strafen sagen, die Sie gehabt haben.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Daß ich Sie hier nicht anzugeben brauche.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Sie müssen sie hier angeben, das sage ich Ihnen hiermit. Und wenn Sie einen Meineid schwören, dann müssen Sie mit Ihrer Festnahme rechnen. Das sage ich Ihnen auch.

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ja, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Also: Sind Sie noch sonst vorbestraft worden oder nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, da habe ich noch mal

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Herr Direktor, darf ich etwas dazu sagen? Ich selbst habe in der Pause auf den Zeugen pflichtgemäß eingewirkt, Ihnen gerade diese Frage, damit schlossen Sie ja die Sitzung, eingehend zu beantworten. Daß die Klärung dieser Frage im Zusammenhang mit der Befragung des Zeugen erforderlich ist, darüber besteht kein Zweifel. Er braucht ja an sich in der Öffentlichkeit wirklich nicht über endgültig gelöschte Strafen zu sprechen. Unbeschadet der Tatsache, daß ich diesen Zusammenhang durchaus anerkenne. Und im Sinne der Bestimmungen der Prozeßordnung darf ich Sie vielleicht bitten, folgenden Weg zu gehen: den Zeugen aufzufordern, die Strafen, die er gehabt hat, aufzuschreiben und Ihnen zu übergeben.

 

Vorsitzender Richter:

Gut, ich bin damit einverstanden.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich glaube, das ist die Form, der wir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt, mir kommt es drauf an, daß der Mann nicht einen offensichtlichen Meineid schwört, den ich ihm auf der Stelle beweisen kann.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich glaube, daß es mir in genau der gleichen Weise darauf ankommt. Und ich glaube, daß wir auf der anderen Seite die Rücksicht, die wir im allgemeinen in anderen Fällen an den Tage gelegt haben oder die ich in dem anderen Falle gefordert habe, auch hier in dieser Form gelten lassen sollten. Deswegen mache ich den Vorschlag.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bin damit einverstanden. Mir kommt es nur drauf an zu wissen, was los ist.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ob der Mann Bver war oder ob er nicht Bver war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja, nun konnte man ja als Kommunist sehr rasch Bver werden, besonders wenn man in Prag aufgetan wurde. Aber das lasse ich dahingestellt. Ich selbst habe ihn ersucht, hier der Wahrheit bis zum letzten... die Dinge klarzulegen. Und ich würde diese Form für die richtige halten. Vielleicht, ich möchte ihm kein Stück Papier geben, damit das nicht aussieht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt, das ist nicht nötig, denn wir werden die Vernehmung des Zeugen morgen früh fortsetzen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha.

 

Vorsitzender Richter:

Ich muß da noch weitere Ermittlungen einholen. Denn Sie werden ja selbst das Gefühl gehabt haben, daß da bei seinen Aussagen Verschiedenes nicht im Reinen war.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe mich dazu zunächst nicht zu äußern. Ich behalte mir alle weiteren Anträge vor. In diesem Falle würde ich es also für gegeben halten, den von mir vorgeschlagenen Weg einzuschlagen und den Zeugen zu veranlassen, seine Vorstrafen, auch die, die gelöscht sind, soweit ihm das klar ist, aufzuschreiben und Ihnen zu übergeben.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich glaube, daß wir damit allen gerecht werden.

 

Vorsitzender Richter:

Jawohl, einverstanden.

 

Verteidiger Reiners:

Besteht dann auch die Gewähr, daß wir Verteidiger dann diese Kenntnis bekommen? Ich habe das so verstanden, daß die Öffentlichkeit sozusagen ausgeschlossen werden soll.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie können natürlich einsehen, Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Da dieses Blatt dann Bestandteil der Akten wäre.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Können Sie selbstverständlich einsehen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Vorsitzender, ich verzichte auf eine Einsichtnahme, denn die Bekundungen des Zeugen sind sowieso nicht glaubwürdig, ohne daß es noch weitere Ermittlungen allgemein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Es geht nur um die Frage, wie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie werden mir gestatten, daß ich das trotzdem nachprüfe.

Ganz nebenbei will ich Ihnen sagen, daß der Angeklagte Mulka bereits Anfang 1943 aus dem Lager in Auschwitz verschwunden ist, so daß Sie ihn weder im Juli noch im September im Bunker haben kennenlernen können. Das nur nebenbei.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das ist unmöglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch gesehen, daß der Angeklagte Boger Leute noch auf andere Weise ums Leben gebracht hat als das, was Sie uns eben geschildert haben?

 

Zeuge Erwin Kühne:

[Pause] Nein, hier mit dem Bunker, mit dem Stehen dort. Weiter nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Weiter nichts? Sie haben bei Ihrer Vernehmung in Pirna gesagt: »Diese Beschuldigten«, nämlich die Mitglieder der Politischen Abteilung, »waren unter den Häftlingen gefürchtet. Sie waren auch als Schläger und Hänger bekannt. Ich habe selbst mehrfach gesehen, daß Boger Häftlinge eigenhändig aufgehängt hat.«11

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja, die, die ausgerückt waren, wenn sie die abends reingebracht haben, am Galgen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe Sie gefragt, ob Sie gesehen hätten, daß Boger die Leute auch auf andere Weise zu Tode gebracht hat als durch Erschießen. Haben Sie gesagt: »Nein.« Jetzt halte ich Ihnen vor, daß Sie in Pirna gesagt haben

 

Zeuge Erwin Kühne [unterbricht]:

Ja, Aufhängen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mit eigenen Augen gesehen, daß er Häftlinge aufgehängt hat. Das ist doch auch zu Tode gebracht, nicht?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt denn das?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Das stimmt. Die kamen auf den Tisch, und es wurde die Schlinge um den Hals gelegt. Und er stand dabei, und mit dem Fuß hat er den Tisch weggestoßen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie selbst gesehen?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Da mußten wir ja alle mit zugucken.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum haben Sie mir das vorhin nicht gesagt, als ich Sie gefragt habe?

 

Zeuge Erwin Kühne:

Habe ich den Moment nicht dran gedacht.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht dran gedacht.

 

Zeuge Erwin Kühne:

Weil das ist ja nun schon über 20 Jahre her.12

 

– Schnitt –

 

 

1. In seiner kommissarischen Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna sagte der Zeuge Kühne aus, er sei zum Bewährungsbataillon 500 gekommen.

2. Vgl. Bunkerbuch II, Bl. 48.

3. Vgl. Bunkerbuch II, Bl. 64.

4. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 17.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 705.

5. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.798.

6. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.798R.

7. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.798R.

8. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.799.

9. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.798R.

10. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.797R.

11. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 22.03.1963 in Pirna, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.799.

12. Der Zeuge Kühne wurde am 18.09.1964, 91. Verhandlungstag, aufgerufen und überreichte dem Gericht ein Schreiben, datiert auf den 17.09.1964. In dem Schreiben gestand der Zeuge ein, insgesamt acht Vorstrafen gehabt zu haben. Siehe Anlage 1 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102. Sämtliche Prozeßbeteiligten verzichteten auf die weitere Vernehmung des Zeugen. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 709.

 

 
 
 
Seitenanfang
Haftungsausschluss | Impressum
 
© 2011 Fritz Bauer Institut • Frankfurt am Main • Stiftung des bürgerlichen Rechts
Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
Copyright © 2011 Fritz Bauer Institut • Grüneburgplatz 1 • 60323 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 79 83 22 40 • Telefax: 0 69 79 83 22 41 • Email: info(at)fritz-bauer-institut.de
X
Titel
Testinfo
Testinfo
Bitte aktuelle Flash Version installieren
X