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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

121. Verhandlungstag, 11.12.1964

 

Vernehmung des Zeugen Hans Kremser

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir] Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Hans Kremser:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kremser, Sie kennen aber den Angeklagten Dylewski.

 

Zeuge Hans Kremser:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Woher kennen Sie ihn?

 

Zeuge Hans Kremser:

Ich kenne ihn von meiner frühesten Jugend her. Da hatten wir zusammen eine Schule besucht, die Anfangsschule, vom ersten bis zum vierten Lebensjahr. Dann haben sich unsere Wege vollkommen getrennt, und ich habe eigentlich niemals mehr etwas gesehen und gehört von ihm, nur durch die Verwandtschaft oder durch die Eltern und Geschwister. Meine Schwester war mit der Schwester des Angeklagten sehr gut befreundet, und man hat dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, und haben Sie während des Kriegs noch irgendwelche Verbindungen mit ihm gehabt oder durch Ihre Angehörigen etwas von ihm gehört?

 

Zeuge Hans Kremser:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn gehört von ihm?

 

Zeuge Hans Kremser:

Also es war nur das eine Mal, als ich im Urlaub 44 nach Hause kam von Kreta.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Hans Kremser:

Im Februar 44.

 

Vorsitzender Richter:

Februar 44. Und was haben Sie da

 

Zeuge Hans Kremser [unterbricht]:

Da fragte mich meine Mutter, ob ich weiß, was sich in Auschwitz abspielt. Mir war der Begriff Auschwitz eigentlich fremd, weil ich 37 aus dem schlesischen Gebiet ausgewandert bin nach Deutschland. Und nach der Besatzung durch die Wehrmacht ist der Ort Auschwitz erst entstanden. Er hieß früher Oświęcim. Und so war mir der Begriff eigentlich ziemlich fremd. Und meine Mutter erklärte mir eben auch, daß da ein Konzentrationslager ist, und ich wußte nichts, was sich da abgespielt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren Sie damals zu Hause?

 

Zeuge Hans Kremser:

In Nikolai.

 

Vorsitzender Richter:

In Nikolai. Das ist ja in unmittelbarer Nähe von Auschwitz.

 

Zeuge Hans Kremser:

Es sind ungefähr 30, 40 Kilometer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hans Kremser:

Und nachdem ich das verneint habe, fragte mich meine Mutter, ob ich das mit billigen kann, was sich da abspielt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat sie Ihnen denn erzählt, was sich da abspielt?

 

Zeuge Hans Kremser:

Ja. Sie sagte: »Man bringt da Menschen an in Waggonladungen und trennt Kinder von Müttern und Frauen von Männern. Und die müssen irgendwie umgebracht werden. Denn es kommen immer mehr Züge, und das Lager wird nie voll.« Ich sagte meiner Mutter darauf: »Ich bin von der Kompanie angewiesen worden, mich anständig zu verhalten. Wenn etwas passiert, werde ich sofort zurückgeschickt. Was soll ich dazu sagen? Soll ich mich auf den Marktplatz stellen und jetzt dagegen mich aufbäumen? Ich weiß ja nicht, was sich da abspielt. Also ich persönlich könnte das nicht mitmachen, wenn das stimmt, was da«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Erzählt wird.

 

Zeuge Hans Kremser:

»Was sich da abspielte. Und ich hatte es gestern schon von einem Bekannten gehört. Also es muß da was los sein.« Und im weiteren Verlauf der Unterhaltung sagte meine Mutter, sie hätte die Mutter des Angeklagten getroffen auf dem Markt, und die wäre leichenblaß und hätte so bitterlich geweint und macht sich so furchtbare Sorgen. »Der Klaus«, der Angeklagte, »ist eben auch als Bewacher in dem Lager Auschwitz. Und er leidet so und hat Nervenzusammenbrüche, und er will fliehen.« Nun hat die Mutter befürchtet, wenn der flieht, entweder wird er erschossen oder er wird gefangengenommen. Dann kann unter Umständen die Familie noch in Sippenhaft genommen werden. Also wie die Sache auch ausgeht, es kann nur etwas Schlimmes entstehen. Und das war an und für sich alles, was ich darüber gehört habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch gehört, daß er den Versuch gemacht hätte, wegzukommen auf andere Weise, durch Abkommandierung oder durch Versetzung?

 

Zeuge Hans Kremser:

Also so etwas Ähnliches hat die Mutter des Angeklagten auch gesagt. »Er will weg, und er kann nicht weg, und deswegen will er fliehen.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Hans Kremser:

Das war an und für sich alles, was darüber gesprochen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage von seiten des Gerichts? Herr Staatsanwalt? Herr Rechtsanwalt Ormond?

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Strodt? Herr Rechtsanwalt Steinacker?

 

Verteidiger Steinacker:

Eine Frage. Herr Zeuge, Sie haben gesagt, das war im Februar 44.

 

Zeuge Hans Kremser:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Wie erinnern Sie sich an dieses Datum?

 

Zeuge Hans Kremser:

Ich kam von Kreta. Es kann auch März gewesen sein, oder es kann auch Januar gewesen sein.

 

Verteidiger Steinacker:

Aber es war 44?

 

Zeuge Hans Kremser:

Ja. Erst mal habe ich im Februar Geburtstag, und dann kam ich von Kreta in Urlaub und hatte sehr gefroren. Ich hatte eine schwere Erkältung.

 

Verteidiger Steinacker:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie etwas von dem weiteren Schicksal des Angeklagten Dylewski?

 

Zeuge Hans Kremser:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Ob und wann er dort weggekommen ist?

 

Zeuge Hans Kremser:

Ich habe niemals mehr etwas gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Nie mehr etwas gehört. Von seiten der Verteidigung keine Fragen mehr. Der Angeklagte Dylewski? Keine Erklärung, keine Frage. Auch von den übrigen Angeklagten nicht. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Hans Kremser:

Mit reinem Gewissen.

 

-Schnitt-

 

 
 
 
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